BuchWelt: Keltengrab

Patrick Dunne


„Keltengrab“ (2005) ist das erste von drei zum Zeitpunkt dieser Rezension erhältlichen Romanen über die Archäologin Illaun Bowe. Interessanterweise verfügt Autor Patrick Dunne nur über einen sehr knapp gehaltenen Eintrag in der deutschsprachigen (!) Wikipedia, in dem nicht einmal sein Geburtsdatum vermerkt ist. Ein Eintrag in seiner Muttersprache fehlt hingegen; und auch sonst scheinen die Informationen über ihn dünn gesät zu sein, was heutzutage schon sehr außergewöhnlich ist.

Gesamteindruck: 1/7


Irische Moorleichen.

Ganz ehrlich: Ich hätte mir „Keltengrab“ wohl nie gekauft, wenn ich im Off- oder Online-Buchhandel zufällig über das Werk gestolpert wäre. Weder Cover noch Klappentext unterscheiden sich großartig von einer Vielzahl ähnlicher Bücher, die meist von deutlich bekannteren Schriftstellern stammen (was nicht heißen soll, dass ein bekannter Name automatisch für Qualität bürgt). Dank eines offenen Bücherschranks habe ich „Keltengrab“ nun aber doch zu lesen bekommen – und muss konstatieren, dass ich unterwältigt war. So gesehen verwundert es auch nicht, wenn man trotz vermutlich erklecklicher Verkaufszahlen noch nie etwas von Patrick Dunne gehört hat.

Worum geht’s?
Nahe der prähistorischen Kultstätte Newgrange in Irland werden kurz vor Weihnachten bei Bauarbeiten zwei Moorleichen gefunden. Archäologin Illaun Bowe hofft, dass die Körper – eine erwachsene Frau und ein Säugling – aus vorchristlicher Zeit stammen und beginnt mit ihren Untersuchungen. Doch bald stellt sich heraus, dass es gefährlich ist, wenn man zu viel über das Moor, die Kultstätte und ein nahegelegenes Kloster herausfindet…

Was fällt mir heute, wenige Tage nach der Lektüre von „Keltengrab“, zuerst ein, wenn ich an das Buch denke? Ich wünschte, ich könnte sage, es wäre die fieberhafte Hochspannung, mit der ich die Seiten regelrecht gefressen habe. Oder die großartigen Charaktere, die dramatische Handlung – oder einfach das Gefühl, ein gutes Buch gelesen zu haben. Die Wahrheit ist leider deutlich profaner: „Keltengrab“ ist ein Buch, in dem ständig jemand Verabredungen verschiebt oder organisiert. Ja, richtig gelesen, das ist das, was mir vorrangig im Gedächtnis geblieben ist.

Immerhin hätte es noch schlimmer kommen können: Die merkwürdige Beschreibung von den Versuchen der Hauptfigur, ihren Alltag zu organisieren, überdecken weitgehend das während der Lektüre immer mal wieder aufkommende Bedürfnis, „Keltengrab“ vorzeitig abzubrechen. Ein vernichtendes Urteil, ich weiß – und doch stehe ich dazu, ich empfand das Werk über weite Strecken als nichtssagend, wenig spannend und von völlig irrelevanten Charakteren bevölkert.

Trotz guter Ausgangsposition kein Page-Turner.

Dabei ist der Ausgangspunkt durchaus interessant, denn der Fund von vermeintlich prähistorischen Leichen – egal, ob in Mooren, Gletschern oder Pyramiden – ist immer von einem mystischen Hauch umgeben. Hier kommt noch ein nass-kaltes, winterliches Irland hinzu, ein Handlungsort, der das seinige zur düsteren Atmosphäre von „Keltengrab“ beiträgt. Und ja, auch die Idee eines Klosters, das seit Unzeiten ein dunkles Geheimnis verbirgt, das sich im Laufe der Jahrhunderte allen Versuchen einer Entschlüsselung entzogen hat, ist eine gute und Spannung versprechende Idee. Allein: „Keltengrab“ ist trotz dieser Zutaten alles andere als ein Pageturner.

Denn Patrick Dunne schafft es zu keinem Zeitpunkt, die brauchbaren Versatzstücke zu einer guten Geschichte zu verarbeiten. Das liegt – wie so oft – an mehreren Faktoren: „Keltengrab“ kann weder in punkto Handlung, noch in Bezug auf Charaktere oder Dialoge überzeugen. Das geht sogar so weit, dass ich nicht genau sagen kann, welcher dieser Punkte das größte Übel ist; meiner Meinung nach kann der Autor in keiner Kategorie glänzen. Die Dialoge sind wahrscheinlich der kleinste Unsicherheitsfaktor – sie sind im Endeffekt weder gut noch schlecht, sondern schlichter Durchschnitt, was aber irgendwo auch logisch ist. Was sollen die Figuren auch Weltbewegendes zu sagen haben, wenn sie selbst und die Handlung, über die sie sprechen, kein Interesse zu wecken vermögen?

Elemente greifen nicht ineinander.

Bei den Charakteren haben wir es bei der Ich-Erzählerin (was für ein von einem Mann geschriebenes Buch eher ungewöhnlich ist) Illaun Bowe mit einer nüchternen Wissenschaftlerin zu tun. Bis auf ihr Berufsfeld fehlen ihr aber so gut wie alle Eigenschaften, die sie zu einer Identifikationsfigur machen würden. Ihre Gefühlswelt und ihre Geschichte bleiben dem Leser weitgehend verschlossen, sodass sie für mein Empfinden eine der uninteressantesten Hauptfiguren ist, die ich seit vielen Jahren kennenlernen durfte. Brauchbar sind, wie oben angedeutet, einzelne Ausführungen zu wissenschaftlichen Erkenntnissen und die eine oder andere Landschaftsbeschreibung, die aus stilistischen Gründen natürlich auch von Illaun Bowe kommen. Und, als wäre das alles nicht schlimm genug, gibt es in „Keltengrab“ auch abseits der Hauptfigur keinen memorablen Charakter, weder auf der guten noch auf der bösen Seite. Am ehesten entspricht noch der ermittelnde Beamte meiner Vorstellung einer kantigen Figur – aber letztlich ist auch er nicht viel mehr als ein flaches Abziehbild eines tiefgründigen Charakters.

Ähnlich schwach präsentiert sich die Handlung von „Keltengrab“. Die Versuche, hinter das Geheimnis der Moorleichen zu kommen, sind einerseits nicht sonderlich spannend, andererseits wirkt die Geschichte konfus und wenig einleuchtend. Das Ergebnis: Würde mich jetzt, ein paar Tage nach der Lektüre, jemand nach einer Zusammenfassung des Falles, den die Charaktere in diesem Buch untersuchen, fragen, wüsste ich tatsächlich nicht, was sich im Detail zugetragen hat. Es mag sein, dass das daran liegt, dass meine Konzentration während des Lesens immer wieder nachgelassen hat – aber auch, wenn dem so ist, ist das kein gutes Zeichen für die Qualität von „Keltengrab“.

Und so bleibt mir leider nur ein Fazit: Finger weg. „Keltengrab“ ist nicht sonderlich spannend, es verfügt über keine guten Charaktere und es ist – was vielleicht an der Übersetzung liegt – auch nicht allzu gut geschrieben. Ob ein paar gelungene Landschaftsbeschreibungen des winterlichen Irland und der geheimnisvolle Fundort einer Moorleiche ausreichend Grund für eine Lektüre sind, wage ich zu bezweifeln. Ich persönlich glaube nach dieser Erfahrung jedenfalls nicht, dass ich nochmal meine Zeit für ein Buch von Patrick Dunne opfern werde.

Gesamteindruck: 1/7


Autor: Patrick Dunne
Originaltitel: A Carol for the Dead.
Erstveröffentlichung: 2005
Umfang: ca. 420 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

BuchWelt: Die weiteren Aussichten

Robert Seethaler


„Die weiteren Aussichten“ im Hochsommer 2021 zu lesen, war ein Glücksfall. Nicht nur, weil das Buch des österreichischen Autors Robert Seethaler ein höchst unterhaltsames Werk ist, sondern auch und vor allem weil die Temperaturen, die zum Zeitpunkt dieser Rezension hier in Wien vorherrschen, es ungemein erleichtern, in die richtige Stimmung zu kommen. Mit anderen Worten: Es ist drückend heiß hier, genau wie im Buch.

Gesamteindruck: 7/7


Herbert und Hilde.

Von Robert Seethaler habe ich bis zum Zeitpunkt dieser Rezension nur „Der Trafikant“ (2012) gelesen, ein Werk, das mir sehr gut gefallen hat. „Die weiteren Aussichten“ ist bereits 2008 erschienen, war nach dem Debüt „Die Biene und der Kurt“ (2006) das zweite Buch des Autors – und wurde von mir mit großem Vergnügen gelesen. Dabei ist die Handlung eigentlich relativ dünn, gleichzeitig aber auch eine sehr eigenwillige Mischung aus Absurdität und Realismus, angereichert mit einer guten Portion Lokalkolorit.

