KonzertWelt: Týr (Wien, 17.11.2016)

Datum: Donnerstag, 17. November 2016
Location: Viper Room (Wien)
Tour: 
Headliner: Sirenia
Support: Týr – Unleash The Archers – Xaon – Relicseed
Ticketpreis: 25 Euro (VVK)


Walk(r)ampf.

TÝR haben derzeit zwar kein neues Album am Start (die letzte LP, „Valkyrja“ datiert von 2013), das hindert sie aber nicht daran, im Vorprogramm von SIRENIA (die ihrerseits gerade das aktuelle „Dim Days Of Dolor“ promoten) auf Europatournee zu gehen. Dabei war es keineswegs sicher, dass die Show im Wiener Viper Room überhaupt wie geplant stattfinden würde. Der Hintergrund: Eine kleine, aber sehr laute Gruppe von Umweltaktivisten („Sea Shepherd“) hatte herausgefunden, dass TÝR-Bandleader Heri Joensen (g, v) am so genannten Grindaráp, also dem Fang von Grindwalen, der auf den Färöer Inseln nicht nur zur Geschichte, sondern auch zum regulären Nahrungserwerb gehört, teilnimmt. Publik wurde das Ganze, weil Joensen selbst, offenbar völlig verkennend, welche Folgen das haben würde, ein Foto von sich beim Grindaráp auf Facebook postete. Das vorläufige Ende vom Lied: Sea Shepherd erklärte Joensen zum Gesicht des Grindaráp und setzte alle Hebel in Bewegung, Locations zum Absagen der Auftritte der Färinger Folk Metaller zu bewegen. Teilweise mit Erfolg – vor allem in Deutschland wurden zahlreiche Shows gecancelt, auch zum Schaden von SIRENIA und deren Fans. Geschafft wurde das durch einen regelrechten Shitstorm auf Facebook, inklusive massenhafter Negativ-Bewertungen der Clubs, in denen die Band auftreten sollte, über Anfeindungen bis hin zu Todesdrohungen. Ich möchte mich nun gar nicht näher darüber auslassen, warum ich das alles für den falschen Zugang zu einer grundsätzlich richtigen Sache halte – es versteht sich eigentlich von selbst, dass es so nicht gehen kann. Noch dazu weil der ach so böse Walschlächter Heri Joensen die ganze Debatte hindurch wesentlich vernünftiger, zugänglicher und argumentativ besser aufgestellt wirkte als seine Gegner (zu sehen z. B. in diesem Video).

Wie auch immer, die Verantwortlichen des Viper Room hatten sich die Sache gut überlegt und das Konzert fand trotz einiger Bedenken statt. Von schlechten Bewertungen durch Menschen, die den Club ohnehin nie von innen gesehen hatten/sehen würden ließ man sich nicht erpressen. Die Facebook-Diskussion verlief auf der Viper Room-Seite sogar einigermaßen gesittet, änderte letztlich aber nichts daran, dass die Show wie geplant stattfand und hat vielleicht sogar zu einem noch größeren Besucher-Ansturm geführt. Zumindest ist dieser Schluss naheliegend (wenn auch nicht beweisbar), weil die Location voller war, als man sich das zunächst für einen Donnerstag vorgestellt hatte.

Vor diesem einigermaßen bristanten Hintergrund legten TÝR mit einiger Verspätung und nach einem gefühlt ewig dauernden Intro kurz vor 22 Uhr mit „Sinklars Visa“ los und hatten das Publikum sofort auf ihrer Seite. Der Sound war – soweit man das aus der 2. Reihe, wo man quasi „hinter“ den großen Boxen steht, sagen kann – in Ordnung. Keine Selbstverständlichkeit im schlauchförmigen Viper Room. Der mehrstimmige Gesang kam jedenfalls sehr gut zur Geltung und auch der Mix schien mir sehr gut zu sein. Kurze Zeit später folgte mit „Grindavísan“ auch der Song, der in den Augen von Sea Shepherd aufgrund seines Textes ein besonderes rotes Tuch darstellte. Wer allerdings auf einen Wutausbruch von Heri Joensen gegenüber seinen Kontrahenten wartete, wurde enttäuscht: Ein simples „some people want to boycot us just because some of us care for our own meat“ reichte ihm, um dem Publikum seine Meinung dazu mitzuteilen. Gut so, schließlich ging es an diesem Abend einzig und allein um die Musik.

Diesbezüglich haben TÝR mich noch nie enttäuscht und taten es auch diesmal nicht. „By The Sword In My Hand“, „Hold The Heathen Hammer High“, „Lady Of The Slain“ und „Blood Of Heroes“ ließen keine Wünsche offen. Einen Wermutstropfen gab es aber doch: Das Konzert war mit nur 45 Minuten sehr kurz bemessen, was auch der Blick auf die Setlist auf den Monitorboxen deutlich machte. Dort war unter anderem das grandiose „Ramund Hin Unge“ dem Rotstift zum Opfer gefallen. Warum das so war? Keine Ahnung, aber auch dass das Konzert durch „Mare Of My Night“ beendet wurde, wo ich doch so viel lieber die Bandhymne „Hail To The Hammer“ gehört hätte, war irgendwie enttäuschend. Überhaupt hätten TÝR von mir aus mindestens 15 Minuten länger spielen müssen, so gut war die Stimmung und so viele starke Nummern haben gefehlt.

Aber man soll nicht unzufrieden sein – immerhin durften wir, im Gegensatz zu vielen anderen TÝR-Fans vor allem in Deutschland, überhaupt ein Konzert sehen. Und was gab es sonst noch an diesem Abend? Gute Frage, mich interessierten eigentlich nur die Männer von den Färöer Inseln, mehr habe ich mir auch nicht angesehen. Von UNLEASH THE ARCHERS habe ich allerdings noch die letzten paar Songs mitbekommen und muss sagen, dass die mir gar nicht so schlecht gefielen. Tatsächlich werde ich da bei Gelegenheit mal näher reinhören. SIRENIA habe ich mir überhaupt nicht mehr gegeben, obwohl ich damit immer mehr anfangen konnte, als mit ihren Brüdern/Vorgängern/was-auch-immer von TRISTANIA. An diesem Abend war ich aber so gar nicht in Stimmung für solche Musik und da ich am nächsten Tag früh raus musste, ließ ich es dabei auch bewenden.

Abschließend noch meine persönliche Meinung zur ganzen Walfang-Chose: Ich bin kein Vegetarier. Ich finde nichts Verwerfliches daran, Fleisch zu essen. Natürlich ist es für uns, die wir hauptsächlich von Kühen, Schweinen und Hühnern leben, deren Schlachtung wir nicht einmal am Rand mitbekommen, befremdlich, was auf den Färöer Inseln beim Grindaráp passiert. Ich frage mich aber schon, ob das oder die bei uns teilweise herrschende Massentierhaltung die größere Grausamkeit ist. Natürlich kann und will ich das nicht gegeneinander aufrechnen – aber genau diese Bigotterie ist etwas, das viele der Sea Shepherd-Unterstützer so unsympathisch macht. Wenn einer schreibt, wie schlimm die bösen Walschlächter doch sind und gleichzeitig auf seinem Profil die neue METALLICA-Scheibe abfeiert (James Hetfield ist ja bekanntermaßen Großwildjäger, was nichts mit dem Beschaffen von Nahrung zu tun hat), finde ich das geradezu grotesk. Weiters darf man sich fragen, welche Band man dann überhaupt noch sehen darf – Fleisch essen ja die meisten, viele tragen Lederklamotten, Jäger werden auch einige dabei sein. Der entscheidende Punkt ist meines Erachtens aber, dass der Grindaráp vollkommen legal ist und unter strengen Auflagen und im Beisein von Tierärzten stattfindet.

Letztlich muss es eh jeder für sich entscheiden, immerhin besteht das Publikum gefühlt zu mindestens 95 Prozent aus erwachsenen Menschen. Und die lassen sich – besonders, wenn es Metalheads sind – sich nicht gern Vorschriften machen. Ich persönlich kann nur sagen, dass das Konzert gut war und das meine Lust auf Walfleisch sich durch den Auftritt von TÝR nicht geändert hat. Die war vorher bei Null und ist es weiterhin (von einer diffusen Neugier abgesehen, die aber nichts mit TÝR zu tun hat, sondern immer schon da war). Im Endeffekt hat all das, was hier passiert ist, die Sympathiewerte für Sea Shepherd in den Minusbereich verschoben und einer eigentlich verständlichen und unterstützenswerten Sache mehr Schaden zugefügt, als es Heri Joensen jemals gekonnt hätte. So kann das halt auch enden, wenn man die Sache so völlig falsch angeht.

