FilmWelt: Passengers

Was hatte ich mich auf „Passengers“ (2016) gefreut. Eine Mischung aus der verzweifelten Isolation eines „Robinson Crusoe“ auf der einen und „Star Trek: Voyager“ (was die unvorstellbaren Entfernungen im Weltall und die technische Komponenten angeht) auf der anderen Seite sollte es sein – also eigentlich ein Selbstläufer für mich als Fan von klassischer Literatur und Science Fiction. Warum es nicht so gekommen ist, wie ich es mir erhofft hatte, versuche ich im Folgenden herauszuarbeiten.

Gesamteindruck: 3/7


(Fast) allein im Universum.

Ich habe darüber nachgedacht, wie es wäre, wenn ich in die nachfolgend beschriebene Situation kommen würde. Und was soll ich sagen – ich würde es wohl ganz genauso machen wie der einsame Passagier auf dem Luxusraumschiff. Einfach die Zeit genießen, so gut und so lange es geht. Ein bisschen läuft’s ja auch anno 2021 im Lockdown (ja, zum Zeitpunkt dieser Rezension herrscht hier in Wien gerade – wieder einmal – Corona-bedingte Ausgangssperre) so ab: Ich bin, abgesehen von Wochenenden, Feiertagen und gelegentlichen Kurzurlauben jeden Tag 9 Stunden vollkommen allein im Homeoffice – und das seit mittlerweile einem Jahr. Ich könnte aber, im Gegensatz zum Protagonisten in „Passengers“, nicht sagen, dass mich das bisher sonderlich stört. Ja, so unterschiedlich sind die Menschen. Und nein, mir ist keine bessere Einleitung für diese Rezension eingefallen.

Worum geht’s?
Das riesige Raumschiff Avalon ist auf dem Weg zum Kolonie-Planeten Homestead II. An Bord: 260 Crewmitglieder und 5.000 Kolonisten, allesamt für die 120 Jahre dauernde Reise in Kälteschlaf versetzt. 30 Jahre nach dem Start gibt es eine Fehlfunktion – und ein einzelner Passagier, der Mechaniker Jim Preston, wacht auf. 90 Jahre vor der geplanten Ankunft ist er damit völlig auf sich gestellt, was ihn vor ungeahnte Herausforderungen stellt – und vor ein moralisches Dilemma…

Die Prämisse von „Passengers“ finde ich grandios – und der Film hält lange Zeit auch, was er verspricht. Heißt: Chris Pratt verkörpert den einsamen Passagier sehr stark. Der Schauspieler deckt dabei alle möglichen Zustände, von Angst und Verzweiflung über Wut bis hin zur Schicksalsergebenheit ausgesprochen realistisch ab. Man sieht direkt, wie sich der Geisteszustand von Jim Preston im Gleichschritt mit der immer verlotterteren Optik rapide verschlechtert. Dazu passend das Drehbuch, das die verzweifelten Versuche, sich aus seiner misslichen Lage zu befreien, intensiv in Szene setzt – und dabei auch auf eine ordentliche Prise Humor nicht vergisst. Randnotiz: Martin Sheen weiß als emotionsloser Androiden-Barkeeper ebenfalls zu gefallen, paradoxerweise gelingt es auch ihm, Gefühle beim Zuseher zu wecken. Das hat fast was von Brent Spiner in seiner Paraderolle als Data in „Star Trek: The Next Generation“, wenngleich natürlich nicht in dieser Perfektion, auch, weil er relativ wenig Screentime hat.

Dass ich mich soweit bestens unterhalten gefühlt habe, hat auch mit der tollen Ausstattung zu tun. Das Raumschiff sieht nicht nur schick aus, sondern ist so designt, dass man ein bemerkenswertes Gefühl für die Einsamkeit bekommt, die der Protagonist empfinden muss, während man gleichzeitig Gefühle von geradezu unendlicher Weite (das Schiff ist immerhin einen Kilometer lang) und Eingesperrt-sein erlebt. Gut gemacht sind auch die Effekte – allein die Auswirkungen auf den bordeigenen Swimming-Pool nachdem die künstliche Schwerkraft ausgefallen ist, ist ein Moment, für den sich das Ansehen lohnt.

Stellt große Fragen…

Leider biegt „Passengers“ in dem Moment falsch ab, als der einsame Astronaut die Eingebung hat, eine weitere Passagierin (gut gespielt von Jennifer Lawrence) aufzuwecken und damit zum gleichen Schicksal zu verdammen. Nicht falsch verstehen: Die Idee und die sich daraus ergebende moralische Frage – Darf er ihr das antun, nur um nicht an Einsamkeit zu sterben? – sind über jeden Zweifel erhaben. Leider ist es aber so, dass die dahinterstehende Moral ausgesprochen stiefmütterlich behandelt wird.

