FilmWelt: Valerian – Die Stadt der tausend Planeten

Dieser Film – ein Herzensprojekt von Regisseur Luc Besson – reiht sich nahtlos in die Riege jener Produktionen ein, die stark im Ungleichwicht sind: „Valerian – Die Stadt der tausend Planeten“ sieht unglaublich gut aus und zeugt von einer Liebe zum Detail, die man in der Form eher selten sieht. Man spürt den Enthusiasmus, mit dem sich der französische Filmemacher in die Adaptierung der Comicvorlage für die große Leinwand geworfen hat. Leider hat er jedoch – wie so viele seiner amerikanischen Kollegen – den Fehler gemacht, sich darauf zu verlassen, dass die grandiose Optik Mängel in der Story und im Drehbuch kaschiert. Bei bekannten US-Franchises mag das immer mal wieder für gute Ergebnisse reichen, in diesem Fall floppte der Film an den Kinokassen. Zu recht, wie ich konstatieren muss…

Gesamteindruck: 3/7


So viele Details, so wenige Ideen.

Ich habe den Comic „Valerian und Veronique“ (im französischen Original „Valérian et Laureline“) nie gelesen. Von daher kann ich nicht sagen, ob die Umsetzung einigermaßen werkstreu ist oder die Vorlage mit Füßen tritt. So gesehen vielleicht ganz gut, denn damit kann ich „Die Stadt der tausend Planeten“ als eigenständigen Film betrachten – und als solcher muss er ja funktionieren, weil ich mir nicht vorstellen kann, dass die Comic-Serie außerhalb von Frankreich weit verbreitet ist.

Worum geht’s?
Im 28. Jahrhundert arbeiten Major Valerian und Sergeant Laureline als Spezialagenten für die Regierung. Ihre aktuelle Mission: Den letzten Transmutator, der noch im Universum existiert, sicherstellen. Zunächst scheint es sich dabei um einen Routine-Auftrag zu handeln, bald stellt sich jedoch heraus, dass mehr dahinter steckt und hohe Militärs ein dunkles Geheimnis verbergen.

Zu einer Sache kann, will und muss ich Luc Besson definitiv gratulieren: Er lässt diesen Film einfach unglaublich gut aussehen und man merkt, dass es ihm wichtig war, eine fast schon unendlich wirkende Vielfalt abzubilden. Ich vermute, dass der Regisseur großer Fan des Comics ist und sich wie ein kleines Kind gefreut haben muss, als er den Zuschlag für die Verfilmung bekommen hat. Angeblich sieht man im Film an die 200 (!) unterschiedliche außerirdische Spezies – ich weiß nicht, ob es so etwas schon einmal gegeben hat, aber hier waren der Fantasie offenbar keine Grenzen gesetzt. Per se erinnert die Bildsprache übrigens stark an „Das fünfte Element“, fast scheint es, als hätte Besson mit der deutlich besseren Technik, die ihm genau 20 Jahre nach jenem Überraschungserfolg zur Verfügung stand, eine Vision, die er schon damals hatte, endgültig umsetzen können. Meistens ist „Die Stadt der tausend Planeten“ knallbunt, oft auch erschreckend düster, immer jedoch voller Fantasie. Das betrifft übrigens nicht nur die Ausstattung, auch die rasante Action, die den gesamten Film durchzieht, sieht ausgesprochen ästhetisch aus und ist großartig choreografiert. Zur Optik muss man also sagen: Hut ab; trotz massivem CGI-Einsatz wirkt übrigens alles wie aus einem Guss, was in modernen Produktionen keineswegs selbstverständlich ist.

Wenn das alles aber so großartig ist – wie komme ich dann zur enttäuschenden Gesamtwertung? Naja, es ist vermutlich nicht schwer zu erraten und ein mittlerweile leider weit verbreitetes Problem: Story, Drehbuch und Charaktere bleiben meilenweit hinter der glitzernden Fassade zurück. Dem Plot kann man dabei noch am wenigsten vorwerfen – er ist halt sehr konservativ, bietet so gut wie keine Überraschungen und ordnet sich weitgehend der atemlosen Action unter. Es ist das übliche „wir müssen verhindern, das dieses Transmutator-Dingens in falsche Hände gerät“-Spiel. Das wäre ja nun gar nicht verkehrt, würde die Story wenigstens die eine oder andere Wendung nehmen. Tut sie meines Erachtens nicht (ich empfand „Das fünfte Element“ in dieser Hinsicht als deutlich intelligenter und erfrischender) – und das macht ein erneutes Ansehen des Films überflüssig, denn man wird dadurch keine versteckten Andeutungen o. ä. entdecken, die einem beim ersten Durchlauf entgangen sind.

Keine Sympathieträger.

Kann man bei der Story noch beide Augen zudrücken (bzw. das Hirn in bester Hollywood-Action-Tradition abschalten), habe ich mit Drehbuch und Charakteren echte Probleme. Beim Drehbuch ist mir zunächst eine massive Diskrepanz zwischen der fast schon als übersteigert zu betrachtenden Lässigkeit der Figuren und der immer wieder durchkommenden Brutalität der Action aufgefallen. Ich bin wahrlich niemand, der ein Problem mit harten Filmen hat – aber „Die Stadt der tausend Planeten“ wirkt über weite Strecken (es reicht eigentlich, den Trailer zu sehen) wie ein Film für Jugendliche. Das liegt wohl an den sehr jungen Hauptdarstellern und an der weitgehend bunten Optik. Andererseits wird oft und gerne ordentlich gemetzelt – und das in Teilen durchaus detailliert. Wie gesagt: Mich stört das an und für sich nicht, dennoch finde ich die genannte Diskrepanz äußerst irritierend. An dieser Stelle sei, weil es gerade passt, auf eines von vielen Plot-Holes hingewiesen: Im letzten Drittel des Films muss unser Held seine Partnerin aus einer Art Tempel retten, den er als Mensch aber nicht betreten darf. Um einen diplomatischen Zwischenfall mit den primitiv wirkenden Außerirdischen zu vermeiden, verkleidet er sich nach langem Hin & Her als ein solcher – nur um später, als die Befreiungsaktion misslingt, erst recht alle Aliens zu beseitigen. Konsequenz ergibt sich daraus keine, was bei mir das Gefühl eines nicht zu Ende gedachten Drehbuchs weiter verfestigt hat.

