MusikWelt: Dominion

HammerFall


Der Vorwurf, ihre Songs schablonenhaft am Reißbrett zu entwerfen, begleitet die schwedischen Veteranen HammerFall seit über 20 Jahren. Und doch ist die Band nach wie vor gut im Geschäft, ganz getreu ihrer eigenen Textzeilen: „HammerFall, we will prevail…“. Daran – und auch am generischen Klangbild – ändert wohl auch das 11. Studio-Album mit dem knackigen Titel „Dominion“ nichts.

Gesamteindruck: 6/7


(Zum Glück) Keine Überraschungen.

HammerFall waren schon immer ein Fall von „lieben“ oder „hassen“. Wer in zweitere Kategorie fällt, wird auch mit „Dominion“ nicht warm werden. Wer das Quintett aus Göteborg hingegen gerne hört, bekommt mit dem 2019er-Album eine weitere Kelle der liebgewonnen Zutaten serviert: Hochmelodiösen, eingängigen Power Metal in den drei Geschwindigkeitsstufen schnell, Midtempo und balladesk; garniert ist die Chose wie immer mit dem unverwechselbaren (Falsett-)Gesang von Joacim Cans. Man braucht sich also keine Sorgen zu machen, dass HammerFall wie anno 2011 auf „Infected“ versuchen, neue Wege zu gehen. Wozu auch – die unmittelbaren Vorgänger von „Dominion“ waren ja durchaus gefällig und läuteten tatsächlich sowas wie den 2. Frühling für die Band ein.

Überraschungen sind auf dem 2019er-Dreher folgerichtig Fehlanzeige. Den Hörer erwartet die gewohnte Mischung aus starken und soliden Nummern. Einen richtigen Ausfall gibt es übrigens nicht zu beklagen, obwohl sich an der Single-Auskoppelung „(We Make) Sweden Rock“ die Geister scheiden dürften. Ja, der Track ist eingängig und live-tauglich, gleichzeitig aber auch ein Song, der den oben genannten Reißbrett-Vorwurf erhärtet, wie kaum ein anderer seit „Hearts on Fire“. Und auch wenn ich hier wie dort mitnicke und mich insgesamt als Fan der HammerFall-Formel oute, plagt mich beim Hören ständig das ungute Gefühl, dass beide Songs sogar für die Verhältnisse dieser Band extrem generisch sind. Als Hommage an die schwedische Rock- und Metal-Szene kann man „(We Make) Sweden Rock“ aber gerade noch so durchgehen lassen.

Wenig auszusetzen.

Abgesehen von diesem Bauchweh-Kandidaten gibt es auf „Dominion“ nicht viel zu bemängeln. Es gibt einen Strauß an veritablen Hits, darunter die Tracks „Dominion“, „One Against the World“ und „Scars of a Generation“. Allesamt Ohrwürmer vor dem Herrn, genau wie die HammerFall-Verneigung vor dem aktuellen Wikinger-Trend, „Bloodline“. Klar, ist das alles sehr auf Eingängigkeit und Dynamik getrimmt – man vergleiche nur „Bloodline“ und „On the Edge of Honour“ von „Renegade“ (2004) oder „Never Forgive, Never Forget“ und „Dethrone and Defy“ von „Built to Last“ (2016). Aber ich tue mir schwer, den Schweden daraus ernsthaft einen Strick zu drehen, zu viel Spaß macht es mir, diese Songs zu hören. Ist das noch objektiv? Keine Ahnung, es hilft aber nichts, wenn ich nicht Einschlafen kann, weil mir die ganze Zeit der Refrain von „One Against the World“ (Templars of the world / Victorious immortals / Thunder up your souls / Rebel and shout out loud) durch den Kopf schwirrt. Ich interpretiere das mal als komplett positives Zeichen. Ja, ich weiß, das passiert bei unsäglichen Pop-Songs auch ab und an… dennoch, bei HammerFall bleibt das Gefühl dabei positiv. Besser als „(We Make) Sweden Rock“ gefallen mir diese Nummern übrigens, weil sie sich wesentlich stärker an den Judas Priest– und Helloween-Wurzeln von HammerFall orientieren. A pro pos Zitate: „Dead by Dawn“ bezieht sich auf eine andere Inspiration der Band und klingt genau so, wie man es von Accept erwarten würde. Kann man sich also schon beim Lesen des Titels vorstellen, wie der Refrain hier aufgebaut wird.

Auch am Rest von „Dominon“ habe ich wenig auszusetzen. Am schwächsten finde ich „Testify“, das nicht richtig in Fahrt kommen will und auch die Power Ballade „Second to One“ ist nicht gerade eine Offenbarung, ebenso das „Bloodline“ einleitende, kurze Instrumental „Battleworn“. Hinten raus ist „Chain of Command“ eher bieder. Das war’s dann aber auch schon mit der Kritik (sieht man vom katastrophalen Cover im Manga-Look ab – warum??). Etwas sei vielleicht noch zum Rausschmeißer „And Yet I Smile“ gesagt: Diese Nummer ist recht episch angelegt, was HammerFall normalerweise gut zu Gesicht steht. In meinen Ohren schrammt der Track aber ganz, ganz knapp an einem Musical-Stück vorbei, was wiederum keine so tolle Assoziation für eine Metal-Band wäre. Aber sei’s drum, die Schweden kriegen gerade noch die Kurve und schaffen einen gelungenen Abschluss für ein grundsolides Album. Und das ist mehr, als man von HammerFall in den vergangenen Jahren erwarten konnte/wollte.

Zum Abschluss noch ein Wort noch zur technischen Seite: Sieht man über die mangelnde Innovationsfreude im Songwriting und die teils arg infantilen Texte hinweg (was jeder Fan ohnehin tut, weil er HammerFall einfach nicht anders haben möchte), ist „Dominion“ auf zwei Ebenen sogar großartig geworden: Erstens sitzen die Riffs und Solos nahezu perfekt, die Drums haben gut Punch und Joacim Cans singt fast wie sein 20 Jahre jüngeres Ich. Haut live natürlich bei weitem nicht mehr so hin, aber was soll’s, hier bewerten wir ja das Album. Und zweitens wurde „Dominion“ eine amtliche Produktion verpasst, die ebenfalls an längst vergangene, glorreiche Tage denken lässt. Chapeau, das ist tatsächlich aller Ehren wert! Dem geneigten HammerFall-Freund sei der eine oder andere Durchgang empfohlen, ein bisschen Zeit muss man dem Material tatsächlich geben. Ist das geschehen, erhält man mit „Dominion“ eine der stärksten Platten, die die Veteranen aus Göteborg in den vergangenen 15 Jahren veröffentlicht haben.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Never Forgive, Never Forget – 5:31 – 5/7
  2. Dominion – 4:39 – 5/7
  3. Testify – 4:29 – 4/7
  4. One Against the World – 3:53 – 6/7
  5. (We Make) Sweden Rock – 4:15 – 4/7
  6. Second to One – 4:10 – 4/7
  7. Scars of a Generation – 4:41 – 6/7
  8. Dead by Dawn – 3:59 – 5/7
  9. Battleworn – 0:38 – 3/7
  10. Bloodline – 4:46 – 6/7
  11. Chain of Command – 4:00 – 4/7
  12. And Yet I Smile – 5:28 – 6/7

Gesamteindruck: 6/7 


HammerFall auf “Dominion” (2019):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Guitars
  • Pontus Norgren – Guitars
  • Fredrik Larsson – Bass
  • David Wallin – Drums

Anspieltipp: Bloodline

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MusikWelt: Hexed

Children of Bodom


Nennen wir das Kind doch beim Namen: Von Children Of Bodom ist seit „Hate Crew Deathroll“ (2003) nichts Überzeugendes mehr gekommen. Ein wenig Hoffnung durften Fans der ersten Stunde 2013 mit „Halo of Blood“ schöpfen, aber schon mit „I Worship Chaos“ ging es 2015 wieder einen Schritt zurück in die Mittelmäßigkeit. 2019 erschien dann – nach einer ungewöhnlich langen Pause von 3 1/2 Jahren – ein neues Lebenszeichen der einst so gefeierten Wunderknaben aus Espoo. Und wieder musste man sich die Frage stellen: Geht da noch was? Oder haben Children of Bodom endgültig fertig?

Gesamteindruck: 5/7


Überraschend starke Platte.

„Hexed“ markiert das Album-Debüt von Daniel Freyberg. Der Schwede ersetzt Roope Latvala an der Rhythmus-Gitarre und scheint seinen eingespielten Kollegen einen ordentlichen Tritt in den Hintern verpasst zu haben. Wie sonst ist es zu erklären, dass im Gegensatz zu diversen Vorgänger-Alben die Riffs auf „Hexed“ wesentlich frischer klingen? Man meint nach einigen Durchläufen gar, hier so viel Spielfreude zu vernehmen, wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Wobei ich nicht glaube, dass den geschassten Latvala Schuld an der schwankenden Qualität Bodom’scher Outputs trifft; er war ja nie direkt am Songwriting-Prozess beteiligt. Es hört sich aber tatsächlich so an, als hätte der neue Mann an der Axt den lange vermissten Schwung zurück gebracht, so inspiriert donnern die Gitarrensalven aus den Boxen. Schön!