Doch damit nicht genug. Ab dem Zeitpunkt, als unser einsamer Held beschließt, seiner Reisegefährtin nicht zu erzählen, warum sie knapp 90 Jahre zu früh aufgewacht ist, ist klar, wie es weitergeht, weil es in jedem verdammten Liebesfilm genau so kommt: Sie lernen sich langsam kennen und lieben, sie kommt drauf, dass er ein Halunke ist, es gibt eine Katastrophe, sie versöhnen sich und lieben sich wieder bis ans Ende ihrer Tage. Hätte ich jetzt „Spoiler-Alarm“ schreiben sollen? Nun, ich sage nicht, dass der Film genau so abläuft – aber das waren die ersten Gedanken, die mir durch den Kopf geschossen sind, sobald Jennifer Lawrence die Augen aufgeschlagen hat.

…und beantwortet sie nicht.

Damit ist es endlich raus: „Passengers“ wird relativ bald von einer Robinsonade zu einer ganz klassischen, eher klischeehaften Romanze mit den üblichen Höhen und Tiefen. Das wäre schon grundsätzlich problematisch, hier ist es aber schlimmer, denn in der 1. Halbzeit (und im Trailer sowieso, was wohl die generell mittelprächtigen Wertungen des Films erklärt) wird ein völlig anderer Inhalt suggeriert. Ich habe ja weiter oben kurz über eine wichtige, moralische Frage sinniert – die stellt sich in „Passengers“ tatsächlich, sie wird dann aber dermaßen nebensächlich abgehandelt, dass man sie besser gleich gar nicht gestellt hätte. Die Konsequenz wäre letztlich die Gleiche gewesen, was mich dann doch sehr enttäuscht hat.

Was gibt’s sonst noch zu sagen? Naja, es gibt durchaus gute Action-Szenen, die allerdings sehr vorhersehbar verlaufen (allein die Rettung mittels Raumanzug… c’mon…). Ansonsten hätten wir noch ein Problem mit der Glaubwürdigkeit, das aus dem konsequenten Ignorieren der Frage „Darf man andere Passagiere aufwecken um sich zu retten?“ resultiert: Eine Liebhaberin weckt sich Jim Stenton auf – später, als er auch Zugang zur Crew hätte, kommt niemand auf die Idee, vielleicht den Ingenieur, den Schiffsarzt oder den Kapitän zu wecken? Mag sein, dass auch das aus moralischen Gründen nicht möglich war – dass diese Frage im Film aber nicht einmal diskutiert wird, ist symptomatisch für alles, was „Passengers“ an Konsequenz fehlt.

Damit bleibt mir nur zu konstatieren, dass der Film gute Ansätze in der Handlung hat, extrem gut aussieht und eine Zeit lang auf hohem Niveau unterhält. Was dann daraus wird, ist leider eine einzige Enttäuschung. Zumindest tut der Film aber niemandem weh und hat auch im weiteren Verlauf noch die eine oder andere gute Szene. Von daher gibt’s gerade noch 3 Punkte.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Passengers.
Regie:
Morten Tyldum
Drehbuch: John Spaihts
Jahr: 2016
Land: USA
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jennifer Lawrence, Chris Pratt, Michael Sheen, Laurence Fishburne



BuchWelt: The Martian

Andy Weir


„The Martian“, zu deutsch „Der Marsianer“, ist eine moderne Robinsonade. Dieses literarische Motiv scheint nie aus der Mode zu kommen – und weil die Prämisse sattsam bekannt ist, geht es in der Regel vorwiegend um die Qualität der literarischen Umsetzung. So auch bei diesem Roman des US-Autors, Software-Entwicklers und Hobby-Astrophysikers Andy Weir, der seinen Robinson Crusoe Mark Whatney nennt und auf dem Mars stranden lässt.

Gesamteindruck: 5/7


Robinson Whatney.