Fazit: TÝR waren trotz aller Kontroversen einmal mehr großartig. Daran gibt es nichts zu rütteln. UNLEASH THE ARCHERS scheinen auch sehr gut Stimmung zu machen, muss man sich mal genauer anhören. Ansonsten bleibt nur zu sagen: Gratulation an den Viper Room, der sich nicht von einer Minderheit hat erpressen lassen und stattdessen lieber seinen Stammkunden und dem Metal-Publikum treu geblieben ist.

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MusikWelt: Victory Songs

Ensiferum


„Victory Songs“, das Drittwerk von Ensiferum, kommt nicht ganz an das Debüt und bisherige Opus Magnum der Band heran. Aber: Es ist praktisch genauso gut und hat die Höchstwertung locker verdient. Tatsächlich ist das Niveau des Songwritings auf „Victory Songs“ sogar eine Spur ausgefeilter als auf „Ensiferum“, auf dem die Finnen dafür freier aufspielen. Insgesamt nehmen sich die beiden Werke nicht viel und können bis dato (2016) gemeinsam als Höhepunkte in der Historie der Truppe gesehen werden. Und das noch vor Hammer-Alben wie „Iron“ (2004) und „One Man Army“ (2015) – so etwas ist aller Ehren wert!

Gesamteindruck: 7/7


Trotz Besetzungsturbulenzen im Vorfeld: Grandios!

Die finnischen „Schwertträger“ (so die Übersetzung des Bandnamens) Ensiferum konnten mit ihrem Debüt „Ensiferum“ (2001) und dem darauf folgenden „Iron“ (2004) extrem starke Zeichen in der damals noch recht jungen Pagan- und Folk-Szene setzen. Und auch „Victory Songs“ (2007) haut in dieselbe Kerbe, obwohl man damals durchaus skeptisch sein durfte – immerhin war der Truppe vor diesem Album mit Sänger/Gitarrist und Publikumsliebling Jari Mäenpää ein wichtiger Mann abhanden gekommen. Als Nachfolger ist der inzwischen längst fix zur Band gehörende Petri Lindroos (ex-Norther) auf „Victory Songs“ zu hören. Der stimmliche Unterschied zwischen den beiden Blondschöpfen ist sehr groß, dennoch empfinde ich persönlich Lindroos keineswegs als den schlechteren Schreihals. Ein guter Gitarrist ist er sowieso; kompositorisch hat er zu seinem Ensiferum-Debüt nicht viel beigetragen, auf späteren Alben zeigt sich jedoch, dass mit Lindroos auch auf dieser Ebene durchaus zu rechnen ist. Übrigens wurden auch Drummer und Bassist gewechselt, was damals weniger Beachtung fand, letztlich aber zum bis heute stabilen Bandgefüge mit Sami Hinkka (b) und Janne Parvainen (d) geführt hat.

Genug der Einleitung, kommen wir zum Album. „Victory Songs“ beginnt standesgemäß mit einem Intro, das allerdings nicht ganz überzeugen kann, man hat von Ensiferum definitiv schon bessere Einleitungen gehört. Danach geht es aber mit fünf aufeinanderfolgenden Nummern in höchste Punkteregionen, worauf zwei kleine Ausreißer und ein großes Highlight als Finale folgen. Zunächst zu den Ausreißern: „The New Dawn“ ist die einzige Nummer, an der Neuzugang Petri Lindroos kompositorisch beteiligt war. Das Stück geht gut nach vorne, sticht im Gegensatz zum Gros der guten Ensiferum-Songs jedoch nicht mit einem herausragenden Refrain hervor. Das macht „The New Dawn“ reichlich unscheinbar und wenn man von mir verlangen würde, alle Stücke auf „Victory Songs“ aufzuzählen, würde ich Song Nummer 8 höchstwahrscheinlich vergessen – daraus folgt: Klar der schwächste Track auf dieser Scheibe. Das zweite Lied, das den ansonsten so hohen Anspruch nicht ganz halten kann ist in meinen Ohren „Raised By The Sword“. Ja, die Nummer ist getragen und episch, scheitert aber für mein Dafürhalten auch ein wenig am eigenen Anspruch. Das ist alles recht gefällig, auch der Wechsel zwischen Klar- und Schreigesang. Aber trotzdem, so richtig zünden mag das Stück nicht. Schade eigentlich, man hat das Gefühl, dass man weiß, wohin Ensiferum damit wollten; nur leider kommt es bei mir nicht so richtig an. Das ist natürlich kein Beinbruch und auch kein Totalausfall, sondern Jammern auf sehr, sehr hohem Niveau. Es fällt eben umso mehr auf, weil davor die geballte Ladung an ausgezeichneten Songs steht.

