BuchWelt: Die Körperfresser kommen

Jack Finney


Fast jeder wird zumindest dem Namen nach schon einmal von „Die Körperfresser kommen“ (im Original „The Body Snatchers“) gehört haben. Immerhin wurde der Stoff aus dem Jahre 1955 mehrfach verfilmt – erstmals übrigens bereits 1956, es folgten drei weitere Versuche (1978, 1993 und 2007). Mir selbst war bisher allerdings nicht bewusst, dass es sich dabei um Buchverfilmungen handelt, bis ich den Roman unlängst in einem offenen Bücherschrank hier in Wien entdeckt habe.

Gesamteindruck: 2/7


(K)eine unheimliche Invasion.

Ich möchte Autor Jack Finney nicht Unrecht tun, zumal ich keines seiner anderen Bücher kenne. Dennoch muss ich es leider sehr deutlich sagen: Im Falle von „Die Körperfresser kommen“ haben wir es meiner Ansicht nach jedoch mit einem jener Werke zu tun, die auf einer guten Idee basieren, in der Umsetzung jedoch an der schriftstellerischen Klasse scheitern. Ich denke, dass der Stoff an und für sich sogar für eine umfangreiche Handlung gereicht hätte; so, wie dieser Roman geschrieben ist, hätte es allerdings eine Kurzgeschichte locker getan. Und das, obwohl die deutsche Ausgabe ohnehin nur knapp 190 Seiten hat.

Inhalt in Kurzfassung
Als praktischer Arzt in einer amerikanischen Kleinstadt behandelt Dr. Miles Bennell alle möglichen Wehwehchen seiner Mitbürger. Als sich aber plötzlich Fälle von Menschen häufen, die behaupten, Angehörige und enge Freunde wären nicht mehr sie selbst sondern jemand anders, weiß der Landarzt nicht mehr weiter. Auch ein hinzugezogener Psychiater steht vor einem Rätsel – handelt es sich um einen Fall von Massenpsychose? Oder ist etwas Wahres dran und die braven Bürger wurden tatsächlich durch täuschend echt wirkende Duplikate ersetzt?

In der ersten Hälfte von „Die Körperfresser kommen“ macht der 1995 verstorbene US-Autor noch vieles richtig. Er führt die Figuren halbwegs brauchbar ein, wobei er nur der Hauptperson ein paar tiefergehende Wesenszüge verpasst – der Rest des ohnehin sehr überschaubaren Ensembles muss mit bestenfalls angedeuteten Charaktereigenschaften Vorlieb nehmen. Das ist zwar schade, stört aber gar nicht so sehr, auch, weil es ein bisschen an die Werke von E. A. Poe und H. P. Lovecraft erinnert, freilich ohne deren Qualität ansatzweise zu erreichen. Die Großmeister des amerikanischen Horrors standen vermutliche auch beim Versuch Pate, eine unheimliche und schwer greifbare Bedrohung aufzubauen. Und ja, auch hier schafft es Jack Finney einigermaßen, wenngleich nicht ansatzweise so gut wie seine vermeintlichen Vorbilder, eine beunruhigende Atmosphäre zu kreieren.

Für Poe und Lovecraft wäre es allerdings typisch gewesen, die Geschichte nach deutlich unter 100 Seiten enden zu lassen (wenn man ihre an einer Hand abzählbaren, längeren Werke außen vor lässt), gerne auch relativ offen und vor allem ohne Happy End. Das wäre auch für „Die Körperfresser kommen“ von Vorteil gewesen – und war vielleicht ursprünglich sogar so gedacht, denn eigentlich erschien die Geschichte zunächst in drei Teilen in einem Wochenmagazin. Ob sie dann eventuell aufgrund unerwarteten Erfolges „aufgeblasen“ wurde, entzieht sich meiner Kenntnis. Fakt ist aber, dass die zweite Hälfte des Werks, die sich mit dem Kampf des Helden gegen die unheimliche Bedrohung beschäftigt, wenig beeindruckend ausgefallen ist.

Schwerfällig und langatmig.