Worum geht’s?
Irgendwo an einer anonymen und kaum befahrenen Landstraße führt Helene Szevko gemeinsam mit ihrem Sohn Herbert eine Tankstelle. Los ist nichts, weder allgemein noch im Privatleben der beiden. Bis eines Tages eine Frau auf ihrem Klapprad an der Tankstelle vorbeifährt und es sofort um den als Sonderling verschrienen, jungen Mann geschehen ist. Er folgt ihr zu ihrer Arbeit im dörflichen Hallenbad, lässt sich dort (unfreiwillig) von ihr retten – und damit beginnt eine abenteuerliche Liebesgeschichte

Zu beschreiben, wie sich „Die weiteren Aussichten“ liest, fällt mir erstaunlich schwer. Klar, es ist ein Buch von Robert Seethaler – dennoch unterscheidet sich, zumindest in meiner Erinnerung, der Stil recht stark von dem, den der Autor in „Der Trafikant“ nutzt. Für mein Dafürhalten ist vorliegendes Werk deutlich leichter, sozusagen locker-flockiger geschrieben und liest sich auch entsprechend flott. Eine Vergleichsmöglichkeit will mir auch nicht wirklich einfallen, eventuell hat man bei einzelnen Passagen ein leichtes Gefühl von Wolf Haas, insgesamt agiert Seethaler aus meiner Sicht aber komplett eigenständig.

Inhaltlich ist das Buch eine Mischung aus Liebesgeschichte, Roadmovie (Gibt’s dazu eigentlich eine literarische Entsprechung mit einem eigenen Namen?), ein wenig Tragikomödie und eine Prise Entwicklungsroman. Klingt nach einem wilden Durcheinander, ist es rein von der Handlung her auch ein bisschen; das Lesegefühl ist interessanter- und glücklicherweise dennoch rund und stimmig: Alles greift nahezu perfekt ineinander, so wie es bei einem guten Roman eben sein sollte. Besonders bemerkenswert: Obwohl Robert Seethaler diverse Unwahrscheinlichkeiten, Zufälle und Skurrilitäten verarbeitet, erzeugt „Die weiteren Aussichten“ ein durchaus bodenständiges Gefühl beim Leser.

Liebenswerte Figuren.

Das hat freilich auch mit den durch und durch sympathischen Charakteren zu tun. Drei Hauptfiguren gibt es: Die resolute, im Grunde ihres Herzens aber gutmütige Helene, die ihren Sohn mit harter Hand leitet, deren Liebe zu ihm aber immer wieder durchschimmert. Dann die wortkarge, jedoch (oder gerade deshalb) starke Hilde, die sich bald in der Zwickmühle zwischen Mutter und Sohn befindet, diese Situation aber einigermaßen stoisch meistert und schließlich zu beiden emotionale Bande aufbauen kann. Und dann, als eigentliche Hauptperson, der absolute Anti-Held Herbert. Der ist nicht gerade ein Adonis, war bereits als Kind als Epileptiker körperlich angeschlagen und ist letztlich auch kein Geistesriese – eher einer aus der Kategorie ewiger aber sympathischer Verlierer. Bei ihm ist die Entwicklung innerhalb des Romans am stärksten: Vom behüteten Muttersöhnchen hin zu einer Art Held, der – freilich in vollkommen absurden Situationen – immer mehr Selbstbewusstsein entwickelt.

Einen schönen Kniff des Autors möchte ich auch noch erwähnen: Zwischen den einzelnen Kapiteln baut er immer wieder Episoden über „den kleinen Herbert“, also kurze Abrisse aus der Kindheit des Hauptcharakters, ein. Auch die sind durch und durch sympathisch und wirken zu keinem Zeitpunkt wie ein Fremdkörper. Im Gegenteil, sie sorgen dafür, dass man mit dem Helden wider Willen fiebert – trotz und wegen all seiner Defizite. Und: Seethaler setzt eigentlich kaum auf Dialoge. Dass man sich trotzdem so sehr mit seinen Figuren identifizieren kann, möchte ich fast als Meisterleistung der Schreibkunst bezeichnen.

Skurrile Geschichte.

Die Geschichte, die Seethaler erzählt, führt die drei Hauptpersonen nach einigen Irrungen, Wirrungen und Zufällen durch irgendeine namenlose Provinz. Häufig nutzt der Autor das, um diverse Merkwürdigkeiten des Landlebens aufzugreifen; wer selbst einmal dort gelebt hat, wird einiges davon aus erster Hand bestätigen können. Angemerkt sei aber auch, dass ich nicht das Gefühl habe, dass Seethaler verurteilt: Er erweist sich vielmehr als scharfer Beobachter und gibt das wieder, was er selbst gesehen oder erlebt haben dürfte. Natürlich überzeichnet, dennoch muss man zugeben, dass das, was z. B. am „Schlachtsaufest“ passiert, nicht völlig von der Hand zu weisen ist.

Alles in allem ist „Die weiteren Aussichten“ ein Buch, das ich jedem empfehlen kann (wie man auch an der Höchstwertung sieht). Ich habe laut gelacht, ich habe fast geweint – und ich habe mich schlicht und einfach durchgehend gut unterhalten gefühlt. Wer all das erleben möchte und dabei vor der einen oder anderen Absurdität nicht zurückschreckt, sollte es auf jeden Fall mit diesem Werk probieren. Von mir aus hätten 100 oder 200 Seiten mehr jedenfalls nicht geschadet.

Gesamteindruck: 7/7


Autor: Robert Seethaler
Originaltitel: Die weiteren Aussichten.
Erstveröffentlichung: 2008
Umfang: ca. 320 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

FilmWelt: Das Werwolfspiel

Manche Rezensenten scheinen mit einer falschen Vorstellung an diesen Film heranzugehen: Das titelgebende Werwolfspiel existiert wirklich – dabei handelt es sich, genau wie im Film dargestellt, um ein Rollen-/Gesellschaftsspiel, in dem Mitspieler identifiziert werden müssen, die die Rolle eines Werwolfs zugelost bekommen haben. Es gibt also keinen Grund, enttäuscht zu sein, wenn in „Das Werwolfspiel“ niemandem bei Vollmond Haare und lange Zähne wachsen.

Gesamteindruck: 2/7


Die Werwölfe vom Wienerwald.

Wenn man noch nie etwas von vorliegendem Streifen gehört hat, ist das nicht verwunderlich. „Das Werwolfspiel“ ist eine Low Budget-Produktion aus Österreich, für Regie und Drehbuch zeichnet Johanna Rieger verantwortlich, die auch eine der Hauptrollen spielt. Dass ich selbst – durchaus mit einer Affinität zu Indie-Kram ausgestattet – überhaupt darauf aufmerksam geworden bin, hat vor allem mit dem eingangs erwähnten Spiel zu tun: Ich bin gelegentlicher Teilnehmer bei einer Online-Variante, habe auf der Suche nach neuen Spielerrunden gegoogelt und irgendwo in den Untiefen der Suchmaschinenergebnisse war vorliegender Film vertreten. Anders hätte ich ihn wohl nie entdeckt – er ist zum Zeitpunkt dieser Rezension im Prime-Abo von Amazon enthalten, dort aber so gut versteckt, dass wohl nicht allzu viele User zufällig darüber stolpern dürften.

Worum geht’s?
In einem abgelegenen Haus im Wald treffen sich einige ehemalige Schulkameraden erstmals nach vielen Jahren wieder. Geplant ist eine Partie des Rollenspiels „Die Werwölfe von Düsterwald“. Schon nach wenigen Minuten reißen alte Gräben wieder auf – und Realität und Spiel beginnen sich zusehends zu vermischen…

Wer „Das Werwolfspiel“ allen Widrigkeiten zum Trotz findet, sieht einen Film, der sehr speziell ist, so viel kann man zumindest festhalten. Zunächst das Positive: Die Idee, ein eigentlich harmloses Gesellschaftsspiel in eine Art Slasher zu verwandeln, in dem die Beteiligten nach und nach auch in der Realität dezimiert werden, ist gut. Vielleicht sogar einzigartig – zumindest fällt mir aus dem Stegreif kein Film ein, der dieses Thema hat. Dass dahinter eine Art Rache-Geschichte steckt, ist zwar vorhersehbar, aber durchaus legitim und damit keineswegs negativ. Ein zweiter Pluspunkt ist die musikalische Untermalung, die ausgezeichnet zu Idee und Schauplatz passt (letzterer ist übrigens ebenfalls gut gewählt und für den Film adaptiert).

Mehr kann ich aber leider nicht im Haben verbuchen. Im Gegenteil, „Das Werwolfspiel“ hat mit grundlegenden Schwierigkeiten zu kämpfen. Am leichtesten ist noch über die Tonprobleme hinwegzusehen, die speziell am Anfang des Filmes verhindern, dass man die eröffnenden Dialoge versteht. Interessanterweise macht sich diese Problematik, die ich auf das angespannte Budget zurückführe, nur beim Ton, nicht aber in der Optik bemerkbar. Gravierender und für den schwachen Gesamteindruck ausschlaggebend sind aber ohnehin andere Probleme – die aus meiner Sicht gröbsten betreffen Handlung und Drehbuch, Charaktere sowie die Darsteller.

