FilmWelt: The Hunt

Die Inhaltsangabe von „The Hunt“ (2020) lässt vermuten, dass hier ein altbekanntes Thema aufgegriffen wird: Menschen, die meinen, außerhalb des Gesetzes zu stehen, machen Jagd auf weniger Privilegierte. „Battle Royale“ (2000), „Hostel“ (2005) und die Serie „Squid Game“ (seit 2021) wären prominente Beispiele für Geschichten, die in diese Richtung gehen. Und „The Hunt“ beinhaltet auch tatsächlich eine ganze Reihe klassischer Genre-Motive. Sehenswert ist der Film aber dennoch – denn wie sich bereits nach wenigen Minuten herausstellt, bricht er gleichzeitig mit vielen Konventionen und birgt Überraschungen am laufenden Band.

Gesamteindruck: 6/7


Wer jagt wen?

Es ist gar nicht so leicht, eine Rezension zu „The Hunt“ einigermaßen spoilerfrei zu gestalten – ein so immanenter Bestandteil dieses Films sind seine Twists. Was man jedenfalls konstatieren kann: Nichts ist so, wie es scheint – nicht einmal, wer der Held oder die Heldin ist, erfährt man auf konventionelle Weise. Und, was noch unstrittig ist: Dieser Film legt ein gewaltiges Tempo vor und schreckt von Anfang an nicht vor expliziter Brutalität zurück. Letzteres hat, in Verbindung mit einer realen Gewaltwelle die in den USA just zu den ersten Ankündigungen des Films stattfand, dafür gesorgt, dass „The Hunt“ ein Jahr später als geplant veröffentlicht wurde (und kein US-Kino von innen gesehen hat). Übertrieben? Mag sein – aber auch ein Zeichen der Zeit, in der wir leben.

Worum geht’s?
Ist es nur eine urbane Legende, ein Scherz oder ein Internet-Phänomen? Angeblich soll sich „die Elite“ regelmäßig treffen, um Jagd auf Menschen zu machen. Und tatsächlich wacht eine Gruppe von Personen, die einander nicht kennen und die nicht wissen, wie ihnen geschieht, geknebelt irgendwo in einem Feld auf. In einer Kiste gibt es neben einem lebendigen Ferkel (!) diverse Waffen zu finden. Die werden auch dringend gebraucht, denn die Menschenhatz geht ohne Umschweife los…

„The Hunt“ startet mit dem üblichen, leicht mysteriösen Vorgeplänkel, in dem einige Charaktere vorgestellt (naja, eher: grob umrissen) werden. Bereits hier geht es sehr brutal zur Sache; am Ort des Geschehens angekommen, dauert es gefühlt nur Sekunden, bis das erste Opfer völlig unerwartet durch einen Kopfschuss niedergestreckt wird. Blut und Hirn spritzen durch die Gegend – und man fragt sich als Zuseher:in, was man hier gerade gesehen hat. Lange kann man nicht überlegen, denn es geht wirklich Schlag auf Schlag und schon nach rund 15 Minuten fragt man sich, wie der Film überhaupt weitergehen soll – denn bereits zu diesem frühen Zeitpunkt sind haben sich die Reihen dermaßen gelichtet, dass man fast schon beim „final girl“ angekommen scheint.

Opfer-Täter-Umkehr (oder so ähnlich?).

Dabei hat man erst der Anfang einer wilden Achterbahnfahrt gesehen, die von nahezu pausenloser Action, aber auch von vollkommen überraschenden Wendungen geprägt ist. Heißt: Auch wer schon den einen oder anderen auf den ersten Blick ähnlich gelagerten Film gesehen hat, wird die Twists, die Regisseur Craig Zobel hier inszeniert, großteils nicht kommen sehen. Und das hebt „The Hunt“ meines Erachtens von „Hostel“, „Battle Royal“ & Co ab: Der Film handelt nicht nur vom Überlebenskampf vermeintlicher Opfer, sondern zeichnet ein ambivalentes Bild, das dazu führt, dass die die Sympathiewerte des Publikums immer wieder wechseln. Das betrifft im Übrigen auch die Täter:innen, die ebenfalls ganz anders sind, als man es erwarten würde.