Im Wesentlichen kann ich meine Schwierigkeiten an zwei Punkten festmachen: Einerseits schafft es der Autor nicht, von der Tonalität der ersten Hälfte loszukommen. Der eher bedächtige Aufbau einer Geschichte ist ja durchaus etwas Positives, allerdings braucht es schon ganz viel Talent, um auf diese Weise die Spannung über den Höhepunkt bis zum Schluss aufrecht zu erhalten. Das scheint Jack Finney zu fehlen, dadurch wird das Buch spätestens ab der Hälfte sehr schwerfällig und mühsam zu lesen, was sich überhaupt nicht mit dem von Kampf und Flucht geprägten Inhalt dieses Abschnitts verträgt.

Andererseits gelingt dem Autor der Spagat zwischen nebulösen Andeutungen und handfesten Erklärungen nicht. Die Mischung, die er hier kredenzt, würde ich als inkonsequent und letztlich als gescheitert bezeichnen: Jack Finney versucht zwar, vieles zu erklären – das gelingt aber nicht, weil er dazu mehr ins Detail gehen müsste. Weil er das nicht tut (oder nicht tun kann, weil er zu wenig Seiten zur Verfügung oder vielleicht doch zu wenig Fantasie hatte), gibt es viele Ungereimtheiten und letztlich schlicht und einfach Frust beim Leser.

Zu diesen zwei Punkten kommt eine Sache, die fast eine Kombination aus den genannten Kritikpunkten ist: Die zweite Hälfte des Buches leidet auch daran, dass die vorher leidlich gut aufgebaute Atmosphäre kippt. Die „Körperfresser“ werden vom Autor selbst entzaubert und verlieren zusehends ihren Schrecken. Nicht, weil ihr Prinzip nicht grundsätzlich unheimlich wäre, sondern weil alles, was sie mit ihren Opfern tun, vor allem eines ist: Langweilig.

Fazit: Dieses Buch kann jeder, der einen der Filme kennt, mal anlesen. Ich selbst erinnere mich gar nicht, ob ich einen davon gesehen habe. Das sollte ich eventuell nachholen, würde mich nicht wundern, wenn zumindest einer davon deutlich besser wäre als seine Vorlage. Alle, die sich vom Roman echten Nervenkitzel erwarten, werden am Ende jedenfalls enttäuscht sein. Gnädige 2 Punkte, weil mir die erste Hälfte tatsächlich gefallen hat – und weil das Buch zum Glück relativ dünn ist.

Gesamteindruck: 2/7


Autor: Jack Finney
Originaltitel: The Body Snatchers.
Erstveröffentlichung: 1955
Umfang: ca. 190 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Hardcover

BuchWelt: Der Werwolf von Tarker Mills

Stephen King


Stephen King war mir bis vor kurzem lediglich als Autor klassischer Romane ein Begriff. Dass er stilistisch ab und an auch mal ungewöhnlich unterwegs ist, habe ich erstmals festgestellt, als ich unlängst die Internet-Fortsetzungsgeschichte „The Plant“ gelesen habe. Bald darauf fiel mir in einem „offenen Bücherschrank“ zufällig ein weiterer stilistischer Ausreißer des Meisters in die Hände. Wer, wie ich, noch nie etwas von „Der Werwolf von Tarker Mills“ gehört hat und einen typischen King erwartet, wird sich wundern, wenn er das Buch erstmals aufschlägt.

Gesamteindruck: 4/7


Bei Vollmond kommt der Wolf.

„Das Jahr des Werwolfs“ (dem Titel-Wirrwarr widme ich weiter unten einen Absatz) ist der Versuch, eine altmodische Kalendergeschichte zu erzählen. Heißt in diesem Fall: Die Handlung spielt innerhalb eines Jahres und teilt sich in zwölf Kapitel (= Monate) auf. Die ursprüngliche Idee war wohl – so ist es im Vorwort zu lesen – das Werk tatsächlich in Kalenderform herauszubringen. Dieses Vorhaben scheiterte, weil es Stephen King nicht schaffte, unter dem selbst auferlegten Limit von rund 500 Wörtern pro Kapitel zu bleiben. Für seine Verhältnisse sind die einzelnen Abschnitte dennoch extrem knapp gehalten, was „Das Jahr des Werwolfs“ zur bis heute kürzesten Veröffentlichung des Grusel-Autors macht.

Inhalt in Kurzfassung
In Tarker’s Mills [sic!] geht die Angst um: Eine grausige Mordserie lässt die Einwohner der US-Kleinstadt nachts Türen und Fenster verbarrikadieren. Doch alle Vorsichtsmaßnahmen helfen nichts – immer, wenn der Vollmond aufgeht, passiert etwas Schreckliches. Nur der junge, an den Rollstuhl gefesselte Marty kann sich einen Reim auf die verstörenden Ereignisse machen. Auf ihn hören will freilich niemand

Wer – wie bei Stephen King üblich – ausgefeilte Charaktere, bis ins letzte Detail beschriebene Orte und vielschichtige Handlungsstränge braucht, wird mit diesem Werk definitiv nicht glücklich werden. Das ist natürlich ein Zugeständnis an den arg eingeschränkten Platz, der der ursprünglichen Idee zugrunde liegt. Interessant ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass der Bestseller-Autor es auch mit eher rudimentären Mitteln schafft, dem Leser sowas wie Tiefe vorzugaukeln. Dafür scheint es ihm beispielsweise zu reichen, Charaktereigenschaften lediglich anklingen zu lassen. Ich kann nicht erklären, wie King das genau macht – letztlich war ich nach der Lektüre im ersten Moment aber tatsächlich davon überzeugt, dass „Der Werwolf von Tarker Mills“ der Komplexität großer King-Werke gar nicht so viel nachsteht.

Starke Bild-Text-Komposition.

Bei genauerer Betrachtung ist es freilich etwas anders: Die von mir gelesene Ausgabe umfasst insgesamt gut 380 Seiten, davon erzählen allerdings nur 180 die Geschichte „Das Jahr des Werwolfs“. Und selbst die sind nicht ausschließlich mit Text gefüllt: Jedes Kapitel beginnt mit einer illustrierten Doppelseite und enthält ein weiteres Bild. Die Zeichnungen stammen vom 2017 verstorbenen Berni Wrightson (Comic-Fans vielleicht durch die DC-Serie „Swamp Thing“ bekannt). Ein Buch für Erwachsene, ausgestaltet mit Illustrationen? Ja, das wirkt im ersten Moment tatsächlich etwas befremdlich. Andererseits liegt vielleicht genau darin eine Erklärung für das oben beschriebene Gefühl, dass die Story mehr Tiefe besitzt, als sie eigentlich sollte. Denn Illustrationen und Text spielen nahezu perfekt zusammen und erzeugen eine ganz eigene Atmosphäre.

Handlungstechnisch ist „Das Jahr des Werwolfs“ denkbar einfach und fügt dem klassischen Werwolf-Mythos keinen neuen Aspekt hinzu. Das ist in der geforderten Kürze natürlich nicht zu erwarten und geht schon in Ordnung. Erwähnenswert finde ich hierzu im Übrigen, dass ich während des Lesens häufig das Gefühl hatte, Stephen King würde sich ganz extrem am Riemen reißen müssen, um nicht in seine übliche, detaillierte (manche sagen auch: ausufernde) Erzählweise abzudriften. Ich denke, ich hätte dieses Geschichte gerne auch als vollwertigen Roman gelesen – die Ideen dazu scheint der Autor offensichtlich gehabt zu haben, er durfte sie nur nicht ausformulieren. So zumindest mein Eindruck.

Wie heißt´s nu´?

Bevor ich zum Schluss komme, noch ein Wort zu den etwas verwirrenden Titeln, die in dieser Rezension vorkommen: Ursprünglich erschien „The Cycle of the Werewolf“ 1983. Auf den deutschsprachigen Markt kam die Novelle 1985 unter dem durchaus passenden Titel „Das Jahr des Werwolfs“. Die von mir gelesene Ausgabe beinhaltet zusätzlich das von Stephen King selbst verfasste Drehbuch zum Film „Silver Bullet“ (ebenfalls 1985). Der heißt in der deutschen Fassung „Der Werwolf von Tarker Mills“ – und damit schließt sich der Kreis. Hoffe ich. So ist auch zu erklären, dass rund 100 Seiten dieser Ausgabe aus dem Drehbuch zum gleichnamigen Film bestehen. Ein nettes Gimmick für alle, die sich für so etwas interessieren – für mich allerdings nicht. Ich habe ein oder zwei Seiten davon gelesen, mehr wollte ich mir dann nicht antun. Man merkt recht schnell, dass so ein Drehbuch nicht für die normale Lektüre geeignet ist – das mag anders sein, wenn man den Film kennt. Ich hätte es jedenfalls nicht gebraucht, aber man muss es ja zum Glück nicht lesen.

Fazit: Ich glaube, 4 von 7 Punkten sind hier angemessen. Ob man mehr, weniger oder gleich viel dafür gibt, wird in diesem speziellen Fall nicht so sehr davon abhängen, ob man mit Stephen King grundsätzlich etwas anfangen kann. Die Frage ist viel mehr, ob man mit einem solchen King was warm wird. Wer die typische Komplexität sucht, wird nicht fündig und sicher mindestens einen Punkt abziehen, wenn nicht sogar zur schwächsten Wertung greifen. Wer hingegen ein kurzweiliges (und kurzes) Büchlein, aufgewertet mit sehenswerten Illustrationen, zu schätzen weiß, kann vielleicht sogar über 5 Punkte nachdenken. Für mehr wird es wohl bei kaum jemandem reichen – auch weil das ursprüngliche Ziel der Kalendergeschichte letztlich nicht erreicht wurde und sich der Gruselspezialist damit ein bisschen zwischen die Stühle gesetzt hat.

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Stephen King
Originaltitel: Silver Bullet.
Erstveröffentlichung: 1985
Umfang: ca. 380 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

BuchWelt: The Monkey’s Paw

W. W. Jacobs


Dass mir die klassische Horror-Kurzgeschichte „The Monkey’s Paw“, zu deutsch „Die Affenpfote“, überhaupt ein Begriff war, ist der seit gefühlten Ewigkeiten laufenden Zeichentrick-Serie „Die Simpsons“ zu verdanken. Dort wurde das Motiv in einem der ersten, mittlerweile berühmt-berüchtigten Halloween-Specials aufgegriffen (freilich sehr frei interpretiert). In der Folge hatte ich jahrelang (genau genommen waren es gar Jahrzehnte!) immer im Hinterkopf, dass ich die zugehörige Geschichte einmal lesen wollte. Nun, im Jahr 2020, ist es mir endlich gelungen, das Büchlein aufzutreiben. War gar nicht so einfach, an dieser Stelle ein Danke an Medimops, dort ist wirklich vieles zu bekommen, das es sonst nirgends (mehr) gibt.

Gesamteindruck: 6/7


Pass‘ auf, was du dir wünscht!

„The Monkey’s Paw“ ist eine Kurzgeschichte von William Wymark Jacobs und wurde erstmals 1902 veröffentlicht (Achtung: Verwechlsungsgefahr!). Der Autor versteht es, auf knapp 30 Seiten eine ausgesprochen dunkle und unheimliche Atmosphäre zu schaffen. Man meint, einen vergessenen Text des alt-ehrwürdigen Meisters Edgar Allan Poe zu lesen – wer das jemals getan hat, weiß, worauf ich hinaus will: Jacobs geht nicht direkt auf Details ein, es gibt kein schnelles Erschrecken und kein Blut. Ihm reicht es, geschickt mit bloßen Andeutungen zu spielen, sodass sich im Kopf des Lesers ganz von selbst eine Geschichte entspinnt, die letztlich sogar noch düsterer als das ist, was der Autor auf das Papier gebannt hat.

Inhalt in Kurzfassung
Eine Familie – Vater, Mutter und erwachsener Sohn – leben in ärmlichen Verhältnissen. Man ist zwar nicht direkt unglücklich, aber dass es an Geld fehlt, ist immer wieder ein großes Thema. Zumindest bis eines Abends ein alter Freund des Vaters auftaucht, der einen merkwürdigen Talisman aus dem fernen Indien mitgebracht hat: Eine Affenpfote, die angeblich drei Wünsche erfüllen kann. Damit wären die Geldsorgen natürlich gelöst – wenn die Sache nicht einen schlimmen Haken hätte

Die Inhaltsangabe zeigt im ersten Moment nicht viel Neues: Ein Gegenstand oder eine Person, die Wünsche zu einem hohen Preis erfüllt, ist ein Motiv, das immer wieder in Erzählungen und Legenden zu finden ist. Und auch die Beobachtung, dass die Habgier Menschen dazu bringen kann, alle Warnungen (die in diesem Fall der Besitzer der Affenpfote sehr deutlich ausspricht) in den Wind zu schlagen, ist immer wieder eine gern genommene Prämisse – kein Wunder, liegt doch genau das in der menschlichen Natur.

Dennoch empfinde ich „Die Affenpfote“, trotz ihres Alters, als eine erfrischend andere Herangehensweise. Denn der Autor erhebt nicht direkt den moralischen Zeigefinger, sondern bringt den Leser durch gewisse Andeutungen und ganz generell die unheilvolle Atmosphäre dazu, keinen Wunsch mehr nach einem solchen Talisman zu verspüren. Denn wer sieht, wie diese Geschichte endet, wird sich dreimal überlegen, ob er überhaupt die Gute Fee treffen möchte. Das Ende ist, nebenbei bemerkt, offen, was den Leser mit einem unbehaglichen Gefühl und dunklen Vorahnungen zurück lässt und vom eigenen Verstand ebenfalls als Warnung interpretiert wird – zumindest ging es mir so.

Fazit: „Die Affenpfote“ ist ein ausgezeichnetes Werk der unheimlichen Literatur. Ich bin froh, dass es mir endlich gelungen ist, dieses kurze Buch zu lesen und kann es jedem nur empfehlen. Wer vor hat, dieser Empfehlung zu folgen, sollte sich – wie ich – nach Möglichkeit das englische Original zu Gemüte führen. Ich weiß es zwar nicht aus erster Hand, kann mir aber kaum vorstellen, dass eine Übersetzung dem so richtig gerecht wird.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: William Wymark Jacobs
Originaltitel: The Monkey’s Paw.
Erstveröffentlichung: 1902
Umfang: ca. 40 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: Taschenbuch

BuchWelt: Die Affenpfote

Rainer Winkel


„Die Affenpfote“ von Rainer Winkel ist ein Buch für junge Leser aus dem Jahr 1987. Für mich sozusagen ein Fehlkauf – wollte ich doch eigentlich die international wesentlich bekanntere, klassische Horror-Kurzgeschichte „Die Affenpfote“ von William Wymark Jacobs, die erstmals 1902 veröffentlicht wurde. Im ersten Moment war die Enttäuschung freilich groß, dann habe ich dieses kurze Erzählung aber doch gelesen. Und auch wenn wir es dabei keineswegs mit einem literarischen Meisterwerk zu tun haben, habe ich sie gar nicht so schlecht gefunden, wie zunächst befürchtet. 

Gesamteindruck: 3/7


Nette Gruselgeschichte.

Der Blick auf untenstehende Inhaltsangabe zeigt es schon: Diese „Affenpfote“ hat bis auf den Namen nichts mit ihrem Namensvetter aus dem Jahre 1902 gemein. Eventuell noch, dass beide Erzählungen in England spielen – was bei einem deutschen Autor in den 1980er Jahren irgendwie merkwürdig erscheint. Apropos Autor: Rainer Winkel, Jahrgang 1943, ist Schulpädagoge und Professor an der Universität der Künste in Berlin. Als solcher hat er natürlich jede Menge wissenschaftliche Veröffentlichungen vorzuweisen, „Die Affenpfote“ war allerdings, soweit ich das seiner Website entnehmen konnte, sein erstes literarisches Werk. Das, und dass das Buch sich eindeutig an ein jüngeres Publikum richtet, sollte man bei der Bewertung bedenken.

Inhalt in Kurzfassung
Irgendwo in England findet ein Junge eine Affenpfote in einer Mülltonne. Er nimmt sie mit und versteckt sie auf dem Schrank in seinem Zimmer – nicht ahnend, dass die Pfote in der anstehenden Vollmondnacht ein Eigenleben entwickeln wird. Doch das ist erst der Beginn eines unheimlichen Abenteuers…

„Die Affenpfote“ ist großteils flüssig geschrieben und locker in ein oder zwei Stunden gelesen. Inhaltlichen Tiefgang sollte man sich freilich nicht erwarten, mir kam das Ganze alles in allem eher wie eine literarische Übung als eine durchdachte Geschichte vor. Es gibt das eine oder andere Highlight, einige unheimlich-düstere Passagen, insgesamt ist aber kaum ein Ansatz richtig ausgearbeitet. Manchmal schien mir während der Lektüre außerdem, dass der Autor sich nicht recht entscheiden konnte, ob er ein Buch für Erwachsene oder für Kinder schreiben wollte. Ein Beispiel: Der junge Protagonist trägt, genau wie seine Eltern, keinen Namen. Das passt hervorragend zum doch recht dunklen Grundton der „Affenpfote“, ist aber gleichzeitig ein Effekt, der sich für mein Gefühl eher für Erwachsenenliteratur eignet. Umgekehrt könnte es natürlich auch sein, dass sich Kinder gerade dadurch angesprochen fühlen – der Held trägt keinen definierten Namen, sie können also problemlos ihren eigenen Namen einsetzen, was zur Identifikation beitragen dürfte. Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, kann aber sagen, dass mir auch diese durchaus unkonventionelle Herangehensweise gut gefallen hat.

Davon abgesehen wäre das unheimliche Setting zu erwähnen: Englische Moorlandschaften eignen sich ja seit jeher für Spukgeschichten. An dieser Stelle sei aber auch gesagt, dass der Autor mit seinen Beschreibungen ausgesprochen rudimentär bleibt. So richtig würde sich das Kopfkino wohl nicht in Bewegung setzen, wären da nicht die zahlreichen Illustrationen von Claudia Hardey versehen. Deren Bilder muten teils fast verstörend an, ich könnte mir vorstellen, dass man ein Kinderbuch heute nicht mehr so illustrieren würde. Mir persönlich gefällt es jedoch gut, verleiht es der Geschichte doch einen düsteren Touch. Und: Die Fantasie regen die Holzschnitt-artigen Bilder definitiv an. Bei genauerer Betrachtung ergibt sich überhaupt erst durch die Kombination aus Text und Bild eine einigermaßen faszinierende Geschichte; für sich genommen sind die Beschreibungen von Landschaften, Szenen und Figuren durch Rainer Winkel zu ungenau und vage, um überzeugen zu können.

Alles in allem ist „Die Affenpfote“ für Leser mit gehörig eigener Vorstellungskraft durchaus einen Versuch wert. Zumindest die Atmosphäre stimmt – für die Handlung gibt es von mir allerdings Abzüge, denn so richtig wird nicht klar, was das Ganze eigentlich soll. Ich denke, dass „Die Affenpfote“ sich für eine mündliche Erzählung, für eine kleine Gruselgeschichte am Lagerfeuer, eignet, in ihrer schriftlichen Form wirkt sie auf mich allerdings eher wie ein Manuskript. Oder wie eine Sammlung guter Ideen, die noch ausgearbeitet gehört hätten. Eine passable Wertung von drei Punkten halte ich damit für angemessen.

Gesamteindruck: 3/7


Autor: Rainer Winkel
Originaltitel: Die Affenpfote.
Erstveröffentlichung: 1987
Umfang: ca. 120 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Hardcover