Wie vermutlich viele Andere auch, habe ich zunächst den gleichnamigen Film von Kult-Regisseur Ridley Scott aus dem Jahre 2015 (in der Hauptrolle: Matt Damon) gesehen. Der hat mir sehr gut gefallen, daher habe ich nicht lange gezögert, als ich unlängst zufällig über die englischsprachige Ausgabe des Romans von Andy Weir gestolpert bin…

Worum geht’s?
Der Mars ist gefährliches Terrain, wie Astronaut Mark Whatney schmerzhaft erfahren muss: Durch einen Sandsturm ist seine Crew gezwungen, die Mission auf dem Roten Planeten nach nur sechs Tagen abzubrechen und zur Erde zurückzukehren – ohne Whatney, der von der Gruppe getrennt und für tot gehalten wird. Allerdings hat der findige Ingenieur/Botaniker überlebt und unternimmt alles, damit das auch so bleibt

„The Martian“ ist der Form und dem Inhalt nach zwar eine ganz traditionelle Robinsonade, mit dem Kampf gegen die Elemente als das alles bestimmende Element. Allerdings ist die Lage, in der sich Mark Whatney befindet, noch verzwickter als die des originalen Robinson: Er ist das einzige Lebewesen (Crusoe hatte wenigstens Tiere) auf einer einsamen Insel, auf der es nicht einmal Luft zum Atmen gibt. Das ist im Wesentlichen aber der einzige Unterschied, denn beide Figuren eint ihr unbedingter Überlebenswille und ihr Improvisationstalent. Und noch eines haben die beiden Bücher, die aus so unterschiedlichen Epochen stammen, gemeinsam: Sie lesen sich fantastisch und sind ähnlich flott geschrieben.

Ein lässiger Held.

In punkto Unterhaltungswert kann man Andy Weir wahrlich wenig vorwerfen: „Der Marsianer“ hat praktisch keine Längen, ist immer spannend und – auch nicht zu unterschätzen – sehr humorvoll geschrieben. Das Buch ist außerdem ein echter Pageturner, was geschickt platzierten Cliffhangern zu verdanken ist. Zum insgesamt locker-flockigen Lesegefühl trägt wohl auch bei, dass das eigentlich bedrückende Gefühl der Isolation, das die Robinsonade ja eigentlich ausmacht, immer wieder durchbrochen wird: Der Großteil des Buches besteht aus Tagebuch-Einträgen der Hauptfigur, die natürlich in der Ich-Form verfasst sind. Demgegenüber wird zwischendurch erzählt, was auf der fernen Erde passiert und auch der eine oder andere Abstecher zu Whatneys Kameraden, die sich auf dem Rückweg dorthin befinden, ist dabei.

Das würde eigentlich überhaupt nicht stören, würde es nicht gleichzeitig offenlegen, dass sowohl die Crew in ihrem Raumschiff als auch das NASA-Personal charakterlich tiefgründiger wirkt, als der einsame Held. Das hat wohl damit zu tun, dass wir von Mark Whatney nur das hören, was er seinem Tagebuch anvertraut, während der Rest der Charaktere von einem allwissenden Erzähler beschrieben wird. Whatney liegt anscheinend nicht viel daran, in seinen Aufzeichnungen emotional rüberzukommen, was zwar logisch ist, im Roman aber recht befremdlich wirkt. Denn Andy Weir lässt Whatney sehr locker und humorvoll mit einer praktisch ausweglosen Situation umgehen. Im Gegensatz zu Robinson Crusoe scheint er kaum unter seiner Isolation zu leiden (zumindest vertraut er es nicht seinem Tagebuch an, wenn es wirklich so ist); gibt es Probleme, schiebt er sie mit einem lockeren Spruch zur Seite. Ich denke, dass aus dieser lässigen Art auch die Leichtigkeit der Lektüre entspringt – an sich kein Fehler, aber ich möchte dennoch festhalten, dass Mark Whatney dadurch nicht ganz so realistisch wirkt, was in Kontrast zur detailliert und ernsthaft beschriebenen, technischen Komponente des Buches steht.

Realismus vs. Super-Intellekt.

Woran man sich außerdem nicht stören darf, wenn man dieses Werk genießen will: Die Technik, die auf dem Mars eingesetzt wird, ist an und für sich wohl nicht weit von dem entfernt, was wir schon jetzt haben. Das scheint tatsächlich alles Hand und Fuß zu haben und dem Autor gebührt großes Lob für die Recherche – und vor allem auch dafür, wie komplizierte Vorgänge dem Laien nähergebracht werden. Ich glaube gelesen zu haben, dass „Der Marsianer“ irgendwo auch als Sachbuch ausgezeichnet wurde – dem kann ich nur zustimmen, das hier ist wirklich ein lehrreiches Werk. Gleichzeitig hat man – ganz im Gegensatz zum originalen Robinson Crusoe – bei Mark Whatney nicht das Gefühl, man könnte eine solche Lage selbst meistern. Whatney ist eine Art Universal-Genie und kommt auf die tollsten Ideen. Schon klar, nur die Besten werden auf den Mars geschickt, aber das, was uns Andy Weir hier auftischt, liest sich – zumindest für mich als Laien – doch sehr übertrieben. Dazu trägt auch bei, dass er, wenn man so will, hinter jeder Ecke eine neue Falle (oder technische Fehlfunktion) für Whatney lauern lässt. Bis das Buch vorbei ist, ist man tatsächlich ein wenig übersättigt, was vermeintlich ausweglose Situationen, Un- und Zwischenfälle betrifft.

Im Endeffekt spielt das alles aber keine große Rolle, denn „Der Marsianer“ hat mich ganz ausgezeichnet unterhalten. Das hier ist verschriftlichtes Popcorn-Kino im besten Sinn: Actionreich, humorvoll und lässig. Gleichzeitig, und das ist der eigentliche Clou, bietet das Buch auf technischer Ebene sehr viel Tiefgang. Eine interessante Kombination in der Tradition von z. B. Michael Crichton, an der ich persönlich wenig auszusetzen finde. Etwas mehr Charakter hätte man Mark Whatney noch spendieren können, dann hätte es locker mit einer noch höheren Wertung geklappt. Aber auch so kann ich dieses Buch jedem, der Interesse an realistischer Science Fiction hat, ohne zu zögern empfehlen.

Gesamteindruck: 5/7


Autor: Andy Weir
Originaltitel: The Martian.
Erstveröffentlichung: 2011
Umfang: ca. 430 Seiten
Gelesene Sprache: Englisch
Gelesene Version: Taschenbuch

SerienWelt: Lost In Space (ab 2018) – Staffel 2

Staffel 1 von „Lost in Space“ (ein Remake einer TV-Serie der 1960er, weiterführende Links dazu gibt es in der entsprechenden Rezension) hatte meines Erachtens an mehreren Fronten mit Problemen zu kämpfen. Trotz eines vielversprechenden Starts schaffte es die Serie um eine im Weltraum gestrandete Familien nicht, nachhaltig zu begeistern – das Drehbuch war über weite Strecken hanebüchen, es war praktisch unmöglich, sich mit den Figuren vernünftig zu identifizieren und weite Teile der Präsentation waren ein einziges Klischee. Dennoch hoffte ich auf Besserung in Staffel 2 – ob sich die Hoffnung erfüllt hat oder woran es diesmal hakt, versuche ich in folgender Rezension herauszuarbeiten.

Gesamteindruck: 3/7


Keine Besserung in Sicht.

Ja, das Drama. Es ist aus modernen Serien nicht wegzudenken. Egal, ob das Genre nun Science Fiction (Star Trek: Picard), Fantasy (Game of Thrones), Horror (Spuk in Hill House) oder …ähem… Drama („Das Boot“) heißt – immer haben die Figuren neben ihrer meist sehr klassischen Mission (der Kampf gegen das Böse, die Rettung der Menschheit, der Welt, der Galaxis oder des Friedens) mit einer Vielzahl an privaten Problemen zu kämpfen. Ich bin beileibe kein Gegner dieser Herangehensweise, hat sie uns doch in vielen Fällen einen bisher im Serienbereich nicht gekannten Tiefgang beschert. Dennoch: Es gelingt manchmal besser, manchmal schlechter, komplexe persönliche Beziehungen darzustellen. „Lost in Space“ zeigt leider auch in Staffel 2, wie es nicht geht.

Inhalt in Kurzfassung
Einige Monate nach den Ereignissen von Staffel 1 sitzt die Familie Robinson gemeinsam mit Erzfeindin Dr. Smith und Techniker/Schmuggler/Soldat Don West nebst Huhn Debbie auf einem lebensfeindlichen Planeten fest. Ihrem Raumschiff fehlt es an Energie, sodass ein Entkommen unmöglich scheint – bis sie ein Naturphänomen entdecken, dass die Lösung ihrer Probleme sein könnte.

Freilich liegen die Schwierigkeiten der Serie nicht darin, dass sie die brave und nette Familie aus den 1960ern mit Ecken und Kanten versieht. Zumindest nicht vordergründig – sieht man genauer hin, merkt man hingegen recht schnell, dass der in „Lost in Space“ laufend zelebrierte Familienzwist großteils Fassade ist und, wenn es gerade ins Drehbuch passt, geflissentlich ignoriert wird. Für mein Gefühl will man die Robinsons gar nicht als zerstrittene und dysfunktionale Familie darstellen, „muss“ es aber tun, um modernen Anforderungen an eine Serie gerecht zu werden. Das Ergebnis ist ein ständiges Auf und Ab aus Streit und Versöhnung, aus „wir haben uns alle lieb“ und „wir gehen uns ganz fürchterlich auf die Nerven“. Letztlich überwiegt meines Erachtens der Ansatz, dass die Familie zusammenhält und nur so alles schaffen kann. Klingt wie ein klebrig-süßes Klischee aus Amerika? Ist es auch, wäre aber dennoch gar nicht so verkehrt, wenn es nicht dermaßen aufgesetzt rüberkommen würde.

