BuchWelt: Lobgesang auf Leibowitz

Walter M. Miller, Jr.


Ich könnte ad hoc nicht sagen, wie lange ich „Lobgesang auf Leibowitz“ schon auf meinem Stapel ungelesener Bücher (SuB) habe. Gefühlt dürfte es sich sogar um eines der ersten Werke handeln, das ich auf jenen (imaginären) Stoß gegeben habe, seit ich zur arbeitenden Bevölkerung gehöre und mir Bücher in größeren Mengen leisten kann. Nun, im Jahre des Herrn 2021 (um im Duktus der Abtei des Heiligen Leibowitz zu sprechen), habe ich endlich die Zeit gefunden, mich mit diesem gefühlt relativ unbekannten Klassiker der postapokalyptischen Science Fiction zu beschäftigen.

Gesamteindruck: 4/7


Wiederholungstäter.

Vordergründig ist „Lobgesang auf Leibowitz“ eine dystopische Science Fiction-Geschichte und behandelt in drei Teilen den Wiederaufstieg der Menschheit nach einer globalen Katastrophe. Autor Walter Miller geht davon aus, dass sich dieser Prozess in Schritten bzw. Epochen vollzieht, die der Vergangenheit unserer westlichen Zivilisation ähneln: „Fiat Homo“ spielt in einer Art Mittelalter, 600 Jahre nach einem großen Atomkrieg, „Fiat Lux“ wiederum 600 Jahre später in einem Zeitalter, das an die Renaissance erinnert und „Fiat Voluntas Tua“ noch einmal sechs Jahrhunderte später zu Beginn einer neuen Raumfahrt-Ära. Verbindendes Element ist die Arbeit der Mönche in der Abtei des Heiligen Leibowitz, irgendwo in einer Wüste im Südwesten von Amerika.

Worum geht’s?
Nachdem ein Atomkrieg die Erde verwüstet hatte, wurden sämtliche Bücher und Erkenntnisse, die die Katastrophe überstanden hatten, vernichtet. Wissenschaftler wurden ermordet, wo man ihrer habhaft werden konnte – alles, um eine neuerliche nukleare Auseinandersetzung zu verhindern. Ein gewisser Isaac Leibowitz war einer von wenigen, die versuchten, das alte Wissen zu bewahren, wofür er schließlich mit seinem Leben bezahlte. 600 Jahre später hat die Menschheit die Barbarei hinter sich gelassen und der Orden des mittlerweile als Märtyrer verehrten Leibowitz arbeitet daran, die letzten Überbleibsel der alten Zivilisation zu finden und zu bewahren, auf das irgendwann wieder eine Zeit der Erleuchtung folgen möge

Die Prämisse, dass ein christlich-religiöser Orden versucht, so viel wie möglich vom verloren gegangenen Wissen der Menschheit zu bewahren, ist sowohl groß- als auch einzigartig. Und das sage ich nicht nur, weil ich Endzeit-Geschichten generell mag: „Lobgesang auf Leibowitz“ stellt Fragen, die zur Zeit seiner Veröffentlichung relativ selten in der Science Fiction vorgekommen sind, beispielsweise nach dem Verhältnis zwischen Staat, Kirche und Wissenschaft, aber auch nach Segen und Fluch des Fortschritts. Ein großes Alleinstellungsmerkmal sind dabei die wechselnden Rollen, die die sich ändernden Zeiten widerspiegeln: Anfangs ist es ausgerechnet die Kirche, die das tut, was eigentlich Aufgabe der Wissenschaft wäre und die dadurch einen erneuten Aufschwung der Menschheit ermöglicht. Später erkennt niemand außer den Mönchen die Gefahren, die dieses Wissen birgt, wenn es ohne moralischen Kompass zum Einsatz kommt. All das hebt sich sehr stark vom damals üblichen Science Fiction-Roman ab – und ist auch in heutigen Genrebeiträgen alles andere als alltäglich.

Es wäre jedoch zu kurz gegriffen, vorliegendes Werk „nur“ auf Science Fiction zu reduzieren. Neben den von mir beschriebenen moralischen Implikationen stellt das Buch eine zyklische Geschichte vor: Die 1.800 Jahre, die die Handlung abdeckt, spiegeln im Endeffekt die 1.800 Jahre wieder, wie sie vor dem fiktiven Atomschlag – also in unserer Realität – abgelaufen sind. Und dem Leser stellt sich damit die Frage, ob sich die Fehler, die die Menschheit begeht, zwangsweise wiederholen. Ich verrate wohl nicht zu viel, wenn ich sage, dass die Antwort von Walter Miller höchst pessimistisch ausfällt.

Kein überbordender Unterhaltungswert.

Doch auch, wenn ich die dahinterstehende Philosophie begrüßenswert und als hervorragende Anregung zum Nachdenken empfinde: „Lobgesang auf Leibowitz“ ist immer noch ein Roman, der unterhalten soll. Und das ist der Knackpunkt: Während ich „Fiat Homo“ mit großem Vergnügen gelesen habe und auch „Fiat Lux“ empfehlen kann, empfinde ich den finalen Abschnitt über weite Strecken als schwere Kost. Mag sein, dass das mit der Veröffentlichungsweise zu tun hat: Die drei Teile erschienen zwischen 1955 und 1957 als Novellen in einer amerikanischen Science Fiction-Zeitschrift, eine Gesamtveröffentlichung erfolgte erst 1960. Eventuell liegt es daran, dass „Fiat Voluntas Tua“ die Leichtigkeit seiner Vorgänger fehlt.

Letzten Endes sind diese Schwierigkeiten, die ich mit dem finalen Part der Geschichte habe, der Grund für meinen eher durchwachsenen Gesamteindruck. Philosophische Erwägungen sind ja schön und gut – in „Fiat Voluntas Tua“ hatte ich aber über weite Strecken nicht das Gefühl, dass der Autor wusste, wohin er eigentlich mit seiner Geschichte will. Oder, anders ausgedrückt: Die Story ist schon da, sie ist aber relativ dünn und wirkt, als wäre sie nur vorhanden, um eine Entschuldigung für große Philosophie zu haben (der ich ehrlich gesagt nicht sonderlich gut folgen konnte).