Die besten der besten auf „Victory Songs“ sind ebenfalls recht schnell ausgemacht, weil sie sich noch fixer im Gehörgang festsetzen als der ebenfalls bärenstarke Rest. „Deathbringer From The Sky“ ist beispielsweise eine Uptempo-Hymne mit ausgezeichnetem Refrain, heldenhaften „Oh-oh-oh“-Chören und einem schön Tapping-Solo von Bassist Sami Hinkka. Grandios, wie Ensiferum hier das Heldenpathos leben lassen. Das gelingt ihnen auch in „One More Magic Potion“, wo die clean gesungenen Chorpassagen besonders hervorzuheben sind. Ebenfalls 7 Punkte wert: Die komplett im Klargesang gehaltene Ballade „Wanderer“ mit ihrem super-catchy Refrain und der quasi-Rausschmeißer (als Bonustrack gibt’s mit „Lady In Black“ noch ein verzichtbares Uriah Heep-Cover) „Victory Song“. Letzteres ist das beste Stück in Überlänger, das Ensiferum bis dato hinbekommen haben.  Knapp 11 Minuten, die zu keiner Sekunde langweilig sind. Dafür sorgen das aggressive Gebrüll, die grandios gesungenen Passagen mit Klargesang, der starke Refrain und der finnische Teil, der teilweise a capella vorgetragen wird. Noch dazu hat der Titeltrack ein verdammt geile Galopp-Riffing aufzuweisen.

Überzeugen können übrigens auch die zwei unter diesen Perlen nicht vertretenen Songs: Nach dem eher gemächlichen Intro setzt „Blood Is The Price Of Glory“ einen pfeilschnellen Kontrapunkt. Bei „Ahti“ teilen sich Petri Lindroos und Sami Hinkka den Gesang – und das ausgesprochen gekonnt. Auch hier: Guter Refrain und das geschriene „Ahti!“ ist natürlich ein Garant für gute Live-Stimmung. Der mächtige Ahti muss sich allein deswegen mit einem kleinen Abzug begnügen, weil er sich in Dauerrotation wesentlich schneller abnutzt als der Rest des Materials.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Ad Victoriam – 3:10 – 4/7
  2. Blood Is The Price Of Glory – 5:17 – 6/7
  3. Deathbringer From The Sky – 5:10 – 77
  4. Ahti – 3:55 – 6/7
  5. One More Magic Potion – 5:21 – 7/7
  6. Wanderer – 6:32 – 7/7
  7. Raised By The Sword – 6:11 – 5/7
  8. The New Dawn – 3:42 – 4/7
  9. Victory Song – 10:42 – 7/7
  10. Lady In Black (Bonus, Uriah Heep-Cover) – 10:00 – 4/7

Gesamteindruck: 7/7 


Ensiferum auf “Victory Songs” (2007):

  • Petri Lindroos – Vocals, Guitar, Backing Vocals, Banjo
  • Markus Toivonen – Guitar, Vocals, Backing Vocals, Banjo, Shaman Drum
  • Sami Hinkka – Bass, Vocals, Backing Vocals
  • Janne Parviainen – Drums, Bodhran
  • Meiju Enho – Keyboards

Anspieltipp: Deathbringer From The Sky

BuchWelt: Lords of Chaos

Michael Moynihan/Didrik Søderlind


Die Lobeshymnen, die von der Fachpresse und auch von vielen privaten Rezensenten auf dieses Buch gesungen werden, sind einigermaßen übertrieben. Man kann ihm dennoch nicht jegliche Qualität absprechen, aber: Einerseits fehlt es beim maßgeblichen Thema zum Teil ein wenig an Tiefgang, andererseits schweifen weite Teile des Buches – speziell der Part, der sich mit der deutschen Szene, maßgeblich mit Hendrik Möbus, beschäftigt – stark vom Grundthema ab. In eine Richtung, die nicht so ganz zum Rest passt und noch dazu mit einem Darsteller aufwartet, den man eigentlich gar nicht so richtig mit Black Metal im ursprünglichen Sinn in Verbindung bringen kann bzw. gebracht haben möchte. 

Gesamteindruck: 4/7


Regt zum Nachdenken an, kratzt in weiten Teilen aber nur an der Oberfläche.

Wirklich sehr gut gelungen ist der erste Abschnitt von „Lords Of Chaos“. Dort wird ein detaillierter, in diesem Maße meines Wissens bis dahin noch nicht vorhandener Abriss der Geschichte einer in jeder Hinsicht extremen Sub-Kultur geboten. Der Ansatz geht dabei sowohl von den musikalischen als auch von den philosophischen Wurzeln der Protagonisten aus, was bei einer so emotionalen und vielschichtigen Szene natürlich angebracht ist. Daumen hoch dafür, das sollte jeder, der sich nur ein bisschen für die ganze Thematik interessiert, gelesen haben – unabhängig davon, ob er mit der Musik etwas anfangen kann.

Trotz dieses guten Auftaktes wird aber schnell klar: das Buch kratzt nur an der Oberfläche. Aus meiner Sicht kommt dabei zwar der musikalische Hintergrund sehr gut heraus, aber bei der Beschreibung des Black Metal selbst, der ja maßgeblich für das ganze Buch ist, hapert es ein wenig. Der Klang der Musik, die Frage nach der Instrumentierung, sogar die Besetzung der besprochenen Bands bleiben völlig diffus. Hier hätte man durch zwei Sachen Abhilfe schaffen können: zum einen wäre eine beigelegte CD sinnvoll gewesen (was, soweit ich weiß, aus rechtlichen Gründen nicht möglich war), damit sich Außenstehende, die noch nie etwas von dieser Musik gehört haben, überhaupt ein Bild davon machen können; andererseits hätte ich als Autor versucht, einen Art „Stammbaum“ der wichtigsten Bands anzulegen, was das Lesen sehr erleichtert hätte. Die Namen und Verflechtungen der Personen empfand ich zum Teil als verwirrend, und das obwohl ich als Hörer dieser Musikrichtung prinzipiell weiß, von wem hier gesprochen wird. Wünschenswert wäre auch gewesen, sowohl die „Väter“ als auch die „Söhne“ dieser maßgeblichen Black-Metal-Generation zu befragen. Da vor allem Letzteres ausbleibt, entsteht das Gefühl, das Black Metal mittlerweile ausgestorben ist, was eindeutig nicht der Fall ist. So kommen beispielsweise Mitglieder von Immortal zu Wort, ohne zu erwähnen, dass die Band (trotz zwischenzeitiger Auflösung) damals aktiv und sehr erfolgreich war – ähnliches gilt für Emperor und einige andere. Sogar unverzeihlich erscheint mir die Tatsache, dass nicht erwähnt wird, dass Mayhem, laut Buch die ursprünglichste und wichtigste Band von allen, immer noch Musik machen und auf Tour gehen, auch wenn sich die Besetzung verändert hat. Nichtsdestotrotz ist dieser erste Part sehr gut geschrieben und mutet zum Teil sogar (populär-)wissenschaftlich an (wenngleich er es beileibe nicht ist).

Größere Probleme habe ich mit dem zweiten Teil des Werkes. Hier kommt hauptsächlich Varg Vikernes, die wohl berüchtigtste Persönlichkeit aus den Anfangstagen der Sub-Kultur zu Wort. Es ist sehr interessant, dessen Ansichten zu den kriminellen Vorgängen, die von einfacher Auflehnung über Kirchenbrandstiftung bis hin zu Mord führten, zu erfahren, vor allem, wie sehr sich der Mann in Widersprüche verstrickt. Weniger gut ist hingegen, dass sich die Autoren mit zunehmender Dauer des Buches mehr und mehr auf Vikernes persönliche Philosophie konzentrieren und sich dabei vom Thema des Buches immer weiter entfernen. Die menschenverachtenden, weit rechts angesiedelten und völlig wirren Gedankengänge des bekennenden Nationalsozialisten sind auf Dauer sehr ermüdend und haben mit der Philosophie des Black Metal nichts mehr zu tun – was im Übrigen weder er, noch das Buch abstreiten. Trotzdem enden diese Betrachtungsweisen nicht, obwohl der Protagonist mittlerweile behauptet, niemals etwas mit Black Metal oder der Szene zu tun gehabt zu haben. Wie das alles noch zum Titel des Buches passt? Das wissen wohl nur die Autoren selbst. Spätestens zur Mitte des Werkes hin, als es plötzlich um Vikernes krude Ansichten zu fliegenden Untertassen geht, war ich versucht, aufzugeben, oder zumindest ein paar Seiten zu überblättern. Fraglich, ob das an der stellenweise erbärmlichen Übersetzung liegt, oder daran, dass der Interviewte einfach wirres Zeug redet.

