FilmWelt: Blutgletscher

Der österreichische Film kann viele Genres. Speziell Dramen, schwarzhumorige Komödien und der eine oder andere starke Thriller aus dem Alpenland bekommen immer wieder auch international Anerkennung. Klassische Horrorfilme sind hierzulande hingegen eher Mangelware, zumindest in meiner Wahrnehmung.

Gesamteindruck: 6/7


Die Rache der Natur.

„Blutgletscher“ ist einer jener Filme, bei denen man sich schon während des Ansehens fragt, ob er auch international (= außerhalb des deutschsprachigen Raums) funktionieren würde. Naja, zumindest frage ICH mich das. Sicher bin ich mir jedenfalls nicht, weil ein großer Teil der Faszination für den Film aus seiner Sprache entsteht. Mithin ein interessanter Gedanke, den es sich vielleicht zu verfolgen lohnt – wie groß ist der Einfluss von Lokalkolorit auf die Qualität, die einem Film subjektiv von einem regionalen oder überregionalen Publikum zugeschrieben wird? Oder, anders ausgedrückt, welchen Einfluss hat eigentlich die Synchronisation auf die Atmosphäre eines Films? Ich denke: Eine sehr große. Aber das näher zu erörtern würde hier zu weit führen; belassen wir es dabei, dass „Blutgletscher“, würde man ihn genau so, wie er ist, mit amerikanischen Schauspielern besetzen und dann synchronisieren, mir wohl nicht sonderlich gefallen würde. Ein schönes Gedankenexperiment; doch kommen wir nun endlich zur Sache.

Worum geht’s?
Irgendwo hoch oben in den Alpen: Bei der Reparatur einer der Messstation bemerkt das dafür zuständige Personal eine merkwürdige Rotfärbung des von ihnen wissenschaftlich beobachteten Gletschers. Bei der Untersuchung der entnommenen Probe stellt sich heraus, dass die Flüssigkeit, die dafür verantwortlich ist, offenbar durch den Klimawandel ans Tageslicht gekommen ist. Dabei handelt es sich auch nicht, wie zunächst angenommen, um Algen, sondern um bisher völlig unbekannte Kleinstlebewesen mit höchst beunruhigenden Eigenschaften. Bevor jedoch klar ist, was das genau zu bedeuten hat, wird die Forschungsstation bereits von seltsam deformierten Kreaturen umschlichen…

Von „Blutgletscher“ kannte ich, bis ich den Film vor wenigen Tagen erstmals gesehen habe, nur den Namen. Nach den ersten Minuten wollte ich den Streifen schon als „typisch“ abheften – dafür sorgen Themen wie die Isolation im hochalpinen Raum und der schwierige Umgang mit derselben, was sich deutlich an der Figur des Ingenieurs Janek bemerkbar macht. Dessen griesgrämige Art, sein Dialekt, sein verwahrlostes Äußeres, sein Hand zum Alkoholismus und seine generelle „Wurschtigkeit“ (ein sehr passender Ausdruck, wie ich finde) lassen einen klassisch-österreichischen Spielfilm vermuten. Auch dass sich ein gewisser schwarzer Humor, der vorwiegend aus dem Zusammenspiel zwischen dem grantigen Ingenieur und den ehrgeizigen Wissenschaftlern entsteht, eingeschlichen hat, ist durchaus ein klassisches Anzeichen für einen Film aus der Alpenrepublik (noch dazu, wenn man bedenkt, dass zwei der Forscher offenkundig aus Deutschland stammen, was für sich genommen schon Konfliktpotenzial birgt und dem österreichischen Zuseher die Hauptfigur Janek noch eine Spur näher bringt).

Und weil wir schon bei Charakteren sind, die fabelhaft in eine Satire passen, sei an dieser Stelle gleich auch die zweite Gruppe erwähnt, die im Laufe des Films mit dem Aufstieg zur Forschungsstation beginnt. Darunter neben der Ex von Janek auch und vor allem eine von Brigitte Kren hervorragend portraitierte Ministerin. Die Schauspielerin, die einem breiten Publikum wohl vor allem aus der Krimi-Serie „Vier Frauen und ein Todesfall“ bekannt sein dürfte, ist übrigens die Mutter von Regisseur Marvin Kren. So klein ist die Welt (in Österreich); das Wichtigste ist jedoch, dass man der Mimin die österreichische Politikerin zu jeder Sekunde voll und ganz abnimmt. Nebenbei bemerkt nicht gerade ein Kompliment für unsere echten Volksvertreter…

B-Movie-Flair.

All das wäre aus meiner Sicht schon ausreichend Stoff für einen starken Film, vielleicht ein Drama oder eine Tragikomödie, eventuell mit einem Schuss Mystery. Allerdings kommt es dann doch anders und „Blutgletscher“ biegt auf ein Terrain ab, das man so oder so ähnlich entweder aus der Serie „Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI“ oder Filmen wie „Das Ding aus einer anderen Welt“ (im Original aus dem Jahre 1951) kennt – nicht aber von einem Film made in Austria. Zunächst passiert das eher schleichend und man überlegt, ob „Blutgletscher“ vielleicht eine Art Öko-Thriller ist – ganz im Sinne von Frank Schätzings Roman „Der Schwarm“. Doch dann geht es plötzlich ganz schnell und der Film wendet sich endgültig dem Creature- und Body-Horror zu und wird zu einer Hommage an ähnliche Filme von vor der Jahrtausendwende.

An dieser Stelle scheiden sich dann vermutlich die Geister, denn „Blutgletscher“ ist letztlich nicht nur traditioneller Horror, sondern bedient sich auch sehr ähnlicher Effekte wie seine von mir vermuteten Vorbilder. Heißt: Hier ist nur ganz wenig mit der heute üblichen Computertechnik auf Hochglanz poliert, stattdessen kommen aus heutiger Sicht fast schon vorsintflutlich anmutende Special Effects zum Einsatz. Wenn ich ein Beispiel nennen müsste, an den mich die Ausstattung (und letztlich auch der Blut- und Beuschelgehalt) am ehesten erinnert, würde ich „Ticks“ (1993, auf deutsch als „C2 – Killerinsekt“ bekannt) vorschlagen. Jener US-Streifen, damals direkt auf Video veröffentlicht, funktioniert durchaus ähnlich. Heißt: „Blutgletscher“ atmet ein gehöriges Maß an B-Movie-Flair, was aber nichts mit grundsätzlich schlechter oder billiger Qualität zu tun hat, sondern eindeutig als Hommage an die alt-ehrwürdige Form von günstig produzierten Filmen verstanden werden sollte.

Wir haben es bei „Blutgletscher“ also mit Monster-Horror österreichischer Prägung zu tun, der mit handgemachten Kreaturen aufwartet, die nicht ganz so realistisch sind, wie man es von aktuellen Produktionen kennt. Auch der eine oder andere Splatter-Moment ist vorhanden. Was den Film trotz dieser Features von vielen, auf den ersten Blick ähnlichen, Streifen abhebt, sind die gut gezeichneten Charaktere und – vor allem – die Leistung ihrer Darsteller. Zusammengenommen ergibt das einen Horrorfilm, bei dem man trotz der konventionellen Geschichte ein Gefühl von relativ starkem Tiefgang hat. Auf der Habenseite würde ich außerdem die gute Kameraarbeit verbuchen, die natürlich stark von der beeindruckenden hochalpinen Kulisse profitiert, weiters ist der Spannungsbogen in Verbindung mit der Action sehr ordentlich.

Alles in allem war ich von „Blutgletscher“ jedenfalls positiv überrascht und kann den Film jedem, der ein bisschen was mit den genannten Attributen anfangen kann, nur empfehlen.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Blutgletscher.
Regie:
Marvin Kren
Drehbuch: Benjamin Hessler
Jahr: 2013
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Gerhard Liebmann, Edita Malovcic, Hille Beseler, Brigitte Kren, Murathan Muslu



BuchWelt: Im tiefen Wald

Adam Nevill


Als ich vor ein paar Jahren den Film „The Ritual“ (2017) gesehen habe, war mir nicht bewusst, dass die Handlung auf dem gleichnamigen Roman von Adam Nevill aus dem Jahre 2011 basiert. Im deutschsprachigen Raum wurde das Buch unter dem Titel „Im tiefen Wald“ veröffentlicht

Gesamteindruck: 4/7


Männer allein im Wald.

