FilmWelt: Sie leben

„Sie leben“ aus dem Jahr 1988 gilt als Kultfilm – zumindest aus heutiger Sicht, das zeitgenössische Publikum war wesentlich kritischer und sorgte im kommerziellen Sinne für einen bestenfalls mittelprächtigen Erfolg. Ich selbst muss gestehen, dass ich den Streifen mit Wrestling-Legende „Rowdy“ Roddy Piper († 2015) nie gesehen habe. Höchste Zeit also, diese Lücke endlich zu schließen.

Gesamteindruck: 5/7


Der Rowdy und die Aliens.

Was einen Kultfilm ausmacht bzw. wie man überhaupt definieren kann, was es braucht, um Kultstatus zu erreichen, ist ein Problem, das wohl nie gelöst werden wird. Rein subjektiv betrachtet kann „Sie leben“ für mich kein Kult sein, weil ich den Film weder in seinem Erscheinungsjahr noch in den Jahren danach gesehen habe. Das unterscheidet ihn beispielsweise von „Conan der Barbar“, für den ich in seinem Erscheinungsjahr zu jung war, den ich später aber unzählige Male gesehen habe und den ich auch heute noch trotz all seiner Mängel für typischen Kultfilm halte. „Sie leben“ kann ich hingegen nur mit den Augen von 2021, also völlig ohne emotionalen Bezug, beurteilen. Unter diesem Gesichtspunkt ist folgender Beitrag zu verstehen.

Worum geht’s?
In den heruntergekommen Außenbezirken von Los Angeles kommt ein Gelegenheitsarbeiter einer gigantischen Verschwörung auf die Schliche: Die Erde ist – offenbar schon seit geraumer Zeit – von Außerirdischen besetzt. Mit unterschwelligen Botschaften, versteckt in der allgegenwärtigen Werbung, kontrollieren die Fremden die ahnungslose Menschheit. Doch es gibt Widerstand: Eine spezielle Sonnenbrille ermöglicht es, das wahre Gesicht der Außerirdischen, die im täglichen Leben wie Menschen aussehen, zu erkennen. Als der namenlose Held eher zufällig über eine solche Brille stolpert, sieht er es nach einem Moment der schockierten Verzweiflung, als seine Mission an, die Menschheit vom Joch der Fremden zu befreien…

Ein Blick auf die Filmografie von Multitalent John Carpenter (er ist einer der wenigen Regisseure, die auch als Komponisten für Filmmusik erfolgreich waren/sind) zeigt: Im Erscheinungsjahr von „Sie leben“ hatte seine Karriere ihren Zenit bereits überschritten. Die Erinnerung an Carpenters teils revolutionäre Filme war damals aber noch so frisch, dass es verlockend gewesen sein dürfte, dem Originaltitel vorliegenden Streifens ein „John Carpenter’s…“ voranzustellen. Erinnert mich persönlich ein wenig an das, was man rund 15 Jahre später mit dem Namen von Quentin Tarantino gemacht hat. Heißt all das nun aber, dass „Sie leben“ ein schlechter Film ist? Heißt es, dass das Prädikat „Kult“ zu leichtfertig vergeben wird? Oder dass der US-Regisseur hier gar ein Werk vorgelegt hat, dass so schlecht ist, dass man es schon wieder unterhaltsam findet?

Ein Wrestler in der Hauptrolle.

Zunächst zu den Formalitäten: „Sie leben“ ist eine Mischung aus Science Fiction, Horror und Action. Wieso der Film auch heute noch den „FSK 18“-Sticker (bzw. sein digitales Pendant dazu) trägt, ist mir allerdings nicht klar. Der Held ballert zwar immer mal wieder wild um sich, was auch ordentlich Blut spritzen lässt, allzu brutale Details spart Carpenter jedoch weitgehend aus. Oder sind wir heute einfach schon zu abgestumpft? Hat vielleicht die eine Nacktszene am Ende gereicht? Ich weiß es nicht – wer jedenfalls auf einen ultra-brutalen Slasher hofft, wird mit Sicherheit eine Enttäuschung erleben. Das gilt übrigens auch für die „Außerirdischen“, deren Masken auch 1988 nicht mehr so richtig State of the Art gewesen sein mögen und heute niemanden mehr erschrecken dürften.

Die Hauptrolle spielt mit dem 2015 verstorbenen „Rowdy“ Roddy Piper ein zu jener Zeit sehr bekannter und beliebter Wrestler. Wer jedoch denkt, dass allein das gegen die Qualität von „Sie leben“ sprechen muss, sei beruhigt: Piper macht seine Sache mehr als ordentlich, deutlich besser sogar, als viele Wrestler, die sich vor und nach ihm als Schauspieler versucht haben. Freilich ist das vor allem dem Regisseur zu verdanken, der seinem Star gerade so viel Persönlichkeit verpasst, dass eine Identifikation möglich ist, statt ihn voll und ganz auf seine Muskeln zu reduzieren. Piper selbst spielt den einfachen Mann von der Straße, einen hart arbeitenden, aber glücklosen Tagelöhner, der nicht einmal einen Namen hat (in den Credits wird er „Nada“, also „Nichts“, genannt). Und das macht der Profi-Catcher durchaus gefällig; viel zu sagen hat er ohnehin nicht, was er aber sagt passt bestens zu seiner Rolle.

Ihm zur Seite stellt Carpenter den körperlich ähnlich beeindruckenden Schauspieler Keith David. Dessen Rolle mag im ersten Moment wie der typische schwarze Sidekick wirken, ist letzten Endes aber doch eine Spur besser als dieses Klischee. Irgendwann liefern sich die beiden einen Faustkampf, der – so ist hier und da zu lesen – als einer der ikonischsten der Filmgeschichte gilt. Sechs Minuten gehen für diese Szene drauf – ob das nun zu viel, zu wenig oder genau richtig ist, mag jeder für sich entscheiden. Mir persönlich hat der Fight ganz gut gefallen, obwohl ich normalerweise kein Fan so lang ausgewalzter Kämpfe bin.

Noch ein Wort zu den Nebenrollen: Die Darsteller sind allesamt gut gewählt und machen ihre Sache ordentlich. Viel mehr gibt es dazu nicht zu sagen; hervorzuheben ist eventuell Meg Foster, eine der wenigen Frauen, die in „Sie leben“ etwas mehr Screentime hat. Sie spielt die unnahbare und kühle Schönheit, was irgendwie auch ein Klischee ist – wenn man sich allerdings zum Zeitpunkt, wenn sie ins Bild kommt, bereits mit der speziellen Machart dieses Films engagiert hat, findet man eigentlich nichts mehr dabei.

Eine Botschaft für die heutige Zeit.

Inhaltlich ist „Sie leben“ ein sehr interessantes Werk. Einerseits wirkt praktisch alles an diesem Film ein wenig aus der Zeit gefallen – er sieht aus, hört und fühlt sich wie ein Werk an, das gut und gerne 10, vielleicht sogar 30 Jahre früher erscheinen können. Und auch die Story ist für sich genommen ein schlechter Witz. Bei genauerer Betrachtung sieht die Sache freilich anders aus: Die Botschaft, die John Carpenter in „Sie leben“ vermittelt, passt hervorragend in die 1980er, noch besser aber in die folgenden Jahrzehnte – und wirkt heute noch aktueller als je zuvor. Es geht um nicht weniger als die vollständige und allumfassende Kommerzialisierung der Gesellschaft durch große Unternehmen. Die mag in den USA der 1980er begonnen haben, dass sie sich aber so rasant entwickeln und in Rekordzeit die gesamte westliche Welt erfassen würde, hat sich Carpenter wohl auch in seinen wildesten Träumen nicht vorstellen können. Heute sind wir tatsächlich in eine Art von Abhängigkeit geraten, die der, die in „Sie leben“ beschrieben wird, nicht unähnlich ist. Von diesem Standpunkt aus betrachtet hat John Carpenter mit diesem Werk ein sehr eindeutiges, linkes Statement wider den Kapitalismus abgeliefert.

Eines ist aber auch klar: Vorliegender Film ist trotz dieses prophetischen und ernsten Hintergrunds kein philosophisches Meisterwerk. Ja, der Unterton dieser diffusen Bedrohung ist ein treibendes Motiv – das bedeutet aber nicht, dass „Sie leben“ ein todernster Streifen ist. Im Gegenteil: Gerade weil John Carpenter darauf verzichtet, zu predigen, weil er seine Figuren nicht von einer besseren Welt schwadronieren lässt, ist „Sie leben“ eher lockere Unterhaltung, von der man sich nicht allzu viel erwarten darf. Anspruchsvoll ist der Film so gut wie nie, allein, die …äh… Rowdy-hafte Art, wie der namenlose Held sich mit der automatischen Waffe seiner Feinde entledigt, hat mehr vom seichten Action-Reißer als von durchdachter Science Fiction. Und auch auf die Logik pfeift der Regisseur: Wie die Widerstandsbewegung beispielsweise zu ihren Wunder-Sonderbrillen kommt und wieso dieser zusammengewürfelte Haufen bisher immun gegen die subliminale Beeinflussung war, bleibt ein Rätsel.

Sei es, wie es ist: „Sie leben“ ist ein Film, der auch heute noch zu unterhalten weiß. Ein bisschen muss man sich aber schon darauf einlassen – nicht nur wegen der abstrusen Story, sondern auch, weil es sich dabei um ein, ich nenne es in Ermangelung eines besseren Begriffs mal so, eher trockenes Werk handelt. Wer das kann und ein Freund der gepflegten Satire ist (denn dieses Genre passt wohl am besten), kann und wird auch 2021 seine Freude an der Kollaboration von Kult-Regisseur und Kult-Wrestler haben.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: John Carpenter’s They Live.
Regie:
John Carpenter
Drehbuch: John Carpenter
Jahr: 1988
Land: USA
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Roddy Piper, Keith David, Meg Foster, George Flower, Peter Jason, Raymond St. Jacques



FilmWelt: Don’t Breathe

Zu erblinden ist wohl eine der schlimmsten Vorstellungen vieler Menschen. Und doch kann es jedem passieren – wie man aber damit umgehen würde, ist eine Frage, auf die man vorher keine Antwort hat. Unumstritten ist jedenfalls, dass die übrigen Sinne geschärft werden, wenn beispielsweise das Augenlicht abhanden kommt. Das kann wiederum ein Vorteil sein – und genau auf diese für sehende Menschen eher diffuse Vorstellung, baut „Don’t Breathe“ aus dem Jahr 2016.

Gesamteindruck: 5/7


Wer ist hier das Opfer?

Die Prämisse von „Don’t Breathe“ ist so simpel wie effektiv: Ein alter, blinder Mann steht völlig allein gegen drei junge, körperlich fitte Einbrecher. Eigentlich sollte das Ergebnis klar sein – doch was passiert, wenn das vermeintliche Opfer es schafft, die Bedingungen zu seinen Gunsten zu ändern? Genau das passiert in diesem Film und macht den Namen zum Programm: Jeder Atemzug, den einer der jungen Kriminellen tut, jede noch so kleine Bewegung, könnte gehört werden und damit die letzte Handlung sein.

