Live (Kreator)

KonzertWelt: Me And That Man (Wien, 04.04.2017)

Datum: Dienstag, 4. April 2017
Location: B72 (Wien)
Tour: 
Headliner: Me And That Man
Support: Dool
Ticketpreis: 24,90 Euro (VVK)


Nergal hat den Blues.

Polens Vorzeigemetaller Adam „Nergal“ Darski ist mit seiner Band BEHEMOTH normalerweise überaus extrem unterwegs. Corpsepaint, Growling, Bühnenshows mit Feuer und allerlei Gimmicks, sogar eine Anzeige wegen „Verletzung religiöser Gefühle“ gehören im schwarz angehauchtem Death Metal seines Hauptbetätigungsfeldes praktisch zur Tagesordnung. Umso überraschender war die Bekanntgabe eines musikalisch völlig anders gelagerten Projektes, mit dem unser Mann aktuell auf Tour ist. ME AND THAT MAN nennt sich die Formation, die aus Nergal (v, g) und dem seit Jahrzehnten in Polen lebenden Briten John Porter (v, g) besteht.

Vor dem mit Spannung erwarteten Auftritt im Wiener B72 gab es aber noch eine Vorgruppe. Die mir bis dato völlig unbekannten DOOL spielten ein halbstündiges Set, das aus nur vier Songs bestand. War kein schlechter Gig, aber so richtig warm bin ich mit dem alternativ angehauchtem Prog Rock-Metal-Mix nicht geworden. Immerhin waren die durchgehend wild headbangenden Musiker mit ordentlich Spaß bei der Sache. Drei (!) Gitarren sorgten außerdem für einigermaßen fetten Sound und so konnten sich die Niederländer um Sängerin/Gitarristin Ryanne van Dorst (die auch hätte als Mann durchgehen können, aber das nur am Rande) zumindest über Achtungsapplaus freuen.

Danach wurde es richtig voll im winzigen Lokal. Das Publikum war erwartungsgemäß gemischt, auch wenn die Metalheads wohl in der Überzahl waren. Eh klar: Man kam, um „die andere Band von Nergal“ zu hören. Anfangs war das Gefühl noch merkwürdig: Ein ohne Schminke, dafür aber mit Hut und weißer (!) Gitarre bewaffneter Nergal auf der Bühne, keine oder kaum Pommesgabeln im Publikum davor. Irgendwie hatte ich das Gefühl, man musste in diesem für beide Seiten ungewöhnlichen Setting erst zueinander finden. Das gelang dann aber erstaunlich schnell. Kein Wunder, wurde als Opener mit „My Church Is Black“ doch gleich eine der vorab ausgekoppelten Nummern aus dem Debütalbum „Songs Of Love And Death“ gespielt. Eine gute Entscheidung, um das Eis zu brechen.

Nach dem ersten gegenseitigen Abtasten ging es dann richtig los und das Publikum bekam für mein Dafürhalten ein ausgesprochen feines und intensives Konzerterlebnis. Die Musik von ME AND THAT MAN ist eine interessante Melange aus Singer/Songwriter-Zeug, Blues, Country, (Gothic) Rock, Psychedelic und auch ein wenig Pop. Eine ungefähre Schnittmenge aus bekannten Namen, die einem immer wieder in den Sinn kommen, wenn man sich „Songs Of Love And Death“ anhört: ELVIS PRESLEY, JOHNNY CASH, THE DOORS, NICK CAVE & THE BAD SEEDS, DAVID BOWIE. Mundharmonika-Einsätze und Kinderchöre inklusive. Ja, das ist für den gemeinen Metalhead ungewohnt. Ich selbst bin aber sehr froh, dabei gewesen zu sein, habe danach Vinyl und T-Shirt abgegriffen und werde gerne wieder kommen, wenn ME AND THAT MAN mal wieder in der Nähe auftreten.

Auf der Bühne waren natürlich die beiden Herren, die sich den Gesang brüderlich teilten, am stärksten präsent. Unterstützung bekamen sie von einem Drummer und einem Bassisten (deren Namen ich zu meiner Schande vergessen bzw. bei der Vorstellung nicht verstanden habe), die ihnen ein ausgezeichnetes und sauberes Rhythmus-Fundament legten. Interessanterweise schien in dieser Konstellation Nergal der entspanntere und besser gelaunte der beiden Frontmänner zu sein – der Pole lachte immer wieder, bewegte sich und versuchte durchaus, mit dem Publikum und seinen Mitstreitern auf der Bühne zu interagieren. Der wesentlich ältere Porter war dagegen der Ruhepol, dabei aber durchaus nicht unsympathisch. Letztlich ergänzten sich Nergal und Porter perfekt, was auch zum gelungenen Abend beigetragen hat. Gespielt wurde das komplette aktuelle Album, dazu gegen Ende hin zwei Coverversionen, die sich nahtlos einfügten („Refill“ von der PORTER BAND, also einem anderen Betätigungsfeld von John Porter sowie als Rausschmeißer „Psycho Killer“ von den TALKING HEADS). Vom ME AND THAT MAN-eigenen Material gefielen mir neben dem genannten „My Church Is Black“ die eingängig-düsteren, mit starken Country-Anleihen versehenen „Ain’t Much Loving“ und – vor allem – „Cross My Heart And Hope To Die“ am besten. Aber auch der Rest wusste zu überzeugen, sodass man gegen 23 Uhr mit einem ausgesprochen guten Gefühl von dannen ging.

Fazit: BEHEMOTH sind auch für Metal-Verhältnisse eine unglaublich düstere Band. Man muss aber sagen, dass ME AND THAT MAN dem gar nicht so viel nachstehen, wie man meinen könnte. Das wird allerdings durch vollkommen andere Mittel erreicht – wo Nergal mit BEHEMOTH auf Härte, Aggression und Komplexität setzt, gehen ME AND THAT MAN viel sanfter, einfacher und reduzierter zu Werke. Das aber gleichzeitig auch sehr dunkel, sowohl musikalisch als auch lyrisch. Diese Kombination passt so unglaublich gut, wie ich es mir nicht erwartet hätte. Und live wird das Ganze dann nochmals aufgewertet, weil die Hauptprotagonisten derart gut miteinander harmonieren. Jeder, der mit genannten Referenzen etwas anfangen kann, sollte sich dieses Projekt nicht entgehen lassen. Jeder Metalhead, der ein wenig für andere Einflüsse offen ist, kann ebenfalls ein Ohr riskieren, dabei aber nicht erwarten, auch nur eine homöopathische Dosis Metal zu bekommen. Denn die ist schlicht nicht vorhanden, was Keinem auffallen würde, wäre nicht ein so bekannter Name im Line-Up.

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SpielWelt: The Witcher

Seit „Gothic II“ (2002) musste man als Spieler eine gefühlte Ewigkeit warten, um wieder ein ähnliches Spielgefühl zu erleben. Ja, es gab „Risen“, das war ganz nett, aber seien wir uns ehrlich: Mehr als ein Aufguss der alten Herrlichkeit war es nicht. 2007 war es dann aber doch so weit. „The Witcher“ war der Titel, der auszog, um derben Humor, eine gute große und grandiose kleine Geschichten in einer liebevoll gestalteten, rauen Welt zu präsentieren. Und das Spiel war mehr als das; es war der Auftakt einer Trilogie, die es geschafft hat, nicht an den eigenen Ansprüchen zu scheitern.

Gesamteindruck: 6/7


Auftakt einer großen Serie.

Der Pole Andrzej Sapkowski ist der „Erfinder“ des Hexers Geralt, seines Zeichens Hauptfigur von Spielen, Büchern, Comics und Kurzgeschichten. Es scheint daher nur logisch, dass die Computerspielreihe „The Witcher“ ebenfalls polnische Wurzeln hat, denn in genau jenem Land hat Entwickler CD Projekt RED seinen Firmensitz. Das ist leider (oder zum Glück?) die einzige Gemeinsamkeit, die zwischen Sapkowski und der Software-Schmiede besteht, denn der Autor interessiert sich nicht für die Spiele, Anfragen zu einer Zusammenarbeit wurden von ihm abgelehnt. Umso interessanter, dass die Software-Variante das Feeling des literarischen Vorbildes so gut transportiert.

Der Story, die in „The Witcher“ erzählt wird, merkt man meines Erachtens recht deutlich an, dass sie nie auf ein einzelnes Spiel ausgelegt war. Nach rund 40 Spielstunden hat man immer noch nicht so richtig den Durchblick, wohin die Handlung eigentlich führt. Und auch am Schluss gibt es kein wirkliches Aha-Erlebnis, sodass man schon mit Teil 2 weitermachen muss, wenn man mehr wissen will. „The Witcher“ spielt in einer zwar äußerlich schönen, in ihrem Inneren aber zerrütteten und düsteren Welt. Mittelalterlich, wie man es von einem solchen Spiel erwartet, aber nicht auf romantische Art, sondern geprägt von Engstirnigkeit, Rassismus und Gewalt. Entsprechend derb ist die Sprache, entsprechend brutal sind die Methoden und Kämpfe. Der Humor kommt dabei zwar nicht zu kurz, ist aber etwas weniger präsent wie in der atmosphärisch ähnlich gelagerten Welt von „Gothic“, die ja auch nicht gerade lustig im engeren Sinne ist. Dafür ist der Geralt ein ziemlicher Schürzenjäger, was im Laufe des Spiels immer wieder ausgenutzt werden kann, um diverse Nackt-Szenen (inklusive zugehöriger „Sammelkarten“) zu sehen. Alles in allem: Definitiv kein Spiel für Kinder!

Generell gibt es bis zum Abspann genug zu tun und zu sehen. Das reicht von den üblichen Aufträgen á lá „hole dies“, „töte das“, „besorge jenes“ bis hin zu komplexen Quests, die sich über diverse Spielstunden ziehen können. Besonders interessant (und den Wiederspielwert steigernd): An einigen Schlüsselstellen im Spiel gilt es, schwierige Entscheidungen (z.B. „Helfe ich den elfischen Rebellen? Oder doch lieber den Ordnungshütern?“) zu treffen. Die Konsequenzen, die daraus entstehen, kennt man nicht und sie machen sich teilweise erst viel später im Spiel bemerkbar – ganz wie im wirklichen Leben also. Das geht sogar so weit, dass Teile der Entscheidungen, die man in diesem Spiel trifft, bei Import eines Spielstandes in „The Witcher 2: Assassins of Kings“ nachwirken. Erinnert an die „Mass Effect“-Serie und wurde ähnlich grandios umgesetzt.

Neben diesen weitreichenden Entscheidungen und den daraus entstehenden moralischen Dilemmas hat „The Witcher“ natürlich weitere Pluspunkte. Vordergründig ist die Optik für ein zum Zeitpunkt der Rezension bereits zehn Jahre altes Spiel nach wie vor sehr gut. Gleiches gilt für den Soundtrack, den ich sogar als ausgezeichnet empfinde. Dazu zählen auch die Synchronsprecher, die ebenfalls einen guten Job machen, wobei zumindest in der deutschen Fassung zeitweise ein wenig Emotion fehlt.

Besonders gelungen ist meiner Ansicht nach das Kampfsystem, das die aus ähnlichen Spielen bekannten Klick-Orgien durch eine wesentlich elegantere, rhythmische Lösung ersetzt. Gefällt, denn auch wenn das im Prinzip nicht viel mehr bedeutet, als im richtigen Moment zu klicken, ist das vergleichsweise erfrischend ausgefallen. Von der Spielmechanik her sei als Besonderheit noch die Möglichkeit, im Kampf zu pausieren genannt. Das kennt man eigentlich eher aus klassischen Rollenspielen wie „Baldur’s Gate“ und nicht aus 3D-Varianten wie „The Witcher“. Eine gute Idee, weil man so auch während eines hektischen Gefechts beispielsweise die Spielfigur ausrichten oder sich darauf vorzubereiten kann, einen Trank einzunehmen oder einen Zauber zu wirken. Somit scheitern solche Dinge nicht mehr so leicht an der Komplexität einer PC-Tastatur. A pro pos Spielmechanik: Auch am Talentbaum und der Charakterentwicklung gibt es praktisch nichts auszusetzen.

So weit, so perfekt? Naja, nicht ganz. Zuweilen nehmen die Standard-Aufträge ein wenig überhand, wobei man nicht verpflichtet ist, sie zu erfüllen. Andererseits braucht man die Erfahrungspunkte dringend, um den Charakter zu verbessern – tut man das nicht, hat man später im Spiel wenig Chancen gegen immer mächtigere Gegner. Ein größeres Ärgernis waren mir persönlich aber die teilweise arg weiten Laufwege. Vor allem auch, wenn man im späteren Verlauf des Spiels diverse Orte (gefühlte) zig-Mal besuchen muss, wird es öde. Ab und an gibt es Teleporter, die dieses Problem ein wenig entschärfen, aber im großen und ganzen läuft man mehr durch die Gegend, als einem lieb sein kann. Umso deutlicher wird diese Problematik durch die großteils fix vorgegebenen Pfade, von denen man kaum abweichen kann. Das Spiel suggeriert durch die weiten Wege eine Offenheit, die es im Endeffekt nicht bietet. Das äußert sich an unsichtbaren Hindernissen, oder, wenn es etwas unauffälliger sein soll, an Zäunen. Überspringen? Geht nicht, der Hexer kann gar nicht springen. Diese Punkte sind dem Spielspaß im Wesentlichen nicht sehr abträglich, zumindest nicht im ersten Versuch. Bei jedem weiteren Durchgang werden die langen Wege aber mehr und mehr zur Qual.

Damit reicht es nicht ganz für die volle Punktzahl, auch weil im Angesicht der Nachfolger noch etwas Luft nach oben bleiben muss. Allerdings: „The Witcher“ ist tatsächlich eines der besten Spiele seiner Art und sollte von jedem Abenteurer/Rollenspieler zumindest einmal angespielt werden.

Gesamteindruck: 6/7

(c) gamestar.de

(c) gamestar.de


Genre: Rollenspiel
Entwickler: CD Projekt RED
Jahr: 2007
Gespielt auf: PC


 

BuchWelt: Solaris

Stanisław Lem


Trotz einer zugegebenermaßen teils erschreckend schwach anmutenden Übersetzung ist „Solaris“, das wohl bekannteste Werk des polnischen Autors Stanisław Lem, heute ein Klassiker – aber nicht nur der Science Fiction, das wäre eindeutig zu kurz gegriffen, sondern vor allem auch der Philosophie und Psychologie. Nicht umsonst wurde das Buch mehrmals verfilmt und hat sogar den Sprung auf die Theaterbühne geschafft.

Gesamteindruck: 7/7


Die Grenzen der Erkenntnis.

Wer bereits andere Bücher von Stanisław Lem kennt, wird über das verkrampfte Deutsch des Buches sicherlich hinwegsehen können und sich am eigenwilligen Stil des Autors erfreuen. Die Schreibweise des polnischen Visionärs ist teilweise derart realistisch und quasi-wissenschaftlich angelegt, dass man ab und an versucht ist, sich zu versichern, ob das Wort „Roman“ überhaupt irgendwo auf dem Umschlag steht. Lem zitiert oft aus seinen (fiktiven) Quellen und skizziert dabei ein in sich stimmiges Bild der 100-jährigen Erforschung eines fremden Planeten und der verschiedenen „wissenschaftlichen Schulen“, die diese „Solarisforschung“ hervorgebracht hat. Diese Richtungen, die sich teils völlig widersprechen haben eigentlich nur eines gemeinsam: Den Mangel an wirklichen Erkenntnissen über den vermutlich intelligenten Ozean, der einen ganzen Planeten umschließt. Was es für die Forscher, letztlich für einen Menschen, bedeutet, vor etwas zu stehen, das einfach nicht begreif-, erforsch- und verstehbar ist, ist das große Thema dieses Romans.

Technische Aspekte der künftigen Gesellschaft oder gar „Techno-Babble“ findet man in „Solaris“ so gut wie gar nicht – wie es die Menschen schaffen, den Weltraum zu durchqueren bleibt beispielsweise völlig offen. Auch politische Fragen bleiben weitestgehend außen vor. Dafür werden während der Erforschung des Fremden tiefe Einblicke in die menschliche Psychologie und Philosophie geboten. Neueinsteiger dürften sich damit eventuell schwer tun, allerdings ist die Eingewöhnungsphase erstaunlich kurz. Leichte Science Fiction-Lektüre sieht dennoch anders aus, was potentielle Leser unbedingt bedenken sollten. Denn wer eine actionorientierte Handlung mit Kämpfen, Energiewaffen usw. erwartet, ist bei Lem an der falschen Adresse. Auch eine Dystopie, wie sie Lem selbst beispielsweise in „Der futurologische Kongress“ andeutet, vermag man in „Solaris“ nicht zu erkennen.

Wie es sich für ein Werk, das wissenschaftlichen Hintergrund vermitteln will, gehört, wimmelt es darin von Namen und Quellenangaben. Störend wirkt das zu keiner Zeit, im Gegenteil, diese Herangehensweise lässt den Leser noch tiefer in dieses Universum eintauchen. Dieser Stil ist den mir bekannten Werken von Lem gemein und zeichnet schon für sich genommen einen außergewöhnlichen Autor aus. Ähnliches habe ich bisher vor allem bei bei Frank Herbert („Ein Cyborg fällt aus“) gesehen, wenngleich sich Lem vergleichsweise angenehmer liest.

Bei aller Liebe zu Klassikern des Genres kann man dennoch einen Kritikpunkt anführen (von der sub-optimalen Übersetzung abgesehen): Das Ende wirkt, als ob dem Autor einfach das Papier ausgegangen wäre, das Buch schließt einfach im Nirgendwo. Ein offener Schluss an sich ist ja kein Problem, aber die Art und Weise wie das hier gemacht wurde, widerlegt den behutsamen und gründlichen Aufbau des Werkes. Zwar kein Grund für einen Punkteabzug, eine kleine Enttäuschung bleibt dadurch aber dennoch zurück.

Gesamteindruck: 7/7solaris


Autor: Stanisław Lem
Originaltitel: Solaris.
Erstveröffentlichung: 1961
Umfang: ca. 240 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Hardcover


 

KonzertWelt: Kampfar (Wien, 22.10.2016)

Datum: Samstag, 22. Oktober 2016
Location: Escape Metalcorner (Wien)
Tour: Profane Solstice From The North
Headliner: Kampfar
Support: Vreid – Dreamarcher
Ticketpreis: 26 Euro (VVK)


Heiß, stickig, laut – und einfach geil!

Die „Profane Solstice From The North“-Tour, veranstaltet vom feinen norwegischen Label Indie Recordings, machte am 22. Oktober in der Escape Metalcorner in Wien Station. Schön – endlich mal wieder ein Konzert an einem Wochenende, noch dazu in einer der besten Locations in Wien, was Nähe und Interaktionsmöglichkeiten zwischen Publikum und Musikern betrifft. Als ich ankam (gerade rechtzeitig um die finalen Songs von DREAMARCHER zu hören) war der Keller des Escape, wo sich die kleine Bühne befindet, allerdings noch nicht so gut gefüllt. Andererseits: So wenig war gar nicht los, wenn man bedenkt, dass es die junge Truppe erst seit Februar 2016 gibt und das Debütalbum „Dreamarcher“ gar nur knapp 2 Wochen vor der Show in Wien veröffentlicht wurde. Ob das Publikum sich nun allerdings wirklich für DREAMARCHER interessierte oder sich einfach für die beiden großen Bands des Abends warm trank, wurde nicht ganz klar – einen respektvollen Höflichkeitsapplaus durften sich die Norweger jedenfalls abholen.

Kurz bevor die etwas gesetzteren Herren von VREID die Bühne betraten, begann sich der Keller ordentlich zu füllen. Von meinem Platz in der ersten Reihe aus wirkte es jedenfalls gesteckt voll – super für die Stimmung und einen schweißtreibenden Abend. Und genauso wurde es auch. VREID haben es inzwischen – zumindest sehe ich das so – aus dem übermächtigen Schatten ihrer Vorgänger-Band WINDIR befreien können. Und so herrschte auch an diesem Abend in Wien der schmissige Black n‘ Roll, während Folk-Elemente und reiner Black Metal eher die Ausnahme blieben. Man spielte sich durch die gesamte Diskografie, vom 2004er-Debüt „Kraft“ (vertreten durch „Helvete“ und „Raped By Light“) bis hin zum aktuellen „Sólverv“, von dem der Titeltrack und „Når Byane Brenn“ zu Ehren kamen. Nicht einmal von einer gerissenen Saite am Bass von Hváll beim grandiosen und unvermeidlichen Rausschmeißer „Pitch Black“ ließ man sich irritieren. Einziger Wermutstropfen: Mein Lieblingssong „Blücher“ wurde nicht gespielt. Stattdessen gab es vom „Milorg“-Album (2009) „Speak Goddamnit“ zu hören. Auch nicht schlecht, aber die Geschichte über den Schweren Kreuzer, der 1940 im Oslo-Fjord versenkt wurde, hätte ich noch lieber gehört. Unabhängig davon: Eine großartige Show, an der auch die Band sichtlich Spaß zu haben schien.

Nach dieser Darbietung brauchten die Nackenmuskeln eine kurze Erholungspause. Lang dauerte der Umbau aber nicht, es reichte gerade für ein Bier und ein paar Lockerungsübungen. Dann standen auch schon KAMPFAR auf der Bühne, um furios mit „Gloria Ablaze“ und „Ravenheart“ loszulegen. Das, was VREID ein wenig an Charisma fehlte, machten ihre Landsmänner wieder gut – allen voran natürlich Schreihals Dolk, der seine Musik lebt wie kaum ein anderer. Hinter ihm wütete mit Drummer Ask ein wahrer Berserker, der seinen Frontmann noch dazu mit angepisstem Gesang unterstützte – absolut hörenswert! Wie schon VREID zuvor war auch KAMPFAR die Freude an ihrer Arbeit an diesem Abend deutlich anzumerken, zumindest soweit man das unter ihrem zeitweise recht exzentrischen Gebahren sehen konnte. Dolk ließ sich allerdings ein- oder zweimal dazu hinreißen, die Location zu loben – als die kleinste auf der bisherigen Tour und als „cozy place“. Die Intensität blieb die gesamte Show über erhalten, Höhepunkte waren neben dem Eröffnungsdoppel das uralte „Hymne“, das neue „Mylder“ und das finale „Our Hounds, Our Legion“. Danach entließ man das ausgepowerte Publikum in die kühle Wiener Nacht.

Fazit: Es gibt sie noch – die kleinen Club-Gigs, bei denen der Schweiß in Strömen fließt, bei denen man denkt, man erstickt an Rauch und Trockeneis-Nebel, bei denen man direkt an der Bühne steht, ohne lästigen Fotograben und aufpassen muss, dass man keine Gitarre an den Kopf bekommt. Die Escape Metalcorner ist eine tolle Location für genau solche Konzerte. Man geht danach mit dem Gefühl nach Hause, etwas großes erlebt und mit Gleichgesinnten geteilt zu haben. Und das betrifft nicht nur die anderen Fans – auch für die Bands muss es ein besonderes Erlebnis sein, in einer so kleinen Location zu spielen; zumindest wird das von den Musikern bei den Konzerten im Escape immer wieder angedeutet. Loben muss man diesmal übrigens auch den Mann am Mischpult – kommt ja selten genug vor. Diesmal war der Sound allerdings perfekt und hat damit bestens zu diesem tollen Abend gepasst. Daran hatten natürlich auch die Bands ihren Anteil. Sowohl VREID als auch KAMPFAR haben gezeigt, dass sie a) noch lange nicht zum alten Eisen gehören und b) die etwas rockigere Variante der norwegischen, schwarzen Tonkunst aktuell voll den Nerv eines kleinen, aber feinen Publikums trifft.

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BuchWelt: Der futurologische Kongress

Stanisław Lem


„Der futurologische Kongress“ ist ein skurriles Meisterwerk, voll von schwarzem Humor und düsteren Prognosen. Verschiedene Schichten der Realität mischen sich darin so stark, dass man stellenweise an seinem eigenen Verstand zu zweifeln beginnt. Nebenbei schafft Stanisław Lem eine Vielzahl an zukünftigen Begriffen, die ihresgleichen sucht und gelegentlich schon stark verwirren kann. Dem Titel zum Trotz hat das Buch allerdings nicht allzu viel mit Science Fiction zu tun – es handelt sich eher um ein Gedankenexperiment, dessen Elemente vielfach von der moderneren Science Fiction aufgegriffen wurden (Beispiele aus dem Filmbereich: „Matrix“ oder „eXistenZ“).

Gesamteindruck: 7/7


Die Zukunft wird düster.

Interessant ist vor allem, wie es dem polnischen Autor gelungen ist, neben all der Düsterkeit, die dieses Werk zweifellos umgibt, den bei ihm schon immer latent vorhandenen Humor einzubauen und auf die Spitze zu treiben. Das funktioniert nur stellenweise über Situationskomik. Der Großteil des Witzes wurzelt allein in Stil und Sprache. Es macht einfach unglaubliche viel Spaß, die Dialoge zwischen der Hauptfigur und dem nicht minder skurrilen Professor Trottelreiner zu verfolgen.

Aber auch wenn der Faktor Humor in diesem Werk um einiges höher ist, als in den anderen Büchern von Stanisław Lem, verliert man nie den ernsten Hintergrund der Geschichte aus den Augen. Gerade dieser Teil ist es nämlich, der das Buch trotz seiner geringen Seitenanzahl so wichtig macht und einen Eindruck im Leser hinterlässt, den andere Romane auf 1.000 Seiten nicht schaffen. Die ständige Frage: „Was wäre, wenn die Welt ganz anders aussieht, als wir sie wahrnehmen?“ wird hier auf eine Art und Weise beantwortet, die bei genauerer Betrachtung das Blut in den Adern gefrieren lässt. Nicht ob der Abstrusität von Lems Antwort, sondern einfach aufgrund dessen, dass die Vorstellung, es könnte so sein wie im Buch, gar nicht einmal so abwegig ist. Eine Meisterleistung des Autors, die ihresgleichen sucht und nur mit der Höchstnote belohnt werden kann. Der Begriff „Meilenstein“ wird heute geradezu inflationär verwendet – auf dieses Buch trifft er jedoch ohne Vorbehalte zu.

Gesamteindruck: 7/7


Autor: Stanisław Lem
Originaltitel: Kongres futurologiczny.
Erstveröffentlichung: 1971
Umfang: 144 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

Live (Kreator)

KonzertWelt: Mgła (Wien, 07.02.2016)

Datum: Sonntag, 7. Februar 2016
Location: Grelle Forelle (Wien)
Tour: ?
Headliner: Mgła
Support: The Committee – Stormnatt
Ticketpreis: 20 Euro (VVK)


Männer ohne Gesicht.

MGŁA. Ein Bandname, den man – selbst als Fan obskurer Black Metal-Bands – kaum vernünftig aussprechen kann. Polnisch ist dann doch eine recht exotische Sprache für den Mitteleuropäer. Was man allerdings, Google sei Dank, weiß: Übersetzt heißt MGŁA „Nebel“. Immerhin. Wäre interessant für eine gemeinsame Tour mit TAAKE. Jedenfalls machten die Polen auf ihrer aktuellen Tour erstmals in ihrer Karriere Station in Österreich. Ausgerechnet im Club „Grelle Forelle“, der dem Vernehmen nach eher genau das ist: Ein Club. Mit Club-Musik. Metal ist dort anscheinend nicht das Standard-Programm. Macht aber nichts, die Location war prinzipiell sehr gut, super erreichbar und auch mit brauchbarem Sound ausgestattet. Nur die zwei massiven Säulen mitten im Raum stören die Sicht auf die gerade richtig große Bühne. Das Club-Dasein der „Forelle“ merkte man übrigens auch anderweitig: Statt der bei Konzerten üblichen Bierausgabe in Plastikbechern gab es Flaschen. Aus Glas. Kennt man von solchen Ereignissen kaum noch, ist aber kein Fehler. Oder, wäre kein Fehler, denn dass es nur 0,33-Liter-Flaschen gab (noch dazu nicht gerade günstig), ist schon stark diskussionswürdig. Aber was soll’s, war ja Sonntag, am nächsten Tag wartet das Büro, von daher kann man gerade noch ein Auge zudrücken.

Im Saal angekommen standen gerade STORMNATT auf der Bühne. Optisch, akustisch und vom Bandnamen her eindeutig dem hohen Norden zuzuordnen. Ein Trugschluss, wie ein Blick ins Internet zeigt (mir war die Truppe vollkommen unbekannt): STORMNATT sind tatsächlich aus Österreich, sogar aus Wien, hatten also den Heimvorteil auf ihrer Seite. Kaum zu glauben – denn die Musik war Black Metal, so norwegisch klingend, dass es nur so eine Art hatte. Optisch erinnerten die fünf Herren auch an die Heimat und den Ursprung des Black Metal. Schwarzes Leder und räudiges Corpsepaint inklusive. Frontmann Mord erinnerte in Optik und Habitus an eine Mischung aus Alan Averill (PRIMORDIAL) und A.L. (VALKYRJA) – nicht die schlechtesten Referenzen. Musikalisch war alles bestens, auch wenn es gegen Ende des Sets ein wenig zu eintönig wurde. Das Finale, als ein Bandmitglied nach dem anderen die Bühne verließ, während die verbleibenden weiterspielten, bis zuletzt auch der Gitarrist verschwand, war übrigens ganz große Klasse.

Nach diesem Aufwärmprogramm ging es mit den geheimnisumwobenen THE COMMITTEE weiter. Eine weitere Band, die mir abgesehen vom entfernt bekannt vorkommenden Namen, überhaupt nichts sagte. Der „Waschzettel“ sprach von einem „internationalen Zusammenschluss von Bandmitgliedern unbekannter Identität, der sich auch optisch deutlich von anderen Bands abhebt.“ Klingt erstmal gut, wenn auch ein wenig großspurig. Aber solche Übertreibungen gehören auch dazu. Was mit „optisch“ gemeint war, erfuhr man dann auch recht schnell – die Band betrat schwarz uniformiert die Bühne, die Köpfe und Gesichter mit schwarzem Tuch verhüllt. Naja, wie sich das von den Headlinern des Abends abheben soll, muss man mir erst einmal erklären. Die Show war jedenfalls gut, so richtig einordenbar war die Musik für mich allerdings nicht. Was auch an den eher verhaltenen Publikumsreaktionen zu erkennen war – im Großen und Ganzen schienen die Leute sich zunächst einhören zu müssen. Entfernt erinnerte das Ganze schon ein wenig an Black Metal, von der Raserei mit der STORMNATT zuvor zu Werke gingen, war hier allerdings nicht so viel zu hören. Es regierten eher Groove und Atmosphäre, was zwischen den schnellen Attacken von STORMNATT und MGŁA – im Nachhinein betrachtet – für wohltuende Abwechslung sorgte. Tatsächlich eine Gruppe, die man sich einmal in einer ruhigen Stunde genauer anhören muss. Darauf hat die Wien-Premiere der Band durchaus Lust gemacht.

Nach dieser massiven Walze war es endlich so weit. MGŁA aus Krakau betraten (mit rund einer halben Stunde Verspätung) die Bühne. Und es war genau so, wie ich es nach meinem ersten MGŁA-Erlebnis (beim Inferno 2014 in Oslo) erwartet hatte. Keine Gesichter (die Nazgûl lassen grüßen), keinerlei Ansagen, absolut keine Kommunikation und Interaktion mit dem Publikum, nur Musik. Und an der war absolut nichts auszusetzen. Einziger Wermutstropfen: Die Lautstärke war infernalisch – und das in einem Bereich, der zu Lasten der Qualität ging, weil die Drums einfach viel zu sehr im Vordergrund standen. Schade, gerade bei MGŁA gibt es ja außergewöhnlich gute Gitarrenarbeit zu hören. Unabhängig davon: Der Gig war großartig. Kaum eine Band aus diesem extremen Bereich schafft es, die absolut unkommerzielle Ausrichtung ihrer Musik so zugänglich zu machen. Wobei „zugänglich“ natürlich ein dehnbarer Begriff ist – easy listening geht definitiv anders. Aber die Polen schaffen es, ihrem infernalischem Geballer gerade so viel Struktur zu geben, dass man nicht anders kann und einfach mitgehen muss. Es ist nicht leicht zu beschreiben, man muss es selbst gehört haben. Ich bin mir im Nachhinein auch nicht sicher, welche Songs gespielt wurden – lediglich „I“ und „VII“ von „With Hearts Towards None“ sowie „I“ und „II“ des aktuellen Drehers „Exercises in Futility“ habe ich sicher erkannt. Das grandiose „Mdłości I“ war, als Opener, ebenfalls am Start. Alles in allem kam mir die Show übrigens wahnsinnig kurz vor – das ist mir auch beim letzten Mal schon aufgefallen – leider weiß ich nicht, ob es wirklich so war oder ob es einfach so gut war, dass die Zeit so schnell verging. Wie auch immer: MGŁA können gern jederzeit wieder kommen – ich werde dabei sein.

Fazit: MGŁA scheinen nun, nach mehr als 15 Jahren unermüdlicher Arbeit, endlich da angekommen zu sein, wo sie hingehören. Und das ohne auch nur das kleinste Zugeständnis an irgendwelche kommerziellen Erwägungen. Die Band wirkt immer noch absolut unnahbar, man weiß nicht, wie die Typen aussehen, die Songs haben nach wie vor keine Namen – es ist unglaublich, wie sehr eine solche Truppe fesseln kann. Das gelingt nur ganz wenigen und ich hoffe wirklich, dass MGŁA, die meiner Ansicht nach aktuell beste Black Metal-Band überhaupt, eine noch größere Zukunft bevorsteht.