Nun noch etwas Klartext zu den Charakteren: Ich kann mich ad hoc an keinen Film erinnern, in dem mir sowohl Haupt- als auch Nebenfiguren dermaßen unsympathisch waren. Vielleicht bin ich zu alt, um das zu verstehen – aber weder der als physisch und psychisch unkaputtbarer Superheld und -macho überzeichnete, selbstverliebte und in keiner Situation ansatzweise ernsthafte Valerian, noch die unterkühlte und arrogante Laurelin haben mir irgendeine Möglichkeit zur Identifikation geboten. Letztere lässt wenigstens ab und an so etwas wie Verletzlichkeit durchschimmern – aber eigentlich stand ich beiden Helden vollkommen emotionslos gegenüber. Da rettet auch der großteils eh ziemlich platte Humor nichts. Es ist schon klar, was hier versucht wurde: Die beiden Helden sollten sich als eine Art dysfunktionales Paar laufend gegenseitig Stichwörter geben, so etwas wie „Gilmore Girls“ im Weltraum. Nur leider haut das aus meiner Sicht überhaupt nicht hin, sondern ist bestenfalls holprig, schlimmstenfalls peinlich (speziell die „romantischen“ Einlagen mit pubertierendem Balzverhalten unseres Top-Agenten spottet jeder Beschreibung). Übrigens konnten mich auch die Nebenrollen überhaupt nicht überzeugen. Im Endeffekt fand ich ausgerechnet die Nicht-Schauspielerin Rihanna in ihrer Rolle als tragische Gestaltwandlerin Bubble am besten, gefolgt von Ethan Hawke als zwielichtigen Clubbesitzer (den aber schon mit Einschränkungen).

Schade um die guten Ideen.

Bisher dachte ich, das Problem läge an Hollywood. Tut es wohl auch, irgendwie – denn dort werden die vermeintlichen Erfolgsrezepte produziert, an denen sich (Action-)Filmemacher scheinbar auch außerhalb dieses Molochs zu orientieren haben. Luc Besson hat die Hollywood-Formel, nach der Schein wichtiger ist als Sein, mittlerweile offenbar leider auch verinnerlicht. Dabei hat der Mann u. a. mit „Léon – Der Profi“ (1994) und „Das fünfte Element“ (1997) bewiesen, dass er mehr als nur oberflächliche Action kann.

Ganz ehrlich: Ich wollte diesen Film wirklich mögen. Und so übel, wie das alles klingt ist „Die Stadt der tausend Planeten“ eh nicht. Man kann sich den Film durchaus ansehen, vielleicht auch zweimal, weil es tatsächlich viele Details zu entdecken gibt – nicht an der simplen Handlung, aber der Hintergrund der gigantischen Raumstation „Alpha“ erschlägt einen im ersten Moment mit einer unglaublichen Kleinteiligkeit. So gesehen kann sich ein zweiter oder dritter Besuch schon lohnen. Andererseits habe ich selten einen Film gesehen, in dem die Schere zwischen Schein und Sein dermaßen auseinanderklafft. Nein, stimmt nicht, einer ist mir nach kurzem Nachdenken doch eingefallen: „Avatar“ (2009), dessen wegweisende Technik Luc Besson als Anstoß genannt hat, sich an „Die Stadt der tausend Planeten“ heranzuwagen. Und ähnlich wie James Cameron ordnet sein französischer Kollege alles der hervorragenden Optik unter. Das mag vielen reichen, mir schon lange nicht mehr. Und, wie die Einspielergebnisse zeigen, bin ich keineswegs allein. Bessons Produktionsfirma stand nach diesem Film kurz vor der Pleite, was die Chancen auf eine Fortsetzung zum Zeitpunkt dieser Rezension (Februar 2021) nicht gerade rosig erscheinen lässt. Ist aber vielleicht auch besser so.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Valerian and the City of a Thousand Planets.
Regie:
Luc Besson
Drehbuch: Luc Besson
Jahr: 2017
Land: Frankreich
Laufzeit: ca. 140 Minuten
Besetzung (Auswahl): Dane DeHaan, Cara Delevigne, Clive Owen, Rihanna, Ethan Hawke, Sam Spruell



SerienWelt: Lost In Space (ab 2018) – Staffel 2

Staffel 1 von „Lost in Space“ (ein Remake einer TV-Serie der 1960er, weiterführende Links dazu gibt es in der entsprechenden Rezension) hatte meines Erachtens an mehreren Fronten mit Problemen zu kämpfen. Trotz eines vielversprechenden Starts schaffte es die Serie um eine im Weltraum gestrandete Familien nicht, nachhaltig zu begeistern – das Drehbuch war über weite Strecken hanebüchen, es war praktisch unmöglich, sich mit den Figuren vernünftig zu identifizieren und weite Teile der Präsentation waren ein einziges Klischee. Dennoch hoffte ich auf Besserung in Staffel 2 – ob sich die Hoffnung erfüllt hat oder woran es diesmal hakt, versuche ich in folgender Rezension herauszuarbeiten.

Gesamteindruck: 3/7


Keine Besserung in Sicht.

Ja, das Drama. Es ist aus modernen Serien nicht wegzudenken. Egal, ob das Genre nun Science Fiction (Star Trek: Picard), Fantasy (Game of Thrones), Horror (Spuk in Hill House) oder …ähem… Drama („Das Boot“) heißt – immer haben die Figuren neben ihrer meist sehr klassischen Mission (der Kampf gegen das Böse, die Rettung der Menschheit, der Welt, der Galaxis oder des Friedens) mit einer Vielzahl an privaten Problemen zu kämpfen. Ich bin beileibe kein Gegner dieser Herangehensweise, hat sie uns doch in vielen Fällen einen bisher im Serienbereich nicht gekannten Tiefgang beschert. Dennoch: Es gelingt manchmal besser, manchmal schlechter, komplexe persönliche Beziehungen darzustellen. „Lost in Space“ zeigt leider auch in Staffel 2, wie es nicht geht.

Inhalt in Kurzfassung
Einige Monate nach den Ereignissen von Staffel 1 sitzt die Familie Robinson gemeinsam mit Erzfeindin Dr. Smith und Techniker/Schmuggler/Soldat Don West nebst Huhn Debbie auf einem lebensfeindlichen Planeten fest. Ihrem Raumschiff fehlt es an Energie, sodass ein Entkommen unmöglich scheint – bis sie ein Naturphänomen entdecken, dass die Lösung ihrer Probleme sein könnte.

Freilich liegen die Schwierigkeiten der Serie nicht darin, dass sie die brave und nette Familie aus den 1960ern mit Ecken und Kanten versieht. Zumindest nicht vordergründig – sieht man genauer hin, merkt man hingegen recht schnell, dass der in „Lost in Space“ laufend zelebrierte Familienzwist großteils Fassade ist und, wenn es gerade ins Drehbuch passt, geflissentlich ignoriert wird. Für mein Gefühl will man die Robinsons gar nicht als zerstrittene und dysfunktionale Familie darstellen, „muss“ es aber tun, um modernen Anforderungen an eine Serie gerecht zu werden. Das Ergebnis ist ein ständiges Auf und Ab aus Streit und Versöhnung, aus „wir haben uns alle lieb“ und „wir gehen uns ganz fürchterlich auf die Nerven“. Letztlich überwiegt meines Erachtens der Ansatz, dass die Familie zusammenhält und nur so alles schaffen kann. Klingt wie ein klebrig-süßes Klischee aus Amerika? Ist es auch, wäre aber dennoch gar nicht so verkehrt, wenn es nicht dermaßen aufgesetzt rüberkommen würde.

Denn, und auch daran hat sich seit Staffel 1 nichts geändert: Das Drehbuch erfindet ständig neue Bedrohungen und Gefahren, scheinbar mit dem einzigen Ziel, die Familienmitglieder zur Zusammenarbeit zu zwingen. Häufig passiert das zu allem Überfluss auch noch mit mit dem Holzhammer, Subtilität ist und bleibt in „Lost in Space“ Mangelware. Wer die erste Staffel gesehen hat, weiß, was das bedeutet: Durchgehend explodiert irgendwo irgendwas und die Robinsons sind die einzigen, die wahlweise sich selbst oder allen anderen helfen können. Gelingt das nicht auf Anhieb, gibt es einen deus ex machina, der naturgemäß immer wieder Löcher in der eh schon fragilen Logik der Serie hinterlässt. Erklärungen bleibt man dann meist schuldig.

Ein Beispiel: Vater John Robinson stürzt in einen tiefen Schacht, bleibt schwer verletzt liegen. Retten kann ihn – natürlich – nur seine Stieftochter Judy, die auf dem Weg zu ihm vor allerlei Probleme gestellt wird. Zum Glück ist sie ein wahres Wunderkind und schafft es gerade noch rechtzeitig zum Verwundeten. Klingt ein bisschen oberflächlich und an den Haaren herbeigezogen? Für mich schon – und Sinn der Sache ist letztlich nur, eine „Ausrede“ zu haben, wie man in Rückblenden auf die Beziehung zwischen John und Judy eingehen kann. Nicht falsch verstehen: Das kann man schon mal so machen. In „Lost in Space“ ist das aber ein dermaßen inflationär verwendetes Muster, dass ich nur den Kopf schütteln kann. Die eigentlich brauchbare Idee, sich Gedanken über das Verhältnis zwischen Familienvater und adoptierter Tochter zu machen, wird vollkommen durch den kurios-dramatischen Rahmen, den so etwas heutzutage offenbar immer haben muss, überdeckt. So etwas kann man doch auch subtiler lösen, sollte man zumindest annehmen.

Kaum Charakterentwicklung.

An dieser Stelle sei – wenn auch eher am Rande – erwähnt, dass die Charaktere seit Staffel 1 kaum weiterentwickelt wurden. Die Versuche, das zu tun, erschöpfen sich großteils in Minidramen, wie ich es im obigen Beispiel dargestellt habe. Eine Ausnahme ist Dr. Smith, der ein paar neue Persönlichkeitsaspekte verpasst wurden – deren Eingliederung in das Robinson-Kollektiv lässt einen allerdings permanent am Geisteszustand der Familie zweifeln.

Deutlich verändert hat sich allerdings die Situation zwischen Will Robinson und seinem zu Staffelbeginn noch verschollenen Roboterfreund. Leider haben die Autoren auch hier nicht das richtige Erzähltempo gefunden – es ist ja von vornherein klar, dass es zu einer Wiedervereinigung kommen muss. Der Weg dorthin ist allerdings dermaßen zäh, dass man relativ schnell das Interesse verliert und sich dann über das tatsächliche Wiedersehen nicht so richtig freuen kann. Apropos Roboter: Dass es mehr als einen gibt, wurde in Staffel 1 ja bereits angedeutet. Staffel 2 liefert dazu einige Erklärungen nach, bleibt dabei aber stellenweise so vage, dass eher Verwirrung statt Aufklärung betrieben wird. Auch hier: Schade, denn genau an dieser Stelle wäre gutes Science Fiction-Potential vorhanden gewesen.

Optik bleibt größer Pluspunkt.

Den positivsten Faktor an „Lost in Space“ möchte ich abschließend aber auch noch erwähnen: Staffel 2 sieht für mein Dafürhalten sogar noch besser aus, als der Auftakt. Falls das überhaupt möglich ist – schon in Staffel 1 war die Optik unglaublich gut. Wie aber hier Planeten, Lebewesen, Raumschiffe, der Weltraum, Roboter usw. auf den Schirm gebracht wurden, ist einfach grandios. Allein die Wassserwelt, auf der die Robinsons zu Staffelbeginn gestrandet sind zeugt von einem sehr, sehr guten Gespür für die passende Optik. Zu schade, dass der Rest des Programms nicht ansatzweise mithalten kann.

Staffel 3 wird es 2021 wohl geben, die Gerüchte sagen allerdings, dass danach Schluss sein soll. Ich nehme jedenfalls an, dass ich der Vollständigkeit halber dabei bleiben werde. Wobei, wenn ich es mir recht überlege, hätte ich Staffel 2 ohne die derzeit verhängten Maßnahmen zur Eindämmung des Coronavirus (wie sich das wohl in ein paar Jahren lesen wird?) vermutlich bis heute nicht gesehen. Und wenn ich an den Cliffhanger zum Abschluss von Staffel 2 denke, befürchte ich noch mehr Familiendrama. Naja, lassen wir uns überraschen. 3 von 7 Punkten für eine Staffel, die weder besser noch schlechter als die Erste ist.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Lost In Space
Idee: Matt Sazarma, Burk Shapless
Land: USA
Jahr: 2018-
Episoden: 10
Länge: ca. 40-65 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung: Toby Stevens, Molly Parker, Taylor Russell, Mina Sundwall, Maxwell Jenkins, Parker Posey, Ignacio Serricchio, Brian Steele



 

SerienWelt: Lost In Space (2018) – Staffel 1

Remakes von alten Filmen, aber auch von Serien, sind schwer in Mode. Das kann einem gefallen oder auch nicht: Gegner beklagen den Mangel an neuen Ideen und die zum Teil arg lieblosen Neufassungen, Befürworter freuen sich über Updates mit aktuellem Anstrich und sind häufig der Meinung, dass früher ohnehin alles besser war. Streaming-Anbieter Netflix versucht sich ab 2018 an einem Remake von „Verschollen zwischen fremden Welten“, einer klassischen Science Fiction-Serie der 1960er Jahre.

Gesamteindruck: 3/7


Bruchlandung.

Nimmt man es ganz genau, ist „Lost In Space“ das Remake einer bereits 1998 als Hollywood-Film adaptierten TV-Serie, die auf einem Comic („Space Family Robinson“, 1962) basiert. Dieser hat wiederum ein Kinderbuch („Der Schweizerische Robinson“, Johann David Wyss, 1798) zur Vorlage, das seinerseits eine Adaption von „Robinson Crusoe“ (Daniel Defoe, 1719) darstellt. Insofern ist der Stoff nicht an die 60, sondern 200 Jahre alt, wenn man so will. Übrigens: Ich habe kein grundsätzliches Problem mit Remakes. Im Gegenteil, die Neuauflage von „Battlestar Galactica“ (2004-2009) ist beispielsweise eine meiner absoluten Lieblingsserien und schlägt das Original in praktisch allen Belangen. Von der Klasse eines „BSG“ ist „Lost In Space“ jedoch Lichtjahre entfernt – doch der Reihe nach.

Inhalt in Kurzfassung
In naher Zukunft wird die Erde immer unbewohnbarer. Einzige Chance für die Menschheit scheint die Besiedelung einer neuen Welt im Sternensystem Alpha Centauri zu sein. Unter den wenigen Auserwählten, die die Reise antreten dürfen, ist die fünfköpfige Familie Robinson. Als das Kolonieschiff „Resolute“ auf dem Weg zur neuen Welt schwer beschädigt wird, können sich die Robinsons auf einen unbekannten Planeten retten. Dort müssen sie um ihr Überleben kämpfen.

Die Grundprämisse der „Robinsonade“ ist das Stranden auf der einsamen Insel. Ganz so allein wie weiland Robinson Crusoe ist man allerdings nur zu Beginn von „Lost In Space“. Und auch an anderen Schrauben wurde sanft gedreht, um die Serie aus den 1960ern in die Gegenwart zu holen: Von der harmonischen Familie mit den braven Kindern ist praktisch nichts übrig – so erfahren wir, dass die Eltern John und Maureen Robinson seit Längerem getrennt sind und kurz vor der Scheidung stehen. Die älteste Tochter Judy ist dunkelhäutig, stammt aus erster Ehe und ist eine Art Universalgenie. Ihre Halbschwester Penny steht in milder Konkurrenz zu ihr und übernimmt den ironisch-komischen Part. Und dann wäre da noch Will, jüngster Spross, ebenfalls sehr intelligent, gleichzeitig aber auch als einziges Familienmitglied verletzlich und emotional. Mehr oder weniger rebellisch sind alle drei Kinder.

Neben den Robinsons gibt es drei weitere Hauptrollen. Der Antagonist nennt sich wie im Original Dr. Smith, ist 2018 allerdings weiblich und hat eine dubiose Hintergrundgeschichte spendiert bekommen. Mit dabei außerdem wie schon in den 1960ern Don West, der allerdings als Techniker/Schmuggler. Und auch der Roboter, mit dem sich Will Robinson anfreundet, darf nicht fehlen. Dessen außerirdischer Ursprung und sein bedrohliches Äußeres haben nichts mehr mit seinem plump-freundlichen Pendant aus der Original-Serie zu tun.

All das klingt zunächst sehr positiv und spannend. Im Übrigen weiß auch die Technik zu überzeugen: Alles an „Lost In Space“ sieht geradezu unverschämt gut aus. Das beginnt bei den realistisch wirkenden Raumschiffen und Fahrzeugen sowie den gut gemachten Kostümen, setzt sich beim Planeten mit seinen spektakulären Außenaufnahmen fort und reicht bis zum wunderschön dargestellten Weltraum. Nichts auszusetzen gibt es außerdem an Kamera, Schnitt und Special Effects – alles fügt sich sehr gut ins Gesamtbild. Lediglich der dramatische Soundtrack ist für meinen Geschmack ein wenig zu vordergründig, aber das ist bei Weitem kein Beinbruch. Was sind also die Probleme an „Lost In Space“, wenn Idee und Technik passen? Man kann es leicht erraten: Die Serie krankt massiv an Drehbuch und Charakterdarstellung. Ich bin sogar versucht zu sagen, dass man in diesen beiden so wichtigen Bereichen praktisch alles falsch gemacht hat.

Kommt nicht richtig in Schwung.

Beginnen wir mit dem Drehbuch: Die Autoren bringen jedes Mitglied der Hauptbesetzung in den 10 Episoden der Staffel praktisch durchgängig in vermeintlich ausweglose, gefährliche Situationen. Das muss per se nicht problematisch sein, gewisse Action-Serien arbeiten auch mit solchen Mitteln und wissen trotzdem zu unterhalten. Nun ist „Lost In Space“ mit seinen stark aufeinander aufbauenden Folgen aber vollkommen anders angelegt als „Knight Rider“ oder von mir aus auch „Stargate – Kommando SG-1“. Heißt: Die Serie sollte eigentlich ein (Familien-)Drama sein, garniert mit gut gemachten, zweckmäßigen Action-Sequenzen. Leider hat man ständig das Gefühl, dass ein Missverhältnis zwischen diesen beiden Polen besteht; eine Vielzahl an Szenen bringt weder die Serie als Ganzes noch die Charaktere, die darin agieren, voran. Schlimmer noch, einige Sequenzen wirken wie Lückenfüller, damit die Spielzeit von rund 50 Minuten pro Folge überhaupt erreicht wird. Es ist, als hätte man sich im Vorhinein viel zu wenige Gedanken darüber gemacht, wo man eigentlich hin möchte. Oder als wären die Bücher für 30-minütige Episoden geplant gewesen und Netflix hätte in letzter Minute gesagt: „Es müssen 50 Minuten sein!“ So funktioniert es aber nicht, man hat den Eindruck von Stückwerk und die Serie kommt einfach nicht richtig in Schwung, ist nicht rhythmisch, wenn man so will.

Ein Beispiel dazu: Maureen Robinson will in einer Episode mit einer Art Ballon in die Atmosphäre des namenlosen Planeten aufsteigen, um von dort aus einen besseren Blick auf die Sonne zu haben. Warum auch immer – die Erklärungen für solche Handlungen sind in „Lost In Space“ gerne mal an den Haaren herbeigezogen und geraten entsprechend schnell in Vergessenheit. Bevor sie das schafft, wird ihr Fluggerät vom Wind erfasst, schleift sie über den Boden und lässt sie fast in eine Schlucht stürzen. Dieser Zwischenfall hat allerdings keinerlei Auswirkung auf den Erfolg ihrer Mission oder die Entwicklung ihres Charakters, ist also vollkommen irrelevant. Derartige Dinge kommen immer wieder vor, sodass man sich fragt, was uns die Produzenten damit sagen wollen – für mich macht das „Lost In Space“ zu einer Anhäufung von Unwahrscheinlichkeiten und Situationen, in denen man einen Deus ex machina bemühen muss. Das mag auch in anderen Serien immer wieder vorkommen, so geballt, wie in dieser Netflix-Produktion habe ich es aber noch nie erlebt. Erschwerend kommt die Vorhersehbarkeit gewisser Handlungen und Situationen hinzu – so wird zum Beispiel in einer Weltraumszene eine Harpune abgeschossen, um driftende Crewmitglieder zu bergen. Die Kamera fängt ein, wie das Seil, an dem die Harpune hängt, auf sein Ziel zuschießt, sich abwickelt, immer länger und länger wird – und weiß sofort, dass die Länge nicht ausreichen wird. Und genau so kommt es dann auch.

Keine Identifikationsfiguren.

Während das Drehbuch meiner Meinung nach die Orientierungslosigkeit der Verantwortlichen offenlegt, haben die Charaktere mit einem ganz anderen Problem zu kämpfen: Der Versuch einer moderneren Inszenierung der 1960er-Vorzeigefamilie scheitert gnadenlos an deren dümmlicher Darstellung (und damit meine ich nicht die schauspielerische Leistung, die allerdings auch nicht Emmy-verdächtig ist). So ist zum Beispiel die Idee, dass man die Hintergrundgeschichten zu den Figuren immer wieder in kleinen Rückblenden erfährt, gut. Nur sind die Häppchen, die dabei serviert werden, sehr klein, sodass sich das Gefühl von Tiefe sehr langsam einstellt – wenn überhaupt. Im Endeffekt ist das aber fast egal, weil das großteils unrealistische Verhalten der Raumfahrer alles andere überdeckt. Zu allem Überfluss betrifft das nicht nur die Hauptpersonen, sondern auch die später eingeführten Nebencharaktere.

Was meine ich damit? Es kommt in „Lost In Space“ beispielsweise immer wieder zu brenzligen Situationen weil man trotz des gemeinsamen Schicksals stets das eine oder andere Geheimnis voreinander hat. Dass so etwas für gruppendynamische Prozesse und damit Spannung in einer Serie sorgen kann, haben andere Shows bewiesen – hier ist es allerdings so, dass dieses Gehabe hoffnungslos aufgesetzt und an den Haaren herbeigezogen wirkt. Womit sich der Kreis zu den Mängeln im Drehbuch wieder schließt. Denn wenn man es nicht schafft, seine Charaktere sympathisch oder wenigstens interessant zu gestalten, versucht man eben, sich über Tricks zu retten, die Tiefe vorgaukeln sollen. Das kann funktionieren, tut es im Falle von „Lost In Space“ aber nicht.

A pro pos „Sympathie“: Es ist schon ein Kunststück, bei einer Kernmannschaft von 7 Hauptpersonen (8, wenn man den wortkargen Roboter dazu rechnet) praktisch niemanden hat, der Sympathien beim Zuseher zu wecken vermag. Dafür fehlt es entweder an Charisma (Vater, Mutter, älteste Tochter) oder dümmlich-peinliche Dialoge stehen im Weg (jüngere Tochter, der Techniker). Für mich unerwartet ist es ausgerechnet der jüngste Sohn, dessen Rolle am besten funktioniert und dessen Darstellung verhältnismäßig wenig nervt. Brauchbar geschrieben wurde auch die Antagonistin, die weniger bösartig, sondern eher verschlagen wirkt, gleichzeitig sogar ein wenig Mitleid weckt. Sympathisch geht anders, ist aber immerhin einigermaßen interessant und annehmbar von „Independent-Queen“ Parker Posey gespielt. Das zeigt aber gleichzeitig auch eine Facette des Problems mit der Charakterdarstellung: Die Familie ist dysfunktional, außerhalb gibt es einen halb-lustigen Techniker und eine Schurkin. Mit wem soll man sich als Zuseher identifizieren? Mir persönlich war das praktisch unmöglich und wäre einer der Charaktere ums Leben gekommen, hätte das bei mir keine Emotionen geweckt. In manchen Fällen hätte ich mich sogar gefreut – was kaum Sinn und Zweck der Übung sein kann.

Hoffnung auf Staffel 2.

Ob ich mir eine weitere Staffel dieser Serie antue, weiß ich noch nicht. Der finale Cliffhanger spricht schon dafür, ein paar offene Fragen wurden durchaus geschickt eingebaut – und die Antworten würde ich gerne erfahren. Dass man die Fortsetzung kaum erwarten kann (wie es z.B. bei „Game of Thrones“ der Fall ist), ist dennoch nicht der Fall. Paradoxerweise hat das auch was mit dem Finale zu tun, dessen letzter Twist dafür sorgt, dass die 10 Folgen von Staffel 1 mit einem Schlag quasi ihre gesamte Bedeutung verlieren. Das wäre rein von der Handlung her ja kein Problem, weil es aber an Darstellung und Entwicklung der Charaktere dermaßen hapert, fragt man sich am Schluss zwangsläufig, wofür die man eigentlich 10 Stunden seines Lebens geopfert hat.

Bewertungstechnisch ist das quasi der Todesstoß für „Lost In Space“. Dass es dennoch 3 Punkte gibt, liegt an der exzellenten Ausstattung und an ein paar guten Ansätzen, die zumindest ab und an zu unterhalten vermögen.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Lost In Space
Idee: Matt Sazarma, Burk Shapless
Land: USA
Jahr: 2018
Episoden: 10
Länge: ca. 45-65 Minuten
Gesehen auf: Netflix
Haupt-Besetzung: Toby Stevens, Molly Parker, Taylor Russell, Mina Sundwall, Maxwell Jenkins, Parker Posey, Ignacio Serricchio, Brian Steele



 

BuchWelt: Rückkehr nach Gateway (Gateway – Teil 3)

Frederik Pohl


Leider hat sich Frederik Pohl bereits im 2. Teil der „Gateway-Trilogie“ entschlossen, die Hitschi sozusagen vor den Vorhang zu zerren. In Teil 3, „Rückkehr nach Gateway“, setzt der Autor diesen Kurs fort. Das kann man natürlich so machen und das kann auch gut sein – ist es in diesem Fall aber leider nicht, weil das, was über die außerirdische Rasse bekannt wird, rundum enttäuscht. Wenn Pohl den Mythos seiner Hitschi schon auflösen musste, hätte ich mir etwas mehr Tiefe erwartet. Und weil diese meiner Ansicht nach vollkommen fehlt, unterbietet Teil 3 seinen ebenfalls sehr durchwachsenen Vorgänger im Gesamteindruck noch einmal.

Gesamteindruck: 2/7


Enttäuschendes Finale der Trilogie.

Erwähnt sei zunächst, dass der englische Titel dieses Buches, „Heechee Rendezvous“, wesentlich besser zum Inhalt passt. Denn auf der Raumstation, die man in Band 1 kennen und lieben lernt, spielt nur ein Bruchteil vorliegender Geschichte. Stilistisch gesehen unterscheidet sich dieser dritte Teil wiederum von seinem Vorgänger und – stärker noch – von Band 1. Und auch inhaltlich ist die „Rückkehr nach Gateway“ völlig anders gelagert. Ging es im genialen Auftakt noch um die Auseinandersetzung mit etwas völlig Unbekanntem (und letztlich mit sich selbst), war Band 2 eine Art Robinsonade. Teil 3 hat hingegen mehr mit der Frage nach der Beschaffenheit künstlicher Intelligenz zu tun und hat auch gesellschaftskritische Ansätze (die aber nicht mehr als das, nämlich „Ansätze“ sind) hinsichtlich der Ausbeutung ärmerer Menschen zu bieten. Hauptsächlich wird in „Rückkehr nach Gateway“ aber weiter Licht in die Motive der Hitschi gebracht.

Letzteres war schon in „Jenseits des Blauen Horizonts“ mein größter Kritikpunkt. Leider ist die Ent-Mythologisierung der Hitschi in „Rückkehr nach Gateway“ sogar noch gründlicher ausgefallen. Das größte Problem daran ist, dass dadurch etwas, was in „Gateway“ allein durch seine schiere Fremdartigkeit und auch durch seine technologischen Aspekte für Ehrfurcht sorgte und die Fantasie des Lesers beflügelte, plötzlich auf menschlich greifbare Maße zurechtgerückt wird. Die Hitschi (und vor allem ihre Motive) sind den Menschen letztlich nicht so unähnlich, wie man anfangs noch vermuten konnte – und genau das ist die große Enttäuschung an diesem Buch.

Am Ende des Tages sorgt die Demontage – wobei es eigentlich keine solche ist sondern eher die Lieblosigkeit, mit der der Autor seiner Schöpfung gegenüber zu treten scheint – der Hitschi dafür, dass man fast geneigt wäre, über die anderen Probleme des Buches hinwegzusehen. Dabei sind diese durchaus gravierend: Von der Leichtigkeit, mit der man durch die Seiten von „Gateway“ fliegen konnte, ist nichts mehr zu bemerken. Das Lesen ist über weite Strecken eher ein Kraftakt, weil „Rückkehr nach Gateway“ auch abseits der Hitschi nicht richtig zu fesseln vermag.

Die Story, in der es auch recht viel um Liebe und Beziehungen geht, ist – so deutlich muss man es leider sagen – kaum der Rede wert. Die Dialoge sind reichlich belanglos. Nicht einmal die Charaktere, die man schon aus den Vorgänger-Büchern kennt, können ansatzweise überzeugen. Vor einer noch schlechteren Wertung rettet das Buch in meinen Augen nur, dass auch hier wieder einige interessante, astrophysikalische Thesen und Theorien angesprochen werden. Das ist letztlich aber auch schon alles, was ich an „Rückkehr nach Gateway“ gut finde. Daher auch hier die Empfehlung: Wer bisher nur „Gateway“ kennt, tut sich einen Gefallen, wenn er es dabei belässt.

Gesamteindruck: 2/7gateway-trilogie


Autor: Frederik Pohl
Originaltitel: Heechee Rendezvous.
Erstveröffentlichung: 1985
Umfang: ca. 320 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: E-Book, in: Die Gateway-Trilogie.


 

BuchWelt: Jenseits des blauen Horizonts (Gateway – Teil 2)

Frederik Pohl


Ein Stärke von „Gateway“ (und ähnlich gelagerten Romanen á lá „Solaris“ oder „Picknick am Wegesrand“) ist die greifbare Hilflosigkeit der Menschheit angesichts einer Technologie, die sie nicht verstehen kann, aber trotzdem ungeschickt zu nutzen versucht. Mit anderen Worten: Gerade das, was man NICHT erfährt, macht einen großen Teil des Reizes solcher Geschichten aus. Leider hat Autor Frederik Pohl dieses Prinzip im zweiten Teil der „Gateway-Trilogie“ (die eigentlich keine ist, aber das ist ein anderes Thema) teilweise über Bord geworfen.

Gesamteindruck: 4/7


Bleibt weit hinter der Klasse von „Gateway“ zurück.

„Gateway“ (1976) war meiner Ansicht nach ein Meisterwerk. Natürlich ist man bei solchen Büchern (oder auch Filmen, die ähnlich gelagert sind) immer ein wenig hin- und hergerissen: Gebe ich mich mit dem Gelesenen zufrieden und überlasse den Rest meiner Fantasie? Oder hätte ich gerne ein oder mehrere Folgewerke, die wenigstens ein paar der rätselhaften Ereignisse erklären? Man ist versucht zu sagen, dass es nur natürlich ist, mehr zu wollen, auch wenn man noch zu einer Generation gehört, in der das eigene Vorstellungsvermögen wohl etwas besser trainiert war, als das heute der Fall ist. Nur ist es meist leider so, dass dieses Mehr, das man gelegentlich bekommt, einigermaßen enttäuschend ist. So auch im Falle von „Jenseits des blauen Horizonts“ (1980), dem 2. Teil der „Gateway-Trilogie“.

Eine direkte Fortsetzung von „Gateway“ ist dieses Buch eigentlich nicht, hat es doch – zumindest zum Teil – andere Protagonisten, als sein Vorgänger. Im Prinzip ist „Jenseits des blauen Horizonts“ dreigeteilt. Zunächst beobachtet der Leser aus der Außenperspektive (also nicht in der Ich-Form) die Erlebnisse einer Familie, die auf die lange Reise in die Oortsche Wolke geschickt wurde, wo sie ein großes Hitschi-Artefakt untersuchen und zur Erde bringen soll. Dass das nicht ohne Probleme abläuft, ist klar. Dieser Part des Romans entspricht grob gesagt einer klassischen Abenteuergeschichte, einer Art Robinsonade, in der sich wagemutige Menschen auf die Reise zu unbekannten Ufern machen. Mit dem, was Frederik Pohl dem Leser in „Gateway“ vorgelegt hat, hat das weder stilistisch noch inhaltlich oder von der Intensität her viel zu tun – was aber nicht heißt, dass die Story schlecht ist. Mir hat sie sogar sehr gut gefallen, auch wenn die Handlung alles in allem ein wenig dünn ist.

Der zweite Teil des Buches war für mich persönlich wesentlich interessanter. Hier beschäftigt sich Pohl erneut in der Ich-Form mit Robinette Broadhead, dem Helden von „Gateway“, der dank der in Band 1 geschilderten Geschehnisse zu großem Reichtum gekommen ist. Auch in „Jenseits des blauen Horizonts“ ist Broadhead Dreh- und Angelpunkt von wissenschaftlichen und philosophischen Betrachtungsweisen, wobei in diesem Buch eindeutig erstere dominieren. Wenn sich der Protagonist mit seinem Computerprogramm „Albert Einstein“ über die Natur des Universums unterhält und über die Hitschi spekuliert, erinnert das sehr stark an „Gateway“, was ich als ausgesprochen positiv empfinde. Leider wird Broadhead als Figur nicht wirklich weiterentwickelt, was sehr schade ist.

Am problematischsten ist für mich aber der dritte Teil von „Jenseits des blauen Horizonts“ (wobei gesagt werden muss, dass eine so scharfe Abgrenzung wie ich sie in dieser Rezension treffe, im Buch nicht stattfindet – dort fließen die Teile eher kapitelweise ineinander, wenn man so will). Hier versucht Pohl, die Hitschi ein wenig zu erklären. Das wäre kein Problem, wenn er Menschen über die Außerirdischen spekulieren ließe. Er macht es aber, und das ist nach „Gateway“ ungewohnt, aus der Perspektive des „allwissenden Erzählers“. Heißt: Der Leser kann die Hitschi direkt beobachten, erhält Einblick in ihre Pläne und kann sich erstmals vorstellen, wie sie aussehen. Das entzaubert meines Erachtens den ganzen Mythos und schadet mehr, als es durch Befriedigung der Neugier nutzt.

Nimmt man all das zusammen, bleibt am Ende festzuhalten, dass „Jenseits des blauen Horizonts“ grundsätzlich recht spannend und flüssig zu lesen ist. Von der knappen Eleganz und der dystopischen Stimmung von „Gateway“ ist das Buch allerdings weit entfernt. Allein das rechtfertigt bereits eine nicht ganz so tolle Wertung. Aber die Entzauberung des Mythos, der die Hitschi in „Gateway“ noch umgibt, ist der eigentliche Grund für meine Kritik. Das wäre meines Erachtens nicht notwendig gewesen – und jeder, der bisher nur „Gateway“ gelesen hat (gibt es so jemanden überhaupt?) sollte sich ernsthaft überlegen, es dabei zu belassen.

Eine Anmerkung noch, weil ich das Gefühl habe, dass einige Bewertungen im Internet einen Punkt berühren, ohne ihn richtig herauszuarbeiten: Dass man an „Jenseits des blauen Horizontes“ überhaupt Freude haben kann (vor allem was das letzte Drittel des Buches betrifft) bedingt ein Mindestmaß an Interesse für Astrophysik – mehr noch, als bereits in „Gateway“ notwendig ist. Wer sich noch nie mit Begriffen wie „Schwarzes Loch“, „Zeitdilation“, „Relativität“ usw. beschäftigt hat, wird spätestens zu diesem Zeitpunkt nur noch Bahnhof verstehen und das Buch entnervt in die Ecke werfen. Ich selbst interessiere mich als Laie sehr für diese Themen, entsprechend gut hat mir die literarische Auseinandersetzung damit gefallen – jeder, der kein Interesse für Kosmologie hat, wird mit dem Buch absolut keine Freude haben.

Gesamteindruck: 4/7gateway-trilogie


Autor: Frederik Pohl
Originaltitel: Beyond the Blue Event Horizon.
Erstveröffentlichung: 1980
Umfang: ca. 320 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: E-Book, in: Die Gateway-Trilogie.


 

 

BuchWelt: Gateway

Frederik Pohl


In „Gateway“ (1976) hat die Menschheit den Sprung in den Weltraum geschafft, wenngleich nicht ganz so, wie sich der geneigte Sci-Fi-Fan das vorstellen mag. Denn was nützt es, wenn man überlichtschnelle Raumschiffe zur Verfügung hat, diese aber nicht steuern kann und somit auf Gedeih und Verderb der Programmierung durch seit Jahrhunderten verschollene Fremde ausgesetzt ist? Nicht einmal ob man tot oder lebendig von der Reise zurückkehrt ist bekannt. Und doch ist das genau der Stoff, aus dem gute Geschichten geboren werden, wie Frederik Pohl mit diesem Buch beweist. 

Gesamteindruck: 7/7


Eine Reise ins Unbekannte.

„Gateway“ erinnert vom Prinzip her ein wenig an den einige Jahre zuvor erschienenen Strugatzki-Klassiker „Picknick am Wegesrand“. Hier die „Prospektoren“, dort die „Stalker“, beides wagemutige und oft genug verzweifelte Menschen, die auf der Suche nach Reichtum ihr Leben riskieren. Da wie dort gibt es wenige Informationen über die von Außerirdischen (in „Gateway“ haben sie zumindest einen Namen: „Hitschi“) hinterlassenen Artefakte. Und auch abseits dieser Gemeinsamkeiten sind die Romane nicht so verschieden, wie man denken könnte, wenn man an die Herkunft der zwei Werke bzw. ihrer Autoren denkt. Gemein ist ihnen nämlich auch, dass es vornehmlich um die psychologische Situation des Protagonisten geht – und auch um gesellschaftskritische Ansätze. Und wenn wir schon von Vergleichen und Gemeinsamkeiten spricht, sei auch noch angemerkt, dass beide Bücher ähnlich hervorragend sind.

Doch nun zu „Gateway“ selbst, einem Roman, der mit knapp über 220 Seiten nicht allzu umfangreich ausgefallen ist. „Leider“, ist man versucht zu sagen. Denn Autor Frederik Pohl schafft es geradezu meisterhaft, mit den Erwartungen des Lesers zu spielen. Beispielsweise wartet natürlich jeder, der das Buch zur Hand nimmt und den Klappentext gelesen hat, darauf, dass der Protagonist Robinette Broadhead endlich in ein Hitschi-Raumschiff steigt und sich ins Abenteuer stürzt. Allerdings tut Pohl seinen Lesern diesen Gefallen relativ spät im Buch.

Dass „Gateway“ dennoch zu keinem Zeitpunkt langweilig wird, ist eine Meisterleistung des Autors. Die Handlung spielt sich auf zwei Ebenen ab: Erstens die Gegenwart, in der sich Broadhead in psychologischer/psychiatrischer Behandlung befindet, damit gleichsam die Reise in sein eigenes Ich antritt. Zweitens wird in Rückblenden von den vergangenen Erlebnissen und Taten des (Anti-)Helden berichtet. All das in der Ich-Form, was eine schnelle Identifikation zulässt. Für mein Dafürhalten ist das derartig spannend und interessant umgesetzt, dass man zwischendurch kaum daran denkt, dass der erste Flug, also das Ereignis schlechthin, nicht und nicht stattfindet. Frederik Pohl sorgt aber auch dafür, dass keine Längen entstehen und man sich trotz dieser Materie, die sich auf den ersten Blick vielleicht schwierig und trocken anhört, bestens unterhalten ist. Einerseits schafft er das durch die Sprache, die immer gut verständlich und leicht zu lesen ist, andererseits verdient die Idee, manche Seiten als „Kleinanzeigen“, die direkt von den Computerbildschirmen auf Gateway stammen, zu gestalten. Das macht das ganze Setting unglaublich lebendig und greifbar.

Auszusetzen habe ich an „Gateway“ nichts. Letztlich ist es natürlich unbefriedigend, dass man keine näheren Informationen über die Hitschi und ihre Hinterlassenschaften erhält. Das ist allerdings auch der Reiz dieser Geschichte, auf den man sich schon einlassen muss: Die Menschheit der Zukunft, die Figuren in diesem Roman, wissen auch nicht mehr als der Leser. Das bleibt auch so – und gibt der Fantasie herrlich viel Spielraum. Wer sich mit solchen Nicht-Erklärungen schwer tut, wird mit „Gateway“ keine Freude haben. Mit „Picknick am Wegesrand“ übrigens auch nicht, womit sich der Kreis zu den Strugatzkis wieder schließt.

Gesamteindruck: 7/7gateway


Autor: Frederik Pohl
Originaltitel: Gateway.
Erstveröffentlichung: 1976
Umfang: 224 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch