FilmWelt: Blutgletscher

Der österreichische Film kann viele Genres. Speziell Dramen, schwarzhumorige Komödien und der eine oder andere starke Thriller aus dem Alpenland bekommen immer wieder auch international Anerkennung. Klassische Horrorfilme sind hierzulande hingegen eher Mangelware, zumindest in meiner Wahrnehmung.

Gesamteindruck: 6/7


Die Rache der Natur.

„Blutgletscher“ ist einer jener Filme, bei denen man sich schon während des Ansehens fragt, ob er auch international (= außerhalb des deutschsprachigen Raums) funktionieren würde. Naja, zumindest frage ICH mich das. Sicher bin ich mir jedenfalls nicht, weil ein großer Teil der Faszination für den Film aus seiner Sprache entsteht. Mithin ein interessanter Gedanke, den es sich vielleicht zu verfolgen lohnt – wie groß ist der Einfluss von Lokalkolorit auf die Qualität, die einem Film subjektiv von einem regionalen oder überregionalen Publikum zugeschrieben wird? Oder, anders ausgedrückt, welchen Einfluss hat eigentlich die Synchronisation auf die Atmosphäre eines Films? Ich denke: Eine sehr große. Aber das näher zu erörtern würde hier zu weit führen; belassen wir es dabei, dass „Blutgletscher“, würde man ihn genau so, wie er ist, mit amerikanischen Schauspielern besetzen und dann synchronisieren, mir wohl nicht sonderlich gefallen würde. Ein schönes Gedankenexperiment; doch kommen wir nun endlich zur Sache.

Worum geht’s?
Irgendwo hoch oben in den Alpen: Bei der Reparatur einer der Messstation bemerkt das dafür zuständige Personal eine merkwürdige Rotfärbung des von ihnen wissenschaftlich beobachteten Gletschers. Bei der Untersuchung der entnommenen Probe stellt sich heraus, dass die Flüssigkeit, die dafür verantwortlich ist, offenbar durch den Klimawandel ans Tageslicht gekommen ist. Dabei handelt es sich auch nicht, wie zunächst angenommen, um Algen, sondern um bisher völlig unbekannte Kleinstlebewesen mit höchst beunruhigenden Eigenschaften. Bevor jedoch klar ist, was das genau zu bedeuten hat, wird die Forschungsstation bereits von seltsam deformierten Kreaturen umschlichen…

Von „Blutgletscher“ kannte ich, bis ich den Film vor wenigen Tagen erstmals gesehen habe, nur den Namen. Nach den ersten Minuten wollte ich den Streifen schon als „typisch“ abheften – dafür sorgen Themen wie die Isolation im hochalpinen Raum und der schwierige Umgang mit derselben, was sich deutlich an der Figur des Ingenieurs Janek bemerkbar macht. Dessen griesgrämige Art, sein Dialekt, sein verwahrlostes Äußeres, sein Hand zum Alkoholismus und seine generelle „Wurschtigkeit“ (ein sehr passender Ausdruck, wie ich finde) lassen einen klassisch-österreichischen Spielfilm vermuten. Auch dass sich ein gewisser schwarzer Humor, der vorwiegend aus dem Zusammenspiel zwischen dem grantigen Ingenieur und den ehrgeizigen Wissenschaftlern entsteht, eingeschlichen hat, ist durchaus ein klassisches Anzeichen für einen Film aus der Alpenrepublik (noch dazu, wenn man bedenkt, dass zwei der Forscher offenkundig aus Deutschland stammen, was für sich genommen schon Konfliktpotenzial birgt und dem österreichischen Zuseher die Hauptfigur Janek noch eine Spur näher bringt).

