FilmWelt: Der Goldene Handschuh

Fritz Honka war ein deutscher Serienmörder, der zwischen 1970 und 1975 in Hamburg vier Frauen getötet hat. „Der Goldene Handschuh“ zeigt einige Episoden aus dem Leben des Killers, sollte aber nicht unbedingt als Biographie verstanden werden, denn der Film spart u. a. komplexe, psychologische Vorgänge aus und ergeht sich hauptsächlich darin, Ekel beim Zuseher auszulösen. Letzteres gelingt immerhin meisterhaft.

Gesamteindruck: 3/7


Verwahrloste Brutalität.

Von Fritz Honka habe ich persönlich noch nie etwas gehört, bevor ich diesen Film gesehen habe. Eine Bildungslücke? Vielleicht. Jedenfalls habe ich mich nun zumindest ein wenig mit ihm beschäftigt – vor allem, um eine einigermaßen qualifizierte Rezension abgeben zu können. Zur Einordnung für alle, die so unwissend sind, wie ich es war: „Zum Goldenen Handschuh“ heißt eine bis heute existierende Kneipe auf St. Pauli, in der Honka seinerzeit häufig anzutreffen war. Vorliegender Film ist eine Umsetzung des gleichnamigen Romans von Heinz Strunk, der 2016 veröffentlicht wurde. Regie führte Fatih Akin, der am Kiez selbst kein Fremder ist, was „Der Goldene Handschuh“ fast zu einer Art Heimspiel für den Hamburger Filmemacher macht.

Worum geht’s?
In den 1970er Jahren lebt der gebürtige Leipziger Fritz Honka in bescheidensten Verhältnissen als Hilfsarbeiter in Hamburg. Seine körperlichen Unzulänglichkeiten und seine Schüchternheit machen es ihm unmöglich, auf normalem Wege Frauen kennenzulernen. Das und der Frust über sein verkorkstes und zunehmend verwahrlostes Leben haben ihn zum Trinker gemacht – und lassen ihn schließlich immer tiefer in den Wahnsinn abgleiten und sogar zum Mörder werden

Ein Film wie dieser ist immer eine zwiespältige und schwierige Angelegenheit: Wie stellt man einen Mörder dar, der bei aller Monstrosität seiner Taten letztlich auch nur ein Mensch ist? Der Schwächen, aber vielleicht sogar den einen oder anderen sympathischen Zug hat? Darf man dem Publikum auch nur den leisesten Ansatz zur Identifikation geben – oder muss man ein entmenschlichtes Monster zeigen? Aus meiner Sicht gehören wohl beide Aspekte zur Realität, und ich denke, dass Regisseur Fatih Akin zumindest versucht hat, dem irgendwie gerecht zu werden. Mangels umfangreicherer Kenntnisse über den realen Fritz Honka wage ich nicht zu beurteilen, ob und wie das gelungen ist. Insofern bezieht sich meine Meinung zum Film eben auf diesen, nicht so sehr auf das reale Leben des Mörders oder den Roman von Heinz Strunk (2016), den ich bis dato nicht gelesen habe. Übrigens gibt es diese Diskussion ja immer wieder, besonders in Erinnerung ist mir diesbezüglich „Der Untergang“ (2004) geblieben.

Keine Jugendfreigabe? Kein Wunder!

„Der Goldene Handschuh“ hat keine Jugendfreigabe erhalten. Warum das so ist, erschließt sich beim Ansehen recht schnell – denn auch, wenn die Kamera nicht immer voll draufhält und obwohl sich das Unaussprechliche meist knapp außerhalb des Bildes abspielt, ist dieser Film von unsagbarer Gewalt geprägt. Gegen Ende hin ändert sich deren Darstellung übrigens rapide und die Brutalität kommt direkt und detailliert ins Bild. Von daher dürfte der FSK 18-Sticker schon gerechtfertigt sein, zumindest aber verwundert es nicht, dass der Film ihn verpasst bekommen hat.

Gespielt ist „Der Goldene Handschuh“ meines Erachtens sehr gut. Es sind ja durchaus bekannte Schauspieler am Start, die man teilweise allerdings kaum erkennt: Fettige Haare, schiefe und faule Zähne, blaue Flecken, Augenringe und Alkoholdunst aus allen Poren – schon beeindruckend, was die Maske hier geleistet hat, um die allgemeine Verwahrlosung auch an den Figuren deutlich sichtbar zu machen. Davon abgesehen werden die Nebendarsteller ihrem Namen weitgehend gerecht: Der Film ist, fast in der Tradition eines Kammerspiels, praktisch ausschließlich auf die Hauptfigur ausgerichtet. Der Rest ist Staffage und hat auch kaum Sprechtext, was die Frage aufwirft, ob das Realismus ist – oder ob hier niemand bedacht hat, dass dadurch jegliche Identifikation mit den Opfern stark erschwert wird.

Bei Hauptdarsteller Jonas Dassler bin ich etwas zwiegespalten. Ich glaube, er spielt seine Rolle gut, jedenfalls so, wie es ihm vom Drehbuch wohl vorgegeben wurde. Bei ihm wirkt die Maske geradezu grotesk und dürfte wohl wenig mit dem Aussehen des echten Fritz Honka zu tun haben. Diese Übersteigerung mag Stilmittel sein, ich persönlich fand sie eher deplatziert. Das mag auch damit zu tun haben, dass Akin die Opfer – wie oben beschrieben – ähnlich hässlich und verkommen aussehen lässt, was es eben ungleich schwerer macht, sich mit ihnen zu solidarisieren. Die Verwahrlosung ist allgegenwärtig und mag es auch in Wirklichkeit gewesen sein – dem Film hätte eine Abstufung aber eventuell gut getan. Fast schon fahrlässig ist, dass der Regisseur seinen Hauptdarsteller auch über eine junge, gut aussehende Blondine fantasieren lässt, mit der das männlich-moderne Publikum problemlos Mitleid haben würde. Das ist nicht nur ungerecht, sondern geradezu respektlos den echten Opfern gegenüber.

Es fehlt einiges.

Zusammengefasst: Es liegt es meines Erachtens nicht an den Schauspielern, wenn der Film nicht so gut bewertet wird, wie man es eigentlich erwarten könnte. Ich glaube letztlich, dass das Drehbuch nicht ganz ausgewogen ist. Einerseits wurde viel Mühe investiert, um zu zeigen, in welchem Elend die Figuren – nicht nur Fritz Honka – leben. Das ist gelungen, aber eben nur in Auszügen. Warum es überhaupt soweit gekommen ist, kann man nicht einmal richtig erahnen. Andererseits ist es schwierig, den Mörder überhaupt angemessen zu verurteilen, einfach, weil er sogar in diesem eher seichten Kontext deutlich mehr Persönlichkeit auf den Leib geschrieben bekommen hat, als alle Opfer zusammen. Nimmt man dann noch seinen sächsischen Dialekt und die Rolle als schüchterner Außenseiter dazu, kann er schon den einen oder anderen Sympathiepunkt für sich verbuchen. Und genau das ist es, was den Opfern fehlt – und daher fragt man sich am Ende auch, was uns der Regisseur mit diesem Film eigentlich sagen wollte.