Aber auch  abgesehen lässt das Album mit dem etwas gewöhnungsbedürftigen Titel das Pendel wieder in die andere Richtung schwingen. Vor allem die 2. Hälfte von „Hexed“ hat es in sich und bietet mit „Platitudes and Barren Words“, „Relapse (The Nature of My Crime)“ und „Say Never Look Back“ drei großartige Nummern. Schon klar, auch diese Songs bringen die glorreichen Zeiten von „Follow the Reaper“ (2003) nicht zurück – allein schon, weil sie nicht dermaßen eingängig und leichtfüßig klingen, wie man es aus den Anfangstagen von Children of Bodom kennt. Wer ihnen aber ein bisschen Zeit gibt – und das ist bei den Alben der Finnen schon seit vielen Jahren der Knackpunkt – wird sicher Gefallen an ihnen finden. Zusätzlich lassen „Under Grass and Clover“, der stoische Rocker „Soon Departed“ und das brutale „Kick in a Spleen“ wenig zu wünschen übrig. Und: Mir gefällt die Neuaufnahme von „Knuckleduster“ deutlich besser, als das Original, das von der EP „Thrashed, Lost & Strungout“ (2004) stammt. Der direkte Vergleich zeigt meines Erachtens dann auch sehr schnell, wie frisch und angenehm „Hexed“ als Ganzes klingt.

Keine großen Schwächen auszumachen.

Und was gibt es sonst noch? Einerseits die schwächsten Songs des Albums, namentlich sind das der recht unspektakuläre Opener „This Road“ sowie das fade „Glass Houses“. Andererseits mit dem Titeltrack den – vielleicht neben „Under Grass and Clover“ deutlichsten – Fingerzeig in die eigene Vergangenheit, was die Gitarren- und Keyboard-Harmonien betrifft. Sehr gelungen! Und dann noch mit „Hecate’s Nightmare“ ein Stück, das ziemlich „anders“ klingt und das meiner Meinung nach perfekt zum Cover des Albums passt. Einen dermaßen atmosphärischen Song hätte ich den Finnen nicht mehr zugetraut. Eher langsam, baut die Nummer nach und nach eine düster-bedrohliche Stimmung auf, was vor allem dem geschickten Einsatz des Keyboards zu verdanken ist. Gerade beim Tasteninstrument schieden und scheiden sich beim Publikum ja immer mal wieder die Geister – daran, wie Janne Wirman „Hecate’s Nightmare“ veredelt, ist meiner Meinung nach aber überhaupt nichts auszusetzen, ganz im Gegenteil. Für mich der stärkste Track auf „Hexed“, wobei man ganz klar sagen muss, dass es für die Live-Darbietung sicher bessere Nummern auf dem Album gibt, z.B. das genannte „Kick in a Spleen“. In Sachen Komposition und Arrangement dürfte das hingegen eine der ausgereiftesten Nummern von Children of Bodom überhaupt sein.

Den jüngeren Outputs von Children of Bodom haftete in meinen Ohren immer etwas Anstrengendes an, die Leichtfüßigkeit früherer Veröffentlichungen musste man mit der Lupe suchen. Daher musste ich in meiner Rezension zu „I Worship Chaos“ auch konstatieren, dass die Truppe wohl nie mehr zu jener Form zurückkehren werden, die sie ursprünglich groß gemacht hat. „Hexed“ straft mich jedoch tatsächlich ein wenig Lügen, auch wenn es nicht der ganz große Befreiungsschlag ist. Dafür muss man sich das Album dann doch ein wenig zu sehr erarbeiten. Doch trotz aller positiven Eigenschaften von „Hexed“ ist die Zukunft der finnischen Melodeath-Institution zum Zeitpunkt dieser Rezension so ungewiss wie noch nie: Anfang November 2019 wurde bekannt, dass bis auf Mastermind Alexi Laiho und seinen neuen Rhythmus-Gitarristen aus Schweden alle (!) Bandmitglieder ausgestiegen sind. Vielleicht ist diese auf den ersten Blick katastrophale Entwicklung aber auch die Chance für etwas Neues, das wieder mehr Fans der ersten Stunde begeistern kann. Das wird aber erst die Zeit zeigen.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. This Road – 4:33 – 4/7
  2. Under Grass and Clover – 3:33 – 5/7
  3. Glass Houses – 3:27 – 4/7
  4. Hecate’s Nightmare – 4:09 – 6/7
  5. Kick in a Spleen – 3:34 – 5/7
  6. Platitudes and Barren Words – 4:13 – 6/7
  7. Hexed – 5:03 – 5/7
  8. Relapse (The Nature of My Crime) – 3:26 – 5/7
  9. Say Never Look Back – 4:23 – 5/7
  10. Soon Departed – 4:54 – 5/7
  11. Knuckleduster – 3:27 – 5/7

Gesamteindruck: 5/7 


Children of Bodom auf “Hexed” (2019):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitar
  • Daniel Freyberg – Rhythm Guitar
  • Henkka Blacksmith – Bass
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Hecate’s Nightmare

MusikWelt: Blooddrunk

Children of Bodom


Wer gedacht hat, Children of Bodom würden den auf „Are You Dead Yet? (2005) eingeschlagenen Weg mit dem Nachfolger „Blooddrunk“ (2008) konsequent fortsetzen, wird mit den ersten Takten des Openers „Hellhounds on My Trail“, auf dem Keyboarder Janne „Warman“ Wirman ganz klassisch in die Tasten haut, vermeintlich eines Besseren belehrt. Es scheint fast, als hätten die Finnen das thrashige Vorgängeralbum, das kaum noch etwas mit dem Sound ihrer Anfangstage zu tun hatte, vergessen machen wollen. Hört man genauer hin, merkt man allerdings bald, dass die Reminiszenzen an die alten Zeiten eher oberflächlicher Natur sind.

Gesamteindruck: 2/7


All Filler, no Killer.

Insgesamt ist „Blooddrunk“ – wie schon seine zwei Vorgänger – ziemlich modern ausgefallen. Sprich: Das Album ist wesentlich weniger im traditionellen Metal verwurzelt als es die ersten drei Platten der Truppe aus Espoo waren und entspricht eher dem musikalischen Trend, der Anfang bis Mitte der Nullerjahre im Metal vorherrschte. Metalcore war damals das Genre der Stunde, was sich auch auf „Blooddrunk“, dem vielleicht brutalsten und schnellsten Album von Children of Bodom, bemerkbar macht. Daran ändert auch das hörbare Bemühen, wieder auf alte Trademarks und neoklassizistische Melodien zu setzen, relativ wenig. „Schuld“ daran sind mehrere Faktoren. Einer davon: Die Vocals von Alexi Laiho, die auch auf diesem Album dem In Flames-Syndrom“ erliegen (weg von der puren Aggression und dem Gebrüll der Anfangstage, hin zu elektronischer Verzerrung und gelegentlichem Klargesang). Was das betrifft, gefielen mir die alten Platten (beider Bands) wesentlich besser. Die Gangshouts, die bei Children of Bodom ab „Hate Crew Deathroll“ (2003) immer häufiger wurden, sind auf „Blooddrunk“ gerade noch in Ordnung, viel mehr davon hätten es aber nicht sein dürfen.

Das alles würde nicht sonderlich stören, wenn es der Band gelungen wäre, gute Songs zu schreiben. Doch leider muss man es ganz klar sagen: „Blooddrunk“ hat zum Zeitpunkt dieser Rezension gut 10 Jahre auf dem Buckel. „Hatebreeder“ ist doppelt so alt – und doch kann ich von jener Göttergabe jeden Song aus dem Stegreif a) nennen und b) vor mich hin summen. Welche Tracks auf „Blooddrunk“ stehen? Keine Ahnung; ja, es steht unten, aber kein einziger (!) hat so bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, dass ich mich daran erinnern würde, wie er heißt. Und auch wie die Nummern klingen, könnte ich jetzt nicht sagen, was letztlich sogar eine Verschlimmbesserung gegenüber dem wahrlich nicht guten „Are You Dead Yet?“ darstellt.

Technisch o.k., Songwriting k.o.

Dabei lässt „Blooddrunk“ rein technisch wenig zu wünschen übrig. Das Timing sitzt, die Produktion ist sehr gut, alles ist irrsinnig gut gespielt, ohne gleichzeitig die für ein Metal-Album notwendige Schippe Dreck vermissen zu lassen. Oben drauf gibt es noch die Keyboard-Arbeit, die im Gegensatz zum Vorgänger wieder hörbar ist und allein deshalb einen Bonuspunkt rechtzufertigen scheint. Lediglich der Bass steht mir meistens zu sehr im Hintergrund, was jetzt aber auch kein Beinbruch ist.

Warum zum Teufel haut es dann trotzdem nicht hin mit diesem Album? Denn eigentlich geht es mit „Hellhounds on My Trail“ ganz gut los – was aber eben auch damit zu tun haben könnte, dass der geneigte Children of Bodom-Fan nach „Are You Dead Yet?“ auf genau so einen Einstieg gehofft hatte. Unter diesem Gesichtspunkt klingt der Track zwar trotzdem nicht übel, aber gleichzeitig auch ein wenig gezwungen-selbstreferenziell. Als ob man hätte übertünchen wollen, dass man eigentlich auf ganz etwas Anderes Bock hatte, aber dann doch lieber versucht hat, die alten Fans (und die Plattenfirma?) zu befriedigen. Besonders bitter ist das meiner Meinung nach beim Titeltrack, der nach einer sehr dürftigen Selbstkopie klingt. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen: „Done with Everything, Die for Nothing“ hört sich nach einem reinrassigen Thrash Metal-Stück mit Keyboards an – und gleichzeitig einem Überbleibsel aus den „Are You Dead Yet?“-Sessions, eilig um das Tasteninstrument ergänzt. Nichts Ganzes und nichts Halbes also.

Freilich heißt das nicht, dass alles, was uns das Quintett auf „Blooddrunk“ präsentiert, Durchfall ist. Es gibt sogar einige (wenige) geniale Momente. So zum Beispiel die Soloparts in „LoBodomy“ und „Smile Pretty for the Devil“, der Rammstein-artige Anfang von „Tie My Rope“ oder die Melodieführung und der Gesang auf dem für mich besten Stück der Platte, „Banned from Heaven“. Diese Nummer ist auch einer der langsameren Tracks auf „Blooddrunk“, was zeigt, dass auch im Falle von Children of Bodom „schnell“ nicht zwangsläufig „besser“ bedeutet.

Es bleibt nichts hängen.

Leider fügen sich diese guten Ansätze nicht zu Songs für die Ewigkeit zusammen. Es verlangt ja niemand, dass ein Album zu 100% aus Killer-Tracks bestehen muss – aber dass man sich zumindest an die eine oder andere Nummer auch ein paar Jahre später noch erinnert, ist glaube ich schon ein Anspruch, den man bei einer Band wie Children of Bodom stellen kann. Dass das nur sehr eingeschränkt der Fall ist, zeigt sich auch an den Setlists der Finnen: Nach der Tour zur Vorstellung des Albums wurden die „Blooddrunk“-Vertreter sehr schnell wieder von der Bühne verbannt, wenn man vom ein oder anderen Ausreißer absieht (der Titeltrack wurde noch am ehesten und mit Abstand am häufigsten live gespielt, wenn man der Statistik von setlist.fm halbwegs trauen darf).

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass „Blooddrunk“ eine zwar technisch saubere, songwriterisch aber vollkommen unspektakuläre Platte ist. Neben dem nur unwesentlich besseren Nachfolger „Relentless Reckless Forever“ (2013) ist dieses Album aus heutiger Sicht (2019) tatsächlich der Tiefpunkt an Belanglosigkeit in der Diskographie von Children of Bodom. Interessant ist das schon – denn hier wie dort kann man kaum über die Technik der Band um Alexi Laiho meckern. Aber das Songwriting wirkt beide Male dermaßen müde und es fehlt an so viel Schwung, dass man einfach keine bessere Wertung zücken kann. Wer dachte, „Are You Dead Yet?“ könne nicht unterboten werden, hat sich getäuscht – „Blooddrunk“ ist nochmal eine Klasse darunter anzusiedeln. Leider.


metal-archives.com

Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Hellhounds on My Trail – 3:58 – 4/7
  2. Blooddrunk – 4:05 – 2/7
  3. LoBodomy – 4:24 – 3/7
  4. One Day You Will Cry – 4:05 – 2/7
  5. Smile Pretty for the Devil – 3:54 – 3/7
  6. Tie My Rope – 4:14 – 3/7
  7. Done with Everything, Die for Nothing – 3:29 – 2/7
  8. Banned from Heaven – 5:05 – 5/7
  9. Roadkill Morning – 3:32 – 4/7

Gesamteindruck: 2/7 


Children Of Bodom auf “Blooddrunk” (2008):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitar
  • Roope Latvala – Rhythm Guitar, Backing Vocals
  • Henkka T. Blacksmith – Bass, Backing Vocals
  • Janne „Warman“ Wirman – Keyboards
  • Jaska W. Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Banned From Heaven

MusikWelt: Hate Crew Deathroll

Children of Bodom


Mit ihren ersten drei Alben haben sich Children of Bodom eine ganz eigene Nische geschaffen. Die Mischung aus irrwitzigen Melodien und wilder Raserei, die Verbindung aus melodischem Death Metal schwedischer Prägung und typisch finnischer Fingerfertigkeit an den Instrumenten hatte es bis dahin nicht gegeben. Bis inklusive„Follow the Reaper“ (2000) perfektionierte der Fünfer aus Espoo diesen Stil – und dann erschien „Hate Crew Deathroll“ (2003). Ein Album, das, je nach Lesart, entweder als Versuch, der drohenden Stagnation zu entkommen oder als Anbiederung an damals angesagte, modernere Töne, gesehen werden kann. So oder so: Mit dieser Platte spalteten Children of Bodom erstmals nicht nur die Metal-Szene an sich (denn die war schon immer uneins, ob das finnische Gegniedel Kult oder Schrott war), sondern auch und vor allem ihre eigene Fanbasis. 

Gesamteindruck: 5/7


Beginn einer Neuausrichtung.

Ich gestehe es: Als ich „Hate Crew Deathroll“ vor bald 20 Jahren zum ersten Mal gehört habe, war ich enttäuscht. Nahezu alles, was ich als Fan der ersten Stunde an Children of Bodom so großartig fand, ist auf diesem Album entweder verschwunden oder wurde irgendwie verfälscht und/oder reduziert. Das zeigt schon der Opener „Needled 24/7“, der für diejenigen, die von Anfang an dabei waren, besonders hinterlistig daher kommt. Der Song beginnt nämlich durchaus so, wie man sich das als Liebhaber der ersten drei Alben vorstellt – mit einer dieser unwiderstehlichen Keyboard-Gitarren-Kombinationen, die von Children of Bodom geprägt wurden. Für die ersten gut 30 Sekunden fühlt man sich sofort heimisch. Doch dann setzt der Gesang ein und die ersten Fragezeichen tun sich auf. Das gewohnte, heisere Gebelle von Alexi Laiho klingt hier a) teilweise nach Pseudo-Klargesang und wurde b) elektronisch verzerrt. Ich finde nun ohnehin nicht, dass Laiho der beste Growler im Metal ist – aber das hier ist schon sehr gewöhnungsbedürftig. Hat man diese Überraschung verdaut, gibt es nach rund einer Minute den nächsten Schlag: Ein Break mit elektronischen Einsprengseln, die man so auch überhaupt noch nicht von dieser Truppe kannte. Der Refrain ist hingegen wieder voll im Soll. Glücklicherweise, denn insgesamt funktioniert der Song damit dann doch recht gut und ist schön eingängig.

Wer nun denkt, dass die Eröffnungsnummer eine Ausnahme ist, merkt schnell, dass sich der neue Stil durch das gesamte Album zieht. „Needled 24/7“ ist vielleicht sogar noch am ehesten das, was das typische Bodom-Publikum hören möchte – und damit dann doch wieder eine Ausnahme auf diesem Album. Eventuell könnte man noch den Rausschmeißer (der gleichzeitig der Titeltrack ist) in diese Kategorie aufnehmen. Dazwischen regieren mal der tonnenschwere Groove („Sixpounder“, „Angels Don’t Kill“), mal modern-rockige Töne („You’re Better Off Dead“, „Bodom Beach Terror“). Aber auch für CoB-Verhältnisse geradezu reduzierten Heavy Metal schnellerer Natur gibt es zu hören, z.B. in „Lil‘ Bloodred Ridin‘ Hood“. Vieles davon klingt, als hätten die Finnen versucht, sich vom vermeintlich überflüssigen Ballast allzu dominanter Keyboard- und Gitarrenleads zu befreien. Einerseits ist das gelungen und macht „Hate Crew Deathroll“ zu einem recht bodenständigen Album. Umgekehrt geht dadurch viel von der ursprünglichen Idee verloren, über die die Band sehr viele Fans gewonnen hat.

Mein Lieblingssong auf „Hate Crew Deathroll“ ist „Angels Don’t Kill“, eine schwere Nummer, die dank des Keyboard-Einsatzes genau den Children of Bodom-Spirit atmet, den ich so schätze. Also düster, ein wenig unheimlich und doch eingängig. Und das alles, ohne wie eine Selbstkopie zu klingen, weil dieses Riffmonster wohl einer der langsamsten Tracks ist, den man von den Finnen kennt. Wer genau hinhört, wird ähnliche Verweise auf die eigene Vergangenheit in diversen Stücken auf „Hate Crew Deathroll“ finden – nur halt wesentlich leiser, sodass man sie leicht überhört, wenn man dem Album nicht ausreichend Zeit gibt.

Viel besser als der erste Eindruck.

Auch wenn sich alles, was ich geschrieben habe, nicht sonderlich positiv anhört, funktioniert das Album interessanterweise gut. Klar ist aber: „Hate Crew Deathroll“ braucht – wie schon erwähnt – deutlich mehr Zeit als seine Vorgänger, um zu zünden. Bei mir war das gefühlt erst nach Jahren der Fall und mittlerweile weiß ich die Platte durchaus zu schätzen. Denn sie ist gut geschrieben, einigermaßen abwechslungsreich und zeigt ein Gesicht von Children of Bodom, das man vorher nicht kannte. Es scheint, sie wollten hiermit zeigen, dass sie abseits aller Wichserei an den Instrumenten auch grundsolide Songs schreiben können. Diese Übung ist gelungen, einige Riffs sind sogar großartig, was man vielleicht nur erkennt, weil die darübergelegten Melodien so sehr zurückgefahren wurden. Lirum, larum: Mir gefällt „Hate Crew Deathroll“ nach intensiver Beschäftigung, ob das für eine Kaufempfehlung reicht, kann ich allerdings nicht sagen. Probehören ist hier Pflicht, vor allem für jene, die vorher nur die ersten Alben der Mannen aus Espoo kannten.

Interessant übrigens: Viele der genannten Punkte erinnern an In Flames, die nur ein Jahr vor „Hate Crew Deathroll“ mit „Reroute to Remain“ einen ähnlichen Stilwechsel durchgezogen haben. Erfolgreich, was die Verkäufe angeht, nehme ich an – aber auch bei den Schweden war das aus heutiger Sicht eine Zäsur, die viele alte Fans vergrault hat. Dass das bei Children of Bodom nicht ganz so schlimm werden sollte, konnte man natürlich nicht ahnen – zumindest aber läutete „Hate Crew Deathroll“ unabhängig von der tatsächlichen Qualität des Albums eine Phase des qualitativen Auf und Ab ein, die bis heute anhält.

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Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Needled 24/7 – 4:08 – 6/7
  2. Sixpounder – 3:24 – 5/7
  3. Chokehold (Cocked ’n‘ Loaded) – 4:13 – 4/7
  4. Bodom Beach Terror – 4:35 – 5/7
  5. Angels Don’t Kill – 5:13 – 6/7
  6. Triple Corpse Hammerblow – 4:07 – 5/7
  7. You’re Better Off Dead – 4:12 – 4/7
  8. Lil‘ Bloodred Ridin‘ Hood – 3:24 – 5/7
  9. Hate Crew Deathroll – 3:37 – 5/7

Gesamteindruck: 5/7 


Children Of Bodom auf “Hate Crew Deathroll” (2003):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitars
  • Alexander Kuoppala – Rhythm Guitars, Backing Vocals
  • Henkka T. Blacksmith – Bass, Backing Vocals
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska W. Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Angels Don’t Kill

MusikWelt: Follow the Reaper

Children of Bodom


„Follow the Reaper“ (2000) wird gemeinhin als Höhepunkt in der Diskographie von Children of Bodom gesehen. Zumindest von Fans der ersten Stunde, die mit den späteren Experimenten und der moderneren Ausrichtung der Finnen nicht so viel anfangen können. Dem stimme ich zu, würde aber den Vorgänger „Hatebreeder“ (1999) als ungefähr gleich stark bezeichnen. Dabei ist „Follow the Reaper“ abwechslungsreicher, kompositorisch ausgefeilter und auch produktionstechnisch höher einzuschätzen, während „Hatebreeder“ neben einigen unwiderstehlichen Hits die ungezügeltere Wildheit bietet, ohne aber so chaotisch wie das Debüt „Something Wild“ (1997) zu sein.

Gesamteindruck: 6/7


Dunkle Melodien.

Beginnen wir mit dem Sound: So klar, transparent und doch druckvoll war das Quintett aus Espoo bis zu diesem Zeitpunkt nie unterwegs. Manchem mag das Album überproduziert erscheinen, ich finde jedoch, dass dadurch die musikalische Finesse und die ausgezeichnete Technik von Children of Bodom sehr gut zur Geltung kommen. Wobei ich auch nicht verhehlen möchte, dass diese Art von Produktion aus heutiger Sicht relativ klinisch wirkt – mittlerweile ist man im Metal ja längst zu erdigeren Tönen und analogen Techniken zurückgekehrt. „Follow the Reaper“ ist soundtechnisch hingegen eindeutig ein Kind seiner Zeit, allerdings kein Schlechtes.

Neben der erwartungsgemäß perfekten Instrumentalarbeit gibt es an zwei Fronten kleine, aber feine Weiterentwicklungen zu beobachten: Einerseits kann sich Frontmann Alexi Laiho gesangstechnisch auf die Schulter klopfen – sein heiseres Gebell zeigt kaum Schwächen und klingt nicht mehr so „luftig“ wie noch zu früheren Zeiten. Der beste Growler ist er freilich nach wie vor nicht (ich erinnere mich an ein Interview mit ihm, in dem er sinngemäß den Satz „Ich bin ein verdammter Gitarrist und kein Sänger“ zum Besten gab), aber für mein Gefühl hat er auf „Follow the Reaper“ seine Nische gefunden. Was auf diesem Album andererseits deutlich hörbar ist, ist – nur ein Jahr nach „Hatebreeder“ – ein weiterer Sprung nach vorne in Sachen Songwriting. Die ersten fünf Tracks auf „Follow the Reaper“ gehören zu den ausgefeiltesten und reifsten Kompositionen der Truppe. Ein in der ersten Sekunde zündender Hit wie „Towards Dead End“ von „Hatebreeder“ ist zwar nicht dabei, allerdings verlassen auch Kompositionen wie der Titeltrack oder das Highlight der Platte, „Children of Decadence“, den Gehörgang kaum noch, wenn sie sich einmal dort festgekrallt haben.

Schwächelt nach der Halbzeit etwas.

Leider kann die zweite Hälfte des Albums nicht ganz mit dem grandiosen Auftakt mithalten. Es gibt zwar keinen Ausfall zu verzeichnen, aber so richtig schaffen es „Taste of My Scythe“, „Northern Comfort“ und „Kissing the Shadows“ nicht, es den ausgezeichneten Tracks 1-5 gleichzutun. „Hate Me!“, zu dem es auch eine alternative Version gibt, packt das zwar einigermaßen, aber ganz gelingt es auch mit dieser Nummer nicht. Ich würde diese Songs keineswegs als schlecht bezeichnen – sie sind aber im Vergleich zum Rest eher Füllmaterial. Das zieht sich im Übrigen durch die Karriere von Children of Bodom: Es gibt neben sehr starken Songs immer wieder Ausreißer, die letztlich die Höchstwertung für das eine oder andere Album der Finnen verhindern. So könnte man beispielsweise aus den besten Tracks von „Follow the Reaper“ und „Hatebreeder“ problemlos einen nahezu perfekten Longplayer kreieren.

Musikalisch dominieren auf „Follow the Reaper“ die damals gewohnten CoB-Tugenden. Flotte Läufe auf der Lead-Gitarre, neo-klassizistische Keyboards und stampfende Rhythmen prägen das Bild. Die Refrains gehen nicht ganz so schnell ins Ohr, die Songs werden für mein Gefühl tatsächlich eher von den Instrumenten getragen. Das funktioniert allerdings sehr gut. Die Riffs sind etwas akzentuierter und deutlich abwechslungsreicher als auf den Vorgängern. Besonders überzeugend ist aber die Atmosphäre, bei Children of Bodom immer mal wieder etwas ambivalent ist. Auf „Follow the Reaper“ stimmt sie aus meiner Sicht hingegen und schafft einen durchgehend düsteren Gesamteindruck. Das macht den dritten Longplayer meines Erachtens zum Dunkelsten, den die Herren aus Espoo bis dato zustande gebracht haben.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Follow the Reaper – 3:47 – 7/7
  2. Bodom After Midnight – 3:44 – 6/7
  3. Children of Decadence – 5:34 – 7/7
  4. Everytime I Die – 4:03 – 6/7
  5. Mask of Sanity – 3:59 – 5/7
  6. Taste of My Scythe – 3:58 – 4/7
  7. Hate Me! – 4:45 – 5/7
  8. Northern Comfort – 3:49 – 4/7
  9. Kissing the Shadows – 4:32 – 5/7

Gesamteindruck: 6/7 


Children Of Bodom auf “Follow the Reaper” (2000):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitars
  • Alexander Kuoppala – Rhythm Guitars
  • Henkka T. Blacksmith – Bass
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Children of Decadence

MusikWelt: Hatebreeder

Children of Bodom


Children of Bodom aus dem finnischen Espoo galten in ihren Anfängen als (technische) Ausnahmekönner. Ihr Debüt „Something Wild“ (1997) war für meinen Geschmack noch etwas zu ungezügelt. Die jungen Musiker schienen häufig zu vergessen, dass einen guten Song mehr als die Summe seiner Einzelteile ausmacht – mochten die auch noch so stark sein. Das zweite Album, „Hatebreeder“ (1999), ist hingegen die eine sehr starke Symbiose aus mörderischer Wildheit, die aber gerade soweit strukturiert wurde, dass ein Großteil der Tracks auf dem Album binnen Sekunden zündet und sich – noch wichtiger – als nachhaltig erweist.

Gesamteindruck: 6/7


Ausgezeichnetes Zweitwerk.

Vom Zeitpunkt dieser Rezension (2019) aus gesehen, stehen „Hatebreeder“ und sein im Jahr 2000 erschienener Nachfolger „Follow the Reaper“ genau für die Children of Bodom, von denen Fans der ersten Stunde so häufig voller Begeisterung sprechen. Mir selbst geht es ebenso – auf jedem späteren Release habe ich mit der sprichwörtlichen Lupe nach Spuren dieser zwei Referenzwerke gesucht. Oft genug vergebens, aber das ist eine andere Geschichte… Vergleicht man „Hatebreeder“ jedenfalls mit dem zwei Jahre zuvor erschienenen Debüt „Something Wild“, sind die Zutaten erst einmal identisch: Heiser hervorgebellter Gesang trifft auf ein klassisches Heavy Metal-Gerüst mit dominanten Lead-Gitarren und Keyboards. Kann man unter Melodic Death Metal abheften, tat man damals auch – ich würde die Chose aber eher als typisch finnischen, schnell und melodiös gespielten Heavy Metal bezeichnen; inklusive gelegentlicher Death Metal-Ausbrüche und Growls.

Überlegen ist „Hatebreeder“ seinem Vorgänger dank des stark verbesserten Songwritings. Die damals noch sehr jungen Helden aus Espoo gehen wesentlich fokussierter zur Sache und kommen schneller und treffsicherer auf den Punkt. Das mag ein bisschen an rauer Unbekümmertheit gekostet haben – mich stört das aber nicht, weil „Hatebreeder“ schlicht und einfach wesentlich angenehmer und besser hörbar ist. Ob das ein Gütekriterium für ein Metal-Album ist, sei dahingestellt, im Falle von Children of Bodom empfinde ich es gemeinhin jedenfalls so, was wohl auch den Hauptgrund für meine Probleme mit späteren Veröffentlichungen darstellt.

Dreigeteiltes Album.

Neun Songs gibt es auf „Hatebreeder“ (von Zeitgenossen übrigens gern als „grünes Album“ bezeichnet, in Abgrenzung zum „roten“ „Something Wild“ und „blauen“ „Follow the Reaper“) zu hören. Vier davon bleiben unter der 4-Minuten-Marke, nur einer geht länger als 5 Minuten. Damit ist auch diese Platte ein eher kurzes Vergnügen, was allerdings nicht weiter stört, weil es Children of Bodom schon immer gut zu Gesicht gestanden ist, rasch auf den Punkt zu kommen. Wichtiger als die Länge ist aber ohnehin die Songqualität. Von dieser Front ist zu berichten, dass die Finnen mit „Warheart“, „Silent Night, Bodom Night“ und – vor allem – „Towards Dead End“ drei Nummern geschrieben haben, deren Güte sie bis heute eher selten erreichen konnten. Ja, es gibt eine Handvoll Songs, die ähnlich stark sind, aber besser geht es für meinen Geschmack kaum, wenn es um das klassische Bodom-Feeling geht.

Neben diesen Klassikern gibt es mit „Black Widow“, „Children of Bodom“ und „Downfall“ drei weitere Nummern, die ebenfalls aller Ehren wert sind. Komplett machen die Dreiteilung von „Hatebreeder“ der Titeltrack, „Bed of Razors“ und – als für mein Gefühl schwächster Song des Albums – „Wrath Within“. Man muss dabei aber bedenken, dass auch diese drei Tracks keineswegs Totalausfälle sind. Sie stinken halt gegen den Rest der Platte, den man problemlos auf Dauerrotation hören kann, ab – auch ob einer gewissen Gleichförmigkeit.

Fazit: Näher als mit „Hatebreeder“ und – das wusste man zu dessen Erscheinen natürlich noch nicht – „Follow the Reaper“ waren Children of Bodom einem echten Meisterwerk meiner Meinung nach bis heute zu keinem Zeitpunkt. Dass es nicht ganz reicht, liegt im Falle des grünen Albums an drei übermächtigen und drei außerordentlich starken Songs, die den Rest des Albums – und das ist immerhin ein Drittel – komplett aus dem Bewusstsein des Hörers verdrängen. Für 6 von 7 Punkten reicht es aber locker. Falls es tatsächlich noch jemanden geben sollte, der dieses Werk noch nicht kennt: Anhören!


metal-archives.com

Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Warheart – 4:07 – 7/7
  2. Silent Night, Bodom Night – 3:12 – 7/7
  3. Hatebreeder – 4:21 – 5/7
  4. Bed of Razors – 3:56 – 5/7
  5. Towards Dead End – 4:54 – 7/7
  6. Black Widow – 3:58 – 6/7
  7. Wrath Within – 3:54 – 4/7
  8. Children of Bodom – 5:14 – 6/7
  9. Downfall – 4:34 – 6/7

Gesamteindruck: 6/7 


Children Of Bodom auf “Hatebreeder” (1999):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitars
  • Alexander Kuoppala – Rhythm Guitars
  • Henkka T. Blacksmith – Bass
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Towards Dead End

MusikWelt: Something Wild

Children of Bodom


Children Of Bodom nehmen in meiner persönlichen musikalischen Historie eine ähnliche Stellung ein wie HammerFall: Sie waren für meinen endgültigen Einstieg in den Metal (mit-)verantwortlich. Sie haben mich lange Zeit begleitet, ich war Fan der ersten Stunde und glaubte damals nicht, dass „meiner“ Band jemals etwas misslingen würde. Und doch: Wie bei den schwedischen Power Metallern ist auch die Karriere der finnischen Melodic Deather gekennzeichnet von einer steilen Erfolgskurve auf die der unausweichliche Fall folgen sollte. „Something Wild“, das Debüt der Truppe aus Espoo, datiert aus dem großartigen Metal-Jahr 1997. Und auch wenn der Erstling von Children of Bodom nicht ganz so stark ist wie andere Veröffentlichungen aus jenem Jahr, ließ sich zumindest erahnen, dass Children of Bodom für Großes bestimmt waren.

Gesamteindruck: 3/7


(Zu) Wild.

Der Effekt, wenn man „Something Wild“ anno 2019 erstmals nach langer Zeit hört, ist ähnlich dem musikalisch völlig anders gelagerten HammerFall-Debüt „Glory to the Brave“: Das ist alles nicht schlecht, aber die damalige Euphorie (die eigene und die vieler anderer Zeitzeugen) scheint im Nachgang ein bisschen übertrieben. Die mag sich zwar durch die für den gemeinen Metal-Fan zähen Jahre vor 1997 erklären lassen – Fakt ist jedoch, dass mich „Something Wild“ heute nicht mehr so richtig vom Hocker reißt. Im Vergleich zum Erstwerk von HammerFall fällt das sogar noch mehr ins Gewicht, weil Children of Bodom auf ihrem Debüt keinen Übersong á lá „Glory to the Brave“ zu bieten haben.

Begibt man sich auf Spurensuche, kommt man dem Problem relativ rasch auf die Schliche: „Something Wild“ besteht aus vielen starken Ansätzen. In manchen Fällen reicht das für richtig gute Songs, insgesamt wirkt die Platte aber chaotisch und wie Stückwerk. Nicht falsch verstehen: Viele Fans schätzen bis heute die jugendliche Wildheit, mit der die Band hier voll auf Angriff geht. Das sei jedem unbenommen – ich persönlich finde aber die um den Dreh strukturierteren Nachfolger, die den genialen Ideen tatsächlich Raum zum Atmen geben, stärker.

Kurz, knackig – und stellenweise anstrengend.

Auf „Something Wild“ werden 7 Songs in knapp 36 Minuten dargeboten. Kurz und knackig ist das Album demnach, was kein Nachteil ist und die Anstrengung beim Hören in Grenzen hält. Ja, richtig gelesen: Diese Platte kann tatsächlich etwas anstrengend sein, ein Attribut, das leider auch auf einige der neuesten Alben von Children of Bodom zutrifft. Als voll und ganz gelungen empfinde ich auf dem Debüt nur zwei Nummern: „Red Light in My Eyes, Pt. 1“ und „Touch Like Angel of Death“. Ersteres verfügt dank guten Refrains und klassischen Aufbaus über hohen Wiedererkennungswert – abgesehen davon sehe ich mich selbst vor über 20 Jahren, wie ich lauthals „Hate! I can’t control it anymore!“ brülle, was mir damals ziemlich rebellisch vorkam. „Touch Like Angel of Death“ ist der Rausschmeißer und ein Track, der zeigt, dass die Finnen tatsächlich etwas von Songwriting verstehen, auch wenn die Nummer hart an der Grenze ist, die das pure Chaos von sinnigem Liedgut trennt.

Der Rest der Songs besteht aus guten und schwächeren Parts, ohne dass eine Nummer durchgängig stark wäre. Daher erinnert man sich auch kaum, wie die Stücke als Ganzes klingen – oder könnte jemand aus dem Stegreif „The Nail“ erkennen, wenn man das legendäre Intro weglassen würde? Ein anderes Beispiel für meine Probleme mit „Something Wild“ ist „Lake Bodom“, das aus einem starken Intro und dem grandiosen Anfangsriff herzlich wenig macht. Oder das aus interessanten, fast schon an atmosphärischen Black Metal erinnernde Parts bestehende „In the Shadows“. Gerade an dieser Nummer lassen sich a) die vermeintliche Orientierungslosigkeit, die man einer jungen Band aber nicht vorwerfen mag und b) diverse großartige Ansätze erkennen, die leider nicht in einen komplett schlüssigen Song umgesetzt werden. Und so ist man ständig versucht, „Schade!“ zu denken, wenn man sich „Something Wild“ anhört: Schade, dass das dauernd durchscheinende Potenzial nicht so richtig abgerufen wird.

Überambitioniert?

Bereits auf diesem Debüt ist merkbar, dass die jungen Finnen damals schon gestandene Musiker waren. Ihr Songwriting ist zwar noch chaotisch, aber die Leistung an den Instrumenten sehr stark. Am auffälligsten natürlich Sänger/Gitarrist Alexi „Wildchild“ Laiho und Keyboarder Janne „Warman“ Wirman, die bis heute die Eckpfeiler der Band bilden. Aber auch die Rhythmus-Fraktion weiß zu überzeugen (übrigens hat sich am Line-up von Children of Bodom seit dem Debüt, das zum Zeitpunkt dieser Rezension 22 Jahre alt ist, wenig geändert, sieht man von der Position an der zweiten Gitarre ab). An dieser Stelle sei mir ein letzter Blick nach Schweden erlaubt: „Glory to the Brave“ ist insgesamt sicher das bessere Debüt, allerdings muss man dazu sagen, dass die Musik von HammerFall deutlich einfacher gehalten ist und man auch gehörige Songwriting-Unterstützung von Jesper Strömblad (In Flames) hatte. Ob das nun bedeutet, dass Children of Bodom überambitioniert zu Werke gegangen sind oder einfach munter drauflos gespielt haben, ohne sich um irgendwelche Konventionen zu scheren, sei dahingestellt.

Abschließend noch was zum Genre: „Something Wild“ wird, wie auch der Rest der Diskographie von Children of Bodom, gemeinhin im Melodic Death Metal verortet. Das macht die Finnen zu Genre-Geschwistern von z.B. In Flames macht, die dann aber doch einigermaßen anders klingen. Der Einfachheit halber würde ich es dennoch dabei belassen, wobei man sicher darüber streiten kann, ob wir es hier nicht doch eher mit schnellem Heavy Metal mit harschen Vocals zu tun haben. Typisch für den finnischen Metal jener Zeit ist die Musik so oder so: Exzessiver, gerne neo-klassizistischer Keyboard-Einsatz und hochmelodiöse, schnelle Gitarrenleads kennzeichnen nicht nur den Output von Children of Bodom, sondern sind auch bei Bands wie Stratovarius, Nightwish und Sonata Arctica zu finden. Der größte Unterschied zu diesen Künstlern liegt – neben den härteren Riffs – in den Vocals: Frontmann Alexi Laiho singt nicht, er bellt und schreit seine Texte mit heiserer Reibeisenstimme heraus. Gleichwohl geht er dabei leider nicht so kraftvoll zu Werke wie diverse schwedische Genre-Vertreter, was er, wie ich mich dunkel erinnern kann, selbst mal indirekt in einem Interview mit den Worten „ich bin ein verdammter Gitarrist [und kein Sänger]“ eingeräumt hat. Das heißt nun aber nicht, dass die Vocals schlecht wären, Laiho hat seine Nische definitiv gefunden und klingt unverwechselbar.

3 von 7 Punkten für ein gutes, aber keineswegs herausragendes Debüt einer Band aus Finnland, von der in den folgenden Jahren noch viel zu hören sein sollte.

metal.de


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Deadnight Warrior – 3:21 – 3/7
  2. In the Shadows – 6:02 – 4/7
  3. Red Light in my Eyes, Pt. 1 – 4:28 – 6/7
  4. Red Light in my Eyes, Pt. 2 – 3:50 – 4/7
  5. Lake Bodom – 4:02 – 3/7
  6. The Nail – 6:17 – 2/7
  7. Touch like Angel of Death – 7:57 – 5/7

Gesamteindruck: 3/7 


Children Of Bodom auf “Something Wild” (1997):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitars
  • Alexander Kuoppala – Rhythm Guitars
  • Henkka T. Blacksmith – Bass
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Touch like Angel of Death

 

MusikWelt: Built to Last

HammerFall


Mit „(r)Evolution“ gingen HammerFall 2014 nach einer Serie belangloser Alben und dem schnell ad acta gelegten, ohnehin eher halbherzigen Kurswechsel „Infected“ (2011) zurück zu ihren Wurzeln. Epischer Power Metal, heroische Texte, catchy Refrains – all das dominierte plötzlich wieder den Sound der Göteborger und rief Erinnerungen an die seligen späten 1990er wach. Mit ihrem 10. Album „Built to Last“ setzt das Quintett diesen Kurs anno 2016 fort – kein Fehler, zumal das Niveau im Großen und Ganzen stimmt.

Gesamteindruck: 5/7


Epische Hymnen und dämliche Texte.

Dabei machen es die Schweden zunächst durchaus spannend: Das Album beginnt mit dem schwachen Opener „Bring It!“. Dessen Strophen gehen zwar in Ordnung, der Refrain ist jedoch mehr oder weniger für die Tonne. Nachdem ich diese Nummer zum ersten Mal gehört habe, hatte ich tatsächlich schlimme Befürchtungen für das Album und erwartete einen Rückfall in die aus meiner Sicht schwächste HammerFall-Ära, die 2002 mit „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“ begann und die fast ein Jahrzehnt andauern sollte.

Glücklicherweise ist die Eröffnungsnummer ein Ausrutscher und schon Track Nummer 2, „Hammer High“, zeigt die Templer wieder von ihrer besten Seite. Stampfender Rhythmus, mächtiger Heldenchor, zweckmäßige Riffs und ein schönes Solo – was will man mehr. Von einem ähnlichen Schlag ist der Titeltrack, dessen Refrain sogar noch eine Spur ohrwurmiger ausgefallen ist. Andererseits fällt bei eben jenem Song auf, dass die Chöre doch nicht ganz so fett sind, wie man anfangs noch gemeint hat, sondern deutlich an Tiefe vermissen lassen (am ohrenfälligsten ist das beim a-capella-Refrain gegen Ende von „The Sacred Vow“, der den Eindruck erweckt, man hätte dafür ein paar Penner von der Straße ins Studio geholt). Auf der flotteren Seite – und nicht weniger stark – sind „Stormbreaker“, „The Star of Home“ und das hymnenhafte „Dethrone and Defy“. Richtig episch wird es am Ende des Albums mit „Second To None“, das mich als verhältnismäßig progressiver Song voll und ganz überzeugt. Das ist eigentlich untypisch für HammerFall, weil derartig komplexe Anwandlungen in der Historie der Band öfter mal in die Hose gegangen sind. Nicht so „Second To None“, das ich für eines der am besten komponierten HammerFall-Stücke überhaupt halte.

Kleinigkeiten stören den Gesamteindruck.

Freilich ist auch auf „Built to Last“ nicht alles Gold, was glänzt. Die Standard-Ballade „Twilight Princess“ ist zwar kein Fall für die Skip-Taste, begeistert mich aber eher nicht so – vor allem der Schluss, mit dem von Sänger Joacim Cans intonierten„Because the Twilight Princess is me…“ ist ziemlich… merkwürdig. Dann gibt es noch „New Breed“, das ähnlich wie „Bring It!“ an einem sehr holprigen Refrain leidet und damit die tolle Strophe (die ist hier sogar noch viel besser als beim Opener) zunichte macht. Schließlich ist noch das oben kurz angesprochene „The Sacred Vow“ zu nennen, das es für mein Dafürhalten mit der Selbstreferenz, die bei HammerFall ja ohnehin nie zu kurz kommt, übertreibt. Wenn man bei diesem Refrain nicht an „Templars of Steel“ denken muss, weiß ich auch nicht… Sorry, das ist mir eindeutig zu abgedroschen, auch wenn das im Zusammenhang mit den Tugenden, die man an HammerFall schätzt, merkwürdig klingen mag.

Was an „Built to Last“ jedenfalls noch kritisiert werden kann: Meister der Lyrik waren die Herren aus Göteborg ja noch nie. Aber was sie dem geneigten Zuhörer auf diesem Album kredenzen, haut den stärksten Hector aus der Ritterrüstung. Am besten ist es wohl im Refrain von „Hammer High“ zusammengefasst: „Hammer high, this is a freedom cry / Hammer high, no one should ask me why“. Genau, es ist wohl wirklich besser, man fragt nicht, warum. Ich hatte bei HammerFall ja schon öfter das Gefühl, dass ihre Texte hauptsächlich auf Worten, die miteinander kombiniert gut klingen und einigermaßen zur Melodie passen, basieren. Bisher habe ich den Mannen um Sangeswunder Joacim Cans das durchgehen lassen – auf „Built to Last“ wirken die Lyrics allerdings dermaßen hingeschludert, dass man nicht mehr darüber hinwegsehen kann. Erinnert ein bisschen an Manowar, auch wenn deren Wortschatz noch einmal eine Nummer begrenzter ist. Und nein, ein Kompliment ist das in diesem Fall nicht, auch, wenn man beide Bands ob ihrer Einfachheit schätzt, ist das meiner Meinung nach reine Faulheit.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Bring It! – 4:18 – 3/7
  2. Hammer High – 4:37 – 5/7
  3. The Sacred Vow – 4:11 – 5/7
  4. Dethrone and Defy – 5:10 – 6/7
  5. Twilight Princess – 5:03 – 4/7
  6. Stormbreaker – 4:51 – 6/7
  7. Built to Last – 3:52 – 6/7
  8. The Star of Home – 4:478 – 6/7
  9. New Breed – 5:02 – 5/7
  10. Second to None – 5:29 – 7/7

Gesamteindruck: 5/7 


HammerFall auf “Built to Last” (2016):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Guitars, Keyboards, Backing Vocals
  • Pontus Norgren – Guitars, Keyboards, Backing Vocals
  • Fredrik Larsson – Bass, Backing Vocals
  • David Wallin – Drums

Anspieltipp: Second to None

MusikWelt: (r)Evolution

HammerFall


Seit geraumer Zeit stellt sich der geneigte Fan bei jedem neuen HammerFall-Album instinktiv die Frage: Wie schlimm wird es? Auf dem Vorgänger von „(r)Evolution“, „Infected“ (2011), konnte man den Schweden erstmals nach vielen mageren Jahren einen positiven Bescheid ausstellen. Mit vorliegendem 2014er-Release können sie zumindest das Niveau halten. Interessanterweise gehen die Göteborger dabei – dem Titel zum Trotz – gleich mehrere Schritte zurück.

Gesamteindruck: 6/7


Evolution als Schritt zurück.

Was wurde nicht alles geredet und geschrieben, als „Infected“ auf den Markt kam. HammerFall, so der Tenor, hätten sich aus ihrem thematischen Korsett befreit – „endlich“ für die Einen, „leider“ für die Anderen. Aus heutiger Sicht zeigt sich, dass jenes Album ein thematischer Ausreißer war. Ein Einzelfall, der vielleicht nötig war, um die Band mal so richtig „durchzulüften“. Denn mit „(r)Evolution“ gehen HammerFall nur 3 Jahre später zurück an den Anfang: Bandmaskottchen Hector ist wieder auf dem Cover, der Rock-Anteil wurde zugunsten des ursprünglichen Melodic Power Metal der Göteborger zurückgefahren und auch die Lyrics lesen sich zum Teil so, als wäre es wieder 1997. Oder zumindest irgendwann zwischen 1997 und 2002.

Vor allem der Einstieg in „(r)Evolution“ versprüht klassischen HammerFall-Charme. Gleich mit dem Opener „Hector’s Hymn“ setzt man dem Herrn mit dem Hammer, der die Band seit ihren Anfängen begleitet und nur auf „Infected“ sträflich vernachlässigt wurde, ein musikalisches Denkmal. Klingt gut, auch wenn der Refrain fast schon ein bisschen zu cheesy ist – „Hammer high, to the sky“ ist schon eine sehr billige Zeile, dann auch noch „Hammer high, amplify“, was sogar ein bisschen peinlich ist. Andererseits ist man dann aber doch so froh, dass sich die Mannen aus Schweden auf ihre Wurzeln besinnen, dass man ihnen nicht böse sein mag und lieber lauthals mitgröhlt. Der darauf folgende Titeltrack ist auch nicht übel, eher langsam und mit einem Text versehen, der ein bisschen an den Manowar-Gassenhauer „Defender“ erinnert. Keine ganz große Klasse, aber eine schöne Nummer. Komplettiert wird das starke Triumvirat am Beginn der Platte durch „Bushido“. Eine relativ bekannte Nummer, die mir persönlich aber gar nicht so präsent war – auch, weil zu einer Zeit erschienen, als mich HammerFall nicht mehr interessierten. Noch dazu denkt man bei Bushido im deutschsprachigen Raum fast automatisch an einen gewissen Rapper, was meiner Ansicht nach auch nicht geholfen hat, mir den Song näherzubringen (obwohl ich natürlich weiß, dass das eine nichts mit dem anderen zu tun hat, aber wenn die Vorurteile mal drin sind… naja). „Bushido“ ist jedenfalls ein sehr guter Song, der sich nahtlos in die Riege der HammerFall-Hymnen einfügt. Besonders gelungen finde ich die kurze Reminiszenz an „The Way of the Warrior“ (von „Renegade“, 2000) gegen Ende des Songs – „Bushidō“ ist ja japanisch und steht für den Weg des Kriegers.

Doch damit nicht genug, „(r)Evolution“ hat weitere großartige Nummern zu bieten: Den Preis für den besten Song des Albums teilen sich in meinen Ohren „We Won’t Back Down“, bei dem James Michael (im Aufnahmestudio für die Gesangsspuren verantwortlich, ansonsten vielleicht bekannt als Sänger von Sixx:A.M.) im Duett mit Joacim Cans singt und das schnelle, mit super-eingängigem Refrain versehene „Origins“. Zwei tolle Tracks, bei denen theoretisch alle alten HammerFall-Fans jubeln müssten. Ich habe es jedenfalls getan.

Allenthalben solides Liedgut.

Der große Vorteil von „(r)Evolution“ gegenüber praktisch allen seinen unmittelbaren Vorgängern ist, dass sich zu den genannten Nummern keine Ausfälle, sondern durchwegs solides Liedgut gesellt. Am schwächsten ist meiner Ansicht nach die Pflichtballade, die in diesem Fall auf den Titel „Winter Is Coming“ (ja, es geht um „Das Lied von Eis und Feuer“ bzw. „Game of Thrones“ von George R. R. Martin) hört. Nicht ganz für die Tonne, aber für meinen Geschmack viel zu schwerfällig. Im Midtempo-Bereich zeigt sich einmal mehr, dass es bei HammerFall Glückssache ist, ob die Songs zu Rohrkrepierern werden, durch die Decke gehen oder zumindest passabel sind – in diesem Fall sind „Ex Inferis“ und „Evil Incarnate“ irgendwo im Bereich „gar nicht mal so schlecht“. Bei zweiterer Nummer ist der Text allerdings ziemlich misslungen. Abschließend noch ein Wort zum Rausschmeißer „Wildfire“: Sehr schnell, aber gleichzeitig ziemlich ungewöhnlich für HammerFall. Diesen Refrain muss man erst einmal schlucken. Und einen Ohrwurm, den man so eigentlich nicht unbedingt haben möchte, bekommt man auch geliefert. Ob mir die Nummer nun wirklich gefällt, kann ich beim besten Willen nicht sagen. Los wird man sie so oder so jedenfalls nicht mehr so leicht.

Als Fazit würde ich festhalten, dass „(r)Evolution“ meines Erachtens fast genau dort ansetzt, wo HammerFall 2002 mit „Crimson Thunder“ aufgehört haben. Wobei man eines nicht verhehlen kann: Es ist einfach nicht möglich, den alten Zauber nach mehr als einer Dekade 1:1 zu generieren. Darum klingt „(r)Evolution“ trotz aller Anleihen aus der eigenen Vergangenheit vor allem beim ersten und zweiten Durchgang nicht ganz so taufrisch, wie man es wohl gerne gehabt hätte. Und doch bedeutet dieses Album, dass es die Templer nach sage und schreibe 12 Jahren großteils blutleerer, im besten Falle mediokrer Musik endlich geschafft haben, zu ihren Wurzeln zurückzukehren.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Hector’s Hymn – 5:54 – 6/7
  2. r(Evolution) – 4:25 – 5/7
  3. Bushido – 4:41 – 6/7
  4. Live Life Loud – 3:32 – 5/7
  5. Ex Inferis – 4:41 – 5/7
  6. We Won’t Back Down – 4:19 – 7/7
  7. Winter Is Coming – 3:49 – 4/7
  8. Origins – 4:58 – 7/7
  9. Tainted Metal – 4:37 – 5/7
  10. Evil Incarnate – 4:36 – 4/7
  11. Wildfire – 4:04 – 5/7

Gesamteindruck: 6/7


HammerFall auf “(r)Evolution” (2014):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Guitars, Keyboards
  • Pontus Norgren – Guitars, Keyboards
  • Fredrik Larsson – Bass
  • Anders Johannson – Drums

Anspieltipp: We Won’t Back Down

MusikWelt: Infected

HammerFall


Man könnte den Eindruck gewinnen, HammerFall hätten mit ihrem 2011er-Werk „Infected“ alles umgekrempelt: Statt Bandmaskottchen Hector gibt es ein Cover, das an Spiele wie „Left 4 Dead“ erinnert, das Band-Logo ist scheinbar mit Blut geschrieben, im Video zur Single „One More Time“ machen Zombies die Gegend unsicher und das Intro zum Eröffnungstrack „Patient Zero“ stimmt hart auf die Post-Apokalypse ein. Ist also alles neu also bei den (ehemaligen) Tempelrittern aus Göteborg?

Gesamteindruck: 4/7


Etwas längere Inkubationszeit.

Die kurze Antwort: Nein, ist es nicht. HammerFall haben mit „Infected“ mitnichten ein komplettes Album mit Horror-Konzept aufgenommen, wie ich ursprünglich vermutet habe. Ja, es gibt den einen oder anderen Track mit etwas morbideren Lyrics, musikalisch hat sich im Wesentlichen aber seit den vorhergehenden Releases nichts geändert. Insgesamt ist die Musik vielleicht ein wenig düsterer geworden, mag aber auch sein, dass man sich das aufgrund des Cover-Artworks nur einredet. Von einer kompletten Frischzellenkur kann man meines Erachtens also nicht sprechen.

Nach dem ersten und zweiten Durchlauf des Albums war ich auch schon versucht, „Infected“ als ähnlich schwach wie seine Vorgänger abzutun. Allein: Die Platte ist tatsächlich so etwas wie ein Grower. Es dauert eben seine Zeit, bis die Infektion ausbricht, sprich: die Tracks sich erschließen. Nach einigen Durchgängen zeigt sich dann aber, dass es HammerFall tatsächlich gelungen ist, sich zu verbessern und aus den Fehlern zu lernen, die seit „Chapter V: Unbent, Unbowed, Unbroken“ (2005) dazu geführt haben, dass man wesentlich kleinere Brötchen backen muss als in den glorreichen Anfangstagen. Das war jetzt die Kurzfassung – in den folgenden Absätzen gehe ich ins Detail. Wem das zu viel ist: Gleich ganz nach unten zum Fazit scrollen, bitte!

Qualität der Tracks schwankt.

Vielleicht versuchen wir es ausnahmsweise Track-by-Track, um aufzuzeigen, was meiner Meinung nach gut bzw. weniger gut am 2011er-Album der Göteborger Institution ist. Los geht es mit „Patient Zero“ und gleich dem ersten Dämpfer: Das Intro dauert 1:10 Minuten und ist kein eigener Track, sodass man jedes Mal „durch“ muss, wenn man die Eröffnungsnummer hören möchte. Erinnert ungut an das „The Final Frontier“-Desaster von Iron Maiden, falls sich daran noch jemand erinnert. Nach Ablauf des Countdowns bekommen wir es mit einem groovigen, eher langsamen Song zu tun. Positiv ist, dass die Nummer gut zum düsteren Thema passt und sich Joacim Cans gesangstechnisch ebenfalls in das Szenario einfügt. Die Frage ist, warum man ein Album mit einem solchen Stück eröffnet; bei HammerFall braucht es da meiner Ansicht nach schon etwas Schwungvolleres. „Patient Zero“ wäre auf einer Prog-Platte als eine Art erweitertes Intro vielleicht in Ordnung, doch das würde nur bei einem richtigen Konzeptalbum Sinn machen – ein Sachverhalt, der bei „Infected“ nicht vorliegt. Im letzten Drittel wird das Tempo zwar kurzzeitig angezogen, da ist mein Interesse dann aber schon weg. Ein guter Opener geht definitiv anders, andererseits fällt mir auch kein anderer Platz ein, an dem „Patient Zero“ in dieser Form auf das Album gepasst hätte.

Weiter geht es mit „B. Y. H.“ und dem HammerFall-Thema Nummer 1 (seit man sich von Drachen und sonstiger Fantasy abgewendet hat): Der ehrwürdige Heavy Metal, der hier lauthals besungen wird. Ein recht flotter Track, der direkt aus den 1980ern zu stammen scheint. Damals wäre das sicher voll abgegangen, heute ist es musikalisch zwar immer noch hörbar (wenngleich etwas abgedroschen), aber der Text… naja, irgendwie wirkt dieses Beschwören der Headbanger-Gemeinschaft ziemlich aufgesetzt. Also nicht als Thema per se, jedoch bringen es HammerFall nicht so glaubwürdig rüber, finde ich. Warum? Ich weiß es auch nicht so genau, aber bei den Schweden klingt das irgendwie… kindisch? Peinlich? Erinnert ein bisschen an das Gesabbel, das zB von Doro Pesch oft zu hören ist. Oder von Manowar.

Die darauf folgende Single-Auskoppelung „One More Time“ ist mit ihren ständigen Wechseln im Rhythmus definitiv nicht jedermanns Sache. Ich wollte den Song schon verdammen, doch nach diversen Durchgängen gefällt er mir tatsächlich immer besser. Für die Bühne finde ich persönlich ihn allerdings nicht so geeignet. Mehr als über die Unterbrechungen im Aufbau habe ich mich allerdings über die gedämpften und viel zu leisen Gitarren gewundert. Denn die haben auf dem restlichen Album viel Biss – dass das hier nicht der Fall ist, finde ich  bedenklich, weil es den Eindruck erweckt, man hätte mit diesem Track Rücksicht auf die Radiohörer nehmen wollen. Dennoch: Nach kurzer Eingewöhnungsphase ist das eine der besten Nummern auf „Infected“.

„The Outlaw“ ist ebenfalls ein recht unterhaltsamer Song, der verhältnismäßig metallisch aus den Boxen kommt. Zu Begeisterungsstürmen reißt mich die Nummer zwar nicht hin, aber gut ist sie schon. Gegen Ende hin bzw. nach mehrmaligem Hörne wirkt der Refrain in meinen Ohren allerdings zunehmend penetrant, was aber durch die Unterlegung mit einer schicken Gitarren-Melodie abgemildert wird.

Track Nummer 5 schlägt zwei Fliegen mit einer Klappe: Auf jedem HammerFall-Album muss mindestens eine Ballade sein, auf fast jedem eine Cover-Version. „Send me a Sign“ ist beides. Das Original stammt von einer zumindest mir völlig unbekannten ungarischen Band und ist definitiv stärker, als das, was die Schweden daraus gemacht haben. Vor allem der Gesang von Joacim Cans ist im Vergleich deutlich unterlegen; diesen Track hätte ich überhaupt nicht auf „Infected“ gebraucht.

Darauf folgt mit „Dia de los Muertos“ ein Track, der am ehesten an alte HammerFall-Großtaten erinnert. Heißt: Double-Bass-Geballer, feine Riffs, guter Gesang, eine gute Bridge und ein starker Refrain. So muss es sein und ich glaube, ein Song in diesem Stil wäre ein guter Opener für das Album gewesen. Allerdings: Nach 3 Minuten ist „Dia de los Muertos“ eigentlich zu Ende, was völlig okay gewesen wäre. Gut, das Solo danach kann man noch mitnehmen, aber dann fehlt eindeutig ein Refrain. In dieser Form hätte man sich die letzte Minute ganz und gar sparen können. Übrigens werden spätestens bei dieser Nummer die ständigen Breaks, die in den Songs mal mehr, mal weniger zum Einsatz kommen, langweilig und sogar nervig. Ich weiß nicht, wie es anderen geht, aber ich wollte zum Schluss mehrmals „One more time!“ reinbrüllen, weil es gefühlt genau das Gleiche war wie in jener Nummer.

„I Refuse“ ist dann Hardrock par excellence, erinnert so ungefähr an das, was man von neueren Edguy und dem einen oder anderen modernen Helloween-Track kennt. Kann man mal machen, auch als HammerFall. Muss man aber nicht. Und die Message… ja, wir haben schon seit mehreren Alben vernommen, dass die Band genau das macht, was sie will und sich nix dreinreden lässt. Beim Refrain habe ich außerdem das Gefühl, dass Meister Cans beim Gesang eine Tonlage zu erreichen versucht, die er in seinem Alter wohl nicht mehr anstreben sollte. Dieses „I refuse! I refuse! I refuse!“ ist ohnehin ziemlich stupide, erzeugt aber trotzdem einen Ohrwurm. Leider einen von der Sorte, die man nicht zwingend haben möchte.

„Immortalized“ ist sowas wie der vergessene Track auf „Infected“. Ich für meinen Teil wusste jedenfalls auch nach diversen Durchläufen nicht, wie diese Nummer eigentlich klingt. Demnach würde ich sagen: Typischer HammerFall-Filler, wie er auf den letzten Platten sehr häufig vorgekommen ist. Das bedeutet in diesem Fall: Schwacher Refrain, schwache Strophe, gutes Solo. Und nicht mal daran werde ich mich in ein paar Minuten noch erinnern können, soviel ist gewiss.

Dann kommt „666 – The Enemy Within“ und die Rückkehr des Horror-Themas. Aber mal ehrlich: Man könnte die Textzeile „666 – grab the holy crucifix“ doch problemlos durch ein etwas langsamer gesungenes „666 – the Number of the Beast“ ersetzen, oder? Das ist doch genau die gleiche Modulation (oder wie man das nennt), oder täusche ich mich da? Viel mehr als das fällt mir zu diesem Song nicht ein, der Refrain macht ihn jedenfalls ziemlich eingängig. Ansonsten ist er eher unspektakulär, erinnert an Powerwolf, was Text und die gesamte Anmutung betrifft. Mit deren Sänger könnte das meines Erachtens tatsächlich eine ziemlich coole Nummer sein.

Meine erste Assoziation zu „Let’s Get It On“: Aha, HammerFall können auch eine AC/DC-Variante. Ich hätte an Stelle der Schweden aber zumindest auf die Einspieler am Anfang bzw. in der Mitte verzichtet, sowas wirkt immer irgendwie peinlich. Abgesehen davon gefällt mir der Gesang wie schon beim Stück davor überhaupt nicht. So sehr ich Herrn Cans mag und so wenig ich ihm die Schuld am zwischenzeitlichen Niedergang der Band geben kann und möchte: Auf mindestens zweieinhalb Songs trägt er auf „Infected“ dazu bei, dass man HammerFall nicht für ganz voll nehmen mag. Dabei wäre „Let’s Get It On“ musikalisch eine nette, für die Schweden sogar sehr ungewöhnliche Nummer. Wobei man sich fragen kann, ob man einen solchen Sound wirklich von ihnen hören möchte.

Der Rausschmeißer „Redemption“ bietet schließlich eine weitere Möglichkeit für ein bisschen Name-Dropping. Klingt ziemlich nach Stratovarius, vielleicht auch ein bisschen nach Edguy/Avantasia. Macht in diesem Fall aber nichts, weil HammerFall es tatsächlich auf die Reihe bekommen haben, ihre Fähigkeiten, längere Songs zu schreiben, zu verbessern. Aller Ehren wert, wenn man daran denkt, wie sie 2005 noch völlig überambitioniert mit „Knights of the 21st Century“ daran gescheitert sind. „Redemption“ ist im Gegensatz dazu ausgewogen komponiert und ein schönes, episches Stück Heavy Metal. Die Keyboards könnten für den einen oder anderen etwas zu präsent sein, die Anleihen aus Finnland vielleicht etwas zu groß, aber ich finde, dass das Gesamtbild sehr gut passt. Um das zu erkennen, braucht es allerdings ein paar Durchgänge, das möchte ich auch nicht unerwähnt lassen. Ein Meisterwerk? Nicht ganz, aber für HammerFall (denen man ja immer eine gewisse Einfachheit nachsagt) ist das schon sehr nahe an einer Prog Metal-Hymne. Gefällt mir sehr gut und versöhnt ein bisschen mit den mittelprächtigen Nummern davor. Schöner Abschluss!

Fazit: Kein Meisterwerk, aber besser als erwartet.

So viel zu meinem Versuch einer Track-by-Track-Analyse. Festzuhalten ist, dass sich HammerFall auch mit diesem Album nicht auf den Stil zurückbesinnen, der sie groß gemacht hat. Wer also den alten Power Metal mit entsprechenden Themen und Riffs erwartet, wird wohl nicht glücklich mit „Infected“ werden. Die Platte hat zwar ihre metallischen Momente, ist zeitweise aber stark vom Midtempo-Hard Rock geprägt. Letzteres können die Schweden für mein Dafürhalten immer noch nicht so richtig, was dann auch für die Gesamtwertung verantwortlich ist. Ich möchte außerdem die Live-Tauglichkeit eines Großteils des Materials in Frage stellen – keiner dieser Songs hat meines Erachtens das Potenzial, beim Konzert kompromisslos bejubelt zu werden. Dennoch: Kein schlechtes Album und eine klare Verbesserung gegenüber den mauen Vorgängern – vielleicht bin ich deshalb sogar milder gestimmt, als ich es sein sollte? Sei’s drum, mir gefällt das als Gesamtwerk irgendwie und daher ist „Infected“ für mich die stärkste HammerFall-Veröffentlichung seit „Crimson Thunder“ (2002).


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Patient Zero – 6:01 – 3/7
  2. B. Y. H. – 3:47 – 4/7
  3. One More Time – 4:06 – 6/7
  4. The Outlaw – 4:10 – 5/7
  5. Send Me A Sign [Pokolgép-Cover] – 4:00 – 2/7
  6. Dia de los Muertos – 5:07 – 5/7
  7. I Refuse – 4:32 – 3/7
  8. 666 – The Enemy Within – 4:29 – 5/7
  9. Immortalized – 3:59 – 3/7
  10. Let’s Get It On – 4:05 – 4/7
  11. Redemption – 7:02 – 6/7

Gesamteindruck: 4/7 


HammerFall auf “Infected” (2011):

  • Joacim Cans – Vocals
  • Oscar Dronjak – Guitars, Keyboards, Backing Vocals
  • Pontus Norgren – Guitars, Backing Vocals
  • Fredrik Larsson – Bass, Backing Vocals
  • Anders Johannson – Drums

Anspieltipp: One More Time