Grundsätzliche Schwierigkeiten.

Beginnen wir vielleicht mit den Darstellern. Mir ist natürlich klar, dass ein Film wie „Das Werwolfspiel“ gewisse Grenzen hat, was die Besetzung betrifft. Ich möchte den Schauspielern (von denen mir übrigens kein einziger bekannt vorher bekannt war) auch überhaupt nicht zu nahe treten, aber das, was hier geboten wird, tut dem Film wahrlich keinen Gefallen. Das beginnt bei unbeholfen wirkenden Bewegungsabläufen und findet in der über weite Strecken unnatürlichen Sprechweise seinen Höhepunkt. Die Darsteller scheinen immer wieder zu vergessen, dass sie vor einer Fernsehkamera stehen – und nicht auf einer Theaterbühne. Nicht alle, wohlgemerkt, aber im Großen und Ganzen ist „Das Werwolfspiel“ völlig übertrieben gespielt und intoniert, was den Film unfreiwillig komisch macht. Beides ist bei deutschsprachigen (also nicht synchronisierten) Serien der jüngeren Vergangenheit übrigens immer mal wieder ein Kritikpunkt (jüngst z. B. bei „Tribes of Europa“), aber so eklatant ist es mir noch nie untergekommen. Zur Ehrenrettung der Mimen sei gesagt, dass ich vermute, dass sie auch mit den eher angerissenen als ausführlich gezeichneten Charakteren zu kämpfen hatten. Die Figuren sind so angelegt, dass man als Zuschauer schon eine gewisse Tiefe hineininterpretieren könnte – ein Vergnügen ist das in diesem Falle aber nicht, wenn ich ganz ehrlich sein soll. Zu vieles bleibt angedeutet und zweideutig, allerdings nicht auf eine gute Art.

Leider können Handlung und Drehbuch diese Probleme nicht kaschieren. Im Gegenteil – „Das Werwolfspiel“ wirkt, als hätte die Regisseurin nicht gewusst, was sie mit ihrer guten Idee machen soll – eine Geschichte ist höchstens in Andeutungen vorhanden. Und selbst die sind verwirrend und in sich nicht schlüssig, sodass der Film zu keinem Zeitpunkt richtig in flow kommt. Ich habe mir jedenfalls sehr schwer getan, die Hintergründe zu durchschauen. Nun kann man sagen, dass das auch in großen Produktionen ab und an so ist, oft auch mit Absicht, weil der Weg sozusagen das Ziel ist. Wenn das hier die Absicht gewesen sein sollte, ist das leider völlig misslungen und der Film wirkt zerfahren bzw. nicht zu Ende gedacht. Ein bisschen mag das sogar mit dem dilettantisch anmutenden Schnitt zu tun haben, der eine Abgrenzung gewisser Szenen nicht sauber hinbekommt. Und: Wie der „Werwolf“ es letztlich schafft, seine Morde zu begehen, bleibt ein ebenso großes Rätsel wie das Wieso. Die Puzzleteile fügen sich am Ende einfach nicht befriedigend zusammen.

Gerade letzteres ist meines Erachtens das größte Manko von „Das Werwolfspiel„. Ich habe ja mehrfach das schmale Budget angesprochen – die Einschränkungen und Abstriche, die das mit sich bringt, sind mir zwar nicht im Detail bekannt, mir ist aber klar, dass daraus mannigfaltige Schwierigkeiten entstehen. Dennoch gibt es – auch für Zuseher, die grundsätzlich zu schätzen wissen, dass es Filme wie diesen gibt – eine gewisse Grenze für die Qualität (die ist gerade im Independent-Bereich übrigens meist inhaltlicher und kaum jemals technischer Natur). „Das Werwolfspiel“ hangelt sich an diesem Bereich (eigentlich ist es ja keine scharfe Grenze) entlang, hat neben der Idee durchaus seine Momente und ist zwischendurch immer mal wieder spannend. Leider fehlt am Schluss der so wichtige Moment der Erkenntnis, der alle anderen Probleme, die ich genannt habe, vergessen machen würde. Weil der letzte Twist nicht (oder nicht gut) kommt, summieren sich die großen und kleinen Mängel soweit, dass ich beim besten Willen nicht mehr als 2 von 7 Punkten geben kann.

Wer jeden österreichischen Film gesehen haben muss, kann natürlich einen Blick riskieren – alle anderen, egal ob Fans der „Werwölfe von Düsterwald“ oder nicht, sollten es sich zweimal überlegen, bevor sie hier 1 1/2 Stunden ihres Lebens investieren.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Das Werwolfspiel.
Regie:
Johanna Rieger
Drehbuch: Johanna Rieger
Jahr: 2013
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Johanna Rieger, Anton Frisch, Markus Zett, Stefanie Frischeis, Rita Hatzmann



FilmWelt: Blutgletscher

Der österreichische Film kann viele Genres. Speziell Dramen, schwarzhumorige Komödien und der eine oder andere starke Thriller aus dem Alpenland bekommen immer wieder auch international Anerkennung. Klassische Horrorfilme sind hierzulande hingegen eher Mangelware, zumindest in meiner Wahrnehmung.

Gesamteindruck: 6/7


Die Rache der Natur.

„Blutgletscher“ ist einer jener Filme, bei denen man sich schon während des Ansehens fragt, ob er auch international (= außerhalb des deutschsprachigen Raums) funktionieren würde. Naja, zumindest frage ICH mich das. Sicher bin ich mir jedenfalls nicht, weil ein großer Teil der Faszination für den Film aus seiner Sprache entsteht. Mithin ein interessanter Gedanke, den es sich vielleicht zu verfolgen lohnt – wie groß ist der Einfluss von Lokalkolorit auf die Qualität, die einem Film subjektiv von einem regionalen oder überregionalen Publikum zugeschrieben wird? Oder, anders ausgedrückt, welchen Einfluss hat eigentlich die Synchronisation auf die Atmosphäre eines Films? Ich denke: Eine sehr große. Aber das näher zu erörtern würde hier zu weit führen; belassen wir es dabei, dass „Blutgletscher“, würde man ihn genau so, wie er ist, mit amerikanischen Schauspielern besetzen und dann synchronisieren, mir wohl nicht sonderlich gefallen würde. Ein schönes Gedankenexperiment; doch kommen wir nun endlich zur Sache.

Worum geht’s?
Irgendwo hoch oben in den Alpen: Bei der Reparatur einer der Messstation bemerkt das dafür zuständige Personal eine merkwürdige Rotfärbung des von ihnen wissenschaftlich beobachteten Gletschers. Bei der Untersuchung der entnommenen Probe stellt sich heraus, dass die Flüssigkeit, die dafür verantwortlich ist, offenbar durch den Klimawandel ans Tageslicht gekommen ist. Dabei handelt es sich auch nicht, wie zunächst angenommen, um Algen, sondern um bisher völlig unbekannte Kleinstlebewesen mit höchst beunruhigenden Eigenschaften. Bevor jedoch klar ist, was das genau zu bedeuten hat, wird die Forschungsstation bereits von seltsam deformierten Kreaturen umschlichen…

Von „Blutgletscher“ kannte ich, bis ich den Film vor wenigen Tagen erstmals gesehen habe, nur den Namen. Nach den ersten Minuten wollte ich den Streifen schon als „typisch“ abheften – dafür sorgen Themen wie die Isolation im hochalpinen Raum und der schwierige Umgang mit derselben, was sich deutlich an der Figur des Ingenieurs Janek bemerkbar macht. Dessen griesgrämige Art, sein Dialekt, sein verwahrlostes Äußeres, sein Hand zum Alkoholismus und seine generelle „Wurschtigkeit“ (ein sehr passender Ausdruck, wie ich finde) lassen einen klassisch-österreichischen Spielfilm vermuten. Auch dass sich ein gewisser schwarzer Humor, der vorwiegend aus dem Zusammenspiel zwischen dem grantigen Ingenieur und den ehrgeizigen Wissenschaftlern entsteht, eingeschlichen hat, ist durchaus ein klassisches Anzeichen für einen Film aus der Alpenrepublik (noch dazu, wenn man bedenkt, dass zwei der Forscher offenkundig aus Deutschland stammen, was für sich genommen schon Konfliktpotenzial birgt und dem österreichischen Zuseher die Hauptfigur Janek noch eine Spur näher bringt).

Und weil wir schon bei Charakteren sind, die fabelhaft in eine Satire passen, sei an dieser Stelle gleich auch die zweite Gruppe erwähnt, die im Laufe des Films mit dem Aufstieg zur Forschungsstation beginnt. Darunter neben der Ex von Janek auch und vor allem eine von Brigitte Kren hervorragend portraitierte Ministerin. Die Schauspielerin, die einem breiten Publikum wohl vor allem aus der Krimi-Serie „Vier Frauen und ein Todesfall“ bekannt sein dürfte, ist übrigens die Mutter von Regisseur Marvin Kren. So klein ist die Welt (in Österreich); das Wichtigste ist jedoch, dass man der Mimin die österreichische Politikerin zu jeder Sekunde voll und ganz abnimmt. Nebenbei bemerkt nicht gerade ein Kompliment für unsere echten Volksvertreter…

B-Movie-Flair.

All das wäre aus meiner Sicht schon ausreichend Stoff für einen starken Film, vielleicht ein Drama oder eine Tragikomödie, eventuell mit einem Schuss Mystery. Allerdings kommt es dann doch anders und „Blutgletscher“ biegt auf ein Terrain ab, das man so oder so ähnlich entweder aus der Serie „Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI“ oder Filmen wie „Das Ding aus einer anderen Welt“ (im Original aus dem Jahre 1951) kennt – nicht aber von einem Film made in Austria. Zunächst passiert das eher schleichend und man überlegt, ob „Blutgletscher“ vielleicht eine Art Öko-Thriller ist – ganz im Sinne von Frank Schätzings Roman „Der Schwarm“. Doch dann geht es plötzlich ganz schnell und der Film wendet sich endgültig dem Creature- und Body-Horror zu und wird zu einer Hommage an ähnliche Filme von vor der Jahrtausendwende.

An dieser Stelle scheiden sich dann vermutlich die Geister, denn „Blutgletscher“ ist letztlich nicht nur traditioneller Horror, sondern bedient sich auch sehr ähnlicher Effekte wie seine von mir vermuteten Vorbilder. Heißt: Hier ist nur ganz wenig mit der heute üblichen Computertechnik auf Hochglanz poliert, stattdessen kommen aus heutiger Sicht fast schon vorsintflutlich anmutende Special Effects zum Einsatz. Wenn ich ein Beispiel nennen müsste, an den mich die Ausstattung (und letztlich auch der Blut- und Beuschelgehalt) am ehesten erinnert, würde ich „Ticks“ (1993, auf deutsch als „C2 – Killerinsekt“ bekannt) vorschlagen. Jener US-Streifen, damals direkt auf Video veröffentlicht, funktioniert durchaus ähnlich. Heißt: „Blutgletscher“ atmet ein gehöriges Maß an B-Movie-Flair, was aber nichts mit grundsätzlich schlechter oder billiger Qualität zu tun hat, sondern eindeutig als Hommage an die alt-ehrwürdige Form von günstig produzierten Filmen verstanden werden sollte.

Wir haben es bei „Blutgletscher“ also mit Monster-Horror österreichischer Prägung zu tun, der mit handgemachten Kreaturen aufwartet, die nicht ganz so realistisch sind, wie man es von aktuellen Produktionen kennt. Auch der eine oder andere Splatter-Moment ist vorhanden. Was den Film trotz dieser Features von vielen, auf den ersten Blick ähnlichen, Streifen abhebt, sind die gut gezeichneten Charaktere und – vor allem – die Leistung ihrer Darsteller. Zusammengenommen ergibt das einen Horrorfilm, bei dem man trotz der konventionellen Geschichte ein Gefühl von relativ starkem Tiefgang hat. Auf der Habenseite würde ich außerdem die gute Kameraarbeit verbuchen, die natürlich stark von der beeindruckenden hochalpinen Kulisse profitiert, weiters ist der Spannungsbogen in Verbindung mit der Action sehr ordentlich.

Alles in allem war ich von „Blutgletscher“ jedenfalls positiv überrascht und kann den Film jedem, der ein bisschen was mit den genannten Attributen anfangen kann, nur empfehlen.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Blutgletscher.
Regie:
Marvin Kren
Drehbuch: Benjamin Hessler
Jahr: 2013
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Gerhard Liebmann, Edita Malovcic, Hille Beseler, Brigitte Kren, Murathan Muslu



FilmWelt: Die Rückkehr des Daumens

Deutschsprachige Independent-Filme sind oft wie eine Schachtel Pralin… äh… naja, lassen wir das Phrasenschwein ruhen. Jedenfalls muss man mit allem rechnen, wenn man sich einen Streifen wie „Die Rückkehr des Daumens“ ansieht. Ich habe es natürlich dennoch getan – und war, so viel sei verraten, sehr positiv überrascht. Absolute Empfehlung für einen Film, der meiner Meinung nach deutlich mehr Aufmerksamkeit hätte bekommen müssen.

Gesamteindruck: 6/7


Daumen hoch!

Die Story, die Regisseur, Drehbuchschreiber und Co-Hauptdarsteller Florian Schmidt-Convey (einer breiteren Masse wohl am ehesten aus verschiedenen Werbeclips bekannt) mit diesem Film erzählt, ist schon sehr skurril geraten. Zumindest auf den ersten Blick – denn bei genauere Betrachtung ist „Die Rückkehr des Daumens“ eine Geschichte über einen gefallenen Sport-Helden, der es noch einmal wissen will. Stoff also, den man so oder so ähnlich immer mal wieder zu sehen bekommt. Nur die Sportart, in der sich die Charaktere versuchen, ist wohl noch nie Thema für einen abendfüllenden Spielfilm gewesen.

Worum geht’s?
Stefan „Coach Steve“ Drehmeister hat seine besten Zeiten hinter sich: Als Trainer für Daumen-Wrestling führte er einst seinen Schützling Lukas „Luki“ Niedevsky zum Meistertitel. Dass er im Moment seines größten Triumphs wegen eines angeblichen Vergehens mit einer Sperre belegt wurde, hat er nie verwinden können. Doch nun, 10 Jahre später, ist die Zeit reif für ein Comeback. Dagegen hat aber King Gustl, seines Zeichens Erzfeind von Coach Steve und Boss der österreichischen Liga für Daumen-Wrestling, etwas einzuwenden…

„Die Rückkehr des Daumens“ ist für mein Dafürhalten eine durchaus gelungene Hommage an den vorwiegend US-amerikanisch geprägten Sportfilm. Ich gebe zu, dass ich nicht so viele davon gesehen habe, an zwei Produktionen aus Hollywood musste ich aber dennoch sofort denken (und es gibt sicher eine Vielzahl ähnlicher Beispiele, weil die Prämisse in diesem Genre meist relativ ähnlich ist): Einerseits an „Rocky“, weil – man glaubt es fast nicht – die geschickt choreografierten Daumen-Kämpfe ziemlich genau dessen testosterongeschwängerte Körperlichkeit reproduzieren. Andererseits kam mir „Cool Runnings“ (1993) in den Sinn, nicht nur aufgrund der Sperre des Trainers, die auch in jener Disney-Komödie eine Rolle spielt, sondern speziell, was die allgemeine Skurrilität der Geschichte betrifft (und ja, ich weiß, dass „Cool Runnings“ auf einer wahren Begebenheit basiert, was aber nichts an der Absurdität im besten Sinne ändert).

All das fängt der Regisseur sehr gut ein. Für eine gehörige Portion Eigenständigkeit sorgt hingegen die Perspektive: Der Film ist durchgehend als Mockumentary gedreht, heißt, ein für den Zuschauer unsichtbares Kamerateam ist stets ganz nah an den Helden, was sich natürlich deutlich an Kameraführung, Ton und Schnitt bemerkbar macht. Zwischendurch verstärken Interviews, Fragen des „Redakteurs“ aus dem Off und ähnliche Tricks den Eindruck einer Dokumentation. Dem interessierten Zuschauer sei die deutsche Serie „Stromberg“ als stilverwandtes Beispiel genannt. Erwähnenswert an dieser Stelle: Der Film ist mit einer ordentlichen Prise österreichischen Lokalkolorits gewürzt, was sich vor allem im durchgängig gesprochenen Dialekt niederschlägt. Der norddeutsche Zuseher wird hier wohl auf Untertitel zurückgreifen müssen. 😉

Das Gesamtkonzept stimmt.

Es ist aber nicht die Machart allein, die mir an „Die Rückkehr des Daumens“ gefällt: Das Gesamtkonzept ist einfach stimmig und überzeugend. Klar ist, dass das fiktive (?) Daumen-Wrestling im Endeffekt für jede andere Sportart stehen kann. Doch dabei belässt es der Regisseur und Drehbuchschreiber nicht; besieht man sich die Sache näher, ist es nachgerade sensationell, mit wie viel Liebe ins Detail er diesen spezielle Sport, der, z. B. im Gegensatz zum Boxen, nicht im kollektiven Bewusstsein verankert ist, beschreibt (um nicht zu sagen: erschafft). Die Folge: Als Zuschauer hat man den Eindruck, dass es eine solche Wrestling-Liga nicht nur wirklich gibt, sondern dass sie allgemein bekannt und anerkannt ist. Zu dieser Glaubwürdigkeit tragen viele Details und Zwischentöne bei, die letztlich natürlich auch die Provinzialität der Liga zeigen. Aus meiner Sicht ist das kein Paradoxon, sondern bringt zusätzliche Authentizität, fast, als würde man einen Blick hinter die glänzende Fassade einer Box-Promotion werfen und erkennen, dass es hinter den Kulissen gar nicht so glamourös zugeht.

Dass all das in einem Independent-Film, der quasi ohne Budget auskommen musste, dermaßen beeindruckend gelungen ist, finde ich einfach nur großartig. Dazu tragen natürlich auch die Schauspieler bei, die den Charakteren glaubwürdiges Leben einhauchen. Richtig bekannt ist mir persönlich übrigens kaum einer der Mimen, genau genommen sagt mir überhaupt nur Alexander Linhardt (immer mal wieder in diversen Krimi-Serien zu sehen) etwas. Der gibt den Bösewicht King Gustl herrlich unsympathisch und hochprofessionell, was aber nicht heißen soll, dass der Rest des Casts schwach wäre, im Gegenteil. Speziell Hauptdarsteller Markus Giefing überzeugt in allen Belangen, aber auch Florian Schmidt-Convey kann als Daumenkämpfer, der mittlerweile seine Erfüllung als esoterisch angehauchter Yoga-Lehrer gefunden hat, voll punkten.

Dass die Figuren dermaßen gut funktionieren, ist natürlich auch dem Drehbuch geschuldet, wobei zu lesen ist, dass „Die Rückkehr des Daumens“ in gerüttelt Maß an Improvisation enthält. Und, falls es noch nicht klar geworden ist: Der Film ist insgesamt lustig, darf aber keineswegs als reiner Slapstick abgetan werden. Der Humor ist – genau wie die Story und das Drama – deutlich tiefgründiger, als man meinen möchte und entsteht mehr aus der skurrilen Grundprämisse als aus billiger Situationskomik. Auch hier: Chapeau an Herrn Schmidt-Convey, das muss man erst einmal in diesem Ausmaß hinbekommen!

Fazit: Ansehen!

Im Endeffekt habe ich nur einen einzigen Wermutstropfen gefunden: Das Ende hat mir nicht so gut gefallen, denn der epische Finalkampf verläuft genau so, wie man es sich erwartet und aus US-Filmen kennt. Das ist schon ein kleiner Dämpfer, weil es im Gegensatz zu den restlichen 95% des Films aus irgendeinem Grund nicht wirklich wie eine Hommage rüberkommt, sondern deren Pathos einfängt. Irgendwas scheint hier mit der Tonalität nicht ganz zu passen, so jedenfalls mein Eindruck. Ganz arg ist das natürlich nicht; dennoch ist es ein kleiner Dämpfer für einen Film, den ich ansonsten aus voller Überzeugung empfehlen kann. Zumindest jedem, der mit dem eigenwilligen Stil und einer schrägen Prämisse auch nur ansatzweise etwas anfangen kann. Ansehen kann man sich „Die Rückkehr des Daumens“ (derzeit übrigens kostenlos!) auf Amazon Prime.

Übrigens: Die im Titel angedeutete „Rückkehr“ bezieht sich nicht ausschließlich auf die oben beschriebene Handlung. Florian Schmidt-Convey hat unter dem Titel „Thumb of the Tiger: Die Lukas Niedevsky Story“ 2012 einen Kurzfilm (ca. 30 Minuten) produziert. „Die Rückkehr des Daumens“ spielt genau 10 Jahre nach den dort geschilderten Ereignissen und beinhaltet auch einige Ausschnitte aus jenem Werk. Gesehen haben muss man den Kurzfilm zwar nicht, um vorliegenden Streifen zu verstehen – er kann allerdings bei der besseren Einordnung der Charaktere helfen. Wer die Zeit investieren möchte, kann sich „Thumb of the Tiger“ z. B. hier ansehen.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Die Rückkehr des Daumens.
Regie:
Florian Schmidt-Convey
Drehbuch: Florian Schmidt-Convey
Jahr: 2018
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Markus Giefing, Florian Schmidt-Convey, Alexander Linhardt, Verena Leitner, Peter White



FilmWelt: Stille Wåsser

Infos zu diesem Film, der 2017 Premiere feierte, sind dünn gesät. Es handelt sich beim vom oberösterreichischen Kollektiv „Wunderkreis“ produzierten „Stille Wåsser“ um einen Independent-Streifen – und das ist durchaus wörtlich zu nehmen: Kein Schauspieler oder Angehöriger der Filmcrew dürfte einem breiteren Publikum ein Begriff sein. Über weite Strecken tut das der Professionalität allerdings keinen Abbruch.

Gesamteindruck: 4/7


Im tiefsten Oberösterreich.

Über die Geschichte, die der Film erzählt, kann man nichts Negatives sagen, wobei ich auch nicht verhehlen möchte, dass „Stille Wåsser“ das Rad nicht gerade neu erfindet und kaum Überraschungen bietet. Die Kombinationsgabe des geneigten Krimi- und Thriller-Freundes wird also nicht sonderlich herausgefordert, so ehrlich muss man schon sein. Wie so oft ist aber eher der Weg das Ziel – und hier kann das Werk des „Wunderkreis“-Teams sehr wohl punkten.

Worum geht’s?
Als einer der besten Freunde von Flo Selbstmord begeht, gerät auch dessen Leben aus den Fugen. Er gibt sich eine Mitschuld am Suizid, weil – davon ist er überzeugt – der Konzern, für den er arbeitet, den Freund in den Tod getrieben hat. Bald beginnt Flo auf eigene Faust mit Ermittlungen, mit dem Ziel, seinem Chef strafbare Handlungen nachzuweisen…

Auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob „Stille Wåsser“ tatsächlich ins Krimi-Genre passt oder doch eher ein Drama ist, ist der Film doch ein wenig mit den üblichen, abendfüllenden Krimis vergleichbar: Ein vermeintlicher Selbstmord, der Freund, der nicht an den Suizid glaubt, die Polizei, die nicht wirklich hilfreich ist – und dann noch der große, unsympathische und skrupellose Konzern, mit dem man sich besser nicht anlegt. Im Unterschied zu „Tatort“ & Co ist „Stille Wåsser“ aber, wie erwähnt, keine professionelle Produktion. Dass der Film überhaupt finanziert werden konnte, ist, wie bei solchen Projekten üblich, einer Reihe von Sponsoren zu verdanken.

Mit einer ordentlichen Portion Lokalkolorit geht es nach einer kurzen Einführung der Charaktere durch die großteils eher ruhigen Szenen. Seine Spannung bezieht der Film vorwiegend aus der Figuren-Konstellation: Der einfache Angestellte, auch privat ein Typ wie du und ich, versucht dem mächtigen Konzern auf die Schliche zu kommen. Dabei stellt er sich zum Teil etwas unbeholfen an – und ist stets in Gefahr, aufzufliegen. Dieses Szenario macht den Reiz des Films aus; letztlich aber vor allem auch in Kombination mit einem klaren Gut-Böse-Schema, wie man es heute nur noch selten findet. Hier ist es relativ leicht, zum vollkommen durchschnittlichen Anti-Helden zu halten und zu hoffen, dass er seinem skrupellosen Chef etwas anhängen kann – das muss man allerdings mögen, ich selbst empfand es als durchaus angenehme Abwechslung.

Technisch ist „Stille Wåsser“ gut gemacht. Der Ton ist sehr stark, speziell die musikalische Untermalung sorgt für eine eigene, doch recht düstere Atmosphäre. Eventuell könnten Zuschauer, die aus nördlichen Gefilden stammen, Probleme mit dem Dialekt haben, der im Film durchgehend gesprochen wird – der aber gleichzeitig auch einen großen Teil seines Charmes ausmacht (im Übrigen sind Untertitel zuschaltbar). Noch mehr Lob als der Ton verdient meines Erachtens aber die professionell anmutende Kameraarbeit, die sehr stimmungsvolle Bilder einfängt. Ab und an haben sich zwar ein paar verwackelte Aufnahmen eingeschlichen, Beinbruch ist das aber keiner (wenn das übrigens ein Stilmittel sein soll, empfinde ich es als unpassend).

Detailliert, aber mit Längen.

Ich glaube, ich habe es immer mal wieder erwähnt: Es scheint im österreichischen Film typisch zu sein, dass er sehr viele Details zeigt. Und die sind in der Regel nicht schön und makellos, sondern so, wie sie sich wirklich darstellen. So wirkt beispielsweise ein abgewohnter Wohnwagen genau, wie man ihn sich vorstellt – und nicht wie neu oder wie extra für den Film auf alt hergerichtet. Dass das auch in „Stille Wåsser“ dieser Tradition, so es überhaupt eine ist, treu bleibt, ist allein schon ein Grund für einen Sympathiepunkt.

Ein wenig Kritik muss ich nach so viel netten Worten aber doch loswerden: Zunächst weißt der Film durchaus Längen auf, ich würde fast behaupten, dass er alles in allem hätte 20 Minuten kürzer sein dürfen. Wirklich auszusetzen habe ich im Endeffekt aber nur zwei Dinge: Die Dialoge per se sind gut, allerdings scheinen die Darsteller zu sehr mit der Theaterbühne verhaftet zu sein. Jedenfalls bilde ich mir ein, dass Gestik, Mimik und auch Sprache in manchen Szenen eher dorthin als in einen Film gepasst hätten, daher ein wenig befremdlich wirken. Hauptdarsteller Sebastian Paischer würde ich davon übrigens klar ausnehmen, der strahlt den kompletten Film über Natürlichkeit und Professionalität aus.

Der zweite Kritikpunkt betrifft wiederum die Technik: In „Stille Wåsser“ gibt es leider einige schlechte Schnitte. Keine Ahnung, was da passiert ist, ich kann nur mutmaßen, dass man teilweise dazu gezwungen war, weil es keine perfekten Takes der einen oder anderen Szene gegeben hat. So oder so – der Schnitt fällt im Idealfall überhaupt nicht auf; dass ich ihn hier anspreche, heißt, dass er mindestens zwei- oder dreimal, eher öfter, unpassend gesetzt war.

Davon abgesehen ist „Stille Wåsser“ aber eine runde Sache. Jeder, der keine auf Hochglanz polierte und super-professionelle Produktion braucht und im Idealfall auch noch auf Spielfilme mit ordentlich Lokalkolorit steht, sollte einen Blick riskieren. Größere Bekanntheit hätten sich die Macher meines Erachtens definitiv verdient. Wer Interesse hat: Zum Zeitpunkt dieser Rezension ist das Werk gratis auf Amazon Prime Video verfügbar.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Stille Wåsser.
Regie:
Leonhard Moser
Drehbuch: Leonhard Moser
Jahr: 2017
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Sebastian Paischer, Franz Maderegger,



FilmWelt: Atmen

„Atmen“ ist das Regie-Debüt von Karl Markovics, der auch das Drehbuch geschrieben hat. Einem breiteren Publikum dürfte der Wiener eher als Schauspieler ein Begriff sein – so spielte er z. B. von 1993 bis 1997 in zwei Staffeln „Kommissar Rex“ eine Hauptrolle, trat aber auch in ernsthaften Produktionen wie „Die Fälscher“ (2007) auf. Vorliegender Film zeigt hingegen, dass Markovics auch hinter der Kamera richtig gute Arbeit abliefern kann – nicht umsonst war „Atmen“ von der österreichischen Filmakademie 2011 sogar für den Auslands-Oscar vorgeschlagen, schaffte es allerdings nicht auf die Shortlist.

Gesamteindruck: 7/7


Knast und Tod.

Für einen der begehrten Academy Awards reichte es nicht, dennoch erfuhr „Atmen“ sowohl im deutschsprachigen Raum als auch international einiges an Beachtung und konnte den einen oder anderen Preis einheimsen, u. a. bei den Filmfestspielen in Cannes. Das alles aber nur am Rande, ich persönlich würde „Atmen“ jedem empfehlen, der ein typisch-österreichisches Drama sehen möchte. Und ja, der Stoff funktioniert nicht nur „auf österreichisch“, beinhaltet aber ein gewisses Lokalkolorit, das in der Synchronisation mit Sicherheit verloren geht. Wobei eigentlich sogar das zu kurz gegriffen ist, es ist ja nicht nur die Sprache, die „Atmen“ so österreichisch macht.

Worum geht’s?
Der 19-jährige Roman Kogler, der eine Haftstrafe im Jugendgefängnis verbüßt, steht kurz vor seiner frühzeitigen Entlassung. Damit die durchgeht, braucht er allerdings einen Job. Fündig wird er bei der Bestattung Wien, wo er sich während seines Freigangs schwierigen Kollegen, der Abscheu vor Leichen und mal mehr, mal weniger verzweifelten Angehörigen stellen muss- bis er schließlich doch seinen Platz findet und sich gleichzeitig auf die Suche nach seiner Mutter, die ihn als Kind weggegeben hat, macht…

„Atmen“ ist keine locker-flockige Sonntagsunterhaltung sondern ein trost- und humorloser Film, der aber gerade deshalb fast schon bedrückend realistisch und ehrlich wirkt. Tatsächlich sind das Eigenschaften, die mittlerweile typisch für den zeitgenössischen Film aus Österreich geworden sind (wobei ein Großteil der Produktionen zumindest ab und an Szenen bitterbösen Humors zu bieten hat). Wer sich darauf einlässt, sollte jedenfalls damit rechnen, sich nach dem Ansehen eher nachdenklich, vielleicht auch ein wenig niedergeschlagen zu fühlen – und auch ein kleines bisschen Hoffnung zu empfinden, denn ganz und gar ohne winzigen Silberstreif am Horizont mochte Markovics sein Publikum dann wohl doch nicht entlassen. Ich persönlich finde die Mischung ausgesprochen gelungen, ein Film für jedermann ist „Atmen“ aber definitiv nicht.

Keine Moralpredigt.

Grundsätzlich versucht sich der Regisseur an einer Art Coming-of-Age-Geschichte, wobei das wohl nicht ganz die richtige Zuschreibung ist. Eigentlich geht es eher um…. ja, was eigentlich? Die Wiedereingliederung eines straffällig gewordenen Jugendlichen in die Gesellschaft? Auch nicht so wirklich, wobei das natürlich schon auch Thema ist. Ich denke, „Atmen“ ist am ehesten so etwas wie eine Sozial- und Milieu-Studie; Markovics hinterfragt, be- und verurteilt nicht, er stellt einfach nur dar. Beispielsweise hat die Hauptfigur als Freigänger gelegentlich mit gewissen Vorurteilen zu kämpfen – eine echte Lösung für dieses durchaus reale Problem wird allerdings nicht präsentiert. Diese fatalistische Grundhaltung mag manche abstoßen, ich finde aber eher, dass sie einen Film wie diesen auszeichnet: Er zeigt die Dinge wie sie sind, nicht wie sie sein sollten. Der Rest wird dem Zuschauer überlassen.

Abgesehen von wenigen heftigen aber sehr kurzen Ausbrüchen ist „Atmen“ im Übrigen ein sehr ruhiger Film. Die Dialoge sind knapp und beschränken sich auf das Notwendigste, was den Zuschauer geradezu zwingt, sich mit der verschlossenen und wortkargen Hauptperson zu identifizieren. Roman Kogler kann und will nicht viel sagen, was in manchen Filmen ein Ärgernis sein könnte – hier ist es so, dass man ihn als Zuseher verstehen kann und mit ihm gemeinsam „Lasst’s mich doch einfach in Ruh‘!“ denkt. Durchaus bemerkenswert, wie gut es Markovics gelungen ist, mit sparsamen Mitteln eine derartig hypnotische Atmosphäre zu erzeugen.

Durchgehend spannend.

Die Spannung bleibt trotz der trostlosen und unterkühlten Art keineswegs auf der Strecke, was für ein Drama eigentlich eher ungewöhnlich ist, zumindest in diesem Ausmaß. Ich lehne mich jetzt vielleicht weit aus dem Fenster, aber ich bin der Meinung, dass Karl Markovics hier eines der besten Drehbücher überhaupt gelungen ist – nicht nur was den österreichischen Film betrifft. Ich denke vielmehr, dass „Atmen“ in seinem Genre sogar international einer der besten Filme der vergangenen Jahrzehnte sein dürfte.

Dazu tragen aus meiner Sicht neben dem starken Drehbuch vor allem zwei Faktoren bei. Erstens ist „Atmen“ – auch das scheint mir typisch für einen österreichischen Spielfilm – voller Details, die von Kamera und Mikrofon eingefangen werden, z. B. die typischen Abfahrtsgeräusche der S-Bahn, die Wohnungen, die nicht auf Hochglanz getrimmt sind und daher ungewohnt realistisch wirken, die zusammengeflickten Straßen usw. Vieles davon ist auch noch symbolisch aufgeladen, was beim ersten Ansehen gar nicht zur Gänze erfasst werden kann. Der zweite Faktor sind – natürlich – die Charaktere. Nun könnte man sagen, dass „Atmen“ ja nur auf eine einzige Hauptfigur setzt. Stimmt, und diese Rolle ist mit Thomas Schubert auch sehr gut besetzt. Allerdings ist auch der unterstützende Cast, allen voran Georg Friedrich als griesgrämiger Kollege, dermaßen gut gewählt (und vor allem auch geschrieben), dass ich nur staunen konnte. Dass eine ordentliche Dosis Wiener Lokalkolorit (und was könnte wienerischer sein als ein Bestattungsunternehmen…) am Start ist, freut den gelernten Österreicher natürlich.

Letztlich habe ich nur ein Haar in der Suppe gefunden: Die Annäherung des jungen Anti-Helden an seine Mutter ist im Gesamtkontext des Films ein wenig unbefriedigend. Mag auch an der Darstellung durch Karin Lischka liegen, das wage ich nicht zu beurteilen. Jedenfalls wirkt dieser Handlungsstrang nicht ganz stimmig, was dem guten Gesamteindruck aber keinen Abbruch tut. Fazit: Ein unerwartet starker Film und definitiv eines der besten derzeit verfügbaren Dramen im deutschsprachigen Raum. Volle Punktzahl, ich wüsste auf Anhieb nicht viel, das man hier besser machen könnte.

Gesamteindruck: 7/7


Originaltitel: Atmen.
Regie:
Karl Markovics
Drehbuch: Karl Markovics
Jahr: 2011
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Thomas Schubert, Georg Friedrich, Karin Lischka, Gerhard Liebmann, Stefan Matousch



BuchWelt: Bad Fucking

Kurt Palm


Nein, in dieser Rezension geht es nicht um die Autobiografie eines Pornodarstellers – und auch nicht um die Bekenntnisse eines Callboys oder einer Prostituierten. Es geht ganz generell nicht um schlechte Erfahrungen bei der schönsten Nebensache der Welt, obwohl vorliegendes Buch die eine oder andere Andeutung in diese Richtung enthält. So kann man sich täuschen, wenn man nur den Titel liest.

Gesamteindruck: 4/7


Ein bisschen schräger Krimi.

So ganz kann ich die Verantwortlichen der Gemeinde Tarsdorf (Oberösterreich) nicht verstehen: Sie haben Ende 2020 beschlossen, das Örtchen Fucking in Fugging (im Gegensatz zum Roman kein Kurort, also ohne „Bad“) umzubenennen und diesen Beschluss mit 1. Jänner 2021 tatsächlich umgesetzt. Seither gibt es in Österreich zwei Orte mit Namen Fugging – und eine kultige Ortstafel weniger. Schade eigentlich, hier hätte sich doch mit einer findigen Marketing-Strategie ordentlich Geld verdienen lassen, oder? Ist nicht passiert, und durch die Umbenennung wird man wohl bald vergessen, dass der Titel dieses Buches nicht völlig frei erfunden ist.

Worum geht’s?
Im beschaulichen und von der Welt und der österreichischen Politik nach einem Erdrutsch, der die Zufahrtsstraße verlegt hat, vergessenen Bad Fucking ist es mit der Ruhe vorbei: Ein Einsiedler wird tot in seiner Höhle gefunden, eine Horde Cheerleader steigt im einzigen Hotel der Gegend ab, ein Finanzskandal droht aufgedeckt zu werden – und der Dorfgendarm bereitet alles für die Rückkehr der Aale aus ihrem Laichgebiet in der Sargassosee vor

„Kein Alpenkrimi“ lautet der Claim, der unter dem Buchtitel am Umschlag von „Bad Fucking“ zu finden ist. Stimmt, irgendwie, obwohl das Buch durchaus Ansätze eines österreichischen Krimis hat: Ein Mord, eine Entführung, Korruption und Stalking – über all das lesen wir in diesem Buch, das 2013 von Kult-Regisseur Harald Sicheritz verfilmt wurde. Im ersten Moment klingt das fast nach business as usual, ist es zum Teil auch und dabei durchaus spannend geschrieben. Doch dieser Eindruck währt nur kurz, relativ schnell driftet „Bad Fucking“ ins Überzeichnete ab und wird im Laufe der Handlung immer grotesker.

Wirklich nur erfunden?

Man kann sich schon die Frage stellen kann, ob „Bad Fucking“ tatsächlich so überzeichnet ist wie angedeutet. Ist es z. B. so weit hergeholt, dass der Bürgermeister die Einnahmen aus dem Tourismus in vermeintlich vielversprechenden Hedgefonds verzockt? Ist es komplett unwahrscheinlich, dass der hiesige Zahnarzt ein Verhältnis mit seiner Putzfrau hat und anschließend von ihr erpresst wird? Zumindest gibt einem die regionale und überregionale Politik nicht unbedingt das Gefühl, dass das, was in Bad Fucking passiert, kein reales Vorbild hat. Überzeichnet? Ja, sicher. Ganz und gar erfunden? Wer weiß…

Unabhängig vom Wahrheitsgehalt ist „Bad Fucking“ jedenfalls angenehm und schnell zu lesen. Es gibt einiges an Lokalkolorit, es gibt durchaus schillernde, lebendige Charaktere. Die Komik kommt auch nicht zu kurz, wirkt allerdings ab und an etwas angestrengt. Dass man all das auch als durchaus berechtigte Kritik am vermeintlich idyllischen Landleben, aber auch an der österreichischen Politik lesen kann, liegt auf der Hand.

Überhastet wirkendes Finale.

Also alles gut? Mitnichten, daher auch nur 4 Punkte. Einerseits ist das Buch insgesamt etwas zerfahren. Es werden viele Themen angeschnitten – und das auf durchaus lesenswerte und lustvolle Weise. Dabei verzettelt sich der Autor meiner Meinung nach aber ein bisschen, sodass man am Ende den Eindruck hat, zwar viele gute Ansätze gelesen zu haben, von denen aber nur wenige gut ausgearbeitet wurden. Andererseits war ich mit dem Finale nicht gerade glücklich. Ich verstehe zwar, dass man ein solches Buch mit einem Knall enden lassen möchte – und auch, dass ein so grotesker Roman einen ebensolchen Schluss braucht. Dennoch ist die letzte Seite für mich deutlich zu früh gekommen, ich hätte gerne noch etwas mehr über die Ereignisse im ehemaligen Kurort gelesen.

Alles in allem sind das 4 von 7 Punkten – wer grundsätzlich etwas mit österreichischer Literatur anfangen kann, kann ruhig einen Versuch wagen. Schlecht ist „Bad Fucking“ keineswegs, es wirkt nur – und das nicht erst am Schluss – ein bisschen überhastet und eine Spur zu wenig ausgearbeitet. Zumindest für meinen Geschmack.

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Kurt Palm
Originaltitel: Bad Fucking. Kein Alpenkrimi.
Erstveröffentlichung: 2010
Umfang: ca. 280 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

BuchWelt: Abfangjäger

Hans-Peter Vertacnik


Ein merkwürdiger Zufall: Kurz bevor ich dieses Buch zu Ende gelesen habe, kam die leidige „Eurofighter-Affäre“, die die Republik Österreich seit bald 20 Jahren begleitet, wieder in die Medien. Einige Tage vorher gab es außerdem einen Terroranschlag in Wien und im Zuge der Ermittlungen kam zutage, wie verfilzt und politisch geprägt ein Teil der österreichischen Polizeistrukturen zu sein scheint. Beides sind Themen, die Autor Hans-Peter Vertacnik in seinem 2007 erschienen Roman „Abfangjäger“ zur Sprache bringt – mal mehr, mal weniger verklausuliert.

Gesamteindruck: 3/7


Zoff um Zoff.

„Abfangjäger“ ist der Debütroman von Hans-Peter Vertacnik, der bis dahin lediglich zwei Gedichtbände veröffentlicht hatte. Gleichzeitig bildet das Buch den ersten von zwei Romanen über Oberstleutnant Peter Zoff, seines Zeichens Leiter des Morddezernats in der steirischen Landeshauptstadt Graz. Potenzielle Leser dürfen also einerseits mit einem klassischen Krimi rechnen, der andererseits mit einer ordentlichen Portion Lokalkolorit angereichert ist. Wer das mag, vielleicht sogar in Graz oder Wien (kurioserweise ist der Großteil der Handlung in der Bundeshauptstadt angesiedelt) wohnt, wird sich schnell heimisch in „Abfangjäger“ fühlen. Die Spannung stimmt im Wesentlichen auch – allerdings gibt es ein paar andere Mängel, die recht gravierend ausfallen.

Inhalt in Kurzfassung
Als Oberstleutnant Peter Zoff nach dem Mord eines Kollegen die Ermittlungen aufnimmt, ahnt er noch nicht, mit welchen Kreisen er sich anlegt. Denn die Spur, die er verfolgt führt nach ganz oben – bis in die höchsten Kreise der österreichischen Politik…

Fangen wir mit dem Positiven an: „Abfangjäger“ ist ein schnell zu lesendes, kurzweiliges Buch. Die Handlung hat die eine oder andere unerwartete Wendung und dem Autor gelingt es, die Spannung fast durchgängig auf hohem Niveau zu halten. Die meisten der rund 380 Seiten vergehen wie im Flug, teilweise mag man das Buch gar nicht aus der Hand legen, weil es Schlag auf Schlag geht. In der Hinsicht gibt es also wenig zu meckern: „Abfangjäger“ ist rasant, weiß zu unterhalten und ist die perfekte Lektüre für Zwischendurch.

Problembehaftetes Debüt.

Auf den zweiten Blick fallen allerdings ein paar Dinge auf, die eventuell der Unerfahrenheit von Hans-Peter Vertacnik als Autor geschuldet sein mögen; einen Teil davon hätte der Verlag bzw. das Lektorat allerdings ausbügeln können, ja sogar müssen, wie ich finde. Damit meine ich, dass z. B. der Wiener Stephansplatz im Buch durchgehend als Stefansplatz bezeichnet wird – so etwas muss doch eigentlich sofort auffallen. Und auch sonst sind Rechtschreibfehler keine Seltenheit, was ich allerdings nicht zu streng sehen möchte, weil das selbst in den größten Verlagshäusern immer wieder vorkommt. Ein Puzzlestein, der den Gesamteindruck schmälert, sind sie aber dennoch.

Noch gravierender sind Schwächen im Ausdruck, die mich mit zunehmender Lektüre immer mehr gestört haben. So wird zum Beispiel die Wiener U-Bahn stets als „Untergrundbahn“ bezeichnet oder das Handy durchgehend als „Mobiltelefon“ – auch in Dialogen, was besonders befremdlich wirkt, denn so spricht in der Realität kein Mensch. Ebenfalls in diese Kategorie fällt, dass unterschiedliche Figuren in den Dialogen immer wieder wortgleiche Formulierungen verwenden. Beispielsweise sagt fast jeder Charakter mindestens einmal „Mein Lieber…“. Bemühungen, den Personen verschiedene Ausdrucksweisen zu verpassen, sind kaum erkennbar.

Und: Das Buch ist zwischendurch immer wieder geprägt von einem gewissen Stakkato-Stil, von kurzen, abgehakten Sätzen, die mir einfach nicht gefallen wollen und das Lesevergnügen doch ein wenig schmälern. Passend dazu: Gefühlte 90% der im Buch erwähnten Namen bestehen aus sehr wenigen Buchstaben: Zoff, Abel, Voss, Reis, Kauz usw. Wenn das eine eigene Stilistik sein soll, verstehe ich den Witz an der Sache nicht, zumal der Rest der Namen ja normal ist (z. B. Eichinger). Das führt durch die Vielzahl an Figuren übrigens auch gerne zur Verwirrung, weil man irgendwann vergisst, wer überhaupt wer ist.

Apropos Figuren: Die Charaktere würde ich eher als zweckmäßig bezeichnen. Zumindest ist mit Hauptfigur Zoff aber eine starke Figur am Start, der es auch nicht an menschlichen Fehlern und Schwächen mangelt. Wobei man auch hier das Gefühl einer gewissen Oberflächlichkeit nie ganz los wird. Denn Zoff verhält sich zum Teil merkwürdig, was in Ordnung wäre, wenn es vernünftig erklärt würde. Das betrifft z. B. auch Dinge wie seine Eheprobleme, die … hmmm … einfach da sind. Warum, weshalb und wie damit umzugehen ist, wird nicht vernünftig dargestellt, was eine Identifikation stark erschwert.

Zu viel des Guten.

Der Autor war, so steht es in seinem Lebenslauf, früher selbst in leitender Position bei der Polizei tätig. Es ist also davon auszugehen, dass die im Roman beschriebenen Details der Ermittlungsarbeit durchaus realistisch dargestellt werden. Allerdings geht die Fantasie in „Abfangjäger“ an anderer Stelle komplett mit ihm durch: Die schiere Anzahl an Morden, darunter an Polizisten und sogar Politikern, spottet jeder Beschreibung. Das wäre meiner Ansicht nach nicht in diesem Ausmaß nötig gewesen, auch weil es die genannte Glaubwürdigkeit irgendwie zunichte macht und fast schon unfreiwillig komisch wirkt.

Nun aber zu meinem Fazit, das gar nicht so einfach zu ziehen ist: Ja, „Abfangjäger“ ist tatsächlich unterhaltsam geschrieben, allerdings ist eher der Weg das Ziel. Denn die Story selbst ist letztlich nicht der Rede wert bzw. ist die Auflösung wenig zufriedenstellend. Vor allem kommt das titelgebende Fluggerät so gut wie nicht vor und die Hintermänner bleiben weitgehend unerkannt. Abgesehen davon ist die Kritik an der österreichischen Klüngelpolitik zwar da, aber bei weitem nicht so ausgereift, wie man sie sich erhoffen würde. Dazu war der Mut vielleicht nicht groß genug – oder die Ideen haben letztlich doch gefehlt. So oder so: Ich hatte zum Schluss keineswegs das Gefühl, dass alle Fäden sinnvoll miteinander verknüpft wurden.

Wer vorhat, „Abfangjäger“ zu lesen, darf sich darauf einstellen, für ein paar Stunden gut unterhalten zu werden. Das ist schön und gut – mehr sollte man sich davon aber nicht erwarten. Der Roman hat ausgeprägte stilistische Schwächen und lässt an echtem Tiefgang vermissen. Wer sich daran nicht stört, kann der Gesamtwertung einen Punkt hinzufügen. Bei mir reicht es knapp für 3/7.

Gesamteindruck: 3/7


Autor: Hans-Peter Vertacnik
Originaltitel: Abfangjäger.
Erstveröffentlichung: 2007
Umfang: ca. 380 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

SerienWelt: Braunschlag

Es gibt einiges, das ich an „Braunschlag“ mag: Die Charaktere sind herrlich (und vor allem gut gespielt), die Dialoge treffsicher. Das tiefste Niederösterreich wird als Ort der Handlung passend porträtiert, ebenso die Anspielungen auf die Irrungen, Wirren und Niederungen der Lokalpolitik. Die Handlung kann anfangs ebenfalls überzeugen, ist aber gleichzeitig der Knackpunkt, der eine bessere Gesamtwertung verhindert.

Gesamteindruck: 5/7


Gegrüßet seist Du, Maria.

„Braunschlag“ wurde von Kult-Regisseur David Schalko (u. a. „Die 4 da“, „Sendung ohne Namen“, „Altes Geld“), der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, produziert. Die ORF-Serie wurde erstmals 2012 ausgestrahlt und erzählt in 8 Folgen á 45 Minuten mehr oder weniger zusammenhängende, skurrile Geschichte aus dem fiktiven Ort Braunschlag, irgendwo in Niederösterreich. Die Besetzung ist hochkarätig: Die Hauptrollen spielen Robert Palfrader, Nicholas Ofczarek, Nina Proll, Maria Hofstätter und Raimund Wallisch, dazu gibt es ein umfangreiches Ensemble an bekannten Nebendarstellern.

Inhalt in Kurzfassung
Der niederösterreichischen Marktgemeinde Braunschlag droht der Bankrott. Nur noch ein Wunder kann die finanziellen Probleme lösen – was den Bürgermeister und einen Lokalbesitzer auf eine Idee bringt: Warum auf eine Marien-Erscheinung warten, wenn man selbst eine herbeiführen und damit zahlungskräftige Pilger anlocken kann?

Der gelernte Österreicher fühlt sich in „Braunschlag“ schnell zu Hause. Vor allem, wenn er selbst aus der Provinz kommt, wird er viele der gezeigten Charaktere wiedererkennen. Das reicht vom Bürgermeister über den Dorfwirt bis hin zu den hiesigen Polizisten. Die Figuren sind natürlich überspitzt dargestellt – wobei, wenn ich es mir recht überlege, ist die Überzeichnung gar nicht so groß, wie man als Außenstehender vielleicht meinen könnte. Korruption im Westentaschenformat, Protektionismus und ähnliche Phänomene sind nun nichts, was David Schalko hätte extra für „Braunschlag“ erfinden müssen. Selbiges gilt für die Handlung: Ich glaube, dass sich die Mär vom selbst erfundenen Wunder so oder so ähnlich tatsächlich irgendwo in unserem Land abgespielt haben könnte. Dass die Charaktere überzeugen, ist auch den großteils sehr pointierten und witzigen Dialogen zu verdanken, die sich mit grobschlächtigem Wortwitz abwechseln. Um beides zu verstehen ist die Kenntnis ur-österreichischer Gegebenheiten (und auch des Dialekts) allerdings hilfreich – wenn nicht sogar Pflicht, denn die Serie lebt zu einem Gutteil von ihrer mit reichlich Lokalkolorit angehauchten Darstellung.

Überzeugt nicht durchgängig.

Leider reicht es trotz der genannten positiven Aspekte nicht für eine bessere Wertung. Grund ist, dass „Braunschlag“ auf mich wirkt, als hätten die guten Ideen für maximal fünf Folgen gereicht. Die Serie umfasst allerdings acht Episoden, was meiner Meinung nach eine gewisse Verwässerung zur Folge hat, unter der „Braunschlag“ letztlich als Ganzes leidet. Die Geschichte rund um das Wunder und dessen Folgen ist tadellos erzählt, ebenso sind die Beziehungen der Hauptfiguren untereinander gut ausgearbeitet. Nach einigen Folgen wird die Handlung allerdings zunehmend abstrus und verlässt den eigentlich sehr realistischen Pfad. Das finde ich persönlich schade, weil es bei mir das Gefühl hinterlassen hat, dass David Schalko nicht so richtig wusste, wie er „Braunschlag“ vernünftig zu Ende führen sollte. Stimmt vermutlich nicht und er wollte es genau so, wie er es umgesetzt hat – das ändert aber nichts daran, dass ich mich bis ungefähr Folge 5 extrem gut unterhalten gefühlt habe, danach leider nicht mehr so richtig. Das liegt übrigens auch an dem einen oder anderen Nebenstrang, auf den ich hätte verzichten können. Nicht, weil er per se nicht brauchbar wäre, sondern weil es dort an Tiefgang fehlt.

Fazit: „Braunschlag“ ist gut und hat durchaus das Zeug zur kleinen Kultserie. So richtig überzeugend finde ich die ORF-Produktion als Ganzes aus genannten Gründen jedoch nicht, sodass es für immer noch sehr gute 5 Punkte reichen muss.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Braunschlag.
Idee: David Schalko
Land: Österreich
Jahr: 2012
Episoden: 8
Länge: ca. 45 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung: Robert Palfrader, Nicholas Ofczarek, Maria Hofstätter, Nina Proll, Raimund Wallisch, Christopher Schärf, Simon Schwarz, Manuel Rubey, Sabrina Reiter