Worum geht’s?
Die Teenager Alex, Rocky und Money sehen in Einbrüchen und kleineren Diebstählen die einzige Möglichkeit, jemals aus dem tristen und verarmten Detroit zu entkommen. Als sie eines Tages den Tipp erhalten, dass im Haus eines Kriegsveteranen, der in einer mittlerweile menschenleeren Gegend der Stadt wohnt, eine stattliche Summe Bargeld zu holen ist, überlegen sich nicht lang. Doch bald müssen sie feststellen, dass der alte Mann alles andere als ein wehrloses Opfer ist…

Regisseur Federico „Fede“ Alvarez hat – so heißt es jedenfalls – „Don’t Breathe“ bewusst als Gegensatz zu seinem 2013er-Remake des Horror-Klassikers „The Evil Dead“ (1981, deutsch: „Tanz der Teufel“) konzipiert: Während „Evil Dead“ durch massiven Einsatz von Filmblut und grausigen Effekten Reaktionen beim Zuschauer auslösen soll, ist vorliegendes Werk vor allem auf eine düstere und spannende Atmosphäre ausgelegt. Dass das dem urugayanischen Filmemacher so gut gelingen würde, hätte ich allerdings nicht unbedingt erwartet.

Eine starke Kombination.

Die Geschichte, die der Alvarez und Drehbuchautor Rodo Sayages erzählen, ist eigentlich ein doppelter Alptraum: Ein Einbruch während man selbst im Haus ist, ist schon für sich genommen eine schreckliche Vorstellung. Dass das Opfer dann auch noch blind und – vermeintlich – alt und gebrechlich ist, steht sinnbildlich für die Hilflosigkeit, mit der die meisten von uns einer solchen Situation gegenüberstehen würden. Damit legt die Handlung von „Don’t Breathe“ die perfekte Basis, um die Spannung (fast) über die gesamte Laufzeit auf hohem Niveau zu halten. Im Endeffekt ist es allerdings die Kombination aus einer um diverse Twists angereicherten Story, starke Technik, einem soliden Drehbuch und einem glaubwürdigen Cast, die den Reiz dieses überraschend starken Films ausmacht.

Zunächst ein Wort zur Technik: Dass das Budget mit rund 10 Millionen US-Dollar vergleichsweise niedrig war, ist an keiner Stelle zu merken. Im Gegenteil, speziell die Optik hat mich schwer beeindruckt – und das bereits bevor ich um die Produktionskosten wusste. Heißt: „Don’t Breathe“ sieht schicker aus als viele zeitgenössische Produktionen. Heutzutage fast noch wichtiger ist aber, dass man nie das Gefühl hat, dass mit den Special Effects übertrieben wurde. Unabhängig davon wissen auch Ausstattung und Drehort zu überzeugen. Die wenigen Außenaufnahmen lassen US-amerikanische Großstadt-Tristesse aufkommen – und das, obwohl vor allem in Ungarn (!) gefilmt wurde und nur vereinzelt in Detroit). Das innere des Hauses, in dem sich fast der gesamte Film abspielt, ist hingegen von unheimlicher Düsterkeit geprägt. An dieser Stelle habe ich allerdings auch einen ersten Kritikpunkt anzubringen: Das Heim des Einbruchsopfers ist nicht ganz stimmig, einerseits fragt man sich, wozu relativ viele Lampen vor sich hin glimmen, andererseits ist der Kellerbereich für mein Dafürhalten unverhältnismäßig und unnötig weitläufig gestaltet worden. Dennoch: „Don’t Breathe“ weiß optisch sehr gut zu gefallen. Und auch die Akustik ist ein wichtiger Faktor für den Erfolg des Films: Selten war absolute Stille so bedrohlich; selten hat sie so in den Ohren geschmerzt, wie in Situationen, in denen die Charaktere verzweifelt versuchen, nicht das geringste Geräusch zu machen. Das geht soweit, dass man auch als Zuschauer immer wieder den Atem anhält, weil man das Gefühl hat, man steckt in der Haut der Einbrecher und darf um keine Preis Aufmerksamkeit auf sich lenken.

Dass dem so ist, ist den Darstellern zu verdanken, die ihre Rollen mit viel Hingabe und Glaubwürdigkeit spielen. Wobei ich nicht verhehlen möchte, dass die Charaktere an sich nicht unbedingt eine Stärke von „Don’t Breathe“ sind: Letzten Endes verfügt der Film über keine wirklich sympathische oder anderweitig essenzielle Figur. Die gute Leistung der Schauspieler bezieht sich folgerichtig also vor allem auf die Darstellung von Emotionen, die ihnen allerdings – wie angedeutet – ausgezeichnet gelingt. Im Umkehrschluss bedeutet das, dass „Don’t Breathe“ seine Spannung zwar durchgängig hoch hält, das aber großteils aus seiner Machart heraus, nicht, weil er Charaktere bietet, mit denen man sich identifizieren kann. Unumstrittener Star des Films ist übrigens Stephen Lang, der den blinden Kriegsveteran ausgesprochen furchteinflößend spielt.

Etwas zu viel des Guten.

Die Hochspannung, die „Don’t Breathe“ auszeichnet, speist sich auch aus einigen überraschenden Wendungen – denn natürlich ist unser blinder Kriegsveteran auch kein Heiliger. Überhaupt ist das Drehbuch überaus stark, wenn es darum geht, immer wieder noch einen drauf zu setzen, wie man so schön sagt. Das geht auch lange Zeit gut, nur ganz zum Ende hin hat man das Gefühl des „overbookings“, wie man es in der Wrestlingsprache nennt. Ein Wort, zu dem es leider keine Übersetzung gibt, die die Bedeutung wirklich umfasst. Es passt allerdings sehr gut, denn „Don’t Breathe“ übertreibt es auf der Zielgeraden mit seiner Schlagzahl: Was im Finale an Wendungen und Action auf den Zuschauer einprasselt, ist dann doch etwas zu viel des Guten. Ja, es ist ein Klischee – und doch passt es wie die Faust aufs Auge: Weniger wäre hier schlicht und einfach mehr gewesen.

Im Endeffekt ist das aber Kritik auf recht hohem Niveaus. Denn trotz der genannten Schwachpunkte, die ohnehin eher mit der Lupe zu suchen sind, ist und bleibt „Don’t Breathe“ definitiv einen Blick wert. Wir haben es hier mit einem der stärkeren Horrorfilme (ich finde übrigens eher, dass es ein Thriller ist) seiner Zeit zu tun – und das ist doch auch etwas, oder?

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Don’t Breathe.
Regie:
Fede Alvarez
Drehbuch: Fede Alvarez, Rodo Sayagues
Jahr: 2016
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jane Levy, Dylan Minnette, Stephen Lang, Daniel Zovatto, Franciska Töröcsik



FilmWelt: The Arrival – Die Ankunft

1996 war ein schwieriges Jahr für die Menschheit, musste sich unser geliebter Heimatplanet doch gleich mehrerer Invasionen aus dem All erwehren: „Mars Attacks!“, „Star Trek: Der erste Kontakt“ und „Independence Day“ (übrigens der kommerziell erfolgreichste Film des Jahres) ließen Außerirdische landen, die nicht viel Federlesens mit unserer Spezies machten. Mit einem ähnlichen Thema, allerdings deutlich weniger beachtet, kam im gleichen Jahr auch „The Arrival – Die Ankunft“ mit Charlie Sheen in die Kinos. Finanziell war der Film im Vergleich zu den genannten Blockbustern ein Flop – zu Recht? Oder haben wir es hier mit einem verkannten Geniestreich zu tun?

Gesamteindruck: 3/7


Aliens in Mexiko.

Zunächst ein Wort zum Regisseur: David Twohy hatte bis „The Arrival – Die Ankunft“ 1996 in die US-Kinos kam, einen ganzen („Auf der Flucht“, 1993) und einen halben („Warlock – Satans Sohn“, 1989) Hit – die aber als Drehbuchschreiber. Gleichzeitig listet einer der legendärsten Flops der Filmgeschichte, „Waterworld“ (1995), Twohy als Autor in den Credits. An bekanntem Drehbuchmaterial folgten später „Die Akte Jane“ (1997), „A Perfect Getaway“ (2009) sowie die „Riddick“-Reihe mit Vin Diesel. Auf dem Regiestuhl nahm Twohy für „The Arrival“ hingegen erst zum zweiten Mal überhaupt Platz; sein Debüt „Timescape“, 1992, ist mir bis dato nicht bekannt. Die Karriere des US-Amerikaners ist alles in allem eher unspektakulär – 1996 dürfte er nach dem „Waterworld“-Desaster jedoch dringend einen Erfolg gebraucht haben. Ein Wunsch, der sich mit „The Arrival“ weder kommerziell noch inhaltlich erfüllt hat, so viel sei vorweggenommen.

Worum geht’s?
Im Rahmen des SETI-Programms sucht Radioastronom Zane Zaminsky nach Signalen außerirdischer Zivilisationen. Als er eines Nachts tatsächlich fündig wird, meldet er das pflichtbewusst seinen Vorgesetzten – nur um kurz darauf gefeuert zu werden. Doch das ist nicht das einzige Ungemach, schon bald sieht sich der paranoide Astronom von dunklen Mächten verfolgt. Für ihn ist klar: Etwas ganz Großes soll hier vertuscht werden…

Inhaltlich hat „The Arrival“ gegenüber den eingangs erwähnten SicFi-Hits des Jahres 1996 ein Alleinstellungsmerkmal: Statt möglichst spektakulär die katastrophalen Auswirkungen eines außerirdischen Angriffs zu zeigen, stehen hier Geheimhaltung, Verschwörung und Vertuschung im Mittelpunkt. Freilich gibt es auch dafür ein Vorbild, das Mitte der 1990er sensationelle und bis heute nachhallende Erfolge feierte: „Akte X – Die unheimlichen Fälle des FBI“ geht in in Sachen Vertuschung von Alien-Kontakten in eine ähnliche Richtung (Anmerkung am Rande: Die Staffeln 3 und 4 der Serie um die Agenten Fox Mulder und Dana Scully fallen ungefähr in den Zeitraum, in dem auch „The Arrival“ veröffentlicht wurde).

Die Ausgangsposition vorliegenden Werks entspricht also durchaus dem Zeitgeist der 1990er und setzt gleichzeitig einen klaren Kontrapunkt zu den Zerstörungsorgien anderer Kinofilme. Und doch gibt es ein gewaltiges Problem: „The Arrival“ verfügt über eine Handlung, die man so oder so ähnlich in einer Folge „Akte X“ hätte unterbringen können. Die besten Episoden jener Serie sind – im Gegensatz zu „The Arrival“ – durchgehend spannend, die Charaktere etabliert und die Erklärungen innerhalb ihrer Prämisse logisch und verständlich. Hier haben wir hingegen einiges an Leerlauf, keine starken Figuren und immer wieder hanebüchene Szenen. Erwähnt sei an dieser Stelle außerdem, dass „Akte X“ die deutlich besseren, weil realistischeren Special Effects für sich verbuchen kann (die oben genannten Filme sowieso).

Durchschnittliche Kost.

Die Geschichte um verdeckte Alien-Operationen auf der Erde wäre eigentlich interessant – allerdings ist das Drehbuch kaum geeignet, die Hochspannung, unter der vor allem der Held wider Willen ständig steht, zu transportieren. Alles an „The Arrival“ wirkt schwerfällig und kaum zu Ende gedacht. Schade, denn eigentlich ist der Einstieg sehr gut gelungen – aber irgendwann, vielleicht nach einem Drittel der Laufzeit, hat man das Gefühl, dass David Towhy nicht mehr wusste, wie er weitermachen soll. Das Ergebnis sind teils haarsträubende Prämissen – allein wie es die Hauptfigur schafft, eine geheime Basis in Mexiko zu betreten, ist dermaßen unglaubwürdig, dass es fast schon schmerzt. Aber auch wenn man es schafft, über solche Mängel hinwegzusehen, ist und bleibt „The Arrival“ in Hinblick auf Storytelling, Effekte, Action und Spannung unterdurchschnittlich. Klar, es gibt schlechteres zu sehen – aber dermaßen unspektakulär hätte ich mir den Film eigentlich nicht vorgestellt.

In Hinblick auf die Charaktere kann ich mich zum Abschluss kurz fassen: Die Guten sind wenig sympathisch, den Bösen fehlt es an Charisma. Mehr will mir dazu partout nicht einfallen, keine einzige Rolle in „The Arrival“ ist ansatzweise memorabel, sieht man vom aus heutiger Sicht höchst merkwürdigen Aussehen von Charlie Sheen ab. Dass in einer solchen Misere auch die Schauspieler nicht gerade glänzen, ist logisch und soll hier nur am Rande erwähnt werden.

Ich habe irgendwo gelesen, dass „The Arrival“ von Genre-Fans durchaus goutiert wird. Ich selbst halte mich eigentlich auch für einen solchen – mit diesem Film konnte ich aber sehr wenig anfangen. Das hat nichts mit seiner Prämisse zu tun, wohl aber mit der Qualität der Umsetzung. Und die ist beim besten Willen nicht mehr als 3 von 7 Punkten wert. Das ist eigentlich schon sehr großzügig, noch einmal würde ich mir den Film definitiv nicht ansehen.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: The Arrival.
Regie:
David Twohy
Drehbuch: David Twohy
Jahr: 1996
Land: USA, Mexiko
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Charlie Sheen, Ron Silva, Lindsay Crouse, Teri Polo, Richard Schiff, Tony T. Johnson



FilmWelt: V/H/S – Eine mörderische Sammlung

Ich habe mir in letzter Zeit abgewöhnt, Filmtrailer anzusehen. Die Inhaltsangabe muss reichen – und manchmal lese ich nicht einmal die zur Gänze durch. Im Falle von „V/H/S“ aus dem Jahr 2012 hätte ich mir jedoch besser eine Vorschau gönnen sollen, denn auf Found Footage hatte ich eigentlich wenig Bock. Kein Wunder, hatte ich doch zum Zeitpunkt, als ich mir diesen Streifen angesehen habe, zu viele ähnlich gemachte Filme in zu kurzer Zeit gesehen. Ein bisschen ist untenstehender Text also auch unter diesem Gesichtspunkt zu lesen – und doch hat „V/H/S“ auch ganz unabhängig davon Probleme, zu überzeugen.

Gesamteindruck: 3/7


Die Meta-Ebene.

Grundsätzlich sehe ich Found Footage und Mockumentaries gern. Allerdings muss man sich – ausgewiesene Fans mögen das anders sehen – vor einer „Überdosis“ hüten: Meiner Erfahrung nach hat man verwackelte Bilder und improvisierte Dialoge relativ schnell satt. Dass „V/H/S“ im Wesentlichen dem entspricht, was seit (1999) in regelmäßigen Abständen, zu Zeiten sogar inflationär, auf die Menschheit losgelassen wird, war mir anhand der Inhaltsbeschreibung allerdings nicht klar – wenn ich das gewusst hätte, hätte ich den Film etwas länger auf meiner Watchlist gelassen.

Abgesehen davon, dass ich anhand der Kurzbeschreibung nicht mitbekommen habe, dass „V/H/S“ dem Found Footage-Genre zuzuordnen ist, war mir auch nicht bewusst, dass es sich dabei im wahrsten Sinne des Wortes um eine „Sammlung“, wie es der deutsche Subtitel so schön beschreibt, handelt. Heißt: „V/H/S“ besteht aus mehreren Kurzfilmen verschiedener Regisseure, die über eine Rahmenhandlung (ebenfalls im Found Footage-Stil) lose miteinander verknüpft sind. Inhaltlich, so viel sei verraten, nehmen die Clips keinen Bezug aufeinander. Und, weil eventuell nicht jeder Interessierte damit rechnet (die Beschreibung liest sich nach Thriller): „V/H/S“ ist ein Horror-Film, der auch und vor allem übernatürliche Phänomene zeigt. Hätte ich all das gewusst, hätte ich den Film wohl etwas länger auf meiner umfangreichen Watchlist gelassen.

Worum geht’s?
Eine Bande von Typen, die sich gerne selbst bei Straftaten filmen, wird von einem Unbekannten angeheuert. Der Job: In ein Haus, in dem nur ein alter Mann wohnt, einzubrechen und dort ein bestimmtes Videoband zu stehlen. Nach längerer Suche in dem heruntergekommenen Anwesen finden die jungen Männer schließlich einen Raum mit diversen Bildschirmen und einem Abspielgerät. Damit wollen sie die richtige Kassette finden – doch der Inhalt der Videos ist höchst verstörend…

Bei einer Bewertung von „V/H/S“ kann man auf drei Bereiche eingehen: Das Gesamtkonzept, die fünf Kurzfilme und die sie verbindende Rahmenhandlung. Am einfachsten scheint mir eine Beurteilung der einzelnen Clips zu sein, die sich die Protagonisten der Rahmenhandlung ansehen und deren Qualität zwischen gut und akzeptabel schwankt. Tatsächlich gelungen finde ich die zwei finalen Filme („The Sick Thing That Happened to Emily When She Was Younger“ und „10/31/98“), die auf deutlich subtileren Horror setzen als der teils recht blutige Rest des Materials. Vor allem „10/31/98“ ist ein spannendes Fundstück, eigentlich würden aber beide auf einen entsprechenden Langfilm neugierig machen (bitte nicht, dabei kommt sicher nichts Gutes raus). Vom Rest empfinde ich „Second Honeymoon“ zumindest als gut gespielt (neben „The Sick Thing…“ der einzige Kurzfilm mit memorablen Charakteren), die übrigen Schnipsel kann man sich gerne ansehen, Meisterwerke sind es allerdings nicht.

Neben diesen fünf Kurzfilmen gibt es eigentlich einen sechsten, der die Rahmenhandlung von „V/H/S“ darstellt. „Tape 56“, so der Titel, bildet den Einstieg in die Geschichte und auch zwischen den einzelnen Clips kehrt der Film immer zu den Einbrechern, die ein Tape suchen, zurück. Wie angedeutet ist die Story eher lose – eigentlich passiert nicht viel mehr, als dass die Protagonisten sich Videos ansehen. Was der Sinn der Sache ist, welches Tape genau gesucht wird und wie der Hausbesitzer überhaupt an das Material gekommen ist, erfährt man nicht. Übrigens endet „V/H/S“ nicht, wie man meinen könnte, mit einem erklärenden Beitrag aus „Tape 56“, sondern relativ unprätentiös mit dem Finale von „10/31/98“. Lediglich gemeinsam mit den Credits werden noch ein paar Szenen der Rahmenhandlung abgespielt (wiederholt). „Tape 56“ selbst ist ein eher nerviger Anfang für „V/H/S“, aber zumindest die Szenen im späteren Verlauf sind in Ordnung. Im Gegensatz zu den restlichen Clips gibt es hier allerdings das Problem, dass die Charaktere nie richtig zu sehen sind, was das Ganze noch flacher und sinnfreier wirken lässt, als es ohnehin schon ist.

Hätte deutlich besser sein können.

Und damit kommen wir zum Gesamtkonzept von „V/H/S“. Ich denke, dass der verantwortliche Produzent Brad Miska grundsätzlich eine gute Idee hatte: Found Footage gibt es häufig – eine Geschichte, in der im Found Footage-Stil, sozusagen auf Meta-Ebene, über das Auffinden und Ansehen solchen Materials berichtet wird, ist schon ein Alleinstellungsmerkmal. Leider zeigt „V/H/S“ aber auch die Probleme auf, die daraus entstehen und von denen ich zwei als verantwortlich für meine moderate Wertung identifizieren würde. Erstens ist die Rahmenhandlung nicht ausgereift: Zunächst gelingt es dem Film gut, Spannung aufzubauen – man möchte als Zuschauer unbedingt wissen, welches Tape gesucht wird, was darauf zu sehen ist, was es mit dem Hauseigentümer auf sich hat und was mit den Einbrechern passiert. Allein: Nichts davon wird erklärt. Dass einem nicht alles vorgekaut wird, ist normalerweise kein Fehler, hier ist es aber so, dass man nicht einmal einen kleinen Hinweis darauf bekommt, was von der ganzen Sache zu halten ist. Wenn man ganz streng ist, könnte man sagen, dass man unbedingt eine Rahmenhandlung gebraucht hat, um die Kurzfilme in dieser Form auf den Markt zu bringen – so richtig scheint aber niemand über mögliche Inhalte nachgedacht zu haben, was an verschwendetes Potenzial grenzt.

Daraus folgt zweitens, dass der Film zu lang ist. Found Footage ist per se anstrengend – das weiß wohl jeder, der mal bei der Geburtstagsparty seiner Tante alte Homevideos ansehen musste. In der Regel können Filme wie „Blair Witch Project“ (1999) oder „Cloverfield“ (2008) das über Handlung und Drehbuch kompensieren, die im Gegensatz zur auf Improvisation getrimmten Technik sehr wohl den üblichen Konventionen der Filmemacherei folgen. Wenn das nicht passiert, ist es eine gute Idee, die Laufzeit so kurz wie möglich zu halten („The Phoenix Tapes ’97“ aus dem Jahr 2016 ist ein solches Beispiel, das allerdings mit anderen Schwierigkeiten zu kämpfen hat). „V/H/S“ dauert ungefähr zwei Stunden, was zu viel ist, weil die Handlung kaum Möglichkeiten bietet, sich festzuhalten. Die einzelnen Filme haben nicht mal ansatzweise miteinander zu tun, sind qualitativ unterschiedlich, die Darsteller sind zu kurz im Bild (oder zu wenig charakterisiert), um sich mit ihnen zu identifizieren – und ein Aha-Erlebnis am Ende (oder vielleicht auch mal zwischendrin) fehlt. Damit ist klar, dass sich die zwei Stunden gelegentlich wie Kaugummi zu ziehen scheinen.

Fazit: „V/H/S“ ist definitiv nur für Found Footage-Fans eine grundsätzliche Empfehlung wert. Alle anderen werden wenig Freude damit haben, sogar, wenn sie z. B. „Blair Witch Project“ tolerabel finden. Wenn ich mich ganz weit aus dem Fenster lehnen möchte, würde ich sagen, dass es besser wäre, die fünf Kurzfilme für sich anzusehen – das geht schneller oder man bestimmt selbst, wie viel man davon ertragen kann. Und ob man die Rahmenhandlung nun mitbekommt oder nicht, macht keinen großen Unterschied. 3 von 7 Punkten lasse ich dennoch springen – es ist ja wie erwähnt nicht alles schlecht, nur das Gesamtkonzept geht einfach nicht so auf, wie es wohl gewollt war.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: V/H/S.
Idee:
Brad Miska
Jahr: 2012
Land: USA
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Calvin Reeder, Lane Hughes, Adam Wingard, Helen Rogers, Hannah Fierman, Joe Swanberg



FilmWelt: Pfad der Gewalt

In den 1980er Jahren war der Western ein seit vielen Jahren totes Genre. Mag sein, dass „Pfad der Gewalt“ (1987) deshalb nicht für die große Kinoleinwand sondern direkt fürs Fernsehen produziert wurde. Dabei haben wir es hier sowohl qualitativ als auch inhaltlich mit einem durchaus passablen Film zu tun, der zwar ein sehr konventionelles Wild-West-Abenteuer erzählt, dabei aber die romantisch-idealisierten Klischees seiner (Vor-)Vorgänger weitgehend vermeidet.

Gesamteindruck: 4/7


Ein Raubein mit Charme.

Wer nach dem englischen Titel „The Quick and the Dead“ sucht, sei gewarnt: „Pfad der Gewalt“ ist der chronologisch dritte Film, der diesen Titel trägt, allerdings der erste Western. Ein weiterer, der inhaltlich nichts mit vorliegendem Streifen zu tun hat, folgte 1995 (deutsch: „Schneller als der Tod“, ein Film von Sam Raimi mit großem Staraufgebot). Dass man den richtigen „The Quick and the Dead“ ausgesucht hat, erkennt man übrigens leicht am markanten Gesicht auf dem Cover, das auch von diversen Streaming-Diensten als Vorschaubild verwendet wird: Sam Elliot, schnauzbärtiger Held vieler Filme (vorwiegend aus dem Western-Genre, einem breiteren Publikum vielleicht auch als Der Fremde aus „The Big Lebowski“, 1998, bekannt) spielt hier die Hauptrolle.

Worum geht’s?
In Wyoming ist in den 1870er Jahren noch wenig von Recht und Ordnung, die an der Ostküste von Nordamerika bereits eingekehrt sind, zu bemerken. Ausgerechnet hier möchte sich Duncan McKaskel, ehemaliger Soldat und mittlerweile Pazifist, mit seiner Familie ansiedeln. Als er sich mit einer Bande von Gesetzlosen anlegt, bekommt er unerwartet Hilfe vom raubeinigen und im Westen erfahrenen Con Vallian, der allerdings auch ein Auge auf die schöne Frau des Siedlers geworfen hat…

Bevor wir auf den Inhalt eingehen ist vielleicht eine kurze Einordnung des Genres angebracht. Grundsätzlich kann man „Pfad der Gewalt“ ruhigen Gewissens als Spätwestern abheften – immerhin lag die Hochzeit der klassischen Western in den 1950ern. Andererseits ist die große Zeit der Spätwestern meinem Verständnis nach auch eher in den 1960er bis 70er Jahren zu finden, als derartige Filme deutlich regelmäßiger produziert wurden, als in späteren Jahrzehnten. Insofern würde ich die Genrebeiträge ab den 1980ern eher als einzelne Western sehen, die zwar ebenfalls „spät“ erschienen sind, aber nicht wirklich im Zusammenhang mit klassischen Spätwestern stehen. Zumindest zeitlich – betrachtet man das Subgenre des Spätwesterns hingegen inhaltlich, also in Bezug auf Motive und Charaktere, setzen praktisch alle moderneren Produktionen diese Tradition (und nicht den klassischen Western der 1950er, den heute wohl auch niemand mehr sehen möchte) fort. Kompliziert? Mag sein, aber „Pfad der Gewalt“ ist auf der erste Western, den ich mir seit vielen Jahren bewusst angesehen habe, sodass ich es als lohnend empfunden habe, mich für diese Rezension zunächst ein wenig mit diesem alt-ehrwürdigen Genre auseinanderzusetzen.

So viel zur grauen Theorie – in der Praxis ist „Pfad der Gewalt“ eine recht eigenwillige Mischung: Einerseits ist der Film erdig, nüchtern und vollkommen humorlos, andererseits hat er mit dem Versprechen einer sorgenfreien Zukunft im Gelobten Land (wenn man nur gemeinsam alle Probleme überwindet) auch Ansätze einer idealisierten Wild-West-Romantik. Übrigens ist der Streifen auch nicht allzu hart in der expliziten Gewaltdarstellung (ein bisschen Blut gibt es freilich schon zu sehen), was auch mit dem Status als Fernsehproduktion zu tun haben könnte. All das rückt ihn für meine Begriffe tatsächlich in die Nähe seiner Vorgänger aus den 1970er Jahren, was ihn dann doch wieder zu einem klassischen Vertreter des Spätwesterns macht.

Kein Innovationspreis.

Zu sehen bekommt man selbstverständlich ein paar zünftige Schießereien, die allerdings so gemacht sind, dass man keine Lust verspürt, darin verwickelt zu sein. Abgesehen davon lebt der Film – wie fast alle Klassiker des Genres – massiv von seinen beeindruckenden und wunderbar fotografierten Landschaften. Und auch die Charaktere bzw. speziell deren Zusammenspiel können überzeugen. Zumindest weitgehend – der undurchschaubare Con Vallian ist hervorragend besetzt und gespielt, aber auch Tom Conti weiß als Siedler, der kämpfen könnte, aber nicht zur Waffe greifen mag, zu überzeugen. Kate Capshaw spielt hingegen die für den Western, egal ob früh oder spät, übliche (und vermutlich auch ziemlich realistische) Frauenrolle: Sie sieht hübsch aus, hat ansonsten nicht viel zu sagen, lernt natürlich das Schießen und fühlt sich zum harten Schurken mit dem guten Herzen hingezogen. An dieser Stelle sei auch noch erwähnt, dass die oft wichtige Rolle des Bösewichts nicht sonderlich gut geschrieben ist: Matt Clark spielt den „Doc“ Shabbitt sehr unauffällig, was ich ihm nicht unbedingt anlasten möchte. Ich schätze, dass es eher am Drehbuch liegt, dass das kein Bandit ist, bei dem man die Angst seiner Gegner nachvollziehen kann. Über diese Schwächen kann man aber, so ging es mir zumindest, recht gut hinwegsehen, weil das Augenmerkt klar auf der Beziehung der „Guten“ untereinander liegt.

Letzten Endes ist „Pfad der Gewalt“ nicht mehr und nicht weniger als ein typisches Wild-West-Abenteuer. Das Motiv vom friedliebenden Farmer, der (schuldlos) von Banditen bedrängt wird, macht, so viel ist auch mir als Laie klar, den Film zu keinem Anwärter auf einen Innovationspreis. Dass ein mysteriöser und im westlichen Grenzgebiet erfahrener Fremder den naiv wirkenden Siedlern zu Hilfe eilt, kommt mir auch nicht gerade wie eine bahnbrechende Idee vor. Dennoch liegt es mir fern, dem Werk jeglichen Unterhaltungswert abzusprechen. Im Gegenteil, in ihrer nüchternen Darbietung empfinde ich die Story als durchaus gelungen. Im Endeffekt ist es sogar sehr spannend, auf welche Weise sich die anfangs noch Unterlegenen ihrer Häscher entledigen. Gefühlsmäßig hätte das alles aber schon noch ein bisschen besser ausgearbeitet sein können, dann hätte ich sogar noch einen Punkt mehr springen lassen. Davon abgesehen thematisiert der Film übrigens kaum etwas, das über seine vordergründige Handlung hinausgeht, weder im Guten noch im Schlechten. Wem das – und die nicht überbordende Cowboy-Action – reicht, der wird sich bestens bedient fühlen. Unterm Strich bleibt damit ein Western, der zwar kein Meisterwerk, aber doch sehr solide, spannend und – zumindest einmal – durchaus sehenswert ist.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: The Quick and the Dead.
Regie:
Robert Day
Drehbuch: James Lee Barrett
Jahr: 1987
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Sam Elliott, Tom Conti, Kate Capshaw, Matt Clark, Kenny Morrison, Patrick Kilpatrick



FilmWelt: Godzilla vs. Kong

„Godzilla vs. Kong“ ist der vierte Film aus dem mittlerweile als „MonsterVerse“ bekannten Franchise und markiert – wie anhand des Titels leicht zu erraten ist – das Aufeinandertreffen der zwei wohl bekanntesten Kreaturen der Filmgeschichte. Auf dieses epische Gefecht wurde seit dem Start der Reihe (2014) hingearbeitet. Und eigentlich hätte vorliegender Blockbuster schon 2020 in die Kinos kommen sollen, aufgrund der Covid-19-Pandemie mussten sich die Fans allerdings ein ganzes Jahr gedulden, bis es im Sommer 2021 endlich soweit war.

Gesamteindruck: 3/7


Kampf der Giganten.

Wenn man diesen Film bewerten will, läuft im Endeffekt alles auf eine Frage hinaus: Was erwartet man sich von einem Streifen, der „Godzilla vs. Kong“ heißt? Die kurze Antwort: Genau das, was der Titel verspricht, nämlich zünftige Monster-Action mit einem epochalen Ausmaß an Zerstörung. Das bietet der Film auch, womit diese Rezension eigentlich schon wieder zu Ende sein könnte. Wer also tatsächlich nur sehen möchte, wie sich Affe und Echse den Schädel einschlagen, kann zu obiger Wertung gerne ein oder zwei Punkte addieren und braucht nicht unbedingt weiterzulesen. Wer aber wissen möchte, wieso mein Gesamteindruck trotz bravouröser Erfüllung des Produktversprechens nicht so rosig ausfällt, muss sich ein paar Minuten Zeit nehmen.