Denn, und auch daran hat sich seit Staffel 1 nichts geändert: Das Drehbuch erfindet ständig neue Bedrohungen und Gefahren, scheinbar mit dem einzigen Ziel, die Familienmitglieder zur Zusammenarbeit zu zwingen. Häufig passiert das zu allem Überfluss auch noch mit mit dem Holzhammer, Subtilität ist und bleibt in „Lost in Space“ Mangelware. Wer die erste Staffel gesehen hat, weiß, was das bedeutet: Durchgehend explodiert irgendwo irgendwas und die Robinsons sind die einzigen, die wahlweise sich selbst oder allen anderen helfen können. Gelingt das nicht auf Anhieb, gibt es einen deus ex machina, der naturgemäß immer wieder Löcher in der eh schon fragilen Logik der Serie hinterlässt. Erklärungen bleibt man dann meist schuldig.

Ein Beispiel: Vater John Robinson stürzt in einen tiefen Schacht, bleibt schwer verletzt liegen. Retten kann ihn – natürlich – nur seine Stieftochter Judy, die auf dem Weg zu ihm vor allerlei Probleme gestellt wird. Zum Glück ist sie ein wahres Wunderkind und schafft es gerade noch rechtzeitig zum Verwundeten. Klingt ein bisschen oberflächlich und an den Haaren herbeigezogen? Für mich schon – und Sinn der Sache ist letztlich nur, eine „Ausrede“ zu haben, wie man in Rückblenden auf die Beziehung zwischen John und Judy eingehen kann. Nicht falsch verstehen: Das kann man schon mal so machen. In „Lost in Space“ ist das aber ein dermaßen inflationär verwendetes Muster, dass ich nur den Kopf schütteln kann. Die eigentlich brauchbare Idee, sich Gedanken über das Verhältnis zwischen Familienvater und adoptierter Tochter zu machen, wird vollkommen durch den kurios-dramatischen Rahmen, den so etwas heutzutage offenbar immer haben muss, überdeckt. So etwas kann man doch auch subtiler lösen, sollte man zumindest annehmen.

Kaum Charakterentwicklung.

An dieser Stelle sei – wenn auch eher am Rande – erwähnt, dass die Charaktere seit Staffel 1 kaum weiterentwickelt wurden. Die Versuche, das zu tun, erschöpfen sich großteils in Minidramen, wie ich es im obigen Beispiel dargestellt habe. Eine Ausnahme ist Dr. Smith, der ein paar neue Persönlichkeitsaspekte verpasst wurden – deren Eingliederung in das Robinson-Kollektiv lässt einen allerdings permanent am Geisteszustand der Familie zweifeln.

Deutlich verändert hat sich allerdings die Situation zwischen Will Robinson und seinem zu Staffelbeginn noch verschollenen Roboterfreund. Leider haben die Autoren auch hier nicht das richtige Erzähltempo gefunden – es ist ja von vornherein klar, dass es zu einer Wiedervereinigung kommen muss. Der Weg dorthin ist allerdings dermaßen zäh, dass man relativ schnell das Interesse verliert und sich dann über das tatsächliche Wiedersehen nicht so richtig freuen kann. Apropos Roboter: Dass es mehr als einen gibt, wurde in Staffel 1 ja bereits angedeutet. Staffel 2 liefert dazu einige Erklärungen nach, bleibt dabei aber stellenweise so vage, dass eher Verwirrung statt Aufklärung betrieben wird. Auch hier: Schade, denn genau an dieser Stelle wäre gutes Science Fiction-Potential vorhanden gewesen.

Optik bleibt größer Pluspunkt.

Den positivsten Faktor an „Lost in Space“ möchte ich abschließend aber auch noch erwähnen: Staffel 2 sieht für mein Dafürhalten sogar noch besser aus, als der Auftakt. Falls das überhaupt möglich ist – schon in Staffel 1 war die Optik unglaublich gut. Wie aber hier Planeten, Lebewesen, Raumschiffe, der Weltraum, Roboter usw. auf den Schirm gebracht wurden, ist einfach grandios. Allein die Wassserwelt, auf der die Robinsons zu Staffelbeginn gestrandet sind zeugt von einem sehr, sehr guten Gespür für die passende Optik. Zu schade, dass der Rest des Programms nicht ansatzweise mithalten kann.

Staffel 3 wird es 2021 wohl geben, die Gerüchte sagen allerdings, dass danach Schluss sein soll. Ich nehme jedenfalls an, dass ich der Vollständigkeit halber dabei bleiben werde. Wobei, wenn ich es mir recht überlege, hätte ich Staffel 2 ohne die derzeit verhängten Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus (wie sich das wohl in ein paar Jahren lesen wird?) vermutlich bis heute nicht gesehen. Und wenn ich an den Cliffhanger zum Abschluss von Staffel 2 denke, befürchte ich noch mehr Familiendrama. Naja, lassen wir uns überraschen. 3 von 7 Punkten für eine Staffel, die weder besser noch schlechter als die Erste ist.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Lost In Space
Idee: Matt Sazarma, Burk Shapless
Land: USA
Jahr: 2018-
Episoden: 10
Länge: ca. 40-65 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung: Toby Stevens, Molly Parker, Taylor Russell, Mina Sundwall, Maxwell Jenkins, Parker Posey, Ignacio Serricchio, Brian Steele



 

SerienWelt: Lost In Space (2018) – Staffel 1

Remakes von alten Filmen, aber auch von Serien, sind schwer in Mode. Das kann einem gefallen oder auch nicht: Gegner beklagen den Mangel an neuen Ideen und die zum Teil arg lieblosen Neufassungen, Befürworter freuen sich über Updates mit aktuellem Anstrich und sind häufig der Meinung, dass früher ohnehin alles besser war. Streaming-Anbieter Netflix versucht sich ab 2018 an einem Remake von „Verschollen zwischen fremden Welten“, einer klassischen Science Fiction-Serie der 1960er Jahre.

Gesamteindruck: 3/7


Bruchlandung.

Nimmt man es ganz genau, ist „Lost In Space“ das Remake einer bereits 1998 als Hollywood-Film adaptierten TV-Serie, die auf einem Comic („Space Family Robinson“, 1962) basiert. Dieser hat wiederum ein Kinderbuch („Der Schweizerische Robinson“, Johann David Wyss, 1798) zur Vorlage, das seinerseits eine Adaption von „Robinson Crusoe“ (Daniel Defoe, 1719) darstellt. Insofern ist der Stoff nicht an die 60, sondern 200 Jahre alt, wenn man so will. Übrigens: Ich habe kein grundsätzliches Problem mit Remakes. Im Gegenteil, die Neuauflage von „Battlestar Galactica“ (2004-2009) ist beispielsweise eine meiner absoluten Lieblingsserien und schlägt das Original in praktisch allen Belangen. Von der Klasse eines „BSG“ ist „Lost In Space“ jedoch Lichtjahre entfernt – doch der Reihe nach.

Inhalt in Kurzfassung
In naher Zukunft wird die Erde immer unbewohnbarer. Einzige Chance für die Menschheit scheint die Besiedelung einer neuen Welt im Sternensystem Alpha Centauri zu sein. Unter den wenigen Auserwählten, die die Reise antreten dürfen, ist die fünfköpfige Familie Robinson. Als das Kolonieschiff „Resolute“ auf dem Weg zur neuen Welt schwer beschädigt wird, können sich die Robinsons auf einen unbekannten Planeten retten. Dort müssen sie um ihr Überleben kämpfen.

Die Grundprämisse der „Robinsonade“ ist das Stranden auf der einsamen Insel. Ganz so allein wie weiland Robinson Crusoe ist man allerdings nur zu Beginn von „Lost In Space“. Und auch an anderen Schrauben wurde sanft gedreht, um die Serie aus den 1960ern in die Gegenwart zu holen: Von der harmonischen Familie mit den braven Kindern ist praktisch nichts übrig – so erfahren wir, dass die Eltern John und Maureen Robinson seit Längerem getrennt sind und kurz vor der Scheidung stehen. Die älteste Tochter Judy ist dunkelhäutig, stammt aus erster Ehe und ist eine Art Universalgenie. Ihre Halbschwester Penny steht in milder Konkurrenz zu ihr und übernimmt den ironisch-komischen Part. Und dann wäre da noch Will, jüngster Spross, ebenfalls sehr intelligent, gleichzeitig aber auch als einziges Familienmitglied verletzlich und emotional. Mehr oder weniger rebellisch sind alle drei Kinder.

Neben den Robinsons gibt es drei weitere Hauptrollen. Der Antagonist nennt sich wie im Original Dr. Smith, ist 2018 allerdings weiblich und hat eine dubiose Hintergrundgeschichte spendiert bekommen. Mit dabei außerdem wie schon in den 1960ern Don West, der allerdings als Techniker/Schmuggler. Und auch der Roboter, mit dem sich Will Robinson anfreundet, darf nicht fehlen. Dessen außerirdischer Ursprung und sein bedrohliches Äußeres haben nichts mehr mit seinem plump-freundlichen Pendant aus der Original-Serie zu tun.

All das klingt zunächst sehr positiv und spannend. Im Übrigen weiß auch die Technik zu überzeugen: Alles an „Lost In Space“ sieht geradezu unverschämt gut aus. Das beginnt bei den realistisch wirkenden Raumschiffen und Fahrzeugen sowie den gut gemachten Kostümen, setzt sich beim Planeten mit seinen spektakulären Außenaufnahmen fort und reicht bis zum wunderschön dargestellten Weltraum. Nichts auszusetzen gibt es außerdem an Kamera, Schnitt und Special Effects – alles fügt sich sehr gut ins Gesamtbild. Lediglich der dramatische Soundtrack ist für meinen Geschmack ein wenig zu vordergründig, aber das ist bei Weitem kein Beinbruch. Was sind also die Probleme an „Lost In Space“, wenn Idee und Technik passen? Man kann es leicht erraten: Die Serie krankt massiv an Drehbuch und Charakterdarstellung. Ich bin sogar versucht zu sagen, dass man in diesen beiden so wichtigen Bereichen praktisch alles falsch gemacht hat.

Kommt nicht richtig in Schwung.

Beginnen wir mit dem Drehbuch: Die Autoren bringen jedes Mitglied der Hauptbesetzung in den 10 Episoden der Staffel praktisch durchgängig in vermeintlich ausweglose, gefährliche Situationen. Das muss per se nicht problematisch sein, gewisse Action-Serien arbeiten auch mit solchen Mitteln und wissen trotzdem zu unterhalten. Nun ist „Lost In Space“ mit seinen stark aufeinander aufbauenden Folgen aber vollkommen anders angelegt als „Knight Rider“ oder von mir aus auch „Stargate – Kommando SG-1“. Heißt: Die Serie sollte eigentlich ein (Familien-)Drama sein, garniert mit gut gemachten, zweckmäßigen Action-Sequenzen. Leider hat man ständig das Gefühl, dass ein Missverhältnis zwischen diesen beiden Polen besteht; eine Vielzahl an Szenen bringt weder die Serie als Ganzes noch die Charaktere, die darin agieren, voran. Schlimmer noch, einige Sequenzen wirken wie Lückenfüller, damit die Spielzeit von rund 50 Minuten pro Folge überhaupt erreicht wird. Es ist, als hätte man sich im Vorhinein viel zu wenige Gedanken darüber gemacht, wo man eigentlich hin möchte. Oder als wären die Bücher für 30-minütige Episoden geplant gewesen und Netflix hätte in letzter Minute gesagt: „Es müssen 50 Minuten sein!“ So funktioniert es aber nicht, man hat den Eindruck von Stückwerk und die Serie kommt einfach nicht richtig in Schwung, ist nicht rhythmisch, wenn man so will.

Ein Beispiel dazu: Maureen Robinson will in einer Episode mit einer Art Ballon in die Atmosphäre des namenlosen Planeten aufsteigen, um von dort aus einen besseren Blick auf die Sonne zu haben. Warum auch immer – die Erklärungen für solche Handlungen sind in „Lost In Space“ gerne mal an den Haaren herbeigezogen und geraten entsprechend schnell in Vergessenheit. Bevor sie das schafft, wird ihr Fluggerät vom Wind erfasst, schleift sie über den Boden und lässt sie fast in eine Schlucht stürzen. Dieser Zwischenfall hat allerdings keinerlei Auswirkung auf den Erfolg ihrer Mission oder die Entwicklung ihres Charakters, ist also vollkommen irrelevant. Derartige Dinge kommen immer wieder vor, sodass man sich fragt, was uns die Produzenten damit sagen wollen – für mich macht das „Lost In Space“ zu einer Anhäufung von Unwahrscheinlichkeiten und Situationen, in denen man einen Deus ex machina bemühen muss. Das mag auch in anderen Serien immer wieder vorkommen, so geballt, wie in dieser Netflix-Produktion habe ich es aber noch nie erlebt. Erschwerend kommt die Vorhersehbarkeit gewisser Handlungen und Situationen hinzu – so wird zum Beispiel in einer Weltraumszene eine Harpune abgeschossen, um driftende Crewmitglieder zu bergen. Die Kamera fängt ein, wie das Seil, an dem die Harpune hängt, auf sein Ziel zuschießt, sich abwickelt, immer länger und länger wird – und weiß sofort, dass die Länge nicht ausreichen wird. Und genau so kommt es dann auch.

Keine Identifikationsfiguren.

Während das Drehbuch meiner Meinung nach die Orientierungslosigkeit der Verantwortlichen offenlegt, haben die Charaktere mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen: Der Versuch einer moderneren Inszenierung der 1960er-Vorzeigefamilie scheitert gnadenlos an deren dümmlicher Darstellung (und damit meine ich nicht die schauspielerische Leistung, die allerdings auch nicht Emmy-verdächtig ist). So ist zum Beispiel die Idee, dass man die Hintergrundgeschichten zu den Figuren immer wieder in kleinen Rückblenden erfährt, gut. Nur sind die Häppchen, die dabei serviert werden, sehr klein, sodass sich das Gefühl von Tiefe sehr langsam einstellt – wenn überhaupt. Im Endeffekt ist das aber fast egal, weil das großteils unrealistische Verhalten der Raumfahrer alles andere überdeckt. Zu allem Überfluss betrifft das nicht nur die Hauptpersonen, sondern auch die später eingeführten Nebencharaktere.

Was meine ich damit? Es kommt in „Lost In Space“ beispielsweise immer wieder zu brenzligen Situationen weil man trotz des gemeinsamen Schicksals stets das eine oder andere Geheimnis voreinander hat. Dass so etwas für gruppendynamische Prozesse und damit Spannung in einer Serie sorgen kann, haben andere Shows bewiesen – hier ist es allerdings so, dass dieses Gehabe hoffnungslos aufgesetzt und an den Haaren herbeigezogen wirkt. Womit sich der Kreis zu den Mängeln im Drehbuch wieder schließt. Denn wenn man es nicht schafft, seine Charaktere sympathisch oder wenigstens interessant zu gestalten, versucht man eben, sich über Tricks zu retten, die Tiefe vorgaukeln sollen. Das kann funktionieren, tut es im Falle von „Lost In Space“ aber nicht.

A pro pos „Sympathie“: Es ist schon ein Kunststück, bei einer Kernmannschaft von 7 Hauptpersonen (8, wenn man den wortkargen Roboter dazu rechnet) praktisch niemanden hat, der Sympathien beim Zuseher zu wecken vermag. Dafür fehlt es entweder an Charisma (Vater, Mutter, älteste Tochter) oder dümmlich-peinliche Dialoge stehen im Weg (jüngere Tochter, der Techniker). Für mich unerwartet ist es ausgerechnet der jüngste Sohn, dessen Rolle am besten funktioniert und dessen Darstellung verhältnismäßig wenig nervt. Brauchbar geschrieben wurde auch die Antagonistin, die weniger bösartig, sondern eher verschlagen wirkt, gleichzeitig sogar ein wenig Mitleid weckt. Sympathisch geht anders, ist aber immerhin einigermaßen interessant und annehmbar von „Independent-Queen“ Parker Posey gespielt. Das zeigt aber gleichzeitig auch eine Facette des Problems mit der Charakterdarstellung: Die Familie ist dysfunktional, außerhalb gibt es einen halb-lustigen Techniker und eine Schurkin. Mit wem soll man sich als Zuseher identifizieren? Mir persönlich war das praktisch unmöglich und wäre einer der Charaktere ums Leben gekommen, hätte das bei mir keine Emotionen geweckt. In manchen Fällen hätte ich mich sogar gefreut – was kaum Sinn und Zweck der Übung sein kann.

Hoffnung auf Staffel 2.

Ob ich mir eine weitere Staffel dieser Serie antue, weiß ich noch nicht. Der finale Cliffhanger spricht schon dafür, ein paar offene Fragen wurden durchaus geschickt eingebaut – und die Antworten würde ich gerne erfahren. Dass man die Fortsetzung kaum erwarten kann (wie es z.B. bei „Game of Thrones“ der Fall ist), ist dennoch nicht der Fall. Paradoxerweise hat das auch was mit dem Finale zu tun, dessen letzter Twist dafür sorgt, dass die 10 Folgen von Staffel 1 mit einem Schlag quasi ihre gesamte Bedeutung verlieren. Das wäre rein von der Handlung her ja kein Problem, weil es aber an Darstellung und Entwicklung der Charaktere dermaßen hapert, fragt man sich am Schluss zwangsläufig, wofür die man eigentlich 10 Stunden seines Lebens geopfert hat.

Bewertungstechnisch ist das quasi der Todesstoß für „Lost In Space“. Dass es dennoch 3 Punkte gibt, liegt an der exzellenten Ausstattung und an ein paar guten Ansätzen, die zumindest ab und an zu unterhalten vermögen.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Lost In Space
Idee: Matt Sazarma, Burk Shapless
Land: USA
Jahr: 2018
Episoden: 10
Länge: ca. 45-65 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung: Toby Stevens, Molly Parker, Taylor Russell, Mina Sundwall, Maxwell Jenkins, Parker Posey, Ignacio Serricchio, Brian Steele