Wesentlich gehaltvoller sind da schon die Sichtweisen auf die Szene „von außen“, die sehr gute Aufklärungsarbeit in Hinblick auf Satanismus und satanistische Traditionen in Norwegen bieten. Damit diese Betrachtungen nicht einseitig bleiben, kommen auch etablierte Mitglieder der alten Szene (namentlich Isahn von Emperor) zu Wort, die sich mittlerweile weiterentwickelt haben und wesentlich intelligenter wirken, als das nach außen hin oft den Anschein hat. Ein krasser Gegensatz zu Vikernes also, der in eine völlig andere Richtung abgedriftet ist. Auch das Interview mit dem offenbar kurz darauf verstorbenen „Vater“ der Church of Satan, Anton LaVey, auf den sich diverse Protagonisten der Szene berufen, ist sehr erhellend und dürfte manchen Mitgliedern von satanistischen Bands einiges zu denken geben.

Der dritte Teil des Buches widmet sich schließlich der deutschen Szene und erliegt gleich zu Beginn ebenfalls dem „Vikernes-Syndrom“. Hendrik Möbus, seines Zeichens Mitglied der aus musikalischer Sicht völlig bedeutungslosen Band Absurd und verurteilter Mörder (mittlerweile wieder in Freiheit) spricht sehr ausführlich über seine Motive und seine Philosophie. Das ist zwar – wie beim norwegischen Vorbild – prinzipiell nicht uninteressant, hat aber mit Black Metal als Musik wenig zu tun. Gebraucht hätte es das Interview mit Möbus so oder so nicht, vor allem auch, weil dieser Teil des Buches fast wie ein Fremdkörper wirkt und nicht vernünftig in den Rest eingebettet wurde.

Zusammenfassend kann man sagen, dass das Buch gut geeignet ist, einen tieferen Einblick in die Szene zu geben. Leider ist es – neben eklatanten strukturellen Schwächen und einem katastrophalen Lektorat – zu oberflächlich, was Black Metal als Musik betrifft. Somit wird eigentlich nicht ganz eingehalten, was der Titel verspricht, zumindest aus meiner Sicht. Empfehlenswert für interessierte Außenstehende und kritische Mitglieder der Szene ist es jedoch allemal. Aufgrund der genannten Mängel bleibt allerdings nur eine durchschnittliche Wertung.

Gesagt sei auch noch, dass einer der Autoren, der US-Amerikaner Michael Moynihan (als Musiker bei der Band Blood Axis tätig) selbst als weit rechts außen gilt. Das sollte man jedenfalls bedenken, vor allem, wenn man die Interviews liest, in denen stellenweise tatsächlich so etwas wie Bewunderung für Typen durchscheint, die verurteilte Verbrecher sind. Und das wegen nicht gerade kleiner Delikte. Entsprechend kritisch sollte jeder potentielle Leser dieses Werk angehen.

Gesamteindruck: 4/7


Autoren: Michael Moynihan/Didrik Søderlind
Originaltitel: Lords of Chaos: The Bloody Rise of the Satanic Metal Underground.
Erstveröffentlichung: 1998 (deutsch: 2005)
Umfang: 423 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


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MusikWelt: Iron

Ensiferum


Das Zweitwerk der finnischen Band Ensiferum wird den hohen Erwartungen, die mit dem exzellenten Debüt „Ensiferum“ (2001) gesteckt wurden, aus meiner Sicht sehr gut gerecht. Da mir sowohl der Vorgänger als auch der Nachfolger „Victory Songs“ insgesamt eine Spur besser gefallen, „Iron“ aber alles andere als schlecht ist, vergebe ich hier gute sechs Punkte. Fans der Band und Freunde folkiger Melodien mit aggressivem Gesang können auf jeden Fall bedenkenlos zugreifen.

Gesamteindruck: 6/7


Zweitwerk, das die hohen Erwartungen erfüllt.

