FilmWelt: Being John Malkovich

Es ist kaum zu glauben: Obwohl anno 1999 in meiner Umgebung sehr häufig und nur im positiven Sinne über „Being John Malkovich“ gesprochen wurde, habe ich es erst über 20 Jahre später geschafft, mir diesen mittlerweile zum Kult avancierten Film erstmals anzusehen. Und ich bin mir sicher: Meinem damaligen Ich hätte diese Groteske ganz ausgezeichnet gefallen. Aber auch aus heutiger Sicht hat eine der verrücktesten Ideen, die jemals im Mainstream-Kino gezeigt wurden, nichts von ihrem Charme eingebüßt.

Gesamteindruck: 6/7


„Treffen wir uns in Malkovich.“

Ich muss zugeben, dass es mir schwerfällt, eine Rezension zu „Being John Malkovich“ zu schreiben. Allein schon die Zuordnung zu einem Genre ist nicht eindeutig zu treffen: Über weite Strecken ist der Film ausgesprochen witzig (und das nicht immer nur auf intelligente Art), eine Komödie im eigentlichen Sinne ist er aber nicht. Hinzu kommen eine Reihe tragischer, philosophischer, aber auch romantischer Momente, garniert mit Satire und ein wenig Mystery. Im ersten Moment klingt das nach einem ziemlich wilden Mix; ist es auch, interessanterweise greifen die Elemente jedoch ausgezeichnet ineinander, sodass letztlich alles wie aus einem Guss wirkt.

Worum geht’s?
Der abgehalfterte Puppenspieler Craig Schwartz hat keine Wahl: Er braucht einen richtigen Job und beginnt als Aktensortierer im 7 ½ (!) Stock eines Bürogebäudes in New York. Dort bemerkt er eines Tages eine kleine, versteckte Tür, hinter der sich ein dunkler Gang verbirgt, der wiederum direkt in den Kopf von John Malkovich führt. 15 Minuten lang kann man auf diese Weise den Schauspieler durch dessen eigene Augen beobachten. Eine sensationelle Entdeckung, an deren kommerzielle Ausbeutung sich Schwartz und seine Flamme Maxine bald machen

Ich hätte gerne die Gesichter gesehen, als Drehbuchautor Charlie Kaufman mit dieser Story bei Produzenten und Regisseuren vorsprach. Vor allem aber die Reaktion eines gewissen John Malkovich auf das Drehbuch muss sehenswert gewesen sein, war der US-Schauspieler bis dahin doch vorwiegend für ernste Rollen bekannt. Dass er tatsächlich angenommen hat und sich selbst spielt, ist schon bemerkenswert; andererseits war und ist Malkovich einer der wandlungsfähigsten Darsteller überhaupt, von daher könnte ich mir vorstellen, dass er dieses Experiment als hochinteressante Herausforderung gesehen haben mag. Wie dem auch sei – der Meister hat zugesagt, was den Film, der trotz seines Namens vielleicht auch ohne ihn genauso gedreht worden wäre, ordentlich Schub nach vorne gebracht hat.

Was ist Identität – und andere Fragen.

Inhaltlich lässt „Being John Malkovich“ meiner Meinung nach diverse Lesarten zu. Speziell die Bedeutung von Identität ist ein Thema, das in der auf den ersten Blick so skurrilen Geschichte auf sehr komplexe Weise behandelt wird. Ich persönlich verstehe den Film übrigens vor allem als eine Version von „Kleider machen Leute“: Der talentierte, aber völlig unbekannte Puppenspieler kommt erst zu Erfolgen im Job und in der Liebe, als er durch schieren Zufall den Körper (und Namen) eines berühmten Schauspielers übernehmen kann. Bei näherer Betrachtung eine ausgesprochen traurige Geschichte, die zeigt, dass oft nur zählt, wie man heißt – und nicht, was man kann.

Aber auch, wenn man keine Lust hat, „Being John Malkovich“ hoch philosophisch zu betrachten, sollte man dem Film eine Chance geben. Er ist spannend, witzig und hat nur kleine Längen (die letztlich die 7-Sterne-Wertung verhindern). Vor allem aber sind die Schauspieler bestens aufgelegt. Allen voran natürlich John Malkovich, der hier zwei Rollen spielt: Zunächst eine Version seiner selbst, den leicht verschrobenen, etwas abgehobenen aber dennoch sympathischen Schauspieler (ich frage mich ja, wie viel vom echten John Malkovich darin steckt). Und dann noch den von einem mittellosen und unglücklich verliebten Puppenspieler „besessenen“ Malkovich, der natürlich völlig anders agieren muss. Und als ob das alles nicht genug wäre, gibt es noch eine besonders absurde Szene, in der John Malkovich (also dessen alter ego im Film) selbst die Pforte benutzt. Was er in seinem eigenen Kopf erlebt setzt der Groteske wirklich die Krone auf, auch wenn die Szene nur wenige Minuten dauert. Nicht zum ersten Mal fragt man sich, was Malkovich (also der Reale) gedacht hat, als er diese Stelle im Drehbuch gelesen hat. Vielleicht „Malkovich?“ „Malkovich!“.

Angemerkt sei an dieser Stelle, dass auch die kaum zu erkennende Cameron Diaz und John Cusack als liebenswerter Verlierer, der sich mehr und mehr zum Egomanen entwickelt, ihre Sache ausgezeichnet machen. Mit Catherine Keener alias Maxine Lund bin ich hingegen nicht so richtig warm geworden, was wohl auch mit ihrer ziemlich unsympathisch angelegten Rolle zu tun hat. Aber sei’s drum, insgesamt wurden die Darsteller bestens ausgewählt. Gleiches gilt für den passend schrägen Soundtrack.

Fazit: Trotz hohen Skurrilitätsfaktors würde ich jedem empfehlen, sich „Being John Malkovich“ anzusehen. Das ist tatsächlich einmal ein Film, der das Prädikat „Kult“ verdient hat. Er ist witzig, er ist traurig, er regt zum Nachdenken an – und er ist auch spannend. Nur eines ist er definitiv nicht: Stangenware. Etwas wie das hier hat man vorher und naher nur ganz selten zu sehen bekommen. Daumen hoch für alle Beteiligten!

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Being John Malkovich.
Regie:
Spike Jonze
Drehbuch: Charlie Kaufman
Jahr: 1999
Land: USA
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): John Cusack, Cameron Diaz, Catherine Keener, John Malkovich, Orson Bean, Ned Bellamy



FilmWelt: Love and Monsters

„Love and Monsters“ (2021) macht seinem Titel alle Ehre: Die Liebe kommt vor, die Monster kommen vor – und, das steht nicht im Titel, Humor gibt es auch noch. Die Frage ist also nur noch, wie die Kombination aus diesen drei Elementen funktioniert.

Gesamteindruck: 4/7


Das gigantische Krabbeln.

Ich weiß auch nicht, vielleicht liegt es einfach an mir: Action-Filme waren früher härter, Katastrophenfilme beeindruckender, Komödien lustiger und Liebesfilme schnulziger. Es ist wie verhext – kaum ein Blockbuster der jüngeren Vergangenheit will mir so richtig gefallen. Wobei ich nicht sicher bin, ob „Blockbuster“ im Falle von „Love and Monsters“ der richtige Ausdruck ist, ein Kino hat der Streifen ja nie gesehen, die Veröffentlichung erfolgte über den Streaming-Dienst Netflix. Dort wollten ihn aber sehr viele Leute sehen, sodass der Begriff wohl doch nicht ganz falsch ist.

Worum geht’s?
Den Einschlug eines Asteroiden konnte die Menschheit dank eines beeindruckenden Waffenarsenals gerade noch verhindern; die Freude darüber währte aber nur kurz, denn die Abwehrschlacht hatte ungeahnte Auswirkungen auf die irdische Fauna. Seither terrorisieren zu gigantischen Ausmaßen mutierte Insekten, Amphibien und Krustentiere die Erde und zwingen die verbliebenen Menschen, ihr Dasein in Schutzbunkern zu fristen. So auch der junge Joel, der denkbar schlecht mit der Post-Apokalypse zurechtkommt. Bis er beschließt, seiner prä-apokalyptische Freundin Aimee in deren Bunker aufzusuchen. Der Haken: ein langer Marsch durch ausgesprochen feindliches Terrain liegt vor dem unerfahrenen Burschen, will er die Angebetete erreichen…

„Godzilla vs Kong“ lässt zum Zeitpunkt dieser Rezension noch auf sich warten, was aber nicht heißt, dass Monster-Fans darben müssen: Mit „Love and Monsters“ hat sich Netflix die Veröffentlichungsrechte für einen Film gesichert, in dem zwar nicht Riesenechse und Gorilla gegeneinander antreten, dafür aber ebenso riesiges Krabbelgetier den Fortbestand der Menschheit bedroht. Grundsätzlich ist das Szenario von „Love and Monsters“ jedenfalls gelungen, gilt es hier doch nicht, eine unmittelbare Bedrohung zu stoppen, wie man es u. a. eben auch aus „Godzilla“ kennt. Im Gegenteil, der Zug ist abgefahren, die Apokalypse bereits geschehen – und der Film zeigt, wie der klägliche Rest der Menschheit damit zurecht kommt. Wobei, ganz so ist es nicht: Der Film verfolgt eigentlich nur den Weg einer Person durch ein sehr ansprechend gestaltetes, post-apokalyptisches Amerika.

Und damit sind wir auch schon beim Thema: „Love and Monsters“ sieht sehr gut aus. Die titelgebenden Viecher sind ausgesprochen gut gemacht und bewegen sich sehr natürlich durch die Landschaft. Blöd ist an der Stelle nur, dass es neben realistischem Getier wie gigantischen Ameisen auch einige Fantasiegeschöpfe gibt, die der Film meines Erachtens nicht gebraucht hätte. Ja, ich weiß, man darf das alles nicht zu ernst nehmen, auch und vor allem, weil es sich in erster Linie um eine Komödie handelt. Und doch hat mich beispielsweise das Aussehen der Krabbe, die gegen Ende auftritt, gestört. Ich bin da wohl sehr eigen… Aber sei’s drum, das ist natürlich kein Grund für eine schlechte Wertung, die Technik stimmt jedenfalls.

Generell ist die gesamte Optik dem doch eher humoristischen Grundton angemessen. Wie sich das äußert? Naja, selten war die Post-Apokalypse so farbenfroh und bunt, wie sie es in „Love and Monsters“ ist. Ich persönlich mag eher düsteres Zeug – aber a) ist auch das natürlich Geschmacksache und b) weiß man nach dem Trailer ja, was einen erwartet. Wer also auf eine Art „Fallout“ für die Leinwand hofft, wird wohl – trotz einiger ähnlicher Elemente – enttäuscht sein.

Flach, wenig Charakter – und nicht wirklich witzig.

Soviel zu den Äußerlichkeiten, kommen wir nun zu den inneren Werten. In Sachen Schauspieler bzw. deren Leistung kann man nicht meckern: Außerordentliche Leistungen bleiben zwar aus, aber zumindest spielt Dylan O’Brien den liebenswerten, leicht unbeholfenen Anti-Helden auf angenehme und unaufdringliche Weise. Die Nebenrollen bleiben weitgehend im Hintergrund, detaillierter ausgearbeitet ist eigentlich niemand bis auf die Hauptfigur – und selbst bei der reicht es nur für charakterliche Andeutungen, was aber durchaus zum sehr leichtfüßigen und lockeren Grundton sowie der schnellen Erzählweise des Films passt. Etwas schade finde ich, dass man es nicht geschafft hat, zumindest dem gegen Ende auftauchenden Bösewicht etwas Charisma zu verpassen. Schwache Leistung an der Stelle – fast, als wäre „Love and Monsters“ für ein Publikum gedacht, das mit wenigstens ansatzweise komplexeren Charakteren nichts anzufangen weiß.

Die Story ist – man kann es sich schon denken – ähnlich simpel wie die Charaktere. Genau genommen ist es die übliche Geschichte vom unfreiwilligen Helden, der sich letzten Endes behaupten kann und den Tag allen Widrigkeiten zum Trotz rettet. Kann man machen, aber auch hier hätte ich mir dann doch ein bisschen mehr Mut und vielleicht die eine oder andere Wendung gewünscht. Überraschungen gibt es keine, nicht mal ansatzweise – es besteht von Anfang an kein Zweifel, dass die Mission gelingt und auch zwischendurch hat man nie das Gefühl, es würde tatsächlich Gefahr für unseren Helden bestehen. Auch das kann man so machen, muss man aber nicht ganz so Reißbrett-mäßig abarbeiten.

Der Mix macht’s (nicht) aus.

Ok, vielleicht ist das alles tatsächlich mein persönliches Problem. Ich finde, wie beschrieben, die Grundannahme des Films sehr gut, schaue mir gerne die Post-Apokalypse an und auch gigantische Insekten haben bei mir einen Stein im Brett. Und: Ich lache schon gern, gibt einige richtig gute Komödien. Nur ist die Kombination aus alledem nicht so toll, was ich aber – ehrlich gesagt – im Vorfeld bereits befürchtet habe. Denn leider ist „Love and Monsters“ nicht nur sehr flach, was ja ok wäre, sondern schlicht und einfach nicht lustig genug. Damit ist es raus: Es gab nur wenige Momente im Film, die mich zum Schmunzeln gebracht haben, von richtigem Lachen rede ich da noch gar nicht. Und auch hier sieht man mich ratlos: Bin ich zu alt? Sind meine falschen Erwartungen an die Post-Apokalypse schuld? Ist das nicht mein Humor? Was ist dann mein Humor (zumindest das weiß ich und nenne hier drei sehr lustige Filme, einer sogar mit einem Riesen-Insekt: „Spaceballs“, „Liebling, ich habe die Kinder geschrumpft“ und „Brust oder Keule“)?

Was bleibt also zu sagen? Nun: „Love and Monsters“ ist kein wirklich schlechter Film. Ich habe mich unterhalten gefühlt, weil mir Ausstattung und Prämisse gefallen haben, der Streifen tut also auf keinen Fall weh. Aber er ist auch nicht spannend, bietet nicht einmal ein Minimum an Tiefgang, keine kantigen Charaktere – und, fast am schlimmsten, ist nicht sonderlich witzig. Damit reicht es für 4 Punkte – kann man sich mal ansehen, ein zweites Mal muss man ihn sich aber eher nicht geben, denn sobald man sich an den Monstern sattgesehen hat (gleiches gilt für die Standard-Action-Szenen) bleibt nicht sonderlich viel übrig.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Love and Monsters.
Regie:
Michael Matthews
Drehbuch: Brian Duffield, Matthew Robinson
Jahr: 2021
Land: USA, Australien
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Dylan O’Brien, Jessica Henwick, Michael Rooker, Dan Ewing, Ariana Greenblatt



FilmWelt: Passengers

Was hatte ich mich auf „Passengers“ (2016) gefreut. Eine Mischung aus der verzweifelten Isolation eines „Robinson Crusoe“ auf der einen und „Star Trek: Voyager“ (was die unvorstellbaren Entfernungen im Weltall und die technische Komponenten angeht) auf der anderen Seite sollte es sein – also eigentlich ein Selbstläufer für mich als Fan von klassischer Literatur und Science Fiction. Warum es nicht so gekommen ist, wie ich es mir erhofft hatte, versuche ich im Folgenden herauszuarbeiten.

Gesamteindruck: 3/7


(Fast) allein im Universum.

Ich habe darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn ich in die nachfolgend beschriebene Situation kommen würde. Und was soll ich sagen – ich würde es wohl ganz genauso machen wie der einsame Passagier auf dem Luxusraumschiff. Einfach die Zeit genießen, so gut und so lange es geht. Ein bisschen läuft’s ja auch anno 2021 im Lockdown (ja, zum Zeitpunkt dieser Rezension herrscht hier in Wien gerade – wieder einmal – Corona-bedingte Ausgangssperre) so ab: Ich bin, abgesehen von Wochenenden, Feiertagen und gelegentlichen Kurzurlauben jeden Tag 9 Stunden vollkommen allein im Homeoffice – und das seit mittlerweile einem Jahr. Ich könnte aber, im Gegensatz zum Protagonisten in „Passengers“, nicht sagen, dass mich das bisher sonderlich stört. Ja, so unterschiedlich sind die Menschen. Und nein, mir ist keine bessere Einleitung für diese Rezension eingefallen.

Worum geht’s?
Das riesige Raumschiff Avalon ist auf dem Weg zum Kolonie-Planeten Homestead II. An Bord: 260 Crewmitglieder und 5.000 Kolonisten, allesamt für die 120 Jahre dauernde Reise in Kälteschlaf versetzt. 30 Jahre nach dem Start gibt es eine Fehlfunktion – und ein einzelner Passagier, der Mechaniker Jim Preston, wacht auf. 90 Jahre vor der geplanten Ankunft ist er damit völlig auf sich gestellt, was ihn vor ungeahnte Herausforderungen stellt – und vor ein moralisches Dilemma…

Die Prämisse von „Passengers“ finde ich grandios – und der Film hält lange Zeit auch, was er verspricht. Heißt: Chris Pratt verkörpert den einsamen Passagier sehr stark. Der Schauspieler deckt dabei alle möglichen Zustände, von Angst und Verzweiflung über Wut bis hin zur Schicksalsergebenheit ausgesprochen realistisch ab. Man sieht direkt, wie sich der Geisteszustand von Jim Preston im Gleichschritt mit der immer verlotterteren Optik rapide verschlechtert. Dazu passend das Drehbuch, das die verzweifelten Versuche, sich aus seiner misslichen Lage zu befreien, intensiv in Szene setzt – und dabei auch auf eine ordentliche Prise Humor nicht vergisst. Randnotiz: Martin Sheen weiß als emotionsloser Androiden-Barkeeper ebenfalls zu gefallen, paradoxerweise gelingt es auch ihm, Gefühle beim Zuseher zu wecken. Das hat fast was von Brent Spiner in seiner Paraderolle als Data in „Star Trek: The Next Generation“, wenngleich natürlich nicht in dieser Perfektion, auch, weil er relativ wenig Screentime hat.

Dass ich mich soweit bestens unterhalten gefühlt habe, hat auch mit der tollen Ausstattung zu tun. Das Raumschiff sieht nicht nur schick aus, sondern ist so designt, dass man ein bemerkenswertes Gefühl für die Einsamkeit bekommt, die der Protagonist empfinden muss, während man gleichzeitig Gefühle von geradezu unendlicher Weite (das Schiff ist immerhin einen Kilometer lang) und Eingesperrt-sein erlebt. Gut gemacht sind auch die Effekte – allein die Auswirkungen auf den bordeigenen Swimming-Pool nachdem die künstliche Schwerkraft ausgefallen ist, ist ein Moment, für den sich das Ansehen lohnt.

Stellt große Fragen…

Leider biegt „Passengers“ in dem Moment falsch ab, als der einsame Astronaut die Eingebung hat, eine weitere Passagierin (gut gespielt von Jennifer Lawrence) aufzuwecken und damit zum gleichen Schicksal zu verdammen. Nicht falsch verstehen: Die Idee und die sich daraus ergebende moralische Frage – Darf er ihr das antun, nur um nicht an Einsamkeit zu sterben? – sind über jeden Zweifel erhaben. Leider ist es aber so, dass die dahinterstehende Moral ausgesprochen stiefmütterlich behandelt wird.

Doch damit nicht genug. Ab dem Zeitpunkt, als unser einsamer Held beschließt, seiner Reisegefährtin nicht zu erzählen, warum sie knapp 90 Jahre zu früh aufgewacht ist, ist klar, wie es weitergeht, weil es in jedem verdammten Liebesfilm genau so kommt: Sie lernen sich langsam kennen und lieben, sie kommt drauf, dass er ein Halunke ist, es gibt eine Katastrophe, sie versöhnen sich und lieben sich wieder bis ans Ende ihrer Tage. Hätte ich jetzt „Spoiler-Alarm“ schreiben sollen? Nun, ich sage nicht, dass der Film genau so abläuft – aber das waren die ersten Gedanken, die mir durch den Kopf geschossen sind, sobald Jennifer Lawrence die Augen aufgeschlagen hat.

…und beantwortet sie nicht.

Damit ist es endlich raus: „Passengers“ wird relativ bald von einer Robinsonade zu einer ganz klassischen, eher klischeehaften Romanze mit den üblichen Höhen und Tiefen. Das wäre schon grundsätzlich problematisch, hier ist es aber schlimmer, denn in der 1. Halbzeit (und im Trailer sowieso, was wohl die generell mittelprächtigen Wertungen des Films erklärt) wird ein völlig anderer Inhalt suggeriert. Ich habe ja weiter oben kurz über eine wichtige, moralische Frage sinniert – die stellt sich in „Passengers“ tatsächlich, sie wird dann aber dermaßen nebensächlich abgehandelt, dass man sie besser gleich gar nicht gestellt hätte. Die Konsequenz wäre letztlich die Gleiche gewesen, was mich dann doch sehr enttäuscht hat.

Was gibt’s sonst noch zu sagen? Naja, es gibt durchaus gute Action-Szenen, die allerdings sehr vorhersehbar verlaufen (allein die Rettung mittels Raumanzug… c’mon…). Ansonsten hätten wir noch ein Problem mit der Glaubwürdigkeit, das aus dem konsequenten Ignorieren der Frage „Darf man andere Passagiere aufwecken um sich zu retten?“ resultiert: Eine Liebhaberin weckt sich Jim Stenton auf – später, als er auch Zugang zur Crew hätte, kommt niemand auf die Idee, vielleicht den Ingenieur, den Schiffsarzt oder den Kapitän zu wecken? Mag sein, dass auch das aus moralischen Gründen nicht möglich war – dass diese Frage im Film aber nicht einmal diskutiert wird, ist symptomatisch für alles, was „Passengers“ an Konsequenz fehlt.

Damit bleibt mir nur zu konstatieren, dass der Film gute Ansätze in der Handlung hat, extrem gut aussieht und eine Zeit lang auf hohem Niveau unterhält. Was dann daraus wird, ist leider eine einzige Enttäuschung. Zumindest tut der Film aber niemandem weh und hat auch im weiteren Verlauf noch die eine oder andere gute Szene. Von daher gibt’s gerade noch 3 Punkte.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Passengers.
Regie:
Morten Tyldum
Drehbuch: John Spaihts
Jahr: 2016
Land: USA
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jennifer Lawrence, Chris Pratt, Michael Sheen, Laurence Fishburne