FilmWelt: Unknown Soldier (2017)

„Der unbekannte Soldat“ gewinnt als Titel für einen Kriegsfilm sicher keinen Innovationspreis . Dazu muss man allerdings wissen, dass die Vorlage ein Roman eben dieses Titels (finnisch: „Tuntematon sotilas“, auf Deutsch ursprünglich auch als „Kreuze in Karelien“ erschienen) aus dem Jahr 1954, geschrieben von Väinö Linna, ist. Dabei handelt es sich übrigens eines der meistverkauften finnischen Bücher überhaupt und vorliegender Film von Regisseur Aku Louhimies ist bereits die dritte Adaption in Bewegtbild nach 1955 und 1985.

Gesamteindruck: 4/7


Der finnische „Steiner“.

Die finnische Beteiligung am 2. Weltkrieg ist ein relativ komplexes und hierzulande kaum bekanntes Thema – verkürzt und vereinfacht lässt es sich ungefähr so darstellen: Erst im „Winterkrieg“ (1939-1940) allein gegen Russland, dann Unterstützung des deutschen Angriffs gegen die Sowjetunion („Fortsetzungskrieg“, 1941-1944) und schließlich im „Lapplandkrieg“ (1944-1945) auf Seiten der Roten Armee gegen in Finnland stationierte Truppen der Wehrmacht. Die in „Unknown Soldier“ thematisierten Ereignisse sind im „Fortsetzungskrieg“ angesiedelt.

Worum geht’s?
1941 tritt die finnische Armee an, um die im Winterkrieg an die Sowjetunion verloren gegangenen Gebiete zurückzuerobern und die Wehrmacht gegen Russland zu unterstützen. Mittendrin ist eine Maschinengewehrkompanie aus bunt zusammengewürfelten Soldaten. Bald merken die großteils unbedarften Männer, dass der Krieg alles andere als ein Abenteuer ist

Ich habe oben ein paar Worte zur historischen Einordnung geschrieben – die Männer, die in „Unknown Soldier – Kampf ums Vaterland“ (so der vollständige Titel im deutschsprachigen Raum) in die Schlacht ziehen, interessieren sich freilich nicht für solche Spitzfindigkeiten. Der Film ist insofern komplett unpolitisch, er moralisiert und verurteilt auch nicht – er stellt einfach nur dar. Wie die einfachen Soldaten bekommt der Zuseher nichts von den geopolitischen Ereignissen und Umwälzungen mit, sieht man vom gelegentlichen, Wochenschau-artigen Einschub ab. Anmerkung am Rande: Der deutsche Titel gibt dem Film meines Erachtens eine Konnotation, die er in Wirklichkeit überhaupt nicht hat. „Ums Vaterland“ geht es den wenigsten der hier dargestellten Soldaten.

Sehr wohl thematisiert wird allerdings die Unfähigkeit und Borniertheit der Vorgesetzten, die wohl in allen Armeen der Welt ähnliche Auswüchse zeitigt. Aber auch das ist nicht das Hauptmotiv des Films – denn eigentlich geht es hier schlicht und einfach darum, den Alltag einer kleinen Gruppe von Männern darzustellen, vom Offizier bis zum einfachen Soldaten, die allesamt Spielball von Kräften sind, die sie weder verstehen noch beeinflussen können. Als Zuseher ist man ständig bei der Kompanie (häufig sogar mit Handkamera, sozusagen durch die Augen eines Soldaten, gefilmt); man bekommt nicht mit, warum die Führung die Männer mal hierin, mal dorthin schickt, mal den Rückzug befiehlt, dann wieder angreifen lässt. Diese Perspektive ermöglicht die Identifikation mit ganz normalen Menschen, die aus ihrer Umgebung gerissen und in ein lebensgefährliches „Abenteuer“ geworfen werden, in dem alles andere als Heldentum und Glorie warten.

Im Norden nichts Neues?

Man darf nun aber nicht erwarten, dass „Unknown Soldier“ eine Art finnisches „Im Westen nichts Neues“ ist. Das ist meines Erachtens nicht der Fall, weil der Film trotz aller Tragik nicht jene fast greifbare Hoffnungslosigkeit atmet, wie es Remarques Werk (bzw. auch dessen filmische Umsetzung von 1930) tut. Eigentlich hat mich der Film vom Aufbau her eher ein bisschen an „Steiner – Das Eiserne Kreuz“ (1977) erinnert, was das Zusammenspiel zwischen Vorgesetzten und Soldaten, zwischen Gehorsam und Disziplinlosigkeit betrifft – etwas, das man in „Im Westen nichts Neues“, in dem sich die Soldaten praktisch widerspruchslos in ihr Schicksal fügen (müssen), kaum findet. Wobei auch der Vergleich mit „Steiner“ nicht so richtig passt, weil „Unknown Soldier“ durch den gelegentlichen Perspektivenwechsel zur „Heimatfront“ ein ganzes Stück emotionaler und weniger plakativ ist.

Wieso mich der Film insgesamt trotz positiver Ansätze dennoch nicht recht überzeugen konnte, ist schnell erklärt: Wie häufig in diesem Genre ist auch „Unknown Soldier“ letztlich nicht mehr als eine durch einen losen Handlungsstrang verbundene Ansammlung an Kampfhandlungen. Auf die mindestens genauso wichtigen Zwischentöne verzichtet der Film zwar nicht, allerdings können sie qualitativ bei Weitem nicht mit der wirklich großartigen Optik (dazu unten mehr) mithalten. Heißt: Es fehlt „Unknown Soldier“ vor allem an Charakteren, die realistisch Emotionen vermitteln können. Zwar gibt es mit der Hauptfigur, dem widerspenstigen Rokka (übrigens sehr gut von Eero Aho dargestellt), eine starke Identifikationsfigur, der Rest des Casts geht demgegenüber aber fast vollständig unter. Man spürt regelrecht, wie der Regisseur versucht, das mit verschiedenen Einstellungen, mit dem Zeigen der Heimat und ähnlichen Kniffen wettzumachen – nur gelingt ihm das nicht, seine Figuren bleiben großteils blass und nichtssagend. Entsprechend kühl steht man ihrem Leiden letztlich gegenüber, was schon fast zu einem schlechten Gewissen führt.

Technisch brillant.

Abschließend ein paar Worte zu Technik und Ausstattung: Es ist fast schon unglaublich, wie hochwertig und realistisch alles in „Unknown Soldier“ wirkt. Man darf ja nicht vergessen, dass es sich hierbei um keinen Hollywood-Blockbuster handelt. Das Budget lag, so ist es zu lesen, allerdings dennoch bei rund 7 Millionen Euro, was wohl die höchste Summe ist, die in Finnland je für einen Film ausgegeben wurde. Insofern hat sich das definitiv gelohnt, denn alles in „Unknown Soldier“ sieht hervorragend und in die Zeit passend aus. Aber nicht nur die Ausstattung ist großartig: Auch und vor allem die Kamera-Arbeit beeindruckt. Nicht nur, weil es in Finnland per se sehr schön ist und die wilde Rauheit der Landschaft toll eingefangen wurde, sondern auch die Art und Weise, wie mit Licht und Farben gespielt wurde, hat mich schwer beeindruckt. Dazu die Handkamera in den Kampfszenen, wirklich beängstigende Explosionen, der ständige Eindruck von Improvisation bei Waffen und Ausrüstung – so geht Realismus!

Unterm Strich ist und bleibt „Unknown Soldier“ für mein Dafürhalten dennoch ein zweischneidiges Schwert. Auf der Habenseite stehen einerseits die beeindruckende Inszenierung nebst Ausstattung und Kamera-Arbeit, andererseits die eindrückliche Botschaft über die Sinnlosigkeit und das Drama das Krieges für den Einzelnen. Leider – und das meine ich ernst, ich finde es wirklich sehr schade – spiegelt sich das nicht in den Emotionen wieder, die man als Zuseher für die Figuren entwickeln sollte. Es mag wie ein Klischee klingen, aber „Unknown Soldier“ ist skandinavisch-unterkühlt, was hier einfach nicht so gut passt, wie ich finde. Wahrscheinlich hätten eine weitere echte Identifikationsfigur oder ein stärkerer Antagonist gereicht, um dem Film den letzten Schub nach vorne zu geben. So reicht es bei mir nur für eine mittelmäßige Wertung.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Tuntematon sotilas.
Regie:
Aku Louhimies
Drehbuch: Aku Louhimies, Jari Olavi Rantala
Jahr: 2017
Land: Finnland
Laufzeit: ca. 180 Minuten
Besetzung (Auswahl): Eero Aho, Johannes Holopainen, Jussi Vatanen, Aku Hirviniemi, Paula Vesala, Samuli Vauramo



MusikWelt: Thalassic

Ensiferum


Mit ihrem 8. Longplayer begeben sich Ensiferum auf ungewohntes Terrain: „Thalassic“ ist altgriechisch und bedeutet soviel wie „von der See“ oder „zum Meer gehörend“. Um ein richtiges Konzeptalbum handelt es sich jedoch nicht; die einzelnen Tracks haben zwar alle mehr oder weniger das feuchte Element zum Thema, erzählen aber keine zusammenhängende Geschichte. Doch nicht nur die Sprache des Titels und das Thema sind ungewöhnlich, denn Ensiferum haben nach einem neuerlichen Personalwechsel gleich auch den Power Metal-Anteil deutlich nach oben geschraubt.

Gesamteindruck: 6/7


Ungewohntes Terrain.

Die letzten Ensiferum-Alben (allen voran „Two Paths“, 2017) litten unter Ideenlosigkeit. Oder den falschen Ideen. Mit „Thalassic“ gelingt es den Finnen meiner Ansicht nach, das Ruder einigermaßen herumzureißen – ob der Kurswechsel dauerhaft ist, wird die Zeit zeigen müssen, ebenso ob und wie der neue Sound bei den alten Fans ankommt. „Neuer Sound“? Ja, richtig gelesen, denn Neuzugang Pekka Montin übernimmt auf „Thalassic“ nicht nur die vakante Position am Keyboard, sondern auch weite Teile des Klargesangs. Der Finne überzeugt mit einem theatralischen Organ, irgendwo zwischen einem jungen Tobias Sammett (EdguyAvantasia) und Timo Kotipelto (Stratovarius) und bildet damit einen starken Kontrast zu Schreihals Petri Lindroos. Freilich gab es auch auf den bisherigen Alben von Ensiferum Klargesang, doch nie dermaßen präsent – erstmals in der mittlerweile 25-jährigen Bandgeschichte (wobei das Debüt erst 2001, also vor „nur“ 20 Jahren, erschienen ist) hat man das Gefühl, dass harsche und klare Vocals vollkommen gleichberechtigt nebeneinander stehen. Wenn man sich die Sache genauer besieht, ist das allerdings nur eine Weiterentwicklung eines Ansatzes, den man schon auf dem mediokren Vorgänger „Two Paths“ versucht hat. Bereits dort haben sich neben Lindroos weitere Bandmitglieder am Mikro versucht, allerdings mit recht unterschiedlichem Erfolg. Nun ist mit Montin erstmals ein Mann an Bord, der über eine ausgebildete und kraftvolle Singstimme verfügt. Zusätzlich wurden seine Gesangsspuren im Mix stark in den Vordergrund gestellt, sodass sie zum Teil sogar das Gebrüll von Lindroos zu dominieren scheinen.

All das verschiebt Ensiferum genre-technisch tatsächlich ein Stück weiter in Richtung Power Metal. Schluck. In einer Sache kann man allerdings direkt Entwarnung geben: Wer nach der ersten Auskoppelung „Rum, Women, Victory“ befürchtet hatte, Ensiferum würden sich langsam aber sicher in Alestorm verwandeln, kann beruhigt aufatmen. Zum einen ist das die einzige Spaßnummer, die textlich an die schottischen Piraten erinnert, zum anderen klingen Ensiferum allem Klargesang zum Trotz über weite Strecken immer noch wie sie selbst. Das heißt, auch auf „Thalassic“ stehen acht Songs (plus das gute Intro „Seafarer’s Dream“), die teilweise hart und schnell, teilweise getragen und hymnisch, aber immer extrem eingängig sind.

Macht Spaß. Zumindest mir.

Klassische Ensiferum-Nummern, für alle, die es am liebsten traditionell mögen, sind mit „Rum, Women, Victory“ (sieht man vom Piraten-Text ab), „Andromeda“, „Run From the Crushing Tide“, „For Sirens“ und „Cold Northland (Väinämöinen Part III)“ (dazu gleich noch ein Wort) mehr als genug vorhanden. Lauter gute Tracks, die jeden, der den melodisch-folkigen Stil der Band grundsätzlich mag, überzeugen sollten. Dazu kommt durch das zusätzliche Gesangstalent am zweiten Mikro noch eine von Ensiferum bisher nur in Ausnahmefällen erreichte Epik – man höre dazu vor allem „One With the Sea“, eine Nummer, die man so nicht mehr von den Schwertträgern erwartet hätte. Der letzte in dieser Intensität und Tonalität vergleichbare Song datiert aus 2004 („Lost in Despair“ auf „Iron“).

Und weil wir gerade von der Vergangenheit reden, sei, wie oben kurz angedeutete, auch der zweite super-epische Track auf „Thalassic“ erwähnt: „Cold Northland (Väinämöinen Part III)“ ist eine Reminiszenz auf „Old Man“ und „Little Dreamer“, die ersten beiden Parts von „Väinämöinen“, die 2001 auf dem Debüt „Ensiferum“ standen. Tatsächlich gelingt es den Finnen (von denen 2001 nur Markus Toivonen schon an Bord war) dieses alte Thema gut und konsequent in die Neuzeit zu transportieren – auch hier dank ihres neuen Sängers, der sich das Mikro brüderlich mit Schreihals Petri Lindroos teilt. Gefällt mir ganz ausgezeichnet!

Der Rest des Materials auf „Thalassic“ ist kurz, bewegt sich nie über die 5-Minuten-Marke.  Wirklich negativ ist mir tatsächlich kein einziger Track aufgefallen. Eventuell würde ich bekritteln, dass Ensiferum es mit dem Folk-Anteil in „Midsummer Magic“ etwas zu bunt treiben (das klingt mir zu sehr nach Korpiklaani, mag dem einen oder anderen gefallen, mir nicht ganz so gut), der Gesang in „The Defence of the Sampo“ ziemlich merkwürdig anmutet und die Texte zum Teil gezwungen wirken (oder ihre Intonierung, man höre Auskoppelung Nummer 2, „Andromeda“).

Ansonsten geht das Album aber sehr gut rein, wenn man sich mit der gesangstechnisch so ungewohnten Ausrichtung per se anfreunden kann. Tatsächlich halte ich das für den größten Knackpunkt bei „Thalassic“ – denn auch ich war mir zunächst nicht sicher, ob ich die Platte überhaupt mag. Dann, nach einigen Durchläufen und diversen Ohrwürmern, war ich mir nicht sicher, ob ich „Thalassic“ als Ensiferum-Fan der ersten Stunde überhaupt mögen „darf“. Schließlich, nach ein paar weiteren Durchgängen, habe ich beschlossen, dass mir das egal ist. Dieses Album macht von vorne bis hinten einfach nur Spaß. Mir jedenfalls geht es so – ich gebe auch zu, dass ich eine gewisse Power Metal-Affinität habe und immer schon hatte. Wem die abgeht, der wird „Thalassic“ wohl nicht so positiv aufnehmen und darf gerne den einen oder anderen Punkt abziehen. Für mich ist dieses Album jedenfalls großes Kino, auch wenn es nicht an die ganz alten Großtaten der Finnen heranreicht.

PS: Ich persönlich finde es trotz allem schade, dass für Netta Skog (ex-Turisas) bei Ensiferum nach nur einem Album schon wieder Schluss war. Auch wenn Neuzugang Pekka Montin es offenbar besser als seine Vorgängerin geschafft hat, für frischen Wind zu sorgen, werde ich die extrovertierte Finnin mit ihrem Akkordeon vor allem bei Live-Auftritten vermissen. Von dem, was man bisher mitbekommen hat (das Video zu „Andromeda“ und die Covid-bedingte Release-Show im Studio) ist Montin zwar ein begnadeter Sänger, muss aber wohl erst in den Ensiferum-Kosmos reinfinden. Zum Zeitpunkt dieser Rezension wirkt er jedenfalls noch ein bisschen wie ein Fremdkörper zwischen den altgedienten Recken… aber all das nur am Rande, hat ja mit der Qualität von „Thalassic“ nicht zu tun.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Seafarer’s Dream – 3:01 – 5/7
  2. Rum, Women, Victory – 4:16 – 5/7
  3. Andromeda – 4:04 – 6/7
  4. The Defence of the Sampo – 4:50 – 4/7
  5. Run from the Crushing Tide – 4:22 – 5/7
  6. For Sirens – 4:40 – 5/7
  7. One with the Sea – 6:10 – 6/7
  8. Midsummer Magic – 3:42 – 5/7
  9. Cold Northland (Väinämöinen Part III) – 8:41 – 7/7

Gesamteindruck: 6/7 


Ensiferum auf “Thalassic” (2020):

  • Petri Lindroos – Vocals, Guitars
  • Markus Toivonen – Guitars, Vocals, Backing Vocals
  • Sami Hinkka – Bass, Vocals, Backing Vocals
  • Janne Parviainen – Drums
  • Pekka Montin – Keyboards, Vocals, Backing Vocals

Anspieltipp: Cold Northland (Väinämöinen Part III)

 

MusikWelt: From Afar

Ensiferum


Gut zehn Jahre ist es mittlerweile her, dass Ensiferum mit ihrem 4. Longplayer „From Afar“ um die Ecke kamen. In meiner Erinnerung war das Album gut, bot aber mit „From Afar“ und „Twilight Tavern“ nur zwei Songs, die ich bis heute regelmäßig höre und die sich nach wie vor praktisch immer auf der Live-Setlist der Finnen finden. Höchste Zeit also, mit ein paar neuen Durchläufen herauszufinden, wie der Rest der Songs klingt. Und vor allem, ob die Enttäuschung, an die ich mich zu erinnern glaube, tatsächlich gerechtfertigt war.

Gesamteindruck: 6/7


Epische Breite.

Der Start ins Album ist tatsächlich auch heute noch so amtlich wie 2009: Vom Intro „By the Dividing Stream“ über „From Afar“ und „Twilight Tavern“ entsteht sofort das typische Ensiferum-Feeling. Vor allem der Titeltrack hat es in sich und ist meines Erachtens eine der besten Nummern der „Schwertträger“ überhaupt. Einfach nur die Faust in die Luft strecken und mitbrüllen möchte man hier. Abgesehen von diesem heroischen Doppelschlag ist in meinem Hirn noch das leicht merkwürdige „Stone Cold Metal“ mit seinem Western-Zwischenteil abgespeichert – aus heutiger Sicht der erste Song einer für Ensiferum inhaltlich und teils auch musikalisch ungewohnten Machart, dem auf den nächsten Alben Nummern wie z.B. „Two of Spades“ folgen sollten. Geht ganz gut rein, hat aber relativ wenig mit dem bis dato durchgezogenen Folk Metal zu tun.

So weit, so gut. Spannender wird es dann beim Rest von „From Afar“. Schuld daran (wenn man so will) sind zwei Tracks, die in der Mitte und am Ende des Albums platziert wurden und dadurch alles dazwischen ein wenig in Vergessenheit geraten lassen. Namentlich ist das der für Ensiferum-Verhältnisse überlange „Heathen Throne“-Zweiteiler, bestehend aus eben „Heathen Throne“ und „The Longest Journey (Heathen Throne Part II)“. Hier muss man dann doch genauer hinhören, als man es von den ersten Alben der Finnen gewohnt war, erst dann offenbart sich die schöne Epik dieser Tracks. Hier haben es Ensiferum tatsächlich geschafft, Komplexität und Songwriting-Skills an Stelle ihrer sonst eher einfachen Hymnen zu setzen. Das mag nicht jedem gefallen, weil es nicht den schnellen und fröhlichen Humppa-Kick eines „Twilight Tavern“ bietet – ich finde bei genauerer Betrachtung den Versuch, etwas andere Songs zu schreiben aber durchaus gelungen. Und, seien wir uns ehrlich: Auch „Heathen Throne“ ist kein Prog Metal. Aber nicht mehr und nicht weniger als eine schön durchkomponierte Erzählung in der man zu jeder Sekunde den Stil von Ensiferum erkennt.

Man sollte genau hinhören.

Letztlich macht jeder neue Durchgang von „From Afar“ klar, was bei mir damals (2009) passiert ist. Ich stand damals noch stark unter dem Eindruck der ersten drei Alben der „Schwertträger“, die allesamt großartig, aber auch sehr leicht zugänglich waren. Platte Nummer 4 hat dagegen zwei überlange Tracks zu bieten, die sich naturgemäß etwas schwerer erschließen. Bis zu diesem Zeitpunkt war der sehr gute „Victory Song“ (von „Victory Songs“, 2007) der einzige Versuch der Band, auf der Langstrecke was zu reißen. Diese Nummer verfügte allerdings über einen extrem eingängigen Refrain, was sie deutlich leichter konsumierbar macht, als die zwei Parts von „Heathen Throne“. Nicht, dass die nicht auch eingängig wären, aber ein bisschen muss man sie sich schon erarbeiten. Und genau das hat bei mir 2009 offenbar nicht geklappt, ich konnte und wollte „From Afar“ nicht die notwendige Zeit geben. Für den schnellen Erfolg sind der Titeltrack und „Twilight Tavern“ natürlich bestens geeignet, wer aber mehr davon erwartet und erhofft, wird im ersten Moment tatsächlich enttäuscht sein. Völlig zu unrecht, wie ich heute gerne zugebe.

Und damit ist auch schon alles gesagt. „From Afar“ ist eine Art zweigeteiltes Album, auf dem neben zwei atypischen Songs, die eigentlich als Einheit gelten müssen, eine handvoll Nummern stehen, die so oder so ähnlich auf jedem Longplayer der Finnen Platz finden würden.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. By the Dividing Stream – 3:50 – 5/7
  2. From Afar – 4:51 – 7/7
  3. Twilight Tavern – 5:38 – 6/7
  4. Heathen Throne – 11:09 – 6/7
  5. Elusive Reaches – 3:26 – 5/7
  6. Stone Cold Metal – 7:25 – 5/7
  7. Smoking Ruins – 6:40 – 6/7
  8. Tumman Virran Taa – 0:52 – 5/7
  9. The Longest Journey (Heathen Throne Part II) – 12:49 – 6/7

Gesamteindruck: 6/7 


Ensiferum auf “From Afar” (2009):

  • Petri Lindroos – Vocals, Guitars
  • Markus Toivonen – Guitars, Vocals, Backing Vocals
  • Sami Hinkka – Bass, Vocals, Backing Vocals
  • Janne Parviainen – Drums
  • Emmi Silvennoinen – Keyboards, Organ, Backing Vocals

Anspieltipp: From Afar

 

MusikWelt: Two Paths

Ensiferum


Ensiferum konnten in ihrer Frühphase mit drei Geniestreichen überzeugen: Das Debüt „Ensiferum“ (2001) und die darauf folgenden „Iron“ (2004) und „Victory Songs“ (2007) waren ganz, ganz groß. Danach wurde es leider ein wenig zäh – und „Two Paths“ von 2017 verbessert die Situation nicht wirklich.

Gesamteindruck: 3/7


Der falsche Pfad.

Vielleicht beruht die schwankende Qualität, die ab 2007 im Hause Ensiferum eingezogen ist, auf Spätwirkungen des Abganges von Jari Mäenpää (g, v), der die Band 2004 verließ, um mit Wintersun … ähh… „durchzustarten“ (wie das aus- bzw. weitergegangen ist, ist eine andere Geschichte). So oder so gab es in den 10 Jahren zwischen „Victory Songs“ und „Two Paths“ durchaus  geile Tracks zu hören. Leider stand denen im Gegenzug regelmäßig eine ähnliche Menge an mehr oder weniger belanglosem Füllmaterial gegenüber. Übrigens: In der Rückschau habe ich auch das 2015er-Werk „One Man Army“ ein bisschen zu optimistisch bewertet, 5/7 Punkten hätten es auch getan. Eine Verbesserung gegenüber den unmittelbaren Vorgängern war dennoch zu hören und man hoffte, dass die Finnen damit die Kurve gekriegt hätten.

Dass das leider nicht der Fall ist, zeigt „Two Paths“ sehr deutlich: Die Hälfte der Songs ist einigermaßen brauchbar, der Rest mehr oder weniger für die Tonne. War u.a. auch auf „Unsung Heroes“ (2012) so, dort waren die starken Tracks allerdings wesentlich besser als ihre Pendants auf „Two Paths“. Insgesamt haben wir es hier also mit dem schwächeren Album zu tun – was zwangsläufig bedeutet, dass „Two Paths“ sogar der bisherige Tiefpunkt der Diskografie der „Schwertträger“ ist.

„A path so bright…“

Positiv ist zunächst anzumerken, dass man auf „Two Paths“ auf eine überlange Nummer verzichtet. Denn seien wir uns ehrlich: Abgesehen von „Victory Song“ gibt es in dieser Hinsicht nichts, was man zwingend öfter als einmal gehört haben muss. Aber auch andere Ansätze sind – von der Grundidee her – durchaus löblich: Gesangstechnisch zeigt man sich beispielsweise variabler als je zuvor, indem man das Mikro gleich vier Protagonisten überlässt. Der Löwenanteil bleibt bei Petri Lindroos dessen Gebrüll meiner Ansicht nach immer schon sehr stark war. Neu ist, dass Gitarrist Markus Toivonnen und Bassist Sami Hinkka ebenfalls als Lead-Sänger zu hören sind. Und auch Neuzugang Netta Skog (ehemals Turisas, sie ersetzte Langzeit-Keyboarderin Emmi Silvennoinen allerdings auch nicht dauerhaft, wie man heute weiß) darf ihre Stimmbänder strapazieren.

Auf dem Papier klingt das erstmal gut und nach einer neuen Facette im Schaffen von Ensiferum. Leider ist es in der Praxis nicht ganz so gelungen, weil zumindest Hinkka kein großer Sänger vor dem Herrn ist. Markus Toivonnen auch nicht, aber dessen naiv-kauziger Gesang begleitet Ensiferum schon länger und kann durchaus als sympathisches Alleinstellungsmerkmal gelten. Allerdings sollte er dann doch eher dosiert eingesetzt werden, finde ich. Und Sami Hinkka? Der ist live bestens als Growl-Unterstützung für Lindroos und gelegentlicher Clear-Background für Toivonnen geeignet. Aber den Lead wie auf „God Is Dead“ braucht man ihm aus meiner Sicht nicht nochmal umzuhängen. Der Vollständigkeit halber: Netta Skog (u.a. auf „Feast with Valkyries“) macht ihre Sache gut, habe ich aber auch nicht anders erwartet.

Was die Instrumentierung betrifft, gibt es einen Ruck in eine für Ensiferum einigermaßen ungewohnte Ecke zu vermelden: Skog spielt ja Akkordeon statt der in der Band traditionell verwendeten Keyboards. Das lässt im einen oder anderen Song einen deutlichen Party-Einschlag entstehen (nachzuhören etwa bei „God Is Dead“ und „Don’t You Say“). Da muss man dann als Zuhörer schon mal schlucken, weil es doch extrem gewöhnungsbedürftig ist. Interessant, dass gerade zweitere Nummer trotz ihrer Einfachheit und Deplatziertheit so unterhaltsam ist, dass man sie als eines der wenigen Stücke auf „Two Paths“ immer wieder hören kann. Was aber nichts daran ändert, dass die Finnen sich dadurch selbst in eine Nische setzen, die bisher eher Spaß-Truppen wie Korpiklaani oder Alestorm vorbehalten war. Ich persönlich möchte Ensiferum dort eigentlich nicht sehen, wenn ich ehrlich bin.

„A path so dark…“

Es ist also durchaus etwas in Bewegung da bei Ensiferum. Leider – und das ist der Knackpunkt – sind die Songs samt und sonders nicht gut genug, um diese Entwicklung auch musikalisch ordentlich oder auch nur durchdacht wirken zu lassen. Als Beispiel sei eine der besseren Nummern, „Way Of The Warrior“ genannt, zu der es auch ein Video gibt. Hier hört man alle möglichen Versatzstücke raus, fühlt sich mal an „One More Magic Potion“, mal an „Twilight Tavern“, mal an „Token Of Time“ erinnert. Ja, lauter hochklassige Nummern, was den Qualitätsmalus von „Way Of The Warrior“ nur umso deutlicher zutage treten lässt. Ähnlich ist es beim härtesten Track, „King of Storms“, der nicht schlecht ist, aber es auch nicht schafft, so richtig den Funken überspringen zu lassen. Die restlichen guten Tracks sollte ich auch noch nennen: „Two Paths“ mit den brüderlich geteilten Vocals von Lindroos und Toivonnen, „Feast with Valkyries“, das genau den richtigen Folk-Einschlag für Ensiferum hat, dann hinten raus noch das etwas langsamere „Hail to the Victor“. Der Rest ist großteils entbehrlich, mit dem merkwürdigen „God Is Dead“ als Tiefpunkt.

Auch meine Meinung zur Produktion von „Two Paths“ ist dem Albumtitel entsprechend zweigeteilt: Einerseits ist der Sound gut. Es wurde ja einmal mehr so analog wie möglich aufgenommen, was man deutlich hört; „trocken“ ist wohl der richtige Ausdruck. Leider macht der Mix das eigentlich positive Klangerlebnis in der Praxis zunichte, denn offenbar hat es dem verantwortlichen Techniker gefallen, alle Instrumente, Effekte und Stimmen mehr oder weniger gleich laut abzumischen. Dadurch wirkt alles sehr konfus, nichts hat Raum, sich richtig zu entfalten. Die logische Folge: „Two Paths“ ist anstrengender zu hören, als es aufgrund der Songs eigentlich sein dürfte. Das alles soll aber nur eine Randnotiz sein, die Probleme liegen vordergründig ohnehin nicht in der Produktion.

Kreativität leidet unter Aktivität?

Eine Theorie, die ich in einem anderen Review gelesen habe, besagt, dass Ensiferum ihrem geradezu mörderischen Rhythmus aus Album-Tour-Album-Tour usf. Tribut zollen müssen. Kann gut sein – ich beobachte ähnliche Verschleißerscheinungen bei anderen Bands, die ebenfalls ständig unterwegs zu sein scheinen. Sabaton und Amon Amarth fallen mir da ad hoc ein. Nicht falsch verstehen: Der beste Platz für Heavy Metal ist nach wie vor auf der Bühne. Wenn dadurch aber die Kreativität leidet, sollte man sich überlegen, ob man es nicht ein wenig ruhiger angehen sollte. Ob nun gerade das der Grund ist, wieso „Two Paths“ nicht so recht zünden will, sei dahingestellt – in meinen Ohren ist es jedoch so, dass das Songwriting von Ensiferum früher wesentlich tiefer war, dass man einfach mehr zu sagen hatte. Das hier ist beliebige Stangenware, die man so keinesfalls von den einstigen Meistern ihrer Klasse hören will.

metal-archives.com


Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Ajattomasta unesta – 2:12 – 3/7
  2. For Those About to Fight for Metal – 5:17 – 4/7
  3. Way of the Warrior – 3:57 – 4/7
  4. Two Paths – 4:48 – 5/7
  5. King of Storms – 5:16 – 3/7
  6. Feast with Valkyries – 4:08 – 5/7
  7. Don’t You Say – 3:59 – 4/7
  8. I Will Never Kneel – 5:00 – 4/7
  9. God Is Dead – 4:15 – 2/7
  10. Hail to the Victor – 5:10 – 4/7
  11. Unettomaan Aikaan – 3:39 – 4/7

Gesamteindruck: 3/7 


Ensiferum auf “Two Paths” (2017):

  • Petri Lindroos – Vocals, Guitars
  • Markus Toivonen – Guitars, Vocals, Backing Vocals
  • Sami Hinkka – Bass, Vocals, Backing Vocals
  • Janne Parviainen – Drums
  • Netta Skog – Accordeon, Backing Vocals

Anspieltipp: Two Paths

 

MusikWelt: Hexed

Children of Bodom


Nennen wir das Kind doch beim Namen: Von Children Of Bodom ist seit „Hate Crew Deathroll“ (2003) nichts Überzeugendes mehr gekommen. Ein wenig Hoffnung durften Fans der ersten Stunde 2013 mit „Halo of Blood“ schöpfen, aber schon mit „I Worship Chaos“ ging es 2015 wieder einen Schritt zurück in die Mittelmäßigkeit. 2019 erschien dann – nach einer ungewöhnlich langen Pause von 3 1/2 Jahren – ein neues Lebenszeichen der einst so gefeierten Wunderknaben aus Espoo. Und wieder musste man sich die Frage stellen: Geht da noch was? Oder haben Children of Bodom endgültig fertig?

Gesamteindruck: 5/7


Überraschend starke Platte.

„Hexed“ markiert das Album-Debüt von Daniel Freyberg. Der Schwede ersetzt Roope Latvala an der Rhythmus-Gitarre und scheint seinen eingespielten Kollegen einen ordentlichen Tritt in den Hintern verpasst zu haben. Wie sonst ist es zu erklären, dass im Gegensatz zu diversen Vorgänger-Alben die Riffs auf „Hexed“ wesentlich frischer klingen? Man meint nach einigen Durchläufen gar, hier so viel Spielfreude zu vernehmen, wie seit Ewigkeiten nicht mehr. Wobei ich nicht glaube, dass den geschassten Latvala Schuld an der schwankenden Qualität Bodom’scher Outputs trifft; er war ja nie direkt am Songwriting-Prozess beteiligt. Es hört sich aber tatsächlich so an, als hätte der neue Mann an der Axt den lange vermissten Schwung zurück gebracht, so inspiriert donnern die Gitarrensalven aus den Boxen. Schön!

Aber auch  abgesehen lässt das Album mit dem etwas gewöhnungsbedürftigen Titel das Pendel wieder in die andere Richtung schwingen. Vor allem die 2. Hälfte von „Hexed“ hat es in sich und bietet mit „Platitudes and Barren Words“, „Relapse (The Nature of My Crime)“ und „Say Never Look Back“ drei großartige Nummern. Schon klar, auch diese Songs bringen die glorreichen Zeiten von „Follow the Reaper“ (2003) nicht zurück – allein schon, weil sie nicht dermaßen eingängig und leichtfüßig klingen, wie man es aus den Anfangstagen von Children of Bodom kennt. Wer ihnen aber ein bisschen Zeit gibt – und das ist bei den Alben der Finnen schon seit vielen Jahren der Knackpunkt – wird sicher Gefallen an ihnen finden. Zusätzlich lassen „Under Grass and Clover“, der stoische Rocker „Soon Departed“ und das brutale „Kick in a Spleen“ wenig zu wünschen übrig. Und: Mir gefällt die Neuaufnahme von „Knuckleduster“ deutlich besser, als das Original, das von der EP „Thrashed, Lost & Strungout“ (2004) stammt. Der direkte Vergleich zeigt meines Erachtens dann auch sehr schnell, wie frisch und angenehm „Hexed“ als Ganzes klingt.

Keine großen Schwächen auszumachen.

Und was gibt es sonst noch? Einerseits die schwächsten Songs des Albums, namentlich sind das der recht unspektakuläre Opener „This Road“ sowie das fade „Glass Houses“. Andererseits mit dem Titeltrack den – vielleicht neben „Under Grass and Clover“ deutlichsten – Fingerzeig in die eigene Vergangenheit, was die Gitarren- und Keyboard-Harmonien betrifft. Sehr gelungen! Und dann noch mit „Hecate’s Nightmare“ ein Stück, das ziemlich „anders“ klingt und das meiner Meinung nach perfekt zum Cover des Albums passt. Einen dermaßen atmosphärischen Song hätte ich den Finnen nicht mehr zugetraut. Eher langsam, baut die Nummer nach und nach eine düster-bedrohliche Stimmung auf, was vor allem dem geschickten Einsatz des Keyboards zu verdanken ist. Gerade beim Tasteninstrument schieden und scheiden sich beim Publikum ja immer mal wieder die Geister – daran, wie Janne Wirman „Hecate’s Nightmare“ veredelt, ist meiner Meinung nach aber überhaupt nichts auszusetzen, ganz im Gegenteil. Für mich der stärkste Track auf „Hexed“, wobei man ganz klar sagen muss, dass es für die Live-Darbietung sicher bessere Nummern auf dem Album gibt, z.B. das genannte „Kick in a Spleen“. In Sachen Komposition und Arrangement dürfte das hingegen eine der ausgereiftesten Nummern von Children of Bodom überhaupt sein.

Den jüngeren Outputs von Children of Bodom haftete in meinen Ohren immer etwas Anstrengendes an, die Leichtfüßigkeit früherer Veröffentlichungen musste man mit der Lupe suchen. Daher musste ich in meiner Rezension zu „I Worship Chaos“ auch konstatieren, dass die Truppe wohl nie mehr zu jener Form zurückkehren werden, die sie ursprünglich groß gemacht hat. „Hexed“ straft mich jedoch tatsächlich ein wenig Lügen, auch wenn es nicht der ganz große Befreiungsschlag ist. Dafür muss man sich das Album dann doch ein wenig zu sehr erarbeiten. Doch trotz aller positiven Eigenschaften von „Hexed“ ist die Zukunft der finnischen Melodeath-Institution zum Zeitpunkt dieser Rezension so ungewiss wie noch nie: Anfang November 2019 wurde bekannt, dass bis auf Mastermind Alexi Laiho und seinen neuen Rhythmus-Gitarristen aus Schweden alle (!) Bandmitglieder ausgestiegen sind. Vielleicht ist diese auf den ersten Blick katastrophale Entwicklung aber auch die Chance für etwas Neues, das wieder mehr Fans der ersten Stunde begeistern kann. Das wird aber erst die Zeit zeigen.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. This Road – 4:33 – 4/7
  2. Under Grass and Clover – 3:33 – 5/7
  3. Glass Houses – 3:27 – 4/7
  4. Hecate’s Nightmare – 4:09 – 6/7
  5. Kick in a Spleen – 3:34 – 5/7
  6. Platitudes and Barren Words – 4:13 – 6/7
  7. Hexed – 5:03 – 5/7
  8. Relapse (The Nature of My Crime) – 3:26 – 5/7
  9. Say Never Look Back – 4:23 – 5/7
  10. Soon Departed – 4:54 – 5/7
  11. Knuckleduster – 3:27 – 5/7

Gesamteindruck: 5/7 


Children of Bodom auf “Hexed” (2019):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitar
  • Daniel Freyberg – Rhythm Guitar
  • Henkka Blacksmith – Bass
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Hecate’s Nightmare

MusikWelt: Blooddrunk

Children of Bodom


Wer gedacht hat, Children of Bodom würden den auf „Are You Dead Yet? (2005) eingeschlagenen Weg mit dem Nachfolger „Blooddrunk“ (2008) konsequent fortsetzen, wird mit den ersten Takten des Openers „Hellhounds on My Trail“, auf dem Keyboarder Janne „Warman“ Wirman ganz klassisch in die Tasten haut, vermeintlich eines Besseren belehrt. Es scheint fast, als hätten die Finnen das thrashige Vorgängeralbum, das kaum noch etwas mit dem Sound ihrer Anfangstage zu tun hatte, vergessen machen wollen. Hört man genauer hin, merkt man allerdings bald, dass die Reminiszenzen an die alten Zeiten eher oberflächlicher Natur sind.

Gesamteindruck: 2/7


All Filler, no Killer.

Insgesamt ist „Blooddrunk“ – wie schon seine zwei Vorgänger – ziemlich modern ausgefallen. Sprich: Das Album ist wesentlich weniger im traditionellen Metal verwurzelt als es die ersten drei Platten der Truppe aus Espoo waren und entspricht eher dem musikalischen Trend, der Anfang bis Mitte der Nullerjahre im Metal vorherrschte. Metalcore war damals das Genre der Stunde, was sich auch auf „Blooddrunk“, dem vielleicht brutalsten und schnellsten Album von Children of Bodom, bemerkbar macht. Daran ändert auch das hörbare Bemühen, wieder auf alte Trademarks und neoklassizistische Melodien zu setzen, relativ wenig. „Schuld“ daran sind mehrere Faktoren. Einer davon: Die Vocals von Alexi Laiho, die auch auf diesem Album dem In Flames-Syndrom“ erliegen (weg von der puren Aggression und dem Gebrüll der Anfangstage, hin zu elektronischer Verzerrung und gelegentlichem Klargesang). Was das betrifft, gefielen mir die alten Platten (beider Bands) wesentlich besser. Die Gangshouts, die bei Children of Bodom ab „Hate Crew Deathroll“ (2003) immer häufiger wurden, sind auf „Blooddrunk“ gerade noch in Ordnung, viel mehr davon hätten es aber nicht sein dürfen.

Das alles würde nicht sonderlich stören, wenn es der Band gelungen wäre, gute Songs zu schreiben. Doch leider muss man es ganz klar sagen: „Blooddrunk“ hat zum Zeitpunkt dieser Rezension gut 10 Jahre auf dem Buckel. „Hatebreeder“ ist doppelt so alt – und doch kann ich von jener Göttergabe jeden Song aus dem Stegreif a) nennen und b) vor mich hin summen. Welche Tracks auf „Blooddrunk“ stehen? Keine Ahnung; ja, es steht unten, aber kein einziger (!) hat so bleibenden Eindruck bei mir hinterlassen, dass ich mich daran erinnern würde, wie er heißt. Und auch wie die Nummern klingen, könnte ich jetzt nicht sagen, was letztlich sogar eine Verschlimmbesserung gegenüber dem wahrlich nicht guten „Are You Dead Yet?“ darstellt.

Technisch o.k., Songwriting k.o.

Dabei lässt „Blooddrunk“ rein technisch wenig zu wünschen übrig. Das Timing sitzt, die Produktion ist sehr gut, alles ist irrsinnig gut gespielt, ohne gleichzeitig die für ein Metal-Album notwendige Schippe Dreck vermissen zu lassen. Oben drauf gibt es noch die Keyboard-Arbeit, die im Gegensatz zum Vorgänger wieder hörbar ist und allein deshalb einen Bonuspunkt rechtzufertigen scheint. Lediglich der Bass steht mir meistens zu sehr im Hintergrund, was jetzt aber auch kein Beinbruch ist.

Warum zum Teufel haut es dann trotzdem nicht hin mit diesem Album? Denn eigentlich geht es mit „Hellhounds on My Trail“ ganz gut los – was aber eben auch damit zu tun haben könnte, dass der geneigte Children of Bodom-Fan nach „Are You Dead Yet?“ auf genau so einen Einstieg gehofft hatte. Unter diesem Gesichtspunkt klingt der Track zwar trotzdem nicht übel, aber gleichzeitig auch ein wenig gezwungen-selbstreferenziell. Als ob man hätte übertünchen wollen, dass man eigentlich auf ganz etwas Anderes Bock hatte, aber dann doch lieber versucht hat, die alten Fans (und die Plattenfirma?) zu befriedigen. Besonders bitter ist das meiner Meinung nach beim Titeltrack, der nach einer sehr dürftigen Selbstkopie klingt. Oder, um ein anderes Beispiel zu nennen: „Done with Everything, Die for Nothing“ hört sich nach einem reinrassigen Thrash Metal-Stück mit Keyboards an – und gleichzeitig einem Überbleibsel aus den „Are You Dead Yet?“-Sessions, eilig um das Tasteninstrument ergänzt. Nichts Ganzes und nichts Halbes also.

Freilich heißt das nicht, dass alles, was uns das Quintett auf „Blooddrunk“ präsentiert, Durchfall ist. Es gibt sogar einige (wenige) geniale Momente. So zum Beispiel die Soloparts in „LoBodomy“ und „Smile Pretty for the Devil“, der Rammstein-artige Anfang von „Tie My Rope“ oder die Melodieführung und der Gesang auf dem für mich besten Stück der Platte, „Banned from Heaven“. Diese Nummer ist auch einer der langsameren Tracks auf „Blooddrunk“, was zeigt, dass auch im Falle von Children of Bodom „schnell“ nicht zwangsläufig „besser“ bedeutet.

Es bleibt nichts hängen.

Leider fügen sich diese guten Ansätze nicht zu Songs für die Ewigkeit zusammen. Es verlangt ja niemand, dass ein Album zu 100% aus Killer-Tracks bestehen muss – aber dass man sich zumindest an die eine oder andere Nummer auch ein paar Jahre später noch erinnert, ist glaube ich schon ein Anspruch, den man bei einer Band wie Children of Bodom stellen kann. Dass das nur sehr eingeschränkt der Fall ist, zeigt sich auch an den Setlists der Finnen: Nach der Tour zur Vorstellung des Albums wurden die „Blooddrunk“-Vertreter sehr schnell wieder von der Bühne verbannt, wenn man vom ein oder anderen Ausreißer absieht (der Titeltrack wurde noch am ehesten und mit Abstand am häufigsten live gespielt, wenn man der Statistik von setlist.fm halbwegs trauen darf).

Als Fazit bleibt festzuhalten, dass „Blooddrunk“ eine zwar technisch saubere, songwriterisch aber vollkommen unspektakuläre Platte ist. Neben dem nur unwesentlich besseren Nachfolger „Relentless Reckless Forever“ (2013) ist dieses Album aus heutiger Sicht (2019) tatsächlich der Tiefpunkt an Belanglosigkeit in der Diskographie von Children of Bodom. Interessant ist das schon – denn hier wie dort kann man kaum über die Technik der Band um Alexi Laiho meckern. Aber das Songwriting wirkt beide Male dermaßen müde und es fehlt an so viel Schwung, dass man einfach keine bessere Wertung zücken kann. Wer dachte, „Are You Dead Yet?“ könne nicht unterboten werden, hat sich getäuscht – „Blooddrunk“ ist nochmal eine Klasse darunter anzusiedeln. Leider.


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Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Hellhounds on My Trail – 3:58 – 4/7
  2. Blooddrunk – 4:05 – 2/7
  3. LoBodomy – 4:24 – 3/7
  4. One Day You Will Cry – 4:05 – 2/7
  5. Smile Pretty for the Devil – 3:54 – 3/7
  6. Tie My Rope – 4:14 – 3/7
  7. Done with Everything, Die for Nothing – 3:29 – 2/7
  8. Banned from Heaven – 5:05 – 5/7
  9. Roadkill Morning – 3:32 – 4/7

Gesamteindruck: 2/7 


Children Of Bodom auf “Blooddrunk” (2008):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitar
  • Roope Latvala – Rhythm Guitar, Backing Vocals
  • Henkka T. Blacksmith – Bass, Backing Vocals
  • Janne „Warman“ Wirman – Keyboards
  • Jaska W. Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Banned From Heaven

MusikWelt: Hate Crew Deathroll

Children of Bodom


Mit ihren ersten drei Alben haben sich Children of Bodom eine ganz eigene Nische geschaffen. Die Mischung aus irrwitzigen Melodien und wilder Raserei, die Verbindung aus melodischem Death Metal schwedischer Prägung und typisch finnischer Fingerfertigkeit an den Instrumenten hatte es bis dahin nicht gegeben. Bis inklusive„Follow the Reaper“ (2000) perfektionierte der Fünfer aus Espoo diesen Stil – und dann erschien „Hate Crew Deathroll“ (2003). Ein Album, das, je nach Lesart, entweder als Versuch, der drohenden Stagnation zu entkommen oder als Anbiederung an damals angesagte, modernere Töne, gesehen werden kann. So oder so: Mit dieser Platte spalteten Children of Bodom erstmals nicht nur die Metal-Szene an sich (denn die war schon immer uneins, ob das finnische Gegniedel Kult oder Schrott war), sondern auch und vor allem ihre eigene Fanbasis. 

Gesamteindruck: 5/7


Beginn einer Neuausrichtung.

Ich gestehe es: Als ich „Hate Crew Deathroll“ vor bald 20 Jahren zum ersten Mal gehört habe, war ich enttäuscht. Nahezu alles, was ich als Fan der ersten Stunde an Children of Bodom so großartig fand, ist auf diesem Album entweder verschwunden oder wurde irgendwie verfälscht und/oder reduziert. Das zeigt schon der Opener „Needled 24/7“, der für diejenigen, die von Anfang an dabei waren, besonders hinterlistig daher kommt. Der Song beginnt nämlich durchaus so, wie man sich das als Liebhaber der ersten drei Alben vorstellt – mit einer dieser unwiderstehlichen Keyboard-Gitarren-Kombinationen, die von Children of Bodom geprägt wurden. Für die ersten gut 30 Sekunden fühlt man sich sofort heimisch. Doch dann setzt der Gesang ein und die ersten Fragezeichen tun sich auf. Das gewohnte, heisere Gebelle von Alexi Laiho klingt hier a) teilweise nach Pseudo-Klargesang und wurde b) elektronisch verzerrt. Ich finde nun ohnehin nicht, dass Laiho der beste Growler im Metal ist – aber das hier ist schon sehr gewöhnungsbedürftig. Hat man diese Überraschung verdaut, gibt es nach rund einer Minute den nächsten Schlag: Ein Break mit elektronischen Einsprengseln, die man so auch überhaupt noch nicht von dieser Truppe kannte. Der Refrain ist hingegen wieder voll im Soll. Glücklicherweise, denn insgesamt funktioniert der Song damit dann doch recht gut und ist schön eingängig.

Wer nun denkt, dass die Eröffnungsnummer eine Ausnahme ist, merkt schnell, dass sich der neue Stil durch das gesamte Album zieht. „Needled 24/7“ ist vielleicht sogar noch am ehesten das, was das typische Bodom-Publikum hören möchte – und damit dann doch wieder eine Ausnahme auf diesem Album. Eventuell könnte man noch den Rausschmeißer (der gleichzeitig der Titeltrack ist) in diese Kategorie aufnehmen. Dazwischen regieren mal der tonnenschwere Groove („Sixpounder“, „Angels Don’t Kill“), mal modern-rockige Töne („You’re Better Off Dead“, „Bodom Beach Terror“). Aber auch für CoB-Verhältnisse geradezu reduzierten Heavy Metal schnellerer Natur gibt es zu hören, z.B. in „Lil‘ Bloodred Ridin‘ Hood“. Vieles davon klingt, als hätten die Finnen versucht, sich vom vermeintlich überflüssigen Ballast allzu dominanter Keyboard- und Gitarrenleads zu befreien. Einerseits ist das gelungen und macht „Hate Crew Deathroll“ zu einem recht bodenständigen Album. Umgekehrt geht dadurch viel von der ursprünglichen Idee verloren, über die die Band sehr viele Fans gewonnen hat.

Mein Lieblingssong auf „Hate Crew Deathroll“ ist „Angels Don’t Kill“, eine schwere Nummer, die dank des Keyboard-Einsatzes genau den Children of Bodom-Spirit atmet, den ich so schätze. Also düster, ein wenig unheimlich und doch eingängig. Und das alles, ohne wie eine Selbstkopie zu klingen, weil dieses Riffmonster wohl einer der langsamsten Tracks ist, den man von den Finnen kennt. Wer genau hinhört, wird ähnliche Verweise auf die eigene Vergangenheit in diversen Stücken auf „Hate Crew Deathroll“ finden – nur halt wesentlich leiser, sodass man sie leicht überhört, wenn man dem Album nicht ausreichend Zeit gibt.

Viel besser als der erste Eindruck.

Auch wenn sich alles, was ich geschrieben habe, nicht sonderlich positiv anhört, funktioniert das Album interessanterweise gut. Klar ist aber: „Hate Crew Deathroll“ braucht – wie schon erwähnt – deutlich mehr Zeit als seine Vorgänger, um zu zünden. Bei mir war das gefühlt erst nach Jahren der Fall und mittlerweile weiß ich die Platte durchaus zu schätzen. Denn sie ist gut geschrieben, einigermaßen abwechslungsreich und zeigt ein Gesicht von Children of Bodom, das man vorher nicht kannte. Es scheint, sie wollten hiermit zeigen, dass sie abseits aller Wichserei an den Instrumenten auch grundsolide Songs schreiben können. Diese Übung ist gelungen, einige Riffs sind sogar großartig, was man vielleicht nur erkennt, weil die darübergelegten Melodien so sehr zurückgefahren wurden. Lirum, larum: Mir gefällt „Hate Crew Deathroll“ nach intensiver Beschäftigung, ob das für eine Kaufempfehlung reicht, kann ich allerdings nicht sagen. Probehören ist hier Pflicht, vor allem für jene, die vorher nur die ersten Alben der Mannen aus Espoo kannten.

Interessant übrigens: Viele der genannten Punkte erinnern an In Flames, die nur ein Jahr vor „Hate Crew Deathroll“ mit „Reroute to Remain“ einen ähnlichen Stilwechsel durchgezogen haben. Erfolgreich, was die Verkäufe angeht, nehme ich an – aber auch bei den Schweden war das aus heutiger Sicht eine Zäsur, die viele alte Fans vergrault hat. Dass das bei Children of Bodom nicht ganz so schlimm werden sollte, konnte man natürlich nicht ahnen – zumindest aber läutete „Hate Crew Deathroll“ unabhängig von der tatsächlichen Qualität des Albums eine Phase des qualitativen Auf und Ab ein, die bis heute anhält.

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Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Needled 24/7 – 4:08 – 6/7
  2. Sixpounder – 3:24 – 5/7
  3. Chokehold (Cocked ’n‘ Loaded) – 4:13 – 4/7
  4. Bodom Beach Terror – 4:35 – 5/7
  5. Angels Don’t Kill – 5:13 – 6/7
  6. Triple Corpse Hammerblow – 4:07 – 5/7
  7. You’re Better Off Dead – 4:12 – 4/7
  8. Lil‘ Bloodred Ridin‘ Hood – 3:24 – 5/7
  9. Hate Crew Deathroll – 3:37 – 5/7

Gesamteindruck: 5/7 


Children Of Bodom auf “Hate Crew Deathroll” (2003):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitars
  • Alexander Kuoppala – Rhythm Guitars, Backing Vocals
  • Henkka T. Blacksmith – Bass, Backing Vocals
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska W. Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Angels Don’t Kill

MusikWelt: Follow the Reaper

Children of Bodom


„Follow the Reaper“ (2000) wird gemeinhin als Höhepunkt in der Diskographie von Children of Bodom gesehen. Zumindest von Fans der ersten Stunde, die mit den späteren Experimenten und der moderneren Ausrichtung der Finnen nicht so viel anfangen können. Dem stimme ich zu, würde aber den Vorgänger „Hatebreeder“ (1999) als ungefähr gleich stark bezeichnen. Dabei ist „Follow the Reaper“ abwechslungsreicher, kompositorisch ausgefeilter und auch produktionstechnisch höher einzuschätzen, während „Hatebreeder“ neben einigen unwiderstehlichen Hits die ungezügeltere Wildheit bietet, ohne aber so chaotisch wie das Debüt „Something Wild“ (1997) zu sein.

Gesamteindruck: 6/7


Dunkle Melodien.

Beginnen wir mit dem Sound: So klar, transparent und doch druckvoll war das Quintett aus Espoo bis zu diesem Zeitpunkt nie unterwegs. Manchem mag das Album überproduziert erscheinen, ich finde jedoch, dass dadurch die musikalische Finesse und die ausgezeichnete Technik von Children of Bodom sehr gut zur Geltung kommen. Wobei ich auch nicht verhehlen möchte, dass diese Art von Produktion aus heutiger Sicht relativ klinisch wirkt – mittlerweile ist man im Metal ja längst zu erdigeren Tönen und analogen Techniken zurückgekehrt. „Follow the Reaper“ ist soundtechnisch hingegen eindeutig ein Kind seiner Zeit, allerdings kein Schlechtes.

Neben der erwartungsgemäß perfekten Instrumentalarbeit gibt es an zwei Fronten kleine, aber feine Weiterentwicklungen zu beobachten: Einerseits kann sich Frontmann Alexi Laiho gesangstechnisch auf die Schulter klopfen – sein heiseres Gebell zeigt kaum Schwächen und klingt nicht mehr so „luftig“ wie noch zu früheren Zeiten. Der beste Growler ist er freilich nach wie vor nicht (ich erinnere mich an ein Interview mit ihm, in dem er sinngemäß den Satz „Ich bin ein verdammter Gitarrist und kein Sänger“ zum Besten gab), aber für mein Gefühl hat er auf „Follow the Reaper“ seine Nische gefunden. Was auf diesem Album andererseits deutlich hörbar ist, ist – nur ein Jahr nach „Hatebreeder“ – ein weiterer Sprung nach vorne in Sachen Songwriting. Die ersten fünf Tracks auf „Follow the Reaper“ gehören zu den ausgefeiltesten und reifsten Kompositionen der Truppe. Ein in der ersten Sekunde zündender Hit wie „Towards Dead End“ von „Hatebreeder“ ist zwar nicht dabei, allerdings verlassen auch Kompositionen wie der Titeltrack oder das Highlight der Platte, „Children of Decadence“, den Gehörgang kaum noch, wenn sie sich einmal dort festgekrallt haben.

Schwächelt nach der Halbzeit etwas.

Leider kann die zweite Hälfte des Albums nicht ganz mit dem grandiosen Auftakt mithalten. Es gibt zwar keinen Ausfall zu verzeichnen, aber so richtig schaffen es „Taste of My Scythe“, „Northern Comfort“ und „Kissing the Shadows“ nicht, es den ausgezeichneten Tracks 1-5 gleichzutun. „Hate Me!“, zu dem es auch eine alternative Version gibt, packt das zwar einigermaßen, aber ganz gelingt es auch mit dieser Nummer nicht. Ich würde diese Songs keineswegs als schlecht bezeichnen – sie sind aber im Vergleich zum Rest eher Füllmaterial. Das zieht sich im Übrigen durch die Karriere von Children of Bodom: Es gibt neben sehr starken Songs immer wieder Ausreißer, die letztlich die Höchstwertung für das eine oder andere Album der Finnen verhindern. So könnte man beispielsweise aus den besten Tracks von „Follow the Reaper“ und „Hatebreeder“ problemlos einen nahezu perfekten Longplayer kreieren.

Musikalisch dominieren auf „Follow the Reaper“ die damals gewohnten CoB-Tugenden. Flotte Läufe auf der Lead-Gitarre, neo-klassizistische Keyboards und stampfende Rhythmen prägen das Bild. Die Refrains gehen nicht ganz so schnell ins Ohr, die Songs werden für mein Gefühl tatsächlich eher von den Instrumenten getragen. Das funktioniert allerdings sehr gut. Die Riffs sind etwas akzentuierter und deutlich abwechslungsreicher als auf den Vorgängern. Besonders überzeugend ist aber die Atmosphäre, bei Children of Bodom immer mal wieder etwas ambivalent ist. Auf „Follow the Reaper“ stimmt sie aus meiner Sicht hingegen und schafft einen durchgehend düsteren Gesamteindruck. Das macht den dritten Longplayer meines Erachtens zum Dunkelsten, den die Herren aus Espoo bis dato zustande gebracht haben.


Track – Titel – Länge – Wertung

metal-archives.com

  1. Follow the Reaper – 3:47 – 7/7
  2. Bodom After Midnight – 3:44 – 6/7
  3. Children of Decadence – 5:34 – 7/7
  4. Everytime I Die – 4:03 – 6/7
  5. Mask of Sanity – 3:59 – 5/7
  6. Taste of My Scythe – 3:58 – 4/7
  7. Hate Me! – 4:45 – 5/7
  8. Northern Comfort – 3:49 – 4/7
  9. Kissing the Shadows – 4:32 – 5/7

Gesamteindruck: 6/7 


Children Of Bodom auf “Follow the Reaper” (2000):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitars
  • Alexander Kuoppala – Rhythm Guitars
  • Henkka T. Blacksmith – Bass
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Children of Decadence

MusikWelt: Hatebreeder

Children of Bodom


Children of Bodom aus dem finnischen Espoo galten in ihren Anfängen als (technische) Ausnahmekönner. Ihr Debüt „Something Wild“ (1997) war für meinen Geschmack noch etwas zu ungezügelt. Die jungen Musiker schienen häufig zu vergessen, dass einen guten Song mehr als die Summe seiner Einzelteile ausmacht – mochten die auch noch so stark sein. Das zweite Album, „Hatebreeder“ (1999), ist hingegen die eine sehr starke Symbiose aus mörderischer Wildheit, die aber gerade soweit strukturiert wurde, dass ein Großteil der Tracks auf dem Album binnen Sekunden zündet und sich – noch wichtiger – als nachhaltig erweist.

Gesamteindruck: 6/7


Ausgezeichnetes Zweitwerk.

Vom Zeitpunkt dieser Rezension (2019) aus gesehen, stehen „Hatebreeder“ und sein im Jahr 2000 erschienener Nachfolger „Follow the Reaper“ genau für die Children of Bodom, von denen Fans der ersten Stunde so häufig voller Begeisterung sprechen. Mir selbst geht es ebenso – auf jedem späteren Release habe ich mit der sprichwörtlichen Lupe nach Spuren dieser zwei Referenzwerke gesucht. Oft genug vergebens, aber das ist eine andere Geschichte… Vergleicht man „Hatebreeder“ jedenfalls mit dem zwei Jahre zuvor erschienenen Debüt „Something Wild“, sind die Zutaten erst einmal identisch: Heiser hervorgebellter Gesang trifft auf ein klassisches Heavy Metal-Gerüst mit dominanten Lead-Gitarren und Keyboards. Kann man unter Melodic Death Metal abheften, tat man damals auch – ich würde die Chose aber eher als typisch finnischen, schnell und melodiös gespielten Heavy Metal bezeichnen; inklusive gelegentlicher Death Metal-Ausbrüche und Growls.

Überlegen ist „Hatebreeder“ seinem Vorgänger dank des stark verbesserten Songwritings. Die damals noch sehr jungen Helden aus Espoo gehen wesentlich fokussierter zur Sache und kommen schneller und treffsicherer auf den Punkt. Das mag ein bisschen an rauer Unbekümmertheit gekostet haben – mich stört das aber nicht, weil „Hatebreeder“ schlicht und einfach wesentlich angenehmer und besser hörbar ist. Ob das ein Gütekriterium für ein Metal-Album ist, sei dahingestellt, im Falle von Children of Bodom empfinde ich es gemeinhin jedenfalls so, was wohl auch den Hauptgrund für meine Probleme mit späteren Veröffentlichungen darstellt.

Dreigeteiltes Album.

Neun Songs gibt es auf „Hatebreeder“ (von Zeitgenossen übrigens gern als „grünes Album“ bezeichnet, in Abgrenzung zum „roten“ „Something Wild“ und „blauen“ „Follow the Reaper“) zu hören. Vier davon bleiben unter der 4-Minuten-Marke, nur einer geht länger als 5 Minuten. Damit ist auch diese Platte ein eher kurzes Vergnügen, was allerdings nicht weiter stört, weil es Children of Bodom schon immer gut zu Gesicht gestanden ist, rasch auf den Punkt zu kommen. Wichtiger als die Länge ist aber ohnehin die Songqualität. Von dieser Front ist zu berichten, dass die Finnen mit „Warheart“, „Silent Night, Bodom Night“ und – vor allem – „Towards Dead End“ drei Nummern geschrieben haben, deren Güte sie bis heute eher selten erreichen konnten. Ja, es gibt eine Handvoll Songs, die ähnlich stark sind, aber besser geht es für meinen Geschmack kaum, wenn es um das klassische Bodom-Feeling geht.

Neben diesen Klassikern gibt es mit „Black Widow“, „Children of Bodom“ und „Downfall“ drei weitere Nummern, die ebenfalls aller Ehren wert sind. Komplett machen die Dreiteilung von „Hatebreeder“ der Titeltrack, „Bed of Razors“ und – als für mein Gefühl schwächster Song des Albums – „Wrath Within“. Man muss dabei aber bedenken, dass auch diese drei Tracks keineswegs Totalausfälle sind. Sie stinken halt gegen den Rest der Platte, den man problemlos auf Dauerrotation hören kann, ab – auch ob einer gewissen Gleichförmigkeit.

Fazit: Näher als mit „Hatebreeder“ und – das wusste man zu dessen Erscheinen natürlich noch nicht – „Follow the Reaper“ waren Children of Bodom einem echten Meisterwerk meiner Meinung nach bis heute zu keinem Zeitpunkt. Dass es nicht ganz reicht, liegt im Falle des grünen Albums an drei übermächtigen und drei außerordentlich starken Songs, die den Rest des Albums – und das ist immerhin ein Drittel – komplett aus dem Bewusstsein des Hörers verdrängen. Für 6 von 7 Punkten reicht es aber locker. Falls es tatsächlich noch jemanden geben sollte, der dieses Werk noch nicht kennt: Anhören!


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Track – Titel – Länge – Wertung

  1. Warheart – 4:07 – 7/7
  2. Silent Night, Bodom Night – 3:12 – 7/7
  3. Hatebreeder – 4:21 – 5/7
  4. Bed of Razors – 3:56 – 5/7
  5. Towards Dead End – 4:54 – 7/7
  6. Black Widow – 3:58 – 6/7
  7. Wrath Within – 3:54 – 4/7
  8. Children of Bodom – 5:14 – 6/7
  9. Downfall – 4:34 – 6/7

Gesamteindruck: 6/7 


Children Of Bodom auf “Hatebreeder” (1999):

  • Alexi „Wildchild“ Laiho – Vocals, Lead Guitars
  • Alexander Kuoppala – Rhythm Guitars
  • Henkka T. Blacksmith – Bass
  • Janne Warman – Keyboards
  • Jaska Raatikainen – Drums

Anspieltipp: Towards Dead End

SpielWelt: Distraint

„Distraint“, ein Projekt des Finnen Jesse Makkonen, ist ein gutes Beispiel dafür, wie es Indie-Programmierer immer wieder schaffen, großen Entwicklern ein paar Nadelstiche zu versetzen: Welcher namhafte Software-Gigant würde schon als Hauptfigur einen Typen ins Rennen schicken, der im Auftrag einer skrupellosen Firma unwillige Mieter aus ihrer Wohnung ekeln soll?

Gesamteindruck: 5/7


Wahnsinn in 2D.

Was auf den ersten Blick überhaupt nicht nach einem Thema aussieht, das sich als spannendes Adventure umsetzen lässt, entpuppt sich als verstörender Psychotrip um Schuld und Sühne, um Gewissensbisse und Existenzängste. Das Spiel, wenn man es überhaupt so nennen möchte, bezieht seinen ganz besonderen Reiz aus zwei Quellen: Einerseits ist es die Geschichte, die wenig spektakulär ist, was sie aber merkwürdig realitätsnah macht und ein ungemein bedrückendes Gefühl hinterlässt. Andererseits ist die Präsentation, vor allem die düstere Grafik, geeignet, den Spieler den Wahnsinn, dem die Hauptfigur zusehends verfällt, regelrecht spüren zu lassen.

Die Handlung in Kurzfassung
Price hat ein ehrgeiziges Ziel: Er möchte Partner in der Firma „McDade, Bruno & Moore“ werden. Sein Job: Rebellische Mieter und Eigentümer zum Verkauf und Auszug zu bewegen. Mit allen Mitteln. Das Problem: Für eine solche Arbeit muss man geschaffen sein und Price ist es eindeutig nicht. Geplagt von Schuldgefühlen verschwimmen für ihn zusehends die Grenzen zwischen Realität und Fantasie – der Wahnsinn scheint die unabwendbare Folge zu sein. 

Auch wenn sich „Distraint“ der Mechanik des klassischen Point & Click-Adventures bedient, will das Spiel nicht so richtig in diese Schublade passen. Ja, man verfolgt das Geschehen aus der 2D-Seitenansicht, löst ein paar Rätsel, sammelt und benutzt Gegenstände, um voranzukommen. Allerdings ist das für mein Gefühl eher Beiwerk; der Fokus liegt klar auf einer sinisteren Atmosphäre. Damit die auch wirklich jeder Spieler voll und ganz auskosten kann, ist der Schwierigkeitsgrad von „Distraint“ weit unten angesiedelt. Probleme mit dem Durchspielen sollte daher niemand haben – die Lösung der Rätsel ist entweder logisch oder erschöpft sich im Ausprobieren bzw. im Benutzen von allem mit jedem. Sackgassen gibt es nicht und auch sonst gibt es kaum jemals Zweifel daran, was als nächstes zu tun ist.

Unepisches Finale.

Wie kann ein solches Spiel – das mit einer Dauer von etwas über 2 Stunden noch dazu ungewöhnlich kurz ausgefallen ist – dennoch so gefangen nehmen? So genau weiß ich das auch nicht, es scheint aber tatsächlich an der Kombination aus Optik (nach Möglichkeit nachts spielen), Akustik (unbedingt mit Kopfhörern spielen) und Story zu liegen. „Distraint“ ist von vorne bis hinten unglaublich düster. Wobei es nicht die oben angerissene Handlung an sich ist, die den Spieler in den Bann zieht – nein, es sind eher die Abgründe in der Seele der Spielfigur, die sich immer weiter auftun und auch die Person vor dem Bildschirm zu verschlingen drohen.

Ich merke gerade, dass mir die richtigen Worte fehlen, um das Erlebnis „Distraint“ adäquat zu beschreiben. Ich denke, man muss es selbst spielen, um die Faszination nachvollziehen zu können, die es ausübt – oder auch nicht, ich gehe stark davon aus, dass man eine Ader für eine derartige Atmosphäre haben muss, um wirklich Gefallen daran zu finden. Wer mit Figuren, die sich optisch an Karikaturen orientieren und relativ farbarmer Grafik (beides ist der Atmosphäre sehr zuträglich) etwas anfangen kann und auch mit einer unkomfortablen Steuerung (auch das hebt „Distraint“ von den alten Adventures ab, allerdings nicht positiv!) umgehen kann, wird seine …hmmm… „Freude“ mit diesem Psychotrip in 2D haben.

Abzüge gibt es für den geringen Umfang und die merkwürdig anmutende, wenig intuitive Tastatursteuerung.

Gesamteindruck: 5/7


Genre: Adventure
Entwickler: Jesse Makkonen
Publisher: Jesse Makkonen
Jahr:
2015
Gespielt auf: PC