FilmWelt: The Phoenix Tapes ’97

Found Footage-Filme gibt es mittlerweile ja in allen möglichen Formen und Qualitäten, alles losgetreten von „The Blair Witch Project“ (1999). Im Gegensatz zu jenem Klassiker basiert „The Phoenix Tapes ’97“ auf einem Ereignis, das im Jahre 1997 tatsächlich im US-Bundesstaat Arizona stattgefunden hat.

Gesamteindruck: 2/7


Was wird hier vertuscht?

„The Phoenix Tapes ’97“ unterscheidet sich aber nicht nur durch das Aufgreifen eines historisch belegten Vorfalls von anderen Filmen seiner Gattung. Zusätzlich wurden Elemente eingebaut, die dem Werk den Anschein einer Dokumentation geben: Der Vater eines der betroffenen Männer wurde „interviewt“ und macht düstere Andeutung über gewisse Vertuschungsaktionen der US-Regierung. Dieses Material weist deutlich höhere Bildqualität auf, als der Rest des Films, sodass der Eindruck entsteht, das Interview wäre lange nach den „gefundenen“ Videobändern aufgenommen worden. Ein geschickter Schachzug, der das ohnehin schon sehr große Gefühl, hier authentisches Material zu sehen, noch erhöht.

Worum geht’s?
März 1997: Ein entspannter Wochenendausflug verwandelt sich in einen Horrortrip, als sich vier Freunde mit ihrem Wohnmobil irgendwo in Arizona verfahren. Nachts werden die Männer zunächst von unheimlichen Geräuschen und merkwürdigen Lichtern am Himmel wachgehalten. Glauben sie zunächst noch an einen Meteoriten, stellt sich bald heraus, dass sie nicht mehr allein in dieser Gegend sind. Das Material, das sie mit ihren Handkameras aufgenommen haben, wurde irgendwann gefunden. Die vier Männer blieben verschwunden…

Gewisse Fragen stellen sich bei jedem Film, beispielsweise wie gut er unterhält, ob die Story stimmig ist oder ob die Schauspieler eine ansprechende Leistung bieten. Das ist auch im Found Footage-Genre so, allerdings hat diese Gattung einen weiteren Anspruch zu erfüllen: Sie muss immer authentisch wirken und darf nie einen professionellen Eindruck erwecken (freilich gibt es innerhalb dieser Konvention dennoch mehr oder minder professionelle bzw. professionell wirkende Ansätze). Eben jene (vermeintliche) Authentizität machte „The Blair Witch Project“ damals so erfolgreich: Unterstützt von einer überaus geschickt aufgesetzten Kampagne wirkte alles daran dermaßen realistisch, dass man sich legitim fragen konnte, ob der Film wahrhaftig das Verschwinden von drei jungen Leuten dokumentiert. Natürlich gibt es dazu auch Gegenbeispiele; eines davon ist „Cloverfield“ (2008), das sich zwar technisch nahezu perfekt der Found Footage-Technik bedient, dabei aber nie Zweifel an seiner Fiktionalität aufkommen lässt. Wenn wir nun annehmen, dass das auf Pseudo-Authentizität bedachte „The Blair Witch Project“ und das Unterhaltungsprodukt „Cloverfield“ zwei gegensätzliche Positionen im Spektrum der Found Footage-Produktionen einnehmen, würde ich „The Phoenix Tapes ’97“ definitiv in der Nähe von Ersterem ansiedeln. Genau genommen legt vorliegendes Werk den Authentizitäts-Faktor sogar noch eine Stufe höher und dürfte der plausibelste Vertreter seines Genres sein, den ich bis zum Zeitpunkt dieser Rezension gesehen habe.

Authentischer geht es kaum…

Diese kühne Aussage mache ich an zwei Faktoren fest: Erstens gab es im März 1997 in der Nähe von Phoenix im US-Bundesstaat Arizona tatsächlich ein mysteriöses Ereignis, bei dem tausende Augenzeugen eine Anzahl von Lichtern am Nachthimmel gesehen haben. Worum es sich dabei handelte, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Fakt ist jedoch, dass die damals ungewöhnlich breite Berichterstattung, aber auch spätere Sendungen wie „Ancient Aliens“ dafür gesorgt haben bzw. immer noch dafür sorgen, dass der Vorfall im kollektiven Gedächtnis verankert bleibt. Und auch fiktionale Werke, darunter einige Filme, geben dem Thema immer wieder neue Nahrung. Allein dadurch entsteht schon ein Gefühl von Authentizität.

Der zweite Faktor betrifft den Film selbst. Dem hilft paradoxerweise zunächst, dass er im Großen und Ganzen vollkommen unbeachtet geblieben ist und auch von keinem großen Verleih übernommen wurde (derzeit ist er übrigens kostenlos im Prime-Abo von Amazon zu sehen, wo ich ihn aber auch eher zufällig entdeckt habe). Das mag dem Budget nicht gerade zuträglich gewesen sein, sorgt aber für eine zusätzliche Portion Glaubwürdigkeit, weil es den Eindruck erweckt, hier hätte gar niemand versucht, einen Unterhaltungsfilm zu produzieren. Am Rande passt dazu auch, dass „The Phoenix Tapes ’97“ über keinerlei Credits verfügt. Das bedeutet, dass man nicht so richtig weiß, wer die Personen sind, die man beim Herumstolpern im Unterholz beobachtet. All das zusammen lässt den Zuschauer jedenfalls immer mal wieder überlegen, ob sich das, was man zu sehen bekommt, vielleicht wirklich genau so zugetragen hat.

…unterhaltsamer aber schon.

Es gibt eigentlich sogar noch einen dritten Punkt, der die scheinbare Authentizität erhöht – bei dem bin ich allerdings sehr zwiegespalten: „The Phoenix Tapes ’97“ wurde mit Handkameras, die genau in jene Zeit passen, aufgenommen (zumindest erweckt das Material genau diesen Eindruck). Klingt im ersten Moment gut, ist in Wirklichkeit aber problematisch: „The Blair Witch Project“ ist grundsätzlich ähnlich gefilmt, die Aufnahmen sind allerdings von deutlich höherer Qualität hinsichtlich Bild, Ton und Schnitt. Anders ausgedrückt: Wer den 1999er Klassiker aufgrund seiner Anmutung schwer zu konsumieren fand, braucht sich die Phoenix Tapes gar nicht erst anzusehen. Die Bilder sind extrem verwackelt, oft unscharf, speziell die Nachtaufnahmen sind so grobkörnig, dass eigentlich kaum etwas zu erkennen ist. Der Ton ist schwankend, was noch zu verschmerzen wäre, allerdings sind die vier Herren akustisch teilweise nicht zu verstehen (eine Synchronisation gibt es meines Wissens übrigens nicht, aber notfalls helfen die ab und an unfreiwillig komischen Untertitel ganz gut weiter). Ein Schnitt im eigentlichen Sinne ist nicht vorhanden, was problematisch ist, weil dadurch einige Szenen Längen haben.

Wie gesagt: All das macht den Film sowohl technisch als auch atmosphärisch sehr plausibel, trägt aber mindestens ebenso viel dazu bei, das „The Phoenix Tapes ’97“ – ganz im Gegensatz zu „The Blair Witch Project“ und vielen seiner Nachfolger – relativ anstrengend ist. Neben den genannten Punkten liegt das auch daran, dass man eine Story oder ein Drehbuch nicht mal so richtig erahnen kann. Im Gegenteil, der Film erinnert ungut daran, was passiert, wenn man mit seinen Freunden auf Urlaub fährt und immer mal wieder die Kamera einschaltet bzw. das dabei entstandene und unbearbeitete Material Bekannten zeigt, die nicht dabei waren. Haben die meisten wohl schon erlebt – und sich fürchterlich dabei gelangweilt. Die vier Protagonisten (auch die mögen authentisch sein, weil man sie aber nicht persönlich kennt und sie nicht charakterisiert werden, sind sie komplett austauschbar) machen ihre Scherze, die man als Außenstehender großteils nicht kapiert, sie wandern, sie laufen davon usw. Da ziehen sich die für einen solchen Film eigentlich vorbildlichen 67 Minuten teilweise kurios in die Länge.

Abschließend sei erwähnt, dass man gegen Ende hin tatsächlich Aliens zu sehen bekommt. Spätestens da ist dann natürlich Schluss mit der Authentizität und auch dem Letzten wird klar, dass „The Phoenix Tapes ’97“ ein Werk der Fiktion und keine Dokumentation ist. Ganz hat Regisseur/Produzent/Darsteller Turner Clay (seines Zeichens wohl eine Art Spezialist für Found Footage) das Muster also doch nicht durchgehalten.

Fazit: Ein Punkt für die technisch wirklich großartige hergestellte Authentizität, ein zweiter für die brauchbare Atmosphäre, die immer mal wieder unheimlich durchblitzt. Mehr ist aus meiner Sicht aber nicht drin; wer auf Found Footage und/oder UFOs steht, kann aber mal einen Blick riskieren. Alle anderen seien gewarnt: Über weite Strecken ist „The Phoenix Tapes ’97“ weder unheimlich noch sonst irgendwie gehaltvoll.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: The Phoenix Tapes ’97.
Regie:
Turner Clay
Drehbuch: Turner Clay
Jahr: 2016
Land: USA
Laufzeit: ca. 65 Minuten
Besetzung (Auswahl): Turner Clay



FilmWelt: Iron Sky

Der Mond wendet der Erde ja immer die selbe Seite zu, wie es auf seiner Rückseite aussieht, war lange Zeit unbekannt. Naheliegend, dasseine Gruppe von Nazis vor der sich abzeichnenden Niederlage im 2. Weltkrieg genau dort einen geheimen Stützpunkt errichtet haben. Die Überwindung der Entfernung fand mittels Reichsflugscheiben statt, die auch für die spätere Rückkehr und zur Eroberung der Erde eingesetzt werden sollten. So zumindest die Geschichte, die dem Publikum im finnischen (!) Überraschungserfolg „Iron Sky“ präsentiert wird. An dieser Beschreibung merkt man bereits, welch eigentümlichen Film Regisseur Timo Vuorensola hier geschaffen hat.

Gesamteindruck: 5/7


Sehr speziell.

„Iron Sky“ widersetzt sich der Einordnung in ein konkretes Genre. Science Fiction? Komödie? B-Movie? Persiflage? Der Film ist wohl ein bisschen von allem, am ehesten ist er vermutlich als Satire zu klassifizieren. Sucht man nach einem ähnlichen Format, wird man am ehesten bei Tim Burtons „Mars Attacks!“ (1996) fündig, der ungefähr in die gleiche Richtung geht. Allerdings fällt bei „Iron Sky“ der humoristische Anteil deutlich geringer aus. Wobei die im Film durchaus vorhandene Gesellschaftskritik wiederum so absurd verpackt ist, dass man ihn auch nicht richtig ernst nehmen kann. Ein merkwürdiges Zwischending also, kaum zu beschreiben.

Vom Feinsten – und das wiederum unbestritten – sind Optik und Akustik. „Iron Sky“ sieht, vor allem für ein Werk, das nicht aus Hollywood kommt, fast schon unverschämt gut aus. Das betrifft nicht nur die tollen Effekte und grandios dargestellten Raumschiffe (inklusive exzellent gestalteter Weltraum-Schlacht), sondern auch den generellen Anstrich. So wurden beispielsweise die Szenen, die auf der Mondbasis der Nazis spielen, mit geringere Farbsättigung versehen. Das erzeugt einen Eindruck, den man von alten Aufnahmen aus jener Zeit kennt – ein kleines Detail mit großer atmosphärischer Wirkung. Aber auch die Filmmusik muss sich vor den optischen Effekten nicht verstecken: Für den Soundtrack wurde die slowenische Gruppe Laibach verpflichtet, was wie die Faust aufs Auge passt. Allein die Mond-Hymne „Kameraden, wir kehren heim!“ als leicht abgeänderte Form von „Die Wacht am Rhein“ ist Gold wert.

