BuchWelt: Strugatzki 2

Arkadi & Boris Strugatzki


Wer noch nichts von den Arkadi und Boris Strugatzki hat, ist mit der Gesamtausgabe bestens bedient. Gerade in Band 2 (von 6) sind die drei enthaltenen Geschichten sehr unterschiedlich, was ihn meiner Ansicht nach perfekt zum Kennenlernen des Werkes von Arkadi und Boris Strugatzki macht. Fazit: Sieben Punkte und eine klare Kaufempfehlung.

Gesamteindruck: 7/7


Für Strugatzki-Anfänger und alte Hasen gleichermaßen interessant.

Die erste Frage, die sich stellt, wenn man die dicken Bücher der Strugatzki-Gesamtausgabe sieht, ist natürlich: Braucht man das, wenn man bereits alles von den russischen Schriftsteller-Brüdern im Schrank hat? Ich persönlich würde den Kauf jedem empfehlen, der ein paar Euro übrig hat und gerne diese Klassiker der russischen Science Fiction liest – auch wenn man vielleicht schon das eine oder andere Strugatzki-Werk im Regal stehen hat. Die in den Gesamtausgaben enthaltenen Romane wurden nämlich nicht nur neu übersetzt, sondern auch um in früheren Veröffentlichungen gestrichene Passagen ergänzt. Das bedeutet, dass man hier erstmals in den vollständigen Genuss der Bücher kommt, was früher kaum möglich war. Hinzu kommen umfangreiche Anmerkungen zu allen enthaltenen Geschichten – verfasst von Boris Strugatzki persönlich. Der Autor geht dabei nicht nur auf die Entstehungsgeschichte jedes Romans ein, sondern versucht auch zu erklären, was der jeweilige Hintergrund war und warum die Brüder in der Sowjetunion durchaus um ihr Leben fürchten mussten. Diese Anmerkungen sind mitunter genauso spannend wie die eigentlichen Geschichten und für sich schon beinahe den Kaufpreis wert. Noch dazu fällt durch die Anmerkung die Interpretation des teilweise doch recht schwer zu entschlüsselnden Stoffes wesentlich leichter. Für mein Dafürhalten ist die Gesamtausgabe also eine runde Sache.

Hier noch ein paar Worte zu den einzelnen Geschichten in diesem Band:

„Picknick am Wegesrand“ ist einer der bekanntesten Romane der Brüder. Ein Mitgrund ist natürlich die Verfilmung unter dem Titel „Stalker“ bzw. das (fast) gleichnamige Computerspiel „S.T.A.L.K.E.R.“. Der Roman ist sehr gut geschrieben und meiner Ansicht nach die beste Geschichte in diesem zweiten Band. Im Fokus steht hier das Gefühl der Hilflosigkeit angesichts einer vollkommen unbekannten Technologie, die unerklärbar ist und keinen bekannten Naturgesetzen folgt. Nebenbei gibt es – wie in allen Strugatzki-Werken – zahlreiche mehr oder weniger gut getarnte Anspielungen auf die Gegebenheiten in der Sowjetunion.

„Eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang“ versucht sich eher am Beschreiben geheimer Kräfte, die irgendwo im Hintergrund wirken. Hier geht es mehr darum, wie jeder seinen Teil zu einem Gesamten beiträgt, ohne das Endergebnis irgendwie absehen zu können. Dabei kommt es zu Strugatzki-typisch zu zahlreichen unerklärlichen Ereignissen, die einfach hingenommen werden müssen. Vom Stil her ein eher schwierig zu lesendes Werk, ausgesprochen spröde.

„Das Experiment“ kann man fast als Entwicklungsroman bezeichnen. Der Held der Geschichte durchlebt in einer Stadt, die einzig einem Experiment mit unbekanntem Zweck dient, verschiedene Stationen und wird auf unterschiedlichste Weise indoktriniert. Dass er sich dabei als Sowjet unter anderem mit einem ehemaligen Unteroffizier der Wehrmacht anfreundet ist nur ein Grund, wieso der Roman erst viele Jahre nach seiner Fertigstellung veröffentlicht werden durfte. Prinzipiell kann „Das Experiment“ durchaus als Allegorie auf das mittlerweile gescheiterte Experiment des Kommunismus gelten – kein Wunder also, dass die Strugatzkis an diesem Buch nur unter strengster Geheimhaltung arbeiten konnten. Allzu leicht lesbar ist der Roman nicht. Zwischendurch gibt es zwar immer wieder „schnelle“ Passagen, die das Ganze auflockern, durchsetzt ist das Buch aber auch von vielen philosophischen Auseinandersetzungen und Metaphern, die schwer zu verstehen sind. Zumindest für Nicht-Sowjets.

Gesamteindruck: 7/7


Autor: Arkadi & Boris Strugatzki
Originaltitel: Arkadi & Boris Strugatzki 2
Erstveröffentlichung: 2010
Umfang: 912 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: eBook, in „Strugatzki Gesammelte Werke 2.“


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„Das Experiment ist das Experiment“ – nähere Erklärungen zum Geschehen gibt es in diesem sehr spät (1989) veröffentlichten Werk von Arkadi und Boris Strugatzki nicht. Das bedeutet im Umkehrschluss, dass der Leser – wie in so vielen Werken der russischen Schriftsteller-Brüder – die Handlung des Romans großteils selbst deuten muss. Das sollte jedem potentiell Interessierten klar sein, bevor er dieses Buch kauft.

Gesamteindruck: 6/7


Nicht einfach zu lesen, lohnend für philosophisch Interessierte.

Dabei bietet „Das Experiment“ oberflächlich betrachtet durchaus Elemente, die auch reine Science Fiction-Fans befriedigen könnten. Immerhin ist der Gedanke an eine Stadt, die von vielen „freiwilligen Versuchskaninchen“ aus unterschiedlichsten Epochen, Ländern und Kulturen bevölkert wird eine fantastische Idee. Wer allerdings erwartet, näheres über die Art und Weise zu erfahren, wie das Experiment funktioniert, welchem Zweck es dient oder auch nur, wo sich diese Stadt befindet, wird enttäuscht werden. Auch eine nähere Erläuterung, wieso es in der Stadt immer wieder zu merkwürdigen Ereignissen (z. B. eine plötzliche Invasion durch Paviane) kommt, bleibt aus. Der Leser tappt also völlig im Dunkeln, was ihn auf wunderbare Weise mit den Charakteren im Buch verbindet, die ebenfalls nur Mutmaßungen über das Experiment anstellen können. Dieser Verzicht auf einen allwissenden Erzähler ist es, der manche Leser verzweifeln lässt, während andere die Strugatzkis dafür lieben. Ich persönlich gehöre zu letzterer Kategorie, kann aber auch verstehen, wenn jemand „Das Experiment“ entnervt in die Ecke wirft. Wer bis zum Schluss durchhält, wird übrigens nicht mit einem Happy End belohnt – hier ist wirklich der Weg das Ziel. Das Ende kommt abrupt und ist genauso rätselhaft, wie das ganze Buch erscheint.

Soviel zur heutigen Lesart von „Das Experiment“. Wer mit philosophischen Metaphern und der Suche nach einem Sinn des Lebens umgehen kann, wird es mögen. „Das Experiment“ hat aber auch eine andere, subtile Ebene, unter der man sich heute nicht mehr so viel vorstellen kann. Das Buch kann durchwegs als Kritik auf politische Ideologien, vornehmlich natürlich jener der Sowjetunion, gelesen werden; das ist auch der Grund dafür, warum der Roman erst 1989 erschienen ist, obwohl er bereits zwischen 1969 und 1975 geschrieben wurde. Es mag sein, dass es Leser gibt, die auch diesen Aspekt des Buches verstehen und nachvollziehen können – mir selbst fehlt der Zugang, diese Lesart vollständig decodieren zu können. Natürlich versteht man einige Anspielungen, aber prinzipiell muss man wohl die Sowjetunion selbst erlebt haben, um gänzlich zu begreifen, warum das Buch eine so große Gefahr für die Obrigkeit war. In groben Zügen ist es aber durchaus verständlich.

Wie dem auch sei, ich habe „Das Experiment“ mit Erstaunen und Vergnügen gelesen, auch wenn mir der Zugang des „Sowjetmenschen“ fehlt. Einige Seiten sind zwar ausgesprochen zäh (z. B. das Schachspiel mit dem „großen Strategen“), diese Passagen bleiben aber in der Minderheit. Man ertappt sich jedenfalls nach der Lektüre immer wieder dabei, über Sinn und Zweck des Ganzen nachzugrübeln. Ein größeres Kompliment kann man den Autoren vermutlich schwer machen. Ganz reicht es zwar nicht für die Höchstwertung, weil die Strugatzkis auch wesentlich kompakter zu Werke gehen können, aber gute sechs Punkte ist das Buch allemal wert.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Arkadi & Boris Strugatzki
Originaltitel: Град обреченный. (Grad obretschennij.)
Erstveröffentlichung: 1989
Umfang: 224 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: eBook, in „Strugatzki Gesammelte Werke 2.“


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Wem dieses Buch letztendlich gefallen könnte, ist schwer zu sagen. Hauptsächlich werden sich wohl Leser von philosophischer Science Fiction, wie man sie beispielsweise auch von Frank Herbert, Philip K. Dick, Isaac Asimov oder auch Stanisław Lem kennt, angesprochen fühlen. Ganz vergleichbar mit deren Werken ist „Milliarden Jahre vor dem Weltuntergang“ aber nicht – zu stark steht hier der gesellschaftskritische Aspekt im Vordergrund. Einen Blick riskieren können die Fans der genannten Autoren aber auf jeden Fall. Jeder, der eine Art Space Opera oder ähnliches erwartet, sollte einen großen Bogen um dieses Werk machen. Im Endeffekt reicht es bei mir für vier Punkte – ich habe trotz des wichtigen Themas definitiv schon Besseres von Arkadi und Boris Strugatzki gelesen.

Gesamteindruck: 4/7


Harter Tobak in gewöhnungsbedürftigem Stil.

Die Brüder Arkadi und Boris Strugatzki sind ja für ihren ausgesprochen interessanten, mitunter aber auch recht trockenen Zugang zur Science Fiction bekannt. „Milliarden Jahre vor dem Weltuntergang“ (auch als „Eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang“ erschienen) ist ein Beispiel für die nicht gerade angenehm zu konsumierende Variante eines Strugatzki-Buches. In der dünnen Handlung wird der Frage nachgegangen, warum und unter welchen Umständen der Sprung von einer normalen zu einer „Superzivilisation“ scheitern könnte.

Das liest sich in einer Rezension wie ein höchst spannendes Thema. Allerdings seien potentielle Leser gewarnt: Die Andeutungen, die die Autoren in die einzelnen Kapitel verpacken, bleiben meist sehr nebulös. Es gibt zwar Erklärungsansätze für die Ereignisse, die dem Protagonisten und seinen Kollegen widerfahren – wirklich verständlich und schlüssig ist allerdings kaum etwas. Zumindest nicht aus Science Fiction-Sicht. Aus den Anmerkungen geht hervor, dass das Buch als Allegorie auf die Zustände in der ehemaligen Sowjetunion zu lesen ist, ferner dass „Milliarden Jahre vor dem Weltuntergang“ das einzige Strugatzki-Werk ist, in dem alle Figuren einem realen Vorbild entsprechen. Das Buch ist also eine geschickt verpackte Kritik am Regime des Heimatlandes der Autoren und aus dieser Sicht dementsprechend wichtig.

Stilistisch wirkt „Milliarden Jahre vor dem Weltuntergang“ teilweise sehr befremdlich, wenn man normale Lesegewohnheiten als Maßstab nimmt. Die Präsentation der Thematik ist – wie man es aus der osteuropäischen Science Fiction kennt – eher trocken, lässt an einigen Stellen aber auch den bei den Strugatzkis durchaus vorhandenen Humor durchschimmern. Die elf (sehr kurzen) Episoden und ihre Unterkapitel beginnen mit Auslassungspunkten bzw. unvollständigen Sätzen. Warum das so ist, hat sich mir persönlich während der Lektüre nicht erschlossen. Gegen Ende des Buches gibt es auch noch einen Perspektivenwechsel von der dritten in die erste Person, ein stilistisches Mittel, das von den Autoren gelegentlich angewandt wird.

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Arkadi & Boris Strugatzki
Originaltitel: За миллиард лет до конца света. (Za milliard let do kontsa sveta.)
Erstveröffentlichung: 1976
Umfang: 224 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: eBook, in „Strugatzki Gesammelte Werke 2.“


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