FilmWelt: Die Nacht der lebenden Toten

„Die Nacht der lebenden Toten“ (1968) taucht regelmäßig in Listen mit wichtigen und bahnbrechenden Klassikern auf. Aus heutiger Sicht ist das zumindest bei oberflächlicher Betrachtung gar nicht mehr so einfach nachzuvollziehen – 1968 war es hingegen eine völlig neue Art von Horror, den Regisseur George A. Romero in einer Nachmittagsvorstellung (!) auf das nichtsahnende Publikum losließ. Und ja, der Film mag seine Schwächen haben; seiner Wirkung kann man sich dennoch bis heute schwer entziehen, wenn man auch nur ein bisschen was am Horror-Genre findet.

Gesamteindruck: 6/7


Das Zeitalter der Zombies beginnt.

Mir ist nicht ganz klar, wie Untote vor „Die Nacht der lebenden Toten“ im Film dargestellt wurden. Natürlich gab es Graf Dracula (1931 erstmals im Film zu sehen) – George Romero schuf jedoch, so heißt es, eine neue Form von Kreatur: Seine lebenden Toten haben nichts mit der romantischen Vorstellung des transylvanischen Adeligen zu tun, der sich seine Manieren und seine Intelligenz über den Tod hinaus bewahren konnte. Eines haben sie aber mit dem blutdürstigen Grafen gemeinsam: Sie sollten in den folgenden Jahren und Jahrzehnten in zahllosen Inkarnationen, mal mehr, mal weniger originell die Leinwände und Fernsehschirme dieser Welt erobern.

Worum geht’s?
Als die Geschwister Barbra und Johnny das Grab ihres Vaters besuchen, werden sie ohne Grund von einem Mann angegriffen, der sich äußerst merkwürdig benimmt und aussieht. Während Johnny zu Boden geworfen wird, kann sich Barbra in einem nahegelegenen Haus verstecken. Dort trifft sie – völlig unter Schock – bald auf weitere Flüchtlinge, die sich gemeinsam verschanzen und bald von höchst unheimlichen Gestalten belagert werden…

Die ersten Minuten von „Die Nacht der lebenden Toten“ benötigt der moderne Zuschauer, sich halbwegs in einen Film einzugewöhnen, der kaum aktuellen Sehgewohnheiten entspricht. Das beginnt bei der Darstellung in schwarz/weiß, setzt sich über die ungewohnte Kameraführung fort und reicht über die seltsam anmutende Synchronisation bis hin zum teilweise eher hölzernen Auftreten der Schauspieler. Ob und wie große Probleme man damit hat, hängt freilich von der individuellen Offenheit gegenüber historischem Material ab. Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich spätestens nach 20 Minuten so hineingekippt bin, dass mir das hohe Alter des Streifens sowie sein geringes Budget kaum noch aufgefallen sind.

Weil es gut passt, sei an dieser Stelle direkt angemerkt, dass die fehlenden Geldmittel so gut wie keine Auswirkungen auf Spannung, Dialoge und Drehbuch haben. Sie zeigen sich meines Erachtens vorwiegend an der Technik; besonders auffällig: Schwankungen im Ton, teilweise auch komplett fehlende Geräusche – ob das eventuell nur in der deutschen Fassung so ist, kann ich allerdings nicht beurteilen. Die Synchronisation ist übrigens nicht optimal, die Sprecher klingen zumindest teilweise nicht so professionell, wie man sich das wünschen würde. Ansonsten sind in Sachen Professionalität und/oder Budget noch die dilettantische Choreografie der Kämpfe (so deutlich erkennbar haut nicht mal Bud Spencer daneben) und der für mein Gefühl stark ausbaufähige und viel zu abrupte Schnitt zu erwähnen.

Unerwartet intensiv.

Positiv überrascht war ich hingegen von der Intensität und der düsteren Atmosphäre. Drei Hauptgründe, die zeigen, dass das auch mit verhältnismäßig bescheidenen Mitteln zu bewerkstelligen ist, möchte ich näher ausführen. Erstens – und vielleicht am wichtigsten – ist „Die Nacht der lebenden Toten“ mit hervorragender Filmmusik gesegnet. Der Soundtrack (ob es diesen Begriff Ende der 1960er schon im heutigen Sinne gegeben hat, entzieht sich meiner Kenntnis) sorgt in einem Ausmaß für (düstere) Stimmung, das man auch in modernen Filmen eher selten serviert bekommt. Eine Vermutung meinerseits: Die praktisch durchgängige akustische Untermalung kommt eventuell gerade wegen der oben genannten Schwächen im allgemeinen Ton dermaßen gut zur Geltung.

Der zweite Grund ist die unerwartet trostlose Gesamtstimmung, die „Die Nacht der lebenden Toten“ trotz ab und an naiv anmutender Bilder zu einem relativ harten Film macht. Letztlich gibt es keine Szene, in der man auch nur den Ansatz von Humor durchschimmern sieht, wodurch jeder Gedanke an unfreiwillige Komik, der durch den einen oder anderen technischen Mangel aufkommen könnte, schnell ad acta gelegt wird. Ich selbst musste lediglich aufgrund der Synchronisation ab und an schmunzeln, würde aber vermuten, dass dieser „Spaß“, so man es überhaupt so nennen will, dem englischsprachigen Original vollkommen abgeht. Dazu passt auch, dass die Figuren in „Die Nacht der lebenden Toten“ keine todesmutigen Helden sind. Sie sind auch nicht direkt gut oder böse, sondern irgendwo dazwischen, wirken wie ganz normale Menschen, haben untereinander auch Konflikte. Kurz: Romero nimmt hier einiges vorweg, das die ganze Welt Jahrzehnte später an „The Walking Dead“ feiern sollte – und das zum Teil sogar noch realistischer. Übrigens hat der Film auch kein Happy End, ganz im Gegenteil: Er endet auf eine Weise tragisch, die mich fast schon fassungslos zurückgelassen hat. Hätte ich so nicht erwartet!

Der dritte Punkt, den ich in Sachen Intensität erwähnt haben will: Ich habe mich oben ein wenig über die billig wirkende Technik beschwert, möchte da jedoch die Kameraarbeit klar ausnehmen; die ist zwar ein bisschen ungewohnt, aber dennoch sehr gut gelungen. Gleiches gilt für die meisten Effekte, die ebenfalls zu gefallen wissen. Weniger mit Filmtechnik, wohl aber mit den Fertigkeiten des Regisseurs hat ein anderer Punkt zu tun: Das Gefühl des Realismus, das durch die regelmäßige Einbindung von Nachrichtenschnipseln geschaffen wird. Ich wusste gar nicht, dass diese Technik schon so früh in der Filmgeschichte zum Einsatz kam – Romero macht das jedenfalls perfekt, was sein Langfilm-Debüt nochmal besser macht.

Fazit: Wer sich von den genannten Punkten angesprochen fühlt und über die angeführten Schwächen hinwegsehen kann, erlebt mit „Die Nacht der lebenden Toten“ einen unerwartet düsteren und zu seiner Zeit wohl auch ausgesprochen harten Film. Letzteres heißt, dass man durchaus explizite Gewalt, inklusive Blut und Eingeweiden zu sehen bekommt, außerdem hier und da recht viel nackte Haut. Kein Wunder also, dass der Film von Anfang an skandalumwittert war, was sicher auch einen Teil seines späteren Ruhmes ausmacht. Dennoch sollte man das, was George Romero geschaffen hat, nicht nur auf den bis dahin kaum gekannten Horror-Faktor reduzieren – „Die Nacht der lebenden Toten“ ist schlicht und einfach ein gut gemachter Film ohne ganz große Schwächen.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Night of the Living Dead.
Regie:
George A. Romero
Drehbuch: George A. Romero, John A. Russo
Jahr: 1968
Land: USA
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Duane Jones, Judith O’Dea, Karl Hardman, Marilyn Eastman, Russell Streiner, Kyra Schon



FilmWelt: Wölfe in der Tiefe

„Wölfe in der Tiefe“ aus dem Jahr 1959 ist kein Klassiker, so viel vorweg. Ich frage mich allerdings schon, ob Wolfgang Petersen zumindest das eine oder andere Mal hingeschielt hat, als er „Das Boot“ (1981) drehte – zumindest könnte die eine oder andere Ähnlichkeit darauf hindeuten…

Gesamteindruck: 2/7


Homo homini lupus.

Wer ernsthaft erwägt, sich „Wölfe in der Tiefe“ anzusehen (zum Zeitpunkt dieser Rezension ist das gratis auf Amazon Prime Video möglich), sollte seine Erwartungen nicht allzu hoch ansetzen und auf keinen Fall hoffen, hier vielleicht sowas wie eine frühe Version von „Das Boot“ zu sehen. Denn der italienische Schwarz/Weiß-Film spielt zwar ebenfalls in einem U-Boot, dessen Besatzung in eine ausweglose Situation geraten ist – dieses Setting wird aber im Gegensatz zum Petersen-Klassiker dramaturgisch überhaupt nicht genutzt. Heißt: Es ist schlicht nicht relevant, dass die Männer in einem U-Boot festsitzen, genauso gut könnte es ein Keller, ein Stollen oder ein Hochhaus sein.

Worum geht’s?
Irgendwann im 2. Weltkrieg: Ein U-Boot wird auf dem Weg in seinen Heimathafen von Flugzeugen bombardiert und so schwer beschädigt, dass es sinkt und in 110 Meter Tiefe zu liegen kommt. Ein Teil der Besatzung hat den Untergang zwar überlebt, ist nun aber im Boot gefangen. Ein Ausstieg wäre per Rettungsboje zwar möglich – aber nicht für alle. Eine Entscheidung muss also getroffen werden…

Ja, ein bisschen liest sich das Szenario wie eine berühmte Szene aus „Das Boot“, in der die Besatzung nach einem Bombentreffer in der Tiefe gefangen ist. Damit nicht genug: Auch in „Wölfe in der Tiefe“ haben die Männer keine Namen sondern nur ihre Dienstbezeichnungen (Kommandant, Obersteuermann etc.), der erste Offizier ist schneidiger als ihm gut tut und der Funker spielt gern mal „verbotene Musik“ über die Bordlautsprecher. An dieser Stelle nur zur Erklärung: „Das Boot“ erschien 1981 und beruht auf dem gleichnamigen Roman von Lothar-Günther Buchheim von 1973. Der hat dort seine persönlichen Erlebnisse im 2. Weltkrieg verarbeitet – ob Petersen oder Buchheim den deutlich früher erschienen italienischen Film jemals gesehen haben, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich würde die Parallelen auch gar nicht bewerten wollen, sie sind mir halt aufgefallen, darum wollte ich sie erwähnt haben.

Bevor wir zum Inhalt kommen, noch ein Wort zum Titel: Der Begriff „Wölfe“ ist sehr interessant gewählt. Erste Assoziation war bei mir, dass die deutschen U-Boote bzw. deren Besatzungen im 2. Weltkrieg als „Graue Wölfe“ bekannt waren – im ersten Moment war ich sogar verwirrt, weil es im Film keineswegs um eine deutsche Besatzung geht (wobei der einleitende Text erklärt, dass es ohnehin keine Rolle spielt und ein ähnliches Ereignis überall auf der Welt hätte passieren können – was natürlich richtig ist).

Die Handlung und die Dialoge zeigen aber eine zweite Ebene – homo homini lupus, „der Mensch ist ein Wolf für den Menschen“, sagte der Philosoph Thomas Hobbes im 17. Jahrhundert in seinem Werk „De Cive“. Vereinfacht und verkürzt wollte Hobbes damit andeuten, dass der Mensch zunächst immer sich selbst der Nächste ist und es im Sinne des Wohles der Allgemeinheit eine Überwindung dieses „Naturzustandes“ braucht. Und genau das versucht Regisseur Silvia Amadio darzustellen, indem er den Versuch seiner Figuren schildert, eine gerechte Entscheidung darüber zu treffen, wer leben darf. In seiner Doppeldeutigkeit ist das ein wirklich gelungener Filmtitel, würde ich sagen – vielleicht sogar einer der besten, die ich kenne.

Enttäuscht auf allen Ebenen.

Wer nun dank dieser philosophischen Ansätze Lust auf den Film bekommen hat, sei gewarnt: Die Umsetzung wird dieser komplexen Thematik bei weitem nicht gerecht. Ich weiß nicht, wie ich es wertschätzend vermitteln kann, also sage ich es rundheraus: „Wölfe in der Tiefe“ leidet an schwachen Charakteren, oberflächlichen Dialogen, bietet kaum Dramatik und beantwortet keine philosophischen Fragen. Die Dialoge müssten eigentlich das Herzstück eines derartigen Films sein, aber gerade hier herrscht pure Einfallslosigkeit. Jeder Matrose wird gefragt, wie alt er ist, ob er verheiratet ist und Kinder hat, ein bisschen was von der Vorgeschichte wird erzählt; all das wäre ja grundsätzlich in Ordnung, führt in „Wölfe in der Tiefe“ aber leider nirgendwohin. Damit in engem Zusammenhang steht auch, dass die Charaktere kaum eine Möglichkeit zur Identifikation bieten – der kameradschaftliche Obersteuermann, der mit allen gut Freund ist, ist der einzige Sympathieträger an Bord. Alle anderen sind eindimensional und schnell vergessen, dabei hat man zum Beispiel dem Leutnant, der sich als Sohn eines Admirals an Bord beweisen will, durchaus Züge eines Antagonisten verpasst. Doch die werden an keiner Stelle ausgereizt und kommen nicht über Andeutungen hinaus, sodass auch diese Rolle oberflächlich bleibt. Die Folge ist klar: Man verliert relativ schnell das Interesse, fiebert nicht mit und letzten Endes ist es dem Zuschauer völlig gleichgültig, wer aus dem Boot entkommen kann. Auch, weil zum Schluss ohnehin nicht mehr viele übrig sind, was den Eindruck erweckt, als hätten sich nicht nur die Protagonisten, sondern auch die Drehbuchschreiber vor einer ausgesprochen unangenehmen Entscheidung drücken wollen.

Enttäuschend ist „Wölfe in der Tiefe“ auch auf anderer Ebene, denn letzten Endes haben wir es hier auch mit keinem (Anti-)Kriegsfilm zu tun. Die Handlung, so jedenfalls mein Eindruck, spielt halt zufällig in einem U-Boot. Dieser Ausgangspunkt wird jedoch nicht genutzt, um ein Statement gegen den Krieg abzugeben. Die Dialoge drehen sich zu keinem Zeitpunkt um die politische Lage, die die Männer ja erst in diese verzweifelte Lage gebracht hat. Die Situation wird letztlich hingenommen, was für mich ebenfalls eine vertane Möglichkeit darstellt. Wie eingangs erwähnt: Man hätte die Dialoge nicht einmal anpassen müssen, hätte der Film beispielsweise von verschütteten Arbeitern in einem Bergwerk gehandelt. Es stimmt schon, wo der Film spielt, wäre eigentlich nicht so wichtig für die dahintersteckende Philosophie; weil diese aber maximal gestreift wird, ist es umso enttäuschender, dass auch aus einer Umgebung, die man sich als extrem düster vorstellt, so wenig herausgeholt wird.

Und das bringt mich auch schon zum letzten Kritikpunkt: „Wölfe in der Tiefe“ ist kein gelungenes Drama, es ist kein Statement gegen den Krieg – und es ist auch als U-Boot-Film eine Enttäuschung. Freilich darf man nicht davon ausgehen, dass ein Film von 1959 über Ausstattung und Effekte verfügt, die Wolfang Petersen für seinen Klassiker zur Verfügung hatte. Dennoch muss ich sagen, dass mich die Kulissen enttäuscht haben, weil sie nicht einmal ansatzweise das Gefühl der Enge im U-Boot transportieren. Ja, hier und da spritzt mal etwas Wasser rein, es gibt ein paar Rohre, Ventile und Instrumente, die erahnen lassen, wo sich unsere Helden befinden. Aber so richtig will mich das nicht überzeugen, dazu hätte es vielleicht auch ein wenig technisches Know-how gebraucht, das dem Film vollkommen abgeht. Und damit schließt sich der Kreis zu den Charakteren: Die erwecken nie das Gefühl, in einer erdrückenden Umgebung gefangen zu sein und um ihr Leben zu fürchten. Vielleicht auch deshalb, weil die mageren Kulissen das nicht glaubhaft vermitteln? Ich weiß es nicht.

Fazit: „Wölfe in der Tiefe“ ist ein geradliniger Film, den man sich mal ansehen kann, wenn man Zeit, Muse und/oder Lust auf eine Art Kriegs-Drama hat, das nicht aus Deutschland, England oder Hollywood kommt. Tiefgang [sic!], Action, Drama oder auch nur gelungene Effekte sollte man sich aber keinesfalls erwarten. Zwei Punkte, mehr ist dafür nicht drin.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Lupi nell’abissio.
Regie:
Silvio Amadio
Drehbuch: Silvio Amadio, Luciano Vincenzoni
Jahr: 1959
Land: Italien, Frankreich
Laufzeit: ca. 85 Minuten
Besetzung (Auswahl): Massimo Girotti, Folco Lulli, Jean-Marc Bory, Alberto Lupo, Horst Frank



FilmWelt: Der Hauptmann

Der Gedanke, dass Kleider Leute machen, ist nicht neu und hat seinen fixen Platz in Kunst, Literatur und Film; gerne wird der Hochstapler dabei als liebenswerter Tölpel dargestellt. „Der Hauptmann“ ist hingegen eine durchwegs verstörende Variante dieses Themas. Das wäre auch der Fall, wenn die Handlung fiktiv wäre – dass der Film allerdings auf Ereignissen basiert, die tatsächlich so stattgefunden haben, sorgt für ein besonders beklemmendes Gefühl. Wie genau das filmische Porträt eines Kriegsverbrechers den tatsächlichen Begebenheiten entspricht, wage ich nicht zu beurteilen – ein sehenswerter Film ist unter der Regie von Robert Schwentke in jedem Fall entstanden. 

Gesamteindruck: 7/7


Kleider machen Leute.

Die meisten heute lebenden Menschen stellen sich die Zeit des Nationalsozialismus so vor, wie man sie aus zahlreichen Film- und Fotodokumenten kennt: Schwarz-Weiß. An dieser ganz speziellen Sichtweise auf das dunkelste Kapitel in der Geschichte Europas ändern auch nach-kolorierte Dokumentationen und eine Vielzahl an Kriegsfilmen in Farbe nichts. Genau dieses kollektive Bild einer schwarz-weißen Epoche macht sich „Der Hauptmann“ zu Nutze. Übrigens ist das nicht der erste Film, der so gedreht wurde – man denke z.B. an „Schindler’s Liste“, der durch den Wegfall der gewohnten Farben ebenfalls eine ordentliche Schippe an Düsterkeit gewinnt.

Inhalt in Kurzfassung
Deutschland, Anfang April 1945: Der Gefreite Willi Herold, ein Deserteur, findet hinter der Front in einer Feldkiste die Uniform eines Offiziers. Er nutzt diese Gelegenheit, um sich neu einzukleiden und stellt schnell fest, dass Uniform und forsches, selbstbewusstes Auftreten tatsächlich reichen, um als Hauptmann durchzugehen. In weiterer Folge gelingt es ihm, eine Anzahl an versprengten Soldaten um sich zu scharen und ohne jemals Marschbefehl oder Soldbuch vorweisen zu müssen, der Feldgendarmerie zu entgehen. Schließlich übernimmt der vermeintliche Hauptmann sogar das Kommando über ein Gefangenenlager und nutzt seine neue Stellung gnadenlos aus.

Ironie des Schicksals: Der Fahnenflüchtige Willi Herold wird dank einer zufällig gefundenen Uniform zum Hochstapler, der sich schließlich zum Richter und Vollstrecker aufschwingt und seinerseits die Beseitigung von Deserteuren befiehlt, oft auch selbst erledigt. Das alles ohne, dass der junge Mann jemals einen Befehl dazu erhalten hätte, sondern offenbar nur deshalb, weil er es kann. Was macht den Reiz einer solchen Geschichte aus?

Einerseits ist da die Realität des Gezeigten. „Der Hauptmann“ ist echt, so – oder zumindest so ähnlich – ist es 1945 passiert. Es ist also nicht möglich, den unbequemen Fragen, die der Film aufwirft, zu entkommen, weil es eben keine Fantasie ist, die da auf den Zuschauer hereinprasselt. Es gab in der Endphase des 2. Weltkrieges tatsächlich einen 21-jährigen (!) Soldaten, der – vermutlich desillusioniert und verängstigt – von seiner Einheit getrennt wurde, eine Uniform anzog und der damit einhergehenden Macht unterlag. Ob Willi Herold erst durch die Offiziersuniform zum gewissenlosen Mörder wurde oder diese Anlagen schon vorher (als Gefreiter oder vielleicht noch früher) in sich trug, ist ein Thema, über das man automatisch nachdenkt, wenn man den Film gesehen hat.

Andererseits reicht der Film weit über die Frage nach Moral und Anstand der Person Willi Herold hinaus. Als Zuseher sieht man sich ständig mit der Überlegung konfrontiert, wie man selber handeln würde. Die Uniform verspricht Macht – und gewährt sie in jenem System auch. Und zwar so sehr, dass alle Grenzen, Gesetze und Normen, die es sogar in dieser finsteren Zeit gab, aufgehoben werden und der Träger der Uniform tatsächlich tun und lassen kann, was er will. Dass das eine Versuchung ist, werden die Wenigsten bestreiten können, es bleibt zu hoffen, dass man seine Macht besser eingesetzt hätte, als der vermeintliche Hauptmann es getan hat. Das gilt übrigens auch für die Männer, die er um sich schart und die zum Teil zu ahnen scheinen, dass es mit der unbeschränkten Vollmacht, verliehen vom „Führer“ höchstpersönlich, nicht so weit her ist. Wer hätte es an deren Stelle wohl gewagt, sich den Befehlen offen zu widersetzen? Unbequeme Fragen, fürwahr. Darum ertappt man sich wohl häufiger dabei, Willi Herold als „Kind seiner Zeit“ abzutun und damit praktisch zu entschuldigen, als es dem reflektierten Zuseher lieb sein kann. Denn gerade der Beginn des Films zeigt den späteren Henker vom Emsland als normalen, verängstigten, jungen Mann, mit dem sich jeder Kriegsgegner gut identifizieren kann.

Sauber inszeniert.

„Der Hauptmann“ bietet also einige moralisch-philosophische Denksportaufgaben. Angesichts dessen gerät fast ein wenig in den Hintergrund, dass der Film handwerklich sehr gut gemacht und inszeniert ist. Das Schwarz-Weiß funktioniert ausgezeichnet, ist zum Einen geeignet, die trostlose Endzeit-Stimmung im kurz vor dem Zusammenbruch stehenden deutschen Reich einzufangen, bedient zum Anderen unser kollektives Geschichtsbild (siehe oben) und sorgt drittens dafür, dass man als Zuseher auf andere Dinge achtet als auf leuchtend rotes Filmblut. Der Wahnsinn, der auf der Leinwand dargestellt wird, verstärkt sich durch die Geräuschkulisse des Krieges, industriell anmutender Musik und den Schlagern aus jener Zeit. All das verbindet sich zu einem Strudel aus Gewalt und Irrsinn, der den Zuseher ab und an mitten ins Geschehen zu reißen scheint.

Die Handlung ist bei einer filmischen Biografie ohnehin vorgegeben. Einige Freiheiten wird sich der Regisseur sicher genommen haben, wirklich störend ist das nicht. Maximal die Szene, in der der Hochstapler nach seiner ersten Gefangennahme und dem Verhör entkommt, mutet merkwürdig an. Auch, dass nicht erzählt wird, wie Willi Herold 1946 den Tod fand, fand ich ein wenig unglücklich (er wurde übrigens von der britischen Militärregierung hingerichtet). Abgesehen davon finde ich am Gesamtpaket nichts auszusetzen. Noch ein Wort zu den Darstellern: Sie alle machen ihre Sache sehr gut. Vor allem der junge Schweizer Max Hubacher kann in der Hauptrolle glänzen und vermag ein sehr mulmiges Gefühl beim Zuseher auszulösen. Erwähnenswert auch der einzige moralische Kontrapart im Film, personifiziert durch Milan Peschel, der als Gefreiter Freytag gleichzeitig der erste ist, der sich Herold anschließt, später aber als einziger Bedenken hat. Freilich hindert das auch ihn letztlich nicht daran, sich an den Verbrechen zu beteiligen, die der „Hauptmann“ befiehlt.

Als persönliche Randnotiz sei angemerkt, dass ich es erstaunlich finde, wie es Herold in dem von schwerfälliger und überbordender Bürokratie gekennzeichneten NS-Staat gelungen ist, unerkannt zu bleiben. Auch, wenn es nicht lange währte, ist doch bemerkenswert, wieviel Unheil er in dieser Zeit anrichten konnte, ohne, dass es einen wie auch immer gearteten Befehl dazu gegeben hat. Einerseits zeugt das vermutlich von unglaublichem Charisma, andererseits hatte er es wohl nicht allzu schwer, Erfüllungsgehilfen zu finden, die ihn gewissenlos bei seinem Tun unterstützt haben. Was davon bedenklicher ist, kann man kaum beurteilen – fest steht jedoch, dass Willi Herold gemordet hat, weil er a) die Gelegenheit hatte und b) es von sich aus tun wollte. Denn einen Befehl dazu hatte er nie.

Fazit: Volle Punktezahl für ein rundum gelungenes Porträt und einen stimmungsvoll-düsteren Film, der keine Längen aufweist. Sowohl inhaltlich als auch handwerklich hat sich Regisseur Robert Schwentke hiermit ein Denkmal gesetzt.

Gesamteindruck: 7/7


Originaltitel: Der Hauptmann
Regie: Robert Schwentke
Jahr: 2017
Land: GER, FRA, POL
Laufzeit: 119 Minuten
Besetzung (Auswahl): Max Hubacher, Milan Peschel, Frederick Lau, Waldemar Kobus, Alexander Fehling



 

FilmWelt: Godzilla (1954)

Oft belächelt als billiger schwarz-weiß-Film, in dem ein Typ im Gummikostüm Papp-Hochhäuser zum Einsturz bringt, ist der originale „Godzilla“ von 1954 heute zu Recht ein Klassiker. Das ist auch einer Neufassung zu verdanken, die Szenen beinhaltet, die für die internationalen Versionen herausgeschnitten wurden. Denn so macht der Film wesentlich mehr Sinn und zeigt ein differenziertes Bild, das nicht mehr so viel mit der dumpfen Monster-Action zu tun hat, die dem westlichen Publikum damals suggeriert wurde.

Gesamteindruck: 6/7


Unerwartet düster und ernst.

Als Godzilla 1954 auf der Leinwand erschien, hätte wohl niemand gerechnet, dass das Monster mit dem charakteristischen Urschrei die Herzen der Zuschauer im Sturm erobern würde. Heute, 2018, gibt es mehr als 30 Filme mit der riesigen Echse, die bis auf aktuell zwei US-Adaptionen samt und sonders aus Japan stammen. Eine unglaubliche Erfolgsgeschichte, wenn man bedenkt, mit welchen Mitteln die Filme jahrzehntelang produziert wurden.

Inhalt in Kurzfassung
Vor einer Insel im japanischen Meer sinken aus unbekanntem Grund mehrere Schiffe. Schließlich wird als Ursache der Havarien ein riesiges, Saurier-ähnliches Monster, von den Inselbewohnern „der Godzilla“ genannt, ausgemacht. Alle Versuche, den Giganten, der Kurs auf Tokio nimmt, aufzuhalten, scheitern und die Stadt wird von Godzilla in Schutt und Asche gelegt. Die machtlosen Militärs müssen das Schicksal Japans schließlich in die Hände eines Wissenschaftlers legen, der eine Möglichkeit gefunden hat, dem Monster beizukommen. Dabei gerät er allerdings selbst in eine moralische Zwickmühle.

Ich habe den 1954er „Godzilla“ bis vor wenigen Tagen tatsächlich kein einziges Mal gesehen, die schwarz-weiß-Bilder haben mich immer abgeschreckt. Und auch das Wissen um die teilweise naiven Effekte und merkwürdigen Dialoge späterer Godzilla-Filme war nicht hilfreich – ich konnte mir nicht vorstellen, dass ein bald 65 Jahre alter Film besser sein könnte als so mancher seiner Nachfolger. Glücklicherweise habe ich mich nun doch entschlossen, diese Lücke in meiner Filmographie endlich zu schließen. Denn: „Godzilla“ ist tatsächlich ein kraftvoller, düsterer und exzellent gemachter Film.

Zunächst ein paar Worte zur Optik: Es ist ja bekannt, dass das Monster von einem Schauspieler in einem Ganzkörperkostüm dargestellt wurde (der 2017 verstorbene Haruo Nakajima verkörperte Godzilla bis 1972). Stilistisch ist das schon ein krasser Unterschied zum thematisch ähnlich gelagerten King Kong, der mit seiner Stop-Motion-Technologie bereits 1933 die Ära der Spezialeffekte eingeläutet hatte. Interessanterweise stört diese Tatsache den Filmgenuss wesentlich weniger, als man annehmen könnte. Im Gegenteil, Godzilla sieht gar nicht so unecht aus – vielleicht gerade weil der Film in schwarz-weiß gehalten wurde. Und auch die angerichteten Verwüstungen, die das Markenzeichen aller Godzilla-Filme sind, sehen dank detaillierter und liebevoller Modelle weniger naiv aus als es heute mit der fortgeschrittenen Computertechnologie oft gelingen will.

Gnadenloser Kampf ohne jeglichen Humor.

Was den Film von seinen Nachfolgern abhebt, hat allerdings nicht so viel mit der Optik zu tun. Es ist vielmehr die düstere Grundstimmung, die „Godzilla“ auszeichnet. Das beginnt bereits mit dem Verhalten des Ungeheuers: Godzilla hatte 1954 noch nichts von einem heldenhaften Beschützer der Menschheit, der sich gerne auch mit anderen Monstern zusammentut, um Japan oder sogar die Welt zu retten. Im Gegenteil, das Monster ist gnadenlos, zerstört nicht nur Tokio sondern tötet dabei auch unzählige Menschen. Diese Kollateralschäden werden auch durchaus plakativ dargestellt, was ich in einem Monsterfilm aus den 1950er Jahren so nicht erwartet hätte.

Damit wird auch deutlich, was heute kaum mehr jemandem bewusst ist: Godzilla ist einerseits natürlich ein Unterhaltungsfilm, andererseits aber auch eine starke Allegorie auf die Schrecken der Atombombenabwürfe auf Japan im Rahmen des 2. Weltkrieges. Das kommt in den Dialogen immer wieder heraus und zeigt sich auch in der Machtlosigkeit der Menschen gegenüber dem Monster, das mit ungeheurer Gewalt über sie hereinbricht. Entsprechend humorlos und ernst ist der Film auch – ebenfalls ein krasser Unterschied zum Großteil der Folgeproduktionen. Dass Godzilla am Ende nur mit einer Waffe aufgehalten werden kann, die zur Massenvernichtung geeignet wäre, sorgt zum Schluss noch einmal für einen ganz speziellen Twist in Hinblick auf das traurige Schicksal von Hiroshima und Nagasaki.

Alles in allem ist der originale „Godzilla“ für mein Dafürhalten ein sehr guter Film. Einer, den man als Fan des Monsters sowieso gesehen haben muss, der aber auch für Filmhistoriker interessant sein dürfte. Und auch für Menschen, die entweder einfach unterhalten werden wollen (denn auch das tut der Film) oder sich gerne absurd verpackte Allegorien auf reale Ereignisse ansehen. Gerade letzteres ist ein irrwitziger Zugang, für den den Machern von „Godzilla“ aller Respekt gebührt.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: ゴジラ (Gojira)
Regie: Ishirō Honda
Jahr: 1954
Land: Japan
Laufzeit: 96 Minuten
Besetzung (Auswahl): Akira Takarada, Momoko Kōchi, Akihiko Hirata, Takashi Shimura, Haruo Nakajima