FilmWelt: Stille Wåsser

Infos zu diesem Film, der 2017 Premiere feierte, sind dünn gesät. Es handelt sich beim vom oberösterreichischen Kollektiv „Wunderkreis“ produzierten „Stille Wåsser“ um einen Independent-Streifen – und das ist durchaus wörtlich zu nehmen: Kein Schauspieler oder Angehöriger der Filmcrew dürfte einem breiteren Publikum ein Begriff sein. Über weite Strecken tut das der Professionalität allerdings keinen Abbruch.

Gesamteindruck: 4/7


Im tiefsten Oberösterreich.

Über die Geschichte, die der Film erzählt, kann man nichts Negatives sagen, wobei ich auch nicht verhehlen möchte, dass „Stille Wåsser“ das Rad nicht gerade neu erfindet und kaum Überraschungen bietet. Die Kombinationsgabe des geneigten Krimi- und Thriller-Freundes wird also nicht sonderlich herausgefordert, so ehrlich muss man schon sein. Wie so oft ist aber eher der Weg das Ziel – und hier kann das Werk des „Wunderkreis“-Teams sehr wohl punkten.

Worum geht’s?
Als einer der besten Freunde von Flo Selbstmord begeht, gerät auch dessen Leben aus den Fugen. Er gibt sich eine Mitschuld am Suizid, weil – davon ist er überzeugt – der Konzern, für den er arbeitet, den Freund in den Tod getrieben hat. Bald beginnt Flo auf eigene Faust mit Ermittlungen, mit dem Ziel, seinem Chef strafbare Handlungen nachzuweisen…

Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob „Stille Wåsser“ tatsächlich ins Krimi-Genre passt oder doch eher ein Drama ist, ist der Film doch ein wenig mit den üblichen, abendfüllenden Krimis vergleichbar: Ein vermeintlicher Selbstmord, der Freund, der nicht an den Suizid glaubt, die Polizei, die nicht wirklich hilfreich ist – und dann noch der große, unsympathische und skrupellose Konzern, mit dem man sich besser nicht anlegt. Im Unterschied zu „Tatort“ & Co ist „Stille Wåsser“ aber, wie erwähnt, keine professionelle Produktion. Dass der Film überhaupt finanziert werden konnte, ist, wie bei solchen Projekten üblich, einer Reihe von Sponsoren zu verdanken.

Mit einer ordentlichen Portion Lokalkolorit geht es nach einer kurzen Einführung der Charaktere durch die großteils eher ruhigen Szenen. Seine Spannung bezieht der Film vorwiegend aus der Figuren-Konstellation: Der einfache Angestellte, auch privat ein Typ wie du und ich, versucht dem mächtigen Konzern auf die Schliche zu kommen. Dabei stellt er sich zum Teil etwas unbeholfen an – und ist stets in Gefahr, aufzufliegen. Dieses Szenario macht den Reiz des Films aus; letztlich aber vor allem auch in Kombination mit einem klaren Gut-Böse-Schema, wie man es heute nur noch selten findet. Hier ist es relativ leicht, zum vollkommen durchschnittlichen Anti-Helden zu halten und zu hoffen, dass er seinem skrupellosen Chef etwas anhängen kann – das muss man allerdings mögen, ich selbst empfand es als durchaus angenehme Abwechslung.

Technisch ist „Stille Wåsser“ gut gemacht. Der Ton ist sehr stark, speziell die musikalische Untermalung sorgt für eine eigene, doch recht düstere Atmosphäre. Eventuell könnten Zuschauer, die aus nördlichen Gefilden stammen, Probleme mit dem Dialekt haben, der im Film durchgehend gesprochen wird – der aber gleichzeitig auch einen großen Teil seines Charmes ausmacht (im Übrigen sind Untertitel zuschaltbar). Noch mehr Lob als der Ton verdient meines Erachtens aber die professionell anmutende Kameraarbeit, die sehr stimmungsvolle Bilder einfängt. Ab und an haben sich zwar ein paar verwackelte Aufnahmen eingeschlichen, Beinbruch ist das aber keiner (wenn das übrigens ein Stilmittel sein soll, empfinde ich es als unpassend).

Detailliert, aber mit Längen.

Ich glaube, ich habe es immer mal wieder erwähnt: Es scheint im österreichischen Film typisch zu sein, dass er sehr viele Details zeigt. Und die sind in der Regel nicht schön und makellos, sondern so, wie sie sich wirklich darstellen. So wirkt beispielsweise ein abgewohnter Wohnwagen genau, wie man ihn sich vorstellt – und nicht wie neu oder wie extra für den Film auf alt hergerichtet. Dass das auch in „Stille Wåsser“ dieser Tradition, so es überhaupt eine ist, treu bleibt, ist allein schon ein Grund für einen Sympathiepunkt.

Ein wenig Kritik muss ich nach so viel netten Worten aber doch loswerden: Zunächst weißt der Film durchaus Längen auf, ich würde fast behaupten, dass er alles in allem hätte 20 Minuten kürzer sein dürfen. Wirklich auszusetzen habe ich im Endeffekt aber nur zwei Dinge: Die Dialoge per se sind gut, allerdings scheinen die Darsteller zu sehr mit der Theaterbühne verhaftet zu sein. Jedenfalls bilde ich mir ein, dass Gestik, Mimik und auch Sprache in manchen Szenen eher dorthin als in einen Film gepasst hätten, daher ein wenig befremdlich wirken. Hauptdarsteller Sebastian Paischer würde ich davon übrigens klar ausnehmen, der strahlt den kompletten Film über Natürlichkeit und Professionalität aus.

Der zweite Kritikpunkt betrifft wiederum die Technik: In „Stille Wåsser“ gibt es leider einige schlechte Schnitte. Keine Ahnung, was da passiert ist, ich kann nur mutmaßen, dass man teilweise dazu gezwungen war, weil es keine perfekten Takes der einen oder anderen Szene gegeben hat. So oder so – der Schnitt fällt im Idealfall überhaupt nicht auf; dass ich ihn hier anspreche, heißt, dass er mindestens zwei- oder dreimal, eher öfter, unpassend gesetzt war.

Davon abgesehen ist „Stille Wåsser“ aber eine runde Sache. Jeder, der keine auf Hochglanz polierte und super-professionelle Produktion braucht und im Idealfall auch noch auf Spielfilme mit ordentlich Lokalkolorit steht, sollte einen Blick riskieren. Größere Bekanntheit hätten sich die Macher meines Erachtens definitiv verdient. Wer Interesse hat: Zum Zeitpunkt dieser Rezension ist das Werk gratis auf Amazon Prime Video verfügbar.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Stille Wåsser.
Regie:
Leonhard Moser
Drehbuch: Leonhard Moser
Jahr: 2017
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Sebastian Paischer, Franz Maderegger,



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FilmWelt: Bad Fucking

Harald Sicheritz porträtiert die österreichische Provinz – und gleichzeitig auch die Seele der dortigen Bevölkerung. Das ist nicht ungewöhnlich, sondern durchaus erwartungsgemäß. Überraschender ist, dass der Regisseur seine guten Zutaten längst nicht so gekonnt einsetzt, wie man es sich erhofft hätte. Das macht „Bad Fucking“ zwar nicht zu einem schlechten Film, eine kleine Enttäuschung bleibt aber dennoch zurück.

Gesamteindruck: 4/7


Provinzielle Apokalypse.

Wer in einem Ort lebt, dessen Name im Englischen ein Synonym für schlechten Geschlechtsverkehr ist, muss erfinderisch sein. Die Einwohner von Bad Fucking (das übrigens eine Anspielung auf den real existierenden Ort Fucking in Oberösterreich ist) haben sich im gleichnamigen Film mit dieser Situation arrangiert. Die Touristen, die busweise im Provinznest einfallen, werden nach allen Regeln der Kunst ausgenommen, die Wirtschaft boomt und es herrscht generelle Zufriedenheit. Bis die Idylle schließlich von einer Naturkatastrophe unterbrochen wird und kein Fremder mehr den Weg in die Ortschaft findet. Dass das nicht gut enden kann ist klar – und irgendwie auch typisch österreichisch.

Kult-Regisseur Harald Sicheritz verfilmte 2013 mit „Bad Fucking“ das gleichnamige, nicht minder groteske Buch von Kurt Palm. Sicheritz’schen Meisterleistungen wie „Muttertag“, „Freispiel“ und „Wanted“ kann dieser Film allerdings nicht das Wasser reichen, soviel sei vorweg gesagt. Dabei stimmen die Zutaten: Die Figuren sind herrlich skurril, richtige Sympathieträger sind kaum auszumachen, was in einem solchen Streifen gerne so sein darf. Die österreichischen Provinz wird in Bild und Ton geradezu perfekt dargestellt (als jemand, der vom Land kommt, darf ich das wohl so sagen). Die Gags zünden (großteils), die Schauspieler (man kann durchaus von einem österreichischen Star-Ensemble sprechen) machen ihre Sache ausgezeichnet. Sogar die Kritik an der hinterwäldlerischen Dorfgemeinschaft passt und ist ausreichend bissig formuliert.

Woran fehlt es also? Es ist wie so oft: Der Regisseur vermag diese Einzelaspekten in kein durchgehend stimmiges Ganzes zu gießen. Im Grunde ist „Bad Fucking“ eine Aneinanderreihung von mal mehr, mal weniger lustigen Szenen. Die verbindende Geschichte ist nicht der Rede wert und macht meines Erachtens auch relativ wenig Sinn. Eigentlich hat der Versuch, dem Film eine krimi-mäßige Rahmenhandlung zu geben, sogar einen negativen Effekt: Als Zuschauer springt man natürlich auf die Jagd nach einem Mörder an, versucht, die Puzzlesteine aneinander zu fügen. Wenn das dann nicht funktioniert, weil der Film gar nicht an einer Lösung interessiert scheint, sorgt das für Enttäuschung. Letztlich ist man sich als Zuseher nie sicher, ob „Bad Fucking“ sich nun selbst ernst nimmt oder nicht. Und in einer solchen Grauzone ist das Sehvergnügen – zumindest für mich – einfach nicht so hoch, wie man es sich erhofft hätte.

Ein zweiter Punkt, der auf der negativen Seite ins Feld geführt werden kann: Wie beschrieben ist der Humor großteils durchaus brauchbar. Es gibt intelligente Satire, meist muss man sich aber eher auf Tiefschläge einstellen. Durchaus passabel, möchte ich anmerken. Allerdings stehen den durchaus witzigen Szenen auch (zum Glück wenige) diverse Ausfälle entgegen, die komplett an meinem Humor vorbeigehen. Dieser Kontrast fällt in „Bad Fucking“ extrem aus. Glücklicherweise überwiegen aber die echten Schenkelklopfer, sodass dieser Kritikpunkt zwar da, aber nicht allzu groß ist.

Fazit: Der Film ist natürlich kein kompletter Ausfall wie „3faltig“. „Bad Fucking“ weiß schon zu unterhalten. Dennoch hat man ständig das Gefühl, dass wesentlich mehr Tiefgang und Klasse möglich gewesen wären.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Bad Fucking
Regie: Harald Sicheritz
Jahr: 2013
Land: Österreich
Laufzeit: 108 Minuten
Besetzung (Auswahl): Martina Ebm, Proschat Madani, Thomas Mraz, Wolfgang Böck, Michael Ostrowski, Bettina Redlich, Adele Neuhauser, Johannes Silberschneider