Wie schon der Film „The Ritual“ ist auch „Im tiefen Wald“ eine zweigeteilte Geschichte. Die erste Hälfte (tatsächlich umfasst Teil 1 sogar fast 280 der insgesamt 480 Seiten) befasst sich mit den Irrwegen, die die Protagonisten im urtümlichen schwedischen Wald beschreiten, inklusive ihrer persönlichen Probleme, die zusehends zu Spannungen innerhalb der Gruppe führen. Für diesen Abschnitt des Buches passt der Titel „Im tiefen Wald“ perfekt. Teil 2 ist damit relativ lose verbunden und thematisiert vorwiegend die gescheiterte Existenz einer kleinen Gruppe Jugendlicher. Was die in der schwedischen Einöde vorhaben, könnte man auch unter dem Titel „Das Ritual“ abheften – so gesehen haben sowohl der englische als auch der deutsche Titel ihre Berechtigung.

Inhalt in Kurzfassung
Nach ihrem Studium haben sich Luke, Hutch, Dom und Phil auseinandergelebt, treffen sich aber immerhin ab und zu, um ihre Freundschaft zu erneuern. Und was wäre dafür besser geeignet, als eine Trekking-Tour durch die schwedische Wildnis? Zumindest so lange, bis eine vermeintliche Abkürzung dafür sorgt, dass sie sich hoffnungslos im Wald verirren. Diese Situation stellt aber nicht nur die Männerfreundschaft auf die Probe – bald merken die Mittdreißiger, dass sie keineswegs allein im Wald sind.

Adam Nevill schafft in der ersten Hälfte seines Romanes unter dem Titel „Unter den Gebeinen“ ein Szenario, das äußerst unheimlich ist, ohne auf große Schock-Effekte zu setzen (die gibt es zwar, sie sind aber eher rar gesät). Die Mittel sind eigentlich recht simpel: Es regnet ständig, der gesamte Wald ist fast undurchdringlich dicht, sodass jeder Schritt zur Qual wird, man hört und sieht keine Vögel, Verfall und Moder sind allgegenwärtig. Durch ständige Wiederholung verschiedener Motive, die interessanterweise zu keinem Zeitpunkt nervt, baut der Autor eine höchst bedrohliche Stimmung auf, der man sich kaum entziehen kann. Dass man dazu nicht einmal die Bilder des Films im Kopf haben muss, zeigt, wie gut Adam Nevill diese Klaviatur beherrscht.

Wenn man „Im tiefen Wald“ liest, versteht man auch relativ schnell, wieso sich die Filmemacher von „The Ritual“ so stark an „The Blair Witch Project“ orientiert haben. Die Umstände, unter denen die Protagonisten im Wald verloren gehen, die latente Bedrohung und die Urtümlichkeit der Natur an sich – all das erinnert mehr als einmal an den Found Footage-Klassiker. Apropos Protagonisten: Die vier Charaktere sind ganz in Ordnung; abgesehen von der Hauptfigur Luke gibt es aber kaum tiefergehende Beschreibungen. Daran merkt man recht deutlich, dass der Wald (und das, was sich darin herumtreibt, man aber nie zu Gesicht bekommt) der eigentliche Star des Buches ist. Positiv ist anzumerken, dass der Autor darauf verzichtet, seine Figuren überlebensgroß zu zeichnen. Es sind ganz normale Durchschnittstypen – wobei es gegen Ende des ersten Teils tatsächlich unrealistisch viel wird, was Adam Nevill dem armen Luke zumutet.

Teil 2 als Stolperstein.

All das wäre jedenfalls eine hohe Punktzahl wert. Allerdings folgt, nachdem das Ende des Waldes erreicht ist, ein zweiter Teil, der für sich genommen leider nicht ganz so gut, aber immer noch in Ordnung ist. Darum gibt es hier nun eine Premiere auf diesem Blog: Erstmals schreibe ich innerhalb einer Rezension eine weitere Inhaltsangabe, die den zweiten Teil von ein- und demselben Roman betrifft.

Inhalt in Kurzfassung:
Irgendwo in der schwedischen Wildnis stehen ein paar uralte, halb verfallene Häuser. Die Einsamkeit und Ruhe wird nur von drei jungen Leuten gestört, die – wer weiß woher – erfahren haben, dass an diesem Ort merkwürdigen Göttern gehuldigt werden kann. Die drei, Mitglieder einer Black Metal-Band, möchten unter Führung einer rätselhaften Schamanin zu gerne an einem Ritual beteiligt sein, dass das Ende der Welt bringen soll.

War „Im tiefen Wald“ bis zum Ende des ersten Teils ein echter Page-Turner, den man kaum aus der Hand legen konnte, ändert sich das in beschriebenem zweiten Abschnitt. Dessen Untertitel „Südlich des Himmels“ ist eine Anspielung auf das Album „South of Heaven“ der Thrash Metal-Band Slayer aus dem Jahr 1988. Interessanterweise passiert im ersten Part der Geschichte relativ wenig, er lebt vor allem von der unglaublich düsteren Atmosphäre. Teil 2 bietet etwas mehr Action, auch etwas explizitere Brutalität, liest sich aber nicht ganz so flüssig und wird stellenweise regelrecht zäh.

Charaktere überzeugen nicht.

Grund dafür ist meines Erachtens, dass die eigens dafür neu eingeführten Figuren nicht überzeugen können. Die undurchschaubare, alte Hausbewohnerin ist mit Abstand am stärksten – was vielleicht daran liegt, dass sie kaum spricht. Zwei der drei Jugendlichen hingegen plappern fast ohne Punkt und Komma, was meiner Meinung nach einfach nicht zu der ihnen zugedachten Rolle passt. Der Autor beschreibt die Mitglieder der fiktiven Band Blood Frenzy im Prinzip als leicht verführbare, sich selbst vollkommen überschätzende und ziemlich einfältige Versager mit einem Hang zum Sadismus. Soll so sein, die teils sehr philosophisch angehauchten Dialoge sprechen jedoch eine völlig andere Sprache. Damit geht dem Buch in der zweiten Hälfte ein Gutteil der Glaubwürdigkeit, die es trotz des Horror-Settings bis dahin hatte, verloren. Es ist einfach zu merkwürdig, wenn besoffene, Corpsepaint-tragende Burschen über das hochkomplexe Verhältnis zwischen Christentum und alt-nordischer Mythologie sinnieren.

Letzteres bringt mich zu einem weiteren Punkt: Im Nachwort führt Adam Nevill unter anderem aus, dass er einige Ideen und Ansätze aus dem Buch „Lords of Chaos“ (1998) entnommen hat. Das kann ich als Leser dieses Werks definitiv bestätigen, teilweise liest sich die zweite Hälfte von „Im tiefen Wald“ so, als hätte man ein Interview mit Varg Vikernes abgedruckt. Ich bin diesbezüglich sehr zwiegespalten – einerseits gut, dass diejenigen, die diesem wirren Geist im Roman offensichtlich folgen, als unreife, idiotische Kinder darstellt werden. Andererseits wirft das ein sehr schiefes Licht auf eine Bewegung, die keineswegs nur aus derartigen Auswüchsen bestand und besteht. Mir selbst ist das zwar klar, wer sich aber noch nie mit der Materie auseinandergesetzt hat, könnte hier einen völlig falschen Eindruck von der Black Metal-Szene bekommen. Nicht, dass das heute noch eine große Rolle spielen würde – aber irgendwie hat mich das tatsächlich ein wenig geärgert, vor allem, weil es trotz Band-Name-Dropping sehr oberflächlich wirkt. Hier hätte man definitiv Gegenargumente bringen können, die ich als Autor dem verbliebenen Helden aus Teil 1 in den Mund gelegt hätte – das hätte der Story keinen Abbruch getan (es hätte sogar zur Figur, die ja in einem Plattenladen arbeitet, gepasst) und nur noch mehr aufgezeigt, wie fehlgeleitet und ahnungslos die vermeintlich bösen Kalkfressen sind, die Adam Nevill hier auftreten lässt. Ob das ein Hinweis darauf ist, dass der Autor die Entwicklung und Philosophie des Black Metal selbst nicht verstanden hat? Wäre zumindest weniger schlimm als die Alternative: Er hat es sehr wohl verstanden aber absichtlich anders dargestellt. Aber all das nur am Rande, dafür dürfte sich ohnehin nur eine Minderheit interessieren.

Greift zum Schluss wieder halbwegs ineinander.

Was das Finale und die Auflösung des Romans betrifft, wird der Bogen zwischen den beiden Einzelteilen mehr schlecht als recht nachgezeichnet. So richtig ist am Ende nicht klar, was das Ganze soll, wer oder was das nun ist, das da im Wald wohnt. Im Gegensatz zum Film bekommen wir die Kreatur auch nicht zu sehen, was aber vielleicht gar nicht so schlecht ist. Davon abgesehen ergibt sich meiner Meinung nach trotz der relativ scharfen Zweiteilung des Romans ein einigermaßen stimmiges Gesamtbild – was freilich nichts daran ändert, dass Teil 1 deutlich stärker ist. Von daher erreicht „Im tiefen Wald“ bei weitem nicht die Punktzahl, die es haben könnte; vielleicht wäre es sogar besser gewesen, zwei Bücher zu schreiben, die Ideen dafür waren ja offenbar vorhanden…

Abschließend: Keine Rezension zum Buch zum Film (oder Film zum Buch) ohne einen kurzen Vergleich zu ziehen: Tatsächlich sind die Unterschiede zwischen „The Ritual“ und „Im tiefen Wald“ nicht so groß, wie man es von anderen Buchverfilmungen kennt. Vor allem der erste Teil des Films hat die Romanvorlage sehr werkgetreu übernommen, die Unterschiede sind mit der Lupe zu suchen. Folgerichtig ist sowohl im Buch als auch im Film die erste Hälfte deutlich stärker. Der zweite Teil des Films weicht allerdings stark von dem ab, was Adam Nevill geschrieben hat. Die Vermutung liegt nahe, dass auch den Filmemachern aufgefallen ist, dass der Autor die Symbiose seiner zweigeteilten Geschichte nicht richtig hinbekommen hat. „The Ritual“ merkt man den Versuch an, einen plausibleren Zusammenhang herzustellen – die gesamte Black Metal-Referenz fiel dem Rotstift zum Opfer, was kein Fehler ist. Letztlich muss man aber konstatieren, dass beide Varianten nicht das Gelbe vom Ei sind.

amazon.de

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Adam Nevill
Originaltitel: The Ritual.
Erstveröffentlichung: 2011
Umfang: ca. 480 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

FilmWelt: The Revenant – Der Rückkehrer

Leonardo DiCaprio hat einen langen Weg hinter sich. 20 Jahre dauerte die Entwicklung vom Milchbubi in „Titanic“ (1996) bis zum hartgesottenen Trapper in „The Revenant“.  Diese Genese mit all ihren Zwischenstationen ist aller Ehren wert und macht DiCaprio zu Recht zu einem der aktuell (2017) gefragtesten und für mein Dafürhalten auch besten Schauspieler in Hollywood. Für seine Rolle als Hugh Glass hat er 2016 endlich seinen Oscar als bester Hauptdarsteller bekommen. Ebenfalls zu Recht, fällig war die Auszeichnung meines Erachtens schon lange. Und unabhängig davon, wie man den Film letztlich findet: So hart wie DiCaprio in diesem Streifen hat wohl kaum jemals ein Schauspieler für den begehrtesten Filmpreis der Welt gelitten.

Gesamteindruck: 6/7


Bildgewaltiger Western.

Viel wurde über den (Spät-)Western „The Revenant“, der Anfang 2016 in die heimischen Kinos kam, geschrieben. Die Auszeichnungen sprechen für sich: 2 Oscars und 12 Nominierungen, dazu 4 Golden Globes und diverse weitere Awards. Nicht schlecht. Aber wird der Film diesem Lob überhaupt gerecht? Meiner Ansicht nach definitiv. Ja, er hat kleinere Schwächen, die sind aber bei weitem nicht so gravierend und werden durch die exzellente Arbeit der gesamten Crew wettgemacht.

Inhalt in Kurzfassung
Der Trapper Hugh Glass und sein Halbblut-Sohn Hawk führen im 19. Jahrhundert eine Gruppe von Pelztierjägern durch das unzugängliche und wilde Gebiet der nördlichen Rocky Mountains. Nach einem Überfall durch feindlich gesinnte Indianer müssen sich die mittlerweile stark dezimierten Jäger zu Fuß zum rettenden Fort durchschlagen. Der in der Wildnis erfahrene Glass übernimmt die Führung, wird jedoch von einem Grizzly angefallen, während er auf Erkundung ist. Mehr tot als lebendig wird er unter der Aufsicht von drei Männern – darunter sein Sohn und der zwielichtige John Fitzgerald – zurückgelassen, die ihn begraben sollen, sobald er das Zeitliche gesegnet hat. So lange will einer der Freiwilligen allerdings nicht warten, versucht nachzuhelfen und schreckt auch vor Mord nicht zurück. Allerdings kämpft sich Glass mit eisernem Lebenswillen aus dem kalten Grab und macht sich an den langen Rückweg und die Verfolgung seines Peinigers. 

„The Revenant“ basiert auf einer wahren Begebenheit, nimmt sich allerdings einige Freiheiten. Hugh Glass hat es tatsächlich gegeben, auch sein Kampf mit dem Grizzly, sein Zurückbleiben mit zwei Männern und die überraschende Rückkehr in die Zivilisation sind durch Zeugen belegt. Davon abgesehen weiß man allerdings nicht viel über den Leidensweg des Trappers, die Legenden unterscheiden sich teilweise gravierend. Der Film versteht sich übrigens nicht als Adaption der realen Geschichte um Hugh Glass sondern ist eine Umsetzung des Romans „The Revenant: A Novel of Revenge“ (2002, zu deutsch: „Der Totgeglaubte: Eine wahre Geschichte“), geschrieben von Michael Punke, der sich seinerseits am Gedicht „The Song of Hugh Glass“ (1915) orientiert hatte. Verständlich, dass bei einer solchen Entwicklungsgeschichte etwaige Lücken kreativ gefüllt werden wollten. Ist auch kein Problem und bringt den Zuseher im Falle des Films in den Genuss einer wilden und grausamen Natur, die der reale Hugh Glass zumindest während seines Abenteuers nie in dieser Art erlebt hat.

Einzigartige Naturbilder.

Die Idee, die Handlung a) vom Sommer in den Winter und b) von der flachen Prärie in die steilen Rocky Mountains zu verlegen, macht den Film zu einem optischen Meisterwerk. Der Oscar, den Emmanuel Lubezki für seine Kamera-Arbeit erhalten hat, ist meiner Meinung nach mindestens ebenso verdient wie jener für Leonardo DiCaprio. Auch dank des Verzichts auf künstliche Beleuchtung zeigt „The Revenant“ Naturbilder, die ich bisher in keinem (!) Film in dieser monumentalen Art gesehen habe. Das betrifft nicht nur die beeindruckenden Landschaftsaufnahmen, die mal aus der Luft, mal durch einfache Schwenks über gebirgige, einsame Gegenden eingefangen wurden; auch Details, wie die gleich in einer der ersten Szenen gefilmte Wanderung durch einen überschwemmten Wald, sind so grandios inszeniert, dass man geneigt ist, von einem Geniestreich zu sprechen.

Dass eine solche Intensität überhaupt möglich ist, hat natürlich auch viel mit Drehort und -zeit zu tun. Denn „The Revenant“ sieht nicht nur so aus, als läge die Temperatur ständig im zweistelligen Minusbereich. Gedreht wurde im kanadischen, teilweise auch im argentinischen Winter, als es tatsächlich so kalt war. Entsprechend authentisch wirkt die komplette Optik. Und damit schließt sich der Kreis zur Leidensfähigkeit der Schauspieler. Das betrifft Tom Hardy, der seine Rolle als opportunistischer Fiesling John Fitzgerald sehr gut spielt, mehr aber noch den Hauptdarsteller, der in Interviews zugibt, mehr als einmal an die Grenzen seiner physischen und psychischen Leistungsfähigkeit gekommen zu sein. DiCaprio robbt, kriecht, schwimmt in eisigen Flüssen, humpelt und rennt durch die Szenen – und all das wirkt tatsächlich „echt“, auf eine Weise, wie man es im Zeitalter überbordenden CGI-Einsatzes kaum noch kennt. Mit anderen Worten: Nicht nur dank seiner schauspielerischen Leistung, sondern auch aufgrund der äußeren Umstände der Filmproduktion kauft man ihm seine Rolle problemlos ab.

Geradlinige Story.

Nach so viel Lob muss man sich fast zwangsläufig fragen, wo der Haken ist. Den gibt es leider auch, weswegen es auch für 6 von 7 Punkten reichen muss. Grundsätzlich sind die realen Ereignisse um Hugh Glass ja eher bruchstückhaft überliefert. Dementsprechend mussten bereits für den Roman einige Lücken gefüllt werden. Die filmische Umsetzung weicht streckenweise auch vom literarischen Vorbild ab, was natürlich legitim ist. Dennoch hat man das Gefühl, dass die Handlung für eine Filmlänge von knapp 2 1/2 Stunden zu dünn ist bzw. es dem Regisseur letztlich wichtiger war, seine zwei Hauptdarsteller (also DiCaprio und die wilde Natur) in Szene zu setzen.

Viel mehr gibt die Geschichte, die wohl auch in Wirklichkeit ziemlich geradlinig gewesen sein dürfte, letztlich nicht her. Im Ergebnis führt das dazu, dass der Film künstlich gestreckt wirkt. Durchaus überraschend, dass das dem Zuseher nicht während der Kamerafahrten durch die nordamerikanische Wildnis bewusst wird – an denen kann man sich tatsächlich kaum satt sehen. Es sind eher die zwischenzeitlich immer wieder eingesetzten Traumsequenzen und Halluzinationen, unter denen der tragische Held leidet. Diese meist als Rückblenden auf die Zeit mit seiner indianischen Frau und seinem Sohn angelegten Szenen wirken aufgesetzt und sind letztlich ein belangloses Ärgernis, das den Erzählfluss immer wieder unterbricht. Hätte es diese Szenen nicht gegeben, wäre dem Film meiner Meinung nach nichts genommen worden, im Gegenteil, die Straffung hätte ihm gut getan.

Die Erkenntnis, dass die Grundaussage des Films keineswegs seinen monumentalen Ausmaßen entspricht, sorgt am Ende tatsächlich für leise Zweifel und die Frage, ob die Botschaft den irrsinnigen Aufwand, den der Regisseur betrieben hat, wirklich wert ist. Darüber kann man geteilter Meinung sein – ich halte es so, dass in diesem Fall tatsächlich der Weg das Ziel ist. Und Hugh Glass auf seinem Weg zur Rache zu beobachten hat mich gefesselt wie selten eine Großproduktion aus Hollywood. Dass die technische Brillanz über den dünnen roten Faden hinwegtäuschen soll, mag ich nicht einmal als Absicht unterstellen. Es passiert meiner Meinung nach einfach – und doch bleibt man aufgrund der epischen Bilder schlicht und ergreifend tief beeindruckt zurück. Das reicht mir in diesem Fall, sodass ich „The Revenant“ bedenkenlos jedem empfehlen kann.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: The Revenant
Regie: Alejandro Gonzáles Iñárritu
Jahr: 2015
Land: USA
Laufzeit: 156 Minuten
Besetzung (Auswahl): Leonardo DiCaprio, Tom Hardy, Domhnall Gleeson, Will Poulter, Forrest Goodluck