Dadurch entzieht sich der Film auf ganz eigentümliche Weise der politischen Agitation. Ich denke, es ist kein großer Spoiler, wenn ich es kurz zusammenfasse: Die Bösen, also diejenigen, die eine reale Jagd auf Menschen veranstalten, sind dem politisch links-liberalen Spektrum zuzuordnen, während sich die Opfer, mit denen man sich als Zuseher:in eigentlich voll identifizieren sollte, konservativ bis rechtsextrem sind, wie an diversen Szenen und Rückblenden eindeutig erkennbar ist. Das bringt natürlich ein interessantes Dilemma: Soll man – als selbst eher liberal eingestellter Mensch – nun tatsächlich für diejenigen sein, die Andere fangen, unter Drogen setzen und dann gnadenlos umbringen? Oder soll man sich mit den Opfern identifizieren, die – immer aus Sicht eines Liberalen – Waffennarren, Hassposter und homophobe W*chser sind? Durch diese sehr spannende Verteilung der Opfer- und Täter:innenrollen erhält „The Hunt“ einen Überbau, den man von einem Film, den man anhand des Trailers sofort zu durchschauen meint, nicht erwarten würde. Zumindest ist es mir so ergangen – und ich habe länger über dieses Werk nachgedacht, als mir lieb war.

Gut gespielt ist halb gewonnen.

Die einzige Konstante im ständigen Hin & Her der Story ist letzten Endes die von Betty Gilpin gespielte Crystal. Mir persönlich war die Darstellerin bisher kein Begriff, am ehesten wird sie einem breiteren Publikum vermutlich aus der Netflix-Wrestling-Parodie „GLOW“ (2017 bis 2019), vielleicht auch aus der TV-Serie „Nurse Jackie“ (2009 bis 2015) ein Begriff sein. Davon abgesehen war sie hauptsächlich in einzelnen Folgen anderer Serien zu sehen und hat den einen oder anderen Filmauftritt zu Buche stehen – ob und wann ich sie überhaupt einmal gesehen habe, weiß ich ehrlich gesagt nicht (mehr). Wie dem auch sei: Gilpin spielt in „The Hunt“ ganz hervorragend. Sie ist ja eigentlich ein Opfer der Menschenjäger:innen, will sich aber ganz und gar nicht in diese Rolle fügen.

Doch anders als es beim klassischen „final girl“ wird sie nicht erst gegen Ende zur grimmigen und nahezu unbesiegbaren Kämpferin, sondern hat von Anfang an gewisse Fähigkeiten, die ihr beim Überleben helfen. Das ist freilich dem Drehbuch zu verdanken – was hingegen an der Darstellung durch Betty Gilpin beeindruckt, ist die stoische Ruhe, mit der sich Crystal durch ihre zahlen- und waffenmäßig überlegenen Gegner:innen schneidet. Hier und da gibt es einen lockeren Spruch, insgesamt kommen ihr allerdings nicht allzu viele Worte – und schon gar kein Lächeln – über die Lippen. Die fast schon greifbare Aura von Gefahr, die die Figur umgibt und die Ruhe, die sie dabei ausstrahlt, hat fast schon was von Llewelyn Moss („No Country for Old Men“, 2007), wobei in vorliegendem Fall natürlich alles deutlich überzeichneter ist.

Als Gegenspielerin von Betty Gilpin bzw. Crystal tritt übrigens die von Hilary Swank verkörperte Athena auf. Diese Figur ist leider deutlich weniger interessant und vergleichsweise glatt. Schlecht gespielt ist die Rolle allerdings nicht, sehenswert vor allem der finale Kampf zwischen diesen beiden Charakteren, der viel vom 1. Kapitel („2“) von „Kill Bill – Volume 1“ (2003) hat. Überhaupt lässt die Stimmung von „The Hunt“ immer mal wieder Reminiszenzen an den Tarantino-Klassiker aufkommen, was ich durchaus als Kompliment verstanden wissen möchte.

Fazit: Ich finde tatsächlich kaum Haare in der Suppe, die uns Craig Zobel mit „The Hunt“ vorsetzt. Ihm ist hier ein flotter, höchst unterhaltsamer Film gelungen, der kaum Längen hat, gut gespielt ist, vor überraschenden Wendungen strotzt – und schlicht und einfach Spaß macht. Klar, man muss eine gute Portion Gore ertragen können und auch die Verteilung von Opern und Täter:innen wird nicht Allen schmecken. Mich hat das hingegen nicht gestört – nicht, weil ich mich mit den merkwürdigen Typen, die hier als Opfer dienen, identifizieren konnte, sondern weil dieser Ansatz durchaus dazu führen kann, dass man über die eigene, vermeintlich überlegene Moral nachdenkt. Und das ist dann doch deutlich mehr, als man von einem Film mit einer solchen Story erwarten würde. Daher: Ansehen!

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: The Hunt.
Regie:
Craig Zobel
Drehbuch: Nick Cuse, Damon Lindelof
Jahr: 2020
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Betty Gilpin, Hilary Swank, Emma Roberts, Justin Hartley, Ethan Suplee



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FilmWelt: Follow Me

„Follow Me“ behandelt drei mehr oder weniger aktuelle Trends: Das Influencertum mit all seinen Sonnen- und Schattenseiten, dann das vor rund 20 Jahren durch Filme wie „Saw“ (2004) und „Hostel“ (2005) populär gewordene Horror-Subgenre „Torture Porn“ und schließlich noch den Escape Room, der sich mittlerweile vor allem als Werkzeug für Team-Buildings großer Beliebtheit erfreut, aber auch von Privatpersonen immer wieder gern aufgesucht wird. Die große Frage: Kann das alles in einem einzigen Film funktionieren?

Gesamteindruck: 3/7


„Saw“ trifft „Hostel“ (oder so ähnlich) .

Interessanterweise ist „Follow Me“ trotz seiner Aktualität über weite Strecken ausgesprochen konservativ, sieht man von der Bildgestaltung ab, wenn der Influencer im Film mal live geht. Genau genommen bedient Regisseur und Drehbuchautor Will Wernick so ziemlich jedes Klischee, das man sich vorstellen kann: Die top gestylten amerikanischen Twens, die nichts als Spaß, Party und ihre Social Media-Kanäle im Kopf haben, die westlichen Vorstellungen von russischem Reichtum – und vor allem den vermeintlich rechtsfreien Raum, den man, wie uns schon „Hostel“ gelehrt hat, nur im ehemaligen Ostblock so vorfindet. Gerade letzteres ist ein fast schon schmerzhaftes Vorurteil, das mich massiv gestört hat.

Worum geht’s?
Cole Turner ist Influencer – er lebt davon, alles, was er tut mit seinem Publikum zu teilen. Und damit seine Fans sich nicht langweilen, ist er stets auf der Suche nach einem neuen, noch extremeren Kick. Ein Escape Room in Moskau scheint zunächst keine besonders aufregende Idee zu sein – als er dann aber erfährt, dass es sich dabei um ein besonders innovatives, vollkommen individuelles und nur darauf, ihm persönlich Angst einzujagen, ausgelegtes Spiel handeln soll, ist er sofort dabei...

Zunächst ist festzuhalten, dass die ganze Influencer-Story relativ oberflächlich und aufgesetzt daher kommt. Klar, sie ist bestens für ein modernes, junges Publikum geeignet – alten Säcken wie mir gibt das jedoch nicht so viel. Oder, anders ausgedrückt: Dass wir es hier mit einer Bande von Influencern zu tun haben spielt für den Film letzten Endes keine große Rolle, weil diese Ausgangslage nicht oder kaum für Kritik an den Auswüchsen dieses Trends genutzt wird. Wo mal ganz leise jemand in Frage stellt, ob diese Art, sein Leben zu verbringen, der Weisheit letzter Schluss ist, wirkt das eher wie eine lästige Pflichtübung und nicht wie ein ernsthafter Versuch, sich mit jener Kultur auseinanderzusetzen .

Freilich sollte man das nicht überbewerten – im Endeffekt ist „Follow Me“ wohl nicht als tiefschürfende Analyse unserer Gesellschaft gedacht. Der Film will vor allem schockieren; er ist auch leidlich spannend und gut gemacht, die Charaktere selbst bleiben dabei aber Nebensache, genau wie man es eben von Filmen wie „Hostel“ oder den guten alten Teenie-Slashern kennt. Ich denke übrigens, dass man darüber gut hinwegsehen kann, es sei denn, man hat Influencern gegenüber – wie ich – eine gewisse Grundskepsis, um nicht zu sagen Aversion. Denn dann verkehrt sich alles ins Gegenteil und die Charaktere nerven anstatt dass man mit ihnen fiebert. Aber das ist mein persönliches Problem und soll niemanden vom Ansehen abhalten .

Finaler Twist reißt einiges raus.

Alles in allem ist „Follow Me“ zumindest solide: Die erste Hälfte besteht aus einigen ganz netten Apparaturen im Escape Room, wobei das alles nichts ist, was man nicht in „Saw“ schon deutlich kreativer gesehen hätte. Im zweiten Teil beschreitet der Film dann „Hostel“-Pfade, allerdings nicht dermaßen explizit. Düster und unangenehm sind beide Parts, was auch der starken Ausstattung zu verdanken ist. Kurz gesagt: Technisch ist „Follow Me“ fein gemacht, Story, Charaktere und Dialoge sind maximal Durchschnitt, die Story immerhin zweckmäßig.

Letztlich lebt der Film einzig und allein von seinem finalen Twist, den ich hier natürlich nicht verrate. Der ist an sich gut gemacht, es ist aber auch nicht von der Hand zu weisen, dass das Ende nicht ganz schlüssig ist bzw. man sich eigentlich doch schon einige Zeit vorher relativ genau vorstellen kann, wohin die Reise letztlich geht. Eigentlich ist es sogar noch schlimmer, weil irgendwann so offensichtlich wird, wie der Film ausgeht, dass „Follow Me“ auf den letzten Metern doch noch die Puste auszugehen droht. So richtig überzeugt also leider auch das Ende nicht – wie im ganzen Film wäre wohl auch hier deutlich mehr drin gewesen.

Damit würde ich im Falle von „Follow Me“ (übrigens gibt es mit „No Escape“ offenbar einen Alternativtitel – nach welchen Spielregeln der Film jeweils benannt wird, hat sich mir nicht erschlossen) letztlich von einem brauchbaren, aber keineswegs überragenden Werk sprechen.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Follow Me (a.k.a. No Escape)
Regie:
Will Wernick
Drehbuch: Will Wernick
Jahr: 2020
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Keegan Allen, Holland Roden, Denzel Whitaker, Ronen Rubinstein, Pasha D. Lychnikoff



FilmWelt: Hostel 2

Schon an „Hostel“, dem Vorgänger dieses Machwerks, gab es genug zu kritisieren. Was bleibt also für „Hostel 2“, der es in keinem Bereich besser macht und sogar die Story von Teil 1 kopiert? Richtig, die niedrigste Wertung. Mehr nicht.

Gesamteindruck: 1/7


Reine Geldschneiderei.

Als „Hostel“ (2005) in die Kinos (bzw. auf DVD) kam, konnte ich zumindest ansatzweise verstehen, dass ein solcher Film das Publikum polarisieren würde. Ich persönlich gehörte weniger wegen der exzessiven Gewaltdarstellungen, sondern wegen der dünnen Story nicht gerade zu den Fans des Streifens. Die genauen Gründe kann man in der entsprechenden Rezension nachlesen. Unverständlich ist mir hingegen, wie Fans des ersten Teils von diesem Sequel derartig begeistert sein können – zumindest war das damals in diversen Reviews zu lesen. Ich habe mir Teil 2 angesehen, weil ich wissen wollte, ob sich Eli Roth verbessern konnte, ob die zum Teil guten Ideen aus Teil 1 weiterentwickelt und diesmal besser in Szene gesetzt wurden.

Zwei Weiterentwicklungen gibt es zu vermelden. So wird einerseits die Täterseite zumindest ein wenig beleuchtet, andererseits mit einem „Internetauktionshaus“, wo auf die Opfer geboten wird, ein wenig mehr vom elektronischen Zeitalter hinzugefügt. Zwei grundsätzlich gute Ideen. Mehr als einen Punkt und den Eintrag in die World of Shame ist der Film aber dennoch nicht wert. Sowohl Kulissen, als auch Kameraführung, Schnitt und Ton wurden offenbar direkt aus Teil 1 übernommen. Das wäre nicht weiter schlimm (wird in Fortsetzungen ja immer mal wieder so gemacht), wenn nicht die Story exakt die gleiche wäre. Der Riesenunterschied: Statt Rucksacktouristen gehen diesmal Kunststudentinnen auf die Reise. Auch in der schauspielerischen Darbietung kann man keine große Verbesserung feststellen.

Aus ökonomischer Sicht hat sich das Ganze sicherlich gelohnt – Teil 1 zog genug Publikum ins Kino und auch Teil 2 war alles andere als ein Flop (ist wohl bei beiden Teilen auf die „Präsentiert von Quentin Tarantino“ Aufkleber zurückzuführen). Besser macht das keinen von beiden Filmen. Den dritten Teil wollte ich mir daher nicht mehr geben – vielleicht irgendwann einmal.