Was die Charaktere betrifft, gibt es wenig Grund zur Beschwerde. Vor allem die Hauptfigur in „Fiat Homo“, ein einfacher Mönch, der nicht weiß, wie ihm geschieht, als er plötzlich Artefakte des Heiligen findet, den sein Orden seit Jahrhunderten verehrt, ist dem Autor hervorragend gelungen. Speziell daraus zieht der erste Abschnitt seine leichte Lesbarkeit – Bruder Francis Gerard ist zwar sehr gläubig und bescheiden, gleichzeitig aber auch ein wenig einfältig und tollpatschig. Dieser krasse Gegensatz zur doch recht harten Philosophie macht die Mischung aus und „Fiat Homo“ zu einem echten Lesevergnügen. Derartige Sympathieträger kommen in den anderen zwei Teilen des Romans nicht vor – wobei ich das Hin & Her zwischen Abt Dom Paolo und dem Wissenschaftler Thon Taddeo Pfardentrott in „Fiat Lux“ durchaus goutiere. Der letzte Akt enthält im Gegensatz dazu kaum memorable Figuren, was wohl ein Mitgrund für die schwerere Lesbarkeit sein dürfte.

Alles in allem ist „Lobgesang auf Leibowitz“ ein Werk, das jeder, der sich für postapokalyptische Szenarien interessiert, gelesen haben sollte. Eine Einschränkung gibt es allerdings: Walter Miller beschreibt hier kein großes Bild möglicher Gesellschaftsformen in einer dystopischen Zukunft. Er konzentriert sich auf einen Aspekt (die Erhaltung des Wissens und den Versuch, die Wiederholung alter Fehler zu verhindern), auf den allerdings sehr detailliert. Wer damit umgehen kann und ein gesundes Interesse an philosophischen Erwägungen, die gelegentlich die Story überdecken, hat, kann zu untenstehender Wertung vielleicht einen oder zwei Punkte addieren. Mir persönlich ist das Buch gegen Ende hin zu unfokussiert, sodass der Gesamteindruck nicht über das gehobene Mittelmaß hinauskommt.

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Walter M. Miller, Jr.
Originaltitel: A Canticle for Leibowitz.
Erstveröffentlichung: 1955-1957
Umfang: ca. 320 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: E-Book

BuchWelt: Solaris

Stanisław Lem


Trotz einer zugegebenermaßen teils erschreckend schwach anmutenden Übersetzung ist „Solaris“, das wohl bekannteste Werk des polnischen Autors Stanisław Lem, heute ein Klassiker – aber nicht nur der Science Fiction, das wäre eindeutig zu kurz gegriffen, sondern vor allem auch der Philosophie und Psychologie. Nicht umsonst wurde das Buch mehrmals verfilmt und hat sogar den Sprung auf die Theaterbühne geschafft.

Gesamteindruck: 7/7


Die Grenzen der Erkenntnis.

Wer bereits andere Bücher von Stanisław Lem kennt, wird über das verkrampfte Deutsch des Buches sicherlich hinwegsehen können und sich am eigenwilligen Stil des Autors erfreuen. Die Schreibweise des polnischen Visionärs ist teilweise derart realistisch und quasi-wissenschaftlich angelegt, dass man ab und an versucht ist, sich zu versichern, ob das Wort „Roman“ überhaupt irgendwo auf dem Umschlag steht. Lem zitiert oft aus seinen (fiktiven) Quellen und skizziert dabei ein in sich stimmiges Bild der 100-jährigen Erforschung eines fremden Planeten und der verschiedenen „wissenschaftlichen Schulen“, die diese „Solarisforschung“ hervorgebracht hat. Diese Richtungen, die sich teils völlig widersprechen haben eigentlich nur eines gemeinsam: Den Mangel an wirklichen Erkenntnissen über den vermutlich intelligenten Ozean, der einen ganzen Planeten umschließt. Was es für die Forscher, letztlich für einen Menschen, bedeutet, vor etwas zu stehen, das einfach nicht begreif-, erforsch- und verstehbar ist, ist das große Thema dieses Romans.

Technische Aspekte der künftigen Gesellschaft oder gar „Techno-Babble“ findet man in „Solaris“ so gut wie gar nicht – wie es die Menschen schaffen, den Weltraum zu durchqueren bleibt beispielsweise völlig offen. Auch politische Fragen bleiben weitestgehend außen vor. Dafür werden während der Erforschung des Fremden tiefe Einblicke in die menschliche Psychologie und Philosophie geboten. Neueinsteiger dürften sich damit eventuell schwer tun, allerdings ist die Eingewöhnungsphase erstaunlich kurz. Leichte Science Fiction-Lektüre sieht dennoch anders aus, was potentielle Leser unbedingt bedenken sollten. Denn wer eine actionorientierte Handlung mit Kämpfen, Energiewaffen usw. erwartet, ist bei Lem an der falschen Adresse. Auch eine Dystopie, wie sie Lem selbst beispielsweise in „Der futurologische Kongress“ andeutet, vermag man in „Solaris“ nicht zu erkennen.

Wie es sich für ein Werk, das wissenschaftlichen Hintergrund vermitteln will, gehört, wimmelt es darin von Namen und Quellenangaben. Störend wirkt das zu keiner Zeit, im Gegenteil, diese Herangehensweise lässt den Leser noch tiefer in dieses Universum eintauchen. Dieser Stil ist den mir bekannten Werken von Lem gemein und zeichnet schon für sich genommen einen außergewöhnlichen Autor aus. Ähnliches habe ich bisher vor allem bei bei Frank Herbert („Ein Cyborg fällt aus“) gesehen, wenngleich sich Lem vergleichsweise angenehmer liest.

Bei aller Liebe zu Klassikern des Genres kann man dennoch einen Kritikpunkt anführen (von der sub-optimalen Übersetzung abgesehen): Das Ende wirkt, als ob dem Autor einfach das Papier ausgegangen wäre, das Buch schließt einfach im Nirgendwo. Ein offener Schluss an sich ist ja kein Problem, aber die Art und Weise wie das hier gemacht wurde, widerlegt den behutsamen und gründlichen Aufbau des Werkes. Zwar kein Grund für einen Punkteabzug, eine kleine Enttäuschung bleibt dadurch aber dennoch zurück.

Gesamteindruck: 7/7solaris


Autor: Stanisław Lem
Originaltitel: Solaris.
Erstveröffentlichung: 1961
Umfang: ca. 240 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Hardcover


 

BuchWelt: Rückkehr nach Gateway (Gateway – Teil 3)

Frederik Pohl


Leider hat sich Frederik Pohl bereits im 2. Teil der „Gateway-Trilogie“ entschlossen, die Hitschi sozusagen vor den Vorhang zu zerren. In Teil 3, „Rückkehr nach Gateway“, setzt der Autor diesen Kurs fort. Das kann man natürlich so machen und das kann auch gut sein – ist es in diesem Fall aber leider nicht, weil das, was über die außerirdische Rasse bekannt wird, rundum enttäuscht. Wenn Pohl den Mythos seiner Hitschi schon auflösen musste, hätte ich mir etwas mehr Tiefe erwartet. Und weil diese meiner Ansicht nach vollkommen fehlt, unterbietet Teil 3 seinen ebenfalls sehr durchwachsenen Vorgänger im Gesamteindruck noch einmal.

Gesamteindruck: 2/7


Enttäuschendes Finale der Trilogie.

Erwähnt sei zunächst, dass der englische Titel dieses Buches, „Heechee Rendezvous“, wesentlich besser zum Inhalt passt. Denn auf der Raumstation, die man in Band 1 kennen und lieben lernt, spielt nur ein Bruchteil vorliegender Geschichte. Stilistisch gesehen unterscheidet sich dieser dritte Teil wiederum von seinem Vorgänger und – stärker noch – von Band 1. Und auch inhaltlich ist die „Rückkehr nach Gateway“ völlig anders gelagert. Ging es im genialen Auftakt noch um die Auseinandersetzung mit etwas völlig Unbekanntem (und letztlich mit sich selbst), war Band 2 eine Art Robinsonade. Teil 3 hat hingegen mehr mit der Frage nach der Beschaffenheit künstlicher Intelligenz zu tun und hat auch gesellschaftskritische Ansätze (die aber nicht mehr als das, nämlich „Ansätze“ sind) hinsichtlich der Ausbeutung ärmerer Menschen zu bieten. Hauptsächlich wird in „Rückkehr nach Gateway“ aber weiter Licht in die Motive der Hitschi gebracht.

Letzteres war schon in „Jenseits des Blauen Horizonts“ mein größter Kritikpunkt. Leider ist die Ent-Mythologisierung der Hitschi in „Rückkehr nach Gateway“ sogar noch gründlicher ausgefallen. Das größte Problem daran ist, dass dadurch etwas, was in „Gateway“ allein durch seine schiere Fremdartigkeit und auch durch seine technologischen Aspekte für Ehrfurcht sorgte und die Fantasie des Lesers beflügelte, plötzlich auf menschlich greifbare Maße zurechtgerückt wird. Die Hitschi (und vor allem ihre Motive) sind den Menschen letztlich nicht so unähnlich, wie man anfangs noch vermuten konnte – und genau das ist die große Enttäuschung an diesem Buch.

Am Ende des Tages sorgt die Demontage – wobei es eigentlich keine solche ist sondern eher die Lieblosigkeit, mit der der Autor seiner Schöpfung gegenüber zu treten scheint – der Hitschi dafür, dass man fast geneigt wäre, über die anderen Probleme des Buches hinwegzusehen. Dabei sind diese durchaus gravierend: Von der Leichtigkeit, mit der man durch die Seiten von „Gateway“ fliegen konnte, ist nichts mehr zu bemerken. Das Lesen ist über weite Strecken eher ein Kraftakt, weil „Rückkehr nach Gateway“ auch abseits der Hitschi nicht richtig zu fesseln vermag.

Die Story, in der es auch recht viel um Liebe und Beziehungen geht, ist – so deutlich muss man es leider sagen – kaum der Rede wert. Die Dialoge sind reichlich belanglos. Nicht einmal die Charaktere, die man schon aus den Vorgänger-Büchern kennt, können ansatzweise überzeugen. Vor einer noch schlechteren Wertung rettet das Buch in meinen Augen nur, dass auch hier wieder einige interessante, astrophysikalische Thesen und Theorien angesprochen werden. Das ist letztlich aber auch schon alles, was ich an „Rückkehr nach Gateway“ gut finde. Daher auch hier die Empfehlung: Wer bisher nur „Gateway“ kennt, tut sich einen Gefallen, wenn er es dabei belässt.

Gesamteindruck: 2/7gateway-trilogie


Autor: Frederik Pohl
Originaltitel: Heechee Rendezvous.
Erstveröffentlichung: 1985
Umfang: ca. 320 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: E-Book, in: Die Gateway-Trilogie.


 

BuchWelt: Jenseits des blauen Horizonts (Gateway – Teil 2)

Frederik Pohl


Ein Stärke von „Gateway“ (und ähnlich gelagerten Romanen á lá „Solaris“ oder „Picknick am Wegesrand“) ist die greifbare Hilflosigkeit der Menschheit angesichts einer Technologie, die sie nicht verstehen kann, aber trotzdem ungeschickt zu nutzen versucht. Mit anderen Worten: Gerade das, was man NICHT erfährt, macht einen großen Teil des Reizes solcher Geschichten aus. Leider hat Autor Frederik Pohl dieses Prinzip im zweiten Teil der „Gateway-Trilogie“ (die eigentlich keine ist, aber das ist ein anderes Thema) teilweise über Bord geworfen.

Gesamteindruck: 4/7


Bleibt weit hinter der Klasse von „Gateway“ zurück.

„Gateway“ (1976) war meiner Ansicht nach ein Meisterwerk. Natürlich ist man bei solchen Büchern (oder auch Filmen, die ähnlich gelagert sind) immer ein wenig hin- und hergerissen: Gebe ich mich mit dem Gelesenen zufrieden und überlasse den Rest meiner Fantasie? Oder hätte ich gerne ein oder mehrere Folgewerke, die wenigstens ein paar der rätselhaften Ereignisse erklären? Man ist versucht zu sagen, dass es nur natürlich ist, mehr zu wollen, auch wenn man noch zu einer Generation gehört, in der das eigene Vorstellungsvermögen wohl etwas besser trainiert war, als das heute der Fall ist. Nur ist es meist leider so, dass dieses Mehr, das man gelegentlich bekommt, einigermaßen enttäuschend ist. So auch im Falle von „Jenseits des blauen Horizonts“ (1980), dem 2. Teil der „Gateway-Trilogie“.

Eine direkte Fortsetzung von „Gateway“ ist dieses Buch eigentlich nicht, hat es doch – zumindest zum Teil – andere Protagonisten, als sein Vorgänger. Im Prinzip ist „Jenseits des blauen Horizonts“ dreigeteilt. Zunächst beobachtet der Leser aus der Außenperspektive (also nicht in der Ich-Form) die Erlebnisse einer Familie, die auf die lange Reise in die Oortsche Wolke geschickt wurde, wo sie ein großes Hitschi-Artefakt untersuchen und zur Erde bringen soll. Dass das nicht ohne Probleme abläuft, ist klar. Dieser Part des Romans entspricht grob gesagt einer klassischen Abenteuergeschichte, einer Art Robinsonade, in der sich wagemutige Menschen auf die Reise zu unbekannten Ufern machen. Mit dem, was Frederik Pohl dem Leser in „Gateway“ vorgelegt hat, hat das weder stilistisch noch inhaltlich oder von der Intensität her viel zu tun – was aber nicht heißt, dass die Story schlecht ist. Mir hat sie sogar sehr gut gefallen, auch wenn die Handlung alles in allem ein wenig dünn ist.

Der zweite Teil des Buches war für mich persönlich wesentlich interessanter. Hier beschäftigt sich Pohl erneut in der Ich-Form mit Robinette Broadhead, dem Helden von „Gateway“, der dank der in Band 1 geschilderten Geschehnisse zu großem Reichtum gekommen ist. Auch in „Jenseits des blauen Horizonts“ ist Broadhead Dreh- und Angelpunkt von wissenschaftlichen und philosophischen Betrachtungsweisen, wobei in diesem Buch eindeutig erstere dominieren. Wenn sich der Protagonist mit seinem Computerprogramm „Albert Einstein“ über die Natur des Universums unterhält und über die Hitschi spekuliert, erinnert das sehr stark an „Gateway“, was ich als ausgesprochen positiv empfinde. Leider wird Broadhead als Figur nicht wirklich weiterentwickelt, was sehr schade ist.

Am problematischsten ist für mich aber der dritte Teil von „Jenseits des blauen Horizonts“ (wobei gesagt werden muss, dass eine so scharfe Abgrenzung wie ich sie in dieser Rezension treffe, im Buch nicht stattfindet – dort fließen die Teile eher kapitelweise ineinander, wenn man so will). Hier versucht Pohl, die Hitschi ein wenig zu erklären. Das wäre kein Problem, wenn er Menschen über die Außerirdischen spekulieren ließe. Er macht es aber, und das ist nach „Gateway“ ungewohnt, aus der Perspektive des „allwissenden Erzählers“. Heißt: Der Leser kann die Hitschi direkt beobachten, erhält Einblick in ihre Pläne und kann sich erstmals vorstellen, wie sie aussehen. Das entzaubert meines Erachtens den ganzen Mythos und schadet mehr, als es durch Befriedigung der Neugier nutzt.

Nimmt man all das zusammen, bleibt am Ende festzuhalten, dass „Jenseits des blauen Horizonts“ grundsätzlich recht spannend und flüssig zu lesen ist. Von der knappen Eleganz und der dystopischen Stimmung von „Gateway“ ist das Buch allerdings weit entfernt. Allein das rechtfertigt bereits eine nicht ganz so tolle Wertung. Aber die Entzauberung des Mythos, der die Hitschi in „Gateway“ noch umgibt, ist der eigentliche Grund für meine Kritik. Das wäre meines Erachtens nicht notwendig gewesen – und jeder, der bisher nur „Gateway“ gelesen hat (gibt es so jemanden überhaupt?) sollte sich ernsthaft überlegen, es dabei zu belassen.

Eine Anmerkung noch, weil ich das Gefühl habe, dass einige Bewertungen im Internet einen Punkt berühren, ohne ihn richtig herauszuarbeiten: Dass man an „Jenseits des blauen Horizontes“ überhaupt Freude haben kann (vor allem was das letzte Drittel des Buches betrifft) bedingt ein Mindestmaß an Interesse für Astrophysik – mehr noch, als bereits in „Gateway“ notwendig ist. Wer sich noch nie mit Begriffen wie „Schwarzes Loch“, „Zeitdilation“, „Relativität“ usw. beschäftigt hat, wird spätestens zu diesem Zeitpunkt nur noch Bahnhof verstehen und das Buch entnervt in die Ecke werfen. Ich selbst interessiere mich als Laie sehr für diese Themen, entsprechend gut hat mir die literarische Auseinandersetzung damit gefallen – jeder, der kein Interesse für Kosmologie hat, wird mit dem Buch absolut keine Freude haben.

Gesamteindruck: 4/7gateway-trilogie


Autor: Frederik Pohl
Originaltitel: Beyond the Blue Event Horizon.
Erstveröffentlichung: 1980
Umfang: ca. 320 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: E-Book, in: Die Gateway-Trilogie.


 

 

BuchWelt: Gateway

Frederik Pohl


In „Gateway“ (1976) hat die Menschheit den Sprung in den Weltraum geschafft, wenngleich nicht ganz so, wie sich der geneigte Sci-Fi-Fan das vorstellen mag. Denn was nützt es, wenn man überlichtschnelle Raumschiffe zur Verfügung hat, diese aber nicht steuern kann und somit auf Gedeih und Verderb der Programmierung durch seit Jahrhunderten verschollene Fremde ausgesetzt ist? Nicht einmal ob man tot oder lebendig von der Reise zurückkehrt ist bekannt. Und doch ist das genau der Stoff, aus dem gute Geschichten geboren werden, wie Frederik Pohl mit diesem Buch beweist. 

Gesamteindruck: 7/7


Eine Reise ins Unbekannte.

„Gateway“ erinnert vom Prinzip her ein wenig an den einige Jahre zuvor erschienenen Strugatzki-Klassiker „Picknick am Wegesrand“. Hier die „Prospektoren“, dort die „Stalker“, beides wagemutige und oft genug verzweifelte Menschen, die auf der Suche nach Reichtum ihr Leben riskieren. Da wie dort gibt es wenige Informationen über die von Außerirdischen (in „Gateway“ haben sie zumindest einen Namen: „Hitschi“) hinterlassenen Artefakte. Und auch abseits dieser Gemeinsamkeiten sind die Romane nicht so verschieden, wie man denken könnte, wenn man an die Herkunft der zwei Werke bzw. ihrer Autoren denkt. Gemein ist ihnen nämlich auch, dass es vornehmlich um die psychologische Situation des Protagonisten geht – und auch um gesellschaftskritische Ansätze. Und wenn wir schon von Vergleichen und Gemeinsamkeiten spricht, sei auch noch angemerkt, dass beide Bücher ähnlich hervorragend sind.

Doch nun zu „Gateway“ selbst, einem Roman, der mit knapp über 220 Seiten nicht allzu umfangreich ausgefallen ist. „Leider“, ist man versucht zu sagen. Denn Autor Frederik Pohl schafft es geradezu meisterhaft, mit den Erwartungen des Lesers zu spielen. Beispielsweise wartet natürlich jeder, der das Buch zur Hand nimmt und den Klappentext gelesen hat, darauf, dass der Protagonist Robinette Broadhead endlich in ein Hitschi-Raumschiff steigt und sich ins Abenteuer stürzt. Allerdings tut Pohl seinen Lesern diesen Gefallen relativ spät im Buch.

Dass „Gateway“ dennoch zu keinem Zeitpunkt langweilig wird, ist eine Meisterleistung des Autors. Die Handlung spielt sich auf zwei Ebenen ab: Erstens die Gegenwart, in der sich Broadhead in psychologischer/psychiatrischer Behandlung befindet, damit gleichsam die Reise in sein eigenes Ich antritt. Zweitens wird in Rückblenden von den vergangenen Erlebnissen und Taten des (Anti-)Helden berichtet. All das in der Ich-Form, was eine schnelle Identifikation zulässt. Für mein Dafürhalten ist das derartig spannend und interessant umgesetzt, dass man zwischendurch kaum daran denkt, dass der erste Flug, also das Ereignis schlechthin, nicht und nicht stattfindet. Frederik Pohl sorgt aber auch dafür, dass keine Längen entstehen und man sich trotz dieser Materie, die sich auf den ersten Blick vielleicht schwierig und trocken anhört, bestens unterhalten ist. Einerseits schafft er das durch die Sprache, die immer gut verständlich und leicht zu lesen ist, andererseits verdient die Idee, manche Seiten als „Kleinanzeigen“, die direkt von den Computerbildschirmen auf Gateway stammen, zu gestalten. Das macht das ganze Setting unglaublich lebendig und greifbar.

Auszusetzen habe ich an „Gateway“ nichts. Letztlich ist es natürlich unbefriedigend, dass man keine näheren Informationen über die Hitschi und ihre Hinterlassenschaften erhält. Das ist allerdings auch der Reiz dieser Geschichte, auf den man sich schon einlassen muss: Die Menschheit der Zukunft, die Figuren in diesem Roman, wissen auch nicht mehr als der Leser. Das bleibt auch so – und gibt der Fantasie herrlich viel Spielraum. Wer sich mit solchen Nicht-Erklärungen schwer tut, wird mit „Gateway“ keine Freude haben. Mit „Picknick am Wegesrand“ übrigens auch nicht, womit sich der Kreis zu den Strugatzkis wieder schließt.

Gesamteindruck: 7/7gateway


Autor: Frederik Pohl
Originaltitel: Gateway.
Erstveröffentlichung: 1976
Umfang: 224 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

 

BuchWelt: Der Steppenwolf

Hermann Hesse


Wer, wie ich, vor dem „Steppenwolf“ andere Bücher von Hermann Hesse gelesen hat (speziell „Demian“ oder „Peter Camenzind“), wird zunächst ein wenig verwundert sein. Die Geschichte um den Protagonisten „Harry Haller“ liest sich bei weitem nicht so locker und flüssig wie die genannten Werke und stellt durchaus eine Herausforderung dar. Das liegt weniger an Hesses Stil, der natürlich auch in diesem (oft als Referenzwerk genannten) Band hervorragend ist, sondern vielmehr an der eigenwilligen Handlung.

Gesamteindruck: 6/7


Herausfordernd.

Auf den ersten Blick präsentiert sich „Der Steppenwolf“ als unzugänglich und schwierig. Erst bei genauerer Betrachtung offenbart sich die Kraft der Geschichte. Diese liegt im (bei Hesse in verschiedenen Formen immer wiederkehrenden) Thema des eigenbrötlerischen Schöngeists, der die alten Meister bewundert und mit dem modernen Leben nicht gut zurecht kommt.

