FilmWelt: Pesthauch des Dschungels

Man verzeihe mir meine Ignoranz: Ich hatte immer das Gefühl, dass es Abenteuerfilme wie „Pesthauch des Dschungels“ (1956, im Original „La Mort en ce jardin“, also etwa „Der Tod in diesem Garten“) wie Sand am Meer gibt. Allerdings, und das wurde mir erst während des Ansehens klar, stammt vorliegendes Werk von Luis Buñuel. Und der Mexikaner gilt immerhin als einer der bedeutendsten Regisseure des 20. Jahrhunderts.

Gesamteindruck: 4/7


Mehr Fiebertraum als Pesthauch.

Trotz der Prominenz des Regisseurs habe ich von vorliegendem Film noch nie etwas gehört, bis er unlängst auf dem nie um Raritäten verlegenen Sender arte gezeigt wurde. Für mein Dafürhalten haben wir es hier mit einem soliden, gut gespielten und stark fotografierten Abenteuerfilm zu tun – ob er ein herausragender Vertreter seiner Zunft ist, wage ich hingegen nicht zu beurteilen. Mir hat er jedenfalls ganz gut gefallen, obwohl ich kein ausgewiesener Fan des Genres bin.

Worum geht’s?
In einem kleinen Dorf irgendwo in Südamerika sollen die Besitzer der hiesigen Diamantenminen enteignet werden. Die wollen sich das nicht gefallen lassen, was in einer gewalttätigen Auseinandersetzung mit den Sicherheitskräften endet. Das wiederum zwingt ein zusammengewürfeltes Quintett zur Flucht durch den unwegsamen Dschungel…

Im ersten Moment wirkt dieses im Deutschen einmal mehr sehr beliebig betitelte Werk wie ein klassischer Abenteuerfilm: Ein einsames Dorf mitten im Dschungel, bewohnt von Glücksrittern, die sich mehr schlecht als recht durchschlagen und staatliche Repression fürchten, ist Schauplatz der Handlung. Dann gibt es noch den hübschen Fremden mit undurchsichtigen Motiven, schöne Frauen und die übliche Eskalation der Gewalt, woraufhin die Flucht durch eine lebensfeindliche Umgebung folgt.

So weit, so normal – sollte man meinen. Anzumerken ist zunächst, dass „Pesthauch des Dschungels“ 1956 erschienen ist, zu einer Zeit, als speziell der französische Abenteuerfilm sehr populär war. Zu diesem stellt vorliegendes Werk allerdings eher eine Gegenposition dar, denn einen strahlenden, unbekümmerten Helden, der alle Probleme mit einem Achselzucken abschüttelt, sucht man vergebens. Überhaupt gibt es in keine wirklich brave Figur, einzig die stumme Tochter des alternden Diamantenjägers Castin stellt so etwas wie die personifizierte Unschuld dar. Weil alle Charaktere ihre menschlichen Stärken und Schwächen haben, keiner davon ein physischer oder moralischer Übermensch ist, reicht es, dass sie skizzenhaft angedeutet sind; Regisseur und Schauspieler verstehen es sehr gut, sie tiefgründiger wirken zu lassen, als man aufgrund der Handlung und der Dialoge annehmen sollte.

Schweiß und Dreck.

Ob der Film eine politische Komponente hat, die auf die Zustände seiner Zeit hinweisen, wage ich nicht zu beurteilen (angeblich beschäftigt er sich mit dem Regime des spanischen Diktators Franco, das von 1936 bis 1975 Bestand hatte). Mich haben allerdings seine völlige Humorlosigkeit und Brutalität überrascht. Das manifestiert sich vor allem zum Schluss – ein richtiges Happy End ist den Charakteren nicht vergönnt, was ich von einem derartigen Film aus den 1950er Jahren so nicht erwartet hätte.

Und auch der „abenteuerlichste“ Part des Films, der anstrengende Marsch durch den Dschungel, ist ein intensiveres Ereignis, als ich zunächst für möglich gehalten hätte. Der Urwald sieht beängstigend dicht aus, vor allem aber fühlt man förmlich die feuchte Hitze, was auch daran liegt, dass die Charaktere ständig von einem dünnen Schweißfilm überzogen scheinen und bald regelrecht vor Dreck starren. Kombiniert wird die Tortur des weglosen Dschungels mit einigen Elementen, die in solchen Filmen eher selten Eingang finden: Schwäche und Hunger treiben die Charaktere regelrecht ins Delirium, was sich im einen oder anderen Fiebertraum, aber auch in den Dialogen und in der generellen Darstellung sehr stark bemerkbar macht. Wikipedia sagt mir allerdings, dass „Pesthauch des Dschungels“ eigentlich eine rund dreiminütige „Sequenz von Traum- und Schockbildern“ enthalten hatte, die dem Schnitt zum Opfer gefallen sind. Soweit ich das beurteilen kann, fehlen diese Bilder in der deutschen Fassung auch 2021 noch, was ich sehr schade finde.

Fazit: Auch wenn „Pesthauch des Dschungels“ allein auf die Handlung bezogen gar nicht so spektakulär sein mag, ist die Umsetzung doch ausgesprochen stark und intensiv. Hätte ich so nicht erwartet – klare Empfehlung für alle, die grundsätzlich etwas mit der filmischen Darstellung von Dschungelstrapazen anfangen können und sich auch nicht davon abhalten lassen, dass echte fehlenden Wohlfühl-Charaktere fehlen. Ganz überzeugen konnte mich der Streifen im Endeffekt aber nicht.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: La Mort en ce jardin.
Regie:
Luis Buñuel
Drehbuch: Luis Buñuel, Luis Alcoriza, Raymond Queneau, Gabriel Arout
Jahr: 1956
Land: Frankreich, Mexiko
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Simone Signoret, Charles Vanel, Georges Marchal, Michel Piccoli



FilmWelt: Der Schacht

„Der Schacht“, erstmals 2019 vorgestellt, war wohl einer der Filme, von denen im Seuchenjahr 2020 am meisten gesprochen wurde. Zu Recht, wie ich finde, wobei man schon eine gewisse Vorliebe für einigermaßen bizarr vorgebrachte Kritik am Kapitalismus mitbringen sollte….

Gesamteindruck: 6/7


Verteilungsungerechtigkeit.

Interessant: Im spanischen (!) Original heißt vorliegender Film „El Hoyo“, was soviel wie „Grube“ oder „Loch“ bedeutet und damit ungefähr der deutschen Übersetzung des Titels entspricht. Auf Englisch hat man sich hingegen für „The Platform“ entschieden, was ebenfalls sehr gut zum Inhalt passt, obwohl es ein völlig anderes, ebenfalls zentrales Element des Films beschreibt. Jene Plattform ist übrigens auch am Filmposter zu sehen, so gesehen ist der internationale Titel sogar noch eine Spur konsistenter – was aber nicht unbedingt „besser“ bedeutet. Was das mit der Qualität des Films zu tun hat? Nichts, ich fand es einfach eine Erwähnung wert 😉

Worum geht’s?
„Der Schacht“, offiziell „Vertikales Zentrum für Selbstverwaltung“ genannt, besteht aus einer Reihe von exakt über- und untereinander liegenden, völlig identischen Zellen, in denen sich jeweils zwei Insassen befinden. Die Decke bzw. der Boden sind in der Mitte offen und eine Plattform bringt täglich eine reiche Auswahl an erlesenen Speisen von oben nach unten. Nur kurz haben die Insassen Zeit, sich daran gütlich zu tun, dann ist die Etage darunter dran. Wozu das alles dient, weiß niemand so genau. Auch Goreng, der sich freiwillig für seinen Aufenthalt gemeldet hat, kann nichts über den Sinn und Zweck des Ganzen sagen. Bald muss er jedoch feststellen, dass die sechs Monate, die er am Experiment teilnehmen sollte, schwer zu überstehen sein werden…

Im ersten Moment scheint die Idee, die hinter diesem Werk des Regisseurs Galder Gaztelu-Urrutia steckt, völlig abstrakt und wahnwitzig zu sein. Klar, die minimalistische Umgebung, in der der Spanier seine wenigen Schauspieler agieren lässt, die gesamte Ausstattung sowie die anfangs sehr bizarr anmutende Story deuten zuallererst auf eine Art dystopischen Horrorfilm hin. Bei genauerer Betrachtung zeigt sich aber schnell, dass sich der Filmemacher einer sehr klaren Symbolik bedient, die nicht sonderlich komplex ist: „Der Schacht“ ist nicht mehr und nicht weniger als Kapitalismus in Reinkultur. Das bedeutet: Die, die ganz oben sind, haben alles im Überfluss, jede Ebene darunter muss mit dem Vorlieb nehmen, was von denen darüber übrig gelassen wird. Wohin das führt, ist klar – wer weit unten ist, stirbt, weil niemals genug bei ihm ankommt.

Die menschliche Natur.

Und noch zwei Mechanismen, die wir aus der wirklichen Welt nur allzu gut kennen, gibt es: Eigentlich würde das Essen, das den Schacht Tag für Tag durchquert, für alle Insassen reichen. Nur müssten die sich dazu überwinden, zusammenzuarbeiten, also von der ersten bis zur letzten Etage alles einzuteilen. Versuche dazu sind – in der Realität wie im Film – zwar da, scheitern aber kläglich an der menschlichen Gier.

Noch interessanter ist der zweite Aspekt: Die Bewohner bleiben jeweils nur einen gewissen Zeitraum auf ihrer Ebene, dann wird durchgemischt. Dafür gibt es in unserer Welt ebenfalls eine Entsprechung, die die meisten Menschen allerdings eher selten trifft, die aber dennoch wie ein Damoklesschwert über jedem von uns hängt: Der Verlust des sozialen und wirtschaftlichen Status. Hier zeigt sich dann schnell, dass es leicht ist, sich moralisch überlegen zu fühlen, wenn man ganz oben ist. Wer hingegen tief im Schacht ums Überleben kämpfen muss, legt solche Vorstellungen ganz schnell ad acta. Mindestens genauso schlimm: Wer vorher unten war und sich dann auf einer höheren Etage wiederfindet, ist überhaupt nicht mehr bereit, auf etwas zu verzichten – obwohl oder gerade weil er genau weiß, was passiert, wenn man unten ist. All das ist sehr unangenehm beim Ansehen, weil man sich sofort fragt, wie man selbst handeln würde – und die Antwort, die man sich nicht laut zu geben wagt, dürfte bei den meisten von uns ziemlich eindeutig ausfallen.

Kammerspiel mit schwachem Finale.

„Der Schacht“ kommt mit wenigen Schauspielern aus, die ihre Sache aber gut machen. Hervorzuheben ist – natürlich – Hauptdarsteller Iván Massagué, der seine Rolle so sehr verinnerlicht hat, dass man sich fragt, wie man den Schauspieler überhaupt dazu gebracht hat, sich so zu erniedrigen, wie es im Film teilweise vorkommt. Ja, man weiß mit etwas Abstand natürlich, dass das in Wirklichkeit viel mit Schminke und Effekten zu tun hat, und doch ist es eine nicht zu unterschätzende Leistung, wenn man das während des Films mehrfach vergisst.

Der Regisseur präsentiert uns dieses Kammerspiel in dystopischen Bildern, irgendwo zwischen „Cube“ (1997) und „Das große Fressen“ (1973). Der minimalistische Look der Zellen steht dabei im krassen Kontrast zum auf Ebene 0 in Perfektion zubereiteten Essen, von dem unten freilich nur mehr Reste ankommen, bei deren Anblick dem zartbesaiteten Zuschauer schon mal übel werden kann. Und auch hier legt Gaztelu-Urrutia den Finger in die Wunde: Anfangs ist sich die Hauptfigur noch zu fein, die traurigen Überreste, die von oben kommen, überhaupt anzufassen – nach kurzer Zeit treibt ihn der Hunger dann aber doch dazu und jeder nicht vollständig abgenagte Knochen wird zum Festmahl.

Einen Kritikpunkt möchte ich nicht unerwähnt lassen: Das letzte Viertel des Films passt nicht so recht zum Rest. Die vorher trotz aller Ekeleffekte sehr klug gestellten Fragen nach Moral und Ethik weichen einer langwierigen und blutigen Action-Sequenz, die ich so nicht gebraucht hätte. Ja, sie zeigt zwar mit aller Eindringlichkeit die Brutalität des Systems – das hat der Film aber durchaus auch vorher schon gemacht. Es ist fast, als hätte der Regisseur plötzlich gedacht, alles, was er bis zu diesem Zeitpunkt erzählt hat, wäre nicht eindringlich genug gewesen. Dabei war eigentlich genau das die Stärke der ersten drei Viertel des Films: Niemand lief mit einer Waffe durch die Gegend – und doch war jener Teil vor allem auf geistiger Ebene deutlich härter und grausamer.

Unbequem, unangenehm – und gut.

Alles in allem ist „Der Schacht“ unter seiner dystopischen und überzeichneten Oberfläche ein ausgesprochen unbequemer und unangenehmer Film. Er legt den Finger direkt in eine offene Wunde unserer eigenen Gesellschaft; mehr noch, der ganzen Welt. Und das ist nicht schön für uns, die wir zu den privilegiertesten Menschen auf diesem Planeten gehören. Von daher: Mission erfüllt, falls es die Intention war, uns hier einen schrecklichen Spiegel vorzuhalten bzw. die Konsequenz unseres Tuns, die normalerweise so weit weg sind, für uns sichtbar zu machen.

Und weil mir die eher nebensächliche Rahmenhandlung, die schauspielerischen Leistungen und die Ausstattung sehr gut gefallen haben, gibt’s für „Der Schacht“ auch eine sehr gute Wertung. Für die Höchstnote reicht es knapp nicht, weil ich das letzte Viertel des Films nicht ignorieren konnte. Da wird’s dann leider ein bisschen inkonsequent, was einerseits nicht zum Rest passen will, andererseits wie ein Ausweichen vor den selbst gestellten Fragen wirkt. Dennoch: Volle Empfehlung für „Der Schacht“.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: El Hoyo.
Regie:
Galder Gaztelu-Urrutia
Drehbuch: David Desola, Pedro Rivero
Jahr: 2019
Land: Spanien
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Iván Massagué, Antonio San Juan, Zorion Eguileor, Emilio Buale, Alexandra Masangkay