Worum geht’s?
Skull Island, Heimat des Riesengorillas King Kong, wurde durch den Monarch-Konzern in ein völlig von der Außenwelt abgeschirmtes Habitat verwandelt, das dem stetig wachsenden Primaten langsam zu eng wird. Im Gegensatz dazu streift die riesige Echse Godzilla frei durch die Weltmeere und ist immer noch gefeierter Held der Menschheit. Bis sich das Ungetüm plötzlich entschließt, an Land zu gehen und eine Forschungseinrichtung der High Tech-Firma Apex Cybernetics dem zu Erdboden gleichzumachen. Jenes Unternehmen würde zu gern eine mächtige Energiequelle in die Hände bekommen, die in der Heimat der Monster, der Hohlerde, vermutet wird. Um dorthin zu gelangen, wird wiederum die Hilfe von King Kong benötigt, den man prompt aus seinem Habitat holt, um ihn zum Eingang ins Erdinnere zu bringen. Das erweckt die Aufmerksamkeit von Godzilla, der keineswegs vorhat, seine Stellung als König der Monster kampflos aufzugeben…

„Lasst sie kämpfen“ hat ein kluger Mann (Ken Watanabe alias Dr. Ishiro Serizawa in „Godzilla“, 2014) einst gesagt. Besser könnte man nicht beschreiben, wo die Stärken und Schwächen von „Godzilla vs. Kong“ meines Erachtens liegen. Zunächst das Gute: Sie kämpfen. Und das auf durchaus sehenswerte Weise, denn die Spezialeffekte sind wirklich vom Feinsten. Zwei große Kämpfe der Titelfiguren gibt es im Film, beide unterscheiden sich stark genug, um nicht langweilig zu werden – und vor allem sind beide ausgezeichnet choreographiert (wenn man das bei computergenerierten Ungeheuern überhaupt so nennen kann). Die Zerstörungen, die dabei angerichtet werden, sind entsprechend ihren Ausmaßen natürlich verheerend, was für Freunde des gepflegten Katastrophenfilms ein wahrer Augenschmaus ist. Begleitet wird das brutale Treiben von einer ohrenbetäubenden Soundkulisse, an der es wenig bis nichts auszusetzen gibt. Im Übrigen steht es dem Film gut zu Gesicht, Kong als Außenseiter, aber auch schlaueren der beiden Rivalen zu stilisieren, während Godzilla schlicht seinen Instinkten zu folgen scheint. Das hat schon ein bisschen was von einem Kampf Mensch gegen unbändige Natur, eine Darstellung, die im ersten Moment sehr klischeehaft scheint, aber eigentlich dennoch ganz gut passt. Alles in allem: Daumen hoch, selten in der Filmgeschichte hat ein so epochaler Kampf die in ihn gesetzten Erwartungen dermaßen gut erfüllt.

Kurz zum Hintergrund: „Godzilla vs. Kong“ ist nicht das erste Aufeinandertreffen der wohl ikonischsten Monster der Filmgeschichte. Bereits 1962 ließ der legendäre „Godzilla“-Schöpfer Ishirō Honda die gigantischen Kreaturen in „Die Rückkehr des King Kong“ gegeneinander kämpfen. Dass es seither zu keinem derartigen Gipfeltreffen mehr gekommen ist, mag im ersten Moment seltsam erscheinen. Der Wille war da, vor allem aus Japan – es scheiterte aber letztlich immer an der dafür notwendigen Verleihung der Rechte. Jahrzehnte später scheint dieses Problem aus der Welt geschafft, was eben den Start der amerikanischen MonsterVerse-Reihe mit „Godzilla“ (2014) ermöglichte, während in Japan mit dem (sehr starken) „Shin Godzilla“ 2016 ein eigener Reboot gestartet wurde (ob es damit weitergeht ist zum Zeitpunkt dieser Rezension unklar, allerdings wäre es theoretisch möglich, denn ein entsprechender Vertrag mit den amerikanischen „Godzilla“-Machern Legendary Entertainment, der genau das ausschloss, endete mit „Godzilla vs. Kong“).

Was mich alles stört.

Woran hapert es also, wenn der Film das, was man von ihm erwartet, geradezu perfekt macht? Nun, „Lasst sie kämpfen“ ist eine Medaille mit zwei Seiten: Man sollte nämlich auch erklären, warum (bzw. worum) gekämpft wird. Tut man das nicht, hat man so etwas wie „Celebrity Deathmatch“ (die ganz alten werden sich erinnern…), was nett ist, aber nicht für einen abendfüllenden Blockbuster reicht. Ein Mindestmaß an interessanter Story und Charakteren wäre dafür zumindest wünschenswert. Das war übrigens schon bei den alten „Godzilla“-Filmen aus Japan so, die immer dann besonders gut waren, wenn sie auf eine Botschaft und/oder halbwegs kantige (menschliche) Figuren setzten. „Godzilla vs. Kong“ lebt hingegen, wie schon seine Vorgänger, praktisch nur vom Spaß an der Freud‘. Das bisschen Botschaft (die Unkontrollierbarkeit der Natur), das der Film zu vermitteln versucht, ist kaum der Rede wert.

Gleiches gilt für die menschlichen Charaktere, die bereits in „Godzilla II: King of the Monsters“ (2019) zur austauschbaren Staffage geworden sind. Daran ändert dieses Sequel trotz krampfhafter Bemühungen, das Problem ab und an mal mit Humor zu übertünchen, nichts. Ob man das den Schauspielern anlasten kann, ist fraglich; man merkt einfach an allen Ecken und Enden, dass das Drehbuch auf eine epische Schlacht ausgelegt ist. Der ganze Rest wirkt auf mich wie eine höchst lästige, aber leider notwendige Pflicht. Nur so lässt sich aus meiner Sicht der hanebüchene Unsinn erklären, den die Autoren Eric Pearson und Max Borenstein als „Story“ gemeinsam mit Regisseur Adam Wingard über das Publikum hereinbrechen lassen. Ich selbst habe „Godzilla vs. Kong“ übrigens im Kino gesehen, was in zweifacher Hinsicht ein Erlebnis war: Einerseits wirkt der Schlagabtausch der kolossalen Viecher auf der großen Leinwand in 3D und mit entsprechendem Sound unglaublich intensiv. Andererseits gab es immer wieder spontanes Gelächter von den Rängen, wenn ein besonders an den Haaren herbeigezogener Einfall über die Leinwand flimmerte.

Ich weiß, ich weiß: Bei solchen Filmen sollte es eigentlich heißen Augen und Ohren auf, Hirn aus. Nur wollte mir das in diesem Fall so gar nicht gelingen, weil ich einfach nicht verstehen kann, dass man dermaßen viele Dummheiten darin unterbringen musste. Ein Beispiel ist die wohl blödeste Idee des vorangegangenen Films, die ich in meiner entsprechenden Rezension auch als solche gewürdigt habe: Die Hohlerde, die man nicht nur erneut aufgreifen, sondern gleich als absolutes Schlüsselelement platzieren musste (wenigstens ist die Darstellung derselben durchaus gelungen, wenngleich man sich fragt, woher dort das Licht kommt – aber ich schweife ab). Oder: Was soll das mit dem Schädel von Ghidora, dem Antagonisten aus „Godzilla II: King of the Monsters“, der zur telepathischen (!) Steuerung eines Roboters dient? „Seine Hälse waren so lang, dass seine Köpfe telepathisch miteinander kommuniziert haben“… ja, genau. Gaaanz großartiger Twist. Nicht.

Neben solchen Lächerlichkeiten gibt es auch ein paar kleinere Fragezeichen – darunter Probleme wie die ständig wechselnde Größe der monströsen Protagonisten (mal passen beide auf einen Flugzeugträger, dann sind sie wieder so hoch wie ein Wolkenkratzer), den scheinbar aus dem Nichts entwickelten technischen Möglichkeiten (die aber nicht ausreichen, um einen Titanen ernsthaft zu verletzen), die „U-Bahn“ von Florida nach Hongkong (!) oder die Tatsache, dass ein paar jugendliche Podcast-Hörer sich problemlos und ohne erwischt zu werden in einem Hochsicherheitstrakt bewegen können.

Spannung? Fehlt leider (auch).

Man sieht schon: Mir hat das ganze Drumherum nicht gefallen. Dazu stehe ich. Das soll im Übrigen nicht heißen, dass jeder der dutzenden japanischen „Godzilla“-Streifen eine Offenbarung war, denn das ist beileibe nicht so. Ich finde es aber sehr schade, in welche Richtung sich dieses Filmuniversum nach den wirklich guten „Godzilla“ (2014) und „Kong: Skull Island“ (2017) bewegt hat. Vielleicht ist das MonsterVerse selbst sogar der Grund dafür: Es mag von Anfang an als Produkt, als Franchise wie man das heute so schön nennt, konzipiert worden sein; dennoch finde ich, dass in den zwei Auftaktfilmen eine Menge Herzblut steckte. Das ist mit „Godzilla 2“ verloren gegangen und wurde wohl endgültig Ideen untergeordnet, die den größten kommerziellen Erfolg versprechen. Dazu kommt, dass man sich mit dem MonsterVerse selbst ein bisschen in die Ecke manövriert hat: Alles muss zusammenhängen und eine halbwegs kongruente Story erzählen, was aber scheinbar nur noch über möglichst haarsträubend konstruierte Prämissen gelingt – eben weil die Zeit zu fehlen scheint, vernünftig darüber nachzudenken, was die Titanen wirklich bedeuten könnten. Überflüssig zu erwähnen, dass mir diese Herangehensweise nicht zusagt. Denn eigentlich würde mir eine zusammenhängende Reihe gut gefallen – aber bitte nicht so, sondern zumindest ein bisschen realistischer und mit wenigstens ein oder zwei memorablen (menschlichen) Charakteren. Es ist fast schon gemein, wie das MonsterVerse eine tiefgründige Welt anteasert – und nichts daraus macht.

Im Übrigen ist der Film nur bis zu einem gewissen Grad spannend. Schuld daran sind neben dem sub-optimalen Drehbuch vor allem zwei Faktoren: Die Titanen wirken allesamt praktisch unkaputtbar. Egal, was ihnen passiert, sie tragen so gut wie nie auch nur einen Kratzer davon, was nicht gerade dazu beiträgt, dass man wirklich mitfiebert bzw. jemals meint, das ein Kampf tödlich ausgehen könnte (was im Finale passiert ist übrigens recht früh vorhersehbar).

Zweiter Grund ist die vollkommen oberflächliche Art, wie in den zwei jüngsten MonsterVerse-Filmen mit Menschen umgegangen wird. Damit meine ich nicht den angesprochenen eklatanten Mangel an Charakteren, sondern spreche von einer generellen Problematik: Speziell Godzilla ist ein echter Zerstörer; denkt man darüber nach, was die Echse in „ihren“ drei MonsterVerse-Auftritten für Verheerungen angerichtet hat, fragt man sich, wie der Bursche von den Figuren im Film überhaupt bewundert werden kann. Das müssen jedes Mal zigtausende Tote gewesen sein, die auf sein Konto gehen, was man aber nie zu sehen bekommt. In „Godzilla 2“ wird dieses Thema zumindest angedeutet, daraus gemacht wird aber nichts – und in „Godzilla vs. Kong“ spielt es überhaupt keine Rolle mehr. Schon klar, die Titanen sind die Stars der Filme – aber als Zuseher identifiziert man sich schon auch mit den winzigen Menschlein, die von ihnen in Massen zerschmettert werden. Weil es aber keinen nennenswerten menschlichen Charaktere gibt, ist das fast egal – wahrscheinlich thematisiert es der Film genau deshalb auch nicht, obwohl es meines Erachtens deutlich mehr Drama und Spannung bringen würde. Aber hey, was weiß ich schon. 😉

Empfehlung: Hirn aus. Und zwar komplett.

Was unterm Strich bleibt, ist ein Film, dessen Kampfszenen unterhalten und begeistern, der abgesehen davon aber nichts zu bieten hat, das auch nur ansatzweise intelligent wäre. Im Gegenteil, wenn man es genau nimmt, ist „Godzilla vs. Kong“ eine Beleidigung für den Intellekt jedes Zuschauers. Nicht, weil die Vorstellung gigantischer Kreaturen, die gegeneinander kämpfen, per se dumm ist – nein, nur, weil alles, was der Film dazwischen erzählt, eine Aneinanderreihung von Peinlichkeiten ist. Man hätte wohl besser versucht, sie tatsächlich einfach kämpfen gelassen – womit wir wieder beim „Celebrity Deathmatch“ wären – statt krampfhaft an einem Universum festzuhalten, das kläglich daran scheitert, den Eindruck von Tiefe zu simulieren. Oder man hätte sich Zeit nehmen sollen, die Zusammenhänge in sich stimmig und halbwegs glaubhaft zu erklären. So ist „Godzilla vs. Kong“ eine merkwürdige Mischung aus verkrampft und beeindruckend. Und damit kann ich nur eine Empfehlung wiederholen: Augen und Ohren auf, Hirn (komplett) aus! Wenn man das schafft, mag der Film wirklich sehr unterhaltsam sein. Mir ist es leider (?) nicht gelungen.

Drei Punkte für die Monster-Action. Und zwar nur dafür.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: Godzilla vs. Kong.
Regie:
Adam Wingard
Drehbuch: Max Borenstein, Eric Pearson
Jahr: 2021
Land: USA
Laufzeit: ca. 115 Minuten
Besetzung (Auswahl): Alexander Skarsgård, Mille Bobby Brown, Rebbeca Hall, Brian Tyree Henry, Kaylee Hottle



FilmWelt: Being John Malkovich

Es ist kaum zu glauben: Obwohl anno 1999 in meiner Umgebung sehr häufig und nur im positiven Sinne über „Being John Malkovich“ gesprochen wurde, habe ich es erst über 20 Jahre später geschafft, mir diesen mittlerweile zum Kult avancierten Film erstmals anzusehen. Und ich bin mir sicher: Meinem damaligen Ich hätte diese Groteske ganz ausgezeichnet gefallen. Aber auch aus heutiger Sicht hat eine der verrücktesten Ideen, die jemals im Mainstream-Kino gezeigt wurden, nichts von ihrem Charme eingebüßt.

Gesamteindruck: 6/7


„Treffen wir uns in Malkovich.“

Ich muss zugeben, dass es mir schwerfällt, eine Rezension zu „Being John Malkovich“ zu schreiben. Allein schon die Zuordnung zu einem Genre ist nicht eindeutig zu treffen: Über weite Strecken ist der Film ausgesprochen witzig (und das nicht immer nur auf intelligente Art), eine Komödie im eigentlichen Sinne ist er aber nicht. Hinzu kommen eine Reihe tragischer, philosophischer, aber auch romantischer Momente, garniert mit Satire und ein wenig Mystery. Im ersten Moment klingt das nach einem ziemlich wilden Mix; ist es auch, interessanterweise greifen die Elemente jedoch ausgezeichnet ineinander, sodass letztlich alles wie aus einem Guss wirkt.

Worum geht’s?
Der abgehalfterte Puppenspieler Craig Schwartz hat keine Wahl: Er braucht einen richtigen Job und beginnt als Aktensortierer im 7 ½ (!) Stock eines Bürogebäudes in New York. Dort bemerkt er eines Tages eine kleine, versteckte Tür, hinter der sich ein dunkler Gang verbirgt, der wiederum direkt in den Kopf von John Malkovich führt. 15 Minuten lang kann man auf diese Weise den Schauspieler durch dessen eigene Augen beobachten. Eine sensationelle Entdeckung, an deren kommerzielle Ausbeutung sich Schwartz und seine Flamme Maxine bald machen

Ich hätte gerne die Gesichter gesehen, als Drehbuchautor Charlie Kaufman mit dieser Story bei Produzenten und Regisseuren vorsprach. Vor allem aber die Reaktion eines gewissen John Malkovich auf das Drehbuch muss sehenswert gewesen sein, war der US-Schauspieler bis dahin doch vorwiegend für ernste Rollen bekannt. Dass er tatsächlich angenommen hat und sich selbst spielt, ist schon bemerkenswert; andererseits war und ist Malkovich einer der wandlungsfähigsten Darsteller überhaupt, von daher könnte ich mir vorstellen, dass er dieses Experiment als hochinteressante Herausforderung gesehen haben mag. Wie dem auch sei – der Meister hat zugesagt, was den Film, der trotz seines Namens vielleicht auch ohne ihn genauso gedreht worden wäre, ordentlich Schub nach vorne gebracht hat.

Was ist Identität – und andere Fragen.

Inhaltlich lässt „Being John Malkovich“ meiner Meinung nach diverse Lesarten zu. Speziell die Bedeutung von Identität ist ein Thema, das in der auf den ersten Blick so skurrilen Geschichte auf sehr komplexe Weise behandelt wird. Ich persönlich verstehe den Film übrigens vor allem als eine Version von „Kleider machen Leute“: Der talentierte, aber völlig unbekannte Puppenspieler kommt erst zu Erfolgen im Job und in der Liebe, als er durch schieren Zufall den Körper (und Namen) eines berühmten Schauspielers übernehmen kann. Bei näherer Betrachtung eine ausgesprochen traurige Geschichte, die zeigt, dass oft nur zählt, wie man heißt – und nicht, was man kann.

Aber auch, wenn man keine Lust hat, „Being John Malkovich“ hoch philosophisch zu betrachten, sollte man dem Film eine Chance geben. Er ist spannend, witzig und hat nur kleine Längen (die letztlich die 7-Sterne-Wertung verhindern). Vor allem aber sind die Schauspieler bestens aufgelegt. Allen voran natürlich John Malkovich, der hier zwei Rollen spielt: Zunächst eine Version seiner selbst, den leicht verschrobenen, etwas abgehobenen aber dennoch sympathischen Schauspieler (ich frage mich ja, wie viel vom echten John Malkovich darin steckt). Und dann noch den von einem mittellosen und unglücklich verliebten Puppenspieler „besessenen“ Malkovich, der natürlich völlig anders agieren muss. Und als ob das alles nicht genug wäre, gibt es noch eine besonders absurde Szene, in der John Malkovich (also dessen alter ego im Film) selbst die Pforte benutzt. Was er in seinem eigenen Kopf erlebt setzt der Groteske wirklich die Krone auf, auch wenn die Szene nur wenige Minuten dauert. Nicht zum ersten Mal fragt man sich, was Malkovich (also der Reale) gedacht hat, als er diese Stelle im Drehbuch gelesen hat. Vielleicht „Malkovich?“ „Malkovich!“.

Angemerkt sei an dieser Stelle, dass auch die kaum zu erkennende Cameron Diaz und John Cusack als liebenswerter Verlierer, der sich mehr und mehr zum Egomanen entwickelt, ihre Sache ausgezeichnet machen. Mit Catherine Keener alias Maxine Lund bin ich hingegen nicht so richtig warm geworden, was wohl auch mit ihrer ziemlich unsympathisch angelegten Rolle zu tun hat. Aber sei’s drum, insgesamt wurden die Darsteller bestens ausgewählt. Gleiches gilt für den passend schrägen Soundtrack.

Fazit: Trotz hohen Skurrilitätsfaktors würde ich jedem empfehlen, sich „Being John Malkovich“ anzusehen. Das ist tatsächlich einmal ein Film, der das Prädikat „Kult“ verdient hat. Er ist witzig, er ist traurig, er regt zum Nachdenken an – und er ist auch spannend. Nur eines ist er definitiv nicht: Stangenware. Etwas wie das hier hat man vorher und naher nur ganz selten zu sehen bekommen. Daumen hoch für alle Beteiligten!

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Being John Malkovich.
Regie:
Spike Jonze
Drehbuch: Charlie Kaufman
Jahr: 1999
Land: USA
Laufzeit: ca. 110 Minuten
Besetzung (Auswahl): John Cusack, Cameron Diaz, Catherine Keener, John Malkovich, Orson Bean, Ned Bellamy



FilmWelt: I Am the Pretty Thing That Lives in the House

Hinter einem ausgesprochen unhandlichen Titel verbirgt sich ein klassischer Horror-Film: „I Am the Pretty Thing That Lives in the House“ ist nichts anderes als die Mär vom Spukhaus, die wir so oder so ähnlich schon in zig Iterationen gesehen, gehört und gelesen haben. Es stellen sich also zwei Fragen: Kann der Film dem Genre etwas Neues hinzufügen? Und kann er uns – unabhängig davon – das Fürchten lehren?

Gesamteindruck: 2/7


Unspektakuläres Geisterhaus.

Für mein Dafürhalten ist „I Am the Pretty Thing That Lives in the House“ eine Variante eines Klassikers: „The Haunting of Hill House“ (dt.: „Spuk in Hill House“), ein Roman von Shirley Jackson aus dem Jahre 1959, der bereits unter verschiedenen Titeln verfilmt wurde, scheint durchaus Einfluss auf Regisseur und Drehbuchautor Osgood „Oz“ Perkins (u. a. „Gretel & Hänsel“, 2020) gehabt zu haben. Interessanterweise startete 2018, also zwei Jahre nachdem vorliegender Film Premiere feierte, die Serie „The Haunting of Hill House“, die genau wie „I Am the Pretty Thing…“ vom Streaming-Dienst Netflix produziert wurde. Nach Genuss des Films kommt es mir fast so vor, als hätten die Verantwortlichen das Potenzial einer Charakter-getriebenen Geistergeschichte erkannt – und wären vielleicht erst dadurch auf die Idee gekommen, einen sehr ähnlichen Stoff als Serie zu produzieren.