Gesamteindruck: 1/7


Originaltitel: Hostel: Part II
Regie: Eli Roth
Jahr: 2007
Land: USA
Laufzeit: 91 Minuten
Besetzung (Auswahl): Lauren German, Roger Bart, Heather Matarazzo, Bijou Phillips, Richard Burgi



 

FilmWelt: Hostel

Eli Roth scheint nicht ganz sicher gewesen zu sein, wen er mit seinem Film eigentlich erreichen wollte. Für anspruchsvolle Kinobesucher ist „Hostel“ nichts, kann und will er wohl auch nicht sein. Für Splatter-Fans sind die brutalen Szenen zu selten bzw. kommen zu spät, für Freunde des gepflegteren Horrors ist die Handlung trotz der guten Grund-Idee zu seicht. Hier wäre eindeutig mehr drin gewesen, so bleiben 4 Punkte, vor allem für die gute Idee und die Bilder (inklusive Kulissen) bzw. den passenden Ton.

Gesamteindruck: 4/7


Eli Roth zwischen den Stühlen.

Dass sich an einem Film wie diesem die Geister scheiden würden, war bereits im Vorhinein klar. Dieser Umstand dürfte auch einem allgemeinen Wertewandel geschuldet sein: Was früher maximal in Videotheken oder nur über Import zu haben war, läuft heute im Kino. Allein schon das hinterlässt – unabhängig vom Inhalt des betreffenden Films – ein zwiespältiges Gefühl. Die Underground-Splatter-Freaks sehen sich auf einmal der Situation gegenüber, dass ein größeres Publikum über ihr Lieblingsgenre diskutiert, die „Normalverbraucher“ finden es nicht in Ordnung, dass plötzlich auch solche „Machwerke“ (aus ihrer Sicht) in den großen Kinos zu sehen sind. Dass hier die Emotionen hochkochen liegt in der Natur der Sache.

Mit „Hostel“ setzte sich Regisseur Eli Roth 2005 direkt zwischen die Stühle. Die Folterszenen sind abartig, blutig, abstoßend und somit für die Zielgruppe wohl als gut gelungen zu bezeichnen (nebenbei: dass im Film solche Szenen vorkommen sollten man natürlich vorher wissen und ihn sich dementsprechend ansehen oder eben nicht). Auch die grundsätzliche Idee eines völlig enttabuisierten Ortes, an dem einfach alles ohne Konsequenzen getan werden kann, war damals noch neu und unverbraucht. Außerdem ist dem Regisseur ein gewisser Hang zu schwarzem Humor, der recht gut gelungen ist, nicht abzusprechen. Gut in Szene gesetzt sind auch die Kulissen, die man so oder so ähnlich mittlerweile zwar aus mehreren Streifen kennt, die jedoch nichts an ihrer Intensität eingebüßt haben.

Woran es jedoch mangelt, ist die Umsetzung dieser Zutaten in einen sehenswerten Film. Die blutigen Szenen mögen in Ordnung sein, kommen jedoch erst so spät und auch selten im Film, dass reine Splatter- und/oder Horror-Fans kaum zufrieden sein dürften. Im Gegenzug ist die Story, die direkt in die Folterkammer führt, auch nicht dazu angetan, „gewöhnliche“ Horrorfans bei der Stange zu halten. Wieder einmal werden ein paar junge, hübsche Amerikaner auf ihrer Urlaubsreise gefangen genommen und grausam ermordet. Dass sich dahinter die Motive des Menschenhandels und des offenbar latent im Menschen vorhandenen Sadismus verbergen, klingt durch den schwachen Aufbau und die flachen Charaktere eher nach einer Ausrede, um überhaupt eine Rechtfertigung für das Ganze zu haben. Gerade durch die mangelhafte Umsetzung dürfte diese tiefere Botschaft (so es sie überhaupt gibt), an den meisten Zusehern einfach vorbeilaufen. Auch die Nacktszenen, die sich in der ersten Hälfte des Filmes aneinanderreihen, sind nicht dazu geeignet, den sehr dünnen Handlungsfaden zu kräftigen. Die durchwachsene schauspielerische Leistung hingegen mit dem knappen Budget zu rechtfertigen (wie es mancherorts in Rezensionen getan wird), ist nicht mehr als eine Ausrede – schließlich zeigt „Saw“, was man im Bereich einer preisgünstigen Produktion wirklich erreichen kann.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Hostel
Regie: Eli Roth
Jahr: 2005
Land: USA
Laufzeit: 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jay Hernández, Derek Richardson, Barbara Nedeljáková, Rick Hoffman, Takashi Miike