Die Schauspieler konnten mich hingegen nicht ganz überzeugen. Großartig macht seine Sache Götz Otto, der als schneidiger Soldat Klaus Adler brilliert. So und nicht anders stellt man sich einen Wehrmachtsoffizier, egal ob auf dem Mond oder auf der Erde, vor. Zumindest, wenn er das „Wochenschau“-Klischee erfüllen soll. Und auch Julia Dietze funktioniert als naiv-brave Lehrerin Renate Richter. Tatsächlich war es eine gute Idee, für diese Rollen deutsche Schauspieler zu verpflichten – das hat einen ähnlichen Effekt wie in Tarantinos „Inglourious Basterds“ (2009). Der Rest der Riege ist hingegen bemüht, hat aber mit teilweise arg übertriebenen Dialogen zu kämpfen. Vor allem Christopher Kirby als dunkelhäutiger Astronaut/Model James Washington und Peta Sergeant als US-Wahlkampfleiterin Vivian Wagner leiden meiner Ansicht nach an einer viel zu schrillen Darstellung.

Inhaltlich lebt die Story natürlich von ihrer Absurdität. Viel gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen – die Handlung mag zwar reichlich grotesk sein, gleichzeitig ist sie aber auch ziemlich dünn. Interessanter ist das, was mitschwingt. Man könnte „Iron Sky“ natürlich als gesellschaftliche Kritik lesen – dass Nazis böse sind, wird zwar nicht extra hervorgehoben, aber allein durch ihre vollkommen überzeichnete Großmannssucht merkt der Zuseher schnell, was die Stunde geschlagen hat. Weitere Erklärungen braucht es in Bezug auf die Mondflüchtlinge eigentlich nicht, es reicht, zu sehen, wie sehr sie sich selbst überschätzen, wie sie Propaganda verbreiten und wie sie letztlich an ihrem eigenen Größenwahn scheitern. Die Darstellung der technisch und philosophisch im Wesentlichen auf dem Stand von 1945 stehengebliebenen Mondnazis („Das ist doch kein Computer“) ist ohnehin ein rein historischer Bezug und schwankt irgendwo zwischen akkurat und überzeichnet.

Für den Zuseher wichtiger ist die Frage nach der Einarbeitung aktueller politischer Entwicklungen. Hier ist es so, dass zwei Faktoren, die derzeit wieder groß in Mode kommen, aufgegriffen werden. Einerseits der amerikanische Anspruch, die wichtigste und größte Nation zu sein und die Welt anzuführen, andererseits die Sehnsucht nach autoritären Symbolen und Herrschern, die im Moment in der westlichen Welt leider ein Comeback feiert. Beides wird im Film aufgegriffen, allerdings muss man jeden, der eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Themen erwartet, enttäuschen: Es bleibt bei der Darstellung, Kritik gibt es kaum. Fast scheint es, als hätte der Regisseur das so gewollt, als hätte es ihm gereicht, das Bild, das er mit „Iron Sky“ zeichnet, für sich selbst stehen zu lassen. Vielleicht hat er auch deshalb seinen Film relativ sparsam mit Humor versehen? Bleibt zu hoffen, dass diese von mir vermutete Botschaft auch ankommt, wenn sie so unverpackt und unkommentiert abgegeben wird.

Letztlich ist „Iron Sky“ ein merkwürdiger Film, den man so gerne noch viel lieber mögen würde, als man es tut. Die Idee ist gut, die Intention ist gut, die Ausstattung ist gut – wenn die Umsetzung ein bisschen weniger spröde, ein bisschen lebendiger und greifbarer gelungen wäre, hätten wir es hier mit einem Meisterwerk zu tun. So müssen 5 Punkte für einen durchaus sehenswerten Streifen, der leider unter seinen Möglichkeiten bleibt, reichen.

PS: Ich habe den Director’s Cut gesehen. Wirkliche Längen hatte diese Version nicht; ein Vergleich mit der originalen Kinofassung, die um rund 20 Minuten kürzer ist, fehlt mir.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Iron Sky
Regie: Timo Vuorensola
Jahr: 2012
Land: FIN/GER/AUS
Laufzeit: 113 Minuten (Director’s Cut)
Besetzung (Auswahl): Julia Dietze, Götz Otto, Christopher Kirby, Udo Kier, Tilo Prückner, Peta Sergeant