Worum geht’s?
Früher war Iris Blum eine gefeierte Autorin von Schauergeschichten. Mittlerweile lebt die alte Dame, die unter Demenz leidet, allein und zurückgezogen in einem alten Haus. Zu ihrer Unterstützung zieht Hospiz-Schwester Lily Saylor bei ihr ein. Die sensible Pflegerin wird mehr und mehr von der düsteren und übernatürlichen Atmosphäre des Hauses und dessen Besitzerin in Beschlag genommen…

Ob es wirklich so abgelaufen ist, wie oben von mir vermutet, kann ich freilich nicht verifizieren. Eines ist jedoch klar: Wo „The Haunting of Hill House“ eine atmosphärische Serie mit ordentlichem Spannungsbogen, gut geschriebenen Charakteren und einigen wohl-dosierten, dafür aber umso effektiveren Schockmomenten ist, ist „I Am the Pretty Thing…“ ein Film, der in keiner dieser Kategorien vollends überzeugen kann. Dabei möchte ich Oz Perkins ein gewisses Händchen für eine ganz spezielle Stimmung keineswegs absprechen: Sein Geisterhaus wirkt definitiv unheimlich, wozu meines Erachtens vor allem die praktisch durchgehend im Hintergrund präsente Soundkulisse beiträgt. Leider schafft der Regisseur es aber wie in seinem späteren Werk „Gretel & Hänsel“ nicht, aus guten Grundvoraussetzungen einen überzeugenden Film zu kreieren.

Atmosphäre allein reicht nicht.

Es ist fast, als hätte Perkins mit einer detaillierten und unheilvollen Grundstimmung sein Pulver verschossen. Die Charaktere (viele gibt es ohnehin nicht) bleiben blass: Einerseits gibt es die alte Dame (gespielt von Paula Prentiss, die seit ihrer Hochphase in den 1960er/70er-Jahren nur mehr sehr wenige Rollen hatte), die so gut wie nichts zu sagen hat und auch sonst – wohl ganz der Figur entsprechend – mehr oder weniger vor sich hin siecht, ohne Akzente zu setzen. Im Gegenzug fällt Ruth Wilson, deren bisherige Karriere relativ unauffällig war, die Aufgabe zu, den gesamten Film praktisch im Alleingang zu tragen. Ich würde der Schauspielerin keinesfalls die Fähigkeiten dazu absprechen wollen – nur tut ihr das Drehbuch bei diesem schwierigen Job keinen Gefallen: Dialoge, in denen sie glänzen könnte, gibt es kaum, die Monologe bestehen in der Regel aus quälend langsam eingesprochenem Off-Text. Bleibt also vor allem die Körpersprache, die, abgesehen von etwas Over-Acting gegen Ende hin, zumindest in Ordnung (also unaufdringlich) ist.

Apropos „langsam“: „I Am the Pretty Thing…“ ist extrem bedächtig aufgebaut. Das ist nun nichts, was man negativ sehen müsste – allerdings ist es hier so, dass die Story, die der Film erzählt, nirgendwo hin zu führen scheint. Was eventuell auch mit den fehlenden Dialogen zu tun hat, die das Gefühl, man würde hier so etwas wie die Fingerübung eines Regisseurs, der plant, einen möglichst ruhigen, aber dennoch unheimlichen Film zu machen, beobachten. Ganz ehrlich: Ich hatte mehr als einmal das Gefühl, dass man „I Am the Pretty Thing…“ deutlich effektiver und packender als Kurzfilm hätte erzählen können. Gar nicht so sehr, weil der Streifen seine Längen hat (die hat er natürlich auch), sondern eher, weil man am Ende das Gefühl hat, dass in 90 Minuten Laufzeit ganz schön wenig Geschichte untergebracht wurde.

Ruhig – und leider auch langweilig.

Um auf meine zwei eingangs gestellten Fragen zurückzukommen: Nein, „I Am the Pretty Thing…“ kann dem Genre nichts Neues hinzufügen. Es ist ein klassischer Geisterfilm, deutlich ruhiger, aber – ich komme jetzt nicht mehr drum herum, es so direkt zu sagen – auch deutlich langweiliger als viele Genregenossen. Und, die Antwort auf Frage 2: Nein, der Film lehrt den Zuschauer nicht das Fürchten. Man erschreckt sich vielleicht ein- oder zweimal ein wenig, insgesamt ist das aber deutlich zu wenig. Natürlich muss ein guter Film nicht von einem Jumpscare zum anderen hetzen, ganz im Gegenteil. Nur leider ist in diesem Falle auch die Gesamtstimmung nicht zufriedenstellend: Der Film ist zwar düster und einigermaßen bedrückend, so richtig unheimlich ist er aber nicht.

Damit kommt es, wie es kommen muss: „I Am the Pretty Thing That Lives in the House“ erreicht bei mir magere 2 von 7 Punkten. Nochmal werde ich ihn mir definitiv nicht ansehen – wer sich dennoch überlegt mal reinzuschauen, sollte folgendes bedenken: Dieser Film ist definitiv nicht „schlecht“ im engeren Sinne (dafür ist er handwerklich zu gut gemacht), es gibt aber schlicht und einfach keinen einzigen herausragenden Moment, für den es sich lohnen würde, 90 Minuten seines Lebens zu investieren. Ansehen kann man ihn sich zwar, wenn man Zeit genug hat, aber glaubt mir: Man verpasst nichts, wenn man es nicht tut.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: I Am the Pretty Thing That Lives in the House.
Regie:
Oz Perkins
Drehbuch: Oz Perkins
Jahr: 2016
Land: Kanada, USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Ruth Wilson, Paula Prentiss, Bob Balaban, Lucy Boynton



FilmWelt: Die Nacht der lebenden Toten

„Die Nacht der lebenden Toten“ (1968) taucht regelmäßig in Listen mit wichtigen und bahnbrechenden Klassikern auf. Aus heutiger Sicht ist das zumindest bei oberflächlicher Betrachtung gar nicht mehr so einfach nachzuvollziehen – 1968 war es hingegen eine völlig neue Art von Horror, den Regisseur George A. Romero in einer Nachmittagsvorstellung (!) auf das nichtsahnende Publikum losließ. Und ja, der Film mag seine Schwächen haben; seiner Wirkung kann man sich dennoch bis heute schwer entziehen, wenn man auch nur ein bisschen was am Horror-Genre findet.

Gesamteindruck: 6/7


Das Zeitalter der Zombies beginnt.

Mir ist nicht ganz klar, wie Untote vor „Die Nacht der lebenden Toten“ im Film dargestellt wurden. Natürlich gab es Graf Dracula (1931 erstmals im Film zu sehen) – George Romero schuf jedoch, so heißt es, eine neue Form von Kreatur: Seine lebenden Toten haben nichts mit der romantischen Vorstellung des transylvanischen Adeligen zu tun, der sich seine Manieren und seine Intelligenz über den Tod hinaus bewahren konnte. Eines haben sie aber mit dem blutdürstigen Grafen gemeinsam: Sie sollten in den folgenden Jahren und Jahrzehnten in zahllosen Inkarnationen, mal mehr, mal weniger originell die Leinwände und Fernsehschirme dieser Welt erobern.

Worum geht’s?
Als die Geschwister Barbra und Johnny das Grab ihres Vaters besuchen, werden sie ohne Grund von einem Mann angegriffen, der sich äußerst merkwürdig benimmt und aussieht. Während Johnny zu Boden geworfen wird, kann sich Barbra in einem nahegelegenen Haus verstecken. Dort trifft sie – völlig unter Schock – bald auf weitere Flüchtlinge, die sich gemeinsam verschanzen und bald von höchst unheimlichen Gestalten belagert werden…

Die ersten Minuten von „Die Nacht der lebenden Toten“ benötigt der moderne Zuschauer, sich halbwegs in einen Film einzugewöhnen, der kaum aktuellen Sehgewohnheiten entspricht. Das beginnt bei der Darstellung in schwarz/weiß, setzt sich über die ungewohnte Kameraführung fort und reicht über die seltsam anmutende Synchronisation bis hin zum teilweise eher hölzernen Auftreten der Schauspieler. Ob und wie große Probleme man damit hat, hängt freilich von der individuellen Offenheit gegenüber historischem Material ab. Ich für meinen Teil kann sagen, dass ich spätestens nach 20 Minuten so hineingekippt bin, dass mir das hohe Alter des Streifens sowie sein geringes Budget kaum noch aufgefallen sind.

Weil es gut passt, sei an dieser Stelle direkt angemerkt, dass die fehlenden Geldmittel so gut wie keine Auswirkungen auf Spannung, Dialoge und Drehbuch haben. Sie zeigen sich meines Erachtens vorwiegend an der Technik; besonders auffällig: Schwankungen im Ton, teilweise auch komplett fehlende Geräusche – ob das eventuell nur in der deutschen Fassung so ist, kann ich allerdings nicht beurteilen. Die Synchronisation ist übrigens nicht optimal, die Sprecher klingen zumindest teilweise nicht so professionell, wie man sich das wünschen würde. Ansonsten sind in Sachen Professionalität und/oder Budget noch die dilettantische Choreografie der Kämpfe (so deutlich erkennbar haut nicht mal Bud Spencer daneben) und der für mein Gefühl stark ausbaufähige und viel zu abrupte Schnitt zu erwähnen.

Unerwartet intensiv.

Positiv überrascht war ich hingegen von der Intensität und der düsteren Atmosphäre. Drei Hauptgründe, die zeigen, dass das auch mit verhältnismäßig bescheidenen Mitteln zu bewerkstelligen ist, möchte ich näher ausführen. Erstens – und vielleicht am wichtigsten – ist „Die Nacht der lebenden Toten“ mit hervorragender Filmmusik gesegnet. Der Soundtrack (ob es diesen Begriff Ende der 1960er schon im heutigen Sinne gegeben hat, entzieht sich meiner Kenntnis) sorgt in einem Ausmaß für (düstere) Stimmung, das man auch in modernen Filmen eher selten serviert bekommt. Eine Vermutung meinerseits: Die praktisch durchgängige akustische Untermalung kommt eventuell gerade wegen der oben genannten Schwächen im allgemeinen Ton dermaßen gut zur Geltung.

Der zweite Grund ist die unerwartet trostlose Gesamtstimmung, die „Die Nacht der lebenden Toten“ trotz ab und an naiv anmutender Bilder zu einem relativ harten Film macht. Letztlich gibt es keine Szene, in der man auch nur den Ansatz von Humor durchschimmern sieht, wodurch jeder Gedanke an unfreiwillige Komik, der durch den einen oder anderen technischen Mangel aufkommen könnte, schnell ad acta gelegt wird. Ich selbst musste lediglich aufgrund der Synchronisation ab und an schmunzeln, würde aber vermuten, dass dieser „Spaß“, so man es überhaupt so nennen will, dem englischsprachigen Original vollkommen abgeht. Dazu passt auch, dass die Figuren in „Die Nacht der lebenden Toten“ keine todesmutigen Helden sind. Sie sind auch nicht direkt gut oder böse, sondern irgendwo dazwischen, wirken wie ganz normale Menschen, haben untereinander auch Konflikte. Kurz: Romero nimmt hier einiges vorweg, das die ganze Welt Jahrzehnte später an „The Walking Dead“ feiern sollte – und das zum Teil sogar noch realistischer. Übrigens hat der Film auch kein Happy End, ganz im Gegenteil: Er endet auf eine Weise tragisch, die mich fast schon fassungslos zurückgelassen hat. Hätte ich so nicht erwartet!

Der dritte Punkt, den ich in Sachen Intensität erwähnt haben will: Ich habe mich oben ein wenig über die billig wirkende Technik beschwert, möchte da jedoch die Kameraarbeit klar ausnehmen; die ist zwar ein bisschen ungewohnt, aber dennoch sehr gut gelungen. Gleiches gilt für die meisten Effekte, die ebenfalls zu gefallen wissen. Weniger mit Filmtechnik, wohl aber mit den Fertigkeiten des Regisseurs hat ein anderer Punkt zu tun: Das Gefühl des Realismus, das durch die regelmäßige Einbindung von Nachrichtenschnipseln geschaffen wird. Ich wusste gar nicht, dass diese Technik schon so früh in der Filmgeschichte zum Einsatz kam – Romero macht das jedenfalls perfekt, was sein Langfilm-Debüt nochmal besser macht.

Fazit: Wer sich von den genannten Punkten angesprochen fühlt und über die angeführten Schwächen hinwegsehen kann, erlebt mit „Die Nacht der lebenden Toten“ einen unerwartet düsteren und zu seiner Zeit wohl auch ausgesprochen harten Film. Letzteres heißt, dass man durchaus explizite Gewalt, inklusive Blut und Eingeweiden zu sehen bekommt, außerdem hier und da recht viel nackte Haut. Kein Wunder also, dass der Film von Anfang an skandalumwittert war, was sicher auch einen Teil seines späteren Ruhmes ausmacht. Dennoch sollte man das, was George Romero geschaffen hat, nicht nur auf den bis dahin kaum gekannten Horror-Faktor reduzieren – „Die Nacht der lebenden Toten“ ist schlicht und einfach ein gut gemachter Film ohne ganz große Schwächen.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Night of the Living Dead.
Regie:
George A. Romero
Drehbuch: George A. Romero, John A. Russo
Jahr: 1968
Land: USA
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Duane Jones, Judith O’Dea, Karl Hardman, Marilyn Eastman, Russell Streiner, Kyra Schon



FilmWelt: The Beyond

„The Beyond“ (2017) ist keine teure Hollywood-Produktion sondern das Debüt des eigentlich als Visual Effects-Künstler bekannten Hasraf Dulull (u. a. „The Dark Knight“, 2008). Bekannt? Naja, ich persönlich habe den Namen noch nie gehört, muss aber gestehen, dass ich mir kaum jemals den Abspann eines Films anschaue. Jedenfalls ist „The Beyond“ sein Langfilmdebüt und hat wenig bis nichts mit den Blockbustern zu tun, mit denen Dulull ansonsten sein Geld verdient.

Gesamteindruck: 2/7


Wurmloch im Drehbuch.

Eines muss man Hasraf Dulull lassen: Er weiß, wie man einen Film optisch inszeniert. In dieser Hinsicht fällt tatsächlich kaum auf, dass „The Beyond“ mit einem vergleichsweise bescheidenen Budget entstanden sein dürfte. Das ist einem Kniff zu verdanken, der mir persönlich gut gefällt: Der Film ist im Stile einer Dokumentation gedreht, etwas, das man auf gut Neudeutsch wohl „Mockumentary“ nennt. Leider sind diese besondere Art der Kamera- und Regiearbeit und die dazu passende Optik die einzigen Pluspunkte, die „The Beyond“ bei mir sammeln kann.

Worum geht’s?
Als eine fremdartige Anomalie in der Umlaufbahn der Erde erscheint, beginnt die Weltraumagentur „Space Agency“ umgehend mit der Analyse. Bald stellt sich heraus, dass es sich offenbar um ein Wurmloch handelt, das – darauf lassen unscharfe Bilder einer Sonde schließen – direkt zu einem fernen Planeten führt. Der Beschluss, eine bemannte Mission durch „The Void“, wie das Objekt genannt wird, zu schicken, ist schnell gefasst. Dabei handelt es sich allerdings um eine Reise, die der menschliche Körper nicht überstehen kann, sodass andere Lösungen gefunden werden müssen…

„The Beyond“ wirkt also von Anfang bis Ende so, als wäre er mit Handkameras aufgenommen worden. Dazwischen gibt es Interviewsequenzen, Ausschnitte aus TV-Nachrichten und immer mal wieder Computeranimationen und Aufnahmen von Satelliten- und Überwachungskameras zu sehen. Alles das ist aus meiner Sicht sehr gut gemacht und erzeugt trotz des futuristischen Themas eine gewisse Authentizität. Die Bilder sind, wie es sich für diesen Stil gehört, verwackelt, oft auch suboptimal ausgeleuchtet oder zeigen einen zu großen / zu kleinen Ausschnitt des Geschehens. Kurzum: Es bleibt dem Zuseher überlassen, die Lücken zu füllen, was mich aber – wie angedeutet – zu keinem Zeitpunkt gestört hat. Freilich ist diese Art, einen Film zu drehen, Geschmackssache – wer damit nichts anfangen kann, wird wohl schon in den ersten Minuten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Ich selbst hatte hingegen ganz andere Schwierigkeiten, die ich im Folgenden erläutern möchte.

Positiv ist zunächst noch festzuhalten, dass „The Beyond“ ganz gut gespielt ist, zumindest was die Hauptbesetzung betrifft. Die Darsteller machen ihre Sache ordentlich, vor allem stelle ich mir ein derartiges Format durchaus herausfordernd vor, weil es wohl wenig mit dem zu tun hat, was man auf der Schauspielschule lernt. Weniger gut sind leider die Statisten; vor allem gibt es eine Gruppe von Soldaten, die mehrmals zu sehen ist – deren Körpersprache wirkt auf mich überhaupt nicht authentisch, im Gegenteil, diese Szenen sind fast schon unfreiwillig komisch.

Quo vadis, Drehbuch?

Kann man darüber noch hinwegsehen, ist das bei den Schwächen im Drehbuch kaum noch möglich. Vor allem scheint der Regisseur nicht so richtig gewusst zu haben, wohin er mit „The Beyond“ will: Der Aufbau, der ungefähr ein Drittel der Laufzeit einnimmt, ist meines Erachtens noch gut gelungen, und erzeugt das Gefühl, tatsächlich eine Dokumentation zu sehen – so realistisch wirkt das Geschehen und die (Pseudo-?) wissenschaftlichen Kommentare. Ich spreche hier von der Entdeckung der Anomalie, den Versuchen sie zu erklären und den ersten Diskussionen über eine etwaige Erforschung. All das könnte – so kommt es mir jedenfalls vor – durchaus auch in unserer Realität so geschehen.

Danach wird es allerdings übel: Hasraf Dulull versucht zu zeigen, wie weit die Menschheit offenbar gehen würde, um Wissen zu gewinnen. Eigentlich eine interessante Frage, die Umsetzung ist aber fast schon katastrophal. Aus einer Weltraumagentur, die sich nicht sonderlich von der heutigen NASA oder ESA unterscheidet, wird ohne Vorwarnung und sozusagen über Nacht eine skrupellose Organisation, die ohne moralische Bedenken ein höchst fragwürdiges trans-humanistisches Projekt startet. Nicht falsch verstehen: Es sind wichtige Themen, die hier behandelt werden – aber die Art und Weise, wie sich Dulull ihnen nähert, ist meiner Meinung nach plump und einfallslos. Einen moralischen, ethischen und/oder philosophischen Konflikt zeigt er nicht, was aber essenziell wäre, um diese Problematik ernsthaft zu diskutieren.

Von dieser fatalen Verkürzung abgesehen gibt es aber noch andere Probleme: Das genannte Experiment, dabei handelt es sich um die „RoboCop“-mäßige Transplantation eines Gehirns in einen synthetischen Körper, wirkt im Vergleich zum realistisch-wissenschaftlich angehauchten ersten Teil des Films vollkommen fiktional. Diese Diskrepanz stört das bis dahin gute Sehgefühl immens. In der Folge wird „The Beyond“ zu allem Überfluss auch noch ziemlich langatmig – die Dialoge beginnen sich im Kreis zu drehen und scheinen nirgendwo hin zu führen, unterlegt wird all das von immer ähnlich aussehenden Plänen der Roboter-Körper als Computer-Animation. Dass das Finale dann komplett in die Hose geht und jegliche vorher mühsam aufgebaute Glaubwürdigkeit über Bord wirft, setzt dem Ganzen eine – leider! – durchaus passende Krone auf und alle Naturgesetze außer Kraft. So einen Blödsinn hat man auch in reinen Science Fiction-Filmen selten gesehen, für eine wissenschaftlich bis dahin weitgehende fundierte Mockumentary ist ein solch unplausibles Ende der Todesstoß.

Richtige Fragen, keine Antworten.

Wenn ich es zusammenfassen soll, würde ich meine Probleme mit „The Beyond“ so beschreiben: Der Regisseur stellt die richtigen Fragen, verliert sich dann aber viel zu sehr in der technischen Seite der Umsetzung, sodass für die philosophischen Implikationen kein Platz mehr bleibt. Übrigens bis zum Schluss nicht – wie es für die freiwillige Kandidatin nun ist, in einem Roboterkörper zu leben, wird nicht einmal andeutungsweise behandelt, auch nicht, welche Folgen das für die Gesellschaft haben könnte. Da fragt man sich dann als Zuseher schon, wozu die wort- und detailreiche Einführung in die Kybernetik notwendig war. Wer sich für diese Themen interessiert, ist also bei einschlägigen „Star Trek“-Folgen, bei „RoboCop“ oder „Blade Runner“ deutlich besser aufgehoben. Und auch die Problematik, zu verstehen, was eine fremde Intelligenz von der Menschheit will, wird anderswo um Welten besser und tiefgründiger behandelt – auch hier würde ich „Star Trek“ als eines von unzählige Beispielen nennen.

Fazit: „The Beyond“ muss man schlicht und einfach nicht gesehen haben. Das sehr starke erste Drittel wird im weiteren Verlauf vollkommen zunichte gemacht, sodass ich beim besten Willen nicht mehr als 2 Punkte geben kann. Die Schmach der niedrigsten Wertung bleibt dem Film dank seiner starken Machart und dem spannenden Auftakt erspart. Mehr ist es dann aber auch nicht

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: The Beyond.
Regie:
Hasraf Dulull
Drehbuch: Hasraf Dulull
Jahr: 2017
Land: USA
Laufzeit: ca. 90 Minuten
Besetzung (Auswahl): Jane Perry, Nigel Barber, Noeleen Cominskey, Ezra Khan, Stuart Ashton, Tom Christian