Von den zehn Songs, die uns Ensiferum auf „Iron“ kredenzen, sind zumindest sechs außerordentlich gut gelungen. Das Titelstück bietet beispielsweise eingängiges, markantes Riffing, das von fanfarenhaften Keyboards unterlegt ist, an deren Klang man sich allerdings erst einmal gewöhnen muss. Ist das passiert, wird man das Hauptthema kaum noch los – eignet sich auch sehr gut, um live („Tätätädä-Tätätädä!“) für Stimmung zu sorgen. „Into Battle“ ist hingegen die Fortführung des „Battle Song“, was leicht an der Ähnlichkeit in Namen und Text zu bemerken ist. Das Stück ist fast genauso gut gelungen wie der „Vorgänger“, hier hat man nichts anbrennen lassen. Interessant sind auch die beiden ruhigeren Lieder: „Lost In Despair“ ist eine klassische Ensiferum-Ballade mit rauem Klargesang, die auf einer Stufe mit „The Wanderer“ von „Victory Songs“ (2007) steht. „Tears“ ist eher ungewöhnlich – hier gibt es Frauengesang zu hören. Mutige Entscheidung, die sich lohnt – der Song passt zwar nicht ganz zum restlichen Material, gefällt aber ob seiner Außergewöhnlichkeit dennoch sehr gut. Ebenfalls stark: das sanft beginnende und sich danach immer mehr steigernde „LAI LAI HEI“, bei dem zum Teil auf Finnisch gesungen wird. Das alles wird lediglich von „Tale Of Revenge“ in den Schatten gestellt – eine echte Hymne mit unwiderstehlicher Keyboardmelodie und außergewöhnlicher Gesangslinie in der Bridge – exzellent umgesetzt und extrem eingängig, vereint das Stück alle Trademarks der Band in sich.

Unter den restlichen vier Songs befinden sich zwei Instrumentals, die ja immer Geschmacksache sind. Mir gefallen beide recht gut, unbedingt brauche ich solche Tracks aber nicht. Lediglich „Sword Chant“ (mit etwas merkwürdig klingendem Gesang) und „Slayer Of Light“ (trotz bretthartem, thrashigem Riff) fallen ein wenig ab, haben keinen allzu großen Widererkennungswert.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Ferrum Aeternum – 3:28 – 5/7
  2. Iron – 3:53 – 6/7
  3. Sword Chant – 4:44 – 5/7
  4. Mourning Heart (Interlude) – 1:23 – 4/7
  5. Tale of Revenge – 4:30 – 7/7
  6. Lost in Despair – 5:37 – 7/7
  7. Slayer of Light – 3:10 – 5/7
  8. Into Battle – 5:52 – 6/7
  9. LAI LAI HEI – 7:15 – 7/7
  10. Tears – 3:20 – 7/7

Gesamteindruck: 6/7 


Ensiferum auf “Iron” (2004):

  • Jari Mäenpää – Vocals, Guitar
  • Markus Toivonen – Guitar, Vocals
  • Jukka-Pekka Miettinen – Bass
  • Oliver Fokin – Drums, Percussion
  • Meiju Enho – Keyboards
  • Kaisa Saari [Guest] – Vocals, Tin Whistles

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MusikWelt: Ensiferum

Ensiferum


Das selbstbetitelte Debüt der „Schwertträger“ aus Finnland atmet mit jeder Note unglaubliche Frische, unbändige Kreativität und viel zu selten gehörte Spielfreude. Garniert mit dem Gefühl des Hörers, dass hier etwas Großes entsteht – zu Recht, wie die weitere Karriere von Ensiferum gezeigt hat. Auf „Ensiferum“ gibt es im Endeffekt tatsächlich nur Hymnen. Sogar der schwächste Song des Albums ist immer noch 5 von 7 Punkten wert. Viel besser kann man sein Debüt eigentlich nicht abliefern.

Gesamteindruck: 7/7


Hymnen für die Schlacht.

Zugegeben, die Überschrift zu dieser Rezension lehnt sich an den Manowar-Klassiker „Battle Hymns“ an. Grund dafür ist ganz einfach, dass man auch beim Genuss des selbstbetitelten Debüts von Ensiferum vom ersten Takt an heroisches Schlachtengetümmel und große Helden alter Zeiten vor sich sieht.

Bereits der Opener „Hero In A Dream“ zeigt (nach dem üblichen Intro) deutlich, wie viel Gespür die Finnen für eingängige Hymnen mit einem gehörigen Schuss Heldenpathos haben. Eine Hochgeschwindigkeitsnummer mit tollen Riffs, einem leicht mitsingbaren Refrain und einer unwiderstehlichen Melodie. Vor allem das Keyboard wurde gut, d. h. ohne negativ aufzufallen, integriert. Auch der Chor im Mittelteil ist bestens gelungen, insgesamt also ein perfekter Einstieg in die Platte. In dieselbe Kategorie, nämlich „perfekt“, fällt auch der am anderen Ende des Albums stehende und mittlerweile zum Klassiker avancierte „Battle Song“, bei dem vor allem das extrem schnelle Bassspiel zu Beginn begeistert. Auch sehr schnell und ausgezeichnet gemacht: „Windrider“, bei dem elegante, akustische Zwischenteile für die notwendige Abwechslung sorgen.