Abschließend möchte ich noch kurz auf die Ausstattung eingehen: Die Dachgeschoßwohnung der Hauptfigur ist meines Erachtens eine der besten Kulissen, die ich in einem deutschsprachigen Film bisher gesehen habe. Ekelhaft versifft, unglaublich detailliert und von klaustrophobischer Enge – man meint jederzeit, den grauenhaften Gestank riechen zu können, der in dieser Bruchbude geherrscht haben muss. Hut ab für Kulissenbauer und Kamerateam, so muss man das erst einmal hinbekommen bzw. dann auch in eindrücklichen Bildern umsetzen. Anmerkung am Rande: In Sachen Ton ist der Soundtrack toll, aber der Mix ist weniger gelungen und verhindert teilweise, dass man Dialoge überhaupt versteht. Schade.

Von mir gibt’s 3 Punkte für die grandiose Ausstattung und die guten schauspielerischen Leistungen. Mehr ist nicht drin, weil der Film weder ein Psychogramm, noch eine Biografie ist und deutlich an Komplexität vermissen lässt. Am schwersten wirkt aber, dass hier einfach so hingenommen wird, dass Honka ein Mörder ist. Nach Hintergründen wird nicht gefragt, es bleibt auch völlig unklar. Das mag einen gesellschaftlich-brisanten Hintergrund haben, der kommt in „Der Goldene Handschuh“ allerdings kaum bis gar nicht zur Geltung.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Der Goldene Handschuh.
Regie:
Fatih Akin
Drehbuch: Fatih Akin
Jahr: 2019
Land: Deutschland, Frankreich
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jonas Dassler, Margarethe Tiesel, Katja Studt, Martina Eitner-Acheampong, Hark Bohm, Marc Hosemann



BuchWelt: Graue Nächte

Arnaldur Indriðason


Ich weiß nicht genau, was es mit skandinavischen Krimis auf sich hat. Sie werden mir laufend im Netz, aber auch im realen Leben empfohlen, sind Bestseller – und ich habe kaum einen davon gelesen. Wenn ich es recht bedenke, ist „Graue Nächte“ überhaupt erst mein zweiter Versuch (nach der „Millenium“-Trilogie von Stieg Larsson).

Gesamteindruck: 3/7


Dunkle Zeiten.

Falls jemand wissen möchte, warum ich ausgerechnet dieses Buch für meine zweite Erfahrung mit einem skandinavischen Krimi ausgewählt habe: Es lag so ‚rum. Also nicht bei mir, sondern auf einem Tisch vor einem Haus hier in Wien. „Zur freien Entnahme“, wie es so schön heißt. Und als eingefleischter Skandinavien- und Island-Fan dachte ich mir: „Warum nicht?“ und habe zugegriffen. Dass es sich dabei um den zweiten Teil einer Reihe um die Ermittler Flóvent und Thorsson handelt, wusste ich nicht – war aber kein Problem, das Buch ist auch ohne Vorkenntnisse problemlos lesbar.

Worum geht’s?
1943 ist Island von den Amerikanern besetzt. Die Stimmung zwischen Einheimischen und Soldaten ist häufig angespannt. Als in der Nähe einer halb-legalen Kneipe mitten in Reykjavík ein junger Mann brutal ermordet wird, übernehmen Kommissar Flóvent von der isländischen Polizei und der Kanadier Thorson von der Militärpolizei die Ermittlungen. Bald stellt sich die Frage, ob dieser Fall – und ein zweiter, an dem Flóvent gerade arbeitet – mit dem Krieg, der in Island so fern scheint, in Verbindung stehen

Mir hat „Graue Nächte“ ganz gut gefallen, vom Hocker gerissen hat mich das Buch allerdings nicht. Ich fange mal mit den positiven Aspekten an: Arnaldur Indriðason hat mit dem Island der 1940er Jahren einen Schauplatz gewählt, den man als Mitteleuropäer so gar nicht auf dem Schirm hat. Die Insel im Nordatlantik ist heutzutage zwar ein beliebtes Ziel für Touristen aus aller Welt, ihre jüngere Geschichte ist in unseren Breiten hingegen weniger bekannt. So gesehen sind Ort und Zeit der Handlung nicht nur ungewöhnlich, sondern machen den Leser nebenbei mit einigen interessanten Aspekten der Zeitgeschichte vertraut, darunter wie sich die Bevölkerung mit den ausländischen Soldaten arrangiert (oder auch nicht) und nationalsozialistische Tendenzen in Island.

„Graue Nächte“ ist letztlich aber kein Geschichtsbuch, sondern ein Krimi und muss auch als solcher funktionieren – vor allem, weil die Historie Islands im 2. Weltkrieg zwar schön angerissen, aber nicht allzu sehr vertieft wird. Muss natürlich auch nicht sein, ich wollte es nur angemerkt haben. Spannend ist jedenfalls, dass die Handlung zumindest teilweise nicht linear erzählt wird. Darauf kommt man erst im Laufe der Lektüre – und es ist tatsächlich einigermaßen befriedigend, wenn die Puzzlesteine mit der Zeit ein immer klareres Bild über die Abläufe ergeben. Es ist außerdem durchaus kurzweilig, zu lesen, wie die Ermittler an den Fall des so brutal ums Leben gekommenen jungen Mannes herangehen und dabei eher düstere Seiten der nordischen Beschaulichkeit aufdecken. Und auch der zweite Fall, der eher ein Nebenstrang der Handlung ist, ist gefällig inszeniert.

Kleinere Längen und wenig Charakterzeichnung.

All das wäre gute Punkte wert, ganz überzeugen konnte mich der Autor aber dennoch nicht. Ein Grund dafür sind Längen, die sich trotz des relativ geringen Umfangs immer mal wieder einschleichen. Und: Die Handlungsstränge sind per se schon spannend, allerdings wirken sie gegen Ende hin nicht so richtig ausgereift und werden auch nicht ganz befriedigend zusammengeführt bzw. abgeschlossen. Und dann gibt es da noch die eine oder andere Unwahrscheinlichkeit, die zumindest mir nicht so richtig in den Kopf wollte – oder war es im 2. Weltkrieg normal, dass Unteroffiziere einen Vertreter der Militärpolizei dermaßen respektlos behandeln und der sich das gefallen lässt? Wir sind ja – zum Glück – weit von solch dramatischen Zeiten entfernt, aber wenn ich an meine Militärzeit zurückdenke, kommt es mir so vor, als ob sogar Offiziere ein mulmiges Gefühl gehabt hätten, wenn Vertreter der Militärpolizei aufgetaucht sind…

Abgesehen davon: Ich habe oben erwähnt, dass das Buch zwar Teil 2 einer Reihe ist, aber dennoch auch für sich gelesen werden kann. Das trifft zumindest auf die Kriminalhandlung zu. Nicht so sicher bin ich mir allerdings, was die Charaktere betrifft. Die zwei Ermittler sind zwar durchaus sympathisch, andererseits wirken sie nicht gerade tiefgründig. Ich kann natürlich nicht sagen, ob das ein generelles Versäumnis des Autors ist – oder ob sie in Band 1 der Reihe („Der Reisende“) genauer charakterisiert werden und das, was man in „Graue Nächte“ zu lesen bekommt, eine kleine, feine Fortentwicklung ist. Steht das Buch für sich, ist es jedenfalls sehr handlungsbezogen und baut eine im Allgemeinen eher düstere, aber gute Atmosphäre auf, mit der die Hauptfiguren nicht mithalten können.

