BuchWelt: „Southern Reach Trilogie“ – Zusammenfassende Bewertung

Jeff VanderMeer


Für den Auftaktroman zur „Southern Reach Trilogie“, „Auslöschung“, räumte Autor Jeff VanderMeer 2014 die Hugo- und den Shirley Jackson-Awards für die beste Novelle ab. Die Trilogie als Ganzes wurde 2015 für den World Fantasy Award und 2016 für den Kurd-Laßwitz-Preis nominiert. Für jedes der drei „Southern Reach“-Bücher gibt es eine Vielzahl an positiven Rezensionen und viel Lob von Schriftsteller-Kollegen, darunter z.B. auch Stephen King. Warum gibt es hier also nur zwei Punkte für eine Trilogie, die in der Öffentlichkeit derart positiv aufgenommen wurde?

Gesamteindruck: 2/7


Anstrengend, frustrierend und unbefriedigend.

In der „Southern Reach Trilogie“ geht es um Themen, die man so ähnlich aus anderen Werken kennt. So erinnert zB. Area X, ein durch einen unbekannten Vorgang kontaminiertes Gebiet, an die Zone der Strugatzki-Brüder, während die gnadenlose Offenlegung der Grenzen unserer Wissenschaft an „Solaris“ von Stanislaw Lem denken lässt. Und auch die Art der Erzählung kommt dem erfahrenen Leser bekannt vor – so denkt man stellenweise sehr intensiv an H.P. Lovecraft, dazwischen gibt es viel Stephen King und ab und an ein bisschen Michael Crichton. Das alles zusammen sollte eigentlich ein gutes Gesamtwerk ergeben.

Leider ist dem meines Erachtens überhaupt nicht so. Im Gegenteil, trotz des geringen Umfanges (insgesamt rund 1.000 Seiten, annähernd gleichmäßig verteilt auf die drei Bücher) gestaltet sich die Lektüre sehr zäh. Vor allem der Abschlussband, „Akzeptanz“, hat es diesbezüglich in sich und zieht die Gesamtwertung noch einmal deutlich nach unten. Doch warum ist das so? Ich konnte dafür folgende Gründe ausmachen:

  • Klappentext verspricht etwas Anderes: Natürlich kann und sollte man ein Buch nicht nach seinem Äußeren – zu dem letztlich auch der Klappentext gehört – beurteilen. Und doch ist es so, dass genau an dieser Stelle Erwartungen geweckt und Vorfreude geschürt werden. Im Falle der vorliegenden Trilogie ist es so, dass die Klappentexte zwar inhaltlich einigermaßen zutreffen (zumindest bei Teil 1 und 2), gleichzeitig aber nur einen minimalen Ausschnitt dessen wiedergeben, was in den Büchern tatsächlich passiert. Ob dieses Problem, das wohl eher beim Verlag als beim Autor anzusiedeln ist, irgendwie befriedigend zu lösen gewesen wäre, weiß ich nicht – Fakt ist jedoch, dass genau daraus ein Teil meiner persönlichen Enttäuschung resultiert.
  • Stilistische Inkonsistenz: Verschiedene Perspektiven auf eine Geschichte sind grundsätzlich zu begrüßen. In der „Southern Reach Trilogie“ entsteht genau daraus allerdings ein Problem: Mit den Perspektiven ändert sich der Schreibstil. „Auslöschung“ ist in der Ich-Form geschrieben, „Autorität“ aus Sicht eines Erzählers und „Akzeptanz“ eine Mischung aus zweiter („Du-Form“) und dritter Person. Vor allem in „Akzeptanz“ wird das zum Problem und macht das Werk sehr schwer lesbar und extrem zäh.
  • Inhaltliche Zerfahrenheit: Hauptanlass zur Kritik ist die inhaltliche Zerfahrenheit. Im Wesentlichen bedeutet das, dass die Idee gut ist, die Umsetzung nicht. Die Story ist sehr dünn und will entsprechend erst einmal ausgemacht werden. Die Romane zeigen ja durchaus eine Entwicklung der Charaktere auf (die zum Zeitpunkt der Handlung bereits abgeschlossen ist). Es geht im Prinzip nur darum, wie die Personen zu dem wurden, was sie sind. Area X? Interessiert nur am Rande; findet zwar immer wieder Erwähnung, wird aber nicht vorangetrieben.
  • Geringer Erkenntnisgewinn: Letztlich muss man sich nach der Lektüre fragen, was das Ganze eigentlich soll. Die einzige Erkenntnis scheint zu sein, dass die Wissenschaft durchaus an ihre Grenzen stoßen kann. Keine neue Idee, das wurde schon in vielen anderen Büchern auf lesenswertere Weise diskutiert. Es stellt sich auch die Frage, wozu die relativ mühselige und aufwändige Charakterentwicklung – abgesehen von reinem Selbstzweck – letztlich dient. Denn dass z.B. „Control“ so ist, wie er ist, spielt für den Ausgang der Geschichte nur eine sehr marginale Rolle. Das alles wäre nur dann sinnvoll, wenn das Ziel gewesen wäre, mehr oder weniger normale Menschen in eine unmögliche Situation zu bringen und sie genau so reagieren zu lassen, wie wir es wohl alle täten – nämlich gar nicht. Zumindest nicht im Sinne des Versuchs, eine Erklärung für Area X zu finden. Nun mag es Leser geben, die genau auf so einen Ansatz gewartet haben. Ich gehöre definitiv nicht dazu.

Somit ist klar, dass es für die Trilogie keine bessere Wertung geben kann. Ich wollte die drei Bücher wirklich mögen, aber allein die Qual, „Akzeptanz“ wirklich zu Ende zu lesen, hat bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen. Zwei Punkte gibt es, weil Band 1 und 2 durchaus ihre Momente haben. Das ist aber auch schon alles, was ich positiv über die „Southern Reach Trilogie“ sagen kann.

Einzelwertungen:

  1. Southern Reach Trilogie 1: Auslöschung: 3/7
  2. Southern Reach Trilogie 2: Autorität: 3/7
  3. Southern Reach Trilogie 3: Akzeptanz: 1/7

Gesamteindruck: 2/7


Autor: Jeff VanderMeer
Umfang: 3 Bände, ca. 1.000 Seiten
Originaltitel:
 Southern Reach Trilogy.
Gelesene Sprache: Deutsch


 

BuchWelt: Akzeptanz

Jeff VanderMeer


„Akzeptanz“ ist Buch 3 der „Southern Reach Trilogie“, geschrieben vom US-amerikanischen Autor Jeff VanderMeer. Auf WeltenDing werden nach und nach Rezensionen zu allen 3 Bänden veröffentlicht, abschließend gibt es eine Gesamtbewertung der Trilogie. Wer eine Kaufempfehlung möchte, sollte also bis dahin warten.

Gesamteindruck: 1/7


Bankrotterklärung einer Serie.

„Akzeptanz“ ist im Licht der Gesamtentwicklung der „Southern Reach Trilogie“ ein merkwürdig passender Titel. Denn spätestens, wenn man diesen dritten und finalen Band der Reihe liest, sollte man akzeptiert haben, dass die Trilogie so ist, wie sie eben ist. „Akzeptanz“ ist allerdings noch einmal extremer als seine Vorgänger. Die waren bereits zerfahren und ließen einen roten Faden nur erahnen. Das Finale setzt noch einen drauf und ist – soweit lehne ich mich einfach mal aus dem Fenster – für normale Lesegewohnheiten kaum noch erträglich – oder verstehe ich das alles nur nicht? So oder so, sowohl unterhaltsam als auch tiefsinnig gehen meines Erachtens anders.

Inhalt in Kurzfassung
Area X ist ein Landstrich, auf dem merkwürdige Dinge vorgehen und der sich seit Jahren jeglicher Erforschung widersetzt. Expeditionen wurden hineingeschickt und kehrten nicht zurück. Oder sie kehrten zurück, konnten aber nichts zur Lösung des Rätsels beitragen. Die Fragen sind dabei immer die gleichen: Was ist Area X? Wodurch ist Area X entstanden? Was geht dort vor sich? In „Akzeptanz“ trifft sich eine Reihe bereits bekannter Protagonisten innerhalb der Zone, um endlich die Geheimnisse zu lösen.

Der tatsächliche Inhalt, den ich hier in Kurzform versucht habe, wiederzugeben, weicht sehr stark vom Klappentext ab, in dem eine neue Expedition á lá „Auslöschung“ suggeriert wird. Man muss sich an dieser Stelle fragen, warum das so ist – es sei denn, es wäre ein letzter Versuch, auch mit „Akzeptanz“ noch Leser zu gewinnen, die vielleicht nur dieses Buch im Regal sehen und sich dann gleich die ganze Trilogie kaufen. Wie auch immer: Der erfahrene „Southern Reach“-Leser weiß, was auf ihn zukommt. Die interessante Prämisse von Area X, die leider komplett von pseudo-philosophischem Geschwafel überdeckt wird. Klingt hart? Mag sein, aber leider ist es genau das, was ich beim Lesen von „Akzeptanz“ empfunden habe, mehr noch als bei seinen Vorgängern.

Rein stilistisch gibt es eine große Neuerung: War „Auslöschung“ noch komplett aus Sicht einer einzigen Person geschrieben und behandelte in „Autorität“ ein anonymer Erzähler sozusagen die Gegenseite, ist „Akzeptanz“ eine krude Mischung daraus. Das Buch greift die Protagonisten, die bisher in der Trilogie vorgestellt wurden (Ghostbird, Control, die Direktorin) heraus und widmet ihnen abwechselnd Kapitel. Als neue Person kommt der Leuchtturmwärter, der bisher nur am Rande Erwähnung fand, hinzu.

Unglaublich zähe Lektüre.

Es gibt dabei durchaus wichtige und interessante Zusammenhänge, die offenbart werden. Das kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass „Akzeptanz“ so zerfleddert und fragmentiert wirkt, dass „Autorität“ dagegen wie ein Ausbund an schriftstellerischer Kunst erscheint. Das hat meiner Meinung nach zwei Gründe: Erstens sind die Einzelkapitel in „Akzeptanz“ von höchst unterschiedlicher Güte. Mal passiert tatsächlich etwas Essenzielles und wird auch gut erzählt, dann wieder langweilt Autor Jeff VanderMeer mit Betrachtungen, bei denen man das Gefühl hat, dass sie Wort für Wort aus Band 1 und/oder 2 kopiert wurden (wo sie auch schon genervt haben). Zweitens ist der Schreibstil der Kapitel sehr unterschiedlich. Ich weiß nicht, ob manche Kritiker das als künstlerisch wertvoll ansehen – ich finde es schlicht und einfach misslungen, vor allem die in der Du-Form geschriebenen Teile der Direktorin sind eine Zumutung.

Abgesehen von diesen Unzulänglichkeiten gelingt es dem Autor nicht, die Trilogie befriedigend abzuschließen. Ja, Erkenntnisgewinn ist in „Akzeptanz“ vorhanden. Allerdings so versteckt und verklausuliert, dass sich nur wenige Leser die Mühe machen werden, überhaupt so lange durchzuhalten. Das hat natürlich auch damit zu tun, dass das Ende offen ist, das ist allerdings bei anderen Büchern ebenso der Fall und per se kein Beinbruch. Im Falle von „Akzeptanz“ wirkt es aber so, als hätte VanderMeer selber nicht gewusst, wohin er will, als hätte er keinerlei Idee gehabt, wie er die von ihm geschaffene Welt erklären kann. Das mag aus Sicht der Protagonisten tatsächlich so sein – einen Leser kann es aber nicht zufriedenstellen, auch weil die kleinen Puzzlesteine fehlen, die vielleicht die Fantasie anregen würden.

Somit ist „Akzeptanz“ eine noch schwierigere Angelegenheit als seine Vorgänger. Ich würde sogar soweit gehen, dieses Buch als Bankrotterklärung einer Reihe, in der von Anfang an der Wurm drin war, zu bezeichnen. Sehr schade, aber die sich wie Kaugummi ziehende Lektüre von „Akzeptanz“ ist in meinen Augen tatsächlich Zeitverschwendung.

(c) Knaur

Gesamteindruck: 1/7


Autor: Jeff VanderMeer
Originaltitel: Acceptance – Southern Reach Trilogy 3.
Erstveröffentlichung: 2014
Umfang: ca. 340 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

FilmWelt: Auslöschung

Es ist fast schon ein schlechtes Omen: Mit „The Cloverfield Paradox“ und „The Ritual“ musste ich zwei Filme, die ohne den Umweg über das Kino auf Netflix veröffentlicht wurden, eine schlechte Bewertung geben. „Auslöschung“ ist der Dritte im Bunde der direkt auf dem Streaming-Dienst veröffentlichten Filme, der auf WeltenDing besprochen wird. Und ja, auch hier hätte ich mir wesentlich mehr erwartet, als letztlich abgeliefert wurde.

Gesamteindruck: 4/7


Streckenweise zu langatmig.

„Auslöschung“, entstanden unter der Regie von Alex Garland (u.a. „28 Days Later“, „Dredd“), basiert auf dem gleichnamigen Auftakt der „Southern Reach-Trilogie“ von Jeff VanderMeer aus dem Jahr 2014. Wir haben es also mit der Verfilmung eines sehr jungen Stoffs zu tun. Vorausschickend und für alle Kenner des Buches sei erwähnt, dass die Verbindung zwischen Buch und Film relativ lose ist. Die Unterschiede sind meines Erachtens nur teilweise dramaturgischen Gründen geschuldet (so hat im Buch im Gegensatz zum Film z.B. keine Figur einen Namen, die Berufsbezeichnungen reichen dem Autor aus). Die Geschichte selbst ist ähnlich, die Abweichungen in den Details jedoch stellenweise so signifikant, dass man kaum noch von einer „richtigen“ Adaption sprechen mag.

Inhalt in Kurzfassung
Ein Phänomen, genannt „der Schimmer“, liegt seit einigen Jahren wie ein Schild über einem nicht näher bezeichneten Landstrich. Bisher wurden elf Expeditionen in das innere des Gebietes geschickt, um zu erkunden, was jenseits der Grenze passiert. Jede davon war ein Fehlschlag – die Teilnehmer verschwanden spurlos, begingen Selbstmord oder kehrten unheilbar krank zurück und starben bald darauf. In „Auslöschung“ macht sich die zwölfte Expedition, ein reines Frauen-Team, auf den Weg in den Schimmer. Der Auftrag: Erforschung der Tier- und Pflanzenwelt und Aufdeckung der Ursache für die Entstehung des Gebietes. 

Die Prämisse von „Auslöschung“ ist durchaus interessant, auch wenn die Idee schon recht dreist von „Picknick am Wegesrand“ der Strugatzki-Brüder abgekupfert ist. Dafür kann der Film natürlich nichts, die Schuld, wenn man so will, liegt beim Autor der Buchvorlage. Wie dem auch sei, die Geschichte, die „Auslöschung“ erzählt, macht definitiv neugierig. Das Mysterium, das den Schimmer umgibt, wird gut aufgebaut, wozu auch die tolle Optik des Films beiträgt. Allein, wie sich die Welt außer- und innerhalb der Grenze unterscheidet, wurde exzellent umgesetzt und verleiht dem Film etwas von „Alice im Wunderland“.

Holpriger Aufbau…

Leider dauert es viel zu lang, bis der Zuseher zu sehen bekommt, was er dank des exzellenten Trailers erwartet. Nicht falsch verstehen: Ein behutsamer Aufbau muss nicht schlecht sein. „Auslöschung“ geht in diesem Zusammenhang zunächst auf Nummer sicher und unterscheidet sich in der Charakterentwicklung kaum von anderen Filmen. Heißt: Die Hauptdarstellerin wird in verschiedenen Facetten vorgestellt, gerne auch mit Rückblenden. Dabei hält sich der Film einigermaßen an die literarische Vorlage, allerdings wird ihm gerade das zum Verhängnis. Denn die Durchschnittlichkeit und das fehlende Charisma der Biologin sind schon im Buch alles andere als ein Highlight. Im Film, der naturgemäß straffen muss, geht der Figur jegliche Identifikationsmöglichkeit ab. Daran ändert auch die Starbesetzung mit Natalie Portman nicht viel, wenngleich sie durch ihre Leistung einiges wettmachen kann.

Das nutzt natürlich nichts, wenn das Drehbuch den Funken einfach nicht überspringen lässt. Der Regisseur ergeht sich den ganzen Film über in relativ langen Szenen, in denen kaum gesprochen wird. Das soll wohl bedeutungsschwer sein, langweilt letztlich aber gerade im ersten Drittel über weite Strecken.

Abgesehen von dieser Schwerfälligkeit schafft man auch nur mit Müh‘ und Not ein wenig Interesse an der Hauptfigur. Der Rest des Casts ist Beiwerk, was bedeutet, dass man von Anfang an weiß, wer überleben wird und wie der Film ausgeht – und das nicht nur, weil man ohnehin gleich in den ersten Szenen gespoilert wird. Diese Herangehensweise ist an und für sich in Ordnung, setzt aber voraus, dass im restlichen Film die Spannung z.B. durch gruppendynamische Prozesse aufrecht erhalten wird. Die gibt es in „Auslöschung“ praktisch gar nicht – oder sie sind so banal, dass sie den langsamen Aufbau wie Hohn wirken lassen.

Dennoch wird der Film im Hauptteil besser und nimmt, beginnend mit dem Betreten des Schimmers, an Fahrt auf. Das liegt zum einen daran, dass es die eine oder andere Action-Szene zu sehen gibt, zum anderen beginnen die Figuren tatsächlich, so miteinander zu agieren, wie man sich das erhofft. Diese Kombination führt gemeinsam mit den Dingen, die die Gruppe im Schimmer findet und die mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten, zu einem gutklassigen Mittelteil. Man rätselt mit, man erschreckt sich, man ist begierig darauf, dass das Geheimnis gelüftet wird. Und vor allem ist man von der fantasievollen Optik begeistert.

…langatmiges Finale.

Leider kann das Finale wiederum nicht punkten. Kenner des Buches, das sehr offen endet und keinerlei Erklärungen bietet, wissen um diese Problematik. Nun ist es aber so, dass der Film sogar mehr zu erklären versucht. Das misslingt letztlich, sodass das Ende weder Fisch noch Fleisch ist. Noch dazu ist die Schlüssel-Sequenz extrem langatmig geraten und sorgt für mein Dafürhalten für einen negativen Schlusspunkt. Das hätte so nicht sein müssen, ich verstehe nicht, was da im Kopf von Alex Garland vorgegangen ist. Vielleicht wollte er ein Ende á lá „2001 – Odyssee im Weltraum“ generieren? Schon bei jenem filmischen Meisterwerk ist das bei mir nicht so richtig angekommen, bei „Auslöschung“ ist es ein einziges Ärgernis, wenn sich Natalie Portman im mehr oder minder synchronisierten Paartanz durchs Bild quält.

Aber vielleicht verstehe ich das alles nur nicht? War nicht ein Grund, wieso man den Film dem hiesigen Kinopublikum nicht zumuten wollte, dass er „zu intellektuell“ wäre? Wenn dem so ist, bin ich wohl tatsächlich nicht verkopft genug, um Handlung und Drehbuch von „Auslöschung“ schätzen zu können. Sehr wohl punkten kann der Film bei mir hingegen mit optischer Qualität und in Teilen auch mit düsterer Atmosphäre. Das allein reicht mir aber nicht für eine bessere Bewertung.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Annihilation
Regie: Alex Garland
Jahr: 2018
Land: USA, UK
Laufzeit: 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Natalie Portman, Jennifer Jason Leigh, Gina Rodriguez, Tuva Novotny, Tessa Thompson, Oscar Isaac



 

BuchWelt: Jenseits des blauen Horizonts (Gateway – Teil 2)

Frederik Pohl


Ein Stärke von „Gateway“ (und ähnlich gelagerten Romanen á lá „Solaris“ oder „Picknick am Wegesrand“) ist die greifbare Hilflosigkeit der Menschheit angesichts einer Technologie, die sie nicht verstehen kann, aber trotzdem ungeschickt zu nutzen versucht. Mit anderen Worten: Gerade das, was man NICHT erfährt, macht einen großen Teil des Reizes solcher Geschichten aus. Leider hat Autor Frederik Pohl dieses Prinzip im zweiten Teil der „Gateway-Trilogie“ (die eigentlich keine ist, aber das ist ein anderes Thema) teilweise über Bord geworfen.

Gesamteindruck: 4/7


Bleibt weit hinter der Klasse von „Gateway“ zurück.

„Gateway“ (1976) war meiner Ansicht nach ein Meisterwerk. Natürlich ist man bei solchen Büchern (oder auch Filmen, die ähnlich gelagert sind) immer ein wenig hin- und hergerissen: Gebe ich mich mit dem Gelesenen zufrieden und überlasse den Rest meiner Fantasie? Oder hätte ich gerne ein oder mehrere Folgewerke, die wenigstens ein paar der rätselhaften Ereignisse erklären? Man ist versucht zu sagen, dass es nur natürlich ist, mehr zu wollen, auch wenn man noch zu einer Generation gehört, in der das eigene Vorstellungsvermögen wohl etwas besser trainiert war, als das heute der Fall ist. Nur ist es meist leider so, dass dieses Mehr, das man gelegentlich bekommt, einigermaßen enttäuschend ist. So auch im Falle von „Jenseits des blauen Horizonts“ (1980), dem 2. Teil der „Gateway-Trilogie“.

Eine direkte Fortsetzung von „Gateway“ ist dieses Buch eigentlich nicht, hat es doch – zumindest zum Teil – andere Protagonisten, als sein Vorgänger. Im Prinzip ist „Jenseits des blauen Horizonts“ dreigeteilt. Zunächst beobachtet der Leser aus der Außenperspektive (also nicht in der Ich-Form) die Erlebnisse einer Familie, die auf die lange Reise in die Oortsche Wolke geschickt wurde, wo sie ein großes Hitschi-Artefakt untersuchen und zur Erde bringen soll. Dass das nicht ohne Probleme abläuft, ist klar. Dieser Part des Romans entspricht grob gesagt einer klassischen Abenteuergeschichte, einer Art Robinsonade, in der sich wagemutige Menschen auf die Reise zu unbekannten Ufern machen. Mit dem, was Frederik Pohl dem Leser in „Gateway“ vorgelegt hat, hat das weder stilistisch noch inhaltlich oder von der Intensität her viel zu tun – was aber nicht heißt, dass die Story schlecht ist. Mir hat sie sogar sehr gut gefallen, auch wenn die Handlung alles in allem ein wenig dünn ist.

Der zweite Teil des Buches war für mich persönlich wesentlich interessanter. Hier beschäftigt sich Pohl erneut in der Ich-Form mit Robinette Broadhead, dem Helden von „Gateway“, der dank der in Band 1 geschilderten Geschehnisse zu großem Reichtum gekommen ist. Auch in „Jenseits des blauen Horizonts“ ist Broadhead Dreh- und Angelpunkt von wissenschaftlichen und philosophischen Betrachtungsweisen, wobei in diesem Buch eindeutig erstere dominieren. Wenn sich der Protagonist mit seinem Computerprogramm „Albert Einstein“ über die Natur des Universums unterhält und über die Hitschi spekuliert, erinnert das sehr stark an „Gateway“, was ich als ausgesprochen positiv empfinde. Leider wird Broadhead als Figur nicht wirklich weiterentwickelt, was sehr schade ist.

Am problematischsten ist für mich aber der dritte Teil von „Jenseits des blauen Horizonts“ (wobei gesagt werden muss, dass eine so scharfe Abgrenzung wie ich sie in dieser Rezension treffe, im Buch nicht stattfindet – dort fließen die Teile eher kapitelweise ineinander, wenn man so will). Hier versucht Pohl, die Hitschi ein wenig zu erklären. Das wäre kein Problem, wenn er Menschen über die Außerirdischen spekulieren ließe. Er macht es aber, und das ist nach „Gateway“ ungewohnt, aus der Perspektive des „allwissenden Erzählers“. Heißt: Der Leser kann die Hitschi direkt beobachten, erhält Einblick in ihre Pläne und kann sich erstmals vorstellen, wie sie aussehen. Das entzaubert meines Erachtens den ganzen Mythos und schadet mehr, als es durch Befriedigung der Neugier nutzt.

Nimmt man all das zusammen, bleibt am Ende festzuhalten, dass „Jenseits des blauen Horizonts“ grundsätzlich recht spannend und flüssig zu lesen ist. Von der knappen Eleganz und der dystopischen Stimmung von „Gateway“ ist das Buch allerdings weit entfernt. Allein das rechtfertigt bereits eine nicht ganz so tolle Wertung. Aber die Entzauberung des Mythos, der die Hitschi in „Gateway“ noch umgibt, ist der eigentliche Grund für meine Kritik. Das wäre meines Erachtens nicht notwendig gewesen – und jeder, der bisher nur „Gateway“ gelesen hat (gibt es so jemanden überhaupt?) sollte sich ernsthaft überlegen, es dabei zu belassen.

Eine Anmerkung noch, weil ich das Gefühl habe, dass einige Bewertungen im Internet einen Punkt berühren, ohne ihn richtig herauszuarbeiten: Dass man an „Jenseits des blauen Horizontes“ überhaupt Freude haben kann (vor allem was das letzte Drittel des Buches betrifft) bedingt ein Mindestmaß an Interesse für Astrophysik – mehr noch, als bereits in „Gateway“ notwendig ist. Wer sich noch nie mit Begriffen wie „Schwarzes Loch“, „Zeitdilation“, „Relativität“ usw. beschäftigt hat, wird spätestens zu diesem Zeitpunkt nur noch Bahnhof verstehen und das Buch entnervt in die Ecke werfen. Ich selbst interessiere mich als Laie sehr für diese Themen, entsprechend gut hat mir die literarische Auseinandersetzung damit gefallen – jeder, der kein Interesse für Kosmologie hat, wird mit dem Buch absolut keine Freude haben.

Gesamteindruck: 4/7gateway-trilogie


Autor: Frederik Pohl
Originaltitel: Beyond the Blue Event Horizon.
Erstveröffentlichung: 1980
Umfang: ca. 320 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: E-Book, in: Die Gateway-Trilogie.


 

 

BuchWelt: Gateway

Frederik Pohl


In „Gateway“ (1976) hat die Menschheit den Sprung in den Weltraum geschafft, wenngleich nicht ganz so, wie sich der geneigte Sci-Fi-Fan das vorstellen mag. Denn was nützt es, wenn man überlichtschnelle Raumschiffe zur Verfügung hat, diese aber nicht steuern kann und somit auf Gedeih und Verderb der Programmierung durch seit Jahrhunderten verschollene Fremde ausgesetzt ist? Nicht einmal ob man tot oder lebendig von der Reise zurückkehrt ist bekannt. Und doch ist das genau der Stoff, aus dem gute Geschichten geboren werden, wie Frederik Pohl mit diesem Buch beweist. 

Gesamteindruck: 7/7


Eine Reise ins Unbekannte.

„Gateway“ erinnert vom Prinzip her ein wenig an den einige Jahre zuvor erschienenen Strugatzki-Klassiker „Picknick am Wegesrand“. Hier die „Prospektoren“, dort die „Stalker“, beides wagemutige und oft genug verzweifelte Menschen, die auf der Suche nach Reichtum ihr Leben riskieren. Da wie dort gibt es wenige Informationen über die von Außerirdischen (in „Gateway“ haben sie zumindest einen Namen: „Hitschi“) hinterlassenen Artefakte. Und auch abseits dieser Gemeinsamkeiten sind die Romane nicht so verschieden, wie man denken könnte, wenn man an die Herkunft der zwei Werke bzw. ihrer Autoren denkt. Gemein ist ihnen nämlich auch, dass es vornehmlich um die psychologische Situation des Protagonisten geht – und auch um gesellschaftskritische Ansätze. Und wenn wir schon von Vergleichen und Gemeinsamkeiten spricht, sei auch noch angemerkt, dass beide Bücher ähnlich hervorragend sind.

Doch nun zu „Gateway“ selbst, einem Roman, der mit knapp über 220 Seiten nicht allzu umfangreich ausgefallen ist. „Leider“, ist man versucht zu sagen. Denn Autor Frederik Pohl schafft es geradezu meisterhaft, mit den Erwartungen des Lesers zu spielen. Beispielsweise wartet natürlich jeder, der das Buch zur Hand nimmt und den Klappentext gelesen hat, darauf, dass der Protagonist Robinette Broadhead endlich in ein Hitschi-Raumschiff steigt und sich ins Abenteuer stürzt. Allerdings tut Pohl seinen Lesern diesen Gefallen relativ spät im Buch.

Dass „Gateway“ dennoch zu keinem Zeitpunkt langweilig wird, ist eine Meisterleistung des Autors. Die Handlung spielt sich auf zwei Ebenen ab: Erstens die Gegenwart, in der sich Broadhead in psychologischer/psychiatrischer Behandlung befindet, damit gleichsam die Reise in sein eigenes Ich antritt. Zweitens wird in Rückblenden von den vergangenen Erlebnissen und Taten des (Anti-)Helden berichtet. All das in der Ich-Form, was eine schnelle Identifikation zulässt. Für mein Dafürhalten ist das derartig spannend und interessant umgesetzt, dass man zwischendurch kaum daran denkt, dass der erste Flug, also das Ereignis schlechthin, nicht und nicht stattfindet. Frederik Pohl sorgt aber auch dafür, dass keine Längen entstehen und man sich trotz dieser Materie, die sich auf den ersten Blick vielleicht schwierig und trocken anhört, bestens unterhalten ist. Einerseits schafft er das durch die Sprache, die immer gut verständlich und leicht zu lesen ist, andererseits verdient die Idee, manche Seiten als „Kleinanzeigen“, die direkt von den Computerbildschirmen auf Gateway stammen, zu gestalten. Das macht das ganze Setting unglaublich lebendig und greifbar.

Auszusetzen habe ich an „Gateway“ nichts. Letztlich ist es natürlich unbefriedigend, dass man keine näheren Informationen über die Hitschi und ihre Hinterlassenschaften erhält. Das ist allerdings auch der Reiz dieser Geschichte, auf den man sich schon einlassen muss: Die Menschheit der Zukunft, die Figuren in diesem Roman, wissen auch nicht mehr als der Leser. Das bleibt auch so – und gibt der Fantasie herrlich viel Spielraum. Wer sich mit solchen Nicht-Erklärungen schwer tut, wird mit „Gateway“ keine Freude haben. Mit „Picknick am Wegesrand“ übrigens auch nicht, womit sich der Kreis zu den Strugatzkis wieder schließt.

Gesamteindruck: 7/7gateway


Autor: Frederik Pohl
Originaltitel: Gateway.
Erstveröffentlichung: 1976
Umfang: 224 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

 

BuchWelt: Strugatzki 2

Arkadi & Boris Strugatzki


Wer noch nichts von den Arkadi und Boris Strugatzki hat, ist mit der Gesamtausgabe bestens bedient. Gerade in Band 2 (von 6) sind die drei enthaltenen Geschichten sehr unterschiedlich, was ihn meiner Ansicht nach perfekt zum Kennenlernen des Werkes von Arkadi und Boris Strugatzki macht. Fazit: Sieben Punkte und eine klare Kaufempfehlung.

Gesamteindruck: 7/7


Für Strugatzki-Anfänger und alte Hasen gleichermaßen interessant.

Die erste Frage, die sich stellt, wenn man die dicken Bücher der Strugatzki-Gesamtausgabe sieht, ist natürlich: Braucht man das, wenn man bereits alles von den russischen Schriftsteller-Brüdern im Schrank hat? Ich persönlich würde den Kauf jedem empfehlen, der ein paar Euro übrig hat und gerne diese Klassiker der russischen Science Fiction liest – auch wenn man vielleicht schon das eine oder andere Strugatzki-Werk im Regal stehen hat. Die in den Gesamtausgaben enthaltenen Romane wurden nämlich nicht nur neu übersetzt, sondern auch um in früheren Veröffentlichungen gestrichene Passagen ergänzt. Das bedeutet, dass man hier erstmals in den vollständigen Genuss der Bücher kommt, was früher kaum möglich war. Hinzu kommen umfangreiche Anmerkungen zu allen enthaltenen Geschichten – verfasst von Boris Strugatzki persönlich. Der Autor geht dabei nicht nur auf die Entstehungsgeschichte jedes Romans ein, sondern versucht auch zu erklären, was der jeweilige Hintergrund war und warum die Brüder in der Sowjetunion durchaus um ihr Leben fürchten mussten. Diese Anmerkungen sind mitunter genauso spannend wie die eigentlichen Geschichten und für sich schon beinahe den Kaufpreis wert. Noch dazu fällt durch die Anmerkung die Interpretation des teilweise doch recht schwer zu entschlüsselnden Stoffes wesentlich leichter. Für mein Dafürhalten ist die Gesamtausgabe also eine runde Sache.

Hier noch ein paar Worte zu den einzelnen Geschichten in diesem Band:

„Picknick am Wegesrand“ ist einer der bekanntesten Romane der Brüder. Ein Mitgrund ist natürlich die Verfilmung unter dem Titel „Stalker“ bzw. das (fast) gleichnamige Computerspiel „S.T.A.L.K.E.R.“. Der Roman ist sehr gut geschrieben und meiner Ansicht nach die beste Geschichte in diesem zweiten Band. Im Fokus steht hier das Gefühl der Hilflosigkeit angesichts einer vollkommen unbekannten Technologie, die unerklärbar ist und keinen bekannten Naturgesetzen folgt. Nebenbei gibt es – wie in allen Strugatzki-Werken – zahlreiche mehr oder weniger gut getarnte Anspielungen auf die Gegebenheiten in der Sowjetunion.

„Eine Milliarde Jahre vor dem Weltuntergang“ versucht sich eher am Beschreiben geheimer Kräfte, die irgendwo im Hintergrund wirken. Hier geht es mehr darum, wie jeder seinen Teil zu einem Gesamten beiträgt, ohne das Endergebnis irgendwie absehen zu können. Dabei kommt es zu Strugatzki-typisch zu zahlreichen unerklärlichen Ereignissen, die einfach hingenommen werden müssen. Vom Stil her ein eher schwierig zu lesendes Werk, ausgesprochen spröde.

„Das Experiment“ kann man fast als Entwicklungsroman bezeichnen. Der Held der Geschichte durchlebt in einer Stadt, die einzig einem Experiment mit unbekanntem Zweck dient, verschiedene Stationen und wird auf unterschiedlichste Weise indoktriniert. Dass er sich dabei als Sowjet unter anderem mit einem ehemaligen Unteroffizier der Wehrmacht anfreundet ist nur ein Grund, wieso der Roman erst viele Jahre nach seiner Fertigstellung veröffentlicht werden durfte. Prinzipiell kann „Das Experiment“ durchaus als Allegorie auf das mittlerweile gescheiterte Experiment des Kommunismus gelten – kein Wunder also, dass die Strugatzkis an diesem Buch nur unter strengster Geheimhaltung arbeiten konnten. Allzu leicht lesbar ist der Roman nicht. Zwischendurch gibt es zwar immer wieder „schnelle“ Passagen, die das Ganze auflockern, durchsetzt ist das Buch aber auch von vielen philosophischen Auseinandersetzungen und Metaphern, die schwer zu verstehen sind. Zumindest für Nicht-Sowjets.

Gesamteindruck: 7/7


Autor: Arkadi & Boris Strugatzki
Originaltitel: Arkadi & Boris Strugatzki 2
Erstveröffentlichung: 2010
Umfang: 912 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: eBook, in „Strugatzki Gesammelte Werke 2.“


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SpielWelt: S.T.A.L.K.E.R.: Shadow Of Chernobyl

„S.T.A.L.K.E.R.“ ist ein sehr guter Ego-Shooter mit Rollenspiel-Elementen. Optik, Sound und – vor allem – Atmosphäre wissen zu überzeugen; leider gibt es einige Mängel in der Bedienung bzw. im Spielkomfort, die den Gesamteindruck ein wenig trüben. Insgesamt dennoch ein sehr gutes Spiel, das jedem, der mit dem Tschernobyl-Szenario etwas anfangen kann, ans Herz gelegt sei.

Gesamteindruck: 5/7


Tolle Atmosphäre lässt über Bedienmängel hinwegsehen.

„S.T.A.L.K.E.R.: Shadow Of Chernobyl“ lässt die kontaminierte Zone rund um das 1986 in der Ukraine havarierte Kernkraftwerk lebendig werden. Im wahrsten Sinne des Wortes – im Laufe der Geschichte, die dem Spiel zugrunde liegt, hat sich „die Zone“ (im besten Strugatzkischen Sinn) mit allerlei Artefakten und Anomalien unbekannter Herkunft gefüllt.

Es gibt Fraktionen und mutierte Wesen – also alles, was eine Mischung aus Ego-Shooter und Rollenspiel braucht. Das verstrahlte Setting erinnert an die postapoklyptische Welt der „Fallout“-Serie, ohne eine reine Kopie davon zu sein. „S.T.A.L.K.E.R.“ ist durchaus eigen, wesentlich linearer und viel mehr vom „Sammel-Zwang“ geprägt. Die Story ist interessant, wenn auch stellenweise ein wenig wirr, sie trägt allerdings wesentlich zum größten Plus des Spiels, zur Atmosphäre, bei. Unterstützt wird das durch einige interessante und zynische Charaktere, die die Masse an unwichtigen Figuren ein wenig ausgleichen. Ebenfalls positiv zu vermerken sind Optik und Akustik. Die Grafik bildet nicht nur die Umgebung des AKW Tschernobyl sehr akkurat und lebensnah ab, sie ist einfach sehr gut gelungen und auch aus heutiger Sicht (2015) noch halbwegs schön. Insbesondere die Lichteffekte sind ausgesprochen hübsch anzusehen. Der Sound fügt sich nahtlos und unaufdringlich ein, speziell die im Vorbeigehen immer wieder aufgeschnappten, russischen Sprachfetzen wissen zu gefallen. Ebenfalls im Haben zu verbuchen: Das Design der Areale ist anfangs verwirrend, aber nach kurzer Eingewöhnungszeit doch sehr gelungen und schlüssig. Es gibt auf Schritt und Tritt diverse Verstecke und Geheimnisse zu erkunden – das gefällt. Die Aufträge der Hauptmission passen auch, man hangelt sich gerne am roten Faden entlang und freut sich über jeden Erfolg. Um in den Genuss einer der sieben (!) verschiedenen Finalsequenzen zu kommen, steht auch ein großes Waffenarsenal zur Verfügung, wobei sich für meinen Geschmack einige der Gewehre und Pistolen zu sehr ähneln. Aber sei’s drum, die Vielfalt ist trotzdem schön.

Gäbe es nur die oben genannten Punkte wäre „S.T.A.L.K.E.R.“ ein nahezu uneingeschränkt empfehlenswertes Spiel. Leider gibt es aber auch ein paar Stolpersteine, die letztlich eine höhere Wertung verhindern. Behoben werden kann einiges davon wohl durch Community-Patches und Mods, ich bewerte hier allerdings nur das mit offiziellem Patch upgedatete Spiel. Was dem Einsteiger als erstes negativ ins Auge fällt: Die Übersichtskarte verdient ihren Namen nicht. „Übersicht“ stelle ich mir jedenfalls anders vor – die Karte ist zu undetailliert, noch schlimmer aber: vollkommen unpraktisch zu bedienen. Zoom- und Zentrierfunktionen, Anzeige von Questzielen – alles schön und gut, wenn es denn richtig funktioniert. Das ist hier aber leider nicht der Fall und so irrt man vor allem anfangs öfter durch die Gegend, als einem lieb sein kann. Da helfen auch die recht marginalen Einträge im Questlog selten weiter.

Zweiter Minuspunkt: Lange Laufwege. Es mag realistisch sein, aber wer einmal von der Müllkippe zurück zum Händler im Startgebiet musste, weiß, wie frustrierend das sein kann. Vor allem auch, weil das Inventar nicht so großzügig (auch realistisch!) bemessen ist, dass man genug verkaufbare Gegenstände mitnehmen kann, damit sich diese Reise wirklich lohnt. Und wer zu viel im Inventar hat, kann nicht lange sprinten und wer nicht sprinten kann, braucht ewig für die Strecke. Ein Teufelskreis. Hier wäre eine Schnellreisefunktion, wie sie im nachfolgend erschienenen Prequel „S.T.A.L.K.E.R.: Clear Sky“ andeutungsweise eingeführt wurde, höchst angebracht gewesen – vor allem, weil man die langen Wege ja nicht freiwillig geht, sondern durch die Aufträge teilweise dazu gezwungen wird.

A pro pos Aufträge: Wie erwähnt ist die Hauptquest sehr gut gelungen und spannend. Abseits davon gibt es auch viel Interessantes zu sehen und einige sehr schöne Nebenaufträge. Was man allerdings ansonsten so von den NPCs als Standardquests serviert bekommt, langweilt sehr schnell. Hole dieses Artefakt, töte dort Banditen, räuchere hier Mutanten aus. Dauernd. Oft erhält man solche Missionen auch beim Betreten eines Gebietes. Ja, auch eines gesäuberten Gebietes, die Respawn-Rate ist ausgesprochen hoch in der Zone. Diese Nebenbeschäftigungen können mitunter so lästig sein, dass man die Aufträge einfach verfallen lässt (funktioniert, weil es ein Zeitlimit für solche Missionen gibt). Das hätte nicht sein müssen.

Mit dem ständigen Respawnen hat irgendwo auch der letzte der größeren Kritikpunkte zu tun, den ich ansprechen möchte. „Verkauft“ wird einem die Zone als eine Art militärisches Sperrgebiet, in das sich die „Stalker“ hineinwagen, dessen Betreten aber prinzipiell verboten ist. Trotzdem gibt es dort Tausende, eher Zehntausende Banditen, Fraktionsmitglieder und Soldaten. Gegen Spielende zeigt die Statistik für den eigenen Charakter mehrere hundert oder sogar tausend getötete Personen an. Das stört meines Erachtens die sorgsam aufgebaute „Zonen-Atmosphäre“ erheblich. Ein wirklich gefährlicher und unberechenbarer Ort sieht meiner Meinung nach anders aus, jedenfalls nicht derart dicht besiedelt. Wenn es wenigstens nicht dauerndes Respawnen gäbe…

Damit wären die – aus meiner Sicht – wichtigsten Negativpunkte ausführlich beschrieben. Optisch wirkt das natürlich so, als ob ich mehr zu kritisieren als zu loben hätte – stimmt nicht, ich finde, dass „S.T.A.L.K.E.R.“ ein wirklich empfehlenswertes Spiel ist. Jeder, der etwas mit einem postapokalyptischen Setting anfangen kann, kann hier bedenkenlos zugreifen. Über die angesprochenen Kritikpunkte muss man entweder hinwegsehen oder sie selbständig beheben. Für die volle Punktezahl reicht es angesichts der Mängel zwar nicht, aber gute 5 Punkte lasse ich springen.

Gesamteindruck: 5/7


Genre: Ego-Shooter/Rollenspiel
Entwickler: GSC Game World
Jahr: 2007
Gespielt auf: PC


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BuchWelt: Picknick am Wegesrand

Arkadi & Boris Strugatzki


Auszusetzen gibt es an „Picknick am Wegesrand“ praktisch nichts. Lediglich der abrupte Schluss, der nicht einmal Ansätze einer Aufklärung bereit hält, könnte bei einigen Lesern zu Kritik führen. Zwar ist das Ende durchaus konsequent – aber den einen oder anderen wirklichen Schlusssatz hätte man sich dann doch gewünscht. Andererseits führt gerade dieses Finale dazu, dass man sich tage- oder sogar wochenlang nach der Lektüre immer noch mit dem Buch auseinandersetzt. Von daher: Alles richtig gemacht!

Gesamteindruck: 7/7


Die „Zone“ lässt keinen los.

Wer schon immer wissen wollte, woher die Macher des Videospiels „S.T.A.L.K.E.R. – Shadow Of Chernobyl“ die merkwürdigen Spitznamen für ihre Charaktere und Artefakte haben, wird in „Picknick am Wegesrand“, einem ausgesprochen düsteren Roman aus dem Jahr 1971 fündig. Auf allzu viele Gemeinsamkeiten zwischen Buch und Spiel sollte man dennoch nicht hoffen – weder Ursache noch Ort der „Zone“ sind identisch und die erzählte Geschichte weist nur in den Grundzügen Ähnlichkeiten auf.

„Picknick am Wegesrand“ ist eine auf den ersten Blick merkwürdig wirkende Mischung aus Fiktion und Philosophie. Die Einordnung des Gelesenen fällt relativ schwer – die Autoren, das Brüderpaar Arkadi & Boris Strugatzki, haben sehr viele Möglichkeiten zur Interpretation offen gelassen. Die vordergründige Handlung ist eine Art Science Fiction-Geschichte, wobei Fans von „Techno-Babble“ vergeblich auf derartige Ausführungen warten. Es gibt zwar Ansätze von pseudo-wissenschaftlichen Erklärungen über die „Zonen“, im Endeffekt überwiegt aber eine philosophische Sichtweise. Die Absicht dahinter ist wohl, den Leser in eine Situation zu bringen, in der es ihm ähnlich geht, wie den Protagonisten. Es gibt keinen „allwissenden Erzähler“, es gibt nur die sehr eingeschränkte Sicht der Charaktere, die sich letztlich in hilflosen Erklärungsversuchen über etwas gänzlich Unverständliches verlieren.

Im Prinzip ähnelt die Geschichte – wie auch von Stanisław Lem selbst angemerkt – dessen zehn Jahre vor „Picknick am Wegesrand“ erschienen Roman „Solaris“. Auch hier stehen die Menschen der unfassbaren Fremdartigkeit außerirdischen Lebens völlig unbeholfen gegenüber. Der Unterschied liegt im Detail: „Solaris“ ist ein fremder Planet, das „Picknick“ findet auf der Erde statt, ist dem Leser also wesentlich näher. Die Ansiedelung der „Zone“ an und in einer normalen (mutmaßlich britischen) Stadt macht es möglich, dass sich theoretisch jedermann als „Stalker“ (eine Art Schatzjäger oder Schmuggler, der versucht, Artefakte aus der „Zone“ zu bergen um sie zu verkaufen) versuchen kann. Dass die Artefakte und der Einfluss der „Zone“ nicht nur innerhalb, sondern auch weit weg spürbar sind, ohne auch nur ansatzweise erklärbar zu sein, ist ein weiterer Punkt, der diesen düsteren Roman so intensiv macht.

Abschließend noch ein genereller Hinweis zur Sprache: Die – ich verallgemeinere – „Ost-Science-Fiction“ ist insgesamt nicht ganz so leicht lesbar, wie die westliche Literatur. Das merkt man auch in diesem Roman, der sich einer zeitweise eher umständlichen Sprache bedient. Wie viel davon auf das Konto der Übersetzung geht, entzieht sich allerdings meiner Kenntnis – bedenken sollte man es vor dem Kauf jedenfalls.

Gesamteindruck: 7/7


Autor: Arkadi & Boris Strugatzki
Originaltitel: Пикник на обочине. (Piknik na obotschinje.)
Erstveröffentlichung: 1971
Umfang: 224 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: eBook, in „Strugatzki Gesammelte Werke 2.“


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