FilmWelt: I Am the Pretty Thing That Lives in the House

Hinter einem ausgesprochen unhandlichen Titel verbirgt sich ein klassischer Horror-Film: „I Am the Pretty Thing That Lives in the House“ ist nichts anderes als die Mär vom Spukhaus, die wir so oder so ähnlich schon in zig Iterationen gesehen, gehört und gelesen haben. Es stellen sich also zwei Fragen: Kann der Film dem Genre etwas Neues hinzufügen? Und kann er uns – unabhängig davon – das Fürchten lehren?

Gesamteindruck: 2/7


Unspektakuläres Geisterhaus.

Für mein Dafürhalten ist „I Am the Pretty Thing That Lives in the House“ eine Variante eines Klassikers: „The Haunting of Hill House“ (dt.: „Spuk in Hill House“), ein Roman von Shirley Jackson aus dem Jahre 1959, der bereits unter verschiedenen Titeln verfilmt wurde, scheint durchaus Einfluss auf Regisseur und Drehbuchautor Osgood „Oz“ Perkins (u. a. „Gretel & Hänsel“, 2020) gehabt zu haben. Interessanterweise startete 2018, also zwei Jahre nachdem vorliegender Film Premiere feierte, die Serie „The Haunting of Hill House“, die genau wie „I Am the Pretty Thing…“ vom Streaming-Dienst Netflix produziert wurde. Nach Genuss des Films kommt es mir fast so vor, als hätten die Verantwortlichen das Potenzial einer Charakter-getriebenen Geistergeschichte erkannt – und wären vielleicht erst dadurch auf die Idee gekommen, einen sehr ähnlichen Stoff als Serie zu produzieren.

Worum geht’s?
Früher war Iris Blum eine gefeierte Autorin von Schauergeschichten. Mittlerweile lebt die alte Dame, die unter Demenz leidet, allein und zurückgezogen in einem alten Haus. Zu ihrer Unterstützung zieht Hospiz-Schwester Lily Saylor bei ihr ein. Die sensible Pflegerin wird mehr und mehr von der düsteren und übernatürlichen Atmosphäre des Hauses und dessen Besitzerin in Beschlag genommen…

Ob es wirklich so abgelaufen ist, wie oben von mir vermutet, kann ich freilich nicht verifizieren. Eines ist jedoch klar: Wo „The Haunting of Hill House“ eine atmosphärische Serie mit ordentlichem Spannungsbogen, gut geschriebenen Charakteren und einigen wohl-dosierten, dafür aber umso effektiveren Schockmomenten ist, ist „I Am the Pretty Thing…“ ein Film, der in keiner dieser Kategorien vollends überzeugen kann. Dabei möchte ich Oz Perkins ein gewisses Händchen für eine ganz spezielle Stimmung keineswegs absprechen: Sein Geisterhaus wirkt definitiv unheimlich, wozu meines Erachtens vor allem die praktisch durchgehend im Hintergrund präsente Soundkulisse beiträgt. Leider schafft der Regisseur es aber wie in seinem späteren Werk „Gretel & Hänsel“ nicht, aus guten Grundvoraussetzungen einen überzeugenden Film zu kreieren.

Atmosphäre allein reicht nicht.

Es ist fast, als hätte Perkins mit einer detaillierten und unheilvollen Grundstimmung sein Pulver verschossen. Die Charaktere (viele gibt es ohnehin nicht) bleiben blass: Einerseits gibt es die alte Dame (gespielt von Paula Prentiss, die seit ihrer Hochphase in den 1960er/70er-Jahren nur mehr sehr wenige Rollen hatte), die so gut wie nichts zu sagen hat und auch sonst – wohl ganz der Figur entsprechend – mehr oder weniger vor sich hin siecht, ohne Akzente zu setzen. Im Gegenzug fällt Ruth Wilson, deren bisherige Karriere relativ unauffällig war, die Aufgabe zu, den gesamten Film praktisch im Alleingang zu tragen. Ich würde der Schauspielerin keinesfalls die Fähigkeiten dazu absprechen wollen – nur tut ihr das Drehbuch bei diesem schwierigen Job keinen Gefallen: Dialoge, in denen sie glänzen könnte, gibt es kaum, die Monologe bestehen in der Regel aus quälend langsam eingesprochenem Off-Text. Bleibt also vor allem die Körpersprache, die, abgesehen von etwas Over-Acting gegen Ende hin, zumindest in Ordnung (also unaufdringlich) ist.

Apropos „langsam“: „I Am the Pretty Thing…“ ist extrem bedächtig aufgebaut. Das ist nun nichts, was man negativ sehen müsste – allerdings ist es hier so, dass die Story, die der Film erzählt, nirgendwo hin zu führen scheint. Was eventuell auch mit den fehlenden Dialogen zu tun hat, die das Gefühl, man würde hier so etwas wie die Fingerübung eines Regisseurs, der plant, einen möglichst ruhigen, aber dennoch unheimlichen Film zu machen, beobachten. Ganz ehrlich: Ich hatte mehr als einmal das Gefühl, dass man „I Am the Pretty Thing…“ deutlich effektiver und packender als Kurzfilm hätte erzählen können. Gar nicht so sehr, weil der Streifen seine Längen hat (die hat er natürlich auch), sondern eher, weil man am Ende das Gefühl hat, dass in 90 Minuten Laufzeit ganz schön wenig Geschichte untergebracht wurde.

Ruhig – und leider auch langweilig.

Um auf meine zwei eingangs gestellten Fragen zurückzukommen: Nein, „I Am the Pretty Thing…“ kann dem Genre nichts Neues hinzufügen. Es ist ein klassischer Geisterfilm, deutlich ruhiger, aber – ich komme jetzt nicht mehr drum herum, es so direkt zu sagen – auch deutlich langweiliger als viele Genregenossen. Und, die Antwort auf Frage 2: Nein, der Film lehrt den Zuschauer nicht das Fürchten. Man erschreckt sich vielleicht ein- oder zweimal ein wenig, insgesamt ist das aber deutlich zu wenig. Natürlich muss ein guter Film nicht von einem Jumpscare zum anderen hetzen, ganz im Gegenteil. Nur leider ist in diesem Falle auch die Gesamtstimmung nicht zufriedenstellend: Der Film ist zwar düster und einigermaßen bedrückend, so richtig unheimlich ist er aber nicht.

Damit kommt es, wie es kommen muss: „I Am the Pretty Thing That Lives in the House“ erreicht bei mir magere 2 von 7 Punkten. Nochmal werde ich ihn mir definitiv nicht ansehen – wer sich dennoch überlegt mal reinzuschauen, sollte folgendes bedenken: Dieser Film ist definitiv nicht „schlecht“ im engeren Sinne (dafür ist er handwerklich zu gut gemacht), es gibt aber schlicht und einfach keinen einzigen herausragenden Moment, für den es sich lohnen würde, 90 Minuten seines Lebens zu investieren. Ansehen kann man ihn sich zwar, wenn man Zeit genug hat, aber glaubt mir: Man verpasst nichts, wenn man es nicht tut.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: I Am the Pretty Thing That Lives in the House.
Regie:
Oz Perkins
Drehbuch: Oz Perkins
Jahr: 2016
Land: Kanada, USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Ruth Wilson, Paula Prentiss, Bob Balaban, Lucy Boynton



SerienWelt: Tribes of Europa – Staffel 1

Wie vor gar nicht allzu langer Zeit bei „Dark“ (2017-2020) hat es auch den Verantwortlichen für „Tribes of Europa“ gefallen, einer deutschen Serie einen englischen Titel zu verpassen. Beinbruch ist das natürlich keiner, aber gleichzeitig ist es meiner Meinung nach so etwas wie ein Fingerzeig auf eine der vielen Baustellen dieser stark gehypten Netflix-Serie.

Gesamteindruck: 2/7


Endzeit over Europa.

Eigentlich sollte ich ja längst wissen, dass es nicht immer klug ist, vorab Rezensionen zu lesen – zu voreingenommen geht man danach häufig an Bücher, Filme und Serien heran. Leider (?) konnte ich bei „Tribes of Europa“ nicht widerstehen und habe mich vorher im Netz schlau gemacht. Zwei Dinge waren dabei besonders auffällig: Einerseits der allgemein sehr durchwachsene Tenor in der (deutschen) Community, andererseits ein speziell auf die Sprache der Akteure bezogenes… ich würde fast sagen: bashing. Letzteres hatte ich auch schon in diversen Kommentaren zu „Dark“ herausgelesen, konnte beim Ansehen aber zumindest diesen Teil der Kritik nicht nachvollziehen. Bei „Tribes of Europa“ sieht die Sache allerdings anders aus.

Worum geht’s?
In nicht allzu ferner Zukunft hat die Welt, wie wir sie kennen, zu existieren aufgehört. Nach einem – vermutlich globalen – Blackout gibt es keine Staaten mehr, die Überlebenden der Katastrophe sind in Stämmen, den sogenannten „Tribes“, organisiert. Einer davon sind die „Origines“, die jegliche Technologie ablehnen und versuchen, mit der Natur im Einklang zu leben. Ihre Isolation endet, als eine Art Raumgleiter vom Stamm der „Atlantier“ in der Nähe abstürzt und ein Stück fortschrittlicher Technik, den „Cube“, verliert. Um dieses wertvolle Artefakt bricht bald ein Krieg aus, der viele Leben kostet – und das beschauliche Dasein dreier Geschwister von den Origines für immer verändert…

Ich bin mir nicht sicher, wie sich obige Zusammenfassung für jemanden liest, der die Serie nicht kennt. Selbst für mich, der ich die 6 Folgen, die bis dato erschienen sind, erst unlängst gesehen habe, klingt das nach wirrem Zeug, wenn ich ehrlich bin. Und tatsächlich hat „Tribes of Europa“ große Probleme, die sich – so scheint es mir – sogar in meiner kurzen Inhaltsangabe manifestiert haben. Bevor wir in medias res gehen noch eine Anmerkung: Zum Zeitpunkt dieser Rezension ist vollkommen offen, ob und wie die Serie fortgesetzt wird. Produzent Netflix hält sich derzeit zur Möglichkeit einer oder mehrerer weiterer Staffeln bedeckt, sodass es gut sein kann, dass der Cliffhanger am Ende der sechsten Folge genau das bleibt. Das nur als Warnung – die Handlung ist keineswegs in sich geschlossen, wer damit nicht klarkommt, sollte wohl erst dann mit der Serie beginnen, wenn klar ist, dass es irgendwann auch weitergeht.

Babylonische Sprachverwirrung.

Nun aber zur Sache – und vielleicht beginnen wir mit dem, was ich schon in der Einleitung angedeutet habe: der Sprache. „Origines“, „Tribes“ und „Cube“ sind nur einige der angelsächsischen Begriffe, die in „Tribes of Europa“ nur zu gern verwendet werden. Nun bin ich wirklich niemand, der auf Deutschtümelei steht, ganz im Gegenteil – was beim von mir hoch geschätzten „Game of Thrones“ (2011-2019) in der Übersetzung teilweise verbrochen wurde, spottet jeder Beschreibung. Allerdings gibt es einen gravierenden Unterschied: Beim Vorzeige-Epos von HBO versuchte man, die gesamte (englischsprachige) Fantasy-Welt komplett ins Deutsche zu übersetzen. „Tribes of Europa“ setzt hingegen auf ein merkwürdiges Gemisch aus Deutsch und Englisch, das vermutlich die Vielfältigkeit des Kontinents abbilden soll. Ganz so, als gäbe es in Europa nur diese beiden Sprachen, was vollkommen absurd wirkt und der Serie zu einem denkbar schlechten Start verhilft. Mir ist schlicht nicht klar, warum die Charaktere zum Beispiel „Tribes“ sagen müssen, wenn es doch mit „Stämme“ eine adäquate und passende Übersetzung gegeben hätte. Wie ist das dann in der englischen Synchronisation? Sind es dort auch die „Tribes“, sind es die „Stämme“ oder nimmt man ein ganz anderes Wort? Vielleicht was Französisches? Oder eine slawische Übersetzung? Ich weiß es nicht – wenn aber die Absicht war, die bunte Vielfalt Europas nach einer großen Katastrophe anzudeuten, ist diese Idee voll und ganz daneben gegangen.

Leider ist das nicht die einzige Schwäche, die sich „Tribes of Europa“ in Sachen Sprache leistet. Der einleitende Hinweis auf „Dark“ bezieht sich nämlich auf etwas, letztlich nichts damit zu tun hat, ob Deutsch oder Englisch gesprochen wird: Im Gegensatz zu synchronisierten Serien, aber auch zu … keine Ahnung … „Tatort“, klingt das, was die Schauspieler in „Tribes of Europa“ in ihrer Muttersprache zum Besten geben, sehr befremdlich. Ist das die berühmt-berüchtigte „deutsche Theatersprache“, wie sie in einigen Rezensionen bezeichnet wird? Ich weiß es nicht, hatte aber fast durchgehend das Gefühl, dass das Gros der Darsteller höchst unnatürlich und hölzern spricht. Nein, das ist nicht ganz richtig, sie scheinen vielmehr so zu agieren und zu intonieren, als würden sie auf einer Theaterbühne stehen. Das mag dort passend sein, auf dem Bildschirm wirken die Dialoge (und auch Teile der Körpersprache) unnatürlich. Es ist, als hätten es die Mimen nicht geschafft (oder wäre es nicht gewollt gewesen), sich vom Theater zu emanzipieren. Wieso das so ist? Ich kann es nicht sagen, aber es hat mich massiv gestört.

Gute Ausstattung allein reicht nicht.

Kommen wir nun aber endlich zu den guten Nachrichten, von denen es zumindest zwei gibt: Erstens ist die Serie geradezu unverschämt gut ausgestattet. Kostüme, Kulissen, Effekte – all das stimmt zu 100 Prozent und ist für eine deutschsprachige Produktion weit über dem Durchschnitt. „Mad Max“ und „The Walking Dead“ stellen die Post-Apokalypse optisch auch nicht besser dar – allein das halb verfallene Berlin ist ein grandioser Anblick. Und, zweitens, ist „Tribes of Europa“ sehr gut fotografiert. Die Aufnahmen lassen nichts zu wünschen übrig, egal ob in der Totalen oder in der Detailansicht. Alles ist hervorragend ausgeleuchtet und stimmungsvoll in Szene gesetzt. Optisch gibt es also (fast) keinen Grund zu meckern.

Fast? Richtig gelesen, ein Lapsus hat sich auch hier eingeschlichen: Der Schnitt ist überhaupt nicht gelungen, was für eine moderne Produktion sehr ungewöhnlich ist. Ein guter Schnitt ist so unauffällig, dass man ihn als Zuseher überhaupt nicht bemerkt. Wenn er in einer einzelnen Szene mal nicht passt, fällt das schnell auf. Bei „Tribes of Europa“ kommt es hingegen so häufig vor, dass ein Protagonist sozusagen in die falsche Kamera schaut, dass man kaum noch von einem Ausrutscher sprechen kann. Speziell in Dialogen merkt man immer wieder, dass sie in mehreren Takes aufgenommen wurden. In einem Text ist das freilich schwer erklärbar, aber ich würde dieses Problem für so gravierend halten, dass es eigentlich fast jedem, der sich die Serie ansieht, auffallen müsste.

Und weil wir gerade bei Dingen sind, über die man in professionellen Produktionen in der Regel kein Wort verlieren muss: Auch der Ton bzw. der Mix ist nicht der Standard, den man heute gewohnt ist. Teile der Dialoge sind schlicht unverständlich, weil viel zu leise. Wobei ich mir nicht ganz sicher bin, ob ich dafür dem Tonmann die Schuld zuschanzen möchte – einige Schauspieler neigen offenbar stark zum Nuscheln und Flüstern, was aber die Tonregie zumindest hätte erkennen und korrigieren müssen. Interessant… nun bin ich von einem Lob wieder direkt ins Meckern übergegangen. Dabei wollte ich die Serie nach dem Trailer und auch von der eigentlich lässigen Prämisse her unbedingt mögen. Allein: Mir schon nach zwei Folgen klar, dass „Tribes of Europa“ durchzustehen ein hartes Stück Arbeit werden würde. Was eigentlich ein Todesurteil für eine Serie ist, die unterhalten soll.

Story & Drehbuch: Prädikat „schwerfällig“.

Im Endeffekt summieren sich die bisher genannten Dinge natürlich, so richtig krankt es aber woanders: Story und Drehbuch sind schwerfällig, holprig und wirr, kurz: haben mit allen möglichen und unmöglichen Problemen zu kämpfen. Alles aufzuzählen würde wohl den Rahmen sprengen, also versuche ich, mich kurz zu fassen: Die Story eines endzeitlichen Europas mag für eine deutsche Produktion innovativ klingen, auf den zweiten Blick und vor allem im internationalen Vergleich ist sie es jedoch nicht. So hart muss man es leider sagen – „Tribes of Europa“ bietet letztlich eine von vorne bis hinten konventionelle Post-Apokalypse. Das wäre nicht so schlimm, wäre die Serie nicht dermaßen oberflächlich. Man erfährt viel zu wenig über die neue Ordnung der Welt, alle Charaktere bleiben flach und austauschbar, manche wirken gar lächerlich und/oder fehl am Platz (vor allem sei hier der Grazer Schauspieler Robert Finster als Kommandant der Crimson Guard genannt, der meines Erachtens eine komplette Fehlbesetzung ist und überhaupt nicht überzeugt). An dieser Stelle wäre es vielleicht angebracht, sich die Serie einmal auf Englisch anzusehen, ich wäre gespannt, wie sich die Dialoge darstellen, wenn sie synchronisiert sind. Leider fehlt mir dafür aktuell die Zeit.

Spannung kommt jedenfalls so gut wie nie auf – und wenn es einmal so weit ist, wird das Tempo direkt wieder reduziert und man beschränkt sich darauf, vermeintlich bedeutungsvoll in die Gegend zu schauen. Ich verstehe ja, dass man nicht sofort alles verraten möchte, vor allem, sieht es so aus, als wäre der Grund für den globalen Blackout ein gut gehütetes Geheimnis. Nur ist das Drehbuch einfach nicht geeignet, dahingehend diese fast nicht auszuhaltende Neugier zu schüren bzw. aufrecht zu erhalten, die man von anderen Produktionen kennt. Ein oder zwei positive Momente gibt es zwar – so sind es einmal mehr die Bösewichte, die einiges rausreißen und durchaus zu unterhalten wissen. Ob es Sinn der Sache sein kann, dass man sich eher auf den Auftritt der fiesen „Crows“ freut, als mit den „Origines“ zu leiden, wage ich allerdings zu bezweifeln. Und dann gibt es da noch den u. a. aus „Dark“ bekannten Schauspieler Oliver Masucci, der in „Tribes of Europa“ als undurchsichtiger Gauner, der das Herz am rechten Fleck hat, glänzen kann – mithin der einzig wirklich brauchbare Charakter in der Serie, wobei sein Cowboy-Gehabe etwas übertrieben wirkt, aber zumindest für den ein oder anderen Lacher sorgt. Letztlich ist aber sogar diese immerhin unterhaltsame Figur nicht mehr als ein großes Klischee, das man aus anderen Filmen und Serien zur Genüge kennt.

Und mehr gibt es jetzt wirklich nicht mehr zu sagen. Muss man sich „Tribes of Europa“ ansehen? So hart das jetzt klingt, ich glaube, man muss es nicht – maximal, um mitreden zu können, kann man einen Blick riskieren. Wer das plant, sei gewarnt: Die Leichtigkeit des Seins, den Zwang zum Binge-Watching, der z. B. „The Walking Dead“ (zumindest anfangs) auszeichnete, fehlt „Tribes of Europa“ zumindest in meinen Augen vollkommen. Das typische Hineinkippen ist mir zu keinem Zeitpunkt passiert – und das war beim immer wieder gern als Vergleich genommenen „Dark“ trotz vermurkster Staffel 3 sehr wohl der Fall. Werde ich „Tribes of Europa“ wieder einschalten, falls sich Netflix doch zu einer Fortführung entscheiden sollte? Ich sage mal vorsichtig: Ja, der letzte Cliffhanger wirkt zumindest derzeit noch nach. Viel erwarte ich mir allerdings nicht von einer neuen Staffel.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Tribes of Europa.
Idee: Philip Koch
Land: Deutschland
Jahr: 2021
Episoden: 6
Länge: ca. 45 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Besetzung (Auswahl): Henriette Confurius, Emilio Sakraya, David Ali Rashed, Melika Foroutan, Oliver Masucci, Robert Finster, Benjamin Sadler, Ana Ularu



FilmWelt: His House

Das Spukhaus ist im Horror-Genre ein altbekanntes und nicht tot zu kriegendes Motiv. Dass es zu diesem Thema noch etwas Neues zu sehen gibt, hätte ich eigentlich nicht erwartet – und doch schafft es „His House“ (2020), einer eigentlich sehr alten Geschichte aktuelle Facetten hinzuzufügen.

Gesamteindruck: 5/7


Der Horror nach der Flucht.

„His House“ soll – so habe ich es irgendwo gelesen – der beste Horrorfilm des Jahres 2020 sein. Ich erlaube mir dazu kein Urteil, schlicht, weil ich das aktuelle Filmgeschehen kaum verfolge. Ich glaube sogar, dass „Kadaver“ der einzige Horrorstreifen aus dem Jahr 1 der Corona-Pandemie ist, den ich gesehen habe. Und auch wenn „His House“ die norwegische Version der Postapokalypse klar schlägt, wäre es unfair, zu behaupten, Remi Weekes‘ Werk würde nur mangels Alternativen gelobt.

Inhalt in Kurzfassung
Bol und Rial haben es geschafft: Sie sind aus den Wirren ihrer vom Krieg heimgesuchten Heimat entkommen und haben die Flucht nach Europa überlebt. Irgendwo in England wird dem Ehepaar schließlich – vorerst auf Probe – Asyl gewährt und ein heruntergekommenes Haus als Bleibe zugestanden. Bald merken die beiden, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht – oder ist es vielleicht doch „nur“ das Trauma der Flucht, das sie quält?

„His House“ beginnt, wie sollte es anders sein, mit der Vorstellung der Charaktere. Regisseur Remi Weekes geht diese Prozedur aber ein wenig anders an: Er beschreibt weniger die Personen an sich sondern konzentriert sich eher auf die traumatisierende Erfahrung der Flucht aus der kriegsgebeutelten Heimat. Natürlich erfährt man das eine oder andere über die zwei Hauptfiguren, im Wesentlichen sind die Charaktereigenschaften aber eher angedeutet. Interessanterweise reicht das aus, um Bol und Rial sehr plastisch wirken zu lassen, was, neben einem guten Drehbuch, vor allem der exzellenten Darstellung durch Sope Dirisu und Wunmi Mosaku geschuldet ist.

Blendet man die Horror-Elemente aus oder sieht sie als Folge der psychischen Belastung der Flucht, funktioniert „His House“ als Flüchtlingsdrama. Als solches zeigt der Film nicht nur die verstörende Komponente der Flucht an sich, sondern geht auch ungeschönt darauf ein, wie weit Menschen gehen würden, wenn Angst und Verzweiflung groß genug sind. So gesehen ist „His House“ ein zwar verhältnismäßig schlichter, will sagen: wenig tiefgehender, aber doch einigermaßen ausgewogener Beitrag zur Flüchtlingsthematik.

Realität vs. Horror – oder beides.

Freilich ist das alles Interpretationssache. Wer sich damit nicht allzu sehr auseinandersetzen möchte, muss das nicht – und sieht meiner Ansicht nach dennoch einen guten Horrorfilm. Der Nervenkitzel ist durchaus gegeben, wenn sich die Stimmung der neuen Hausbesitzer von anfänglicher Freude langsam aber stetig in Richtung Angst und Schrecken ändert. Der Spuk, der im Haus umgeht, ist ausgezeichnet umgesetzt und kommt im Großen und Ganzen ohne überbordende Brutalität aus. Lediglich ein oder zwei arg vorhersehbare Jump Scares und die gegen Ende viel zu deutliche und damit entzaubernde Darstellung des Bösen trüben das Vergnügen ein wenig. Ansonsten sei an dieser Stelle aber speziell der männliche Hauptdarsteller Sope Dirisu hervorgehoben, der die Angst, die sein Charakter ständig erlebt, aber auch dessen Entschlossenheit, um sein Haus zu kämpfen, ausgesprochen realistisch rüber bringt.

Im Endeffekt ist es aus meiner Sicht aber tatsächlich die Kombination aus dem realen Drama der Flucht und dem metaphysischen Fluch, der auf dem Haus und dem Ehepaar lastet, der „His House“ weit über den Grusel-Durchschnitt hinaushebt. Denn beides für sich genommen ist zwar gut gemacht, aber nichts, was man nicht anderswo im einen Fall tiefgründiger, im anderen unheimlicher bekommen könnte. Es klingt wie ein Klischee, ist aber dennoch so: Die Mischung macht’s. Und die schafft im Falle dieses Films etwas Neues, Unverbrauchtes, in dem sehr unterschiedliche aber dennoch altbekannte Elemente neu gemischt und verpackt werden.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: His House.
Regie:
Remi Weekes
Drehbuch: Felicity Evans, Remi Weekes, Toby Venables
Jahr: 2020
Land: Großbritannien
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Wunmi Mosaku, Sope Disiru, Matt Smith, Javier Botlet, Emily Taaffe



FilmWelt: Kadaver

Dieser Film hat mich am Ende mit zwei Fragen hinterlassen: Hat Regisseur und Drehbuchautor Jarand Herdal jemals „Fallout: New Vegas“ (2010) gespielt? Und warum fühlt sich der Film trotz guter Ansätze so enttäuschend an? Über ersteres erlaube ich mir mangels Wissen kein Urteil, die zweite Frage versuche ich in folgender Rezension zu beantworten.

Gesamteindruck: 3/7


Postapokalyptisches Theater.

Die Frage, was man als Überlebender der Apokalypse so machen würde, stellt sich – zumindest mir – immer mal wieder. Vermutlich gar nichts, weil man eher zu den Leichen am Straßenrand gehören würde, aber ich schweife ab. In der skandinavischen Netflix-Produktion „Kadaver“ (2020) versuchen Normalos, mit den neuen Verhältnissen klarzukommen – und treffen naturgemäß ein paar ganz schlechte Entscheidungen.

Inhalt in Kurzfassung
Nach einer nuklearen Katastrophe kämpfen Überlebende, darunter auch eine dreiköpfige Familie, täglich gegen den Hunger und die Unbilden der norwegischen Natur. Die Verzweiflung ist groß bis eines Tages der Besitzer eines luxuriösen Hotels die Menschen zu einer Theateraufführung inklusive warmer Mahlzeit einlädt. Inmitten all des Elends eine willkommene Abwechslung – die sich allerdings bald als neuer Alptraum entpuppt…

Damit sollte Kennern klar sein, wie ich in der Einleitung auf „New Vegas“ gekommen bin. Einerseits kämpfen sowohl im Spiel als auch im Film die Menschen nach einem nuklearen Zwischenfall um ihr Überleben. Andererseits erinnert das Konzept mit dem post-apokalyptischen Nobelhotel und seinen merkwürdigen Bewohnern frappant an die „Feinschmecker-Gesellschaft“ (im Original „White Glove Society“) aus dem Bethesda-Klassiker. Ob das wirklich nur Zufall ist? Wie gesagt: Ich wage es nicht zu beurteilen.

Abgesehen davon hat mich „Kadaver“ an einen Film, den ich vor gar nicht allzu langer Zeit gesehen habe, denken lassen: „Performaniax“ aus dem Jahr 2017. Der wird aufgrund seiner Unbekanntheit wohl keine Inspiration für den Norweger Jarand Herdal gewesen sein, fußt aber auf einer ähnlichen Prämisse: Ein Theaterstück, in dem es (fast) keine Grenzen zwischen Publikum und Schauspielern, zwischen Realität und Performance, zu geben scheint.

Gute Ansätze.

Nun aber genug der Vergleiche, kommen wir zu vorliegendem Film. „Kadaver“ beginnt vielversprechend und zeigt die Postapokalypse in einer trostlosen, nass-kalten und schmutzigen Stadt in Norwegen. Die Bilder sind sehr stark und machen das Elend der Überlebenden geradezu greifbar – man bekommt schnell das Gefühl, dass man Derartiges im verregneten Skandinavien noch weniger erleben möchte als anderswo auf der Welt. Die übliche Vorstellung der Protagonisten und die Einleitung der eigentlichen Handlung gehen einigermaßen reibungslos vonstatten, man wird als Zuseher definitiv neugierig, was es mit dem merkwürdigen Hotel auf sich hat. Dort angekommen gibt es dann den letzten ganz großen Pluspunkt des Films zu bestaunen: Der Kontrast zwischen der düsteren, tristen Außenwelt und dem leuchtenden, luxuriösen Interieur hat auf mich geradezu schmerzhaft gewirkt und ist tatsächlich aller Ehren wert.

Abwärtsspirale.

An dieser Stelle wird auch der Antagonist eingeführt. Dessen Darsteller Thorbjørn Harr macht seine Sache allerdings fast schon zu gut – und leitet damit die Abwärtsspirale des Films ein. Gut, das war jetzt wegen der Überleitung passend, in Wirklichkeit beginnen die Problem von „Kadaver“ schon früher. Ich habe oben ja geschrieben, dass die Hauptpersonen reibungslos eingeführt werden. Das ist aber nicht zwangsläufig ein gutes Zeichen, ist es in diesem Falle doch so, dass die von Gitte Witt, Thomas Gullestad und Tuva Olivia Remman gespielte Familie relativ konturlos bleibt. Außer, dass die Mutter Schauspielerin ist, kann ich mich an keinerlei Besonderheiten erinnern. Das ist zwar kein Beinbruch, plastische Charaktere sehen jedoch definitiv anders aus. Vor allem wird in der Vorstellung der Fokus relativ stark auf die Tochter gelegt, die im restlichen Film allerdings komplett zur Nebensache wird. Letztlich führen genau diese sehr flachen Helden zum meiner Ansicht nach „zu gut“ gespielten Bösewicht. Der ist im Endeffekt die interessanteste Figur, wirkt aber von Anfang an alles andere als vertrauenerweckend. Das wirft sofort die Frage auf, warum die Gäste des Hotels nicht spätestens an dieser Stelle merken, das etwas ganz und gar nicht stimmt – der allgemein herrschende Hunger hätte als Erklärung gereicht, spielt im Aufbau aber keine so große Rolle, dass er das Vertrauen der, ich sage es, wie es ist: Opfer, rechtfertigen würde.

Andererseits ist das fast schon egal, wenn man sieht, wie mal wieder munter jedes Horror-Klischee erfüllt wird. Man trennt sich, man verliert sich nach Sekunden aus den Augen – und was am Schlimmsten ist: Man lässt die Tochter sofort wieder entwischen, nachdem man sie gerade erst panisch gesucht und wiedergefunden hat. Dass solche Momente im Genre Usus sind, ist mir schon klar – „Kadaver“ übertreibt es damit aber wie schon lange kein Film mehr. Kurioserweise liegt das Problem auch hier in den guten Bildern: Regisseur Herdal weiß, wie man mit langen Hotelgängen ein mulmiges Gefühl beim Zuseher erzeugen kann. Es ist aber völlig unglaubwürdig, dass seine Charaktere das nicht auch spüren und sich wie Idioten verhalten.

Über all das könnte man eventuell hinwegsehen, weil das Setting von „Kadaver“ gut und die schauspielerische Leistung zumindest ordentlich ist. Leider macht die Handlung (und damit die Spannung) relativ bald schlapp, heißt: Man weiß als Zuseher viel zu früh, was gespielt wird. Und damit meine ich: Man weiß es wirklich, es gibt zum Schluss keinen Twist, der alles rausreißen würde. Das letzte Drittel von „Kadaver“ ist, so deutlich muss ich es leider sagen, völlig unspektakulär, das Ende eingeschlossen. Dabei hätte sich in diesem Theater-Setting ein Finale, in dem sich herausstellt, dass nichts so ist, wie es scheint, geradezu angeboten. Dafür dürften dann aber doch die Ideen – oder der Mut? – gefehlt haben. Dass im Übrigen viele offene Fragen ungeklärt bleiben (Wieso hat das Hotel beispielsweise als einziges Gebäude in der Stadt Strom?), setzt dem „Spaß“ die Krone auf.

Schade, aber so gibt es nur drei Punkte – und die auch nur, weil mir die Bildkomposition ganz außerordentlich gut gefallen hat und weil man sich den Film problemlos und schmerzfrei ansehen kann, wenn man mal Zeit hat. Viel sollte man sich aber nicht erwarten.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Kadaver.
Regie:
Jarand Herdal
Drehbuch: Jarand Herdal
Jahr: 2020
Land: Norwegen
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Gitte Witt, Thomas Gullestad, Thorbjørn Harr, Tuva Olivia Remman, Kingsford Siayor



SerienWelt: Ratched – Staffel 1

Beinahe wäre es passiert: Ich fand den Piloten der 2020er Netflix-Produktion „Ratched“ dermaßen wirr, dass ich kurz davor stand, die als Prequel von „Einer flog über das Kuckucksnest“ (1975) konzipierte Serie direkt ad acta zu legen. Das wäre ein Fehler gewesen, denn Staffel 1 ist deutlich spannender und unterhaltsamer, als man nach der ersten Folge zunächst vermutet.

Gesamteindruck: 4/7


American Horror Story: Kuckucksnest.

Reden wir nicht um den heißen Brei: Ich Banause habe weder den 1976 mit fünf (!) Oscars geadelten Film von Miloš Forman (in den Hauptrollen: Jack Nicholson und Louise Fletcher) gesehen noch dessen literarische Vorlage (1962, geschrieben von Ken Kesey) gelesen. Ist das ein Problem? Nun, es ist auf jeden Fall eine Bildungslücke, die ich zu schließen gedenke – davon wird dann hoffentlich auch irgendwann auf WeltenDing zu lesen sein. Für das Verständnis der Serie „Ratched“, die sich als Prequel zum Film versteht und von der Krankenschwester gleichen Namens handelt, sind Vorkenntnisse allerdings nicht zwingend notwendig. Es kann natürlich durchaus sein, dass ich etwaige Anspielungen, Zitate und Hinweise auf spätere Ereignisse nicht erkannt habe, was für den Eingeweihten sicher auch einen Teil des Reizes von „Ratched“ ausmacht.

Inhalt in Kurzfassung
Nach einem grausamen Mord an mehreren Priestern landet der offenbar schwer gestörte Edmund Tolleson Mitte der 1940er Jahre in einer psychiatrischen Anstalt in Kalifornien. Eben dort bewirbt sich die rhetorisch außerordentlich begabte Mildred Ratched als Krankenschwester und wird bald zur rechten Hand des Klinikleiters Dr. Hanover, der mit überaus fragwürdigen Behandlungsmethoden an den wehrlosen Patienten experimentiert.

Irgendwo habe ich gelesen, dass es geradezu an Betrug grenzen soll, „Ratched“ als Prequel zu „Einer flog über das Kuckucksnest“ zu bezeichnen. Ich kann das, wie in der Einleitung angedeutet, nicht beurteilen – eines möchte ich aber dennoch hervorheben: Wenn die Serie „American Horror Story: Ratched“ heißen würde, wäre das nicht verkehrt. Eigentlich logisch, ist ja nicht nur Hauptdarstellerin Sarah Paulson (die auch an der Produktion beteiligt war) in jeder Staffel von „AHS“ sehr prominent am Start; auch Ryan Murphy ist hier wie dort als Regisseur und Drehbuchschreiber verantwortlich.

Als jemand, der „Einer flog über das Kuckucksnest“ nicht kennt, wage ich sogar zu behaupten: „Ratched“ ist ungefähr das, was man gerne von „AHS“ gesehen hätte, nachdem jene Serie in den letzten Staffeln immer chaotischer und schwächer geworden war. Fast wirkt es, als wäre „Ratched“ zunächst als Versuch eines Neustarts von „AHS“ mit alten Tugenden gedacht gewesen (allerdings minus übernatürlicher Phänomene) und man hätte den Stoff erst nach einer gewissen Zeit in die endgültige Richtung entwickelt. Wobei die gefühlte Ähnlichkeit auch ein wenig auf Staffel 2 von „AHS“ (mit dem vielsagenden Untertitel „Asylum“) zu tun haben könnte.

Charakter vor Story.

Die Handlung von ist relativ stringent, verwirrt im Endeffekt nur im Piloten ein wenig und pendelt sich dann auf spannendem Niveau ein. Im letzten Drittel gibt es einen kleinen Einbruch, insgesamt ist die Serie aber durchaus zum Binge-Watching geeignet. Alles in allem lebt „Ratched“ aber ohnhin weniger von der ausgeklügelten Geschichte, sondern fast nur von der namensgebenden Hauptfigur. Eine Sympathieträgerin im eigentlichen Sinne ist sie freilich nicht – es macht aber durchaus Laune, die wortgewandte und gewissenlose Mildred Ratched bei ihren Intrigen zu beobachten. Sarah Paulson schafft es dabei, die Figur dort, wo es notwendig ist, eiskalt rüberkommen zu lassen, in anderen Situationen wiederum verletzlich, aber auch nur dann, wenn es ihr für die Erreichung eines Zieles notwendig scheint.

Dabei hilft natürlich, dass Drehbuch und Dialoge praktisch nur auf einen Charakter zugeschnitten sind. Das soll aber die gute Leistung, die der „AHS“-Star hier abruft, nicht schmälern. Der restliche Cast ist demgegenüber nicht sonderlich auffällig. Mir persönlich haben hier Jon Jon Briones als dubioser Klinikleiter Dr. Hanover und Judy Davis als schrullige Schwester Betsy Bucket am besten gefallen. Übrigens gibt es sogar ein kleines Staraufgebot zu bewundern: Vincent D’Onofrio (u. a. „Full Metal Jacket“, „Criminal Intent“), Cynthia Nixon („Sex and the City“) und die lange nicht mehr gesehene Sharon Stone (u. a. „Total Recall“, „Sliver“) geben sich in Nebenrollen die Ehre.

Der Stil: Typisch.

Ich weiß nicht, ob es nur mir so geht: „Ratched“ ist rein stilistisch nach wenigen Sekunden als Serie eines Streaming-Anbieters zu erkennen. Es ist ein ganz eigenes Flair, dass die Serien von Netflix, Amazon & Co bei aller inhaltlichen Unterschiedlichkeit umgibt – man hat stets das Gefühl, dass eine derartige Stilistik bei klassischen Fernsehserien praktisch nie vorkommt. Und damit meine ich nicht nur die Bilder, es ist vielmehr die Kombination aus Bild, Ton und Schnitt, die den Unterschied auszumachen scheint. „Ratched“ bildet da keine Ausnahme – und stellt sich ebenfalls überaus eigenwillig dar.

Vor allem das Farbenspiel beeindruckt: Intensive Landschaftsbilder wechseln sich mit der kalten Atmosphäre der Nervenheilanstalt ab, extravagante, farbenfrohe Kostüme mit der einfachen Tracht der Krankenschwestern. Aber auch Autos, Speisen und Getränke, verschiedene Alltagsgegenstände – vieles strahlt in unnatürlich kräftigen Farben. Andere Szenen werden wiederum komplett in Farbe ausgeleuchtet, z. B. eisiges Blau, wenn die Hauptfigur einen ihrer perfiden Pläne schmiedet. Im ersten Moment mag all das chaotisch klingen, das Gegenteil ist jedoch der Fall: Die Serie als Ganzes sieht trotz ihrer grellen Optik geradezu schmerzhaft clean aus. Alles hat seinen Platz und ist wohlgeordnet, was ein merkwürdiger Kontrast zum brutalen Inhalt und zum bedrückenden Ort des Geschehens ist. Dazu passt übrigens auch der Soundtrack, der sich durchgehend in klassischen Gefilden bewegt, ab und an auch mal die Klassiker der Filmgeschichte zitiert (z. B. „Psycho“). Lange Rede, kurzer Sinn: Der Stil von „Ratched“ mag nicht jedem gefallen, ich selbst finde ihn gut.

Schwierig zu bewerten.

Beim Schreiben dieser Rezension ist es mir schon aufgefallen: Ich tue mir mit einer Bewertung von „Ratched“ relativ schwer. Ich glaube, dass liegt daran, dass mir die Serie zwar gefallen hat, ich aber immer das Gefühl hatte, es wäre mehr drin gewesen und aus einer „nur“ guten und spannenden Staffel hätte etwas wirklich Begeisterndes werden können. Ich fühlte mich zwar (fast) durchgehend recht gut unterhalten, aber ein unvergessliches Serienerlebnis sieht dennoch anders aus. Denn „Ratched“ ist kurzfristig definitiv spannend, eine nachhaltige Wirkung kann ich aber bisher nicht erkennen.

Ich frage mich, wie diejenigen die Serie sehen, die „Einer flog über das Kuckucksnest“ nicht nur kennen, sondern vielleicht auch eine Art emotionale Bindung zum Film haben. Mir scheint, das wäre für eine abschließende und wirklich umfassende Bewertung der Serie notwendig. Von mir gibt es vorerst einmal 4 von 7 Punkten für Staffel 1. Wie auf Nadeln sitze ich definitiv nicht, wenn ich an die irgendwann erscheinende Fortsetzung denke; neugierig, wie es weitergeht, bin ich aber trotzdem.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Ratched.
Idee: Ryan Murphy, Evan Romansky
Land: USA
Jahr: 2020
Episoden: 8
Länge: ca. 45-60 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung: Sarah Paulson, Jon Jon Briones, Finn Wittrock, Cynthia Nixon, Judy Davis, Charlie Carver, Sharon Stone, Corey Stoll, Vincent D’Onofrio



FilmWelt: Der Kreis

50 Menschen erwachen ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen sind und was sie dort sollen, in einem dunklen Raum. Zu sehen sind nur sie selbst und ein Kreis aus Lichtern und Pfeilen am Boden sowie ein merkwürdiges Gerät in der Mitte. Die Regeln müssen sie bald auf die harte Tour lernen: Wer seinen Platz verlässt, stirbt; wer einen anderen Menschen berührt, stirbt. Und: Alle zwei Minuten stirbt jemand, der keine dieser Regeln gebrochen hat – allerdings können sie beeinflussen, wer als jeweils Nächster ins Gras beißen muss. Doch wie soll man unter völlig Fremden eine solche Entscheidung treffen? 

Gesamteindruck: 5/7


Die Mehrheit entscheidet.

„Der Kreis“ (im Original „Circle“) aus dem Jahr 2015 ist filmischer Minimalismus par excellence. Im Wesentlichen spielt sich alles in einem einzigen Raum ab, es gibt praktisch nur die 50 Personen, die man gleich zu Beginn sieht. Und auch die Ausstattung ist denkbar spartanisch: Die Szenerie ist komplett dunkel, lediglich ein paar Lichtfelder am Boden und die Figuren sind zu sehen. Schnitte gibt es zwar, längere Kamerafahrten über Teile des Kreises machen jedoch einen ähnlich großen Teil der Optik aus. Und auch zu hören gibt es nicht allzu viel, sieht man von den Dialogen ab. Die Action beschränkt sich auf die Eliminierung von Personen, die sich im zwei-Minuten-Takt abspielt und kurz und schmerzlos erfolgt.

Es passiert also nicht überbordend viel in diesem Film. Wieso zum Teufel sollte man also überhaupt einschalten? Nun, es geht um nicht mehr und nicht weniger als direkte Demokratie in Reinkultur. Mit dem Unterschied, dass derjenige, der die Abstimmung verliert, stirbt. Zugegeben: Diese Konsequenz ist drastisch und überzeichnet, dennoch zeigt „Der Kreis“, wie anfällig für Manipulation und Populismus ein System, in dem alle Beteiligten direkt und anonym abstimmen, sein kann. Immer wieder stellt der Film neue „Helden“ aus seinem zusehends kleiner werdenden Fundus in den Mittelpunkt, die versuchen, den Rest der Gemeinschaft für ihre Ideen zu gewinnen. Die einen machen das aus ehrlicher Überzeugung und moralischen Erwägungen, die anderen starten schlicht einen Versuch, sich selbst irgendwie zu retten. Beiden gemein ist, dass sie unbedingt eine einfache Mehrheit erringen müssen.

Das Problem dabei ist, dass die Entscheidung, die als Gruppe zu treffen ist, immer den Tod eines Individuums zur Folge hat (übrigens auch ein Unentschieden). Wie also bestimmen, wer es wert ist, weiterzuleben? All das wird im Film ausgiebig diskutiert, verschiedene Möglichkeiten werden ausgelotet und umgesetzt – oder verworfen. Und all das unter mörderischem Zeitdruck. Ein wenig erinnert das an eine verschärfte Variante des Spiels „Die Werwölfe von Düsterwald“, bei dem es ja auch darum geht, das Wahlverhalten der Mitspieler entscheidend zu beeinflussen.

Lebt von Dialogen.

Ob man es glaubt oder nicht: „Der Kreis“ ist trotz – oder gerade wegen – seines Minimalismus sehr spannend. Das liegt an guten Dialogen, vor allem aber auch an den Schauspielern, die diese überzeugend vortragen. Übrigens ist die Truppe großteils völlig unbekannt. Mir hat der Film praktisch durchgehend gut gefallen, wobei ich nicht verhehlen möchte, dass die eine oder andere Szene typisch amerikanisch anmutet – für den durchschnittlichen europäischen Zuschauer also höchst klischeehaft daherkommt. Ein richtiges Problem sehe ich darin allerdings nicht, wohl aber an zwei anderen Stellen: Einerseits ist da das Ende des Films, das ich so nicht gebraucht hätte. Ich glaube, ohne konkrete Auflösung wäre eine längere Nachwirkung des Gesehenen möglich gewesen, obwohl die Neugier dann natürlich umso stärker genagt hätte.

Andererseits habe ich ja schon geschrieben, dass es keine konkrete Hauptfigur gibt, sondern immer wieder im Film ein anderer Charakter die Führungsrolle übernimmt. Diese Übergänge sind teilweise ziemlich abrupt; überhaupt bleibt die Frage, wieso jemand, der im letzten Drittel des Films das große Wort führt, bis dahin nichts oder kaum etwas gesagt hat. Das ist nun kein Beinbruch und der Dramaturgie geschuldet (immerhin starten wir hier mit 50 Figuren was schon einen eklatanten Unterschied zu üblichen Gruppengrößen in Filmen ausmacht), sorgt aber in einigen Szenen doch für ein wenig bitteren Beigeschmack. Ob und wie man das hätte besser lösen können? Keine Ahnung, vielleicht hätte eine halb so große Gruppe gereicht.

Wie dem auch sei: „Der Kreis“ ist ein guter Film mit nur ganz kleinen Längen. Sollte jedem, der sich für Psychologie, Meinungsmache, Manipulation und ähnliches interessiert, gefallen. Wer allerdings Horror und/oder Splatter sucht, wie es z. B. in Teilen des ähnlich gelagerten „Cube“ vorkommt, ist hier fehl am Platze.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Circle.
Regie: Aaron Hann, Mario Miscione
Drehbuch: Aaron Hann, Mario Miscione
Jahr: 2015
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Allegra Masters, Aimee McKay, Ahley Key, Autumn Federici, Carter Jenkins, Julie Benz, Michael Nardelli, Cesar Garcia



 

SerienWelt: „Dark“ – Zusammenfassende Bewertung

„Dark“ ist meines Erachtens nicht nur eine der bisher besten Netflix-Eigenproduktionen. Ich bin sogar der Ansicht, dass es sich dabei überhaupt um eine der stärksten Serien handelt, die der Streaming-Anbieter im Angebot hat – und das trotz teils hochklassiger internationaler Konkurrenz. „Dark“ wurde zwischen 2017 und 2020 produziert, es gibt 26 Episoden (Länge zwischen 45 und 70 Minuten) in drei Staffeln. Hier beschreibe ich den Gesamteindruck, den die Serie bei mir hinterlassen hat – Links zu den Einzelbewertungen der drei Staffeln finden sich ganz unten.

Gesamteindruck: 6/7


Zeit ist relativ.

Beginnen wir mit den Fakten: „Dark“ ist die erste deutschsprachige Serien-Produktion von Netflix. Das bedeutet u. a., dass die Serie in Deutschland spielt (Handlungsort ist die fiktive Kleinstadt Winden) und mit deutschen Schauspielern besetzt ist. Warum man dennoch auch hierzulande den englischen Serientitel verwendet, entzieht sich meiner Kenntnis – ich nehme aber an, dass man auf diese Art und Weise auch in deutschsprachigen Ländern leichter das Interesse des Publikums wecken kann. Verantwortlich für die Serie zeichneten Regisseur/Drehbuchautor Baran bo Odar und Produzentin/Drehbuchautorin Jantje Friese, die auch privat ein Paar sind und deren bekanntestes Werk neben „Dark“ wohl der Thriller „Who Am I – Kein System ist sicher“ sein dürfte. An Auszeichnungen konnte „Dark“ den Grimme-Preis sowie einen Preis der Deutschen Akademie für Fernsehen einheimsen, bei der Goldenen Kamera reichte es hingegen „nur“ für drei Nominierungen.

Nun könnte natürlich sein, dass die genannten Fakten eher abschrecken, als zum Ansehen von „Dark“ motivieren, genießen doch deutsche Serien oft einen recht zweifelhaften Ruf. In vorliegendem Fall ist die Angst vor einem neuen „Tatort“ oder gar einer Netflix-Variante der „Lindenstraße“ allerdings unbegründet. Ja, einiges in „Dark“ geht tatsächlich ein wenig in diese Richtung, vor allem in Teilen der Dialoge wähnt man sich ab und an im biederen Hauptabend des öffentlich-rechtlichen Rundfunks. Glücklicherweise sind solche Szenen aber die Ausnahme und werden durch über weite Strecken hochspannende und stark gemachte Sequenzen in den Hintergrund gedrängt.

Denn „Dark“ ist über drei Staffeln hinweg das, was „Tatort“ an guten Tagen und in einzelnen Folgen hinbekommen mag: sehr düster, stark inszeniert und mit einer Ausstattung auf internationalem Niveau versehen. Tatsächlich merkt man nur an der fehlenden Synchronisation und an Offensichtlichem (deutsche Polizeiuniformen usw.), dass „Dark“ keine internationale Produktion ist. Wer hier also nur nicht reinschauen will, weil „deutsch“ drauf steht, ist selbst schuld.

Humor? Fehlanzeige!

Die Handlung von „Dark“ ähnelt einschlägigen Zeitreise-Stories – vor allem an „Zurück in die Zukunft“ musste ich recht häufig denken; dazu kommen Mystery-Elemente, die Erinnerungen an Serien wie „Lost“, vor allem aber „Twin Peaks“ wecken. Die Inszenierung von „Dark“ ist, dem Titel entsprechend, extrem düster ausgefallen. Das reicht vom Dauerregen (fast schon Film noir-mäßig) über die stets bedrohliche Atmosphäre bis hin zur völligen Humorlosigkeit der Serie. Letzteres ist durchaus wörtlich zu nehmen – in keiner einzigen (!) Szene gibt es für den Zuseher etwas zu Lachen. Übrigens auch für die Serien-Charaktere nicht, ich kann mich nicht erinnern, jemals so wenig lächelnde Gesichter in einer solchen Produktion gesehen zu haben. Aber auch abgesehen davon ist „Dark“ nichts für zart besaitete Gemüter: Gewalt gegen Männer, aber auch gegen Frauen und Kinder (!) wird immer wieder gnadenlos realistisch und gerne auch in Großaufnahme dargestellt. Dass es keine Figur gibt, die sich so richtig zum Sympathieträger eignet (praktisch jeder hat seine brutalen Geheimnisse), setzt der Trostlosigkeit die Krone auf. Zusammengenommen sorgt das alles für eine durchgehend bedrückende Stimmung, die so stark komponiert wurde, dass sie den Zuseher mehr und mehr in ihren Bann zieht. Vielleicht auch gegen seinen eigenen Willen, wer aber eine Ader für solch dunkle Geschichten hat, kann sich bald nicht mehr losreißen.

Doch zurück zur Story: „Dark“ setzt auf sehr komplex miteinander verschränkte Elemente. Im Wesentlichen entspinnt sich die Handlung um vier Familien in Winden, deren Mitglieder in unterschiedlichen Zeiten auf verschiedene Weise verbunden sind. Was anfangs, d. h. in den ersten Folgen von Staffel 1, noch einigermaßen überschaubar wirkt, wird relativ schnell zu einem sich immer wieder an verschiedenen Stellen überschneidenden Geflecht aus Beziehungen und Verwandtschaften, in dem man schnell den Überblick verlieren kann. Das geht soweit, dass eine Figur irgendwann erkennen muss, dass ihre Tochter gleichzeitig ihre Mutter ist. Oder dass Ereignisse, die Zeitreisende in der Vergangenheit ändern, mal mehr, mal weniger Einfluss auf die Zukunft haben. Paradox? Ja, aber das sind Zeitreise-Geschichten ohnehin immer, in „Dark“ wird es eben konsequent auf die Spitze getrieben. Hilfreich wären theoretisch „Stammbäume“ und „Zeitreise-Tafeln“, die man im Netz findet – u. a. auch auf Wikipedia. Allerdings sollte man sich gut überlegen, ob und wann man sich diese Interpretationshilfen ansieht, denn sie enthalten naturgemäß große Spoiler.

Komplex aber nicht schwerfällig.

Interessant ist, dass „Dark“ speziell in den Staffeln 1 und 2 trotz dieser auf den ersten Blick sehr verworrenen Geschichte keineswegs anstrengend ist (immer vorausgesetzt, man kann grundsätzlich mit solchen Stories etwas anfangen). Im Gegenteil, alles wird anschaulich, um nicht zu sagen „locker-flockig“, erklärt, was trotz aller Komplexität den Effekt hat, dass man unbedingt noch eine Folge und dann noch eine sehen möchte – Binge Watching at its best. Erst in Staffel 3 wird die Serie wirklich herausfordernd und verliert viel von ihrer bis dahin gewohnten Leichtigkeit. Dafür sind meines Erachtens zwei Gründe verantwortlich: Das zusätzliche Element paralleler Welten fügt ein Scherflein Komplexität zuviel hinzu, hier ist es dann plötzlich nicht mehr mit ein bisschen Nachdenken getan, sondern man muss schon richtig konzentriert bei der Sache sein, um noch folgen zu können. Zweitens ist Staffel 3 hoch philosophisch, heißt, hier wird von Beginn an mehr erklärt und geredet, als in den vorherigen Staffeln. Und das auf eine Art und Weise, die leider ziemlich einschläfernd ist. Wer das übersteht, bekommt aber zum Schluss eine relativ befriedigende Auflösung, sodass die Handlung von „Dark“ über alle Staffeln das Attribut „sehr gut“ verdient. An dieser Stelle muss man auch nochmals die Showrunner loben: Die scheinen sich tatsächlich von Beginn an akribisch Gedanken über jeden Strang der Handlung bzw. dessen Auflösung gemacht zu haben. Logiklöcher gibt es vielleicht ein oder zwei, aber insgesamt passen die vielen, vielen Puzzleteile erstaunlich gut zusammen.

Eine positive Anmerkung möchte ich abschließend in Richtung der Schauspieler loswerden. Oben habe ich ja schon geschrieben, dass manche Dialoge nicht gerade das Gelbe vom Ei sind. Stimmt, das ist mitunter sogar ein Grund, wieso man trotz aller Ernsthaftigkeit von „Dark“ unbeabsichtigt Schmunzeln muss. Manche „Weisheiten“ scheinen die Showrunner tatsächlich direkt dem Leitspruch-Kalender entnommen zu haben. Abseits davon finde ich die Darbietung der Mimen jedoch aller Ehren wert. Klar, es gibt die eine oder andere Schwäche, die hat, abgesehen vom hie und da aufblitzenden Overacting, meist aber eher mit dem Drehbuch als mit den Schauspielern selbst zu tun. Denn die agieren über weite Strecken schon glaubwürdig, wie ich finde.

Fazit: Eine komplexe, über weite Strecken aber dennoch nicht überfordernde Handlung, eine sehr gute Ausstattung, eine starke Inszenierung und großteils glaubwürdige und gut agierende Schauspieler machen die erste Netflix-Serien-Produktion aus Deutschland definitiv zu einem Highlight des Streaming-Dienstes. Wer auch nur ansatzweise etwas mit dieser im wahrsten Sinne des Wortes düsteren Geschichte anfangen kann, sollte unbedingt einen Blick riskieren!

Einzelwertungen:

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Dark
Idee: Jantje Friese, Baran bo Odar
Land: Deutschland
Jahr: 2017-2020
Episoden: 26 in 3 Staffeln
Länge: ca. 45-70 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung: u.a. Louis Hofmann, Lisa Vicari, Dietrich Hollinderbäumer, Barbara Nüsse, Maja Schöne, Moritz Jahn, Oliver Masucci, Walter Kreye, Carlotta von Falkenhayn, Arndt Klawitter


SerienWelt: Dark – Staffel 3

„Dark“ ist – dem englischen Titel zum Trotz – eine deutsche Produktion des Streaming-Anbieters Netflix. In 26 Episoden bzw. 3 Staffeln erzählen Baran bo Odar und Jantje Friese einen Mystery-Thriller über eine deutsche Kleinstadt in der nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Diese Rezension behandelt Staffel 3. Meine Meinung zu Staffel 1 gibt es hier, Staffel 2 hier.

Gesamteindruck: 4/7


„Was soll das heißen?“

Staffel 2 der ersten deutschsprachigen Netflix-Produktion „Dark“ endete mit einem ausgewachsenen Cliffhanger: Als wäre die Zeitreise-Thematik nicht schon komplex genug, deutete das Finale an, dass Parallelwelten ebenfalls eine Rolle spielen könnten. Ein weiterer Schub an komplizierten Verflechtungen war zu erwarten – und passiert dann auch. Wer also schon in bisher mit der ausufernden Zahl der Charaktere und Schauplätze (streng genommen ändert sich der Schauplatz übrigens nicht, sondern nur die Epoche) überfordert war, erlebt in Staffel 3 endgültig sein blaues Wunder.

Inhalt in Kurzfassung
Es bleibt nur mehr wenig Zeit: Die Reisenden haben erkannt, dass der deutschen Kleinstadt Winden die Apokalypse droht. Doch während die einen alles daran setzen, die Ereignisse zu verhindern, die zur Katastrophe führen, sind die anderen der Ansicht, dass unbedingt alles so geschehen muss, wie es vorherbestimmt ist. Doch was, wenn es eine Möglichkeit zwischen diesen Extremen gäbe, was, wenn Reisen nicht nur durch die Zeit, sondern auch durch den Raum, in Parallelwelten, möglich wären?

Die Frage, die ich als Überschrift für diese Rezension gewählt habe, hat zwei Aspekte. Einerseits verdeutlicht sie die größte Schwäche von „Dark“, die schon in den ersten Staffeln erkennbar war und die nun endgültig überhand nimmt: Teile der Dialoge bestehen aus endlosen Wiederholungen. Das von unterschiedlichen Charakteren immer wieder gern gefragte „Was soll das heißen?“ ist nur ein Beispiel – es gibt eine Vielzahl an typischen Stehsätzen, die teils schon vor Halbzeit dieser Staffel zu nerven beginnen: „…in seiner Welt und in deiner“, „Der Anfang ist das Ende und das Ende ist der Anfang“, „Es muss alles so geschehen, wie es immer geschehen ist“ oder „Er glaubt, den Ursprung gefunden zu haben“ und ähnliche Perlen finden sich, in verschiedenen Abwandlungen, zuhauf in „Dark“. Dazu kommt noch die Tendenz, dass manche Aussagen so klingen, als wären sie direkt dem Leitspruch-Kalender entnommen, das aber nur am Rande, weil ich es nicht so problematisch finde, auch wenn es in dieser todernsten Serie nicht einer gewissen unfreiwilligen Komik entbehrt.

Andererseits ist die Frage „Was soll das heißen?“ durchaus symptomatisch für Vieles, das inhaltlich und inszenatorisch in „Dark“ passiert. Den Zuseher mag es immer wieder frustrieren, dass er meist nicht sofort erfährt, wie die Ereignisse zusammenhängen – da geht es ihm ähnlich wie den Protagonisten der Serie. In Staffel 3 wird allerdings viele von dem, was bisher völlig unbegreiflich war, erklärt: Man erfährt tatsächlich, „was das heißen soll“, wo der „Ursprung“ liegt und was zu tun ist, um „den Knoten zu durchtrennen“. Unglaublich aber wahr – die Showrunner schaffen es tatsächlich, die vielen Fäden und Stränge, aus denen ihre Serie von Beginn an bestanden hat, zu einem größtenteils befriedigenden Abschluss zusammenzuführen. Hut ab vor dieser Leistung, dafür war definitiv sehr viel Planungsarbeit und Geduld notwendig.

Steiniger Weg zum Finale.

Stichwort „Geduld“: Ganz am Ende wird man als Zuseher zwar mit einer gut gemachten Auflösung belohnt. Allerdings, und jetzt kommt’s, ist der Weg dorthin in Staffel 3 ausgesprochen steinig. Mehr als einmal wurde mir das Ansehen durch ewig lange, redundante Dialoge vergällt. Teilweise erinnert das äußerst ungut an den berühmt-berüchtigten Monolog des Architekten in „Matrix Reloaded“, dessen pseudo-philosophisches Gelaber ähnlich unverständlich war. In „Dark“ tritt diese Problematik in Staffel 3 verstärkt auf, teilweise hat man im Nachgang das Gefühl, dass ganze Folgen aus endlosen Auseinandersetzungen mit der Natur von Zeit und Raum auf quantenphysikalischer Ebene bestehen. Das nervt ehrlich gesagt ganz gewaltig, weil es der bis dahin so gut gemachten und trotz ihres Ernstes und aller Komplexität so leichtfüßig daherkommenden Serie einen ordentlichen Dämpfer verpasst. Es scheint manchmal fast, als wäre der Stoff eigentlich nur auf 2 Staffeln ausgelegt gewesen, so dünn mutet die eigentliche Handlung zeitweise an. Man springt munter zwischen Zeiten und Welten hin und her, lässt keiner Szene genügend Raum zum Atmen und vergisst dabei, dass die Zusammenhänge immer noch komplex sind. Ich denke, eine etwas längere Verweildauer in den einzelnen Szenen wäre hier angebracht gewesen.

Überhaupt ist es fraglich, ob die Einführung paralleler Welten eine gute Idee war. Am Ende wird zwar klar, dass sich dadurch ein sehr stimmiges Gesamtbild ergibt – aber irgendwie hat man das Gefühl, dass das eigentlich nicht so geplant war. Mich persönlich hat die Zeitreise-Story bei aller Komplexität durchgehend unterhalten, den zusätzlichen Aspekt der Viele-Welten-Theorie hätte ich eigentlich nicht gebraucht. Und weil davon in den ersten Staffel keine Rede war, wirkt das Ganze ein wenig aufgesetzt, obwohl man sich relativ erfolgreich bemüht hat, die losen Fäden auch unter diesem Gesichtspunkt miteinander zu verbinden.

Lange Rede, kurzer Sinn: So richtig bin ich mit der finalen Staffel von „Dark“ nicht einverstanden. Daran ändern auch das weiterhin großartige Setting, die immer noch perfekte Ausstattung und die nach wie vor guten Schauspieler nichts. Gerade letztere leiden natürlich besonders stark unter der Dialoglastigkeit von Staffel 3; speziell, was man den armen Charakteren Adam und Eva in den Mund legt, ist teilweise ganz starker Tobak. Dennoch: Wer bisher dabei war, wird natürlich auch das Finale sehen wollen, allein schon um die Antwort auf die allumfassende Frage zu erfahren: „Was soll das heißen?“. Ob diese Antwort letztlich befriedigend ausfällt, wird jeder für sich entscheiden müssen – ich war mit der Auflösung zufrieden, mit dem Weg dorthin erstmals seit Beginn der Serie nicht mehr so wirklich.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Dark
Idee: Jantje Friese, Baran bo Odar
Land: Deutschland
Jahr: 2020
Episoden: 8
Länge: ca. 45-70 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung: u.a. Louis Hofmann, Lisa Vicari, Dietrich Hollinderbäumer, Barbara Nüsse, Maja Schöne, Moritz Jahn, Oliver Masucci, Walter Kreye, Carlotta von Falkenhayn, Arndt Klawitter



 

SerienWelt: Dark – Staffel 2

„Dark“ ist – dem englischen Titel zum Trotz – eine deutsche Produktion des Streaming-Anbieters Netflix. In 26 Episoden bzw. 3 Staffeln erzählen Baran bo Odar und Jantje Friese einen Mystery-Thriller über eine deutsche Kleinstadt in der nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Diese Rezension behandelt Staffel 2.

Gesamteindruck: 6/7


Wann, wohin, wieso?

Netflix macht es möglich: „Dark“ kann und konnte über den Streaming-Dienst in fast 200 Ländern weltweit gesehen werden – für eine deutsche Serien-Produktion dürfte das ein absoluter Rekordwert sein. Und es ist gut, dass die Mystery-Serie so großen Zuspruch fand, hängen Fortsetzungen doch sehr stark von den Zuschauerzahlen ab; es wäre jedenfalls sehr schade und unbefriedigend gewesen, hätten die Netflix-Bosse „Dark“ frühzeitig eingestellt…

Inhalt in Kurzfassung
Nach dem Verschwinden zweier Kinder tritt die Polizei in der deutschen Kleinstadt Winden weiterhin auf der Stelle. Ermittlungserfolge gibt es nicht, entsprechend groß sind Sorge und Wut bei den Einwohnern. Zur Unterstützung trifft ein Sonderermittler ein, der schnell merkt, dass praktisch Jeder in Winden dunkle Geheimnisse zu verbergen versucht. Inzwischen beginnen Vorbereitungsmaßnahmen zur Abschaltung des Kernkraftwerks, die Jugendlichen starten eigene Nachforschungen zu den Verschwundenen und es verdichten sich die Hinweise auf eine bevorstehende Apokalypse.

Auch Staffel 2 von „Dark“ kann – so viel sei vorweg genommen – voll und ganz überzeugen, ist meiner Ansicht nach sogar noch eine Spur besser als die erste Staffel. Nichts geändert hat sich an der Komplexität: Eine Vielzahl an Protagonisten, die in unterschiedlichen Epochen agieren, fordern nach wie vor die volle Aufmerksamkeit des Zusehers. Faszinierend, dass trotz teils höchst komplizierter Zusammenhänge, gerne mal erklärt mittels theoretischer Physik, die auch nicht gerade zu den Leichtgewichten der Wissenschaft zählt, die Spannung auf so hohem Niveau bleibt.

Dafür ist weiterhin das geschickte Spiel zwischen der Klärung offener Stränge und dem kontinuierlichen Auftauchen neuer Fragen verantwortlich. Das Drehbuch ist auch in Staffel 2 sehr intelligent und schafft es, den Zuseher bei der Stange zu halten, obwohl (oder gerade weil?) man ständig meint, endlich einen Blick auf das Gesamtbild erhaschen zu können – nur, um im nächsten Moment durch eine neue, unerwartete Wendung wieder nicht zu wissen, was das Ganze eigentlich soll.

Schwächen setzen sich fort.

Ich möchte nicht verhehlen, dass es ein Mindestmaß an Geduld, vor allem aber ein gewisses Interesse an den Paradoxien braucht, die mit Zeitreise-Geschichten einhergehen. Ich finde zwar, dass „Dark“ den Spagat zwischen philosophischen, wissenschaftlichen und dramatischen Elementen gut schafft, würde es aber auch niemandem verübeln, der die Geduld dafür nicht aufbringt. Denn, auch daran hat sich nichts geändert, „Dark“ eignet sich nach wie vor nicht, um sich nebenbei berieseln zu lassen.

Obwohl ich Staffel 2 wie angedeutet sehr positiv aufgenommen habe, gibt es einige Kritikpunkte, die nicht unerwähnt bleiben sollen: Ich habe bereits in meiner Rezension zu Staffel 1 angemerkt, dass die Verantwortlichen es in Sachen Bild-Ton-Komposition ein wenig übertrieben haben. Diese Problematik setzt sich in Staffel 2 nicht nur fort, sondern verstärkt sich in einigen Szenen sogar noch. Wenn einige Protagonisten zu prinzipiell gut passendem Synthie-Pop höchst bedeutungsvoll in die Gegend starren, ist das eine Sache – kommt das gefühlt in jeder Folge vor, noch dazu jedes Mal länger und länger, nutzt sich der im ersten Moment gut gemachte Effekt so sehr ab, dass man regelrecht genervt davon ist. Zwar tragen dazu auch die Schauspieler durch gewisses Overacting ihr Scherflein dazu bei, aber die Hauptverantwortung liegt hier schon bei den Showrunnern, die manche Folge offenbar künstlich etwas verlängern wollten; zumindest konnte ich mich dieses Eindrucks nicht immer erwehren.

Zu den Schauspielern ist zu sagen, dass der Cast nach wie vor gut agiert. Die Dialoge weisen zwar ein paar Schwächen (in Form von gelegentlichen Wiederholungen auf), den Darstellern kann man das aber nicht zur Last legen. Schon eher, dass manche Szenen dann doch etwas zu übertrieben gespielt sind – vor allem die traurige Verstocktheit (ich weiß nicht, wie ich das sonst nennen soll) von Hauptdarsteller Louis Hofmann (Jonas) wirkt stellenweise sehr unnatürlich.

Sieht man von diesen Punkten ab, ist Staffel 2 jedoch eine sehr würdige Fortsetzung. Das Setting ist und bleibt großartig, die bedrohliche Grundstimmung überzeugend, die Verflechtungen der Figuren schlüssig. Die Effekte sind überdurchschnittlich, die schauspielerische Leistung stimmt über weite Strecken – daher schrammt auch die zweite Staffel von „Dark“ nur knapp an 7/7 Punkten vorbei.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Dark
Idee: Jantje Friese, Baran bo Odar
Land: Deutschland
Jahr: 2019
Episoden: 8
Länge: ca. 45-70 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung: Maja Schöne, Louis Hofmann, Stephan Kampwirth, Daan Lennard Liebrenz, Karoline Eichhorn, Oliver Masucci, Christian Steyer, Moritz Jahn



 

SerienWelt: Dark – Staffel 1

„Dark“ ist – dem englischen Titel zum Trotz – eine deutsche Produktion des Streaming-Anbieters Netflix. In 26 Episoden bzw. 3 Staffeln erzählen Baran bo Odar und Jantje Friese einen Mystery-Thriller über eine deutsche Kleinstadt in der nichts so ist, wie es auf den ersten Blick scheint. Diese Rezension behandelt Staffel 1.

Gesamteindruck: 6/7


Hochspannende Mystery aus Deutschland.

Eine Warnung vorweg: Wer sich „Dark“ ansehen möchte, muss sich darauf gefasst machen, dass die Konzentration stark gefordert ist. Sieht man sich die Serie „nebenbei“ an, wird man relativ schnell den Überblick verlieren. Glücklicherweise heißt das nicht, dass „Dark“ extrem schwer konsumierbar ist. Im Gegenteil, vor allem die Staffeln 1 und 2 sind, wenn man grundsätzliches Interesse an derart komplexen Geschichten hat, bestens zum Binge Watching geeignet.

Inhalt in Kurzfassung
Winden ist eine typische Kleinstadt irgendwo in Deutschland. Vordergründig ist hier die Welt noch in Ordnung – bis ein Mann Selbstmord begeht und bald darauf wie schon einmal vor vielen, vielen Jahren, Kinder zu verschwinden beginnen. In dieser Situation beginnt die gutbürgerliche Fassade zu bröckeln und bald stellt sich heraus, dass es in Winden vor dunklen Geheimnissen nur so wimmelt. Vor allem vier Familien sind davon betroffen; und was haben das örtliche Kernkraftwerk, größter Arbeitgeber der Region, und eine geheimnisvolle Höhle mit den mysteriösen Ereignissen zu tun?

„Dark“ hat ein bisschen was von „Lost“ (2004-2010): Man weiß als Zuschauer sehr, sehr lange nicht, wie das Gesehene einzuordnen ist. Letztlich dauert es tatsächlich bis zur letzten Folge der dritten Staffel, bis wirklich alle Zusammenhänge erklärt sind. Allerdings tut das recht wenig zur Sache, denn dem verantwortlichen Duo Jantje Friese und Baran bo Odar gelingt es, die Spannung von Beginn an kontinuierlich zu steigern. Und all das auf glaubwürdige, immer nachvollziehbare Art. Genau dieser Balance-Akt ist es auch, der Respekt abringt: „Dark“ beginnt relativ ruhig und geradlinig, wird aber bereits in Staffel 1 bald zu einem im ersten Moment überwältigenden Geflecht aus Figuren, die sich in unterschiedlichen Zeiten bewegen. Es gibt eine Unzahl an Namen und Verflechtungen, denen es zu folgen gilt, um den Überblick zu bewahren.

Was aber fast nach Schwerstarbeit klingt, ist (fast) das Gegenteil: Das Drehbuch ist dermaßen clever geschrieben, dass man fast schon mühelos folgen kann, wenn man es schafft, sich zumindest die Namen der wichtigsten Figuren zu merken. Dass das so geschmeidig funktioniert, ist der geradezu virtuosen Komposition aus normalen Szenen, Flashbacks und Zeitsprüngen geschuldet, die ich auf diese Art und Weise noch nicht häufig in einer Serie oder einem Film bewundern durfte. Wer „Lost“ als Beispiel eher abschreckend findet, kann auch an „Zurück in die Zukunft“ denken – denn mit dem in einer Szene sogar zitierten Spielberg-Klassiker (1985-1990) hat „Dark“ viel gemein. Nimmt man dessen Humor heraus („Dark“ ist zu keinem Zeitpunkt auch nur ansatzweise komisch), hat man sogar eine in Grundzügen recht ähnliche Handlung.

Kaum Kritikpunkte.

Ich habe tatsächlich sehr wenig an der 1. Staffel von „Dark“ auszusetzen. Wie gut die Handlung inklusive ihrer teils komplett unerwarteten Wendungen und Verästelungen ist, habe ich schon angedeutet. Freilich wäre das nicht viel wert, wenn die Figuren nicht überzeugen würden – aber auch an dieser Stelle gibt es wenig auszusetzen. Bedenken muss man nur, dass die Serie und der komplette Handlungsbogen auf 3 Staffeln ausgelegt ist, man also nicht von Beginn an durchschaut, welcher Charakter wie tickt. Ein Gut-Böse-Schema gibt es ohnehin nicht, wie man relativ bald feststellen muss. Hier passt dann auch gleich hin, dass die Schauspieler ihre Sache meines Erachtens gut machen und – vor allem für eine deutsche Produktion – sehr glaubwürdig agieren. Die Performance des gesamten Cast (!) trägt viel dazu bei, dass man die Dunkelheit, die düsteren Geheimnisse, die der Serie ihren Namen geben, fast schon körperlich zu spüren meint.  Apropos Produktion: „Dark“ kann vor allem optisch, aber auch akustisch und in Sachen Ausstattung problemlos mit internationalen Serien mithalten. Auch das trägt viel dazu bei, dass man sich als Zuseher fragt, ob es nicht in der eigenen Nachbarschaft hinter verschlossenen Türen vielleicht ähnlich dramatisch zugeht.

Ein negativer Aspekt muss dann aber doch erwähnt werden: Auch wenn der Ton prinzipiell in Ordnung wäre, übertreiben es die Showrunner zum Teil. Viele Szenen sind hoch-offensiv mit bedeutungsschwangerer Musik unterlegt, die zwar passen würde – aber es ist einfach zu viel des Guten. Ich weiß nicht, was da passiert ist, ob man vielleicht zu stolz darauf war, für jede Szene den passenden Song zu haben, aber das hätte es für mich nicht gebraucht. Noch dazu ist der Mix in einigen Folgen ziemlich misslungen, heißt, dass die Musik im Verhältnis zum Rest viel zu laut ist. Besonders ärgerlich ist das in manchen Dialogen, die kaum verständlich sind, was aber gerade in diesen Schlüsselszenen notwendig wäre. Weniger wäre hier also tatsächlich mal mehr gewesen, um mal kurz in die Klischeekiste zu greifen.

Bis auf diesen Schönheitsfehler ist „Dark“ jedem Mystery-Fan jedenfalls wärmstens ans Herz zu legen!

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Dark
Idee: Jantje Friese, Baran bo Odar
Land: Deutschland
Jahr: 2017
Episoden: 10
Länge: ca. 45-70 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung: Maja Schöne, Louis Hofmann, Stephan Kampwirth, Daan Lennard Liebrenz, Karoline Eichhorn, Oliver Masucci, Christian Steyer, Moritz Jahn