FilmWelt: Rubikon

In ihrem Langfilm-Debüt erzählt Regisseurin Magdalena „Leni“ Lauritsch eine Story, die nicht unbedingt neu ist: Die Welt geht unter, es gibt nur wenige Überlebende, die fortan miteinander klarkommen müssen. Hat man so oder so ähnlich gerade in jüngerer Vergangenheit mehr als einmal gehört, gesehen und gelesen. Dennoch übt „Rubikon“ durch die Kombination aus kleinem Ensemble und außergewöhnlicher Umgebung einen ganz speziellen Reiz aus.

Gesamteindruck: 4/7


Bleiben oder gehen?

Als ich den Trailer von „Rubikon“ erstmals gesehen habe, hätte ich nicht gedacht, dass es sich um eine österreichische Produktion handelt: Die Kulissen der namensgebenden Raumstation, auf der praktisch die gesamte Handlung spielt, stehen für mein Dafürhalten keinem Hollywood-Set nach; ähnliches gilt für die Außenaufnahmen, die z. B. bei einem Weltraumspaziergang keine Wünsche offen lassen. Und das bei einem Budget, über das man in den USA wohl nur milde lächeln würde.

Worum geht’s?
In nicht naher Zukunft pfeift unser Planet aus dem letzten Loch – vor allem die vergiftete Atmosphäre macht der Menschheit schwer zu schaffen. Auf der ehemaligen ISS, die mittlerweile als ausgebaute, private Station namens „Rubikon“ um die Erde kreist, forscht man an Möglichkeiten, Algen zur Gewinnung sauberer Luft zu nutzen. Dorthin sind Konzern-Söldnerin Hannah Wagner und der Wissenschaftler Gavin Abbott unterwegs. Kurz nach ihrer Ankunft ereignet sich weniger Kilometer weitere unten dramatisches: Der gesamte Globus verschwindet unter einer offenbar hochtoxischen, braunen Wolke. Für die Astronaut:innen stellt sich nun die Frage, ob sie für immer an Bord der autarken Station bleiben – oder ob sie trotz gewaltiger Risiken und technischer Probleme versuchen, die rettenden Algen zur Oberfläche zu bringen…

Technisch gibt es an „Rubikon“ – wie eingangs angedeutet – nichts auszusetzen. So ist beispielsweise die Raumstation sehr stimmig eingerichtet und wirkt sehr plausibel für eine relativ nahe Zukunft (abgesehen von der künstlichen Schwerkraft, die nicht erklärt wird). Überhaupt beeindruckt die im Verhältnis zum Budget ausgezeichnete Tricktechnik, die Außenaufnahmen – Station, umgebender Weltraum und die erst blaue, dann toxisch-braune Erde – jederzeit realistisch darstellt. Freilich wäre das alles wenig wert, wenn „Rubikon“ nicht auch inhaltlich punkten könnte. Glücklicherweise kann man auch an dieser Front Entwarnung geben: Leni Lauritsch, die zusammen mit Jessica Lind auch das Drehbuch geschrieben hat, ist tatsächlich ein gutklassiges Science Fiction-Drama gelungen. Klar, die Geschichte selbst und auch die Art und Weise, wie die Handlung aufgebaut ist und die Dialoge funktionieren, sind nicht bahnbrechend neu. Das ändert aber nichts daran, dass „Rubikon“ durchaus zu unterhalten weiß; zumindest dann, wenn man über ein paar Schwächen hinwegsehen kann.

Bevor wir dazu kommen, möchte ich direkt zwei Punkte ansprechen, die Lob verdienen: Einerseits ist „Rubikon“ für mein Dafürhalten sehr gut gespielt. Den drei Darsteller:innen, die praktisch den gesamten Film tragen, nimmt man sowohl Dialoge als auch Körpersprache in jeder Szene voll und ganz ab. Andererseits gelingt es dem Film durchaus, Neugier auszulösen: Man fragt sich als Zuschauer:in, was auf der Erde passiert ist, kann aber – genau wie die Astronaut:innen – nur Vermutungen anstellen. Diese Ungewissheit nagt die ganze Zeit über und wird auch nie so richtig aufgelöst, was den einen oder die andere enttäuschen mag, aus meiner Sicht aber sehr gut zum Inhalt passt – und vor allem auch glaubwürdig ist, weil es in Wirklichkeit wohl ganz genauso wäre.

Zwei Kritikpunkte.

Leider ist aber nicht alles Gold, was glänzt. Größtes Manko von „Rubikon“ ist die fehlende Spannung an Bord der Station: Es passiert schlicht zu wenig, das überrascht oder einen großen Denkanstoß liefert. Nicht falsch verstehen – dass Lauritsch nicht auf atemlose Action setzt, ist aller Ehren wert. Im Gegenzug stellt der Film ja auch große Fragen nach Moral und Ethik in den Raum. Allerdings kratzt die Diskussion über derartige Themen kaum an der Oberfläche, was sehr schade ist. Hier hätte ich mir beispielsweise deutlich mehr vom zwischenzeitlichen Kontakt zu überlebenden Konzern-CEOs erhofft, aus dem leider viel zu wenig gemacht wird. Vor allem aber hängt das Grundproblem des Films ziemlich in der Luft, indem das Für und Wider einer Rückkehr zur Erde nur sehr vage (und für mein Gefühl vor allem aus technischer Sicht) behandelt wird. Hier wirkt es fast, als hätte den Filmemacherinnen die letzte, zündende Idee – oder der Mut? – für eine tiefergehende, philosophische Auseinandersetzung gefehlt.

Die zweite Schwierigkeit, die ich mit „Rubikon“ habe, hat mit dem Drehbuch zu tun: Die Schauspieler:innen agieren zwar glaubwürdig, gleiches gilt allerdings nicht für die von ihnen verkörperten Figuren, die ihre Meinung und die Ausrichtung ihres moralischen Kompasses gerne mal völlig ansatzlos ändern. Ich verstehe schon, dass bei einem so kleinen Ensemble notwendig sein kann, um die Handlung voranzutreiben – allerdings hätte das etwas subtiler umgesetzt werden müssen; so wird dann doch wieder ein Glaubwürdigkeitsproblem daraus. Paradox? Irgendwie schon, und doch wirkt es auf mich, als hätte man jedem Charakter vorsichtshalber gleich eine ganze Bandbreite an Eigenschaften – die einander gerne auch diametral gegenüber stehen – zugeschrieben. Und dann auch noch auf Teufel komm raus versucht, diese im Film unterzubringen. Ich nehme an, dass das auch der Grund ist, wieso man sich mit keiner der Figuren so richtig identifizieren kann.

Letzten Endes glaube ich aber trotz meiner Kritikpunkte, dass es ich für Science Fiction-Fans lohnen kann, „Rubikon“ anzusehen. Leni Lauritsch greift hier ein relativ bekanntes Thema ohne viel Tamtam und großes Feuerwerk auf. Das hat schon einen gewissen Charme, der vielen Hochglanz-Produktionen aus den USA völlig abgeht. Von daher: Ansehen und selbst ein Urteil bilden; ich selbst habe den Kino-Besuch jedenfalls nicht bereut.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Rubikon.
Regie:
Madalena Lauritsch
Drehbuch: Magdalena Lauritsch, Jessica Lind
Jahr: 2022
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Julia Franz Richter, George Blagden, Mark Ivanir



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FilmWelt: Tannöd

„Tannöd“ (2009) ist einer jener Filme, deren Trailer und Beschreibung mir im Vorfeld richtig gut gefallen haben. Doch leider ist es wie so oft in solchen Fällen: Bereits während des Ansehens macht sich Ernüchterung breit, die spätestens beim Abspann in echte Enttäuschung umschlägt. Warum „Tannöd“ dieses Schicksal ereilt, versuche ich in folgender Rezension zu beschreiben.

Gesamteindruck: 2/7


Finsteres Bayern.

Zunächst kurz zum Hintergrund (der mir vorab nicht bekannt war): „Tannöd“ basiert auf dem gleichnamigen Roman der deutschen Autorin Andrea Maria Schenkel, der 2006 erschienen ist. Dieses Buch ist wiederum inspiriert von einem realen, bis heute nicht aufgeklärten Mordfall der 1920er Jahre. Wie der Kriminalroman, der ihm als Vorlage diente, verlegt „Tannöd“ die Geschichte allerdings in die 1950er. Warum das so gemacht wurde, entzieht sich meiner Kenntnis, spielt letztlich aber auch keine große Rolle für die Handlung.

Worum geht’s?
Auf dem abgelegenen Tannöd-Hof trägt sich ein schreckliches Verbrechen zu: Die Bauersleute, ihre Kinder und die gerade erst angestellte Magd werden auf brutale Weise ermordet. Zwei Jahre nach diesen Ereignissen kehrt die auswärts arbeitende Kathrin in ihr Heimatdorf zurück, um sich um die Beerdigung ihrer Mutter zu kümmern. Gegenseitige Anschuldigungen und dunkle Geheimnisse bestimmen das Leben im Ort – und auch Kathrin wird wider Willen immer tiefer in die düstere Stimmung hineingezogen…

In der Theorie bringt „Tannöd“ fast alles mit, das einen guten Krimi oder Thriller auszeichnet: Starke Bilder, einen rätselhaften Mord und – vor allem – ungeahnte psychologische und kriminelle Abgründe. Leider gibt es letzten Endes aber nur einen einzigen Punkt, der voll und ganz überzeugt: Die von Anfang bis Ende großartige Kameraarbeit. Die setzt die ländliche Kulisse, die bei richtigem Licht beschaulich und malerisch wirken mag, düster und nachgerade grotesk in Szene. Subtil ist das freilich nicht, im Gegenteil: „Tannöd“ lässt optisch in keinem Moment Zweifel daran aufkommen, dass in der bayrischen Einöde etwas im Argen liegt. Den Wunsch, auch nur in die Nähe jener Gegend zu kommen, verspürt man auch als Zuseher:in, der/die das Landleben kennt, während der 100 Minuten Laufzeit so gut wie nie. Damit ist auch sofort klar, dass sich das Publikum mit der Rückkehrerin Kathrin identifizieren soll und muss, die jenem tristen Leben entkommen konnte.

Drehbuch als Sorgenkind.

Leider gelingt es Regisseurin Bettina Oberli (die gemeinsam mit Petra Lüschow auch das Drehbuch geschrieben hat) nicht, diese guten bis sehr guten Einzelteile stimmig zusammenzusetzen. Heißt: Bei „Tannöd“ ist das oft bemühte Ganze keineswegs größer als die Summe seiner Teile. Im Gegenteil: Die Grundzutaten lassen einen zumindest soliden, bestenfalls sogar großartigen Thriller erwarten, fügen sich aber zu keinem Zeitpunkt richtig zusammen. Oder, anders ausgedrückt: „Tannöd“ entwickelt nie jenen Sog, den man beispielsweise aus zugegeben leichter Kost wie „Der Bulle von Tölz“ oder „Tatort“ kennt, deren Folgen ja häufig in ähnlichen Milieus angesiedelt sind. An den Schauspieler:innen liegt das übrigens nicht, denn die machen ihre Sache zumeist ordentlich, wobei ich mir von Hauptdarstellerin Julia Jentsch ein etwas beherzteres Auftreten gewünscht hätte. Anmerkung am Rande: Zuseher:innen, die nicht aus Süddeutschland oder Österreich kommen, könnten Schwierigkeiten mit dem Verständnis haben, denn in „Tannöd“ wird fast ausschließlich bayrisch gesprochen.

Ich denke, der Grund für den schwachen Gesamteindruck, den der Film trotz herausragender Optik bei mir hinterlassen hat, ist im Drehbuch zu suchen. Das schafft es einerseits kaum, die notwendige Spannung aufzubauen, weil die einzelnen Szenen wahlweise überhastet oder in die Länge gezogen wirken. Andererseits ist „Tannöd“ stellenweise arg verwirrend; das ansonsten so befriedigende Gefühl, wenn Charaktere ein Mysterium nach und nach aufdecken, bleibt völlig aus. Auch, weil am Schluss ein überzeugendes Gesamtbild fehlt, was den Film in Kombination mit immer wieder eingestreuten Rückblenden, die nur zum Teil aussagekräftig sind, sehr zerfahren wirken lässt.

Dicht am Roman?

Ohne die Romanvorlage zum Zeitpunkt dieser Rezension gelesen zu haben, vermute ich stark, dass sich „Tannöd“ relativ werkstreu gibt – und dass genau das das Problem ist: Das Buch besteht aus 39 relativ kurzen Kapiteln, die auf verschiedene Weise miteinander verbunden sind und nach und nach ein Gesamtbild ergeben. Man sieht dem Film meiner Meinung nach deutlich an, dass er versucht, seine Geschichte auf ähnliche Weise zu erzählen, dabei aber Schwierigkeiten hat, die ursprünglichen Einzelepisoden „smooth“ ineinandergreifen zu lassen. Eigentlich ist sogar das Gegenteil der Fall und es wirkt von Anfang an befremdlich, dass zwei Jahre nach der Tat pausenlos über den Mord gesprochen wird, wenn die Hauptprotagonistin anwesend ist.

Ich bin jedenfalls auf den Roman gespannt – denn dass ich den jetzt unbedingt lesen möchte, ist der positivste Aspekt, den ich aus dem Ansehen des Films mitgenommen habe. Immerhin etwas – wenngleich ich es sehr schade fand und finde, dass die Verfilmung von „Tannöd“ so gar nicht reüssieren kann. Übrigens gilt das – wenn man den Rezensionen glauben darf – auch für den ebenfalls 2009 erschienen Film „Hinter Kaifeck“, der sich derselben Thematik annimmt. Aber das ist ein Fall für eine andere Rezension…

Für das ziemlich holprige „Tannöd“ gibt es 2 von 7 Punkten, mehr ist leider nicht drin, so sehr ich den Film auch mögen wollte.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Tannöd.
Regie:
Bettina Oberli
Drehbuch: Bettina Oberli, Petra Lüschow
Jahr: 2009
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Julia Jentsch, Monica Bleibtreu, Volker Bruch, Brigitte Hobmeier, Vitus Zeplichal



FilmWelt: Veras Mantel

In den Abgründen einschlägiger Streaming-Portal finden sich neben haufenweise obskurer B- und C-Ware gelegentlich recht gutklassige Indie-Produktionen. Eine solche ist auch „Veras Mantel“ (2018), ein Film, den ich unlängst zufällig beim Durchforsten des Prime Video-Angebots von Amazon gefunden habe. Fast hätte ich die deutsche Produktion trotz interessanter Inhaltsangabe dennoch nie gesehen – zu durchwachsen schienen mir die Kritiken. Letztlich habe ich es nach einigem Hin und Her aber doch gewagt.

Gesamteindruck: 5/7


Ein anderes Leben.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Ich habe es nicht bereut, gut 110 Minuten meines Lebens mit „Veras Mantel“ verbracht zu haben. Das bedeutet allerdings weder, dass es sich dabei um ein unentdecktes Meisterwerk handelt, noch dass dieser Film für ein breites Publikum geeignet ist. Ich weiß: Letzteres klingt verdächtig nach elitärem Gehabe, ist im Prinzip aber nur Ausdruck meines Unverständnisses für die meines Erachtens zu niedrigen Wertungen. Damit will ich wiederum nicht sagen, dass die Kritiker:innen unrecht hätten – es könnte aber schon sein, dass manche von ihnen mit falschen Vorstellungen an den Film des österreichischen Regisseurs Ronald Unterberger herangegangen sind.

Worum geht’s?
Schriftstellerin Vera Godin leidet an einer besonders schlimmen Form von Agoraphobie: Es ist ihr völlig unmöglich, das eigene Haus zu verlassen. Als ein mysteriöser Fan beginnt, die erfolgreiche Autorin zu stalken, alarmiert sie nach einigem Hin & Her die Polizei, die prompt einen Wachposten vor der Haustür abstellt. Im ersten Moment scheint sich die Situation dadurch zu entspannen, doch schon bald geschehen weitere, noch unheimlichere Dinge…

Im Wesentlichen lässt sich „Veras Mantel“ als Mystery-Thriller klassifizieren. Die Idee eines fanatischen Bewunderers, der dem Objekt seiner Begierde bedrohlich nahe kommt, ist per se natürlich nicht sonderlich originell. Ronald Unterberger, der das Drehbuch selbst verfasst hat, arbeitet allerdings auch mit übernatürlichen Elementen, was seinen Beitrag vage in Richtung „The Sixth Sense“ (1999) oder „The Others“ (2001) verschiebt, deren Klasse er aber nicht erreicht. Wobei man durchaus sagen kann, dass die unheimlichen Szenen von „Veras Mantel“, speziell was die Auftritte der „anderen Frau“ betrifft, tatsächlich furchteinflößend sind und einer Hollywood-Produktion kaum nachstehen.

Vom Publikum verkannt?

Dass dieser Film dennoch nicht über den Status eines Geheimtipps hinauskommt, liegt meines Erachtens vor allem an zwei Faktoren. Erstens ist „Veras Mantel“ auf allen Ebenen sehr ruhig: Es gibt kaum Filmmusik zu hören, die Ausstattung ist insgesamt sehr kühl und minimalistisch, die Szenenwechsel sparsam; generell wirkt alles sehr zweckmäßig und so, als solle nichts von der Hauptfigur und deren Zustand ablenken. Der zweite Faktor sind die Dialoge: „Veras Mantel“ steht in dieser Hinsicht in der Tradition vieler deutschsprachiger Produktionen, deren Sprache mehr an die des Theaters erinnert und relativ wenig mit dem zu tun hat, was man in der Regel aus dem Medium Film kennt. Und so ist es eben auch hier, wobei ich vermute, dass der Regisseur sein Werk mit Absicht so theaterhaft inszeniert hat, während es z. B. in „Tribes of Europa“ wie ein schusseliges Versehen wirkt.

Wer sich an die sehr nüchterne Ausstattung und die teils recht schwierigen Dialoge nicht gewöhnen kann oder will, wird – so meine Vermutung – eher nicht in der Lage sein, die sehr spezielle Atmosphäre des Films zu schätzen. Dabei empfinde ich gerade die als eine so große Stärke, dass sie mich als Zuseher auch über die etwas wirre Story hinwegsehen lassen kann. Denn der starke Kontrast zwischen der Agoraphobie der Hauptfigur, die das rettende „Draußen“ einfach nicht erreichen kann und dem Gefühl der Klaustrophobie, die der in einem einzigen Haus gedrehte Film beim Publikum auszulösen vermag, ist meines Erachtens eine sehr starke Leistung des Regisseurs.

Die Handlung selbst ist vor allem anfangs, genau genommen aber bis zum Schluss, schwer zu interpretieren. Das Finale versucht zwar, die Fäden zusammenzuführen und ein Aha-Erlebnis bzw. einen Twist zu generieren, wie man es aus den weiter oben erwähnten Hollywood-Streifen kennt. Leider muss man sich in der Praxis deutlich zu viel selbst zusammenreimen, hier lässt der Regisseur das Publikum ein wenig im Regen stehen. Denn das Ende ist bei einfachem Ansehen des Films meiner Meinung nach schwer bis überhaupt nicht zu entschlüsseln, was neben den genannten Punkten ebenfalls für negative Stimmung bei einigen Rezensent:innen gesorgt haben mag. Und auch ich, der ich „Veras Mantel“ über weite Strecken für gelungen halte, war zum Schluss eher ratlos und, ja, auch enttäuscht.

Eine Frage der Erwartungen.

Abschließend ein Wort zu den Schauspieler:innen: An deren Performance finde ich grundsätzlich wenig auszusetzen, vor allem Hauptdarstellerin Lea Faßbender macht einen grandiosen Job und trägt den Film praktisch im Alleingang. Ihr gelingt es hervorragend, den zunehmenden Verfall und die Isolation ihrer Figur nachzuzeichnen. Lobend erwähnen möchte ich außerdem Nico Josef Zitek, der Erik, den Ehemann der Hauptfigur spielt und dem es für mein Dafürhalten gut gelingt, die Schwierigkeiten einer solch unsymmetrischen Beziehung herauszuarbeiten. Wenig zu sagen hat Karoline Fritz alias „die andere Frau“, ich habe aber bereits weiter oben erwähnt, dass ihre Darstellung überaus unheimlich ist, was ebenfalls positiv hervorzuheben ist.

Wie man sieht, konnte ich „Veras Mantel“ durchaus einiges abgewinnen. Eine uneingeschränkte Empfehlung möchte ich aber dennoch nicht aussprechen – zu experimentell, zu speziell ist dieser Film. Ich würde allen, die überlegen, ihn anzusehen, den Rat geben, sich vorher zumindest ansatzweise über Hintergrund und Machart zu informieren. So sollte es möglich sein, abzuwägen, ob „Veras Mantel“ dem eigenen Geschmack entspricht. Wer das nicht tut, könnte möglicherweise eine Enttäuschung erleben, weil das einer dieser Fälle ist, in dem die Inhaltsangabe einen völlig falschen Eindruck vermittelt. Denn obwohl sie sachlich natürlich richtig ist, gibt sie keinerlei Aufschluss über die Eigenheiten, die diesen Film auszeichnen.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Veras Mantel.
Regie:
Ronald Unterberger
Drehbuch: Ronald Unterberger
Jahr: 2018
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Lea Faßbender, Nico Josef Zitek, Karoline Fritz, Charlotte Ullrich, Leif Evers



FilmWelt: Standschütze Bruggler

Ich habe hart mit mir gerungen, ob ich diese Rezension überhaupt verfassen und – noch wichtiger – danach veröffentlichen soll. Der Grund meines Zauderns: „Standschütze Bruggler“ (1936) basiert auf dem gleichnamigen Roman (1934), geschrieben von Anton Bossi-Fedrigotti. Der gebürtige Tiroler lebte zur Zeit der Machtergreifung der Nationalsozialisten in Deutschland und trat bald nach diesem Ereignis erst der NSDAP, dann der SA bei. „Standschütze Bruggler“ war sein Debütroman und dem Vernehmen nach bestens geeignet, dem NS-Regime als Propaganda zum Schüren von Kriegsbegeisterung zu dienen. Gleiches gilt für vorliegenden Film, was mein Unbehagen erklären dürfte, darüber zu schreiben.

Gesamteindruck: 1/7


Kriegspropaganda.

Dass ich überhaupt auf die Idee gekommen bin, mir „Standschütze Bruggler“ anzusehen, ist der sehr liberalen Politik von Amazon zu verdanken. Der Branchenriese hat den Streifen frei für alle verfügbar im Streaming- und DVD-Programm und weist mit keiner Silbe auf eventuell problematische Inhalte hin. Im Gegenteil, die Beschreibung kommt einem fast zeitgenössisch vor, macht sie doch Lust auf ein „beeindruckendes Filmwerk aus dem Jahre 1936“. Es bleibt also komplett den Zuseher:innen überlassen, den Hintergrund zu erkennen – was wiederum nicht so einfach ist, handelt es sich dabei doch um kein sonderlich bekanntes Werk. Ob und in welchem Ausmaß das Publikum in der Lage ist, das Problem, das „Standschütze Bruggler“ umgibt, zu erkennen, wage ich nicht zu beurteilen.

Worum geht’s?
Im Kriegsjahr 1915 sieht sich Österreich-Ungarn einer neuen Bedrohung gegenüber: Das bisher neutrale und lose mit den Achsenmächten verbündete Italien erklärt der Doppelmonarchie den Krieg und eröffnet damit eine neue Front, die sich großteils quer durch den hochalpinen Raum erstreckt. In aller Eile werden Truppen zur Verteidigung zusammengezogen – weil die bisherigen Verluste jedoch gewaltig waren, bleiben nur mehr Junge und Alte übrig, um Tirol gegen den Einmarsch der Italiener zu verteidigen. So gehen die Standschützen auf den Bergen ihrer Heimat in Stellung; unter ihnen der Theologie-Student Toni Bruggler

Anschließend an das, was ich einleitend geschrieben habe, möchte ich noch kurz was zu meiner Ausgangslage sagen: Selbst als reflektierter und an den Vorgängen jener Epoche interessierter Mensch habe ich bis vor wenigen Tagen noch nie etwas von „Standschütze Bruggler“ und dem Autor der Romanvorlage gehört. Weil Amazon den Film „einfach so“ im Angebot hat, habe ich eine vorherige Recherche gar nicht erst in Erwägung gezogen, sodass ich letzten Endes völlig unvoreingenommen an die Sache herangegangen bin. Und das mit einem – hoffentlich – nachvollziehbaren Grund: Historisches Interesse, das nichts mit der Meta-Ebene der Nutzung als Propaganda zu tun hat (mangels vorheriger Kenntnis dieser Ebene), sondern ausschließlich mit dem Inhalt. Denn der 1. Weltkrieg (1914-1918) wird zwar in zahlreichen Filmen beleuchtet, allerdings beschäftigt sich kaum ein Regisseur mit den Geschehnissen an der österreichisch-italienischen Front. Ich war also überrascht und erfreut, einen Film vorzufinden, der diese blutige Auseinandersetzung thematisiert – so dachte ich jedenfalls.

Technik ok, Inhalt k.o.

Ich versuche, im Folgenden zwei Ebenen des Films anzusprechen: Einerseits die formelle Seite, also die Technik, z. B. Ton, Bild und Ausstattung. Andererseits die inhaltliche Komponente, das ist vor allem die Frage nach dem, was uns „Standschütze Bruggler“ sagen soll. Dazu noch ein wichtiger Hinweis in eigener Sache: Wenn ich im Folgenden Lob ausspreche, soll das in keiner Weise eine Relativierung von NS-Propaganda darstellen, sondern bezieht sich rein auf filmtechnische Merkmale.

Beginnen wir mit der technischen Seite, an der ich – so ungern ich es zugebe – wenig auszusetzen habe. Tatsächlich ist „Standschütze Bruggler“ optisch sogar ein sehr beeindruckender Film, der in dieser Hinsicht dem Referenzwerk „Im Westen nichts Neues“ (1930) wenig nachsteht. Noch einmal zur Sicherheit: Damit ist nicht gemeint, dass „Standschütze Bruggler“ der Remarque-Verfilmung inhaltlich ansatzweise das Wasser reichen kann. Nichtsdestotrotz ist das Werk tadellos fotografiert – man meint förmlich, Kälte und Unwegsamkeit der Gebirgsfront zu spüren. Viel besser kann man das meines Erachtens auch in modernen Produktionen kaum hinbekommen. Der Ton ist, im Gegensatz dazu, aus heutiger Sicht wenig beeindruckend und leidet unter der üblichen Laut-Leise-Problematik. Heißt: Die Dialoge sind deutlich und in angemessener Lautstärke zu hören, alles andere klingt sehr unnatürlich, vor allem Explosionen und Gewehrfeuer sind zu dünn und zu leise, flößen daher kaum Respekt ein (was eventuell auch so beabsichtigt war). Generell ist in diesem Zusammenhang ein großer Qualitätsunterschied zwischen Innen- und Außenszenen festzustellen, was aber ein Problem vieler zeitgenössischer Filme ist und vermutlich mit der noch nicht so ausgereiften Ausstattung an mobilem Tonequipment zu tun hat.

Die Schauspieler:innen machen ihre Sache ambivalent – sie mussten sich natürlich ohne Wenn und Aber am Drehbuch orientieren. Dort war dann wohl auch vorgesehen, dass speziell die Jüngeren ein Draufgängertum und eine Fröhlichkeit ausstrahlen, die überhaupt nicht in einen Kriegsfilm passen will. Dabei fällt vor allem die dauergrinsende Hauptfigur negativ auf; die älteren Darsteller sind im Vergleich dazu realistischer unterwegs, soweit ich das beurteilen kann – ihr Spiel ist meines Erachtens so, wie es auch in einem modernen Anti-Kriegsfilm möglich wäre, wenngleich auch sie zu keinem Zeitpunkt das Geschehen hinterfragen. Die italienischen Truppen lernt man in wenigen Szenen etwas näher kennen – sie sprechen ihre eigene Sprache und werden sehr neutral dargestellt, was eventuell mit der Achse Berlin-Rom zu tun haben könnte. Die entsprechende Absprache zwischen den Diktatoren wurde zwar erst 1936 offiziell besiegelt, ich könnte mir aber vorstellen, dass die Vorbereitungen bereits deutlich früher angelaufen waren, sodass man den künftigen Bündnispartner nicht mit einem Film, in dem die üblichen Feindbilder gepflegt werden, vor den Kopf stoßen wollte.

Kriegsromantik als Propagandamasche.

Neben dem sorglosen Spiel der jungen Darsteller entlarvt das Drehbuch selbst den Film als die Propaganda, die er ohne Zweifel ist. Die Verantwortlichen machen das übrigens durchaus geschickt: Die Geschichte und die Art und Weise wie sie erzählt wird, ist kein durchgängig realitätsfremder Unsinn. Der mühsame Aufstieg ins Hochgebirge und die ständige Gefahr durch feindliche Feuerüberfälle, die oft genug mit dem Tod endet, findet recht prominent im Film Platz. Ich meine sogar, einen kritischen Unterton vernommen zu haben, als die Hauptfigur nach einem Lazarettaufenthalt zu den Kameraden zurückkehrt und feststellt, dass nicht mehr viele von den ursprünglich Eingerückten übrig sind. Das ist aber auch schon alles, denn grundsätzlich hinterfragt wird in „Standschütze Bruggler“ überhaupt nichts. Übrigens gibt es auch faktische Fehler bzw. starke Beschönigungen. So wird z. B. verschwiegen, dass die Standschützen anfangs selbst für ihre Ausrüstung sorgen mussten.

Zwei Dinge sind mir besonders sauer aufgestoßen: Erstens die Wandlung des Hauptcharakters vom Theologie-Studenten zum vermeintlich harten Soldaten, die ganz am Ende mit geradezu ekelhaftem Pathos abgeschlossen wird. Und zweitens die Lockerheit, mit der die Männer die angedeuteten Entbehrungen, vor allem aber den Tod ihrer Kameraden beiseite wischen. Ja, richtig gelesen: In „Standschütze Bruggler“ wird gestorben – und das gar nicht so selten, wie man meinen könnte. Allerdings fallen die Männer fast immer geräuschlos, es gibt kein Geschrei, kaum sichtbare Verletzungen und schon gar keine Verstümmelungen oder Ähnliches zu sehen. Wenn einer fällt, bleibt er kurz im Bild – eine Reaktion seiner Freunde, denn nichts anderes sind die Standschützen, die alle aus demselben Dorf kommen, bleibt völlig aus. Damit hat der gewaltsame Tod in diesem Werk nichts Dreckiges, ihm wohnt kein sichtbarer Schrecken inne, sondern er wird als schneller, sozusagen natürlicher Vorgang beschrieben, der klag- und emotionslos hinzunehmen ist.

Perfide gemacht.

All das macht „Standschütze Bruggler“ zu einem perfiden und raffinierten Propagandastreifen: Technisch ausgezeichnet (man merkt, dass sich das NS-Regime die Manipulation der Massen einiges kosten ließ), mit dem Humor der Zeit versehen, leicht konsumierbar und unterhaltsam, muss dieses Machwerk (anders kann man es heute nicht mehr bezeichnen) damals gut angekommen sein. Nimmt man dann noch das Männer- und Frauenbild, dass der Film zeichnet und seine abenteuerliche Weichzeichnung eines in Wirklichkeit entsetzlichen und überaus grausamen Krieges dazu, kann man sich vorstellen, wie sich die Propagandabeauftragten ins Fäustchen gelacht haben müssen.

Aus heutiger Sicht ist „Standschütze Bruggler“ nur schwer zu ertragen. Er ist technisch immer noch beeindruckend, der Inhalt verrät sich allerdings selbst. Zumindest dann, wenn man einigermaßen in der Lage ist, das Gesehene zu reflektieren. Bleibt zu hoffen, dass Amazon sein Publikum hier nicht überschätzt hat und der Großteil der Zuschauer:innen in der Lage ist, den Film als das zu erkennen, was er letzten Endes ist: manipulative und perfide Kriegspropaganda. Und dafür kann und darf es nicht mehr als 1 Pünktchen geben.

Gesamteindruck: 1/7


Originaltitel: Standschütze Bruggler.
Regie:
Werner Klingler
Drehbuch: Joseph Dalman
Jahr: 1936
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Ludwig Kerscher, Franziska Kinz, Rolf Pinegger, Friedrich Ulmer, Lola Chlud



FilmWelt: Die Wand

„Die Wand“ (2012) ist der späte Versuch einer Verfilmung des gleichnamigen Romans der 1970 verstorbenen Schriftstellerin Marlen Haushofer. Sie hatte diese Geschichte bereits 1963 geschrieben – für mich durchaus überraschend, denn ich hatte beim Ansehen des Films häufig das Gefühl, eine Replik auf unsere modernen Zeiten zu Gesicht zu bekommen: Was passiert, wenn man uns aus unserer ständigen Erreichbarkeit und dem geradezu grotesken Hamsterrad, in dem sich viele von uns heute befinden, komplett herausreißen würde?

Gesamteindruck: 5/7


Allein in den Bergen.

Eingangs möchte ich direkt anmerken, dass ich den Roman „Die Wand“ bis dato nicht gelesen habe. Das werde ich zwar sicher noch nachholen; allerdings bedeutet das auch, dass ich mich im Folgenden nur auf die Verfilmung durch Julian Pölsler, der auch für das Drehbuch verantwortlich zeichnet, beziehe. Zu lesen ist übrigens, dass der Roman lange als unverfilmbar galt. Wie gut Pölsler die Tonalität des Vorbildes getroffen hat, entzieht sich aus genannten Gründen zwar meiner Kenntnis, ich habe aber das Gefühl, dass es sich hierbei durchaus um eine werkstreue Umsetzung handeln könnte. Denn „Die Wand“ atmet schon sehr deutlich den Geist einer bedächtigen und philosophisch anmutenden Geschichte.

Worum geht’s?
Eine Frau, deren Name und Beruf nie genannt wird, möchte mit einem befreundeten Paar einige Tage in einer Jagdhütte verbringen. Doch schon nach der ersten Nacht merkt die Protagonistin, dass etwas nicht stimmt: Ihre Reisegefährten sind augenscheinlich nicht von einem Spaziergang ins nahegelegene Dorf zurückgekehrt. Gemeinsam mit Jagdhund „Luchs“ macht sie sich auf die Suche nach ihren Freunden – nur um festzustellen, dass der Weg abrupt an einer unsichtbaren, undurchdringlichen Wand endet. Dieses merkwürdige, offenkundig unzerstörbare Gebilde scheint die Hütte in weitem Umkreis vollkommen von der Außenwelt isolieren, ein Ausweg ist nicht zu finden…

Inhaltsangabe und Setting geben es schon vor: Die Besetzung der Hauptrolle ist in „Die Wand“ von zentraler Bedeutung. Der Fokus liegt also voll und ganz auf der deutschen Schauspielerin Martina Gedeck, die diese schwierige Aufgabe meiner Ansicht nach sehr gut löst. Wobei ich nicht verhehlen möchte, dass ich trotz starker Leistung gewisse Probleme mit der von ihr dargestellten Figur habe, was aber eher dem Drehbuch (oder eher der Vorlage?) geschuldet sein dürfte. Dass die Protagonistin ein völlig unbeschriebenes Blatt ist, wir weder Namen noch Profession, ja, nicht einmal das Verhältnis zu ihren Reisegefährt:innen, erfahren, macht eine Einordnung des Gesehenen – und auch eine Identifikation – schwierig. Ich hatte ferner den Eindruck, dass sich auch die Gedeck selbst schwer damit getan haben könnte, eine derart vage und ungreifbare Person lebendig rüberzubringen. Nur so ist mir das sehr distanzierte und kühle Auftreten erklärlich – es sei denn, ich wiederhole mich, das Buch ist ähnlich nüchtern verfasst. Akte der Emotion und der Verzweiflung gibt es zwar gelegentlich, sie wirken aber nie so authentisch wie die Abgeklärtheit, mit der die einsame Heldin meistens auftritt. Neben Martina Gedeck gibt es in fast 2 ½ Stunden Film übrigens nur fünf weitere Personen zu sehen, von denen wiederum nur zwei (das befreundete Pärchen) überhaupt Text haben und länger als ein paar Sekunden zu sehen sind.

Was, zumindest mir, zudem sehr stark, fast schon unangenehm, aufgefallen ist: Die teils fehlende Logik im Verhalten (mag sein, dass das im Buch ebenfalls so ist, dann will ich nichts gesagt haben – aber der Film sollte für sich genommen schon auch Sinn machen). So versucht die Protagonistin zwei Dinge zu keinem Zeitpunkt, die ich eigentlich erwartet hätte (und von denen ich einfach mal behaupte, dass ich sie an ihrer Stelle probiert hätte): Sie unternimmt erstens keine Wanderung entlang der Wand, um herauszufinden, ob sie tatsächlich komplett eingeschlossen bzw. wie groß ihr Gefängnis wirklich ist (zugegeben, das dürfte im Gebirge sehr mühsam und teils unmöglich sein). Und zweitens versucht sie sich zu keinem Zeitpunkt, unter der Wand durchzugraben oder auch mal im See zu schwimmen, um festzustellen, ob das Hindernis über bzw. unter Wasser überhaupt besteht. Auch hätte mich interessiert, wie der Wechsel der Jahreszeiten, der innerhalb der Wand ganz normal von Statten geht, außerhalb der Zone aussieht – immerhin gibt es dort zwei „versteinerte“ Personen in Sommerkleidung, ich hätte zu gerne gesehen, was mit denen im Winter passiert.

Starke Naturbilder.

Dass man überhaupt in Versuchung gerät, über vermeintlichen Lücken nachzudenken, hat einen Grund: „Die Wand“ verfügt erwartungsgemäß über außerordentlich starke Bilder. Vor allem die Natur (gedreht wurde im oberösterreichischen Dachsteinmassiv) wurde von der Kamera auf beeindruckende Art und Weise eingefangen; nicht nur im Großen, sondern auch in unmittelbarer Umgebung des Schauplatzes. Hier möchte ich vor allem die Unnahbarkeit des Waldes hervorheben, die, auch unter Zuhilfenahme einer entsprechenden Geräuschkulisse, so eindringlich eingefangen wurde, dass man das unbehagliche Gefühl der modernen Städterin gegenüber der wilden Natur zu spüren glaubt. Einerseits großartig gemacht, andererseits kostet der Film manche Außenaufnahmen, die sich mit der Zeit auch zu ähneln beginnen, viel zu sehr aus. Will sagen: Sobald man sich daran sattgesehen hat, beginnen die Gedanken zu wandern und man hofft, dass sich die Protagonistin mal wieder der Wand nähert und man ein Stück zur Lösung des Puzzles erhält.

Letzteres passiert übrigens nicht, so viel darf ich wohl verraten. Der Film führt nirgendwo hin, er hat weder ein gutes, noch ein schlechtes Ende, sondern läuft einfach still und leise aus. Ich denke, dass das der Vorlage geschuldet sein dürfte – die Protagonistin, die ja auch Ich-Erzählerin ist, schreibt den Teil ihrer Geschichte, den wir im Film zu sehen bekommen, auf ein paar Blättern Papier nieder, die sie in der Hütte findet. Als ihr die ausgehen, endet die Handlung (und das Buch, nehme ich wenigstens an). Nun haben offene Ende ja was für sich, nur ist es in vorliegendem Fall so, dass man komplett in der Luft hängt – weder wird die Wand als solche thematisiert (die ist eben einfach da), noch das spätere Schicksal der tragischen Heldin. Ob und wie gut man mit diesen Dingen leben kann, hängt wohl vom persönlichen Geschmack ab, mir persönlich war das letzten Endes doch ein bisschen zu unkonkret, um mir wirklich zu gefallen.

Blendet man das offene Ende und die Nicht-Erklärung der Wand aus, der Film eigentlich ganz klassischer Stoff: Wie weiland Robinson Crusoe ist die Protagonistin von jetzt auf gleich von allen Annehmlichkeiten der Zivilisation abgeschnitten und muss lernen, mit für sie vollkommen neuen Mitteln für ihr Überleben zu sorgen. Die physischen und psychischen Implikationen, die das mit sich bringt, reißt der Film aber nur an, grundsätzlich scheint mir eher die Nichtigkeit des Menschen gegenüber der Macht der Natur das Thema zu sein. Und natürlich die Einsamkeit – wobei „Die Wand“ dem Gedanken, zurück zur Natur zu gehen, durchaus auch eine positive Note verleiht.

Fazit: Auch wenn obiger Text vielleicht ein bisschen negativ klingt, hat mir „Die Wand“ über weite Strecken sehr gut gefallen. Es gibt ein paar Längen, die sind allerdings zu verschmerzen. Und letztlich ist sogar die kühle Distanziertheit der Protagonistin keine schlechte Sache – sie ist eine Art Neutrum, mit dem sich vermutlich ein größerer Teil des Publikums wirklich identifizieren kann, als mit einem völlig überzeichneten Hollywood-Helden.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Die Wand.
Regie:
Julian Pölsler
Drehbuch: Julian Pölsler
Jahr: 2012
Land: Österreich, Deutschland
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): Martina Gedeck, Karlheinz Hackl, Ulrike Beimpold, Julia Gschnitzer, Hans-Michael Rehberg



BuchWelt: Keltengrab

Patrick Dunne


„Keltengrab“ (2005) ist das erste von drei zum Zeitpunkt dieser Rezension erhältlichen Romanen über die Archäologin Illaun Bowe. Interessanterweise verfügt Autor Patrick Dunne nur über einen sehr knapp gehaltenen Eintrag in der deutschsprachigen (!) Wikipedia, in dem nicht einmal sein Geburtsdatum vermerkt ist. Ein Eintrag in seiner Muttersprache fehlt hingegen; und auch sonst scheinen die Informationen über ihn dünn gesät zu sein, was heutzutage schon sehr außergewöhnlich ist.

Gesamteindruck: 1/7


Irische Moorleichen.

Ganz ehrlich: Ich hätte mir „Keltengrab“ wohl nie gekauft, wenn ich im Off- oder Online-Buchhandel zufällig über das Werk gestolpert wäre. Weder Cover noch Klappentext unterscheiden sich großartig von einer Vielzahl ähnlicher Bücher, die meist von deutlich bekannteren Schriftstellern stammen (was nicht heißen soll, dass ein bekannter Name automatisch für Qualität bürgt). Dank eines offenen Bücherschranks habe ich „Keltengrab“ nun aber doch zu lesen bekommen – und muss konstatieren, dass ich unterwältigt war. So gesehen verwundert es auch nicht, wenn man trotz vermutlich erklecklicher Verkaufszahlen noch nie etwas von Patrick Dunne gehört hat.

Worum geht’s?
Nahe der prähistorischen Kultstätte Newgrange in Irland werden kurz vor Weihnachten bei Bauarbeiten zwei Moorleichen gefunden. Archäologin Illaun Bowe hofft, dass die Körper – eine erwachsene Frau und ein Säugling – aus vorchristlicher Zeit stammen und beginnt mit ihren Untersuchungen. Doch bald stellt sich heraus, dass es gefährlich ist, wenn man zu viel über das Moor, die Kultstätte und ein nahegelegenes Kloster herausfindet…

Was fällt mir heute, wenige Tage nach der Lektüre von „Keltengrab“, zuerst ein, wenn ich an das Buch denke? Ich wünschte, ich könnte sage, es wäre die fieberhafte Hochspannung, mit der ich die Seiten regelrecht gefressen habe. Oder die großartigen Charaktere, die dramatische Handlung – oder einfach das Gefühl, ein gutes Buch gelesen zu haben. Die Wahrheit ist leider deutlich profaner: „Keltengrab“ ist ein Buch, in dem ständig jemand Verabredungen verschiebt oder organisiert. Ja, richtig gelesen, das ist das, was mir vorrangig im Gedächtnis geblieben ist.

Immerhin hätte es noch schlimmer kommen können: Die merkwürdige Beschreibung von den Versuchen der Hauptfigur, ihren Alltag zu organisieren, überdecken weitgehend das während der Lektüre immer mal wieder aufkommende Bedürfnis, „Keltengrab“ vorzeitig abzubrechen. Ein vernichtendes Urteil, ich weiß – und doch stehe ich dazu, ich empfand das Werk über weite Strecken als nichtssagend, wenig spannend und von völlig irrelevanten Charakteren bevölkert.

Trotz guter Ausgangsposition kein Page-Turner.

Dabei ist der Ausgangspunkt durchaus interessant, denn der Fund von vermeintlich prähistorischen Leichen – egal, ob in Mooren, Gletschern oder Pyramiden – ist immer von einem mystischen Hauch umgeben. Hier kommt noch ein nass-kaltes, winterliches Irland hinzu, ein Handlungsort, der das seinige zur düsteren Atmosphäre von „Keltengrab“ beiträgt. Und ja, auch die Idee eines Klosters, das seit Unzeiten ein dunkles Geheimnis verbirgt, das sich im Laufe der Jahrhunderte allen Versuchen einer Entschlüsselung entzogen hat, ist eine gute und Spannung versprechende Idee. Allein: „Keltengrab“ ist trotz dieser Zutaten alles andere als ein Pageturner.

Denn Patrick Dunne schafft es zu keinem Zeitpunkt, die brauchbaren Versatzstücke zu einer guten Geschichte zu verarbeiten. Das liegt – wie so oft – an mehreren Faktoren: „Keltengrab“ kann weder in punkto Handlung, noch in Bezug auf Charaktere oder Dialoge überzeugen. Das geht sogar so weit, dass ich nicht genau sagen kann, welcher dieser Punkte das größte Übel ist; meiner Meinung nach kann der Autor in keiner Kategorie glänzen. Die Dialoge sind wahrscheinlich der kleinste Unsicherheitsfaktor – sie sind im Endeffekt weder gut noch schlecht, sondern schlichter Durchschnitt, was aber irgendwo auch logisch ist. Was sollen die Figuren auch Weltbewegendes zu sagen haben, wenn sie selbst und die Handlung, über die sie sprechen, kein Interesse zu wecken vermögen?

Elemente greifen nicht ineinander.

Bei den Charakteren haben wir es bei der Ich-Erzählerin (was für ein von einem Mann geschriebenes Buch eher ungewöhnlich ist) Illaun Bowe mit einer nüchternen Wissenschaftlerin zu tun. Bis auf ihr Berufsfeld fehlen ihr aber so gut wie alle Eigenschaften, die sie zu einer Identifikationsfigur machen würden. Ihre Gefühlswelt und ihre Geschichte bleiben dem Leser weitgehend verschlossen, sodass sie für mein Empfinden eine der uninteressantesten Hauptfiguren ist, die ich seit vielen Jahren kennenlernen durfte. Brauchbar sind, wie oben angedeutet, einzelne Ausführungen zu wissenschaftlichen Erkenntnissen und die eine oder andere Landschaftsbeschreibung, die aus stilistischen Gründen natürlich auch von Illaun Bowe kommen. Und, als wäre das alles nicht schlimm genug, gibt es in „Keltengrab“ auch abseits der Hauptfigur keinen memorablen Charakter, weder auf der guten noch auf der bösen Seite. Am ehesten entspricht noch der ermittelnde Beamte meiner Vorstellung einer kantigen Figur – aber letztlich ist auch er nicht viel mehr als ein flaches Abziehbild eines tiefgründigen Charakters.

Ähnlich schwach präsentiert sich die Handlung von „Keltengrab“. Die Versuche, hinter das Geheimnis der Moorleichen zu kommen, sind einerseits nicht sonderlich spannend, andererseits wirkt die Geschichte konfus und wenig einleuchtend. Das Ergebnis: Würde mich jetzt, ein paar Tage nach der Lektüre, jemand nach einer Zusammenfassung des Falles, den die Charaktere in diesem Buch untersuchen, fragen, wüsste ich tatsächlich nicht, was sich im Detail zugetragen hat. Es mag sein, dass das daran liegt, dass meine Konzentration während des Lesens immer wieder nachgelassen hat – aber auch, wenn dem so ist, ist das kein gutes Zeichen für die Qualität von „Keltengrab“.

Und so bleibt mir leider nur ein Fazit: Finger weg. „Keltengrab“ ist nicht sonderlich spannend, es verfügt über keine guten Charaktere und es ist – was vielleicht an der Übersetzung liegt – auch nicht allzu gut geschrieben. Ob ein paar gelungene Landschaftsbeschreibungen des winterlichen Irland und der geheimnisvolle Fundort einer Moorleiche ausreichend Grund für eine Lektüre sind, wage ich zu bezweifeln. Ich persönlich glaube nach dieser Erfahrung jedenfalls nicht, dass ich nochmal meine Zeit für ein Buch von Patrick Dunne opfern werde.

Gesamteindruck: 1/7


Autor: Patrick Dunne
Originaltitel: A Carol for the Dead.
Erstveröffentlichung: 2005
Umfang: ca. 420 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

BuchWelt: Die weiteren Aussichten

Robert Seethaler


„Die weiteren Aussichten“ im Hochsommer 2021 zu lesen, war ein Glücksfall. Nicht nur, weil das Buch des österreichischen Autors Robert Seethaler ein höchst unterhaltsames Werk ist, sondern auch und vor allem weil die Temperaturen, die zum Zeitpunkt dieser Rezension hier in Wien vorherrschen, es ungemein erleichtern, in die richtige Stimmung zu kommen. Mit anderen Worten: Es ist drückend heiß hier, genau wie im Buch.

Gesamteindruck: 7/7


Herbert und Hilde.

Von Robert Seethaler habe ich bis zum Zeitpunkt dieser Rezension nur „Der Trafikant“ (2012) gelesen, ein Werk, das mir sehr gut gefallen hat. „Die weiteren Aussichten“ ist bereits 2008 erschienen, war nach dem Debüt „Die Biene und der Kurt“ (2006) das zweite Buch des Autors – und wurde von mir mit großem Vergnügen gelesen. Dabei ist die Handlung eigentlich relativ dünn, gleichzeitig aber auch eine sehr eigenwillige Mischung aus Absurdität und Realismus, angereichert mit einer guten Portion Lokalkolorit.

Worum geht’s?
Irgendwo an einer anonymen und kaum befahrenen Landstraße führt Helene Szevko gemeinsam mit ihrem Sohn Herbert eine Tankstelle. Los ist nichts, weder allgemein noch im Privatleben der beiden. Bis eines Tages eine Frau auf ihrem Klapprad an der Tankstelle vorbeifährt und es sofort um den als Sonderling verschrienen, jungen Mann geschehen ist. Er folgt ihr zu ihrer Arbeit im dörflichen Hallenbad, lässt sich dort (unfreiwillig) von ihr retten – und damit beginnt eine abenteuerliche Liebesgeschichte

Zu beschreiben, wie sich „Die weiteren Aussichten“ liest, fällt mir erstaunlich schwer. Klar, es ist ein Buch von Robert Seethaler – dennoch unterscheidet sich, zumindest in meiner Erinnerung, der Stil recht stark von dem, den der Autor in „Der Trafikant“ nutzt. Für mein Dafürhalten ist vorliegendes Werk deutlich leichter, sozusagen locker-flockiger geschrieben und liest sich auch entsprechend flott. Eine Vergleichsmöglichkeit will mir auch nicht wirklich einfallen, eventuell hat man bei einzelnen Passagen ein leichtes Gefühl von Wolf Haas, insgesamt agiert Seethaler aus meiner Sicht aber komplett eigenständig.

Inhaltlich ist das Buch eine Mischung aus Liebesgeschichte, Roadmovie (Gibt’s dazu eigentlich eine literarische Entsprechung mit einem eigenen Namen?), ein wenig Tragikomödie und eine Prise Entwicklungsroman. Klingt nach einem wilden Durcheinander, ist es rein von der Handlung her auch ein bisschen; das Lesegefühl ist interessanter- und glücklicherweise dennoch rund und stimmig: Alles greift nahezu perfekt ineinander, so wie es bei einem guten Roman eben sein sollte. Besonders bemerkenswert: Obwohl Robert Seethaler diverse Unwahrscheinlichkeiten, Zufälle und Skurrilitäten verarbeitet, erzeugt „Die weiteren Aussichten“ ein durchaus bodenständiges Gefühl beim Leser.

Liebenswerte Figuren.

Das hat freilich auch mit den durch und durch sympathischen Charakteren zu tun. Drei Hauptfiguren gibt es: Die resolute, im Grunde ihres Herzens aber gutmütige Helene, die ihren Sohn mit harter Hand leitet, deren Liebe zu ihm aber immer wieder durchschimmert. Dann die wortkarge, jedoch (oder gerade deshalb) starke Hilde, die sich bald in der Zwickmühle zwischen Mutter und Sohn befindet, diese Situation aber einigermaßen stoisch meistert und schließlich zu beiden emotionale Bande aufbauen kann. Und dann, als eigentliche Hauptperson, der absolute Anti-Held Herbert. Der ist nicht gerade ein Adonis, war bereits als Kind als Epileptiker körperlich angeschlagen und ist letztlich auch kein Geistesriese – eher einer aus der Kategorie ewiger aber sympathischer Verlierer. Bei ihm ist die Entwicklung innerhalb des Romans am stärksten: Vom behüteten Muttersöhnchen hin zu einer Art Held, der – freilich in vollkommen absurden Situationen – immer mehr Selbstbewusstsein entwickelt.

Einen schönen Kniff des Autors möchte ich auch noch erwähnen: Zwischen den einzelnen Kapiteln baut er immer wieder Episoden über „den kleinen Herbert“, also kurze Abrisse aus der Kindheit des Hauptcharakters, ein. Auch die sind durch und durch sympathisch und wirken zu keinem Zeitpunkt wie ein Fremdkörper. Im Gegenteil, sie sorgen dafür, dass man mit dem Helden wider Willen fiebert – trotz und wegen all seiner Defizite. Und: Seethaler setzt eigentlich kaum auf Dialoge. Dass man sich trotzdem so sehr mit seinen Figuren identifizieren kann, möchte ich fast als Meisterleistung der Schreibkunst bezeichnen.

Skurrile Geschichte.

Die Geschichte, die Seethaler erzählt, führt die drei Hauptpersonen nach einigen Irrungen, Wirrungen und Zufällen durch irgendeine namenlose Provinz. Häufig nutzt der Autor das, um diverse Merkwürdigkeiten des Landlebens aufzugreifen; wer selbst einmal dort gelebt hat, wird einiges davon aus erster Hand bestätigen können. Angemerkt sei aber auch, dass ich nicht das Gefühl habe, dass Seethaler verurteilt: Er erweist sich vielmehr als scharfer Beobachter und gibt das wieder, was er selbst gesehen oder erlebt haben dürfte. Natürlich überzeichnet, dennoch muss man zugeben, dass das, was z. B. am „Schlachtsaufest“ passiert, nicht völlig von der Hand zu weisen ist.

Alles in allem ist „Die weiteren Aussichten“ ein Buch, das ich jedem empfehlen kann (wie man auch an der Höchstwertung sieht). Ich habe laut gelacht, ich habe fast geweint – und ich habe mich schlicht und einfach durchgehend gut unterhalten gefühlt. Wer all das erleben möchte und dabei vor der einen oder anderen Absurdität nicht zurückschreckt, sollte es auf jeden Fall mit diesem Werk probieren. Von mir aus hätten 100 oder 200 Seiten mehr jedenfalls nicht geschadet.

Gesamteindruck: 7/7


Autor: Robert Seethaler
Originaltitel: Die weiteren Aussichten.
Erstveröffentlichung: 2008
Umfang: ca. 320 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

FilmWelt: Das Werwolfspiel

Manche Rezensenten scheinen mit einer falschen Vorstellung an diesen Film heranzugehen: Das titelgebende Werwolfspiel existiert wirklich – dabei handelt es sich, genau wie im Film dargestellt, um ein Rollen-/Gesellschaftsspiel, in dem Mitspieler identifiziert werden müssen, die die Rolle eines Werwolfs zugelost bekommen haben. Es gibt also keinen Grund, enttäuscht zu sein, wenn in „Das Werwolfspiel“ niemandem bei Vollmond Haare und lange Zähne wachsen.

Gesamteindruck: 2/7


Die Werwölfe vom Wienerwald.

Wenn man noch nie etwas von vorliegendem Streifen gehört hat, ist das nicht verwunderlich. „Das Werwolfspiel“ ist eine Low Budget-Produktion aus Österreich, für Regie und Drehbuch zeichnet Johanna Rieger verantwortlich, die auch eine der Hauptrollen spielt. Dass ich selbst – durchaus mit einer Affinität zu Indie-Kram ausgestattet – überhaupt darauf aufmerksam geworden bin, hat vor allem mit dem eingangs erwähnten Spiel zu tun: Ich bin gelegentlicher Teilnehmer bei einer Online-Variante, habe auf der Suche nach neuen Spielerrunden gegoogelt und irgendwo in den Untiefen der Suchmaschinenergebnisse war vorliegender Film vertreten. Anders hätte ich ihn wohl nie entdeckt – er ist zum Zeitpunkt dieser Rezension im Prime-Abo von Amazon enthalten, dort aber so gut versteckt, dass wohl nicht allzu viele User zufällig darüber stolpern dürften.

Worum geht’s?
In einem abgelegenen Haus im Wald treffen sich einige ehemalige Schulkameraden erstmals nach vielen Jahren wieder. Geplant ist eine Partie des Rollenspiels „Die Werwölfe von Düsterwald“. Schon nach wenigen Minuten reißen alte Gräben wieder auf – und Realität und Spiel beginnen sich zusehends zu vermischen…

Wer „Das Werwolfspiel“ allen Widrigkeiten zum Trotz findet, sieht einen Film, der sehr speziell ist, so viel kann man zumindest festhalten. Zunächst das Positive: Die Idee, ein eigentlich harmloses Gesellschaftsspiel in eine Art Slasher zu verwandeln, in dem die Beteiligten nach und nach auch in der Realität dezimiert werden, ist gut. Vielleicht sogar einzigartig – zumindest fällt mir aus dem Stegreif kein Film ein, der dieses Thema hat. Dass dahinter eine Art Rache-Geschichte steckt, ist zwar vorhersehbar, aber durchaus legitim und damit keineswegs negativ. Ein zweiter Pluspunkt ist die musikalische Untermalung, die ausgezeichnet zu Idee und Schauplatz passt (letzterer ist übrigens ebenfalls gut gewählt und für den Film adaptiert).

Mehr kann ich aber leider nicht im Haben verbuchen. Im Gegenteil, „Das Werwolfspiel“ hat mit grundlegenden Schwierigkeiten zu kämpfen. Am leichtesten ist noch über die Tonprobleme hinwegzusehen, die speziell am Anfang des Filmes verhindern, dass man die eröffnenden Dialoge versteht. Interessanterweise macht sich diese Problematik, die ich auf das angespannte Budget zurückführe, nur beim Ton, nicht aber in der Optik bemerkbar. Gravierender und für den schwachen Gesamteindruck ausschlaggebend sind aber ohnehin andere Probleme – die aus meiner Sicht gröbsten betreffen Handlung und Drehbuch, Charaktere sowie die Darsteller.

Grundsätzliche Schwierigkeiten.

Beginnen wir vielleicht mit den Darstellern. Mir ist natürlich klar, dass ein Film wie „Das Werwolfspiel“ gewisse Grenzen hat, was die Besetzung betrifft. Ich möchte den Schauspielern (von denen mir übrigens kein einziger bekannt vorher bekannt war) auch überhaupt nicht zu nahe treten, aber das, was hier geboten wird, tut dem Film wahrlich keinen Gefallen. Das beginnt bei unbeholfen wirkenden Bewegungsabläufen und findet in der über weite Strecken unnatürlichen Sprechweise seinen Höhepunkt. Die Darsteller scheinen immer wieder zu vergessen, dass sie vor einer Fernsehkamera stehen – und nicht auf einer Theaterbühne. Nicht alle, wohlgemerkt, aber im Großen und Ganzen ist „Das Werwolfspiel“ völlig übertrieben gespielt und intoniert, was den Film unfreiwillig komisch macht. Beides ist bei deutschsprachigen (also nicht synchronisierten) Serien der jüngeren Vergangenheit übrigens immer mal wieder ein Kritikpunkt (jüngst z. B. bei „Tribes of Europa“), aber so eklatant ist es mir noch nie untergekommen. Zur Ehrenrettung der Mimen sei gesagt, dass ich vermute, dass sie auch mit den eher angerissenen als ausführlich gezeichneten Charakteren zu kämpfen hatten. Die Figuren sind so angelegt, dass man als Zuschauer schon eine gewisse Tiefe hineininterpretieren könnte – ein Vergnügen ist das in diesem Falle aber nicht, wenn ich ganz ehrlich sein soll. Zu vieles bleibt angedeutet und zweideutig, allerdings nicht auf eine gute Art.

Leider können Handlung und Drehbuch diese Probleme nicht kaschieren. Im Gegenteil – „Das Werwolfspiel“ wirkt, als hätte die Regisseurin nicht gewusst, was sie mit ihrer guten Idee machen soll – eine Geschichte ist höchstens in Andeutungen vorhanden. Und selbst die sind verwirrend und in sich nicht schlüssig, sodass der Film zu keinem Zeitpunkt richtig in flow kommt. Ich habe mir jedenfalls sehr schwer getan, die Hintergründe zu durchschauen. Nun kann man sagen, dass das auch in großen Produktionen ab und an so ist, oft auch mit Absicht, weil der Weg sozusagen das Ziel ist. Wenn das hier die Absicht gewesen sein sollte, ist das leider völlig misslungen und der Film wirkt zerfahren bzw. nicht zu Ende gedacht. Ein bisschen mag das sogar mit dem dilettantisch anmutenden Schnitt zu tun haben, der eine Abgrenzung gewisser Szenen nicht sauber hinbekommt. Und: Wie der „Werwolf“ es letztlich schafft, seine Morde zu begehen, bleibt ein ebenso großes Rätsel wie das Wieso. Die Puzzleteile fügen sich am Ende einfach nicht befriedigend zusammen.

Gerade letzteres ist meines Erachtens das größte Manko von „Das Werwolfspiel„. Ich habe ja mehrfach das schmale Budget angesprochen – die Einschränkungen und Abstriche, die das mit sich bringt, sind mir zwar nicht im Detail bekannt, mir ist aber klar, dass daraus mannigfaltige Schwierigkeiten entstehen. Dennoch gibt es – auch für Zuseher, die grundsätzlich zu schätzen wissen, dass es Filme wie diesen gibt – eine gewisse Grenze für die Qualität (die ist gerade im Independent-Bereich übrigens meist inhaltlicher und kaum jemals technischer Natur). „Das Werwolfspiel“ hangelt sich an diesem Bereich (eigentlich ist es ja keine scharfe Grenze) entlang, hat neben der Idee durchaus seine Momente und ist zwischendurch immer mal wieder spannend. Leider fehlt am Schluss der so wichtige Moment der Erkenntnis, der alle anderen Probleme, die ich genannt habe, vergessen machen würde. Weil der letzte Twist nicht (oder nicht gut) kommt, summieren sich die großen und kleinen Mängel soweit, dass ich beim besten Willen nicht mehr als 2 von 7 Punkten geben kann.

Wer jeden österreichischen Film gesehen haben muss, kann natürlich einen Blick riskieren – alle anderen, egal ob Fans der „Werwölfe von Düsterwald“ oder nicht, sollten es sich zweimal überlegen, bevor sie hier 1 1/2 Stunden ihres Lebens investieren.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Das Werwolfspiel.
Regie:
Johanna Rieger
Drehbuch: Johanna Rieger
Jahr: 2013
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Johanna Rieger, Anton Frisch, Markus Zett, Stefanie Frischeis, Rita Hatzmann



FilmWelt: Blutgletscher

Der österreichische Film kann viele Genres. Speziell Dramen, schwarzhumorige Komödien und der eine oder andere starke Thriller aus dem Alpenland bekommen immer wieder auch international Anerkennung. Klassische Horrorfilme sind hierzulande hingegen eher Mangelware, zumindest in meiner Wahrnehmung.

Gesamteindruck: 6/7


Die Rache der Natur.

„Blutgletscher“ ist einer jener Filme, bei denen man sich schon während des Ansehens fragt, ob er auch international (= außerhalb des deutschsprachigen Raums) funktionieren würde. Naja, zumindest frage ICH mich das. Sicher bin ich mir jedenfalls nicht, weil ein großer Teil der Faszination für den Film aus seiner Sprache entsteht. Mithin ein interessanter Gedanke, den es sich vielleicht zu verfolgen lohnt – wie groß ist der Einfluss von Lokalkolorit auf die Qualität, die einem Film subjektiv von einem regionalen oder überregionalen Publikum zugeschrieben wird? Oder, anders ausgedrückt, welchen Einfluss hat eigentlich die Synchronisation auf die Atmosphäre eines Films? Ich denke: Eine sehr große. Aber das näher zu erörtern würde hier zu weit führen; belassen wir es dabei, dass „Blutgletscher“, würde man ihn genau so, wie er ist, mit amerikanischen Schauspielern besetzen und dann synchronisieren, mir wohl nicht sonderlich gefallen würde. Ein schönes Gedankenexperiment; doch kommen wir nun endlich zur Sache.

Worum geht’s?
Irgendwo hoch oben in den Alpen: Bei der Reparatur einer der Messstation bemerkt das dafür zuständige Personal eine merkwürdige Rotfärbung des von ihnen wissenschaftlich beobachteten Gletschers. Bei der Untersuchung der entnommenen Probe stellt sich heraus, dass die Flüssigkeit, die dafür verantwortlich ist, offenbar durch den Klimawandel ans Tageslicht gekommen ist. Dabei handelt es sich auch nicht, wie zunächst angenommen, um Algen, sondern um bisher völlig unbekannte Kleinstlebewesen mit höchst beunruhigenden Eigenschaften. Bevor jedoch klar ist, was das genau zu bedeuten hat, wird die Forschungsstation bereits von seltsam deformierten Kreaturen umschlichen…

Von „Blutgletscher“ kannte ich, bis ich den Film vor wenigen Tagen erstmals gesehen habe, nur den Namen. Nach den ersten Minuten wollte ich den Streifen schon als „typisch“ abheften – dafür sorgen Themen wie die Isolation im hochalpinen Raum und der schwierige Umgang mit derselben, was sich deutlich an der Figur des Ingenieurs Janek bemerkbar macht. Dessen griesgrämige Art, sein Dialekt, sein verwahrlostes Äußeres, sein Hand zum Alkoholismus und seine generelle „Wurschtigkeit“ (ein sehr passender Ausdruck, wie ich finde) lassen einen klassisch-österreichischen Spielfilm vermuten. Auch dass sich ein gewisser schwarzer Humor, der vorwiegend aus dem Zusammenspiel zwischen dem grantigen Ingenieur und den ehrgeizigen Wissenschaftlern entsteht, eingeschlichen hat, ist durchaus ein klassisches Anzeichen für einen Film aus der Alpenrepublik (noch dazu, wenn man bedenkt, dass zwei der Forscher offenkundig aus Deutschland stammen, was für sich genommen schon Konfliktpotenzial birgt und dem österreichischen Zuseher die Hauptfigur Janek noch eine Spur näher bringt).

Und weil wir schon bei Charakteren sind, die fabelhaft in eine Satire passen, sei an dieser Stelle gleich auch die zweite Gruppe erwähnt, die im Laufe des Films mit dem Aufstieg zur Forschungsstation beginnt. Darunter neben der Ex von Janek auch und vor allem eine von Brigitte Kren hervorragend portraitierte Ministerin. Die Schauspielerin, die einem breiten Publikum wohl vor allem aus der Krimi-Serie „Vier Frauen und ein Todesfall“ bekannt sein dürfte, ist übrigens die Mutter von Regisseur Marvin Kren. So klein ist die Welt (in Österreich); das Wichtigste ist jedoch, dass man der Mimin die österreichische Politikerin zu jeder Sekunde voll und ganz abnimmt. Nebenbei bemerkt nicht gerade ein Kompliment für unsere echten Volksvertreter…

B-Movie-Flair.

All das wäre aus meiner Sicht schon ausreichend Stoff für einen starken Film, vielleicht ein Drama oder eine Tragikomödie, eventuell mit einem Schuss Mystery. Allerdings kommt es dann doch anders und „Blutgletscher“ biegt auf ein Terrain ab, das man so oder so ähnlich entweder aus der Serie „Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI“ oder Filmen wie „Das Ding aus einer anderen Welt“ (im Original aus dem Jahre 1951) kennt – nicht aber von einem Film made in Austria. Zunächst passiert das eher schleichend und man überlegt, ob „Blutgletscher“ vielleicht eine Art Öko-Thriller ist – ganz im Sinne von Frank Schätzings Roman „Der Schwarm“. Doch dann geht es plötzlich ganz schnell und der Film wendet sich endgültig dem Creature- und Body-Horror zu und wird zu einer Hommage an ähnliche Filme von vor der Jahrtausendwende.

An dieser Stelle scheiden sich dann vermutlich die Geister, denn „Blutgletscher“ ist letztlich nicht nur traditioneller Horror, sondern bedient sich auch sehr ähnlicher Effekte wie seine von mir vermuteten Vorbilder. Heißt: Hier ist nur ganz wenig mit der heute üblichen Computertechnik auf Hochglanz poliert, stattdessen kommen aus heutiger Sicht fast schon vorsintflutlich anmutende Special Effects zum Einsatz. Wenn ich ein Beispiel nennen müsste, an den mich die Ausstattung (und letztlich auch der Blut- und Beuschelgehalt) am ehesten erinnert, würde ich „Ticks“ (1993, auf deutsch als „C2 – Killerinsekt“ bekannt) vorschlagen. Jener US-Streifen, damals direkt auf Video veröffentlicht, funktioniert durchaus ähnlich. Heißt: „Blutgletscher“ atmet ein gehöriges Maß an B-Movie-Flair, was aber nichts mit grundsätzlich schlechter oder billiger Qualität zu tun hat, sondern eindeutig als Hommage an die alt-ehrwürdige Form von günstig produzierten Filmen verstanden werden sollte.

Wir haben es bei „Blutgletscher“ also mit Monster-Horror österreichischer Prägung zu tun, der mit handgemachten Kreaturen aufwartet, die nicht ganz so realistisch sind, wie man es von aktuellen Produktionen kennt. Auch der eine oder andere Splatter-Moment ist vorhanden. Was den Film trotz dieser Features von vielen, auf den ersten Blick ähnlichen, Streifen abhebt, sind die gut gezeichneten Charaktere und – vor allem – die Leistung ihrer Darsteller. Zusammengenommen ergibt das einen Horrorfilm, bei dem man trotz der konventionellen Geschichte ein Gefühl von relativ starkem Tiefgang hat. Auf der Habenseite würde ich außerdem die gute Kameraarbeit verbuchen, die natürlich stark von der beeindruckenden hochalpinen Kulisse profitiert, weiters ist der Spannungsbogen in Verbindung mit der Action sehr ordentlich.

Alles in allem war ich von „Blutgletscher“ jedenfalls positiv überrascht und kann den Film jedem, der ein bisschen was mit den genannten Attributen anfangen kann, nur empfehlen.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Blutgletscher.
Regie:
Marvin Kren
Drehbuch: Benjamin Hessler
Jahr: 2013
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Gerhard Liebmann, Edita Malovcic, Hille Beseler, Brigitte Kren, Murathan Muslu



FilmWelt: Die Rückkehr des Daumens

Deutschsprachige Independent-Filme sind oft wie eine Schachtel Pralin… äh… naja, lassen wir das Phrasenschwein ruhen. Jedenfalls muss man mit allem rechnen, wenn man sich einen Streifen wie „Die Rückkehr des Daumens“ ansieht. Ich habe es natürlich dennoch getan – und war, so viel sei verraten, sehr positiv überrascht. Absolute Empfehlung für einen Film, der meiner Meinung nach deutlich mehr Aufmerksamkeit hätte bekommen müssen.

Gesamteindruck: 6/7


Daumen hoch!

Die Story, die Regisseur, Drehbuchschreiber und Co-Hauptdarsteller Florian Schmidt-Convey (einer breiteren Masse wohl am ehesten aus verschiedenen Werbeclips bekannt) mit diesem Film erzählt, ist schon sehr skurril geraten. Zumindest auf den ersten Blick – denn bei genauere Betrachtung ist „Die Rückkehr des Daumens“ eine Geschichte über einen gefallenen Sport-Helden, der es noch einmal wissen will. Stoff also, den man so oder so ähnlich immer mal wieder zu sehen bekommt. Nur die Sportart, in der sich die Charaktere versuchen, ist wohl noch nie Thema für einen abendfüllenden Spielfilm gewesen.

Worum geht’s?
Stefan „Coach Steve“ Drehmeister hat seine besten Zeiten hinter sich: Als Trainer für Daumen-Wrestling führte er einst seinen Schützling Lukas „Luki“ Niedevsky zum Meistertitel. Dass er im Moment seines größten Triumphs wegen eines angeblichen Vergehens mit einer Sperre belegt wurde, hat er nie verwinden können. Doch nun, 10 Jahre später, ist die Zeit reif für ein Comeback. Dagegen hat aber King Gustl, seines Zeichens Erzfeind von Coach Steve und Boss der österreichischen Liga für Daumen-Wrestling, etwas einzuwenden…

„Die Rückkehr des Daumens“ ist für mein Dafürhalten eine durchaus gelungene Hommage an den vorwiegend US-amerikanisch geprägten Sportfilm. Ich gebe zu, dass ich nicht so viele davon gesehen habe, an zwei Produktionen aus Hollywood musste ich aber dennoch sofort denken (und es gibt sicher eine Vielzahl ähnlicher Beispiele, weil die Prämisse in diesem Genre meist relativ ähnlich ist): Einerseits an „Rocky“, weil – man glaubt es fast nicht – die geschickt choreografierten Daumen-Kämpfe ziemlich genau dessen testosterongeschwängerte Körperlichkeit reproduzieren. Andererseits kam mir „Cool Runnings“ (1993) in den Sinn, nicht nur aufgrund der Sperre des Trainers, die auch in jener Disney-Komödie eine Rolle spielt, sondern speziell, was die allgemeine Skurrilität der Geschichte betrifft (und ja, ich weiß, dass „Cool Runnings“ auf einer wahren Begebenheit basiert, was aber nichts an der Absurdität im besten Sinne ändert).

All das fängt der Regisseur sehr gut ein. Für eine gehörige Portion Eigenständigkeit sorgt hingegen die Perspektive: Der Film ist durchgehend als Mockumentary gedreht, heißt, ein für den Zuschauer unsichtbares Kamerateam ist stets ganz nah an den Helden, was sich natürlich deutlich an Kameraführung, Ton und Schnitt bemerkbar macht. Zwischendurch verstärken Interviews, Fragen des „Redakteurs“ aus dem Off und ähnliche Tricks den Eindruck einer Dokumentation. Dem interessierten Zuschauer sei die deutsche Serie „Stromberg“ als stilverwandtes Beispiel genannt. Erwähnenswert an dieser Stelle: Der Film ist mit einer ordentlichen Prise österreichischen Lokalkolorits gewürzt, was sich vor allem im durchgängig gesprochenen Dialekt niederschlägt. Der norddeutsche Zuseher wird hier wohl auf Untertitel zurückgreifen müssen. 😉

Das Gesamtkonzept stimmt.

Es ist aber nicht die Machart allein, die mir an „Die Rückkehr des Daumens“ gefällt: Das Gesamtkonzept ist einfach stimmig und überzeugend. Klar ist, dass das fiktive (?) Daumen-Wrestling im Endeffekt für jede andere Sportart stehen kann. Doch dabei belässt es der Regisseur und Drehbuchschreiber nicht; besieht man sich die Sache näher, ist es nachgerade sensationell, mit wie viel Liebe ins Detail er diesen spezielle Sport, der, z. B. im Gegensatz zum Boxen, nicht im kollektiven Bewusstsein verankert ist, beschreibt (um nicht zu sagen: erschafft). Die Folge: Als Zuschauer hat man den Eindruck, dass es eine solche Wrestling-Liga nicht nur wirklich gibt, sondern dass sie allgemein bekannt und anerkannt ist. Zu dieser Glaubwürdigkeit tragen viele Details und Zwischentöne bei, die letztlich natürlich auch die Provinzialität der Liga zeigen. Aus meiner Sicht ist das kein Paradoxon, sondern bringt zusätzliche Authentizität, fast, als würde man einen Blick hinter die glänzende Fassade einer Box-Promotion werfen und erkennen, dass es hinter den Kulissen gar nicht so glamourös zugeht.

Dass all das in einem Independent-Film, der quasi ohne Budget auskommen musste, dermaßen beeindruckend gelungen ist, finde ich einfach nur großartig. Dazu tragen natürlich auch die Schauspieler bei, die den Charakteren glaubwürdiges Leben einhauchen. Richtig bekannt ist mir persönlich übrigens kaum einer der Mimen, genau genommen sagt mir überhaupt nur Alexander Linhardt (immer mal wieder in diversen Krimi-Serien zu sehen) etwas. Der gibt den Bösewicht King Gustl herrlich unsympathisch und hochprofessionell, was aber nicht heißen soll, dass der Rest des Casts schwach wäre, im Gegenteil. Speziell Hauptdarsteller Markus Giefing überzeugt in allen Belangen, aber auch Florian Schmidt-Convey kann als Daumenkämpfer, der mittlerweile seine Erfüllung als esoterisch angehauchter Yoga-Lehrer gefunden hat, voll punkten.

Dass die Figuren dermaßen gut funktionieren, ist natürlich auch dem Drehbuch geschuldet, wobei zu lesen ist, dass „Die Rückkehr des Daumens“ in gerüttelt Maß an Improvisation enthält. Und, falls es noch nicht klar geworden ist: Der Film ist insgesamt lustig, darf aber keineswegs als reiner Slapstick abgetan werden. Der Humor ist – genau wie die Story und das Drama – deutlich tiefgründiger, als man meinen möchte und entsteht mehr aus der skurrilen Grundprämisse als aus billiger Situationskomik. Auch hier: Chapeau an Herrn Schmidt-Convey, das muss man erst einmal in diesem Ausmaß hinbekommen!

Fazit: Ansehen!

Im Endeffekt habe ich nur einen einzigen Wermutstropfen gefunden: Das Ende hat mir nicht so gut gefallen, denn der epische Finalkampf verläuft genau so, wie man es sich erwartet und aus US-Filmen kennt. Das ist schon ein kleiner Dämpfer, weil es im Gegensatz zu den restlichen 95% des Films aus irgendeinem Grund nicht wirklich wie eine Hommage rüberkommt, sondern deren Pathos einfängt. Irgendwas scheint hier mit der Tonalität nicht ganz zu passen, so jedenfalls mein Eindruck. Ganz arg ist das natürlich nicht; dennoch ist es ein kleiner Dämpfer für einen Film, den ich ansonsten aus voller Überzeugung empfehlen kann. Zumindest jedem, der mit dem eigenwilligen Stil und einer schrägen Prämisse auch nur ansatzweise etwas anfangen kann. Ansehen kann man sich „Die Rückkehr des Daumens“ (derzeit übrigens kostenlos!) auf Amazon Prime.

Übrigens: Die im Titel angedeutete „Rückkehr“ bezieht sich nicht ausschließlich auf die oben beschriebene Handlung. Florian Schmidt-Convey hat unter dem Titel „Thumb of the Tiger: Die Lukas Niedevsky Story“ 2012 einen Kurzfilm (ca. 30 Minuten) produziert. „Die Rückkehr des Daumens“ spielt genau 10 Jahre nach den dort geschilderten Ereignissen und beinhaltet auch einige Ausschnitte aus jenem Werk. Gesehen haben muss man den Kurzfilm zwar nicht, um vorliegenden Streifen zu verstehen – er kann allerdings bei der besseren Einordnung der Charaktere helfen. Wer die Zeit investieren möchte, kann sich „Thumb of the Tiger“ z. B. hier ansehen.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Die Rückkehr des Daumens.
Regie:
Florian Schmidt-Convey
Drehbuch: Florian Schmidt-Convey
Jahr: 2018
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Markus Giefing, Florian Schmidt-Convey, Alexander Linhardt, Verena Leitner, Peter White