Neben diesem Hintergrund ist aber vor allem interessant, wie Hesse seinen Anti-Helden (und damit wohl auch sich selbst, wobei nach wie vor gestritten wird, ob Hesse=Haller eine gültige Formel ist) in eine menschliche und eine animalische Hälfte teilt. Diese Teilung wird zwar später im Buch ein wenig aufgeweicht, dennoch führt gerade die Widersprüchlichkeit der beiden Hälften zu einer starken Identifikationsmöglichkeit mit der Hauptfigur. Es wird kaum Anhänger Hesses geben, die nicht zumindest ein bisschen von Harry Haller in sich finden. Daraus lässt sich wohl ein Großteil des Erfolges des Buches ableiten – es ruft zwar nicht direkt zur Revolution auf, trägt diese aber stets unterschwellig mit sich.

Thematisiert wird dabei vor allem der Nonkonformismus, der – und hier kann man durchaus aktuelle Bezüge herstellen – letztlich zu nichts weiter führt als Einsamkeit. Grund dafür ist, wenn man dem „Steppenwolf“ folgt, dass es praktisch unmöglich ist, sich den aktuellen Moden zu verweigern, ohne dabei als Außenseiter abgestempelt zu werden. Ein Ansatz, der gerade in der heutigen Zeit wieder sehr aktuell ist.

Dennoch kann ich mich trotz aller Vorzüge des Werkes nicht zur Höchstwertung durchringen – zu trocken und holprig liest sich das Ganze, vor allem wenn man andere Romane von Hermann Hesse im Hinterkopf hat. Hier wäre sicher mehr möglich gewesen, wobei ich fast überzeugt bin, dass „Der Steppenwolf“ genauso geworden ist, wie sein Autor das wollte.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Hermann Hesse
Originaltitel: Der Steppenwolf.
Erstveröffentlichung: 1927
Umfang: ca. 290 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

BuchWelt: Das Muschelessen

Birgit Vanderbeke


„Das Muschelessen“ wird gemeinhin als Parabel auf die Zeit der DDR interpretiert. Dazu kann ich persönlich mangels eigener Erfahrung mit diesem Regime nichts sagen. Unabhängig davon haben wir es hier mit einer intensiven und düsteren Erzählung zu tun, die nur ganz knapp an der Höchstwertung vorbei schrammt.

Gesamteindruck: 6/7


Intensives Leseerlebnis.

„Das Muschelessen“, eine 1990 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnete Erzählung von Birgit Vanderbeke, führt den Leser direkt in die Abgründe einer kleinbürgerlichen Familie. Ungewöhnlich ist, dass es dabei so gut wie keine Handlung im eigentlichen Sinn gibt. Das Buch ist eher als eine Art innerer Monolog in unendlich lang scheinenden Gedankenketten verfasst. Die Sätze ziehen sich oft länger als eine Seite und erinnern mehr als einmal an assoziatives Schreiben. Die wenigen Dialoge sind lediglich angedeutet und auch kaum als solche zu erkennen, da auf Anführungszeichen trotz direkter Rede komplett verzichtet wurde (eine Eigenart der Autorin, die auch bei „Sweet Sixteen“, 2005, zur Anwendung kommt).

Aber auch wenn sich diese Beschreibung im ersten Moment nicht gerade ermutigend anhört, sollte der potentielle sich davon nicht abschrecken lassen. Trotz des außergewöhnlichen Stils geht die Lektüre nämlich erstaunlich flüssig und schnell von der Hand. Eine kurze Einlesephase ist dafür allerdings notwendig. Was den Inhalt betrifft, fehlt es nicht an Identifikationspunkten. Bestimmte Eigenarten der einzelnen Familienmitglieder kann man in ähnlicher, wenn auch meist abgeschwächter Form sicher in vielen Haushalten finden. Was allerdings ein wenig unglaubwürdig erscheint: Birgit Vanderbeke schreibt dem Vater (praktisch die abwesende Hauptperson der Geschichte) so gut wie alle schlechten Eigenschaften zu, die ein Mensch überhaupt haben kann. Das erscheint im Nachhinein doch einigermaßen übertrieben, zumal es in der Familie, die beschrieben wird, scheinbar viele Jahre lang kaum einen Versuch der Auflehnung gegen den Tyrannen gibt. Während des Lesens fällt diese Problematik aber nicht sonderlich auf, zu intensiv und zum Teil auch bedrückend ist das Leseerlebnis.

Gesamteindruck: 6/7


Autorin: Birgit Vanderbeke
Originaltitel: Das Muschelessen.
Erstveröffentlichung: 1990
Umfang: 112 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

BuchWelt: Strugatzki 2

Arkadi & Boris Strugatzki


Wer noch nichts von den Arkadi und Boris Strugatzki hat, ist mit der Gesamtausgabe bestens bedient. Gerade in Band 2 (von 6) sind die drei enthaltenen Geschichten sehr unterschiedlich, was ihn meiner Ansicht nach perfekt zum Kennenlernen des Werkes von Arkadi und Boris Strugatzki macht. Fazit: Sieben Punkte und eine klare Kaufempfehlung.

Gesamteindruck: 7/7


Für Strugatzki-Anfänger und alte Hasen gleichermaßen interessant.

Die erste Frage, die sich stellt, wenn man die dicken Bücher der Strugatzki-Gesamtausgabe sieht, ist natürlich: Braucht man das, wenn man bereits alles von den russischen Schriftsteller-Brüdern im Schrank hat? Ich persönlich würde den Kauf jedem empfehlen, der ein paar Euro übrig hat und gerne diese Klassiker der russischen Science Fiction liest – auch wenn man vielleicht schon das eine oder andere Strugatzki-Werk im Regal stehen hat. Die in den Gesamtausgaben enthaltenen Romane wurden nämlich nicht nur neu übersetzt, sondern auch um in früheren Veröffentlichungen gestrichene Passagen ergänzt. Das bedeutet, dass man hier erstmals in den vollständigen Genuss der Bücher kommt, was früher kaum möglich war. Hinzu kommen umfangreiche Anmerkungen zu allen enthaltenen Geschichten – verfasst von Boris Strugatzki persönlich. Der Autor geht dabei nicht nur auf die Entstehungsgeschichte jedes Romans ein, sondern versucht auch zu erklären, was der jeweilige Hintergrund war und warum die Brüder in der Sowjetunion durchaus um ihr Leben fürchten mussten. Diese Anmerkungen sind mitunter genauso spannend wie die eigentlichen Geschichten und für sich schon beinahe den Kaufpreis wert. Noch dazu fällt durch die Anmerkung die Interpretation des teilweise doch recht schwer zu entschlüsselnden Stoffes wesentlich leichter. Für mein Dafürhalten ist die Gesamtausgabe also eine runde Sache.

Hier noch ein paar Worte zu den einzelnen Geschichten in diesem Band:

„Picknick am Wegesrand“ ist einer der bekanntesten Romane der Brüder. Ein Mitgrund ist natürlich die Verfilmung unter dem Titel „Stalker“ bzw. das (fast) gleichnamige Computerspiel „S.T.A.L.K.E.R.“. Der Roman ist sehr gut geschrieben und meiner Ansicht nach die beste Geschichte in diesem zweiten Band. Im Fokus steht hier das Gefühl der Hilflosigkeit angesichts einer vollkommen unbekannten Technologie, die unerklärbar ist und keinen bekannten Naturgesetzen folgt. Nebenbei gibt es – wie in allen Strugatzki-Werken – zahlreiche mehr oder weniger gut getarnte Anspielungen auf die Gegebenheiten in der Sowjetunion.

„Eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang“ versucht sich eher am Beschreiben geheimer Kräfte, die irgendwo im Hintergrund wirken. Hier geht es mehr darum, wie jeder seinen Teil zu einem Gesamten beiträgt, ohne das Endergebnis irgendwie absehen zu können. Dabei kommt es zu Strugatzki-typisch zu zahlreichen unerklärlichen Ereignissen, die einfach hingenommen werden müssen. Vom Stil her ein eher schwierig zu lesendes Werk, ausgesprochen spröde.

„Das Experiment“ kann man fast als Entwicklungsroman bezeichnen. Der Held der Geschichte durchlebt in einer Stadt, die einzig einem Experiment mit unbekanntem Zweck dient, verschiedene Stationen und wird auf unterschiedlichste Weise indoktriniert. Dass er sich dabei als Sowjet unter anderem mit einem ehemaligen Unteroffizier der Wehrmacht anfreundet ist nur ein Grund, wieso der Roman erst viele Jahre nach seiner Fertigstellung veröffentlicht werden durfte. Prinzipiell kann „Das Experiment“ durchaus als Allegorie auf das mittlerweile gescheiterte Experiment des Kommunismus gelten – kein Wunder also, dass die Strugatzkis an diesem Buch nur unter strengster Geheimhaltung arbeiten konnten. Allzu leicht lesbar ist der Roman nicht. Zwischendurch gibt es zwar immer wieder „schnelle“ Passagen, die das Ganze auflockern, durchsetzt ist das Buch aber auch von vielen philosophischen Auseinandersetzungen und Metaphern, die schwer zu verstehen sind. Zumindest für Nicht-Sowjets.

Gesamteindruck: 7/7


Autor: Arkadi & Boris Strugatzki
Originaltitel: Arkadi & Boris Strugatzki 2
Erstveröffentlichung: 2010
Umfang: 912 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: eBook, in „Strugatzki Gesammelte Werke 2.“


Thematisch verwandte Beiträge auf WeltenDing:

BuchWelt: Das Experiment

Arkadi & Boris Strugatzki


„Das Experiment ist das Experiment“ – nähere Erklärungen zum Geschehen gibt es in diesem sehr spät (1989) veröffentlichten Werk von Arkadi und Boris Strugatzki nicht. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass der Leser – wie in so vielen Werken der russischen Schriftsteller-Brüder – die Handlung des Romans großteils selbst deuten muss. Das sollte jedem potentiell Interessierten klar sein, bevor er dieses Buch kauft.

Gesamteindruck: 6/7


Nicht einfach zu lesen, lohnend für philosophisch Interessierte.

Dabei bietet „Das Experiment“ oberflächlich betrachtet durchaus Elemente, die auch reine Science Fiction-Fans befriedigen könnten. Immerhin ist der Gedanke an eine Stadt, die von vielen „freiwilligen Versuchskaninchen“ aus unterschiedlichsten Epochen, Ländern und Kulturen bevölkert wird eine fantastische Idee. Wer allerdings erwartet, näheres über die Art und Weise zu erfahren, wie das Experiment funktioniert, welchem Zweck es dient oder auch nur, wo sich diese Stadt befindet, wird enttäuscht werden. Auch eine nähere Erläuterung, wieso es in der Stadt immer wieder zu merkwürdigen Ereignissen (z. B. eine plötzliche Invasion durch Paviane) kommt, bleibt aus. Der Leser tappt also völlig im Dunkeln, was ihn auf wunderbare Weise mit den Charakteren im Buch verbindet, die ebenfalls nur Mutmaßungen über das Experiment anstellen können. Dieser Verzicht auf einen allwissenden Erzähler ist es, der manche Leser verzweifeln lässt, während andere die Strugatzkis dafür lieben. Ich persönlich gehöre zu letzterer Kategorie, kann aber auch verstehen, wenn jemand „Das Experiment“ entnervt in die Ecke wirft. Wer bis zum Schluss durchhält, wird übrigens nicht mit einem Happy End belohnt – hier ist wirklich der Weg das Ziel. Das Ende kommt abrupt und ist genauso rätselhaft, wie das ganze Buch erscheint.

Soviel zur heutigen Lesart von „Das Experiment“. Wer mit philosophischen Metaphern und der Suche nach einem Sinn des Lebens umgehen kann, wird es mögen. „Das Experiment“ hat aber auch eine andere, subtile Ebene, unter der man sich heute nicht mehr so viel vorstellen kann. Das Buch kann durchwegs als Kritik auf politische Ideologien, vornehmlich natürlich jener der Sowjetunion, gelesen werden; das ist auch der Grund dafür, warum der Roman erst 1989 erschienen ist, obwohl er bereits zwischen 1969 und 1975 geschrieben wurde. Es mag sein, dass es Leser gibt, die auch diesen Aspekt des Buches verstehen und nachvollziehen können – mir selbst fehlt der Zugang, diese Lesart vollständig decodieren zu können. Natürlich versteht man einige Anspielungen, aber prinzipiell muss man wohl die Sowjetunion selbst erlebt haben, um gänzlich zu begreifen, warum das Buch eine so große Gefahr für die Obrigkeit war. In groben Zügen ist es aber durchaus verständlich.

Wie dem auch sei, ich habe „Das Experiment“ mit Erstaunen und Vergnügen gelesen, auch wenn mir der Zugang des „Sowjetmenschen“ fehlt. Einige Seiten sind zwar ausgesprochen zäh (z. B. das Schachspiel mit dem „großen Strategen“), diese Passagen bleiben aber in der Minderheit. Man ertappt sich jedenfalls nach der Lektüre immer wieder dabei, über Sinn und Zweck des Ganzen nachzugrübeln. Ein größeres Kompliment kann man den Autoren vermutlich schwer machen. Ganz reicht es zwar nicht für die Höchstwertung, weil die Strugatzkis auch wesentlich kompakter zu Werke gehen können, aber gute sechs Punkte ist das Buch allemal wert.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Arkadi & Boris Strugatzki
Originaltitel: Град обреченный. (Grad obretschennij.)
Erstveröffentlichung: 1989
Umfang: 224 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: eBook, in „Strugatzki Gesammelte Werke 2.“


Thematisch verwandte Beiträge auf WeltenDing:

BuchWelt: Milliarden Jahre vor dem Weltuntergang

Arkadi & Boris Strugatzki


Wem dieses Buch letztendlich gefallen könnte, ist schwer zu sagen. Hauptsächlich werden sich wohl Leser von philosophischer Science Fiction, wie man sie beispielsweise auch von Frank Herbert, Philip K. Dick, Isaac Asimov oder auch Stanisław Lem kennt, angesprochen fühlen. Ganz vergleichbar mit deren Werken ist „Milliarden Jahre vor dem Weltuntergang“ aber nicht – zu stark steht hier der gesellschaftskritische Aspekt im Vordergrund. Einen Blick riskieren können die Fans der genannten Autoren aber auf jeden Fall. Jeder, der eine Art Space Opera oder ähnliches erwartet, sollte einen großen Bogen um dieses Werk machen. Im Endeffekt reicht es bei mir für vier Punkte – ich habe trotz des wichtigen Themas definitiv schon Besseres von Arkadi und Boris Strugatzki gelesen.

Gesamteindruck: 4/7


Harter Tobak in gewöhnungsbedürftigem Stil.

Die Brüder Arkadi und Boris Strugatzki sind ja für ihren ausgesprochen interessanten, mitunter aber auch recht trockenen Zugang zur Science Fiction bekannt. „Milliarden Jahre vor dem Weltuntergang“ (auch als „Eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang“ erschienen) ist ein Beispiel für die nicht gerade angenehm zu konsumierende Variante eines Strugatzki-Buches. In der dünnen Handlung wird der Frage nachgegangen, warum und unter welchen Umständen der Sprung von einer normalen zu einer „Superzivilisation“ scheitern könnte.

Das liest sich in einer Rezension wie ein höchst spannendes Thema. Allerdings seien potentielle Leser gewarnt: Die Andeutungen, die die Autoren in die einzelnen Kapitel verpacken, bleiben meist sehr nebulös. Es gibt zwar Erklärungsansätze für die Ereignisse, die dem Protagonisten und seinen Kollegen widerfahren – wirklich verständlich und schlüssig ist allerdings kaum etwas. Zumindest nicht aus Science Fiction-Sicht. Aus den Anmerkungen geht hervor, dass das Buch als Allegorie auf die Zustände in der ehemaligen Sowjetunion zu lesen ist, ferner dass „Milliarden Jahre vor dem Weltuntergang“ das einzige Strugatzki-Werk ist, in dem alle Figuren einem realen Vorbild entsprechen. Das Buch ist also eine geschickt verpackte Kritik am Regime des Heimatlandes der Autoren und aus dieser Sicht dementsprechend wichtig.

Stilistisch wirkt „Milliarden Jahre vor dem Weltuntergang“ teilweise sehr befremdlich, wenn man normale Lesegewohnheiten als Maßstab nimmt. Die Präsentation der Thematik ist – wie man es aus der osteuropäischen Science Fiction kennt – eher trocken, lässt an einigen Stellen aber auch den bei den Strugatzkis durchaus vorhandenen Humor durchschimmern. Die elf (sehr kurzen) Episoden und ihre Unterkapitel beginnen mit Auslassungspunkten bzw. unvollständigen Sätzen. Warum das so ist, hat sich mir persönlich während der Lektüre nicht erschlossen. Gegen Ende des Buches gibt es auch noch einen Perspektivenwechsel von der dritten in die erste Person, ein stilistisches Mittel, das von den Autoren gelegentlich angewandt wird.

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Arkadi & Boris Strugatzki
Originaltitel: За миллиард лет до конца света. (Za milliard let do kontsa sveta.)
Erstveröffentlichung: 1976
Umfang: 224 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: eBook, in „Strugatzki Gesammelte Werke 2.“


Thematisch verwandte Beiträge auf WeltenDing: