FilmWelt: Prey

Die Ankündigung eines neuen Films aus dem Predator-Universum habe ich mit gemischten Gefühlen aufgenommen: „Predator“ (1987) und „Predator 2“ (1990; ja, auch den!) fand ich großartig, über alles, was danach gekommen ist (inklusive der „Alien vs. Predator“-Crossovers), kann man getrost den Mantel des Schweigens hüllen. Ob es „Prey“ (2022 und damit genau 35 Jahre, nachdem Arnold Schwarzenegger erstmals dem außerirdischen Trophäenjäger gegenüber stand, erschienen) gelingt, an alte Qualitäten anzuknüpfen, versuche ich im Folgenden zu klären.

Gesamteindruck: 5/7


Keine leichte Beute.

Der Titel „Prey“ (deutsch: „Beute“) lässt vermuten, dass das Vertrauen in die Strahlkraft einer einst so mächtigen Marke nicht allzu groß gewesen dürfte – immerhin haben wir es hier mit dem ersten Film der Reihe zu tun, der nicht direkt am Namen als Predator erkennbar ist. Vielleicht ist es aber auch eine Art Neustart, der die verkorksten Jahre, die nach „Predator 2“ folgten, vergessen machen soll? Ich weiß es nicht, im Endeffekt spielt es für die Bewertung aber auch keine große Rolle.

Worum geht’s?
Nordamerika im 18. Jahrhundert: Für die junge Comanche Naru ist in ihrem Stamm die Rolle als Heilerin vorgesehen. Sehr zu ihrem Unmut, ist sie doch eine talentierte Jägerin, was aber kaum jemand ihrer Gefährt:innen zu erkennen vermag. Als sie eines Tages eine merkwürdige, feurige Erscheinung am Himmel sieht, glaubt sie die Zeit gekommen, den Beweis für ihre Jagdkunst anzutreten. Was sie nicht weiß: Eine unheimliche Kreatur ist ebenfalls auf der Suche nach Beute…

Man ist ja leider ein gebranntes Kind, was die Weiterführung klassischer Filmreihen ist: Egal, ob „Predator“, „Alien“, „Terminator“, „Indiana Jones“ oder „Stirb Langsam“ – praktisch alles aus der Hochzeit des Action-Kinos wurde nach zwei, drei Filmen gnadenlos gegen die Wand gefahren. Und auch jeder spätere Versuch, eines dieser Franchises für ein moderneres Publikum attraktiv zu machen, scheiterte grandios. Eine detaillierte Analyse dieses Missstandes würde den Rahmen einer Rezension freilich sprengen; nichtsdestotrotz erklärt obige Aufzählung vielleicht, warum ich dermaßen überrascht war, nachdem der Abspann von „Prey“ nach gut anderthalb kurzweiligen Stunden über meinen Bildschirm flimmerte: Nie hätte ich erwartet, dass es überhaupt möglich wäre, dieses Kind der späten 1980er/frühen 1990er im Jahr 2022 so trefflich fortzuführen.

Gute Entscheidungen.

Dass „Prey“ so überzeugend um die Ecke kommt, ist einer Reihe guter Entscheidungen durch Regisseur Dan Trachtenberg (u. a. „10 Cloverfield Lane“) und Drehbuchautor Patrick Aison zu verdanken. So ist beispielsweise die Gestaltung als Prequel in der Regel hochgefährliches Terrain, weil dadurch fast zwangsläufig Probleme mit der Kontinuität entstehen, die speziell älteren Fans sauer aufstoßen (siehe u. a. die Alien-Prequels oder die Star Trek-Serien „Enterprise“ und „Discovery“). Im Falle von „Prey“ ist dem nicht so, weil Zeit und Ort der Handlung so gewählt wurden, dass aufgesetzt wirkende Referenzen auf spätere Filme kaum möglich sind. Anachronismen, die vor allem das alte Publikum übelnehmen könnte, werden dadurch fast ausgeschlossen (eine kleine Anspielung auf „Predator 2“ ist dennoch drin, die wurde allerdings sehr schön eingebaut). Unabhängig davon ist die Form des Prequels in diesem Fall wohl die beste und glaubwürdigste Methode, mit dem Film tatsächlich back to the roots zu gehen.

Erwähnenswert ist in Sachen Entscheidungen ferner, dass die Verantwortlichen darauf verzichten, den Antagonisten durch ausufernde Erklärungen zu entzaubern (siehe auch hier die Alien-Prequels). Heißt: In „Prey“ verhält sich der außerirdische Jäger so, wie man es erwartet; er hat die üblichen Waffen am Start, wirkt aber dennoch etwas urtümlicher als seine späteren Artgenossen. Das alles schließt sich wunderbar und nahtlos an die Darstellung an, die man aus Teil 1 und 2 kennt. Wobei man sich an dieser Stelle ganz leise fragen darf, wieso sich die Technik eines so fortschrittlichen Wesens in über 200 Jahren anscheinend kaum weiterentwickelt hat – aber das nur am Rande, eventuell hat die Ausrüstung vor allem rituelle oder traditionelle Bedeutung und „darf“ sich deshalb kaum ändern.

Was wollen die Fans?

Was mich an „Prey“ neben den genannten Faktoren aber fast am meisten beeindruckt hat: Dan Trachtenberg scheint verstanden zu haben, was das Publikum wirklich von einem Predator-Film erwartet (während man beim Gros der Filme nach 1990 nicht umhin kommt, den Verantwortlichen Geldmacherei mit einem großen Namen zu unterstellen). Eigentlich ist es fast schon erschreckend einfach: Predator war schon immer ein lupenreines Action-Franchise. Klar, wer wollte, konnte Teil 1 als mehr oder weniger tiefsinnige Verarbeitung des amerikanischen Vietnam-Traumas lesen. Vorwiegend waren „Predator“ und „Predator 2“ aber schlicht und einfach zur Unterhaltung gedacht.

Der Rest? Beiwerk, aber dennoch da, was den Filmen trotz der knallenden Fassade immer Herz und Seele verliehen hat, die den späteren Produktionen abgeht. Und so ist es auch mit „Prey“: Wenn man möchte, kann man den Kampf Predator vs. Kriegerin auf verschiedene Weise interpretieren. Beispielsweise könnte es sich dabei um eine Auseinandersetzung einer selbstbewussten Frau mit toxischer Männlichkeit handeln. Oder man sieht darin ganz allgemein den Kampf der amerikanischen Ureinwohner:innen gegen die technische und zahlenmäßige Überlegenheit der weißen Eroberer. Oder als Befreiung der Heldin Naru aus der von ihren Stammesgenoss:innen erwarteten Rolle.

All das ist möglich – genauso ist es, wie angedeutet, aber auch legitim, „Prey“ als einfachen, höchst unterhaltsamen Actionfilm. als Popcorn-Kino im besten Sinne, zu lesen. Das mag von den Anhänger:innen aktueller Filme und Serials belächelt werden, ich persönlich finde diese Herangehensweise allerdings sehr erfrischend: Man hat das Gefühl, dass die Action zählt und alles andere Beiwerk ist und der Regisseur somit genau das macht, wofür diese Filmreihe früher stand. Dennoch fühlt sich „Prey“ deutlich moderner als seine Pendants aus 1987 und 1990 an, ohne der Seelenlosigkeit aktuelle Produktionen anheim zu fallen. Genau vermag ich nicht zu erklären, woran das liegt – für mein Dafürhalten ist es jedenfalls eine außergewöhnliche Leistung.

Überraschend gut ohne zu überraschen.

Was das alles im Umkehrschluss bedeutet, ist klar: In „Prey“ gibt es keine ausgefeilten Dialoge (es wird generell wenig gesprochen) und das Drehbuch ist in weiten Teilen bis ins Detail vorhersehbar. Letzteres ist vermutlich der Kritikpunkt, der am häufigsten in Zusammenhang mit „Prey“ auf den Tisch kommen dürfte: Dan Trachtenberg orientiert sich so stark an „Predator“, dass man zeitweise fast von einer Kopie sprechen muss. Vielleicht ist aber genau das die Stärke eines Films, der genau weiß, was er sein will, was er kann – und was er tunlichst vermeiden sollte. Wahrscheinlich ist das wirklich die Krux: Mir war über die gesamte Länge (schön übrigens, dass man sich auf 100 Minuten beschränkt und das ganze nicht auf zwei Stunden oder mehr aufgeblasen hat) bewusst, dass „Prey“ Fan-Service par excellence ist. Gestört hat mich das allerdings zu keiner Sekunde, was den Film krass von vielen aktuellen Remakes, Prequels und Relaunches unterscheidet.

Anmerkung an dieser Stelle: Die Action ist hervorragend choreografiert, die Kämpfe entsprechend spektakulär; die Effekte sind gut (sieht man von den Raubtieren ab, speziell bei CGI-Bär musste ich schmunzeln), der Antagonist furchteinflößend. Und, was auch noch erwähnt werden muss: „Prey“ ist abseits der Action geradezu herausragend fotografiert und vertont. Selten wirkte ein amerikanischer Wald dermaßen düster, kühl und unheimlich.

Ganz kommt „Prey“ letztlich zwar nicht an die Filme heran, die den Ruhm der Predator-Reihe begründet haben. Dennoch ist Dan Trachtenberg der mit Abstand beste Versuch seit 1990 gelungen, diesen Stoff zu adaptieren. Wenn das das Niveau künftiger Filme aus dem Franchise sein soll, könnte man von mir aus gern damit weitermachen – etwas, das ich mir bisher bei kaum einem Versuch, so alte Schinken in die Moderne zu holen, wünschen würde.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Prey.
Regie:
Dan Trachtenberg
Drehbuch: Patrick Aison
Jahr: 2022
Land: USA
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Amber Midthunder, Dane DiLiegro, Dakota Beavers, Stormee Kipp



FilmWelt: Die Farbe

Wie sein großes Vorbild Edgar Allen Poe (1809-1849) war Howard Philips Lovecraft (1890-1937) ein großartiger Erzähler von Schauergeschichten. Seine Stories lesen sich auch heute noch fantastisch, weitgehend entziehen sie sich allerdings – wie jene von Poe – einer filmischen Adaption. Probiert wird es freilich dennoch immer wieder – so ist vorliegendes Werk beispielsweise die bereits vierte Verfilmung von Lovecrafts Kurzgeschichte „Die Farbe aus dem All“ (1927). Zwei weitere Versuche, den Stoff auf Zelluloid zu bannen, folgten 2017 und 2019; so richtig erfolgreich war allerdings keines dieser Projekte.

Gesamteindruck: 6/7


Die Darstellung des Unvorstellbaren.

Warum Poe und Lovecraft als nahezu unverfilmbar gelten, ist schnell erklärt: Einerseits verzichten beide in ihren Geschichten auf explizite Gewalt, strahlende Helden und atemlose Action, was die mögliche Zielgruppe für einen Horrorfilm empfindlich reduziert. Andererseits – und das wiegt deutlich schwerer – liegt der Fokus beider Autoren auf einer sich langsam aufbauenden Atmosphäre des Wahnsinns. Der manifestiert sich vorwiegend im Inneren der Protagonist:innen, was an sich schon schwer darstellbar ist (oder zumindest überdurchschnittlich begabte Schauspieler:innen braucht). Hinzu kommt, dass es kaum detaillierte Beschreibungen der schrecklichen Wesenheiten gibt, denen die Charaktere begegnen.

Worum geht’s?
Der junge US-Amerikaner Jonathan Davis reist Mitte der 1970er Jahre nach Deutschland. Dort, irgendwo in der Nähe eines einsamen Dorfes mitten in den fränkischen Wäldern, ist sein Vater verschwunden. Vor Ort stößt Davis auf eine merkwürdige Geschichte, die mit dem Aufschlag eines Meteoriten viele Jahre zuvor ihren Ausgang nahm. Gemeinsam mit dem Bauer Armin Pierske, der Davis‘ Vater kurz nach dem 2. Weltkrieg kennengelernt hatte, versucht der Amerikaner, dem Geheimnis auf die Spur zu kommen…

H. P. Lovecraft schafft es in seinen Geschichten, die Lesenden durch vage Andeutungen in Schrecken zu versetzen. Will sagen: Gerade das, was er nicht schreibt, regt die Fantasie auf unheimliche Weise an. Daraus folgt, dass der Versuch, das, was die Lovecraft’schen Figuren in den Wahnsinn treibt, im Detail darzustellen, scheitern muss. Denn diese absolut unbegreifliche Fremdartigkeit wird eine Kamera niemals in dem Maße einfangen können, wie es die Fantasie des:der Leser:in tut. Und so ist es auch mit der namensgebenden Farbe, die letztlich keine Ähnlichkeit zu irgend etwas, das wir kennen aufweisen darf, wenn wir der Geschichte folgen, die als Vorbild für diesen Film dient.

Dieses grundlegende Problem war sicher auch Regisseur Huan Vu klar. Ich nehme jedenfalls an, dass das der Hauptgrund gewesen sein dürfte, wieso er sich für einen schwarz-weiß-Film entschieden hat. Klar, das passt zunächst schön zum Setting in den 1970er Jahren, in denen das Farbfernsehen noch in den Kinderschuhen steckte. Vor allem ermöglicht es diese Idee jedoch, die Farbe angemessen darzustellen: An das monochrome Bild hat man sich nach ein paar Minuten gewöhnt; wenn dann plötzlich ein Farbkleks (übrigens irgendwo zwischen violett und rosa) auftaucht, wirkt das tatsächlich völlig fremdartig und unheimlich.

Schauwerte wie die Großen.

Dass „Die Farbe“ meines Erachtens eine der besten Lovecraft-Adaptionen überhaupt ist, hat aber nicht nur mit der Idee, den Film überwiegend in schwarz-weiß darzustellen, zu tun. Hervorzuheben ist auch, dass das Werk trotz seines Indie-Status über Schauwerte verfügt, die sich nicht hinter weit größeren Produktionen zu verstecken brauchen: „Die Farbe“ ist technisch auf sehr hohem Niveau, wobei ich vermute, dass monochrome Bild geeignet ist, vieles zu kaschieren – auch, weil es nicht nur schwarz-weiß, sondern generell auf „alt“ getrimmt ist, was z. B. die Kameraführung betrifft. Dennoch muss man das erst einmal so hinbekommen, denn Bild, Ton und Schnitt sind völlig stimmig und wirken zu keinem Zeitpunkt so, als hätten sich die Verantwortlichen damit übernommen.

Was auch nicht unterschätzt werden sollte: „Die Farbe“ ist – speziell in den Hauptrollen – gut besetzt und stark gespielt. Die mir persönlich völlig unbekannte Riege agiert überaus glaubwürdig; nur an einer Stelle gibt es einen Effekt, den man auch von anderen deutschen Produktionen (z. B. „Tribes of Europa“) kennt: Wenn der Held in einem Wirtshaus mit zwei anderen Gästen spricht, spielen diese beiden so, als wären sie auf einer Theaterbühne. Das lässt diesen Trilog wie einen Fremdkörper wirken. Schade – Beinbruch ist es allerdings auch keiner, denn davon abgesehen findet man kaum etwas an der Leistung der Damen und Herren auszusetzen.

Das alles wäre freilich wenig wert, wenn es dem Regisseur nicht gelungen wäre, die doch recht kurze Story so zu inszenieren, dass sie eine Laufzeit von 90 Minuten füllt. Auch an dieser Front finde ich wenig zu meckern: Der Film ist insgesamt so ruhig, wie man es von einer Lovecraft-Adaption erwarten muss. An den richtigen Stellen gibt es mal mehr, mal weniger dosierten Horror. Alles ist stark auf die Charaktere – speziell auf den Dorfbewohner Armin Pierske (hervorragend gespielt von Michael Kausch) – fokussiert. Das Grauen, das das isolierte Örtchen befallen hat, manifestiert sich eher unterschwellig: Auch wenn es den einen oder andern durchaus schockierenden Ekel-Effekt gibt, sieht man eher, wie z. B. eine Bäuerin ein wenig durch die Gegend torkelt, was erst einmal nach nichts klingt, hier aber eine unheimlichere Wirkung entfaltet, als man meinen mag.

Nicht für jedes Publikum.

Ob das alles für jemanden, der:die das Werk des umstrittenen US-Autors nicht kennt, spannend ist, kann ich nicht beurteilen. Lovecraft-Puristen mögen hingegen enttäuscht sein, weil „Die Farbe“ nicht ganz werkstreu ist – und ich muss zugeben, dass auch ich zunächst Probleme damit hatte, dass die Handlung in die 1970er Jahre versetzt wurde. Umgekehrt ist es aber verständlich, denn so (und durch weitere Anpassungen) war es möglich, die Handlung nach Deutschland zu versetzen, was letzten Endes glaubwürdiger ist, als so zu tun, als befände man sich in den USA, wo Lovecrafts Geschichte ja eigentlich spielt. Das allein schon wegen der Schauspieler:innen, denen man ihre deutsche Herkunft jederzeit anmerkt.

Fazit: Mir hat „Die Farbe“ sehr gut gefallen und ich würde den Film allen, die etwas mit der Literatur von H. P. Lovecraft anfangen können, empfehlen. Für diejenigen, die eine Vorliebe für Indie- und Arthouse-Produktionen mitbringen, mag der Film auch ohne Kenntnis der literarischen Vorlage von Interesse sein. Für ein Massenpublikum ist er vermutlich nichts, was wiederum ganz gut zum Werk des Autors passt, das sich sicher auch nicht für jeden Geschmack eignet. Wer es dennoch – oder gerade deshalb – versuchen möchte, sieht hier meiner Meinung nach eine der bis dato besten Lovecraft-Adaptionen überhaupt, vom typischen Anfang bis hin zu einem Ende, das jede Menge Interpretationsspielraum lässt und wenig bis nichts erklärt.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Die Farbe.
Regie:
Huan Vu
Drehbuch: Huan Vu
Jahr: 2010
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Michael Kausch, Ingo Heise, Erik Rastetter, Jonas von Lingen, Marco Leibnitz



FilmWelt: The Witch Next Door

„The Witch Next Door“ (2019) ist einer dieser Fälle, in denen ich – analog zum unlängst besprochenen „Halloween Haunt“ (ebenfalls 2019) – einem Teil der Kritiker:innen beim besten Willen nicht folgen kann (ein Beispiel). Für mich handelt es sich hier um biederen Horror, der ohne große Inspiration und noch dazu recht schwerfällig über den Bildschirm flimmert.

Gesamteindruck: 3/7


Kleinstadt-Horror.

Dass „The Witch Next Door“ bei mir nicht so richtig funktioniert, hat diverse Gründe. Das größte Problem scheint mir jedoch die Austauschbarkeit nahezu aller Aspekte des Films zu sein: Prämisse, Story, Charaktere – fast alles wirkt völlig generisch auf mich. Kein Wunder also, dass der Funke einfach nicht überspringen wollte…

Worum geht’s?
Das Kleinstadt-Idyll, in das Teenager Ben aus Erziehungsgründen geschickt wird, ist trügerisch: Zunächst hat der junge Mann mit den üblichen Problemen seines Alters zu kämpfen und findet schwer Anschluss im Ort. Diese Schwierigkeiten geraten jedoch zunehmend in den Hintergrund, als Ben merkt, dass mit der Familie, die nebenan wohnt, etwas ganz und gar nicht stimmt…

Auch wenn es in meiner Einleitung so rüberkommen mag: Es ist nicht alles schlecht an „The Witch Next Door“ (im Original übrigens „The Wretched“; ich werde wohl nie verstehen, warum deutschsprachige Verleihe einen englischen Titel durch einen anderen ersetzen). Vor allem die Grundstimmung wurde von den für Regie und Drehbuch verantwortlichen Brüder Brett und Drew Pierce gut inszeniert: So wirkt das Küstenstädtchen zwar idyllisch, man merkt als Zuseher:in allerdings sofort, dass hier einiges im Argen liegt. Das Gefühl, dass man dort nicht unbedingt wohnen möchte, ist – ganz im Gegensatz zu einer Legion ähnlicher Filme, die hierfür zum metaphorischen Holzhammer greift – vor allem einigermaßen subtil verpackt, was eine echte Wohltat ist.

Damit hat es sich dann aber leider weitgehend, was die Qualitäten von „The Witch Next Door“ betrifft. Eventuell kann man der Idee, dass die Angehörigen „vergessen“, wen oder was sie verloren haben, noch etwas abgewinnen – das allein reicht aus meiner Sicht aber nicht für einen wirklich spannenden Film. Zumal mir alles zu oberflächlich daher kommt; so, als hätte man eine an sich gute Idee gehabt, damit dann aber nichts Vernünftiges anzufangen gewusst. Damit wirkt die Prämisse wie ein notwendiges Übel, um überhaupt eine Geschichte erzählen zu dürfen. Ein harsches Urteil, ich weiß – aber wenn es hier eine versteckte Ebene geben sollte, ist sie mir entgangen. Oder, anders ausgedrückt: Die Pierce-Brüder haben es nicht geschafft, sie mir zu vermitteln.

Weder richtig schlecht noch wirklich gut.

Unabhängig davon leidet „The Witch Next Door“ aus meiner Sicht an einer ganzen Reihe von Schwierigkeiten, die für sich genommen nicht katastrophal wären, in der Summe aber für den schwachen Gesamteindruck sorgen. So kann man zum Beispiel die Charaktere mit praktisch jedem Beitrag zum Genre des Teenie-Horrors, den man in den vergangenen 25 Jahren gesehen hat, austauschen. Ähnliches gilt für den Cast, der die Figuren verkörpert. Freilich darf man den Schauspieler:innen nicht die Schuld an den Versäumnissen von Drehbuch und Dialogen geben; gleichzeitig muss ich aber schon auch konstatieren, dass es an Spielfreude fehlt.

Das größte Problem ist aus meiner Sicht jedoch das Drehbuch. Das beginnt bereits beim Aufbau der Geschichte, der relativ gemächlich von Statten geht. Das wäre per se nicht negativ, in diesem Fall fehlt es aber so sehr an Spannung, dass man ständig Gefahr läuft, das Interesse des Publikums zu verlieren. Wenn dann irgendwann etwas mehr Bewegung in die Sache kommt, war es für mich zu spät – „The Witch Next Door“ konnte mich einfach nicht mehr „einfangen“. Das auch damit zu tun, dass an keiner Stelle wirklich Überraschendes passiert. Das ist fast schon paradox, bedient sich der Film doch relativ umfangreich an Versatzstücken unterschiedlicher Genres und Werke. Das mag im ersten Moment grandios klingen, ist hier aber so inszeniert, dass man viel zu häufig erahnen kann, was als Nächstes passiert. Letztlich hält sich sogar der Gruselfaktor für meinen Geschmack arg in Grenzen, sodass „The Witch Next Door“ auch hier nicht so richtig zu punkten vermag.

Damit kann ich eigentlich nur ein Fazit ziehen: Die Pierce-Brüder haben hier ein in allen Belangen durchschnittliches Werk geschaffen, das nirgends richtig schlecht – aber eben auch nicht richtig gut – ist. Und das ist mir persönlich einfach zu wenig, wenn ich mir ansehe, aus welchen und wie vielen Filmen man heutzutage frei wählen kann.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: The Wretched.
Regie:
Brett Pierce, Drew T. Pierce
Drehbuch: Brett Pierce, Drew T. Pierce
Jahr: 2019
Land: USA
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): John-Paul Howard, Piper Curda, Jamison Jones, Azie Tesfai, Kevin Bigley



FilmWelt: The Host

Dass Bong Joon-ho ein Könner ist, hat sich längst auch beim westlichen Publikum herumgesprochen. Vor allem seit seiner Comic-Verfilmung „Snowpiercer“ (2013), spätestens aber seit dem mit Awards bis hin zum Oscar überschütteten „Parasite“ (2019), wird der Mann aus Südkorea auch in unseren Breiten als Ausnahmetalent gefeiert. „The Host“ (2006) ist hingegen eines seiner Frühwerke und gilt hierzulande wohl eher als Kuriosum (wenn man denn überhaupt schon einmal davon gehört hat).

Gesamteindruck: 5/7


(Nicht nur) Ein Monsterfilm.

In der Heimat des Regisseurs sieht die Sache freilich anders aus: „The Host“ (oder „Gwoemul„, also „Monster“, wie der Titel im Original lautet) war in Südkorea seinerzeit der besucherstärkste Film überhaupt und liegt in jener Rangliste bis heute (September 2022) auf einem respektablen sechsten Platz. Übrigens weit vor bei uns deutlich bekannteren Streifen wie „Train to Busan“ (2016, Rang 15) oder „Parasite“ (gar nur Rang 19). Wieviel solche Listen über die Qualität aussagen, sei dahingestellt – interessant ist aber allemal, dass dort ein mittlerweile 16 Jahre alter Film vor vielen weit aktuelleren (und inhaltlich vermeintlich ernsthafteren) Werken liegt.

Worum geht’s?
Jahre, nachdem ein südkoreanischer Arzt auf Befehl seines amerikanischen Vorgesetzten Gift in einem Fluss entsorgt hat, kommt es in Seoul zur Katastrophe: Ein augenscheinlich mutiertes Monster steigt aus der Kanalisation empor und greift wahllos Menschen an. Manche werden sofort getötet, andere verschleppt – so auch die junge Hyun-seo. Die Regierung ist mit der Situation völlig überfordert, sodass sich die zerstrittene Familie des Mädchens schließlich selbst auf die Suche macht. Dabei stellt sich heraus, dass die Kreatur nicht die einzige Gefahr ist, die auf die Helden wider Willen wartet…

Ich gebe es zu: Ich habe wenig Ahnung von der fernöstlichen Filmkultur. Mit den japanischen Kaijū-Klassikern wie „Godzilla“ bin ich noch gut vertraut, danach wird die Suppe jedoch dünn. Schon die bei Vielen sehr beliebten Martial-Arts-Streifen waren mir meistens zu abgefahren und haben mich eher davon abgehalten, mich weiter mit Produktionen aus jenem Teil der Welt auseinanderzusetzen. Erst in jüngerer Vergangenheit habe ich erneut versucht, einen Zugang zum asiatischen Film zu finden – und siehe da: Gerade Südkorea hat eine Menge zu bieten, das deutlich hochwertiger ist, als ich es mir jemals erwartet hätte (als weiteres Beispiel sei neben genannten Werken die ausgefallene Zombie-Geschichte „#amLeben“, 2020, genannt).

Einstiegshürden.

Zwei Einstiegshürden, die meiner Erfahrung nach umso höher sind, je älter der Film ist, müssen vom westlichen Publikum meist überwunden werden: Effekte und Schauspielkunst, die sich jeweils stark von dem unterscheiden, was Hollywood-geprägte Zuschauer:innen gewohnt sind. Beginnen wir mit der Optik: Die Special Effects wirken im Vergleich zu amerikanischen und europäischen Blockbustern deutlich weniger realistisch und haben eher die Anmutung von dem, was wir hierzulande aus B- und C-Movies kennen. Vor allem gilt das für computergeneriertes Material, das wie bei den teuersten US-Produktionen nie mit praktischen Effekten mithalten kann. Im Falle von „The Host“ ist das besonders auffällig, heißt: Man sieht leider sehr deutlich, dass z. B. das Monster aus dem Computer stammt. Nun darf man in diesem Zusammenhang aber auch nicht vergessen, dass das, was bei uns als „schlechter Effekt“ gilt, zumindest in Japan durchaus als Teil der Filmkultur gesehen wird (ich erinnere erneut an „Godzilla„) und einen wichtigen Teil des Charmes dieser Produktionen darstellt. Ob das in Südkorea auch so ist, weiß ich nicht; Fakt ist jedenfalls, dass es eine Weile dauert, bis sich das Auge an das eigenwillige Design der Kreatur gewöhnt hat. Dass das hier dennoch relativ schnell passiert, hat damit zu tun, dass der Film inhaltlich sehr stark ist.

Die zweite Hürde ist etwas schwieriger zu beschreiben (und eventuell auch schwerer zu überspringen): Das Schauspiel der Darsteller:innen und, auch nicht zu unterschätzen, die Synchronisation, sind ganz anders, als man es von westlichen Werken kennt. Und hier muss man nun aufpassen, weil ich ganz und gar nicht sicher bin, ob „The Host“ absichtlich Klischees bedient – oder vielleicht doch „ganz normal“ (für eine koreanische Produktion) gespielt ist. Ist ersteres der Fall, würde ich sagen: Mission erfüllt, zumindest auf westliche Augen wirkt das, was die Damen und Herren auf dem Bildschirm veranstalten, teilweise reichlich übertrieben bis hin zur Parodie. Wäre interessant, ob das Kenner:innen der koreanischen Kultur auch so sehen; ich selbst habe einfach viel zu wenig Einblick, um das auch nur halbwegs einschätzen zu können.

Unterm Strich spielt es aber gar keine so große Rolle, ob „The Host“ freiwillig oder unfreiwillig übertrieben bis hin zum Komischen ist: Der Film entwickelt nach einer kurzen Eingewöhnungsphase seinen ganz eigenen Charme und man hat nach einigen Minuten das Gefühl, dass alles genauso ist, wie es sein muss. Was die oben kurz erwähnte Synchro betrifft, gibt es das übliche Problem: Koreanisch unterscheidet sich massiv von Englisch, Deutsch und anderen europäischen Sprachen. Dadurch merkt man deutlich stärker, dass hier synchronisiert wurde, allein schon weil Gestik und Mimik relativ oft nicht zum Gesagten passen. Freilich gewöhnt man sich auch daran, allerdings ist mir das deutlich schwerer gefallen als die Überwindung der weiter oben angesprochenen Hürden.

Eine unterhaltsame Parabel.

Ich habe etwas weiter oben ja schon unser aller Lieblingsmonster Godzilla erwähnt. „The Host“ steht meines Erachtens ganz stark in der Tradition des japanischen Giganten: Hüben wie drüben wird die Parabel eines Monsters genutzt, um auf gravierende Missstände hinzuweisen. Die Folgen der Umweltverschmutzung sind in der südkoreanischen Produktion genauso Thema wie die Unfähigkeit der Regierung, mit einer akuten Krisensituation umzugehen. Vor allem die Hilflosigkeit der Behörden, die überhaupt nicht wissen, wie ihnen geschieht und das an den panischen Menschen auslassen, ist in „The Host“ meiner Ansicht nach sehr gut dargestellt. Interessant auch, dass die Versuche der Verantwortlichen, die Situation zu vertuschen und dabei auch über Leichen zu gehen – etwas, das in solchen Filmen zum guten Ton gehört – hier trotz massiver Überzeichnung keineswegs aufgesetzt, sondern sehr organisch wirkt.

Von diesen klassischen Themen abgesehen, beschäftigt sich „The Host“ auch mit eher Ungewöhnlichem: Der Film ist eine Abrechnung mit der brutalen Leistungsgesellschaft und streift auch Motive des Familiendramas. Denn wir beobachten hier nicht vorwiegend das Schicksal der Massen, die in Seoul in Panik geraten, sondern sehen die verzweifelten Versuche einer Familie, einem ihrer Mitglieder zu helfen. Das allein ist schon dramatisch, hinzu kommt aber, dass die Protagonisten selbst alles andere als frei von Fehl und Tadel sind. Dass sie sich beim Versuch, eine der ihren zu retten, einigermaßen zusammenraufen, mag wie ein Klischee klingen, wird aber in diesem Fall ebenfalls sehr glaubwürdig dargestellt.

Alles in allem finde ich nicht viel an „The Host“ auszusetzen. Klar, den ganz großen Tiefgang gibt es hier nicht, dennoch ist der Film erstaunlich abwechslungsreich und streift deutlich mehr Themen, als man vermuten möchte. Die Story wirkt auf den ersten Blick etwas generisch, ist aber spannend erzählt und auch die Inszenierung stimmt; sogar die eine oder andere Überraschung findet man. Die eigenwillige Optik würde ich nach kurzer Eingewöhnungsphase durchaus als charmantes Alleinstellungsmerkmal verbuchen. Damit steht einer unverhofft hohen Wertung und dem Prädikat unterhaltsam wenig entgegen – wer mit asiatischem Monster-Horror, der aber eigentlich ein für Bong Joon-ho fast schon typischer Genre-Mix ist, grundsätzlich etwas anfangen kann, sollte unbedingt einen Blick riskieren.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: 괴물 (Gwoemul).
Regie: Bong Joon-ho
Drehbuch: Bong Joon-ho, Baek Chul-hyun, Ha Won-jun
Jahr: 2006
Land: Südkorea
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): Song Kang-ho, Byeon Hee-bong, Park Hae-il, Bae Doo-na, Ko Ah-sung



FilmWelt: The Hunt

Die Inhaltsangabe von „The Hunt“ (2020) lässt vermuten, dass hier ein altbekanntes Thema aufgegriffen wird: Menschen, die meinen, außerhalb des Gesetzes zu stehen, machen Jagd auf weniger Privilegierte. „Battle Royale“ (2000), „Hostel“ (2005) und die Serie „Squid Game“ (seit 2021) wären prominente Beispiele für Geschichten, die in diese Richtung gehen. Und „The Hunt“ beinhaltet auch tatsächlich eine ganze Reihe klassischer Genre-Motive. Sehenswert ist der Film aber dennoch – denn wie sich bereits nach wenigen Minuten herausstellt, bricht er gleichzeitig mit vielen Konventionen und birgt Überraschungen am laufenden Band.

Gesamteindruck: 6/7


Wer jagt wen?

Es ist gar nicht so leicht, eine Rezension zu „The Hunt“ einigermaßen spoilerfrei zu gestalten – ein so immanenter Bestandteil dieses Films sind seine Twists. Was man jedenfalls konstatieren kann: Nichts ist so, wie es scheint – nicht einmal, wer der Held oder die Heldin ist, erfährt man auf konventionelle Weise. Und, was noch unstrittig ist: Dieser Film legt ein gewaltiges Tempo vor und schreckt von Anfang an nicht vor expliziter Brutalität zurück. Letzteres hat, in Verbindung mit einer realen Gewaltwelle die in den USA just zu den ersten Ankündigungen des Films stattfand, dafür gesorgt, dass „The Hunt“ ein Jahr später als geplant veröffentlicht wurde (und kein US-Kino von innen gesehen hat). Übertrieben? Mag sein – aber auch ein Zeichen der Zeit, in der wir leben.

Worum geht’s?
Ist es nur eine urbane Legende, ein Scherz oder ein Internet-Phänomen? Angeblich soll sich „die Elite“ regelmäßig treffen, um Jagd auf Menschen zu machen. Und tatsächlich wacht eine Gruppe von Personen, die einander nicht kennen und die nicht wissen, wie ihnen geschieht, geknebelt irgendwo in einem Feld auf. In einer Kiste gibt es neben einem lebendigen Ferkel (!) diverse Waffen zu finden. Die werden auch dringend gebraucht, denn die Menschenhatz geht ohne Umschweife los…

„The Hunt“ startet mit dem üblichen, leicht mysteriösen Vorgeplänkel, in dem einige Charaktere vorgestellt (naja, eher: grob umrissen) werden. Bereits hier geht es sehr brutal zur Sache; am Ort des Geschehens angekommen, dauert es gefühlt nur Sekunden, bis das erste Opfer völlig unerwartet durch einen Kopfschuss niedergestreckt wird. Blut und Hirn spritzen durch die Gegend – und man fragt sich als Zuseher:in, was man hier gerade gesehen hat. Lange kann man nicht überlegen, denn es geht wirklich Schlag auf Schlag und schon nach rund 15 Minuten fragt man sich, wie der Film überhaupt weitergehen soll – denn bereits zu diesem frühen Zeitpunkt sind haben sich die Reihen dermaßen gelichtet, dass man fast schon beim „final girl“ angekommen scheint.

Opfer-Täter-Umkehr (oder so ähnlich?).

Dabei hat man erst der Anfang einer wilden Achterbahnfahrt gesehen, die von nahezu pausenloser Action, aber auch von vollkommen überraschenden Wendungen geprägt ist. Heißt: Auch wer schon den einen oder anderen auf den ersten Blick ähnlich gelagerten Film gesehen hat, wird die Twists, die Regisseur Craig Zobel hier inszeniert, großteils nicht kommen sehen. Und das hebt „The Hunt“ meines Erachtens von „Hostel“, „Battle Royal“ & Co ab: Der Film handelt nicht nur vom Überlebenskampf vermeintlicher Opfer, sondern zeichnet ein ambivalentes Bild, das dazu führt, dass die die Sympathiewerte des Publikums immer wieder wechseln. Das betrifft im Übrigen auch die Täter:innen, die ebenfalls ganz anders sind, als man es erwarten würde.

Dadurch entzieht sich der Film auf ganz eigentümliche Weise der politischen Agitation. Ich denke, es ist kein großer Spoiler, wenn ich es kurz zusammenfasse: Die Bösen, also diejenigen, die eine reale Jagd auf Menschen veranstalten, sind dem politisch links-liberalen Spektrum zuzuordnen, während sich die Opfer, mit denen man sich als Zuseher:in eigentlich voll identifizieren sollte, konservativ bis rechtsextrem sind, wie an diversen Szenen und Rückblenden eindeutig erkennbar ist. Das bringt natürlich ein interessantes Dilemma: Soll man – als selbst eher liberal eingestellter Mensch – nun tatsächlich für diejenigen sein, die Andere fangen, unter Drogen setzen und dann gnadenlos umbringen? Oder soll man sich mit den Opfern identifizieren, die – immer aus Sicht eines Liberalen – Waffennarren, Hassposter und homophobe W*chser sind? Durch diese sehr spannende Verteilung der Opfer- und Täter:innenrollen erhält „The Hunt“ einen Überbau, den man von einem Film, den man anhand des Trailers sofort zu durchschauen meint, nicht erwarten würde. Zumindest ist es mir so ergangen – und ich habe länger über dieses Werk nachgedacht, als mir lieb war.

Gut gespielt ist halb gewonnen.

Die einzige Konstante im ständigen Hin & Her der Story ist letzten Endes die von Betty Gilpin gespielte Crystal. Mir persönlich war die Darstellerin bisher kein Begriff, am ehesten wird sie einem breiteren Publikum vermutlich aus der Netflix-Wrestling-Parodie „GLOW“ (2017 bis 2019), vielleicht auch aus der TV-Serie „Nurse Jackie“ (2009 bis 2015) ein Begriff sein. Davon abgesehen war sie hauptsächlich in einzelnen Folgen anderer Serien zu sehen und hat den einen oder anderen Filmauftritt zu Buche stehen – ob und wann ich sie überhaupt einmal gesehen habe, weiß ich ehrlich gesagt nicht (mehr). Wie dem auch sei: Gilpin spielt in „The Hunt“ ganz hervorragend. Sie ist ja eigentlich ein Opfer der Menschenjäger:innen, will sich aber ganz und gar nicht in diese Rolle fügen.

Doch anders als es beim klassischen „final girl“ wird sie nicht erst gegen Ende zur grimmigen und nahezu unbesiegbaren Kämpferin, sondern hat von Anfang an gewisse Fähigkeiten, die ihr beim Überleben helfen. Das ist freilich dem Drehbuch zu verdanken – was hingegen an der Darstellung durch Betty Gilpin beeindruckt, ist die stoische Ruhe, mit der sich Crystal durch ihre zahlen- und waffenmäßig überlegenen Gegner:innen schneidet. Hier und da gibt es einen lockeren Spruch, insgesamt kommen ihr allerdings nicht allzu viele Worte – und schon gar kein Lächeln – über die Lippen. Die fast schon greifbare Aura von Gefahr, die die Figur umgibt und die Ruhe, die sie dabei ausstrahlt, hat fast schon was von Llewelyn Moss („No Country for Old Men“, 2007), wobei in vorliegendem Fall natürlich alles deutlich überzeichneter ist.

Als Gegenspielerin von Betty Gilpin bzw. Crystal tritt übrigens die von Hilary Swank verkörperte Athena auf. Diese Figur ist leider deutlich weniger interessant und vergleichsweise glatt. Schlecht gespielt ist die Rolle allerdings nicht, sehenswert vor allem der finale Kampf zwischen diesen beiden Charakteren, der viel vom 1. Kapitel („2“) von „Kill Bill – Volume 1“ (2003) hat. Überhaupt lässt die Stimmung von „The Hunt“ immer mal wieder Reminiszenzen an den Tarantino-Klassiker aufkommen, was ich durchaus als Kompliment verstanden wissen möchte.

Fazit: Ich finde tatsächlich kaum Haare in der Suppe, die uns Craig Zobel mit „The Hunt“ vorsetzt. Ihm ist hier ein flotter, höchst unterhaltsamer Film gelungen, der kaum Längen hat, gut gespielt ist, vor überraschenden Wendungen strotzt – und schlicht und einfach Spaß macht. Klar, man muss eine gute Portion Gore ertragen können und auch die Verteilung von Opern und Täter:innen wird nicht Allen schmecken. Mich hat das hingegen nicht gestört – nicht, weil ich mich mit den merkwürdigen Typen, die hier als Opfer dienen, identifizieren konnte, sondern weil dieser Ansatz durchaus dazu führen kann, dass man über die eigene, vermeintlich überlegene Moral nachdenkt. Und das ist dann doch deutlich mehr, als man von einem Film mit einer solchen Story erwarten würde. Daher: Ansehen!

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: The Hunt.
Regie:
Craig Zobel
Drehbuch: Nick Cuse, Damon Lindelof
Jahr: 2020
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Betty Gilpin, Hilary Swank, Emma Roberts, Justin Hartley, Ethan Suplee



MusikWelt: Space Police – Defenders of the Crown

Edguy


Das 10. Album der hessischen Formation Edguy ist im April 2014 erschienen. Ich schreibe diese Rezension im Sommer 2022 einen Nachfolger gibt es bis dato jedoch nicht, obwohl die Band nicht aufgelöst, sondern „on hold“ ist. Im Folgenden versuche ich zu klären, ob „Space Police – Defenders of the Crown“ ein würdiger Abschluss ist, egal, ob „nur“ vor einer langen Pause oder doch dem endgültigen Aus für die einst so gefeierten Wunderkinder des (deutschen) Melodic Metal…

Gesamteindruck: 5/7


Rückbesinnung.

Der Blick auf die Tracklist verheißt zunächst nichts Gutes: Nur bei einer von zehn Nummern des regulären Albums konnte ich ad hoc sagen, wie sie klingt. Das ist auch keine große Kunst, handelt es sich dabei mit „Rock Me Amadeus“ von Falco doch um ein Cover (hier das Original). Die restlichen Titel waren mir nicht einmal vom Namen her ein Begriff (was auf dem mauen Vorgänger „Age of the Joker“ von 2011 noch anders war). Daraus schließe ich, dass „Space Police“ für mich anno 2014 entweder keinen einzigen, halbwegs memorablen Moment enthalten hat oder ich hatte Edguy damals schon längst ad acta gelegt und mir die Platte kein einziges Mal bewusst angehört.

Die nunmehrige, intensivere Auseinandersetzung legt jedenfalls Möglichkeit Nummer zwei nahe, denn nach mehreren Durchläufen kam mir kein einziger Song auch nur ansatzweise bekannt vor. Und zwar weder im Positiven noch im Negativen, sodass ich davon ausgehe, dass ich das Album vor 2022 tatsächlich so gut wie nie gehört haben dürfte. Überraschend ist das eigentlich nicht, mein musikalischer Fokus war damals ja bereits ein völlig anderer. Vor allem aber hat die teils unterirdische Qualität, die Edguy in den Jahren zuvor abgeliefert hatten, jegliches Interesse am weiteren Output der Hessen im Keim erstickt.

An dieser Stelle vielleicht ein Wort zum angesprochenen Falco-Cover: Kann man machen, muss man aber nicht. Die Original-Version lebt ja von dem arroganten Superstar-Gehabe eines Falco, der im Wiener Dialekt vor sich hin rappt und damit eine eigentümliche Atmosphäre erschafft, die schlicht nicht reproduzierbar ist. Auch und vor allem von einer Band wie Edguy nicht, zumindest nicht so, wie sie es hier machen (keine Ahnung, ob es als Metalband überhaupt möglich ist). Musikalisch ist es ja noch in Ordnung, gesanglich bekleckert sich der gute Tobi hier aber nicht mit Ruhm. Ist nicht seine Art zu singen, ist nicht seine Stimmlage, ist nicht seine Sprache – so einfach kann das manchmal sein. Ich denke, den Song kann man vielleicht auf der einen oder anderen Metal-Party um Mitternacht auflegen (Ohrwurm-Charakter hat er ja), aber eigentlich würde ich es sogar dort eher mit dem Original versuchen, denn dem fügen Edguy nichts Essenzielles hinzu.

Überraschend gut.

Von dieser Irritation abgesehen mundet die Suppe, die uns die Mannen um Bandleader und Chef-Kaspar Tobias Sammet kredenzen, aber bei weitem nicht so schlecht, wie ich befürchtet hatte. Bereits der Opener „Sabre & Torch“ ist metallischer als alles, was man von Edguy in den zehn (!) Jahren zuvor gehört hat, zusammengerechnet. Ganz ehrlich: Ich hätte nicht erwartet, jemals wieder dermaßen prominent in den Vordergrund gemischte Riffs von dieser Band zu hören. Klar, die vielen „woh-oh-oh“-Teile sind cheesy und die Nummer ist ein bisschen zu lang – aber das ändert nichts daran, dass wir es hier mit dem besten Einstieg in ein Edguy-Album seit „Mysteria“ (auf „Hellfire Club“, 2004) zu tun haben.

Nun wäre das allein freilich zu wenig für eine passable Gesamtwertung. Allerdings geht das Album ähnlich gut weiter, die quasi-Titeltracks „Space Police“ und – eh klar – „Defenders of the Crown“ wissen ebenfalls vorbehaltlos zu gefallen. Wobei erstere Nummer etwas schwächer ist und ich den bemüht-witzigen Text nicht sonderlich mag, obwohl ich die Intention durchaus verstehe. „Defenders of the Crown“ ist hingegen großartig und greift tief in die ganz alte Power Metal-Kiste, eben genau so, wie es ein solcher Titel verspricht.

Der Rest des Albums ist – zu „Rock Me Amadeus“ habe ich ja alles gesagt – ebenfalls gelungen und zeigt, dass es Edguy 2014 doch noch konnten. Dabei stört nicht einmal, dass die Hessen eine Art Werkschau unternehmen, es sich also auch nicht nehmen lassen, Seiten ihres Schaffens auszuleben, die ich eigentlich nicht goutiere. So reiht sich rockiges („Love Tyger“, „Do Me Like A Caveman“) an schwermetallisches („The Realms of Baba Yaga“, „Shadow Eaters“) Liedgut. Das ist nicht ganz neu für Edguy, aber so frisch und spielfreudig klangen sie, ich wiederhole mich, in den zehn Jahren vor „Space Police“ nie, vor allem nicht auf Albumlänge. Der Vollständigkeit halber sei noch angemerkt, dass es mit „The Eternal Wayfarer“ ganz klassisch einen längeren Rausschmeißer gibt, dessen Refrain ich sehr gern mag, der insgesamt aber nicht ganz so geil ist, wie ich mir nach dem, was ich zuvor gehört habe, erhofft hätte. Egal, trotzdem eine gutklassige Nummer.

Es geht nicht ohne Wermutstropfen.

Zwei Wermutstropfen muss ich aber auch benennen: Einerseits ist die Pflichtballade, „Alone in Myself“, komplett für die Tonne. Schade drum, denn das war eine Disziplin, in der mir Edguy zumindest auf den frühen Alben immer sehr gut gefallen haben. In vorliegendem Fall können sie hingegen nicht ansatzweise an alte Großtaten anschließen. Andererseits habe ich teilweise ein echtes Problem mit der Stimme von Tobias Sammet. Speziell bei Songs wie „Sabre & Torch“ oder „Space Police“ bekommt man eine Ahnung davon, was der Grund für den musikalischen Kurswechsel gewesen sein mag, den Edguy kurz nach der Jahrtausendwende vollzogen haben: Man meint regelrecht zu hören, wie sehr sich der Frontmann abmühen muss, halbwegs aggressiv zu klingen. Ganz gelingt ihm das nicht, zumindest in meinen Ohren wirkt er vor allem angestrengt, was den Gesamteindruck dann leider doch etwas nach unten zieht.

Fazit: Wer Edguy nach „Hellfire Club“ komplett abgeschrieben hat, hat mein vollstes Verständnis. Alles was danach kam, hat auch mich enttäuscht – umso erstaunliche  ist es, wie stark „Space Police – Defenders of the Crown“ aus den Boxen kommt. Eine schöne Überraschung, die man, wie ich finde, trotz aller Anwandlungen von Meister Sammet keineswegs kleinreden sollte. Mir hat es gefallen, auch wenn der ganz große, unsterbliche Hit nicht dabei ist

Gesamteindruck: 5/7 


NoTitelLängeNote
1Sabre & Torch5:006/7
2Space Police6:005/7
3Defenders of the Crown5:397/7
4Love Tyger4:265/7
5The Realms of Baba Yaga6:075/7
6Rock Me Amadeus [Falco-Cover]3:203/7
7Do Me Like a Caveman4:094/7
8Shadow Eaters6:086/7
9Alone in Myself 4:362/7
10The Eternal Wayfarer8:505/7
54:15

Edguy auf Space Police (Defenders of the Crown” (2014, Nuclear Blast):

  • Tobias Sammet − Vocals, Keyboards
  • Jens Ludwig − Lead Guitars
  • Dirk Sauer − Rhythm Guitars
  • Tobias Exxel − Bass
  • Felix Bohnke − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Defenders of the Crown
Anspieltipp 2: Sabre & Torch

FilmWelt: Halloween Haunt

In Amerika sind Spukhäuser, die wie eine Mischung aus Geisterbahn und Escape Room funktionieren, schon länger bekannt und beliebt. Das Publikum gibt sich in solchen Installationen dem gepflegten Grusel hin. Und, wie so oft, scheinen auch hier immer noch extremere Kicks erforderlich zu sein, um noch jemanden hinter dem Ofen hervorzulocken. Dieses Themas nimmt sich der u. a. von Eli Roth produzierte Slasher „Halloween Haunt“ (2019) an.

Gesamteindruck: 2/7


Halloween, Horrorclowns und ein Haus.

Für Drehbuch und Regie des Films, der im Original übrigens nur „Haunt“ heißt, zeichnet das Duo Scott Beck und Bryan Woods verantwortlich. Die kennt man am ehesten als Verfasser des Drehbuchs zu „A Quiet Place“ (2018), ansonsten stammt aus ihrer Feder eher obskures Material, von dem die Meisten wohl noch nie etwas gehört haben dürften (jedenfalls geht es mir so).

Worum geht’s?
Eine Gruppe junger Leute ist zu Halloween auf der Suche nach dem besonderen Kick. Dafür kommt natürlich nur eines in Frage: Der Besuch einer – angeblich besonders extremen – „Haunted House“-Installation. Dort angekommen ist man vorerst noch frohen Mutes, gibt die Handys ab und betritt die heruntergekommene Villa. Gruselig ist es dort allemal, als sich aber herausstellt, dass auch Verletzung und Tod Teil des Halloween-Programms sind, hält das blanke Entsetzen Einzug…

Ich falle einfach mal mit der Tür ins Haus: „Halloween Haunt“ hat mir nicht sonderlich gefallen. Wirklich überraschend ist das nicht, eigentlich war schon an Titelbild und Inhaltsangabe absehbar, dass man sich von diesem Streifen nicht allzu viel erwarten sollte: Halloween, Horror-Clowns und ein Spukhaus sind ja nicht unbedingt Zutaten, die man zum ersten Mal in einem Film gesehen hätte. Angesehen habe ich ihn mir trotzdem, einfach weil ich mal wieder Lust auf einen klassischen Slasher hatte, mit ein bisschen Blut, Nervenkitzel und ein paar Jump-Scares – und mir auf der Suche nach diesen Anforderungen der Zufall vorliegendes Werk empfohlen hat.

Im Endeffekt kann man es so zusammenfassen: „Halloween Haunt“ ist ein durch und durch generischer Film. Das betrifft einerseits die Handlung, die man so oder so ähnlich aus zig Genre-Vertretern kennt und die vor wirklich keinem Klischee halt macht. Andererseits übernimmt der Streifen auch äußere Einflüsse, die eigentlich tunlichst vermieden werden sollten und die wie aus dem Lehrbuch für die letzten Zuckungen der 2. Welle des Teenie-Horrors in den späten 1990er wirken: Dialogzeilen zum Fremdschämen, öde Schauspielerei, austauschbare Gesichter – alles ist da.

Generische Melange, schlecht abgeschmeckt.

Bezüglich Handlung und Drehbuch ist zunächst festzuhalten, dass „Halloween Haunt“ unter dem üblichen Slasher-Phänomen leidet: Die ganze Geschichte ist schlichtweg bescheuert und unglaubwürdig. Vor allem die Frage, warum sich unsere Jungs und Mädels so leicht überreden lassen, das Haus zu betreten, obwohl sofort klar ist, dass etwas nicht stimmt, schwebt die ganze Zeit über wie ein Damoklesschwert über dem Film. Mehr will ich dazu auch gar nicht sagen, jede:r, der/die schon einmal einen ähnlichen Streifen gesehen hat, weiß ohnehin ganz genau, wann was passiert und welche Knöpfe gedrückt werden, um dieses oder jenes Gefühl beim Publikum auszulösen.

Die wahren Probleme von „Halloween Haunt“ beginnen mit der Hauptfigur, die – wie üblich – als graues Mäuschen mit halb-tragischer Hintergrundgeschichte startet, um im Verlauf der Handlung zum klassischen „Final Girl“ zu mutieren und den Spieß umzudrehen. Kann man so machen, ist im Genre irgendwo sogar Pflicht, nur ist es hier dermaßen uninspiriert und ideenlos, dass es fast schon weh tut. Eventuell hängt das auch damit zusammen, dass der Rest des Casts dermaßen beliebig ist, denn als Zuseher:in ist man damit noch mehr auf die gute Harper (verkörpert von Katie Stevens, die wohl das Maximum aus der Rolle herausholt) fixiert. Das erschwert es, über deren schablonenhafte Darstellung hinwegzugehen – zumindest ist es mir so ergangen.

Nun kann man als Fan des Genres solche Dinge normalerweise problemlos ignorieren (Frage am Rande: Wann ist es eigentlich schick geworden, eine schlechte Erzählweise und miese Charaktere als quasi-positiv, weil „unterhaltsam“, anzusehen?). Das habe ich versucht, bin damit aber gescheitert, weil „Halloween Haunt“ für mein Dafürhalten an keiner Stelle richtig gruselig ist. Es kommt auch niemals die nötige Spannung auf und die Erzählung ist trotz ihrer Flachheit merkwürdig schwerfällig. Zu allem Überfluss ist das Spukhaus nicht sonderlich interessant; hier hilft es auch nicht, dass sich zum Ende hin weite Teile des bereits Gesehenen wiederholen, weil man fast exakt den Weg zurückgeht, den man gekommen ist.

Noch nicht einmal beim Ableben der wahlweise blassen und/oder unsympathischen Charaktere kommt man auf seine Kosten. Will sagen: Es gibt kaum Kreativität bei den Todesszenen, was für mein Dafürhalten zur Grundausstattung jedes guten Slashers gehören sollte. Ich weiß, das klingt sehr makaber, aber man denke z. B. daran, wie einfallsreich die Figuren in „Final Destination“ (2000) um die Ecke gebracht werden. Ja, das ist brutal, das ist menschenverachtend – aber es unterhält auf seine Weise durchaus, vor allem auch durch die Überzeichnung. Und dieser Aspekt fehlt hier, ganz abgesehen davon, dass sich „Halloween Haunt“ ohnehin viel zu ernst nimmt.

Auch im Slasher-Eck maximal zweite Reihe.

Mir ist natürlich klar, dass ein solches Werk, auch wenn die Qualität besser wäre, kaum für einen der großen Film- und Fernsehpreise in Frage kommen würde. Das weiß man im Vorhinein – dennoch gibt es meines Erachtens keinen Grund, jeden Slasher gut zu finden, nur weil er nicht mehr ist, als er zu sein vorgibt. Letzteres macht „Halloween Haunt“ zum Glück nicht, aber auch in seiner ureigenen Nische ist der Film weit davon entfernt, positiv aus der Masse herauszustechen.

Dass es mit der Gesamtwertung nicht noch weiter nach unten geht, ist einzig und allein der sauberen technischen Umsetzung zu verdanken. Vor allem die blutigen Effekte wissen durchaus zu überzeugen und haben, zu Recht, für den (erhofften?) „Ab 18“-Sticker gesorgt. Reicht das allein, „Halloween Haunt“ als guten Film abzuheften? Sehe ich nicht so.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Haunt.
Regie:
Scott Beck, Bryan Woods
Drehbuch: Scott Beck, Bryan Woods
Jahr: 2019
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Katie Stevens, Will Brittain, Lauryn Alisa McClain, Andrew Caldwell, Shazi Raja



MusikWelt: Age of the Joker

Edguy


Als „Age of the Joker“ drei Jahre nach dem schwachen „Tinnitus Sanctus“ (2008) auf den Markt geworfen wurde, hatte ich keine Erwartungen, hatte ich mit Edguy doch spätestens seit „Rocket Ride“ (2006) abgeschlossen. Entsprechend kann man meine damaligen Hördurchgänge von „Age of the Joker“ locker an einer Hand abzählen und ich musste mich für diese Rezension erstmals überhaupt intensiv damit beschäftigen. Und, soviel sei vorweggenommen: In voller Länge werde ich dieses Album wohl nie wieder hören…

Gesamteindruck: 2/7


Negativbestätigung.

Das 9. Studioalbum von Edguy ist die logische Fortsetzung des Kurses, den die Hessen bereits auf den unmittelbar vorangegangenen „Rocket Ride“ und „Tinnitus Sanctus“ eingeschlagen hatten. Leider. Heißt: Auch auf „Age of the Joker“ gibt es über weite Strecken eine Art AOR in Anlehnung an Acts wie Deep Purple (die ja zu den ganz großen Favoriten von Edguy-Chef Tobias Sammet gehören) auf die Ohren. Soll von mir aus so sein, hat aber mit der Musik, mit der man Ende der 1990er auch international zu einer echten Größe aufgestiegen ist, nichts mehr zu tun. Ob man das als Hörer:in goutiert ist freilich jedem/jeder selbst überlassen – ich persönlich kann damit leider überhaupt nichts anfangen und unter diesem Gesichtspunkt ist das Folgende auch zu lesen.

Unabhängig vom Genre sei außerdem angemerkt, dass man dem einen oder anderen Song deutlich anzuhören meint, dass Meister Sammet eigentlich viel lieber ein Avantasia-Album gemacht hätte (speziell die Schlussnummern „Behind the Gates of the Midnight World“ und „Every Night Without You“ sowie der Stampfer „Faces in the Darkness“ sprechen eine eindeutige Sprache). Blöd nur, dass jenes Projekt damals seinerseits bereits am absteigenden Ast war. Zu allem Überfluss vermute ich, dass genau diese Doppelbelastung Tobias Sammet die Kreativität (und zum Teil auch die Stimme) geraubt und sich damit negativ auf beide seiner Betätigungsfelder ausgewirkt hat. Spekulation? Mag sein, dennoch muss ich es so drastisch sagen: Aus meiner Sicht war bei Edguy bereits 2004 (mit „Hellfire Club“) und bei Avantasia 2008 (mit „The Scarecrow“) die Luft raus. Erholt hat sich bis dato (August 2022) keine der beiden Formationen (Edguy sind derzeit ohnehin seit geraumer Zeit „on hold“, was auch immer das heißen mag).

Glänzt zu keiner Zeit.

Nun aber zu „Age of the Joker“, das mit „Robin Hood“ ungünstig in seine mehr als einstündige Laufzeit startet: Der Opener ist mit über 8 Minuten deutlich zu lang (speziell der Spoken Word-Teil ist verzichtbar), hat zwar einen okayen Refrain, ist unterm Strich aber vor allem höchst unspektakulär. Was gleich hier auffällt und sich durchzieht: Die Gitarren sind viel zu leise, dafür gibt es bei den Keyboards einen heftigen Deep Purple-Einschlag. Dagegen wäre grundsätzlich nichts einzuwenden, nur sind Edguy in Sachen Songwriting halt mitnichten Deep Purple, was in Kombination mit der Erwartungshaltung an ehemalige Melodic Metal-Heroen zur bescheidenen Gesamtwertung führt.

Ich würde nun gern schreiben, dass es nach diesem klassischen Fehlstart besser wird – und ja, im ersten Moment hat man dieses Gefühl tatsächlich. Nur liegt das eher an der mangelhaften Qualität von „Robin Hood“ und weniger daran, dass Edguy sich songwriterisch steigern. So oder so: Der zweite Track, „Nobody’s Hero“, wäre definitiv der bessere Einstieg gewesen, wobei man auch hier nicht mal dann Metal findet, wenn man ihn mit der Lupe sucht. Und so geht es weiter und reiht sich eine nichtssagende Nummer an die nächste. Aufgehorcht habe ich an wenigen Stellen: „Rock of Cashel“ hat einen schönen Instrumentalteil mit geiler, irgendwie mittelalterlich anmutender Melodie und Maiden-Gitarren (wäre aber auf alten Edguy-Scheiben auch nur B-Ware gewesen). Am besten geht mir „The Arcane Guild“ ins Ohr, das tatsächlich wie eine klassische Melodic Metal-Nummer klingt. Wobei auch hier gilt: Was auf „Age of the Joker“ positiv hervorsticht wäre früher höchstens Durchschnitt gewesen…

Auf den Rest möchte ich eigentlich gar nicht mehr eingehen. Kein einziger (!) Track ist mir trotz einer Vielzahl an Versuchen nachhaltig im Gedächtnis geblieben, was man fast schon als katastrophales Fazit bezeichnen muss (vor der World of Shame bewahrt das Album nur, dass Edguy technisch niemand ans Bein pinkeln kann). Aber was soll man machen? Dass „Pandora’s Box“ ein bisschen mit Western und Country experimentiert, kann eventuell am Titel festmachen, dass „Every Night Without You“ eine Ballade sein muss, ist auch klar. Aber der Rest? Wie klingt „Breathe“? Wie „Two Out of Seven“? Ich weiß einfach nicht, wie diese Songs klingen. Und das ist im Endeffekt auch schon alles, was man über „Age of the Joker“ wissen muss. Schade – neben „Rocket Ride“ ist das damit der bislang schwächste Versuch der Hessen.

Gesamteindruck: 2/7 


NoTitelLängeNote
1Robin Hood8:262/7
2Nobody’s Hero4:334/7
3Rock of Cashel6:204/7
4Pandora’s Box6:473/7
5Breathe5:052/7
6Two Out of Seven4:293/7
7Faces in the Darkness5:244/7
8The Arcane Guild5:005/7
9Fire on the Downline5:483/7
10Behind the Gates to Midnight World8:584/7
11Every Night Without You4:521/7
1:05:42

Edguy auf „Age of the Joker” (2011, Nuclear Blast):

  • Tobias Sammet − Vocals
  • Jens Ludwig − Lead Guitars, Dobro
  • Dirk Sauer − Rhythm Guitars
  • Tobias Exxel − Bass
  • Felix Bohnke − Drums
Bild von: metal-archives.com

Anspieltipp 1: Nobody’s Hero
Anspieltipp 2: The Arcane Guild

SerienWelt: Star Trek: Picard – Staffel 2

„Bleibt nur die Hoffnung auf Staffel 2“ – mit diesem Satz endete meine Besprechung zur ersten Staffel von „Star Trek: Picard“ (2020). Nun, zwei Jahre später macht sich Ernüchterung breit: Die Fortsetzung der Serie um eine der beliebtesten Figuren aus dem Star Trek-Universum ist eine einzige Enttäuschung. Erneut haben wir es mit 10 Episoden zu tun, die kaum Trek-Feeling vermitteln, schlimmer noch: Der Serie gelingt es zu keinem Zeitpunkt, ihre eigene Existenz in dieser Form zu rechtfertigen. Denn das, was wir hier zu sehen bekommen, ist erneut Stoff, für den früher eine Doppelfolge „The Next Generation“ locker ausgereicht hätte. Exakt das habe ich schon über Staffel 1 geschrieben – traurig, dass es immer noch gilt.

Gesamteindruck: 2/7


Die Borg, Zeitreisen… und Q.

Es ist nun einige Wochen her, dass das mit „Farewell“ höchst kreativ betitelte Staffelfinale über meinen Bildschirm geflimmert ist. Diese Zeit wollte ich mir bis zum Niederschreiben meiner Meinung geben, um halbwegs reflektiert an die Sache herangehen zu können. Wenn man aus folgendem Text also Unverständnis, Frust und Ärger herausliest, hat das nichts mit einer Kurzschlussreaktion zu tun; im Gegenteil, ich habe lange darüber nachgedacht, ob ich der Serie und den dafür Verantwortlichen vielleicht Unrecht tue. Um es jedoch gleich vorweg zu nehmen: Das Zuwarten und Sinnieren hat keine Besserung gebracht, Staffel 2 von „Star Trek: Picard“ (im Folgenden reicht es wohl, nur „Picard“ zu schreiben) hat mich enttäuscht und mir jegliche Illusion genommen, dass die Serie noch zu retten ist.

Inhalt in Kurzfassung
Seinen Ruhestand zu genießen, ist Jean-Luc Picard nicht vergönnt: Eine Weltraum-Anomalie sendet ein Signal aus, in dem um einen Beitritt zur Föderation gebeten wird – und diese Nachricht richtet sich an den ehemaligen Captain der USS Enterprise persönlich. Vor Ort zeigt sich, dass es offenbar ausgerechnet die Borg sind, die verhandeln wollen, was freilich nicht ohne Konflikt abgeht. Und als ob das für den alternden Diplomaten nicht genug wäre, mischt sich auch noch sein Erzfeind Q ein und verändert die Zeitlinie auf unerfreuliche Art und Weise. Für Picard und seine erneut hastig versammelten Freunde bedeutet das: Ab in die Vergangenheit und im Jahr 2024 alles versuchen, den entstandenen Schaden zu beheben…

Eigentlich widerstrebt es mir, erneut einen ellenlangen Rant loszulassen. Andererseits muss es einfach raus, denn „Star Trek“ nimmt seit jeher einen besonderen Platz in meinem Herzen ein. Wie also diesen Text beginnen, ohne sofort loszuschimpfen? Vielleicht mit ein paar Fakten: „Picard“ besteht, wie es sich für eine moderne Serie gehört, aus aufeinander aufbauenden Episoden, in diesem Fall sind es zehn Stück. Der Vorteil liegt auf der Hand: Die alten „Star Trek“-Serien setzten nach jeder ihrer in sich geschlossenen Folgen fast alles auf Null zurück. Das ermöglichte zwar einen jederzeitigen und leichten Einstieg, umgekehrt war eine grundlegende Weiterentwicklung der Charaktere kaum möglich. Grundsätzlich weiß ich den modernen Zugang, der das isolierte Ansehen einzelner Episoden ausschließt, durchaus zu schätzen, ermöglicht er doch ganz andere Entwicklungen und Handlungsbögen. Vor allem, seit man dank Streaming unabhängig von TV-Ausstrahlungen geworden ist und nicht mehr tagelang auf die neueste Episode warten muss, sehe ich hier gelegentlich sogar Vorteile gegenüber dem Film, der ja doch auf eine gewisse Laufzeit beschränkt ist. Aber das nur am Rande.

Licht bei den Nebenrollen…

Die inhaltliche Auseinandersetzung mit „Picard“ möchte ich mit einem uneingeschränkt positiven Punkt beginnen: John de Lancie kehrt in seiner Paraderolle als nahezu allmächtiger Q, seines Zeichens einer der wichtigsten und am besten geschriebenen Star Trek-Antagonisten, zurück. Ein echter Lichtblick! Und auch wenn seine Auftritte viel zu selten und sehr kurz sind, scheint er doch alle anderen an die Wand zu spielen, was an und für sich schon Bände spricht…

Apropos Nebendarsteller:innen und positive Anmerkungen: Auch Brent Spiner, der zweite Veteran, der sogar eine etwas größere Rolle spielt und immer ein Garant für gute Unterhaltung ist, ist als Pluspunkt zu verbuchen. In dieser Staffel spielt er zwar ganz und gar keinen Sympathieträger, dennoch macht er seinen Job einmal mehr sehr gut. Wobei ich an dieser Stelle eines anmerken muss (auch wenn das kein echter Kritikpunkt ist): Es ist nicht mehr feierlich, wie berechenbar Spiner eingesetzt wird. Im Wesentlichen gibt man seinen Star Trek-Rollen einfach irgendeinen Vornamen und stellt ihn dann als Vor-, Nachfahre oder sonst irgendeinen Verwandten von Dr. Noonien Soong (Schöpfer des von Spiner in „The Next Generation“ verkörperten Androiden Data) vor. So auch hier, wobei es in diesem Zusammenhang zu einem der wenigen Querverweise kommt, die ich wirklich zu schätzen wusste: Von Adam Soong scheint es durch die Eugenischen Kriege eine direkte Linie zu Arik Soong zu geben, der seinerseits in mehreren Episoden von „Star Trek: Enterprise“ als Genetiker auftritt. Das fand und finde ich schön gelöst, auch wenn sich dadurch die Frage aufdrängt, wieso Mitglieder der Familie Soong offenbar über Jahrhunderte immer wieder ungehindert an umstrittenen oder sogar verbotenen Projekten arbeiten konnten. Aber sei’s drum, diesen Faden haben die Showrunner für mein Dafürhalten sehr gut aufgegriffen (zumindest wenn man ignoriert, dass die Eugenischen Kriege laut Kanon eigentlich in den 1990ern hätten stattfinden müssen, man sich also fragen darf, wieso die Erde des Jahre 2024 in „Picard“ genau unserer Gegenwart entspricht).

…Schatten beim Haupt-Cast.

Zum Rest des Casts habe ich leider kaum positive Anmerkungen – und damit sind wir dann auch schon mittendrin in den Problemen, die ich mit der Serie habe. Patrick Stewart führt die Hauptrolle (die zwischendurch auch mal zum Nebencharakter wird) ungefähr so fort, wie man es aus Staffel 1 kennt. Heißt: Man tut sich weiterhin schwer, diesen Picard mit jenem aus „The Next Generation“ und den nachfolgenden Spielfilmen zusammenzubringen. Ob das am britischen Schauspieler liegt – oder doch am Drehbuch? Ich wage es nicht zu beurteilen, gebe aber zu bedenken, dass Stewart ab und an leider tatsächlich so wirkt, als würde er lieber etwas Anderes machen. Das gilt aus meiner Sicht aber für den gesamten Cast, vor allem Jeri Ryan (Seven of Nine) meint man durchgehend anzumerken, dass sie keine große Lust auf die Serie hatte, wobei ich auch hier die Frage aufwerfen möchte, ob das Problem nicht eher die Rolle ist, die ihr das Drehbuch vorgibt.

Die übrigen Darsteller:innen haben – im Vergleich zu den Genannten – bis auf „Picard“, Staffel 1, ja keine große Star Trek-Vergangenheit, mit der man sie in Verbindung bringen musste. Leider gibt es dennoch auch hier ein Problem: Niemand, den/die man bereits aus den ersten zehn Folgen kannte hat groß an Sympathiewerten gewonnen. Heißt: Santiago Cabrera gibt erneut den bemüht coolen Chris Rios, mit dem man wohl eine Art Han Solo schaffen wollte, was überhaupt nicht funktioniert; wie er vom Schmuggler in nur einem Jahr zu einem Captain der Sternenflotte aufsteigen konnte, steht in den Sternen. Michelle Hurd bleibt als Raffi Musiker eine unsäglich unsympathische Rolle, auf die man als Zuseher:in meines Erachtens generell hätte verzichten können. Alison Pill gibt weiterhin ihren weinerlich-verpeilten Gegenpart, mit dem eine Identifikation ebenfalls schwer fällt. In Hinblick auf die Nebenrollen ist eigentlich nur Annie Wershing als Borg-Königin erwähnenswert – sie hatte diese Rolle bereits im Finale der Serie „Star Trek: Voyager“ gespielt und macht ihre Sache ganz gut. Aber auch hier haben wir ein Problem mit dem Drehbuch, dass mit diversen losen Fäden und fehlender Logik innerhalb des Star Trek-Franchise gerade bezüglich jener Antagonistin mehr Fragen aufwirft, als es beantwortet. Der übrige Cast ist, soviel sei noch erwähnt, weder im positiven noch im negativen Sinn besonders auffällig.

Keine Binge Gefahr.

Wie oben angedeutet, könnte man einigen Schauspieler:innen durchaus vorwerfen, dass sie nicht gerade inspiriert oder inspirierend agieren. Die Schuld dafür würde ich im Endeffekt aber doch eher bei der Charakterzeichnung und im Drehbuch suchen. Zu ersterem habe ich bereits das eine oder andere geschrieben, noch einmal hervorheben möchte ich, dass eine Weiterentwicklung der Figuren nach Staffel 1 nicht passiert ist (das betrifft übrigens auch die Hauptfigur). Doch selbst wenn man akzeptiert, dass die Figuren nun mal so sind, wie sie sind, ist es ein echtes Problem, dass jegliche Sympathieträger:innen fehlen. Ich frage mich, ob es jenen, die nicht mit den alten Serien und Filmen sozialisiert wurden auch so geht – oder ob sie mit den Charakteren, die uns die „Picard“-Showrunner vorsetzen, tatsächlich warm werden. Ich kann es mir ehrlich gesagt kaum vorstellen, aber wer weiß.

Vielleicht liegt es auch daran: „Picard“ will – ähnlich wie schon „Star Trek: Discovery“ – eine Art Drama sein. Dafür gibt es im modernen Serien-Dschungel ja eine Menge gelungener Beispiele, von „Game of Thrones“ über „Battlestar Galactica“ und „Snowpiercer“ bis hin zu „The Walking Dead“. Was die genannten Serien aus meiner Sicht (bei all ihrer Unterschiedlichkeit und Folgen-/Staffel-weise durchaus schwankender Qualität) auszeichnet: Nach praktisch jeder Episode will man unbedingt wissen, wie es weitergeht – genau dieses Gefühl führt letztlich zum sogenannten Binge Watching. Im ersten Moment ist man versucht, das an den ausgesprochen geschickt platzierten Cliffhangern festzumachen, die am Ende jeder Folge stehen. Die hat „Picard“ zwar auch – und doch hat sich bei mir in zehn Folgen kein einziges Mal (!) die unbändige Lust eingestellt, direkt weiterzuschauen. Ich habe es zwar getan, aber das kam eher einer lästigen Pflichtübung als dem Befriedigen einer Sucht (im positiven Sinne) gleich.

Spannung? Mangelware!

Die Frage, woran das liegt, lässt sich anhand mehrere Aspekte beantworten, von denen neben den fehlenden Identifikationsfiguren der Mangel an Qualität in Handlung und Drehbuch am schwersten wiegt. Im Endeffekt ist es so: Weder der übergreifende Handlungsbogen nebst wenig überzeugender Auflösung, noch das, was in einzelnen Episoden passiert, ist geeignet, Star Trek-Feeling aufkommen zu lassen.

Mit der Rahmenhandlung, die die zehn Episoden zusammenhalten soll, habe ich vor allem zwei Probleme: Einerseits wirkt sie uninspiriert und aufgesetzt – fast ist es, als hätte man sich unglaublich schwer getan, überhaupt eine solche Geschichte zu finden, aber es musste halt sein, weil man das eben so macht. Dabei ist man andererseits direkt einem folgenschweren Irrtum erlegen, indem man meinte, es würde sozusagen automatisch Komplexität und Tiefgang bringen, möglichst viele Trek-Themen (Zeitreise-Paradoxon, die Borg, Q, Picards Kindheit (!) und vermeintlichen Fan-Service) zusammenzuschmeißen. Das Ergebnis: Sogar ich als ausgewiesener Trekkie hatte große Probleme, den einzelnen Storylines folgen zu können. Das sollte man aber nicht mit Tiefgang verwechseln, denn dafür hätte es eine stimmigere Auflösung der Handlungsfäden gebraucht. Die erfolgt aber nicht oder nur holprig und ist voller Logikprobleme, was in einem Universum, das u. a. auch von (pseudo-)wissenschaftlichen Erklärungen lebt, fatal ist. An dieser Stelle muss man hoffen, dass einige offene Fragen (z. B. wie es denn nun mit der Borg-Königin weitergehen soll, ohne den eigenen Kanon zu gefährden) in der dritten und letzten Staffel beantwortet werden. Ob ich das noch miterleben werde, nachdem mich bereits die ersten 20 Folgen der Serie so enttäuscht haben? Ja, davon gehe ich, unverbesserlich wie ich bin, aus.

Mindestens ebenso schwer wie die hanebüchene Rahmenhandlung lasten die fehlende Spannung und das schwache Drehbuch der Einzelepisoden auf „Picard“. Klar, es gibt gewisse Qualitätsunterschiede in Hinblick auf die Folgen (eindeutiger Tiefpunkt: Folge 9, „Hide and Seek“), bedauerlicherweise ist das Gesamtniveau als solches jedoch erschreckend niedrig. Einerseits hat das damit zu tun, dass die Showrunner offenbar Spannung mit Action verwechselt oder gleich gesetzt haben: „Picard“ greift immer wieder auf Schläger- und Schießerein zurück, etwas, das es in „Star Trek“ zwar auch in der Vergangenheit schon häufiger gab, das hier jedoch erstmals den Eindruck erweckt, durchgehend (!) reiner Selbstzweck zu sein. Und das hat meiner Ansicht nach nicht mehr viel mit der ursprünglichen „Star Trek“-Vision zu tun. Oder, um es anders zu sagen: Die Action hat sich in früheren Serien und Filmen meist einem anderen Zweck untergeordnet, in „Picard“ fehlt dieser interne Unterbau bzw. wirkt er lieblos hingeschludert. Ein Beispiel ist die genannte Folge „Hide & Seek“: Der Borg-Königin ist es gelungen, eine Anzahl an Menschen zu assimilieren, die als Drohnen freilich wenig Sinn für Friedensverhandlungen haben. Nun wurde – wie immer, wenn es um Zeitreisen geht – in den Folgen zuvor mehrmals deutlich gemacht, dass jede noch so kleine Einmischung zu einer Katastrophe führen kann, was die Zeitlinie betrifft. In „Hide & Seek“ sind diese Bedenken plötzlich vom Tisch, unsere Superheld:innen schnetzeln sich durch die Cyborgs als gäbe es kein Morgen (was übrigens auch die einst so gefürchteten Borg ziemlich blöd aussehen lässt). Ob einer der dabei Getöteten vielleicht eine wichtige Rolle für die Zukunft der Erde hätte spielen können, interessiert nicht, es wird noch nicht einmal der Versuch unternommen, die Situation ohne Blutvergießen zu lösen. Und das soll noch „Star Trek“ sein? C’mon…

Guinan (!) und Wesley (!!).

Ein Punkt, den ich ganz am Rande noch erwähnen möchte, weil er angesichts der geschilderten Probleme keine große Rolle mehr spielt: Das Fan-Service von „Picard“ empfand ich als ziemlich dümmlich. Guinan (gespielt von Whoopi Goldberg bzw. in der 2024-er Variante von Ito Aghayere) erschien mir schon in „The Next Generation“ wie ein Fremdkörper, entsprechend kann man sich meine Begeisterung über dieses Wiedersehen vorstellen, das – unabhängig vom Charakter – auch überhaupt nicht in den bisherigen Kanon passt. Nicht mal ansatzweise.

Zum Glück deutlich weniger Screentime (es ist nur ein Kurzauftritt) gibt es für Wil Wheaton. Ja, richtig gelesen, man entblödet sich nicht, Wesley Crusher aus dem Nichts (in das er in „The Next Generation“ verschwand) auftauchen und zum Glück auch wieder verschwinden zu lassen. Ich sage es ganz ehrlich: Dieses Gastspiel hat mich laut und höhnisch auflachen lassen. Viel Gespür scheinen die Verantwortlichen eindeutig nicht für das Franchise zu haben – oder haben sie wirklich gedacht, ausgerechnet diese Figur würde für unbändige Freude bei alten Fans sorgen?

Bevor ich in weitere Tiraden verfalle, möchte ich aber auch noch einen positiven Gastauftritt erwähnen: Kirk Thatcher. Wer das ist? Nun, im Film „Star Trek IV: Zurück in die Gegenwart“ (1986) sitzt ein Punk in einem Bus und hört ohrenbetäubende Musik, was zu einer legendären Szene führt. Diese wurde für „Picard“ erneut aufgegriffen – und zwar ausnahmsweise mit so viel Liebe zum Detail und mit so viel Fingerspitzengefühl, dass ich es kaum glauben konnte. Es geht also doch.

Fazit: Muss man sich nicht antun.

Viel mehr möchte ich jetzt nicht mehr schreiben – ich glaube, es ist auch so klar geworden, dass ich „Picard“ für eine ziemliche Katastrophe halte. Am schlimmsten finde ich persönlich das völlige Fehlen des Gefühls, hier etwas Großes erlebt zu haben. Oder auch nur etwas in sich Stimmiges und für die weitere Entwicklung des „Star Trek“-Universum Relevantes.

Gerade letzteres hinterlässt mich in gewisser Hinsicht eher traurig als wütend: Ich sehe nicht, wie mich „Star Trek“ weiterhin begeistern soll, wenn „Picard“ und – in geringerem Ausmaß – „Discovery“ ein Blick in die Zukunft des Franchise sind. Die zum Zeitpunkt dieser Rezension jüngste Serie, „Strange New Worlds“, habe ich übrigens noch nicht gesehen – davon hört man aber nur Gutes, sodass ich wider besseres Wissen doch wieder sehr angefixt bin. Mit der Qualität von „Picard“ hat das alles aber nichts zu tun – da sehe ich mir dann tatsächlich lieber „Lower Decks“ oder sogar „The Orville“ an, die zwar ausgewiesene Comedy-Serien sind, es aber mit ursprünglichem „Star Trek“-Flair tatsächlich wesentlich besser schaffen, mich bei der Stange zu halten.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Star Trek: Picard
Idee:
Akiva Goldsman, Terry Matalas u. a.
Land: USA
Jahr: 2022
Episoden: 10 á ca. 45 Minuten
Gesehen auf: Amazon Prime
Haupt-Besetzung (Auswahl): Patrick Stewart, Alison Pill, Michelle Hurd, Santiago Cabrera, Orla Brady



FilmWelt: Mother!

„Mother!“ (2017) ist einer der seltsameren Filme, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Auch die Kritik war sich bei einer Beurteilung des Werkes von Regisseur Darren Aronofsky, der auch das Drehbuch verfasst hat, nicht einig: Neben einer Nominierung für den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig wurden Aronofsky und das Duo Jennifer Lawrence / Javier Bardem, die die Hauptrollen spielen, für jeweils eine Goldene Himbeere vorgeschlagen. Abseits der professionellen Rezensent:innen gehen die Meinungen ebenfalls auseinander – wobei die Tendenz eher positiv ist (z. B. 68% Zuspruch bei Rotten Tomatoes).

Gesamteindruck: 4/7


Unvergleichlich anders.

Vielfach ist über „Mother!“ zu lesen, dass weite Teile des Publikums den Film entweder hassen oder lieben würden, zwischen diesen Polen solle wohl nicht viel Platz sein. Wenn dem so ist, bin ich offenbar in der Minderheit: Auch, nachdem ich mir ein paar Tage Zeit gegeben habe, das Gesehene zu reflektieren, bin ich mir nicht sicher, was ich davon halten soll. Ist das Kunst oder kann das weg? Hat mich „Mother!“ unterhalten, erschreckt oder gelangweilt? Kann man aus dem Werk die eine oder andere Erkenntnis ableiten – oder hat das alles wenig bis nichts mit unserer Welt zu tun? Ich muss zugeben, dass ich mir schwertue, auch nur eine dieser Fragen zu beantworten.

Worum geht’s?
Ein Dichter und seine Muse leben seit Kurzem zurückgezogen in einem großen Haus – er leidet unter einer Schreibblockade, sie versucht ihn so gut wie möglich zu unterstützen und gleichzeitig das Domizil zu renovieren. Eines Tages steht ein Fremder vor der Tür und wird vom Dichter prompt eingelassen. Erst hat die Frau Vorbehalte gegen den unerwarteten Besuch, schließlich willigt sie aber doch ein. Als dann aber erst die Frau des Fremden, später auch noch deren Kinder auftauchen, gerät das Leben im Haus zusehends aus den Fugen…

Die Unsicherheiten beginnen bereits beim Versuch, ein Genre zu benennen: „Mother!“ ist weder ein echter Horrorfilm, noch würde ich ihn als (Psycho-)Thriller bezeichnen. Am ehesten passt der Titel noch in den Mystery-Bereich, daneben findet man neben Elementen der genannten Filmgattungen noch ein paar weitere Versatzstücke und liegt beispielsweise auch mit Begriffen wie Drama, Liebesfilm und Fantasy nicht völlig daneben. Ich denke, die Bezeichnung Mystery-Thriller wird dem Film im Endeffekt noch am ehesten gerecht, aber auch nur, weil sie recht vielfältige Interpretationsmöglichkeiten zulässt.

Unabhängig von diesen – zugegeben oberflächlichen – Schwierigkeiten wird schnell klar, dass wir es hier mit einem sehr speziellen Film zu tun haben. Weniger aufgrund des Inhalts, der erst im weiteren Verlauf immer mysteriöser wird, sondern zunächst vor allem aufgrund der Machart. Besonders die Kameraführung irritiert anfangs, weil sie leicht verwackelt, vor allem aber sehr nahe an der Hauptdarstellerin ist – zu nahe eigentlich und gern auch mal komplett frontal (oder – quasi umgekehrt – in ihrer Egoperspektive), was einige Zeit benötigt, um sich daran zu gewöhnen. Ungewöhnlich ist daran übrigens auch, dass die Kamera NUR der Hauptfigur folgt. Das schafft eine ganz eigene und selten auf diese Art gesehen Unmittelbarkeit: Das Publikum sieht und hört im Endeffekt nur, was die namenlose, von Jennifer Lawrence gespielte Frau auch mitbekommt. Was außerhalb ihres Blickfeldes passiert, bleibt optisch schemenhaft und akustisch unverständlich, ganz so, wie es auch im wirklichen Leben ist, wenn man Personen z. B. im Nebenraum undeutlich miteinander sprechen hört.

Abgesehen davon, dass sie normalen Sehgewohnheiten widerspricht, hat die eigenwillige Kombination aus Bild und Ton aber auch noch einen anderen Effekt: „Mother!“ fühlt sich fast schon klaustrophobisch an, gleichzeitig hat man ständig das Gefühl, etwas zu versäumen, das in der Peripherie des Bildausschnitts passiert. Vermutlich kommt daher der Eindruck, dass man – ganz real – das Unwohlsein und die Hilflosigkeit mit der Hauptfigur teilt. Diesen Aspekt würde ich tatsächlich als große Leistung des Films hervorheben, noch dazu, weil speziell die Wehrlosigkeit der Frau gegenüber ihrer Situation im Laufe der Handlung immer stärker zunimmt – und sich das auch auf den Zuseher/die Zuseherin überträgt, was eine sehr eigentümliche und stellenweise wirklich unerfreuliche Erfahrung ist.

An dieser Stelle seien übrigens zwei weitere Darsteller:innen genannt, die in diesem Film voll punkten können: Michelle Pfeiffer und Ed Harris spielen die Invasoren die in das beschauliche Privatleben des Paares eindringen. Beide schaffen es, ihren Figuren, die vordergründig ganz normalen Menschen entsprechen, eine ausgesprochen düstere und bedrohliche Aura zu verleihen. Auch das ist eine Leistung, die durchaus anerkennenswert ist und die die Spannung durchaus in die Höhe treibt – man will einfach wissen, was es mit diesen beiden Eindringlingen auf sich hat und verfolgt jeden Dialog entsprechend genau.

Zweite Halbzeit mit Längen.

All das deutet darauf hin, dass „Mother!“ ein innovativer und gut gemachter Film ist. Leider kann die Handlung meiner Ansicht nach nur bis zur Hälfte der rund zweistündigen Laufzeit mit der ambitionierten Technik mithalten. In der ersten Stunde rätselt man – wie oben angedeutet – noch mit, was es mit dem Haus und seinen Bewohner:innen sowie den ungebetenen Gästen auf sich hat. Ungefähr zur Halbzeit gibt es dann einen größeren Zeitsprung – und ab diesem Moment nehmen die Längen deutlich zu. Und das, obwohl der Film zunehmend irrational und fantastisch wird, was eigentlich die Spannung erhöhen sollte. Leider verliert sich „Mother!“ in immer groteskere Momente, ohne auch nur ansatzweise eine Möglichkeit zu bieten, an der man sich festhalten kann.

Höhepunkt ist die letzte halbe Stunde, die im Wesentlichen einer surrealen Achterbahnfahrt gleichkommt, deren Zweck im Kontext des bis dahin Gesehenen kaum zu entschlüsseln ist – zumindest ging es mir so, vielleicht habe ich auch etwas übersehen, wer weiß. So oder so habe ich jene Sequenz als höchst anstrengend empfunden – und auch als unbefriedigend, weil mir zum Schluss ziemlich egal war, was der Regisseur uns mit seinem Film überhaupt sagen wollte. Und das ist schade, denn alles, was davor behandelt wurde, hätte eigentlich Denkanstöße zur Genüge geboten – tatsächlich hat mir aber die zweite Stunde die Lust darauf genommen, weil sie dermaßen abgehoben war (beispielsweise findet plötzlich mitten im Haus eine Art Bürgerkrieg statt, inklusive Schusswaffen, Granaten, Tränengas usw.).

Manche Schreiber:innen wollten „Mother!“ ja als möglichen Oscar-Kandidaten sehen. Letztlich reichte es nicht einmal für eine Nominierung, was ich ehrlich gesagt wenig verwunderlich finde, was aber gleichzeitig auch kein Beinbruch ist, weil die Auszeichnung ohnehin eher fragwürdig ist (aber das ist eine andere Geschichte). Ich glaube allerdings nicht, dass man Kamera, Schnitt und Darsteller:innen viel vorwerfen kann, im Gegenteil, all diese Aspekte fand ich durchgehend gelungen – der Inhalt stinkt in der zweiten Hälfte aber dennoch ab, wenn man mir diese harsche Wortwahl verzeiht (die aber auch zeigt, dass ich wirklich enttäusch war). Für ein breiteres Publikum ist „Mother!“ aber so oder so nicht unbedingt geeignet, würde ich sagen. Wer gern mal einen etwas anderen Film sehen möchte, kann jedoch definitiv einen Blick riskieren.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: mother!
Regie:
Darren Aronofsky
Drehbuch: Darren Aronofsky
Jahr: 2017
Land: USA
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Michelle Pfeiffer, Ed Harris