„Abwechslung“ ist auch das Stichwort für die weiteren Stücke: Bei „Token Of Time“ wird das Gaspedal nicht voll durchgetreten, dafür ist der Song wesentlich wuchtiger. Vor allem der Klar- und Chorgesang kann überzeugen. Ähnlich beim in der Mitte des Albums platzierten Zweiteiler „Väinämöinen“, der aus dem gesangstechnisch ein wenig an Amon Amarth erinnernden „Old Man“ und dem etwas ruhigeren „Little Dreamer“ (mit Ausbrüchen im Mittelteil) besteht. Sehr interessant ist auch „Guardians Of Fate“, das mit einem punkigen Beginn überrascht, danach eine schöne Melodie und tollen, rauen Klargesang im Refrain aufweist. „Abandoned“ und „Eternal Wait“ sind hingegen zwei langsame Lieder, wobei ersteres Stück wie ein typischer Vollgas-Kracher beginnt, sich danach aber in einen Stampfer mit Anleihen einer Power-Balladae verwandelt. „Eternal Wait“ ist die erste „richtige“ Ballade der Band und zeigt, wie gut Ensiferum auch in diesem Bereich sein können. Der Song versinkt nicht im Pathos, ist ausreichend heavy und vor allem der aggressive/klare Wechselgesang ist großes Kino.

Viele Haare in der Suppe gibt es also nicht zu finden. Einziger Punkt, an dem sich vielleicht einige harte Kritiker stören werden: Der Gesang, vor allem der Klargesang kommt stellenweise wohl pathetischer als ursprünglich gewünscht aus den Boxen. Auffällig vor allem bei „Treacherous Gods“, das zwar sehr heavy und groovig klingt, im Gesangsbereich aber zugegebenermaßen einen Schritt zu weit geht. Allerdings ist die Humppa-Einlage am Ende wirklich hörenswert, sodass auch hier nicht von einem Ausfall gesprochen werden kann.

Lediglich der Bonus-Track „Goblin’s Dance“ fällt in meinen Ohren ein wenig ab. Das liegt vor allem daran, dass er nicht so recht zum restlichen Material passen will. Das Stück ist sehr Black Metal-lastig, durch die Humppa-Anleihen könnte es sogar auf einer Platte von Finntroll eine gute Figur machen (kein Wunder, ist doch deren Keyboarder Henri „Trollhorn“ Sorvali auf „Ensiferum“ als Gast zu hören).

Ansonsten gibt es aber absolut nichts zu bemängeln, sodass alles andere als die Höchstwertung zu wenig wäre. Der zeitweise gescholtene Gesang bzw. die merkwürdige Betonung mit teilweise starkem, finnischem Akzent und die manchmal seichten Reime und Texte empfinde ich bei diesem Debüt eher als sympathisch als störend. Das Mitsing-Potential ist sehr hoch, das gesamte Songwriting kann überzeugen – klare Kaufempfehlung.


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Intro – 1:50 – 5/7
  2. Hero In A Dream – 3:40 – 7/7
  3. Token Of Time – 4:16 – 7/7
  4. Guardians Of Fate – 3:34 – 6/7
  5. Old Man (Väinämöinen Part I) – 5:33 – 7/7
  6. Little Dreamer (Väinämöinen Part II) – 5:21 – 6/7
  7. Abandoned – 6:50 – 6/7
  8. Windrider – 5:41 – 7/7
  9. Treacherous Gods – 5:14 – 5/7
  10. Eternal Wait – 5:14 – 6/7
  11. Battle Song – 3:20 – 7/7
  12. Goblin’s Dance (Bonus) – 4:29 – 4/7

Gesamteindruck: 7/7 


Ensiferum auf “Ensiferum” (2001):

  • Jari Mäenpää – Vocals, Guitar
  • Markus Toivonen – Guitar
  • Jukka-Pekka Miettinen – Bass
  • Oliver Fokin – Drums, Percussion
  • Henri „Trollhorn“ Sorvali [Guest]– Keyboards

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