Alles in allem ist „Graue Nächte“ für mich damit ein durchschnittliches Buch ohne große Stärken und mit ein paar kleineren Schwächen. Der historische Aspekt ist gut gelungen, wenn auch nicht sonderlich tiefschürfend, der Krimi wäre gut, hat aber mit Längen und einer nicht ganz zufriedenstellenden Auflösung zu kämpfen.

Gesamteindruck: 3/7


Autor: Arnaldur Indriðason
Originaltitel: Petsamo.
Erstveröffentlichung: 2016
Umfang: ca. 400 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

BuchWelt: Abfangjäger

Hans-Peter Vertacnik


Ein merkwürdiger Zufall: Kurz bevor ich dieses Buch zu Ende gelesen habe, kam die leidige „Eurofighter-Affäre“, die die Republik Österreich seit bald 20 Jahren begleitet, wieder in die Medien. Einige Tage vorher gab es außerdem einen Terroranschlag in Wien und im Zuge der Ermittlungen kam zutage, wie verfilzt und politisch geprägt ein Teil der österreichischen Polizeistrukturen zu sein scheint. Beides sind Themen, die Autor Hans-Peter Vertacnik in seinem 2007 erschienen Roman „Abfangjäger“ zur Sprache bringt – mal mehr, mal weniger verklausuliert.

Gesamteindruck: 3/7


Zoff um Zoff.

„Abfangjäger“ ist der Debütroman von Hans-Peter Vertacnik, der bis dahin lediglich zwei Gedichtbände veröffentlicht hatte. Gleichzeitig bildet das Buch den ersten von zwei Romanen über Oberstleutnant Peter Zoff, seines Zeichens Leiter des Morddezernats in der steirischen Landeshauptstadt Graz. Potenzielle Leser dürfen also einerseits mit einem klassischen Krimi rechnen, der andererseits mit einer ordentlichen Portion Lokalkolorit angereichert ist. Wer das mag, vielleicht sogar in Graz oder Wien (kurioserweise ist der Großteil der Handlung in der Bundeshauptstadt angesiedelt) wohnt, wird sich schnell heimisch in „Abfangjäger“ fühlen. Die Spannung stimmt im Wesentlichen auch – allerdings gibt es ein paar andere Mängel, die recht gravierend ausfallen.

Inhalt in Kurzfassung
Als Oberstleutnant Peter Zoff nach dem Mord eines Kollegen die Ermittlungen aufnimmt, ahnt er noch nicht, mit welchen Kreisen er sich anlegt. Denn die Spur, die er verfolgt führt nach ganz oben – bis in die höchsten Kreise der österreichischen Politik…

Fangen wir mit dem Positiven an: „Abfangjäger“ ist ein schnell zu lesendes, kurzweiliges Buch. Die Handlung hat die eine oder andere unerwartete Wendung und dem Autor gelingt es, die Spannung fast durchgängig auf hohem Niveau zu halten. Die meisten der rund 380 Seiten vergehen wie im Flug, teilweise mag man das Buch gar nicht aus der Hand legen, weil es Schlag auf Schlag geht. In der Hinsicht gibt es also wenig zu meckern: „Abfangjäger“ ist rasant, weiß zu unterhalten und ist die perfekte Lektüre für Zwischendurch.

Problembehaftetes Debüt.

Auf den zweiten Blick fallen allerdings ein paar Dinge auf, die eventuell der Unerfahrenheit von Hans-Peter Vertacnik als Autor geschuldet sein mögen; einen Teil davon hätte der Verlag bzw. das Lektorat allerdings ausbügeln können, ja sogar müssen, wie ich finde. Damit meine ich, dass z. B. der Wiener Stephansplatz im Buch durchgehend als Stefansplatz bezeichnet wird – so etwas muss doch eigentlich sofort auffallen. Und auch sonst sind Rechtschreibfehler keine Seltenheit, was ich allerdings nicht zu streng sehen möchte, weil das selbst in den größten Verlagshäusern immer wieder vorkommt. Ein Puzzlestein, der den Gesamteindruck schmälert, sind sie aber dennoch.

Noch gravierender sind Schwächen im Ausdruck, die mich mit zunehmender Lektüre immer mehr gestört haben. So wird zum Beispiel die Wiener U-Bahn stets als „Untergrundbahn“ bezeichnet oder das Handy durchgehend als „Mobiltelefon“ – auch in Dialogen, was besonders befremdlich wirkt, denn so spricht in der Realität kein Mensch. Ebenfalls in diese Kategorie fällt, dass unterschiedliche Figuren in den Dialogen immer wieder wortgleiche Formulierungen verwenden. Beispielsweise sagt fast jeder Charakter mindestens einmal „Mein Lieber…“. Bemühungen, den Personen verschiedene Ausdrucksweisen zu verpassen, sind kaum erkennbar.

Und: Das Buch ist zwischendurch immer wieder geprägt von einem gewissen Stakkato-Stil, von kurzen, abgehakten Sätzen, die mir einfach nicht gefallen wollen und das Lesevergnügen doch ein wenig schmälern. Passend dazu: Gefühlte 90% der im Buch erwähnten Namen bestehen aus sehr wenigen Buchstaben: Zoff, Abel, Voss, Reis, Kauz usw. Wenn das eine eigene Stilistik sein soll, verstehe ich den Witz an der Sache nicht, zumal der Rest der Namen ja normal ist (z. B. Eichinger). Das führt durch die Vielzahl an Figuren übrigens auch gerne zur Verwirrung, weil man irgendwann vergisst, wer überhaupt wer ist.

Apropos Figuren: Die Charaktere würde ich eher als zweckmäßig bezeichnen. Zumindest ist mit Hauptfigur Zoff aber eine starke Figur am Start, der es auch nicht an menschlichen Fehlern und Schwächen mangelt. Wobei man auch hier das Gefühl einer gewissen Oberflächlichkeit nie ganz los wird. Denn Zoff verhält sich zum Teil merkwürdig, was in Ordnung wäre, wenn es vernünftig erklärt würde. Das betrifft z. B. auch Dinge wie seine Eheprobleme, die … hmmm … einfach da sind. Warum, weshalb und wie damit umzugehen ist, wird nicht vernünftig dargestellt, was eine Identifikation stark erschwert.

Zu viel des Guten.

Der Autor war, so steht es in seinem Lebenslauf, früher selbst in leitender Position bei der Polizei tätig. Es ist also davon auszugehen, dass die im Roman beschriebenen Details der Ermittlungsarbeit durchaus realistisch dargestellt werden. Allerdings geht die Fantasie in „Abfangjäger“ an anderer Stelle komplett mit ihm durch: Die schiere Anzahl an Morden, darunter an Polizisten und sogar Politikern, spottet jeder Beschreibung. Das wäre meiner Ansicht nach nicht in diesem Ausmaß nötig gewesen, auch weil es die genannte Glaubwürdigkeit irgendwie zunichte macht und fast schon unfreiwillig komisch wirkt.

Nun aber zu meinem Fazit, das gar nicht so einfach zu ziehen ist: Ja, „Abfangjäger“ ist tatsächlich unterhaltsam geschrieben, allerdings ist eher der Weg das Ziel. Denn die Story selbst ist letztlich nicht der Rede wert bzw. ist die Auflösung wenig zufriedenstellend. Vor allem kommt das titelgebende Fluggerät so gut wie nicht vor und die Hintermänner bleiben weitgehend unerkannt. Abgesehen davon ist die Kritik an der österreichischen Klüngelpolitik zwar da, aber bei weitem nicht so ausgereift, wie man sie sich erhoffen würde. Dazu war der Mut vielleicht nicht groß genug – oder die Ideen haben letztlich doch gefehlt. So oder so: Ich hatte zum Schluss keineswegs das Gefühl, dass alle Fäden sinnvoll miteinander verknüpft wurden.

Wer vorhat, „Abfangjäger“ zu lesen, darf sich darauf einstellen, für ein paar Stunden gut unterhalten zu werden. Das ist schön und gut – mehr sollte man sich davon aber nicht erwarten. Der Roman hat ausgeprägte stilistische Schwächen und lässt an echtem Tiefgang vermissen. Wer sich daran nicht stört, kann der Gesamtwertung einen Punkt hinzufügen. Bei mir reicht es knapp für 3/7.

Gesamteindruck: 3/7


Autor: Hans-Peter Vertacnik
Originaltitel: Abfangjäger.
Erstveröffentlichung: 2007
Umfang: ca. 380 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

SerienWelt: Der Pass – Staffel 1

„Der Pass“ ist eine deutsch/österreichische Co-Produktion. Allein deshalb könnte man meinen, die Serie würde sich unversehens auf die Gegensätze zwischen zwei Nationen, die sogar die gemeinsame Sprache trennt, stürzen. Sieht man die Vorschau, denkt man hingegen vielleicht an einen Mystery-Thriller. Beide Annahmen enthalten ein Körnchen Wahrheit, sind aber bei weitem keine bestimmenden Elemente – vielmehr haben wir es hier mit einer eiskalt inszenierten Jagd auf einen grausamen Verbrecher zu tun, die auch von bekannten Hollywood-Größen nicht besser hätte verarbeitet werden können.

Gesamteindruck: 6/7


Grenzfall.

Dabei liest sich die Rahmenhandlung der deutsch/österreichischen Produktion „Der Pass“ zunächst nicht sonderlich aufregend. Der vom Duo Philipp Stennert und Cyrill Boss verarbeitete Stoff unterscheidet sich – so jedenfalls der oberflächliche Eindruck – nicht sonderlich von dem, was man aus zahllosen Folgen „Criminal Minds“, „C.S.I. Miami“ und wie sie alle heißen, kennt. Sieht man sich die 8 Folgen der 1. Staffel (eine zweite wurde bereits in Auftrag gegeben) jedoch an, merkt man schnell, dass nicht nur die geografische Herkunft der Serie außergewöhnlich ist.

Inhalt in Kurzfassung
Auf einem Gebirgspass zwischen Österreich und Deutschland wird eine Leiche gefunden. Weil der augenscheinlich Ermordete genau auf einem Grenzstein drapiert wurde, sind Beamte aus beiden Ländern für den Fall zuständig – auf deutscher Seite ermittelt die tüchtige, junge Kommissarin Ellie Stocker, ihr Gegenüber ist der zynische Inspektor Gedeon Winter. Der interessiert sich zunächst wenig für den Mord, erst als weitere, ähnlich zugerichtete Leichen gefunden werden, wird klar, dass das ungleiche Paar zusammenarbeiten muss, um den Serientäter zu stoppen.

Zunächst ist festzuhalten, dass die Jagd nach dem Mörder, der der Polizei immer einen Schritt voraus zu sein scheint, extrem spannend inszeniert ist. Der dramaturgische Aufbau passt sehr gut; man lernt zunächst die beiden Ermittler kennen, wobei gerade die richtige Dosis an Privatleben einfließt. Der Interaktion zwischen den Hauptdarstellern Julia Jentsch (Stocker) und Nicholas Ofczarek (Winter) wird viel Raum gegeben und die beiden harmonieren ausgezeichnet miteinander. Dadurch fällt es dem Zuschauer nicht schwer, sich mit den Figuren, die mit ihren kleinen Stärken und großen Schwächen sehr realistisch wirken, zu identifizieren. Und auch die relativ frühe Begegnung des Publikums mit dem Mörder passt vom Timing her gut, obwohl es im ersten Moment merkwürdig ist, dass man den Antagonisten so früh bereits kennt. Dessen Rolle wurde mit Franz Hartwig ebenfalls gut besetzt, die von ihm ausgestrahlte Kälte und absolute Kontrolle in jeder Situation lassen ihn tatsächlich bedrohlicher erscheinen, als das in vielen aktuellen Produktionen der Fall ist.

Schauspieler und Handlung: Top!

Die schauspielerischen Leistungen sind durch die Bank gut, das betrifft sowohl Haupt- als auch Nebendarsteller. Eventuell könnte man Nicholas Ofczarek leicht übertriebenes Spiel vorwerfen, andererseits war das wohl notwendig, um den Kontrast zu seiner deutschen Kollegin noch stärker hervorzuheben. Mir hat seine Darbietung (und letztlich auch die Entwicklung seines Charakters) nach einer kleinen Eingewöhnungsphase jedenfalls gefallen. Positiv sind im Übrigen auch der hervorragende Soundtrack, der die bedrückende Stimmung perfekt untermalt und die Optik der Serie, die einerseits den Winter in den Bergen direkt in die eigenen vier Wände zu holen scheint, andererseits die Schön- und Wildheit der Natur außergewöhnlich gut einfängt.

Zur Handlung selbst: Ja, vordergründig ist „Der Pass“ ein klassisches Katz-und-Maus-Spiel zwischen einem überaus intelligenten Verbrecher, der ganz auf sich gestellt eine Hundertschaft an Ermittlern beschäftigt, die seiner einfach nicht habhaft werden können. Garniert ist diese Geschichte mit persönlichen Problemen der Ermittler und der einen oder anderen dramatischen Wendung. Übrigens: Die Klischees, die sich aus der kulturellen Diskrepanz zwischen Deutschland und Österreich ergeben könnten, werden in dieser Serie fast völlig vermieden, wenn man von kleineren Anspielungen absieht. Gute Entscheidung, wie ich finde.

Integriert in die trotz allem eher konventionelle Jagd nach dem Serientäter bietet „Der Pass“ eine Vielzahl an weiteren Aspekten, die man anhand der Inhaltsangabe so vielleicht nicht erwarten würde. So wird u.a. die Frage gestellt, ob in der Polizeiarbeit der Zweck die Mittel heiligt, wenn es darum geht, einen dermaßen gefährlichen Verbrecher zu fassen. Auch die Rolle von Presse (Stichwort: Sensationslust) und sozialen Medien (Selbstdarstellung) wird kritisch hinterfragt, dazu kommt – einigermaßen subtil verpackt – das aktuell allgegenwärtige „Ausländerthema“ nebst politischer Komponente, ein Handvoll Psychologie und ein wenig Brauchtum.

Alles in allem eine sehr schöne Kombination, die meiner Meinung nach nahezu perfekt umgesetzt wurde. Kleinere Längen nimmt man in diesem Fall gerne in Kauf. Sie verhindern zwar die Höchstwertung, aber eine der besten Serien, die man aktuell sehen kann, ist „Der Pass“ definitiv.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Der Pass
Regie: Philipp Stennert, Cyrill Boss
Land: Deutschland, Österreich
Jahr: 2019
Episoden: 8
Länge: ca. 45 Minuten
Gesehen auf: Sky
Haupt-Besetzung (Auswahl): Julia Jentsch, Nicholas Ofczarek, Franz Hartwig, Hanno Koffler, Lucas Gregorowicz, Lukas Miko, Natasha Petrovic, Martin Feifel



 

FilmWelt: Sieben

Das Jahr 2017. Mittlerweile hat man alle möglichen und unmöglichen Dinge in Filmen gesehen. Es gibt jede Menge Material, das in eine ähnliche Kerbe wie „Sieben“ haut. Und genau jetzt tauchte der Film, der in meiner Erinnerung immer als Meisterwerk abgeheftet war, in den Empfehlungen des Streaming-Dienstes meiner Wahl auf. Grund genug, mal wieder bewusst reinzusehen, erstmals seit vielen, vielen Jahren.

Gesamteindruck: 6/7


Gut gealterter Psychothriller.

Erinnerungen täuschen gerne mal. „Sieben“ habe ich erstmals kurz nach seinem Erscheinen im Jahr 1995 gesehen, ich denke es wird ein Jahr später gewesen sein, als der Film erstmals im Free TV gelaufen ist. Seither immer mal wieder im Programm, habe ich eigentlich nie mehr eingeschalten, zumindest nicht über die volle Länge. Dabei kam mir „Sieben“ beim ersten Ansehen vor gut 20 Jahren wie ein absolutes Meisterwerk vor. Das kann verschiedene Gründe haben – für mich war der Film damals definitiv etwas vollkommen Neuartiges. Optik und Atmosphäre, Machart, Drehbuch, Schauspieler und auch die für einen Hollywood-Film geradezu unglaubliche Härte in manchen Szenen hatte ich so noch nicht erlebt. „Sieben“ war somit der erste Film seiner Art, zumindest in meiner Wahrnehmung.

Aus heutiger Sicht kann man sagen, dass der Film um den Serienkiller, der sich an den Sieben Todsünden orientiert, außergewöhnlich gut gealtert ist. Die Bilder suchen nach wie vor ihresgleichen, man kann im Endeffekt tatsächlich von einem Kunstwerk sprechen. Die dadurch erzeugte Atmosphäre, die in einem ewig verregneten Moloch agierenden Ermittler – das alles hat etwas vom film noir. Dazu kann man Regisseur David Fincher nur gratulieren, speziell das Spiel mit den Farben ist einzigartig und erzeugt einen solch abgrundtiefen Pessimismus, wie man ihn selten in einem Blockbuster sieht. An alledem gab es 1995 nichts auszusetzen und daran hat sich bis heute nichts geändert.

Gleiches gilt für die Hauptdarsteller. Morgan Freeman (als desillusionierter, im Grunde seines Herzens aber gutmütiger Cop kurz vor der Pension) und Brad Pitt (als dessen ehrgeiziger Nachfolger) ergänzen sich ganz wunderbar. Vor allem das Spiel des damals noch sehr jung wirkenden Pitt kann an der Seite des erfahrenen Freeman voll und ganz überzeugen, speziell in der intensiven Schlussszene. Kevin Spacey als Bösewicht tritt über weite Strecken des Films nicht in Erscheinung, wenn er dann endlich auftaucht, macht er seine Sache solide. Ganz glaubwürdig scheint es mir aber nicht zu sein, wie er die Polizei zum Narren hält, was aber weniger am Schauspieler liegt, sondern an der mangelhaften Charakterzeichnung im Drehbuch. Bleibt Gwyneth Paltrow, als Polizistenfrau, deren Charakter ebenfalls nicht sonderlich Tiefgang aufweist – ihre Rolle ist wohl eher als dramaturgische Unterstützung gedacht gewesen. Das ist in Ordnung, allerdings übertreibt es Paltrow für mein Dafürhalten und legt mir etwas zu viel Theatralik in ihren Charakter.

All das sind allerdings keine Probleme, die „Sieben“ zu einem schwachen Film machen. Denn auch die Handlung passt, auch wenn sie – aus heutiger Sicht! – nicht sonderlich innovativ scheint. 1995 war das anders, zumindest für mich. Leider leistet sich das Drehbuch diverse Schwächen, über die ich damals in meiner ersten Begeisterung hinweggesehen habe, die ich heute aber doch recht deutlich empfinde. Die mangelnde Entwicklung der Charaktere habe ich angesprochen – das betrifft vor allem Serienkiller John Doe, über den man für meinen Geschmack viel zu wenig erfährt. Es ist und bleibt ein Rätsel, wie er es schafft, seine Taten langfristig dermaßen perfekt zu begehen und die „richtigen“ Spuren zu legen. An dieser Stelle hätte man sich dringend tiefgehendere Einblicke gewünscht. Stattdessen fokussiert sich der Film auf die Tätigkeiten der Ermittler, die aber immerhin mit ausreichend Persönlichkeit ausgestattet wurden.

Und so sind es letztlich diverse Unwahrscheinlichkeiten und wenig ausgearbeitet scheinende Handlungsstränge, die „Sieben“ den Status des Meisterwerkes verwehren. Natürlich ist das aus heutiger Sicht leicht gesagt – aber 90% aller „Criminal Minds“-Folgen zeigen die Ermittlungsarbeit ausgefeilter. Weil man aber nicht vergessen darf, dass es diese Serie und viele Filme ohne „Sieben“ in der Form vermutlich gar nicht geben würde, gibt es dennoch 6 Punkte. Nicht nur aus nostalgischen Gründen, sondern weil der Film atmosphärisch tatsächlich bis heute seinesgleichen sucht und durchaus als Pionier angesehen werden kann. Nicht perfekt, klar, aber dennoch wegweisend.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Se7en
Regie: David Fincher
Jahr: 1995
Land: USA
Laufzeit: 127 Minuten
Besetzung (Auswahl): Morgan Freeman, Brad Pitt, Gwyneth Paltrow, Kevin Spacey, John C. McGinley, R. Lee Ermey, Richard Roundtree



 

MusikWelt: De Mysteriis Dom Sathanas

Mayhem


„De Mysteriis Dom Sathanas“ (1994) ist eine unglaublich gute und atmosphärische Platte. Das Album gilt meiner Ansicht nach mit Recht als eine der wichtigsten Veröffentlichungen aus der Frühzeit der zweiten Black Metal-Generation. Und wer sich auch nur ansatzweise für diese Form der norwegischen Tonkunst interessiert, kommt an diesem Album genauso wenig vorbei, wie an den Frühwerken von Darkthrone (vor allem „A Blaze In The Northern Sky“, 1993).

Gesamteindruck: 7/7


Roh und furchteinflößend.

Die – gelinde gesagt – bewegte Vergangenheit von Mayhem ist bekannt und hat ihren Teil zum Kult-Status der Band beigetragen. Im Angesicht der Verbrechen, die im Umkreis der Norweger verübt wurden, ist es nicht einfach, eine objektive Kritik zu einem der wichtigsten Werke der zweiten Black Metal-Generation zu verfassen. Noch dazu ist der berüchtigte Varg Vikernes auf „De Mysteriis Dom Sathanas“ als Bassist zu hören. Und das obwohl Drummer Hellhammer der Familie des von Vikernes (kurz vor der ursprünglich geplanten Veröffentlichung des Albums) ermordeten Mayhem-Gitarristen Euronymous versprochen hatte, die Basslinien zu entfernen und neu einzuspielen.

Abseits dieser Fakten – also rein vom musikalischen Standpunkt aus betrachtet – kann man Mayhem auf „De Mysteriis Dom Sathanas“ allerdings nichts vorwerfen. Es herrscht roher, furchteinflößender und kalter Black Metal vor, mal vorwärts peitschend, mal im Midtempo vorgetragen – und das in genau der richtigen Tonqualität. Gleich nach dem infernalischen Opener „Funeral Fog“, der sofort zeigt, wo es lang geht, gibt es mit „Freezing Moon“ einen absoluten Klassiker zu hören, der sehr abwechslungsreich aus den Boxen kommt und alle Trademarks von Mayhem in sich vereint. Nebenbei zeigt sich auch gleich, welch außergewöhnlicher Black Metal-Sänger Attila Csihar ist. Wobei sich gerade am exzentrischen Frontmann die Geister scheiden dürften (ein Schicksal, dass er mit seinem Interims-Nachfolger Maniac teilt). Das Organ des Ungarn tönt nämlich nicht so sehr hasserfüllt oder aggressiv als vielmehr extrem bösartig und auf perverse Weise verführerisch. Sicherlich nicht jedermanns Geschmack, ich persönlich finde seinen Stil sehr passend.

Neben dem eröffnenden Doppelschlag kann vor allem der Titeltrack mit seinem besonders ausgefallenen, choralartigem Gesang und der damit einhergehenden, morbiden Atmosphäre begeistern. Was für ein Rausschmeißer! Dem steht auch das mit bösartigem Geflüster und später mit Bathory-mäßigen Gesangslinien unterlegte „Life Eternal“ in nichts nach – bei diesem Stück überzeugt auch der eindrucksvolle, basslastige Beginn und das coole Drumming im instrumentalen Mittelteil. Auch „From The Dark Past“, das gekonnt zwischen Heavy- und Black-Metal wechselt, fällt in diese Kategorie der absoluten Klassiker. Die übrigen, jetzt nicht explizit genannten Songs fallen demgegenüber kaum ab. Einzig „Pagan Fears“ gefällt mir nicht ganz so, weil die Nummer im Vergleich zum Rest ein bisschen austauschbar klingt.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Funeral Fog – 5:47 – 6/7
  2. Freezing Moon – 6:23 – 7/7
  3. Cursed In Eternity – 5:10 – 6/7
  4. Pagan Fears – 6:21 – 5/7
  5. Life Eternal – 6:57 – 7/7
  6. From The Dark Past – 5:27 – 7/7
  7. Buried By Time And Dust – 3:34 – 6/7
  8. De Mysteriis Dom Sathanas – 6:22 – 7/7

Gesamteindruck: 7/7 


Mayhem auf “De Mysteriis Dom Sathanas” (1994):

  • Attila Csihar − Vocals
  • Euronymous − Guitars († 1993)
  • Blackthorn − Guitars
  • Count Grishnackh − Bass
  • Hellhammer − Drums

Anspieltipp: De Mysteriis Dom Sathanas

BuchWelt: Der Fall des Lemming

Stefan Slupetzky


„Der Fall des Lemming“ ist trotz streckenweise haarsträubender Skurrilität ein leicht und schnell zu lesendes Buch. Schwarzer Humor wechselt sich mit interessanten Wendungen ab und den Detektiv beim bemühten Kombinieren und zufälligen Stolpern über Wahrheiten und in Fettnäpfchen zu beobachten macht einfach Freude.

Gesamteindruck: 6/7


Schwarzer Humor auf österreichisch.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, bei Stefan Slupetzkys „Lemming“ handelt es sich um einen nachgemachten „Brenner“ (Wolf Haas). Zu ähnlich verlaufen die Karrieren der beiden Hauptfiguren (Kripo – Detektivbüro – Privatdetektiv). Auch die Fälle, in die die beiden in sich gekehrten Einzelgänger verwickelt werden, sind ähnlich verzwickt, brutal und voller Wendungen. Zuguterletzt haben beide Autoren das Talent, das typisch Österreichische nahezu perfekt einzufangen und zu zelebrieren.

Ein billiger Abklatsch also? Mitnichten, allein der Schreibstil ist ein völlig anderer. Slupetzky schreibt „normal“, verwendet den österreichischen Dialekt und umgangssprachlichen Satzbau lediglich ab und an in der direkten Rede. Auch dass der Autor ein Wiener ist und als solcher die hiesige Seele bestens zu beschreiben weiß, ist ein sehr gutes Unterscheidungsmerkmal. Dazu kommt ein pechschwarzer Anstrich des Ganzen, der zwar auch bei Wolf Haas vorhanden ist, bei Slupetzky aber wesentlich subtiler wirkt.

Die Höchstwertung bleibt dem 1. Band der „Lemming“-Reihe nur verwehrt, weil die Auflösung des Falles nicht ganz meine Erwartungen erfüllt hat – hier hätte ich etwas mehr Finesse erwartet. Dennoch eine Empfehlung für Freunde des österreichischen Krimis, den man mittlerweile schon fast als eigenes Sub-Genre bezeichnen kann.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Stefan Slupetzky
Originaltitel: Der Fall des Lemming – Eine Wiener Mordgeschichte.
Erstveröffentlichung: 2004
Umfang: ca. 260 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

BuchWelt: Hannibal

Thomas Harris


Was eine gute Wertung verhindert, ist der extrem an den Haaren herbeigezogene Schluss des Buches. Hier ist die Fantasie ein wenig zu sehr mit Thomas Harris durchgegangen, was bestenfalls aufgesetzt, eher aber absolut lächerlich wirkt. Der gleichen Ansicht waren scheinbar auch die Filmemacher, die den zugehörigen Streifen mit einem wesentlich realistischeren Finale ausstatteten. Hier sei allen potentiellen Lesern geraten, sich nicht zuviel zu versprechen, dann ist die Enttäuschung nicht so groß.

Gesamteindruck: 4/7


Bester Teil der Serie – wenn der Schluss nicht wäre.

Nachdem „Das Schweigen der Lämmer“ sowohl als Buch als auch als Film zum Bestseller wurde, war vorauszusehen, dass Thomas Harris eine Fortsetzung folgen lassen würde. Das ist nicht nur legitim, es bietet sich aufgrund des offenen Endes des Vorgängers natürlich auch an. So wurde „Hannibal“, der dritte Teil der Reihe über den feinsinnigen und intelligenten Serienkiller „Dr. Hannibal Lecter“ sehnsüchtig von den Massen erwartet. Damit wurde es offenbar auch zu einem oft rezensierten Buch auf einschlägigen Plattformen (z. B. hier), wobei die Meinungen extrem auseinandergehen.

Es mag für manche ein Sakrileg sein, wenn ich das behaupte, aber: „Hannibal“ ist – zumindest was Stil, Lesbarkeit und grundsätzliche Spannung betrifft – meiner Ansicht nach tatsächlich der stärkste Roman der Serie (ohne das Prequel von 2006, „Hannibal Rising“, bis zum Zeitpunkt dieser Rezension gelesen zu haben). Zwar ist die Einleitung über die ersten 100 Seiten einmal mehr recht holprig und zäh ausgefallen (wohl eine Art Schreibblockade beim Autor), danach kann das Werk aber durchaus überzeugen. Man erfährt einiges mehr über den charismatischen Namensgeber des Buches als in den beiden Vorgängern, dennoch bleiben seine Beweggründe gerade noch mysteriös genug (was, wenn man diversen Lesern glauben darf, leider in „Hannibal Rising“ zunichte gemacht wurde). Diesmal bekommt er es mit zwei Gegnern zu tun, deren Konzeption dem Autor merkwürdig ambivalent gelungen ist. Die bereits bekannte FBI-Agentin Clarice Starling ist – wie schon im „Schweigen der Lämmer“ – ein Ärgernis. Die Passagen, die sich mit ihr beschäftigen sind zum Teil unerträglich zäh und langweilig, alle Versuche von Harris, ihr etwas mehr Farbe zu geben, wirken krampfhaft und aufgesetzt. Das krasse Gegenteil dazu ist das einzig überlebende Lecter-Opfer Mason Verger, der ebenfalls Jagd auf den Doktor macht. Seine Hintergrundgeschichte ist interessant, seine Methoden, den Kannibalen zu fangen sind kreativ. Merkwürdig, dass dieser Charakter wesentlich besser ausgearbeitet und lebendiger wirkt als die Ermittlerin, die immerhin schon ihren zweiten Auftritt hat.

Das Katz-und-Maus-Spiel, das sich aus dieser Konstellation entwickelt nimmt rasch an Fahrt auf und wurde vom Autor kurzweilig umgesetzt. Das Wechselspiel zwischen den drei Hauptpersonen ist gelungen und erzeugt große Neugier auf das Finale. Getrübt wird das Ganze allerdings, wie schon angedeutet, durch ein paar „Aussetzer“. Größter Schwachpunkt neben Starling ist – so absurd es klingen mag – die zeitweilige Darstellung Lecters. Wenn der nicht mehr ganz junge und körperlich laut Beschreibung eher schmächtige Anti-Held seinen Häschern immer wieder entkommen kann, obwohl sie ihm körperlich überlegen und voll ausgebildet sind, wirkt das doch sehr unglaubwürdig. Schade, das wäre aus meiner Sicht überhaupt nicht notwendig gewesen.

In Anbetracht der angesprochenen Mängel im Hauptteil müssten eigentlich nur 1 bis 2 Punkte abgezogen werden; wenn man aber das völlig abstruse Finale betrachtet, kann es maximal zu drei Punkten reichen. Schade, aus meiner Sicht würde grundsätzlich eine große Verbesserung den Vorgängern gegenüber vorliegen. Die Serie hat in der Öffentlichkeit natürlich, egal in welcher Form, ohnehin Klassikerstatus (vermutlich hauptsächlich durch Sir Anthony Hopkins), meiner Meinung nach gibt es auf diesem Gebiet aber dennoch Besseres zu lesen.

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Thomas Harris
Originaltitel: Hannibal
Erstveröffentlichung: 1999
Umfang: 544 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


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Thomas Harris


Es ist ja so eine Art ungeschriebenes Gesetz, dass die Verfilmung eines Buches niemals an die gedruckte Vorlage heranreichen kann. Dieses Vorurteil ist nicht völlig unbegründet, trifft aber keineswegs immer zu – es gibt durchaus Fälle, wo die filmische Umsetzung zumindest gleichwertig ist. Thomas Harris‘ „Das Schweigen der Lämmer“ ist meiner Ansicht nach einer der – eher seltenen – umgekehrten Fälle: hier ist der Film dem Buch überlegen. Am Rande bemerkt: auch beim Vorgängerroman und Nachfolge-Film „Roter Drache“ war das schon so…

Gesamteindruck: 4/7


Überbewertet.

„Das Schweigen der Lämmer“ wirkt im Großen und Ganzen wie eine überarbeitete und erweiterte Fassung von „Roter Drache“. Wieder wird ein Serientäter gesucht und wieder schickt das FBI einen Agenten (diesmal eine Agentin) zu Dr. Hannibal Lecter, um sich dessen Kenntnisse der menschlichen Abgründe zunutze zu machen. Lesern des „Roten Drachen“ dürfte das bekannt vorkommen. Ganz unabhängig davon wirkt der zweite Teil der Reihe um den Kannibalen auf jeden Fall wesentlich besser ausgearbeitet. Ein Problem wurde jedoch nicht beseitigt: Hannibal Lecter (diesmal allerdings mit wesentlich mehr Platz in der Handlung) ist nach wie vor die einzig interessante Figur im Buch, man sehnt seine Auftritte regelrecht herbei. Die FBI-Agentin ist dagegen – wie schon ihr Vorgänger in „Roter Drache“ – farblos und flach gezeichnet. Gleiches gilt für ihren bereits bekannten Vorgesetzten. Man kann hier zwar ein gewisses Bemühen des Autors erkennen, seinen Figuren mehr Leben einzuhauchen, aber insgesamt ist das Ergebnis aus meiner Sicht nach wie vor nicht zufriedenstellend. Erschwerend kommt die schwache deutsche Übersetzung hinzu, die das Lesen auf vielen Seiten zur Qual macht und die Versuchung des „Querlesens“ steigert, was wohl auch mit dem nüchternen Schreibstil des Autors zu tun hat. Eine adäquate Übersetzung bietet zumindest die von mir gelesene Ausgabe nicht.

Der Plot selbst ist grundsätzlich natürlich interessant, leidet allerdings an vielen Längen, was für ein nicht allzu dickes Buch ein echtes Problem darstellt. Grund dafür ist vor allem, dass diesmal auch der Serienkiller („Buffalo Bill“) so gut wie keine Konturen besitzt. Dazu kommen langweilige und langgezogene Kindheitserinnerungen der Ermittlerin, die kaum fesseln können. Schade, hier vermittelt der Film weitaus mehr Tiefe und Inspiration.

Positiv ist wiederum die präzise Recherchearbeit von Thomas Harris zu vermerken. Die detaillierte und trotzdem verständliche Beschreibung der verschiedenen Facetten und Techniken der Polizeiarbeit ist sehr gut gelungen. Die ermittlungstechnische Seite des Buches kann meiner Ansicht nach restlos überzeugen. Damit scheint mir klar zu sein, dass Harris ein sehr gutes technisches Verständnis hat und dies auch angemessen in seinen Romanen umsetzen kann. In der Charakterentwicklung hat er jedoch einige Schwächen; mit der Schaffung von Hannibal Lecter scheint sein gesamtes Pulver verschossen zu sein.

Daraus ergeben sich 4 Punkte für ein Werk, das sehr interessante Züge aufweist, seinem übermächtigen filmischen Pendant (zu dem es – Ironie des Schicksals – erst die Vorlage lieferte) jedoch nicht Paroli bieten kann. Gelesen haben sollte man es zumindest, ein unsterblicher Klassiker wäre es ohne die herausragende filmische Verkörperung durch Sir Anthony Hopkins jedoch kaum jemals geworden. Ich gehe schon mal in Deckung…

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Thomas Harris
Originaltitel: The Silence of the Lambs
Erstveröffentlichung: 1988
Umfang: 384 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Hardcover


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BuchWelt: Roter Drache

Thomas Harris


Bei aller Begeisterung und Faszination, die man für Thomas Harris‘ Kultfigur „Dr. Hannibal Lecter“ empfinden kann und empfinden muss, bleibt nach der Lektüre des Auftaktromans* zur Reihe um den intellektuellen Kannibalen doch ein eher schales Gefühl zurück. Fast könnte man meinen, der Autor würde so viel Augenmerk auf Persönlichkeit und Charakter seiner Bösewichte legen, dass er die Gegenspieler „vergisst“.

Gesamteindruck: 3/7


Brauchbarer Thriller – jedoch bei weitem kein Meisterwerk.

Dass „Roter Drache“ nicht überzeugt liegt zum einen an der persönlichen Rezeption, die je nach Zeitpunkt des „Erstlesens“ dieses Werkes unterschiedliche Auswirkungen hat. Bei einer Erstlektüre in den 2010er-Jahren hat man gleich mit mehreren Schwierigkeiten zu kämpfen: Zum einen hat sich die Technik in den Bereichen Forensik und Profiling, in denen dieser Roman im weitesten Sinne angesiedelt ist, sehr stark weiterentwickelt. Das wäre grundsätzlich kein Problem (Soldaten kämpfen ja heute auch nicht mehr mit Pfeil und Bogen wie in historischen Romanen), wenn man nicht durch eine inflationäre Flut an Fernsehserien zu diesem Thema einen ganz anderen Bezug hätte. Das auszublenden (zum Beispiel kann aus Speichelproben heute nicht mehr nur die Blutgruppe bestimmt werden…) könnte einigen Lesern etwas schwer fallen. Der zweite „Störfaktor“ (wenn man das so nennen will) bei einer so späten Lektüre von „Roter Drache“ sind die Filme zur Romanreihe, mit Sir Anthony Hopkins in der Hauptrolle. Diese sind zum Großteil sehr gut gemacht und schaffen damit auf ihre Weise ein Vor-Urteil, dem zumindest dieser frühe Roman nicht ganz standhält.

Grund dafür ist die an vielen Stellen doch eher dahinplätschernde Handlung, die auch ohne vorherige Kenntnis der Filme nicht das Gelbe vom Ei wäre. Mit dem „Roten Drachen“ hat Thomas Harris einen eindrucksvollen und alles andere als flachen Killer geschaffen, der jedoch nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass sein Gegenspieler ziemlich eindimensional und langweilig wirkt. Während des Lesens ertappt man sich also immer wieder dabei, sich auf die nächsten Auftritte des Psychopathen zu freuen und muss sich stellenweise sogar davon abhalten, die langatmigen Passagen, die von Ermittler Graham handeln lediglich quer zu lesen. Dieser kommt nämlich in seiner Jagd nach dem Mörder lähmend langsam voran und genauso liest sich das Ganze auch – schade, die grundsätzlich Dramaturgie eines Falles, bei dem der Täter seinen Gegenspielern immer einen Schritt voraus ist, würde stimmen, leider klappt es mit der Umsetzung nicht so ganz. Zuguterletzt ist in diesem Buch „Hannibal Lecter“ lediglich eine Randfigur, deren Auftritte man regelrecht herbeisehnt. Auch hier spielt natürlich die vorhergehende Konsumation der Filme eine Rolle.

Nichtsdestotrotz ist das Buch großteils sehr spannend und angenehm zu lesen, sobald man die ersten hundert Seiten geschafft hat, die relativ holprig in das Leben des Ermittlers einführen. Danach erhöht sich das Tempo allerdings stark und die Geschichte entwickelt sich unvorhersehbar und spannend. Man hat oft das mulmige Gefühl, das einen beim Lesen von Harris späteren Werken ständig begleitet.

Leider fällt die Qualität zu Beginn des letzten Drittels des Werkes noch einmal stark ab. Ein eigentlich interessantes Thema – die schwere Kindheit des „Drachen“ wird auf endlosen Seiten völlig ohne Inspiration und Motivation abgehandelt. Woran das genau liegt ist schwer zu sagen, eventuell könnte auch die – zumindest in meiner älteren Ausgabe – recht schwache Übersetzung damit zu tun haben… Wie auch immer, diese Untiefen der Handlung sind mit gutem Willen zu überstehen und wer es geschafft hat, wird mit einem atemberaubenden Finale belohnt, das halbwegs mit dem Buch versöhnt und es vor einer niedrigeren Wertung bewahrt.

Gesamteindruck: 3/7


Autor: Thomas Harris
Originaltitel: Red Dragon
Erstveröffentlichung: 1981
Umfang: 464 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


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