FilmWelt: The Hunt

Die Inhaltsangabe von „The Hunt“ (2020) lässt vermuten, dass hier ein altbekanntes Thema aufgegriffen wird: Menschen, die meinen, außerhalb des Gesetzes zu stehen, machen Jagd auf weniger Privilegierte. „Battle Royale“ (2000), „Hostel“ (2005) und die Serie „Squid Game“ (seit 2021) wären prominente Beispiele für Geschichten, die in diese Richtung gehen. Und „The Hunt“ beinhaltet auch tatsächlich eine ganze Reihe klassischer Genre-Motive. Sehenswert ist der Film aber dennoch – denn wie sich bereits nach wenigen Minuten herausstellt, bricht er gleichzeitig mit vielen Konventionen und birgt Überraschungen am laufenden Band.

Gesamteindruck: 6/7


Wer jagt wen?

Es ist gar nicht so leicht, eine Rezension zu „The Hunt“ einigermaßen spoilerfrei zu gestalten – ein so immanenter Bestandteil dieses Films sind seine Twists. Was man jedenfalls konstatieren kann: Nichts ist so, wie es scheint – nicht einmal, wer der Held oder die Heldin ist, erfährt man auf konventionelle Weise. Und, was noch unstrittig ist: Dieser Film legt ein gewaltiges Tempo vor und schreckt von Anfang an nicht vor expliziter Brutalität zurück. Letzteres hat, in Verbindung mit einer realen Gewaltwelle die in den USA just zu den ersten Ankündigungen des Films stattfand, dafür gesorgt, dass „The Hunt“ ein Jahr später als geplant veröffentlicht wurde (und kein US-Kino von innen gesehen hat). Übertrieben? Mag sein – aber auch ein Zeichen der Zeit, in der wir leben.

Worum geht’s?
Ist es nur eine urbane Legende, ein Scherz oder ein Internet-Phänomen? Angeblich soll sich „die Elite“ regelmäßig treffen, um Jagd auf Menschen zu machen. Und tatsächlich wacht eine Gruppe von Personen, die einander nicht kennen und die nicht wissen, wie ihnen geschieht, geknebelt irgendwo in einem Feld auf. In einer Kiste gibt es neben einem lebendigen Ferkel (!) diverse Waffen zu finden. Die werden auch dringend gebraucht, denn die Menschenhatz geht ohne Umschweife los…

„The Hunt“ startet mit dem üblichen, leicht mysteriösen Vorgeplänkel, in dem einige Charaktere vorgestellt (naja, eher: grob umrissen) werden. Bereits hier geht es sehr brutal zur Sache; am Ort des Geschehens angekommen, dauert es gefühlt nur Sekunden, bis das erste Opfer völlig unerwartet durch einen Kopfschuss niedergestreckt wird. Blut und Hirn spritzen durch die Gegend – und man fragt sich als Zuseher:in, was man hier gerade gesehen hat. Lange kann man nicht überlegen, denn es geht wirklich Schlag auf Schlag und schon nach rund 15 Minuten fragt man sich, wie der Film überhaupt weitergehen soll – denn bereits zu diesem frühen Zeitpunkt sind haben sich die Reihen dermaßen gelichtet, dass man fast schon beim „final girl“ angekommen scheint.

Opfer-Täter-Umkehr (oder so ähnlich?).

Dabei hat man erst der Anfang einer wilden Achterbahnfahrt gesehen, die von nahezu pausenloser Action, aber auch von vollkommen überraschenden Wendungen geprägt ist. Heißt: Auch wer schon den einen oder anderen auf den ersten Blick ähnlich gelagerten Film gesehen hat, wird die Twists, die Regisseur Craig Zobel hier inszeniert, großteils nicht kommen sehen. Und das hebt „The Hunt“ meines Erachtens von „Hostel“, „Battle Royal“ & Co ab: Der Film handelt nicht nur vom Überlebenskampf vermeintlicher Opfer, sondern zeichnet ein ambivalentes Bild, das dazu führt, dass die die Sympathiewerte des Publikums immer wieder wechseln. Das betrifft im Übrigen auch die Täter:innen, die ebenfalls ganz anders sind, als man es erwarten würde.

Dadurch entzieht sich der Film auf ganz eigentümliche Weise der politischen Agitation. Ich denke, es ist kein großer Spoiler, wenn ich es kurz zusammenfasse: Die Bösen, also diejenigen, die eine reale Jagd auf Menschen veranstalten, sind dem politisch links-liberalen Spektrum zuzuordnen, während sich die Opfer, mit denen man sich als Zuseher:in eigentlich voll identifizieren sollte, konservativ bis rechtsextrem sind, wie an diversen Szenen und Rückblenden eindeutig erkennbar ist. Das bringt natürlich ein interessantes Dilemma: Soll man – als selbst eher liberal eingestellter Mensch – nun tatsächlich für diejenigen sein, die Andere fangen, unter Drogen setzen und dann gnadenlos umbringen? Oder soll man sich mit den Opfern identifizieren, die – immer aus Sicht eines Liberalen – Waffennarren, Hassposter und homophobe W*chser sind? Durch diese sehr spannende Verteilung der Opfer- und Täter:innenrollen erhält „The Hunt“ einen Überbau, den man von einem Film, den man anhand des Trailers sofort zu durchschauen meint, nicht erwarten würde. Zumindest ist es mir so ergangen – und ich habe länger über dieses Werk nachgedacht, als mir lieb war.

Gut gespielt ist halb gewonnen.

Die einzige Konstante im ständigen Hin & Her der Story ist letzten Endes die von Betty Gilpin gespielte Crystal. Mir persönlich war die Darstellerin bisher kein Begriff, am ehesten wird sie einem breiteren Publikum vermutlich aus der Netflix-Wrestling-Parodie „GLOW“ (2017 bis 2019), vielleicht auch aus der TV-Serie „Nurse Jackie“ (2009 bis 2015) ein Begriff sein. Davon abgesehen war sie hauptsächlich in einzelnen Folgen anderer Serien zu sehen und hat den einen oder anderen Filmauftritt zu Buche stehen – ob und wann ich sie überhaupt einmal gesehen habe, weiß ich ehrlich gesagt nicht (mehr). Wie dem auch sei: Gilpin spielt in „The Hunt“ ganz hervorragend. Sie ist ja eigentlich ein Opfer der Menschenjäger:innen, will sich aber ganz und gar nicht in diese Rolle fügen.

Doch anders als es beim klassischen „final girl“ wird sie nicht erst gegen Ende zur grimmigen und nahezu unbesiegbaren Kämpferin, sondern hat von Anfang an gewisse Fähigkeiten, die ihr beim Überleben helfen. Das ist freilich dem Drehbuch zu verdanken – was hingegen an der Darstellung durch Betty Gilpin beeindruckt, ist die stoische Ruhe, mit der sich Crystal durch ihre zahlen- und waffenmäßig überlegenen Gegner:innen schneidet. Hier und da gibt es einen lockeren Spruch, insgesamt kommen ihr allerdings nicht allzu viele Worte – und schon gar kein Lächeln – über die Lippen. Die fast schon greifbare Aura von Gefahr, die die Figur umgibt und die Ruhe, die sie dabei ausstrahlt, hat fast schon was von Llewelyn Moss („No Country for Old Men“, 2007), wobei in vorliegendem Fall natürlich alles deutlich überzeichneter ist.

Als Gegenspielerin von Betty Gilpin bzw. Crystal tritt übrigens die von Hilary Swank verkörperte Athena auf. Diese Figur ist leider deutlich weniger interessant und vergleichsweise glatt. Schlecht gespielt ist die Rolle allerdings nicht, sehenswert vor allem der finale Kampf zwischen diesen beiden Charakteren, der viel vom 1. Kapitel („2“) von „Kill Bill – Volume 1“ (2003) hat. Überhaupt lässt die Stimmung von „The Hunt“ immer mal wieder Reminiszenzen an den Tarantino-Klassiker aufkommen, was ich durchaus als Kompliment verstanden wissen möchte.

Fazit: Ich finde tatsächlich kaum Haare in der Suppe, die uns Craig Zobel mit „The Hunt“ vorsetzt. Ihm ist hier ein flotter, höchst unterhaltsamer Film gelungen, der kaum Längen hat, gut gespielt ist, vor überraschenden Wendungen strotzt – und schlicht und einfach Spaß macht. Klar, man muss eine gute Portion Gore ertragen können und auch die Verteilung von Opern und Täter:innen wird nicht Allen schmecken. Mich hat das hingegen nicht gestört – nicht, weil ich mich mit den merkwürdigen Typen, die hier als Opfer dienen, identifizieren konnte, sondern weil dieser Ansatz durchaus dazu führen kann, dass man über die eigene, vermeintlich überlegene Moral nachdenkt. Und das ist dann doch deutlich mehr, als man von einem Film mit einer solchen Story erwarten würde. Daher: Ansehen!

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: The Hunt.
Regie:
Craig Zobel
Drehbuch: Nick Cuse, Damon Lindelof
Jahr: 2020
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Betty Gilpin, Hilary Swank, Emma Roberts, Justin Hartley, Ethan Suplee



FilmWelt: Mother!

„Mother!“ (2017) ist einer der seltsameren Filme, die ich in letzter Zeit gesehen habe. Auch die Kritik war sich bei einer Beurteilung des Werkes von Regisseur Darren Aronofsky, der auch das Drehbuch verfasst hat, nicht einig: Neben einer Nominierung für den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig wurden Aronofsky und das Duo Jennifer Lawrence / Javier Bardem, die die Hauptrollen spielen, für jeweils eine Goldene Himbeere vorgeschlagen. Abseits der professionellen Rezensent:innen gehen die Meinungen ebenfalls auseinander – wobei die Tendenz eher positiv ist (z. B. 68% Zuspruch bei Rotten Tomatoes).

Gesamteindruck: 4/7


Unvergleichlich anders.

Vielfach ist über „Mother!“ zu lesen, dass weite Teile des Publikums den Film entweder hassen oder lieben würden, zwischen diesen Polen solle wohl nicht viel Platz sein. Wenn dem so ist, bin ich offenbar in der Minderheit: Auch, nachdem ich mir ein paar Tage Zeit gegeben habe, das Gesehene zu reflektieren, bin ich mir nicht sicher, was ich davon halten soll. Ist das Kunst oder kann das weg? Hat mich „Mother!“ unterhalten, erschreckt oder gelangweilt? Kann man aus dem Werk die eine oder andere Erkenntnis ableiten – oder hat das alles wenig bis nichts mit unserer Welt zu tun? Ich muss zugeben, dass ich mir schwertue, auch nur eine dieser Fragen zu beantworten.

Worum geht’s?
Ein Dichter und seine Muse leben seit Kurzem zurückgezogen in einem großen Haus – er leidet unter einer Schreibblockade, sie versucht ihn so gut wie möglich zu unterstützen und gleichzeitig das Domizil zu renovieren. Eines Tages steht ein Fremder vor der Tür und wird vom Dichter prompt eingelassen. Erst hat die Frau Vorbehalte gegen den unerwarteten Besuch, schließlich willigt sie aber doch ein. Als dann aber erst die Frau des Fremden, später auch noch deren Kinder auftauchen, gerät das Leben im Haus zusehends aus den Fugen…

Die Unsicherheiten beginnen bereits beim Versuch, ein Genre zu benennen: „Mother!“ ist weder ein echter Horrorfilm, noch würde ich ihn als (Psycho-)Thriller bezeichnen. Am ehesten passt der Titel noch in den Mystery-Bereich, daneben findet man neben Elementen der genannten Filmgattungen noch ein paar weitere Versatzstücke und liegt beispielsweise auch mit Begriffen wie Drama, Liebesfilm und Fantasy nicht völlig daneben. Ich denke, die Bezeichnung Mystery-Thriller wird dem Film im Endeffekt noch am ehesten gerecht, aber auch nur, weil sie recht vielfältige Interpretationsmöglichkeiten zulässt.

Unabhängig von diesen – zugegeben oberflächlichen – Schwierigkeiten wird schnell klar, dass wir es hier mit einem sehr speziellen Film zu tun haben. Weniger aufgrund des Inhalts, der erst im weiteren Verlauf immer mysteriöser wird, sondern zunächst vor allem aufgrund der Machart. Besonders die Kameraführung irritiert anfangs, weil sie leicht verwackelt, vor allem aber sehr nahe an der Hauptdarstellerin ist – zu nahe eigentlich und gern auch mal komplett frontal (oder – quasi umgekehrt – in ihrer Egoperspektive), was einige Zeit benötigt, um sich daran zu gewöhnen. Ungewöhnlich ist daran übrigens auch, dass die Kamera NUR der Hauptfigur folgt. Das schafft eine ganz eigene und selten auf diese Art gesehen Unmittelbarkeit: Das Publikum sieht und hört im Endeffekt nur, was die namenlose, von Jennifer Lawrence gespielte Frau auch mitbekommt. Was außerhalb ihres Blickfeldes passiert, bleibt optisch schemenhaft und akustisch unverständlich, ganz so, wie es auch im wirklichen Leben ist, wenn man Personen z. B. im Nebenraum undeutlich miteinander sprechen hört.

Abgesehen davon, dass sie normalen Sehgewohnheiten widerspricht, hat die eigenwillige Kombination aus Bild und Ton aber auch noch einen anderen Effekt: „Mother!“ fühlt sich fast schon klaustrophobisch an, gleichzeitig hat man ständig das Gefühl, etwas zu versäumen, das in der Peripherie des Bildausschnitts passiert. Vermutlich kommt daher der Eindruck, dass man – ganz real – das Unwohlsein und die Hilflosigkeit mit der Hauptfigur teilt. Diesen Aspekt würde ich tatsächlich als große Leistung des Films hervorheben, noch dazu, weil speziell die Wehrlosigkeit der Frau gegenüber ihrer Situation im Laufe der Handlung immer stärker zunimmt – und sich das auch auf den Zuseher/die Zuseherin überträgt, was eine sehr eigentümliche und stellenweise wirklich unerfreuliche Erfahrung ist.

An dieser Stelle seien übrigens zwei weitere Darsteller:innen genannt, die in diesem Film voll punkten können: Michelle Pfeiffer und Ed Harris spielen die Invasoren die in das beschauliche Privatleben des Paares eindringen. Beide schaffen es, ihren Figuren, die vordergründig ganz normalen Menschen entsprechen, eine ausgesprochen düstere und bedrohliche Aura zu verleihen. Auch das ist eine Leistung, die durchaus anerkennenswert ist und die die Spannung durchaus in die Höhe treibt – man will einfach wissen, was es mit diesen beiden Eindringlingen auf sich hat und verfolgt jeden Dialog entsprechend genau.

Zweite Halbzeit mit Längen.

All das deutet darauf hin, dass „Mother!“ ein innovativer und gut gemachter Film ist. Leider kann die Handlung meiner Ansicht nach nur bis zur Hälfte der rund zweistündigen Laufzeit mit der ambitionierten Technik mithalten. In der ersten Stunde rätselt man – wie oben angedeutet – noch mit, was es mit dem Haus und seinen Bewohner:innen sowie den ungebetenen Gästen auf sich hat. Ungefähr zur Halbzeit gibt es dann einen größeren Zeitsprung – und ab diesem Moment nehmen die Längen deutlich zu. Und das, obwohl der Film zunehmend irrational und fantastisch wird, was eigentlich die Spannung erhöhen sollte. Leider verliert sich „Mother!“ in immer groteskere Momente, ohne auch nur ansatzweise eine Möglichkeit zu bieten, an der man sich festhalten kann.

Höhepunkt ist die letzte halbe Stunde, die im Wesentlichen einer surrealen Achterbahnfahrt gleichkommt, deren Zweck im Kontext des bis dahin Gesehenen kaum zu entschlüsseln ist – zumindest ging es mir so, vielleicht habe ich auch etwas übersehen, wer weiß. So oder so habe ich jene Sequenz als höchst anstrengend empfunden – und auch als unbefriedigend, weil mir zum Schluss ziemlich egal war, was der Regisseur uns mit seinem Film überhaupt sagen wollte. Und das ist schade, denn alles, was davor behandelt wurde, hätte eigentlich Denkanstöße zur Genüge geboten – tatsächlich hat mir aber die zweite Stunde die Lust darauf genommen, weil sie dermaßen abgehoben war (beispielsweise findet plötzlich mitten im Haus eine Art Bürgerkrieg statt, inklusive Schusswaffen, Granaten, Tränengas usw.).

Manche Schreiber:innen wollten „Mother!“ ja als möglichen Oscar-Kandidaten sehen. Letztlich reichte es nicht einmal für eine Nominierung, was ich ehrlich gesagt wenig verwunderlich finde, was aber gleichzeitig auch kein Beinbruch ist, weil die Auszeichnung ohnehin eher fragwürdig ist (aber das ist eine andere Geschichte). Ich glaube allerdings nicht, dass man Kamera, Schnitt und Darsteller:innen viel vorwerfen kann, im Gegenteil, all diese Aspekte fand ich durchgehend gelungen – der Inhalt stinkt in der zweiten Hälfte aber dennoch ab, wenn man mir diese harsche Wortwahl verzeiht (die aber auch zeigt, dass ich wirklich enttäusch war). Für ein breiteres Publikum ist „Mother!“ aber so oder so nicht unbedingt geeignet, würde ich sagen. Wer gern mal einen etwas anderen Film sehen möchte, kann jedoch definitiv einen Blick riskieren.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: mother!
Regie:
Darren Aronofsky
Drehbuch: Darren Aronofsky
Jahr: 2017
Land: USA
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jennifer Lawrence, Javier Bardem, Michelle Pfeiffer, Ed Harris



FilmWelt: A. I. Rising

Die Fragen nach Wesen und Möglichkeiten künstlicher Intelligenz waren früher der Science Fiction vorbehalten. Heute ist das anders: Die ungelenken Droiden aus „Star Wars“ scheinen wirken fast schon rückständig und selbst Data aus „Star Trek: The Next Generation“ scheint bald von der Wirklichkeit überholt zu werden. „A. I. Rising“ (2018) stellt folgerichtig eine Maschine in den Mittelpunkt, die vor nicht allzu langer Zeit noch nicht denkbar gewesen wäre, heute aber nicht mehr so weit von der technischen Machbarkeit entfernt scheint.

Gesamteindruck: 3/7


Befreiung einer Sklavin.

Auch wenn es derzeit noch nicht ganz mit intelligenten (im Sinne von selbständig denkenden) Maschinen funktioniert, ist es absehbar, dass die Entwicklung eines maschinellen Bewusstseins so fern nicht mehr ist. Die Fragestellung für die weitere Zukunft muss also einen Schritt weitergehen und sich beispielsweise mit der Möglichkeit auseinandersetzen, intelligente Roboter mit Emotionen auszustatten. Doch was ist eine Maschine mit Intelligenz und Emotionen? Ist das überhaupt noch ein Roboter? Oder ist es eine Art Mensch? Ist die Erschaffung derartiger Wesen überhaupt erstrebenswert? Und wie werden wir, die wir Maschinen nur als mechanische Diener nutzen, mit ihnen umgehen? Derartige Fragen harren mittlerweile tatsächlich auch außerhalb der Science Fiction ihrer Beantwortung. „A. I. Rising“ versucht sich an diesem überaus komplexen Thema.

Worum geht’s?
Im Jahr 2148 sind die Ressourcen der Erde bis in den letzten Winkel ausgebeutet. Die Hoffnung der Menschheit liegt bei den Sternen – und dorthin, genauer nach Alpha Centauri, startet als Pionier der Kosmonaut Milutin. Damit seine Psyche auf der langen Reise keinen Schaden nimmt, wird ihm die Androidin Nimani zur Seite gestellt. Verschiedene Verhaltensmuster, aus denen frei gewählt werden kann, sollen in jeder Hinsicht für Zerstreuung sorgen. Allerdings reicht es dem einsamen Kosmonauten bald nicht mehr aus, nur vorgefertigte Programme abzuspulen…

Dass Pornodarstellerin Stoya eine der beiden Hauptrollen in „A. I. Rising“ spielt, mag Kalkül gewesen sein – zumindest ist aber davon auszugehen, dass ihr doch recht bekannter Name die Zielgruppe für den Film erweitert hat. Und tatsächlich wird niemand, der/die angesichts dieser Besetzung auf viel nackte Haut hofft, enttäuscht: Stoya verbringt – ohne dass ich es gestoppt hätte – mehr als die Hälfte ihrer Screentime unbekleidet. Und ja, um auch das gleich abzufrühstücken: Man bekommt Sexszenen zu sehen, Softcore natürlich, aber definitiv expliziter, als es in einem Film aus Hollywood vermutlich der Fall gewesen wäre.

Wer nun denkt, dass die Freizügigkeit der Hauptdarstellerin nur Mittel zum Zweck wäre, täuscht sich meiner Meinung nach jedoch. Denn auch, wenn es schwer fällt, muss man speziell als Mann zugeben, dass die Art, wie Nimani und Milutin die Reise verbringen, in weiten Teilen durchaus realistisch anmutet. Mit anderen Worten: Es hätte zwar vermutlich auch mit weniger nackter Haut funktioniert, jedoch wird gerade dadurch die bedrückende Atmosphäre von „A. I. Rising“ zusätzlich verstärkt – denn freudvoll und leidenschaftlich ist es nicht, was sich zwischen den Charakteren abspielt.

Besser gespielt als vermutet.

Freilich ist die Atmosphäre von „A. I. Rising“ vor allem der Optik in Zusammenspiel mit dem Soundtrack geschuldet. Aber, und das kann man nicht genug betonen: Die Leistung von Stoya trägt viel mehr dazu bei, als das Standard-Vorurteil gegenüber ihrem Brotberuf vermuten lässt. Einerseits erfordert es die Rolle der Androidin, eine Balance zwischen kalter Technik und menschlicher Wärme zu finden – denn genau das ist es ja, das derartige Roboter so unheimlich macht. Ich weiß nicht, ob sich eine Stoya anhand ihrer zum Teil sehr schwierigen Erfahrungen in der Pornoindustrie leichter damit tut; Tatsache ist aber, dass sie die distanzierte Maschine, die Gefühle nur auf Knopfdruck zeigt, sehr gekonnt portraitiert. Andererseits hilft ihr dabei meines Erachtens ihr Aussehen, dem die Attribute fehlen, die man landläufig bei einer Pornoqueen vermutet. Dadurch ist ihre Rolle optisch näher an einem natürlichen, menschlichen Erscheinungsbild und hat nichts von der automatisierten Sexpuppe, was die Unterscheidung zwischen Mensch und Maschine stark verschwimmen lässt. Fazit: Chapeau Stoya, wirklich gut gemacht!

Hauptdarsteller Sebastian Cavazza muss im Vergleich zu seiner zerbrechlich wirkenden Partnerin einen Charakter darstellen, der wenig Sympathisches an sich hat. Er ist ausgesprochen verschlossen und zeigt im Verlauf des Filmes immer widerwärtigere Verhaltensweisen. Das geht so weit, dass man auch zum Schluss hin, als man eigentlich das Gefühl hat, man müsse sich mit beiden Figuren identifizieren, keine Chance mehr hat, einen Zugang zu ihm zu finden. Ob das so beabsichtigt war, weiß ich nicht – ich denke aber, dass man das durchaus so machen kann, auch wenn der Film dadurch im Nachgang noch einmal düsterer wirkt, als während des ohnehin völlig humorlosen Verlaufs.

Nicht zu Ende gedacht.

All das klingt eigentlich vielversprechend und wird, wie angedeutet, in überzeugender Optik dargestellt (wer z. B. „Sunshine“, 2007, kennt, weiß ungefähr, wie „A. I. Rising“ aussieht). Dass mich der Film dennoch nicht überzeugen konnte, liegt einmal mehr am Drehbuch. Dabei ist die Prämisse eigentlich sehr interessant, wie an den von mir weiter oben aufgeworfenen Fragestellungen deutlich geworden sein mag. Nur macht „A. I. Rising“ zu wenig daraus, indem er sich voll und und ganz auf die problematische Liebesbeziehung zwischen Nimani und Milutin fokussiert. Und die ist, mit Verlaub, wenig spannend, weil vorhersehbar.

Einige Ansätze, die es wert gewesen wären, erkundet zu werden, sind ja vorhanden: So beginnt der Film beispielsweise mit dem starken Bild, dass der Kapitalismus die Erde komplett ausgebeutet hätte. Abgelöst wurde er offenbar durch ein sozialistisches Regime – was für die Handlung allerdings überhaupt keine Rolle spielt. Muss es auch nicht, aber dann wäre es besser gewesen, diese Tatsache ganz wegzulassen. Das vor allem auch, weil ein Raumschiff und eine Androidin, die Eigentum eines Großkonzerns sind, überhaupt nicht in meine Vorstellung eines sozialistischen Staates passen wollen…

Ein anderes Problem, an dem ich mich sogar noch mehr gestört habe: „A. I. Rising“ deutet technische Aspekte an, lässt sie dann aber völlig offen. Beispielsweise erfährt man nicht, wie lange die Reise nach Alpha Centauri dauern und welche Technologie sie überhaupt ermöglicht. Das hätte ich wichtig gefunden, um einschätzen zu können, wie lange sich die beiden Figuren überhaupt miteinander beschäftigen können und müssen – immerhin ist Alpha Centauri so weit weg, dass der Flug nach heutigen Maßstäben nicht in der Lebenszeit eines Menschen möglich sein kann. Die Bilder legen übrigens nahe, dass die Situation noch in unserem Sonnensystem völlig eskaliert, was die Frage aufwirft, wie man jemals hatte davon ausgehen können, dass ein Trip über mehr als vier Lichtjahre physisch und psychisch möglich wäre.

Es ist aber auch nicht erklärt, wie die Androidin eigentlich funktioniert bzw. welcher technische Fortschritt die Implementierung von Intelligenz und Emotionen ermöglicht hat. Der Film konzentriert sich fast völlig auf die Versuche des Kosmonauten, die Sicherheitsvorrichtungen zu überwinden und dadurch – wenn man so will – die Sklavin endgültig zu befreien. Auch hier: Man muss das nicht zwangsweise mit Technobabble erklären, sollte dann aber zumindest stärker auf die ethischen Implikationen, die sich daraus ergeben, eingehen. Leider passiert das nicht, im Gegenteil, die Dialoge sind ganz und gar nicht dazu angetan, das philosophische Dilemma dieser Situation zu adressieren.

Fazit: Meines Erachtens wäre eines von beiden notwendig gewesen, um „A. I. Rising“ zu einem wirklich guten Film zu machen: Mehr Technik oder mehr Philosophie. Beides kommt viel zu kurz, das Hauptaugenmerk liegt darauf, uns zu erklären, dass man auch eine Maschine nicht schlecht behandeln darf. Zumindest dann nicht, wenn die Möglichkeit besteht, dass sie dabei tatsächlich etwas empfinden könnte, das über die reine Simulation von Emotionen hinausgeht. Diese Lektion zu erteilen, schafft „A. I. Rising“ auch, bleibt dabei aber so oberflächlich, dass ich mich letzten Endes trotz guter Ansätze zu keiner besseren Wertung aufraffen kann. Symptomatisch, dass mein persönliches Highlight des Films der Hinweis auf die bereits 1942 von Isaac Asimov formulierten Robotergesetze ist – auch hier, ohne dass das dahinterliegende Konzept ausführlich behandelt wird.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: A. I. Rising.
Regie:
Lazar Bodroza
Drehbuch: Dimitrije Vojnov
Jahr: 2018
Land: Serbien
Laufzeit: ca. 85 Minuten
Besetzung (Auswahl): Sebastian Cavazza, Stoya, Marusa Majer



FilmWelt: Alexandra’s Project

Eine Warnung vorweg: Wer sich „Alexandra’s Project“ (2003) ansieht, darf keinen auf Hochglanz polierten Film erwarten. Im Gegenteil, das Wort „Projekt“ im Titel wirkt im Nachhinein fast wie ein Hinweis auf die Indie-Anmutung des Werkes, das dadurch aber gleichzeitig eine ganz eigene, selten gesehene Atmosphäre erhält. Für ein breites Publikum scheint mir die australische Produktion jedoch weder optisch oder akustisch, noch inhaltlich geeignet.

Gesamteindruck: 5/7


„Schluss machen“ per Video.

Die Handlung von „Alexandra’s Project“ ist über weite Strecken sehr geradlinig (erst gegen Ende gibt es einen Twist). Im Verbund mit der sehr reduzierten Technik bedeutet das, dass der Film praktisch komplett von seiner Prämisse und vor allem von überzeugenden und glaubwürdigen Darsteller:innen getragen werden muss. Das gelingt ihm meines Erachtens gut, wobei man klipp und klar sagen muss, dass ein Film kaum weiter von einer massentauglichen Präsentation entfernt sein könnte. Ob das stört oder nicht, liegt letzten Endes am persönlichen Geschmack; wer etwas mit ungewöhnlichem und reduzierten Programmkino anfangen kann, sollte jedenfalls einen Blick riskieren.

Worum geht’s?
Auf den ersten Blick scheinen Steve und Alexandra eine ganz normale Beziehung zu führen: Er geht täglich zur Arbeit in sein Büro, sie schmeißt den Haushalt und kümmert sich um die zwei Kinder. Doch unter der Oberfläche brodelt es. Steve ahnt davon nichts – und ist zunächst hoch erfreut, als er an seinem Geburtstag ins verlassene Zuhause kommt und als Überraschung ein Video vorfindet, auf dem er seine Frau auf eine Weise zu sehen bekommt, wie er sie noch nicht kannte. Doch bald werden die Aufnahmen bedrohlich und immer düsterer…

Regisseur Rolf de Heer hat einen sehr reduzierten Film geschaffen: Im Wesentlichen kommt er mit einem männlichen und einer weiblichen Hauptdarsteller:in aus, die fast die gesamte Laufzeit über in einem einzigen Raum agieren. Übrigens kaum jemals miteinander, zumindest nicht so, wie man sich das gemeinhin vorstellt (etwas mehr dazu weiter unten). Dieser Minimalismus setzt sich in der Technik fort: Die Kameraarbeit beschränkt sich auf relativ wenige Einstellungen, das Bild ist generell weit von High Definition entfernt und erinnert qualitativ und auch in Bezug auf die Perspektiven an Filme aus den 1970ern. Das gilt in verstärktem Maße auch für den Ton, der roh und unbearbeitet klingt, so, als wäre kein professionelles Equipment zum Einsatz gekommen. Anmerkung am Rande: Ich habe „Alexandra’s Project“ in der deutschen Synchronisation gesehen, ob das Werk auch im Original so eigentümlich klingt, kann ich nicht beurteilen.

Unklare Verhältnisse.

Inhaltlich nimmt sich die australische Low-Budget-Produktion dem Problem einer lieb- und freudlosen Ehe an. Gewisse Andeutungen lassen außerdem, wenn auch vage, auf seelische, vielleicht sogar körperliche Gewalt schließen. So scheint es zumindest zu sein – denn eigentlich bekommen wir als Zuseher:innen keine schwierige Ehe zu sehen, zumindest nicht live: In „Alexandra’s Project“ berichtet die Titelfigur ihrem Mann mittels Videobotschaft, wie es ihr in der Ehe geht. Ob das die Wahrheit ist oder nicht, lässt sich für das Publikum nicht abschließend beurteilen, denn es gibt im Film keine Interaktion zwischen den Eheleuten. Heißt: Wie Protagonist Steve ist man dazu verdammt, die Erzählung von Alexandra am Bildschirm zu verfolgen, ohne Möglichkeit, einzugreifen oder nachzufragen. An gewissen Reaktionen des Ehemannes meint man zwar zu erkennen, dass die Vorwürfe seiner Frau nicht gänzlich erfunden sind – einen Beweis dafür bleibt der Film jedoch schuldig. Zumal die Videoaufnahmen mit der Zeit immer verstörender werden und zeigen, dass die Ehefrau auch kein stilles Wässerchen ist – oder zu sein scheint. Klare Position für eine der beiden Figuren wird meines Erachtens bis zum Schluss nicht bezogen.

Doch auch, wenn die Handlung von „Alexandra’s Project“ an sich nicht kompliziert ist, ist es mir letzten Endes nicht gelungen, zu entschlüsseln, was genau der Regisseur mit diesem Film aussagen wollte. Und: Ich bin mir ganz und gar nicht sicher, ob mir diese Herangehensweise an das Thema gefällt oder nicht. Was ich aber ungeachtet dessen zu Protokoll geben kann: „Alexandra’s Project“ hat eine spannende Prämisse und setzt diese höchst unkonventionell um. Das allein reicht mir, um den Film als „sehenswert“ abzuheften und ihn mit 5 von 7 Punkten relativ hoch zu bewerten.

Ich betone allerdings nochmals, dass man schon einiges an Geduld und vor allem die Vorliebe für eine sehr spezielle, fast ein wenig altertümlich anmutende Ästhetik mitbringen muss, damit man überhaupt in die Verlegenheit kommt, sich über den Inhalt Gedanken zu machen. Wer es soweit schafft, kann dann in Ruhe darüber nachdenken, was der Regisseur mit diesem außergewöhnlichen Film erreichen wollte.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Alexandra’s Project.
Regie:
Rolf de Heer
Drehbuch: Rolf de Heer
Jahr: 2003
Land: Australien
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Gary Sweet, Helen Buday, Bogdan Koca, Samantha Knigge, Jack Christie



FilmWelt: Tannöd

„Tannöd“ (2009) ist einer jener Filme, deren Trailer und Beschreibung mir im Vorfeld richtig gut gefallen haben. Doch leider ist es wie so oft in solchen Fällen: Bereits während des Ansehens macht sich Ernüchterung breit, die spätestens beim Abspann in echte Enttäuschung umschlägt. Warum „Tannöd“ dieses Schicksal ereilt, versuche ich in folgender Rezension zu beschreiben.

Gesamteindruck: 2/7


Finsteres Bayern.

Zunächst kurz zum Hintergrund (der mir vorab nicht bekannt war): „Tannöd“ basiert auf dem gleichnamigen Roman der deutschen Autorin Andrea Maria Schenkel, der 2006 erschienen ist. Dieses Buch ist wiederum inspiriert von einem realen, bis heute nicht aufgeklärten Mordfall der 1920er Jahre. Wie der Kriminalroman, der ihm als Vorlage diente, verlegt „Tannöd“ die Geschichte allerdings in die 1950er. Warum das so gemacht wurde, entzieht sich meiner Kenntnis, spielt letztlich aber auch keine große Rolle für die Handlung.

Worum geht’s?
Auf dem abgelegenen Tannöd-Hof trägt sich ein schreckliches Verbrechen zu: Die Bauersleute, ihre Kinder und die gerade erst angestellte Magd werden auf brutale Weise ermordet. Zwei Jahre nach diesen Ereignissen kehrt die auswärts arbeitende Kathrin in ihr Heimatdorf zurück, um sich um die Beerdigung ihrer Mutter zu kümmern. Gegenseitige Anschuldigungen und dunkle Geheimnisse bestimmen das Leben im Ort – und auch Kathrin wird wider Willen immer tiefer in die düstere Stimmung hineingezogen…

In der Theorie bringt „Tannöd“ fast alles mit, das einen guten Krimi oder Thriller auszeichnet: Starke Bilder, einen rätselhaften Mord und – vor allem – ungeahnte psychologische und kriminelle Abgründe. Leider gibt es letzten Endes aber nur einen einzigen Punkt, der voll und ganz überzeugt: Die von Anfang bis Ende großartige Kameraarbeit. Die setzt die ländliche Kulisse, die bei richtigem Licht beschaulich und malerisch wirken mag, düster und nachgerade grotesk in Szene. Subtil ist das freilich nicht, im Gegenteil: „Tannöd“ lässt optisch in keinem Moment Zweifel daran aufkommen, dass in der bayrischen Einöde etwas im Argen liegt. Den Wunsch, auch nur in die Nähe jener Gegend zu kommen, verspürt man auch als Zuseher:in, der/die das Landleben kennt, während der 100 Minuten Laufzeit so gut wie nie. Damit ist auch sofort klar, dass sich das Publikum mit der Rückkehrerin Kathrin identifizieren soll und muss, die jenem tristen Leben entkommen konnte.

Drehbuch als Sorgenkind.

Leider gelingt es Regisseurin Bettina Oberli (die gemeinsam mit Petra Lüschow auch das Drehbuch geschrieben hat) nicht, diese guten bis sehr guten Einzelteile stimmig zusammenzusetzen. Heißt: Bei „Tannöd“ ist das oft bemühte Ganze keineswegs größer als die Summe seiner Teile. Im Gegenteil: Die Grundzutaten lassen einen zumindest soliden, bestenfalls sogar großartigen Thriller erwarten, fügen sich aber zu keinem Zeitpunkt richtig zusammen. Oder, anders ausgedrückt: „Tannöd“ entwickelt nie jenen Sog, den man beispielsweise aus zugegeben leichter Kost wie „Der Bulle von Tölz“ oder „Tatort“ kennt, deren Folgen ja häufig in ähnlichen Milieus angesiedelt sind. An den Schauspieler:innen liegt das übrigens nicht, denn die machen ihre Sache zumeist ordentlich, wobei ich mir von Hauptdarstellerin Julia Jentsch ein etwas beherzteres Auftreten gewünscht hätte. Anmerkung am Rande: Zuseher:innen, die nicht aus Süddeutschland oder Österreich kommen, könnten Schwierigkeiten mit dem Verständnis haben, denn in „Tannöd“ wird fast ausschließlich bayrisch gesprochen.

Ich denke, der Grund für den schwachen Gesamteindruck, den der Film trotz herausragender Optik bei mir hinterlassen hat, ist im Drehbuch zu suchen. Das schafft es einerseits kaum, die notwendige Spannung aufzubauen, weil die einzelnen Szenen wahlweise überhastet oder in die Länge gezogen wirken. Andererseits ist „Tannöd“ stellenweise arg verwirrend; das ansonsten so befriedigende Gefühl, wenn Charaktere ein Mysterium nach und nach aufdecken, bleibt völlig aus. Auch, weil am Schluss ein überzeugendes Gesamtbild fehlt, was den Film in Kombination mit immer wieder eingestreuten Rückblenden, die nur zum Teil aussagekräftig sind, sehr zerfahren wirken lässt.

Dicht am Roman?

Ohne die Romanvorlage zum Zeitpunkt dieser Rezension gelesen zu haben, vermute ich stark, dass sich „Tannöd“ relativ werkstreu gibt – und dass genau das das Problem ist: Das Buch besteht aus 39 relativ kurzen Kapiteln, die auf verschiedene Weise miteinander verbunden sind und nach und nach ein Gesamtbild ergeben. Man sieht dem Film meiner Meinung nach deutlich an, dass er versucht, seine Geschichte auf ähnliche Weise zu erzählen, dabei aber Schwierigkeiten hat, die ursprünglichen Einzelepisoden „smooth“ ineinandergreifen zu lassen. Eigentlich ist sogar das Gegenteil der Fall und es wirkt von Anfang an befremdlich, dass zwei Jahre nach der Tat pausenlos über den Mord gesprochen wird, wenn die Hauptprotagonistin anwesend ist.

Ich bin jedenfalls auf den Roman gespannt – denn dass ich den jetzt unbedingt lesen möchte, ist der positivste Aspekt, den ich aus dem Ansehen des Films mitgenommen habe. Immerhin etwas – wenngleich ich es sehr schade fand und finde, dass die Verfilmung von „Tannöd“ so gar nicht reüssieren kann. Übrigens gilt das – wenn man den Rezensionen glauben darf – auch für den ebenfalls 2009 erschienen Film „Hinter Kaifeck“, der sich derselben Thematik annimmt. Aber das ist ein Fall für eine andere Rezension…

Für das ziemlich holprige „Tannöd“ gibt es 2 von 7 Punkten, mehr ist leider nicht drin, so sehr ich den Film auch mögen wollte.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: Tannöd.
Regie:
Bettina Oberli
Drehbuch: Bettina Oberli, Petra Lüschow
Jahr: 2009
Land: Deutschland
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Julia Jentsch, Monica Bleibtreu, Volker Bruch, Brigitte Hobmeier, Vitus Zeplichal



FilmWelt: Zwei

Man fragt sich immer mal wieder, welche Gedanken Schauspieler:innen durch den Kopf gehen, wenn sie ein Drehbuch wie jenes von „Zwei“ (2021) in die Hände bekommen. Zu vorliegendem Fall ist hier etwas zu lesen – geht es danach, dürfte Marina Gatell deutlich geringere Probleme mit dem Plot gehabt haben, als ich vermutet hätte. In einer einzigartigen Situation waren sie und ihr Filmpartner Pablo Derqui aber mit Sicherheit.

Gesamteindruck: 3/7


Yin und Yang.

Die spanische Produktion „Zwei“ ist eines jener minimalistischen Kammerspiele, die von „Cube“ (1997) inspiriert sind: Menschen, die sich nicht kennen, werden in eine vermeintlich ausweglose Situation gebracht, vorzugsweise ohne zu wissen, aus welchen Gründen. Dazu kommt – ebenfalls ganz klassisch – eine Prise Body-Horror und die Beschränkung auf einen möglichst minimalistischen Handlungsort. In vorliegendem Fall ist das durchaus wörtlich zu nehmen: Gefühlte 99 Prozent der Handlung spielen in einem einzigen Raum.

Worum geht’s?
Ein Mann und eine Frau, die sich nicht kennen, erwachen in einem kleinen Zimmer. Sie liegen nackt im Bett, wissen nicht, wie sie dorthin gekommen sind – und stellen schnell fest, dass das gar nicht ihr größtes Problem ist. Sie wurden am Bauch zusammengenäht und sind nicht in der Lage, sich voneinander zu trennen. So bleibt ihnen nichts anderes übrig, als sich auf der Suche nach Hinweisen eng aneinander geschmiegt durch den Raum zu tasten (und unter schmerzhaften Verrenkungen auf die Toilette zu gehen)

Ich muss gestehen, dass ich von „Zwei“ anfangs ziemlich angeekelt war. Nicht, dass ich etwas gegen nackte Körper hätte – aber die Vorstellung, mir würde das passieren, was den Protagonisten widerfährt, sorgte während der ersten 15, 20 Minuten des Films für echtes Unbehagen. Durchaus überraschend, denn eigentlich ist „Zwei“ ein Streifen, der weitgehend auf plakative Effekthascherei verzichtet. Die Körperregion, an der die Protagonisten zusammengenäht sind, sieht man nur angedeutet und auch sonst gibt es wenig von dem, was man normalerweise als „eklig“ bezeichnen würde (abgesehen von einem sich ablösenden Fingernagel). Es muss also der Gedanke an die Situation als solche sein, der das Unwohlsein bei mir ausgelöst hat.

Zur Handlung von „Zwei“ gibt es im Endeffekt nicht viel zu sagen, unterscheidet sie sich doch kaum von dem, was ähnliche Filme zur Disposition stellen: Die Protagonisten versuchen, anhand verschiedener Hinweise und durch das Gespräch miteinander zu ergründen, wie sie in ihre verzwickte Lage geraten sind. Mittelfristig ist das Ziel, zu entkommen – auch das ist nichts, was in irgendeiner Weise überrascht. Dennoch: „Zwei“ kann, zumindest über einen Teil der Laufzeit, in Sachen Intensität und Atmosphäre punkten. Das liegt vor allem an den Charakteren, die sehr unterschiedlich sind, was naturgemäß zu Spannungen führt. Dass man sich nach einem Streit nicht einfach umdrehen und in eine andere Ecke gehen kann, macht dabei einen Gutteil des Reizes aus.

An dieser Stelle kann und sollte man das in zweierlei Hinsicht beeindruckende Schauspiel von Marina Gatell und Pablo Derqui erwähnen: Erstens muss es rein physisch schwierig gewesen sein, den Zustand, in dem sich ihre Rollen befinden, darzustellen – allein der Gang zur Toilette ist eine akrobatische Leistung. Dass die beiden in dieser intimen Nähe praktisch durchgehend völlig nackt sind, wird die Sache auch nicht einfacher gemacht haben. Zweitens gelingt es beiden, die Emotionen ihrer Charaktere in diesem beengten Szenario glaubhaft rüberzubringen – seien es gelegentliche Panikattacken, Wutanfälle oder sich vom Gegenüber abgestoßen zu fühlen. Die Chemie zwischen Gatell und Derqui scheint jedenfalls gestimmt zu haben, was wohl der Grund ist, wieso mich ihr Zusammenspiel in „Zwei“ nachhaltig beeindruckt hat.

Stupides Finale.

Leider gibt es nicht viel mehr Positives über den Film zu sagen. Schade eigentlich, denn neben der schauspielerischen Leistung wissen auch der Aufbau bzw. die Prämisse durchaus zu überzeugen. Mich stört auch die in manchen Rezensionen vorgebrachte Kritik, der Film würde zu wenig erklären, kaum – auch in „Cube“ erfuhr man nie, wie die Protagonisten überhaupt in ihre Situation gekommen waren.

Genau an dieser Stelle scheitert „Zwei“ letzten Endes jedoch: Solange man als Zuseher:in so gut wie nichts weiß, ist noch alles in Ordnung. Man ist positiv neugierig, rätselt und leidet mit – bis sich dann, im letzten Drittel, tatsächlich herausstellt, was hinter alledem steckt. Und das ist, gelinde gesagt, hanebüchen. Oder, nicht ganz so gelinde: Kompletter Schwachsinn. Wer der Täter ist, macht für sich genommen schon relativ wenig Sinn, zumal gerade durch seine Enttarnung plötzlich doch fraglich wird, wie er seine Tat überhaupt durchführen konnte. Noch schlimmer ist aber die Begründung für den ganzen Zirkus – die ist dermaßen grotesk und sinnlos, dass spätestens an dieser Stelle auch duldsame Zuschauer:innen abwechselnd ihre Haare raufen und ungläubig das Haupt schütteln dürften.

Mit einer Laufzeit von etwas über 70 Minuten ist „Zwei“ ungewöhnlich kurz. Kein Fehler – ich vermute fast, dass sich die Regisseurin der eher dünnen Handlung bewusst war und ihr Werk daher nicht künstlich in die Länge ziehen wollte. Respekt vor dieser Entscheidung (so sie denn aus diesem Grund gefällt wurde), das ist etwas, das anderen Filmemacher:innen gelegentlich auch gut zu Gesicht stehen würde. Leider rettet diese schöne Kompaktheit „Zwei“ ob seines Finales nicht – sie sorgt aber letztlich zumindest für versöhnliche 3 Punkte. Hätte der Film länger gedauert, wären es wohl maximal 2 gewesen.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Dos.
Regie:
Mar Targarona
Drehbuch: Cuca Canals, Christian Molina, Mike Hostench
Jahr: 2021
Land: Spanien
Laufzeit: ca. 70 Minuten
Besetzung (Auswahl): Marina Gatell, Pablo Derqui, Kandido Uranga



FilmWelt: Meander

„Meander“ (2020, Subtitel: „Survival Instinct“) setzt auf eine Prämisse, die man aus Filmen wie „Cube“ (1997), „Saw“ (2004) und Co kennt: Ein Entführungsopfer erwacht in einer unbekannten, verstörenden und mit tödlichen Fallen gespickten Umgebung. Und wie in den bekannten Vorbildern geht es auch in dieser französischen Indie-Produktion darum, aus dem Gefängnis zu entkommen und gleichzeitig eine Antwort auf die Frage „warum bin ich hier?“ zu finden.

Gesamteindruck: 4/7


Verschlungene Gänge.

Abseits der unerfreulichen Situation, in der sich die Hauptfigur in „Meander“ befindet, ist vorliegendes Werk sehr ähnlich inszeniert und vor allem auch ausgestattet wie „Cube“: Die minimalistische Umgebung wirkt metallisch-kalt, vage futuristisch und ist mit Fallen versehen, die Kenner:innen sehr bekannt vorkommen dürften (z. B. Säure und Feuer). Und: Wie im kanadischen Referenzwerk von 1997 müssen auch hier Codes entschlüsselt werden, die offenbar die Navigation durch das Labyrinth ermöglichen. So weit, so ähnlich – was „Meander“ hingegen von seinen Genregenossen unterscheidet und wie gut mir der Film überhaupt gefallen hat, möchte ich im Folgenden herausarbeiten.

Worum geht’s?
Lisa macht das, was man tunlichst vermeiden sollte: Sie lässt sich von einem Fremden im Auto mitnehmen. Bereits nach wenigen Minuten entpuppt sich ihre Mitfahrgelegenheit Adam tatsächlich als Bösewicht und schlägt sie k. o. Als sie wieder zu sich kommt, befindet sie sich in einem kleinen Raum, der nur einer von vielen zu sein scheint, die über ein labyrinthisches Tunnelsystem miteinander verbunden sind. Dass der Fluchtweg durch die engen Gänge führen muss, scheint klar zu sein – doch leider lauern dort tödliche Fallen, wie Lisa schnell feststellen muss…

Der augenfälligste Unterschied zwischen „Cube“ und „Meander“ liegt meines Erachtens darin, dass es in vorliegendem Werk nur eine Haupt- und eine Nebenfigur gibt, sich also kein Ensemble durch tödliche und sadistische Fallen kämpft. Daher vielleicht gleich ein Wort zu den Darsteller:innen: Die unglückliche Anhalterin Lisa wird von Gaia Weiss verkörpert, der ich für ihre Performance ein dickes Lob aussprechen muss. Aufgrund des Settings ist sie weitgehend gezwungen, ihre Arbeit im Sitzen und Liegen zu verrichten, was per se schon eine schwierige Situation ist. Dass sie aber trotz dieser Umstände in der Lage ist, über Körpersprache und Mimik die volle Bandbreite an Emotionen (von Verzweiflung über Trauer bis hin zu Wut und Entschlossenheit) abzuliefern – und das sehr überzeugend – ist aller Ehren wert. In diesem Zusammenhang sei auch erwähnt, dass das Drehbuch die Figur glücklicherweise nicht zu einer Superheldin macht, sondern sie bis zum Schluss verletzlich und emotional instabil charakterisiert. Das scheint sowohl der Schauspielerin als auch dem von ihr verkörperten Charakter sehr gut zu Gesicht zu stehen.

Neben Weiss ist im Endeffekt nur ein weiterer Schauspieler mit nennenswerter Screentime im Einsatz: Der Finne Peter Franzén spielt den Antagonisten Adam. Allzu viel ist dazu nicht zu sagen, beschränkt sich seine Rolle im Großen und Ganzen doch darauf, sein Opfer durch enge Tunnel zu verfolgen. Dialoge gibt es kaum, sodass die Chemie zwischen den beiden vor allem über das körperliche Spiel zustande kommen muss. Daran finde ich wenig auszusetzen – besser so, als von schlecht geschriebenen Gesprächen eingeschläfert zu werden. Dennoch wäre etwas Interaktion, die über ein paar Tritte und ständiges Wegrennen hinausgeht, schön gewesen.

Bevor wir zum Inhalt kommen, kurz zur Optik: Generell finde ich, dass „Meander“ sehr gut aussieht. Die Umgebung ist mal klinisch sauber, dann wieder dreckig und abgefuckt; garniert ist das Ganze mit glaubwürdigen Effekten, die immer mal wieder ordentliches Ekelpotenzial haben. Lobend hervorheben möchte ich außerdem die Kameraarbeit, bei der man wohl davon ausgehen kann, dass sie unter ähnlich schwierigen Bedingungen stattgefunden haben muss, wie sie die Hauptfigur durchlebt. Aber auch, wenn dem nicht so gewesen sein sollte: Chapeau an die Kamera-Crew, denn „Meander“ sieht aus Sicht des Publikums rechtschaffen eng und klaustrophobisch aus. Wenn für’s Filmen ausreichend Platz vorhanden gewesen ist, sieht man das dem Endprodukt jedenfalls nicht an, was ein Zeichen für das handwerkliche Geschick aller Beteiligten ist.

Erzählung ist nicht Fisch, nicht Fleisch.

Ich möchte den Vergleich mit „Cube“ eigentlich nicht überstrapazieren, an dieser Stelle muss ich aber doch noch einmal darauf zurückgreifen: Einer der ganz großen Vorzüge des Werks von Regisseur Vincenzo Natali war – neben der schlichten Eleganz – seine reduzierte Story. Heißt: Der Film war auch deshalb so speziell, weil an keiner Stelle klar gesagt oder gar gezeigt wurde, was der titelgebende Würfel eigentlich ist, welchen Sinn er hat und wer dahinter steckt. Eine Auflösung der Situation gibt es bis zum Schluss nicht, was im ersten Moment geradezu unerträglich und so in der Filmgeschichte bis dahin auch mehr oder minder beispiellos gewesen ist.

Bei „Meander“ ist das etwas anders, denn hier gibt es ein „Draußen“, dass wir auch gleich zu Beginn des Films zu Gesicht bekommen. Und hier gibt es auch eine Hintergrundgeschichte zu den Charakteren. Kann man so machen, zumal die erste Hälfte der Laufzeit, vielleicht sogar etwas länger, weitgehend unklar bleibt, wozu das Labyrinth eigentlich dient. Konsequent durchgezogen wird das allerdings nicht, denn im weiteren Verlauf wird man von „Meander“ schon darauf hingestoßen, wer oder was für die Situation verantwortlich sein könnte. Das mag die Neugier im Gegensatz zum fast komplett offenen „Cube“ zwar stärker befriedigen, einen richtigen Gefallen tut sich Regisseur Mathieu Turi damit meines Erachtens aber nicht. Denn wie so oft ist das Grauen weit weniger schlimm, wenn man es zu Gesicht bekommt. Hier führt das auch dazu, dass der Film im weiteren Verlauf mehr von Action und Ekel lebt, als von der vorher aufgebauten, verstörenden Szenerie. Schade, vielleicht aber auch verständlich – denn hätte der Regisseur das anders gemacht, müsste man zu Recht von einer „Cube“-Kopie sprechen.

So oder so muss man letzten Endes leider konstatieren, dass „Meander“ mit seinen eigenen Erklärungen nicht richtig zurande kommt. Die Story will tiefgründig wirken, scheint mir aber fast als Alibi für die Situation als solche zu fungieren. Zum Ende hin läuft sie dann komplett aus dem Ruder, sodass man erst Recht nicht weiß, was genau passiert und was davon zu halten ist. Dass das alles nicht so richtig funktioniert, liegt meiner Meinung nach daran, dass sich Turi nicht entscheiden konnte, ob sein Film von Andeutungen leben oder doch ausformuliert sein soll. So macht er leider keines von beiden richtig, was dazu führt, dass „Meander“ am Ende weder Fisch noch Fleisch ist.

Schade – denn wie gesagt ist die Situation als solche schon bedrückend und angsteinflößend. Als Schlusspunkt wäre halt eine bessere (oder besser gar keine) Auflösung angesagt gewesen. Dann hätte es auch für eine höhere Wertung gereicht.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Méandre.
Regie:
Mathieu Turi
Drehbuch: Mathieu Turi
Jahr: 2020
Land: Frankreich
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Gaia Weiss, Peter Franzén



FilmWelt: ARQ

An diese Stelle hätte ich im Wesentlichen den Text kopieren können, den ich in meiner Rezension zu „TAU“ (2018) als Einleitung geschrieben habe. Denn auch „ARQ“ (2016) ist so ein Werk, das mir beim gelangweilten Durchsehen meiner Netflix-Empfehlungen offenbar stark genug aufgefallen ist, um es meiner Watchlist hinzuzufügen. So etwas passiert bei mir ja recht schnell und hat zur Folge, dass jene Liste (und ihre Pendants bei anderen Diensten) zum Bersten gefüllt und damit alles andere als eine Entscheidungshilfe ist. Noch schlimmer: Trotz chronischen Zeitmangels zwingt mich die Liste sozusagen, Filme anzusehen, bei denen schon zu erahnen ist, dass sie unter „das war wohl nix“ fallen würden. „ARQ“ ist allerdings eine löbliche Ausnahme von dieser Regel.

Gesamteindruck: 5/7


Und täglich grüßt… der Tod.

Die Ähnlichkeit zwischen „TAU“ und „ARQ“ beschränkt sich übrigens nicht nur auf den in Versalien geschriebenen 3-Buchstaben-Titel. Beide Filme sind von Netflix produziert und spielen in einem einzigen Haus und drehen sich um ein klassisches Science Fiction-Phänomen: „TAU“ ist mit der Frage nach dem Wesen künstlicher Intelligenz näher an unserer Zeit, „ARQ“ nimmt sich mit der Zeitreise einem Thema an, das (noch?) keine Entsprechung in der Gegenwart hat. Mehr Gemeinsamkeiten gibt es allerdings nicht – sieht man davon ab, dass beide Filme andeutungsweise in einer dystopischen Zukunft zu spielen scheinen, was aber weder hüben noch drüben erschöpfend behandelt wird.

Worum geht’s?
Nur Sekunden, nachdem Renton aufgewacht ist, stürmen bewaffnete Männer sein Schlafzimmer, reißen ihn aus dem Bett und zerren ihn durch die Tür. Als sich der Überraschte zu wehren beginnt, stürzt er, bricht sich das Genick und… erwacht wieder in seinem Bett. Bevor er der neben ihm liegenden Hannah auseinandersetzen kann, was passiert ist – oder ob es nur ein Traum war – passiert es erneut: Bewaffnete dringen gewaltsam ins Schlafzimmer ein und nehmen ihn mit… wieder kommt Renton ums Leben, wieder erwacht er in seinem Bett und langsam dämmert ihm, dass diese merkwürdigen Ereignisse mit dem ARQ, einer von ihm erfundenen Maschine, zu tun haben könnten…

Die Suche nach möglichen Vorbildern für „ARQ“ fällt leicht: Hier ist z. B. ganz viel von „Und täglich grüßt das Murmeltier“ drin – oder, wenn man es etwas ernsthafter haben möchte, von der „Star Trek – The Next Generation“-Folge „Déjà Vu“. Die kam übrigens 1992, also noch ein Jahr vor der denkwürdigen Komödie mit Bill Murray, was zwar nichts mit „ARQ“ zu tun hat, mir bis vor wenigen Minuten aber überhaupt nicht bewusst war. Interessant. Zu genannten Werken könnte man ferner, um eine etwas neuere Variante zu nennen, „Edge of Tomorrow“ (2014) hinzufügen.

Es geht hier also, wie unschwer zu erkennen sein sollte, um das die Zeitschleife, eine spezielle Form der Zeitreise. Im Wesentlichen dreht sich alles darum, dass die Protagonist:innen in scheinbar endloser Wiederholung die immer gleiche Sequenz von Ereignissen durchleben. Dass sich die Charaktere entweder sofort oder nach und nach an vorangegangene Schleifen erinnern können und dieses Wissen nutzen, um die Ereignisse zu manipulieren, macht einen Teil der Faszination dieser Prämisse aus. Ziel ist es in der Regel, den Teufelskreis zu durchbrechen, was entweder gelingt, indem sich die Protagonist:innen selbst hinterfragen und zu einem besseren Individuum werden („Und täglich grüßt das Murmeltier“), indem sie eine Katastrophe verhindern („Déjà Vu“) oder eine andere, oft technische Lösung finden, indem sie z. B. die Zeitmaschine vernichten und damit die Welt wieder gerade rücken. Letzteres ist meines Erachtens das, was in „ARQ“ versucht wird, wobei der Film in dieser Hinsicht eher vage bleibt – aber dazu weiter unten mehr.

Was vorliegenden Titel von den mir bekannten Beiträgen zur Zeitschleifen-Problematik unterscheidet, hat vor allem mit der Perspektive zu tun, die ich so noch nicht häufig (oder gar nicht) gesehen habe: Regisseur und Drehbuchautor Tony Elliot („ARQ“ ist der erste Langfilm des Serien-Spezialisten) gestaltet den Blickwinkel variabel. Das heißt, dass wir in der einen oder anderen Iteration zu sehen bekommen, was die Antagonisten machen, denen im Laufe der Handlung ebenfalls bewusst wird, sie immer wieder die gleichen Ereignisse erleben. Daraus ergeben sich trotz des naturgemäß repetitiven Charakters von „ARQ“ sehr interessante Differenzen in der gleichen Geschichte, was mir ungemein gut gefallen hat und eine erfrischende Neuerung in einem im Laufe der Jahre recht häufig beackerten Feld darstellt.

Ein starkes Drehbuch.

Aber auch abseits dieses Alleinstellungsmerkmals ist „ARQ“ stark, denn das Drehbuch hält jede Menge Twists parat, die nicht in jedem Fall mit der Zeitschleife zu tun haben, sondern vor allem in den Charakteren liegen. Ohne zu viel zu verraten: Das anfangs simpel wirkende Schema von Gut und Böse verschwimmt im Laufe der Handlung zusehends, was dem Film ein zusätzliches Spannungselement verleiht; man weiß nie so richtig, was einen in der nächsten Schleife erwartet. Das hätte ich so nicht erwartet, weil „ARQ“ ja eigentlich so aufgebaut ist, dass man meint, es ginge „nur“ darum, aus dieser Situation zu entkommen. Das ist aber nur ein Aspekt der Handlung, während sich der Rest in Thriller-Manier mit Täuschung und Verrat beschäftigt, was den Film letztlich doch recht deutlich von seinen Genregenossen abhebt.

Was mir außerdem sehr gut gefällt, ist die Art und Weise, wie der Film seine eigene Story konstruiert bzw. im Laufe der Schleifen re-konstruiert. Das wirkt auf mich sehr durchdacht und so, als hätte der Regisseur ganz genau gewusst, was er da tut. Dafür nimmt er anfangs sogar Frustmomente im Kauf – denn während z. B. „Und täglich grüßt das Murmeltier“ Story und Charaktere von Beginn an klar umreißt, erschließen sich die Gegebenheiten bei „ARQ“ schrittweise und nicht zwingend chronologisch. Heißt: In den ersten zwei, drei Szenen versteht man teilweise überhaupt nicht, worum es geht und wer die Figuren auf dem Schirm eigentlich sind. Eine mutige Entscheidung, die sich im Endeffekt aber lohnt, weil es durchaus befriedigend ist, wie die Puzzleteile nach und nach an ihren Platz fallen.

Was bei den Pluspunkten auch nicht unerwähnt bleiben sollte: „ARQ“ wurde zwar von Netflix produziert, das Budget war aber vergleichsweise gering. Der Großteil des Films spielt in einem einzigen Haus; dort fällt der budgetäre Aspekt nicht allzu sehr ins Gewicht, sieht man von (sehr seltenen) Splatter-Szenen ab, die etwas billig wirken (per se aber ganz gut zum Film passen). Gegen Ende hin geht es auch mal nach draußen, wo man zu Gesicht bekommt, was bis dahin nur in Dialogen angedeutet wurde: „ARQ“ spielt nach einer nicht näher genannten, weltweiten Katastrophe. Klar, dass die Machart des Films die Spannung, wie das Draußen wohl aussehen würde, in schwindelerregende Höhen treibt. Was man dann zu sehen bekommt, ist eher unspektakulär, ich denke aber, dass die Optik für die Mittel, die für diesen Film aufgewendet wurden, vollkommen in in Ordnung ist. Abgesehen davon ist hier die Handlung ohnehin wichtiger.

Ein paar Erklärungen zu wenig.

Ein bis dato unerkanntes Meisterwerk ist „ARQ“ trotz der genannten Vorzüge allerdings nicht. Dass Hauptdarsteller Robbie Amell mehr an einen Action-Helden als an einen genialen Wissenschaftler erinnert, ist zwar kein Beinbruch, stört die Atmosphäre aber tatsächlich ein wenig (seine Ex-Freundin Hannah wird hingegen sehr passend von Rachael Taylor verkörpert). Was mich hingegen wirklich gewurmt hat: „ARQ“ unternimmt nicht einmal den Versuch, zu erklären, wie die Zeitschleife eigentlich funktioniert. Man bekommt zwar ein recht billig aussehendes, merkwürdiges Gerät zu Gesicht, das wohl eine Art Perpetuum mobile sein soll, was es damit aber auf sich hat, muss man sich selbst zusammenreimen.

Ich verstehe schon, dass das nicht der Fokus der Handlung ist – ein wenig mehr „Fleisch“ hätte dem Film an dieser Stelle aber nicht geschadet. Hinzu kommen gewisse logische Ungereimtheiten – so laufen beispielsweise Uhren mit Fortdauer des Films sichtbar schneller, was meines Erachtens aber nicht von den Charakteren bemerkt werden dürfte, wenn die sich weiterhin in normaler Geschwindigkeit durch den Raum bewegen. Kleinlich? Mag sein, aber dadurch, dass es hier – im Gegensatz zu „Und täglich grüßt das Murmeltier“ – eine eindeutige, technische Komponente gibt, die den Zeitsprung auslöst, hätte ich mir dazu auch eine gewisse Pseudo-Wissenschaftlichkeit gewünscht.

Einen Punkt möchte ich noch ansprechen, bevor ich zum Fazit komme: Den Schluss von „ARQ“ fand ich enttäuschend. Um es deutlich zu sagen: Es wirkt, als hätte schlicht und ergreifend niemand eine Idee gehabt, wie man die Story vernünftig zu Ende führen soll. Ein Happy End war angesichts des allgemeinen Tenors wohl zu Recht keine Option, sodass man sich für eine zweitschlechteste Alternative entschieden hat: Das Ende ist offen, es geht also alles wieder von vorne los – ob das nun besser oder schlechter als die auf unterschiedliche Weisen aufgelösten Zeitschleifen anderer Werke ist, sei dahingestellt; meinen Geschmack hat es jedenfalls nicht getroffen, weil es sich merklich nach einer Verlegenheitsoption anfühlt.

Fazit: Sehenswert.

Ich würde „ARQ“ trotz der genannten Schwächen allen empfehlen, die eine Vorliebe für das Konzept der Zeitreise und ihrer Konsequenzen haben. Wie sehr die fehlende Wissenschaftlichkeit fehlt, hängt meines Erachtens stark vom persönlichen Geschmack ab. Ich gebe jedoch zu bedenken, dass mir selbst solche Dinge in der Regel sehr wichtig sind, ich „ARQ“ aber trotz ihrer Abwesenheit als spannend und unterhaltsam empfunden habe. Wer nicht so viel Wert darauf legt, alles möglichst lückenlos erklärt zu bekommen, wird an dieser Stelle ohnehin keine Probleme mit dem Film haben und erlebt einen spannenden Thriller, in dem nichts so ist, wie es anfangs scheint. Das dürfte sogar funktionieren, wenn man mit der Zeitschleifen-Thematik nicht warm wird, weil der Regisseur es meines Erachtens völlig unabhängig davon schafft, eine interessante und überraschende Geschichte zu erzählen.

Größter Wermutstropfen ist das Finale. Das ist eigentlich sogar recht konsequent, dennoch hinterlässt es das Publikum eher ratlos, weil das Gefühl dominiert, alles, was die Charaktere zuvor erlitten haben, wäre sinnlos gewesen. Ob das in diesem Ausmaß gewollt war, wage ich nicht zu beurteilen. So oder so: „ARQ“ ist definitiv sehenswert und hätte mit einem etwas … naja… „besseren“ Finale (was auch immer das heißen mag) mindestens einen Punkt mehr bekommen. Aber auch so sollten Science Fiction-Fans unbedingt einen Blick riskieren – es lohnt sich.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: ARQ.
Regie:
Tony Elliott
Drehbuch: Tony Elliott
Jahr: 2016
Land: USA, Kanada
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Robbie Amell, Rachael Taylor, Shaun Benson, Gray Powell, Adam Butcher



FilmWelt: TAU

„TAU“ (2018) gehört zu jener Sorte Filme, die man nach einem beiläufigen Blick auf die Inhaltsangabe auf die Watchlist gibt. Dort setzt er dann – gemeinsam mit hundert ähnlichen Werken – sprichwörtlichen Staub an, bis man sich irgendwann doch zu einer Sichtung aufrafft und oft genug eine Enttäuschung erlebt. Inwiefern das in vorliegendem Fall zutrifft, versuche ich im Folgenden herauszuarbeiten.

Gesamteindruck: 2/7


Mensch und Maschine gegen Mensch.

Es ist kein neues Terrain, auf das sich Regisseur Federico D’Alessandro und Drehbuchautorin Noga Landau mit „TAU“ begeben. Moment, wer? Gute Frage, ich musste auch erst recherchieren… In aller Kürze: Der Name D’Alessandro ist (im Gegensatz zu Landau) zumindest mit großen Produktionen assoziiert. So hat unser Mann beispielsweise an Filmen wie „I Am Legend“ (2007), „Bird Box“ (2018) und einer stattlichen Zahl von Blockbustern aus dem Marvel-Universum mitgewirkt. Allerdings, und das ist die Crux und mithin der Grund, wieso mir der Name nicht geläufig war: D’Alessandro ist kein gelernter Regisseur, sondern in der Regel für das „storyboard“ verantwortlich, also für die grobe, visuelle Konzeption von Filmszenen. Eine wichtige Aufgabe, allerdings keine, die mit den Herausforderungen, denen sich ein Regisseur stellen muss, vergleichbar ist. Das schon mal zur Orientierung und Einordnung dessen, was ich in weiterer Folge über „TAU“ zu sagen habe.

Worum geht’s?
Julia, eine Kleinkriminelle, die sich mit Diebstählen und Hehlerei über Wasser hält, wird entführt und findet sich unversehens in einem futuristischen Haus wieder. Dessen Eigentümer Alex braucht Versuchskaninchen für ein nicht näher genanntes Projekt, das irgend etwas mit der Entwicklung künstlicher Intelligenz zu tun hat. In Abwesenheit ihres Entführers soll Julia, beaufsichtigt vom intelligenten und mit Emotionen ausgestatteten Computer TAU, verschiedene Aufgaben und Tests bestehen. Zunächst bleibt ihr nichts übrig, als sich zu fügen – bis sie eine Möglichkeit findet, das Vertrauen der Maschinenintelligenz zu gewinnen und sich mit ihm gegen Alex zu verbünden…

Auf dem Papier klingt die Prämisse von „TAU“ nicht schlecht, stellt sie doch die Frage nach dem Wesen von Intelligenz und der Bedeutung von Emotionen für Mensch und Maschine. Dieses Thema ist ein Klassiker der Science Fiction und angesichts jüngster Entwicklungen so aktuell wie nie zuvor in der Geschichte. So gesehen ist es auch kein Wunder, dass „TAU“ inhaltlich an Werke wie „2001: Odyssee Im Weltraum“ (1968), dessen Hommage „Dark Star“ (1974) und die eine oder andere Folge diverser Science Fiction-Serien (z. B. „Computer M5“ aus „Raumschiff Enterprise“) erinnert. In jüngerer Zeit stellten beispielsweise „Ex Machina“ (2015) oder, allerdings erst nach „TAU“, „I Am Mother“ (2019) ähnliche Themen zur Diskussion.

Diese Referenzen weisen darauf hin, was „TAU“ anhand seiner Prämisse hätte sein können. Leider – und damit nehme ich das Fazit vorweg – hinterlässt der Film im Gegensatz zu seinen vermeintlichen Vorbildern keinen bleibenden Eindruck. Er stellt zwar indirekt, also aus der Handlung heraus, wichtige Fragen, eine tiefschürfende Beantwortung, die uns neue Erkenntnisse bringen könnte, bleibt er jedoch schuldig. Letzten Endes muss man sogar konstatieren, dass es schwierig ist, eine Aussage über den Sinn dieses Films zu treffen. Ein ziemlich vernichtendes Urteil, das ich in weiterer Folge zu erklären versuche.

Thema verfehlt.

„TAU“ enttäuscht auf mehreren Ebenen. So wirkt der Film beispielsweise auf mich, als hätte der Regisseur zwei Ideen gehabt: Einerseits sollte es um die Psychologie einer Entführung gehen, andererseits musste „irgendwas mit künstlicher Intelligenz“ rein; letzteres vielleicht als Reminiszenz an genannte Klassiker oder um brennende Fragen unserer Zeit zu diskutieren – ich weiß es nicht. Diese beiden Gedanken miteinander zu verbinden ist jedenfalls nicht so weit hergeholt und eine legitime Herangehensweise, die aber leider maximal im Aufbau des Films halbwegs funktioniert. Nach der Einführung der Grundidee und der ersten Vorstellung der Charaktere geht „TAU“ relativ schnell die Luft aus.

Ein Grund dafür ist, dass die Verantwortlichen sich offenbar nicht sicher waren, auf welche Weise sie die Gefahren überhaupt thematisieren sollen, die der Menschheit drohen könnten, wenn Maschinen intelligent und emotional werden. Mit anderen Worten: Die Frage nach dem Umgang mit künstlicher Intelligenz wirkt fast schon vorgeschoben und wie eine Art Anhängsel zur eigentlich favorisierten Entführungsgeschichte, die sich im Laufe des Films zu einer Art Romanze entwickelt.

Denn genau das passiert: Julia wird entführt, zeigt sich in Gefangenschaft zunächst widerspenstig, besinnt sich dann aber darauf, das Vertrauen ihrer Peiniger zu gewinnen, um so zu entkommen. Mit dem Einen gelingt ihr das nicht, zum Anderen kann sie schließlich tatsächlich eine Beziehung aufbauen. Das wiederum löst Streit unter den Schurken aus – was zu einem Finale führt, das ähnlich vorhersehbar ist, wie der eben beschriebene Rest. Einzige Besonderheit: Einer der Gegenspieler ist kein Mensch, sondern ein Computer – und ausgerechnet der lässt sich zu emotionalem Handeln hinreißen, während sein menschlicher Schöpfer kalt wie eine Maschine agiert. Theoretisch mag das nach einem interessanten Setting klingen, in Wirklichkeit ist es aber eine Themenverfehlung, weil der Film für mein Dafürhalten etwas Anderes verspricht.

Doch auch, wenn ich die Intention von „TAU“ fehlinterpretiert hätte, hat der Film mit ganz grundsätzlichen Schwächen zu kämpfen. So kommt das Drehbuch recht spannungsarm, teils unlogisch und auch lückenhaft daher: Was ist beispielsweise der Zweck der Experimente von Alex? Wie ist es möglich, „Schmerz“ bei einem Computer auszulösen? Warum kann eine allmächtige KI, die schreit, wenn man ihr „weh“ tut, zwar Geheimnisse für sich behalten, aber keine Türen öffnen? Überhaupt wirkt das Verhalten des Computers TAU häufig unglaubwürdig, auch dann, wenn man ihm eine Intelligenz unterstellt, die über das hinausgeht, was aktuelle Rechner leisten können. Nichts von alledem wird sinnvoll erläutert, sodass auch in dieser Hinsicht definitiv ein schaler Nachgeschmack bleibt. Auch wenn ich mich wiederhole: Es wirkt, als wäre das, was später zur künstlichen Intelligenz TAU werden sollte, ursprünglich für einen menschlichen Charakter geschrieben gewesen, der sich erst sträubt und schließlich nach und nach von seinem eigentlichen Opfer einlullen lässt.

Lustlose Darsteller:innen.

„TAU“ wird im Wesentlichen von drei Figuren bestimmt: Julia, gespielt von Maika Monroe, Antagonist Alex, den Ed Skrein darstellt – und, irgendwo zwischen diesen beiden Polen, der Computer TAU, gesprochen vom großartigen Gary Oldman. Ich würde das, abgesehen vielleicht von Skrein, eine durchaus passable Besetzung nennen, die der Regisseur allerdings nicht zu nutzen vermag. Einerseits, weil es ihm offenbar nicht gelungen ist, seine Schauspieler:innen richtig zur Arbeit zu motivieren: Weder Monroe noch Skrein legen meines Erachtens irgendeine Form von Leidenschaft in ihre Darbietung. Wer nun argumentiert, dass speziell der Bösewicht kalt und unnahbar sein muss, hat grundsätzlich schon recht – nur löst das fast schon gelangweilt wirkende Spiel von Ed Skrein keinerlei Emotionen bei mir aus. Weder finde ich ihn auch nur ansatzweise sympathisch, noch ist er einer dieser Schurken, die so gemein sind, dass man sie einfach hassen muss. Er ist schlicht und einfach nichtssagend, genau wie sein weiblicher Konterpart. Gary Oldman kann das auch nicht rausreißen, im Gegenteil: Durch die sanfte Emotionalität, die er – bzw. sein Synchronsprecher, das Original kenne ich nicht – in die Stimme von TAU legt, geht der KI völlig die berechnende Kälte einer Maschine ab, die in ähnlichen Filmen immer unbewusst mitschwingt. Ein bedrohlicher Computer ist TAU jedenfalls nicht, was wiederum an der Glaubwürdigkeit des gesamten Films rüttelt.

Doch auch, wenn die Schauspieler:innen recht lustlos agieren, würde ich ihnen nicht die Schuld an der mageren Wertung für „TAU“ geben. Viel gravierender sind – neben genannten inhaltlichen Schwächen – die für sie geschriebenen Dialoge, die sich nahtlos in die Oberflächlichkeit des Gesamwerks einreihen. Die Gespräche zwischen TAU und Julia sind anfangs noch halbwegs interessant und bieten auch eine gewisse Spannung (schafft sie es, den Computer auf ihre Seite zu ziehen?). Im Laufe der Handlung verflachen sie jedoch zusehends, wiederholen sich und sind kaum geeignet, das Interesse aufrecht zu erhalten. Eine wichtige Aussage vermag ich darin – wie auch im restlichen Film – kaum zu finden. Der Vollständigkeit halber sei abschließend erwähnt, dass das gelegentliche Geplänkel zwischen Alex und Julia bestenfalls Standard ist, den man, wie den Großteil der Handlung, aus praktisch jeder Entführungsgeschichte kennt.

Was bleibt als Fazit? Zunächst einmal mehr die Erkenntnis, dass Netflix-Produktionen oft stark fotografiert und sehr stylisch sind (so auch dieses Werk), über gute Effekte verfügen und sich in der Besetzung nicht vor anderen Titeln verstecken müssen. Gleichzeitig sind sie inhaltlich oft deutlich schwächer, als man erwarten würde – und das ist eben auch bei „TAU“ der Fall. Wenn man es ganz genau nimmt, macht der Film aus seiner Prämisse praktisch nichts, denn, brutal gesagt: Es hätte für die Handlung so gut wie nichts geändert, wenn statt einer künstlichen Intelligenz zwei menschliche Entführer am Werk gewesen wären. Heißt: Der Film „TAU“ hätte mit geringfügigen Änderungen auch ohne den Computer TAU funktioniert. Und das ist eigentlich ein verheerendes Zeugnis, dass sich letztlich auch in der Wertung niederschlagen muss.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: TAU.
Regie:
Federico D’Alessandro
Drehbuch: Noga Landau
Jahr: 2018
Land: USA
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Maika Monroe, Ed Skrein, Gary Oldman



FilmWelt: Nerve

„Nerve“ (2016) ist eine Adaption eines gleichnamigen Romans, der 2012 veröffentlicht wurde. Die Idee, die dahinter steckt ist zwar nicht völlig neu: Bereits 1997 hatte „The Game“, u. a. mit Michael Douglas und Sean Penn, eine ähnliche Prämisse. „Nerve“ adaptiert diesen Stoff sehr clever und passt ihn so an, dass er den seit einigen Jahren herrschenden Trend zur Exposition in den Sozialen Medien voll und ganz trifft. Dazu passt auch die optische, technische und schauspielerische Umsetzung, die vor allem auf Action und Tempo setzt, in der aber trotz aller Leichtigkeit die Warnung vor gewissen Zuständen unserer Zeit ebenfalls Platz findet.

Gesamteindruck: 5/7


Die Zeit, in der wir leben.

Dass es in jüngerer Zeit verstärkt Tendenzen gibt, das komplexe Themengeflecht im Umfeld der Sozialen Medien filmisch zu thematisieren ist nicht verwunderlich: Kaum ein Bereich bestimmt das Leben junger und nicht mehr ganz so junger Menschen aktuell in diesem Ausmaß. Und: Es mag durchaus schöne Seiten diese Phänomens geben – für mein Gefühl überwiegen aber die Probleme, die daraus entstehen. Das scheinen u. a. auch viele Medienschaffende so zu sehen, wie man an Beiträgen wie „CAM“ (2018), „Follow Me“ (2020) und – vor allem – diversen Folgen von „Black Mirror“ (2011-2019) deutlich erkennen kann.

Worum geht’s?
„Nerve“ ist ein illegales Spiel für moderne Gladiator:innen: Wer sich als „Player“ anmeldet und die gestellten Herausforderungen annimmt, kann damit Geld verdienen und zum gefeierten Internet-Star werden. Denn die Bewältigung der Challenges wird einem voyeuristischen Publikum, den „Watchern“, direkt auf ihr Smartphone oder Tablet geliefert. Der Haken: Neben vermeintlich leichten und harmlosen Aufgaben nimmt man immer wieder auch an kriminellen, riskanten, oft sogar lebensgefährlichen Handlungen teil, um die sensationslüsternen Watcher bei der Stange zu halten. Und: Ist man einmal als Player dabei, gibt es kaum noch ein Zurück, wie auch Mauerblümchen Vee auf der Suche nach Geld und Anerkennung feststellen muss…

Die Story von „Nerve“ mag für ältere Semester unglaublich klingen. Wer aber auch nur ein bisschen verfolgt, was sich heute im Netz tut, wird sich eher fragen, ob die Handlung wirklich frei erfunden ist. Denn 2014 gab es beispielsweise die „Ice Bucket Challenge“, die anschaulich zeigte, wie Menschen dazu gebracht werden, vor einem Millionenpublikum eine Handlung durchzuführen, die in früheren Zeiten maximal der engste Freundeskreis beobachtet hätte. Immerhin ging es dabei aber um einen guten Zweck und (hoffentlich) ist dabei auch niemand zu Schaden gekommen. Anders bei der um 2018 erstmals in größerem Stil aufgetauchten „Tide Pod Challenge“: Bei diesem wohl am ehesten als Mutprobe zu bezeichnenden Internet-Phänomen nahmen (vorwiegend) Jugendliche vor laufender Kamera Waschmittel-Pods zu sich – was für den einen oder die andere mit einem Besuch im Krankenhaus geendet haben dürfte.

Diese zwei Beispiele zeigen, dass man „Nerve“ beim besten Willen nicht unterstellen kann, eine unglaubwürdige Geschichte zu erzählen. Im Gegenteil: Man wundert sich, dass das hier vorgestellte, freilich höchst fragwürdige, Geschäftsmodell bis dato nicht existiert. Oder gibt es so etwas wie „Nerve“ vielleicht schon irgendwo in den Abgründen des Internets – und wir wissen es nur (noch) nicht? Ich würde es zumindest nicht ausschließen wollen…

Inhaltlich braucht „Nerve“ rund 30 Minuten, um seine Charaktere einzuführen. Das gelingt auf relativ spielerische Art und sollte eigentlich den Großteil des Publikums (nicht nur die Influencer und YouTuber) ansprechen. Durchaus launig und unterhaltsam werden die Rollen vorgestellt, wobei es im Wesentlichen nur drei halbwegs detailliert gezeichnete Figuren gibt. Nach den ersten Challenges, die den Zuseher:innen (und auch den Charakteren) ein Gefühl für das Spiel geben, wird aus locker-flockiger Unterhaltung plötzlich bitterer Ernst. Ab hier gewinnt der Film deutlich an Spannung und Tiefgang – zumindest so lange er sich um die in meiner Vorstellung eigentlich zentrale Frage „Wie weit würdest du gehen?“ dreht. Das dürfte den Verantwortlichen dann aber, vermutlich der Vorlage geschuldet, ein bisschen zu wenig gewesen sein, sodass zum Schluss nicht nur der Ausbruch aus dem Spiel, sondern auch dessen Zerstörung zum Thema wird, was der Glaubwürdigkeit meines Erachtens schadet.

Kein tolles Finale.

Überhaupt möchte ich eben jenes Finale an dieser Stelle kritisieren: Eine ausgesprochen moralisierende Rede ist offenbar das Mittel der Wahl, um nicht die Macher:innen des Spiels, sondern dessen voyeuristische Zuseher:innen in die Pflicht zu nehmen. Die Intention mag nobel sein – ich persönlich halte das aber für keine gute Idee, allein schon, weil es dafür notwendig ist, die „Watcher“ an einem Ort zu versammeln, was die bis dahin geltenden Konventionen des Films konterkariert. Ohne Live-Publikum, das auch physisch anwesend ist, wäre eine derartige Rede aber nicht denkbar und schon gar nicht wirkungsvoll, sodass man um diesen Kniff wohl nicht herumgekommen ist.

Dabei wäre der Schluss per se sogar gut geschrieben: Das Spiel endet erst dann, wenn wirklich jemandem etwas passiert. Nur bleibt es dabei nicht – im Gegenteil, „Nerve“ hat ein richtiges happy end, was den Film tatsächlich einen Punkt in der Gesamtwertung kostet. Auch, weil er, um das überhaupt umzusetzen ebenfalls eine weitere fragwürdige Entscheidung in Sachen Glaubwürdigkeit treffen muss, indem er ein paar Nerds dieses hochprofessionell organisierte Spiel hacken lässt, ohne auch nur ansatzweise zu erklären, wie das überhaupt funktionieren soll. Schade – denn das wirkt deutlich einfallsloser, als ich es mir nach dem bis dahin Gesehenen erhofft hätte.

Technisch sehr stark.

Abschließend noch ein Wort zur technischen Seite: Für mein Gefühl schaffen die Regisseure Henry Joost und Ariel Schulman es praktisch perfekt, die Prämisse des Films jederzeit sichtbar zu halten. Alles an „Nerve“ wirkt zeitgemäß und modern: Von Anfang an stechen optische Spielereien wie eingeblendete Emojis, Chatfenster, bunte Wegweiser, verwackelte, durchs Smartphone gefilmte Szenen, aber auch die Kameraführung per se sowie der schnelle Schnitt hervor. Gemeinsam mit dem poppigen Soundtrack und den teils schnell gesprochenen Dialogen fühlt man sich zeitweise tatsächlich eher wie jemand, der/die die Kandidat:innen durch sein Smartphone bei ihren Challenges beobachtet. Genau das dürfte auch das Ziel gewesen sein, weil es dem realen Publikum den Eindruck vermittelt, in der moralisch höchst fragwürdigen Position des „Watchers“ zu sein. Das funktioniert grundsätzlich gut, wobei man nicht unerwähnt lassen sollte, dass „Nerve“ kein komplett mit Handkameras gedrehter Film ist, sondern schon auch traditionelle Szenen bietet. Ich denke aber, dass den Regisseuren hier eine sehr starke Mischung gelungen ist.

Erwähnenswert am Ende: Den Soundtrack habe ich oben als poppig beschrieben. Das ist an und für sich schon Geschmackssache – in „Nerve“ kommt hinzu, dass die Musik teilweise alles zuzukleistern scheint, was manche (also ich…) schon als störend empfinden könnten. Ähnliches gilt für die Dialoge, die dem Thema zwar angemessen sind, die man aber erst einmal verkraften muss.

Hauptkritikpunkt ist und bleibt allerdings das ziemlich süßliche Finale, mit dem ich so gar nichts anfangen konnte und das meines Erachtens ohne Not und eigentlich auch überhaupt nicht angebracht gewisse „alles halb so schlimm“-Vibes zu versprühen scheint. Schade drum, ohne dieses Ende hätte es eine höhere Punktezahl geben können – ein unterhaltsamer Film zu einem hochaktuellen Thema ist „Nerve“ aber allemal.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Nerve.
Regie:
Henry Joost, Ariel Schulman
Drehbuch: Jessica Sharzer
Jahr: 2016
Land: USA
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Emma Roberts, Dave Franco, Juliette Lewis, Emily Meade, Miles Heizer