Und weil wir schon bei Charakteren sind, die fabelhaft in eine Satire passen, sei an dieser Stelle gleich auch die zweite Gruppe erwähnt, die im Laufe des Films mit dem Aufstieg zur Forschungsstation beginnt. Darunter neben der Ex von Janek auch und vor allem eine von Brigitte Kren hervorragend portraitierte Ministerin. Die Schauspielerin, die einem breiten Publikum wohl vor allem aus der Krimi-Serie „Vier Frauen und ein Todesfall“ bekannt sein dürfte, ist übrigens die Mutter von Regisseur Marvin Kren. So klein ist die Welt (in Österreich); das Wichtigste ist jedoch, dass man der Mimin die österreichische Politikerin zu jeder Sekunde voll und ganz abnimmt. Nebenbei bemerkt nicht gerade ein Kompliment für unsere echten Volksvertreter…

B-Movie-Flair.

All das wäre aus meiner Sicht schon ausreichend Stoff für einen starken Film, vielleicht ein Drama oder eine Tragikomödie, eventuell mit einem Schuss Mystery. Allerdings kommt es dann doch anders und „Blutgletscher“ biegt auf ein Terrain ab, das man so oder so ähnlich entweder aus der Serie „Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI“ oder Filmen wie „Das Ding aus einer anderen Welt“ (im Original aus dem Jahre 1951) kennt – nicht aber von einem Film made in Austria. Zunächst passiert das eher schleichend und man überlegt, ob „Blutgletscher“ vielleicht eine Art Öko-Thriller ist – ganz im Sinne von Frank Schätzings Roman „Der Schwarm“. Doch dann geht es plötzlich ganz schnell und der Film wendet sich endgültig dem Creature- und Body-Horror zu und wird zu einer Hommage an ähnliche Filme von vor der Jahrtausendwende.

An dieser Stelle scheiden sich dann vermutlich die Geister, denn „Blutgletscher“ ist letztlich nicht nur traditioneller Horror, sondern bedient sich auch sehr ähnlicher Effekte wie seine von mir vermuteten Vorbilder. Heißt: Hier ist nur ganz wenig mit der heute üblichen Computertechnik auf Hochglanz poliert, stattdessen kommen aus heutiger Sicht fast schon vorsintflutlich anmutende Special Effects zum Einsatz. Wenn ich ein Beispiel nennen müsste, an den mich die Ausstattung (und letztlich auch der Blut- und Beuschelgehalt) am ehesten erinnert, würde ich „Ticks“ (1993, auf deutsch als „C2 – Killerinsekt“ bekannt) vorschlagen. Jener US-Streifen, damals direkt auf Video veröffentlicht, funktioniert durchaus ähnlich. Heißt: „Blutgletscher“ atmet ein gehöriges Maß an B-Movie-Flair, was aber nichts mit grundsätzlich schlechter oder billiger Qualität zu tun hat, sondern eindeutig als Hommage an die alt-ehrwürdige Form von günstig produzierten Filmen verstanden werden sollte.

Wir haben es bei „Blutgletscher“ also mit Monster-Horror österreichischer Prägung zu tun, der mit handgemachten Kreaturen aufwartet, die nicht ganz so realistisch sind, wie man es von aktuellen Produktionen kennt. Auch der eine oder andere Splatter-Moment ist vorhanden. Was den Film trotz dieser Features von vielen, auf den ersten Blick ähnlichen, Streifen abhebt, sind die gut gezeichneten Charaktere und – vor allem – die Leistung ihrer Darsteller. Zusammengenommen ergibt das einen Horrorfilm, bei dem man trotz der konventionellen Geschichte ein Gefühl von relativ starkem Tiefgang hat. Auf der Habenseite würde ich außerdem die gute Kameraarbeit verbuchen, die natürlich stark von der beeindruckenden hochalpinen Kulisse profitiert, weiters ist der Spannungsbogen in Verbindung mit der Action sehr ordentlich.

Alles in allem war ich von „Blutgletscher“ jedenfalls positiv überrascht und kann den Film jedem, der ein bisschen was mit den genannten Attributen anfangen kann, nur empfehlen.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Blutgletscher.
Regie:
Marvin Kren
Drehbuch: Benjamin Hessler
Jahr: 2013
Land: Österreich
Laufzeit: ca. 100 Minuten
Besetzung (Auswahl): Gerhard Liebmann, Edita Malovcic, Hille Beseler, Brigitte Kren, Murathan Muslu