FilmWelt: Iron Sky: The Coming Race

„Iron Sky“ (2012) war Independent-Streifen, den ich überraschend gelungen gefunden habe: Die wahnwitzige und absurde Story hat sicher nicht jeden Geschmack getroffen, war gleichzeitig aber auch unterhaltsam und originell. Finanziell wird sich das Abenteuer – so nehme ich an – ebenfalls gelohnt haben; naheliegend also, dass ein Nachfolger her musste. Im Nachhinein betrachtet wäre es freilich besser gewesen, sich mit dem Achtungserfolg von 2012 zufrieden zu geben. Doch der Reihe nach…

Gesamteindruck: 1/7


Sie sind wieder da.

„Iron Sky: The Coming Race“ (2019) feierte sieben (!) Jahre nach „Iron Sky“ seine Premiere. Dabei wurde bereits 2012, also wirklich zeitnah, mit den Vorbereitungsarbeiten begonnen. Bald darauf konnte auch die (Teil-)Finanzierung sichergestellt werden (erneut per Crowdfunding), allerdings musste das Budget während der Produktion mehrmals erhöht werden, was für erhebliche Verzögerungen sorgte. Im Endeffekt schlug der Film dann mit Kosten von rund 17 Millionen Dollar zu Buche (10 Millionen mehr als noch Teil 1), der Löwenanteil dürfte für die Special Effects draufgegangen sein. Was für Hollywood-Verhältnisse nach Peanuts klingt, macht „The Coming Race“ zur bis dato teuersten finnischen Produktion überhaupt.

Worum geht’s?
30 Jahre, nachdem ein Atomkrieg die Erde unbewohnbar gemacht hat, fristen die letzten Reste der Menschheit ihr Dasein in der ehemaligen Nazi-Basis auf der Rückseite des Mondes. In der langsam zerfallenden Station macht sich Verzweiflung breit – bis sich plötzlich ein Raumschiff mit Flüchtlingen von der Erde nähert. Unter anderem an Bord: Der totgeglaubte Mondführer Kortzfleisch, der enthüllt, dass die Erde hohl ist und eine Zivilisation von außerirdischen Reptiloiden beherbergt, die Zugang zur mächtigen, unerschöpflichen und unsterblich machenden Vril-Energie besitzen…

Es ist ja wirklich nicht so, dass „The Coming Race“ eine tiefgründige Story erzählen würde. Das ändert allerdings nichts daran, dass ich nicht so richtig verstanden habe, was uns Regisseur Timo Vuorensola mit seinem Film sagen möchte. Und das, obwohl ich grundsätzlich an Verschwörungserzählungen interessiert bin und mir einbilde, ein einigermaßen fundiertes Laienwissen dazu zu haben: Reichsflugscheiben, Hohlerde und Reptiloiden – all das war und ist mir ein Begriff. Vom Roman „Das kommende Geschlecht“ (Edward Bulwer-Lytton, 1871, eng.: „The Coming Race“) hatte ich vor der Recherche zu dieser Rezension hingegen noch nie gehört. Ebenso wenig von den darin vorkommenden Vril-Ya mit ihren mysteriösen Kräften, was zur Folge hatte, dass ich mir nicht erklären konnte, was der Titel des Films überhaupt zu bedeuten hat (zumal das auch aus der Handlung nicht klar wird, wenn mich nicht alles täuscht). Man lernt freilich nie aus, ein wenig unglücklich scheint mir dieser recht obskure Mythos als Prämisse für einen Unterhaltungsfilm dennoch zu sein.

Katastrophale Fortsetzung.

Vielleicht liegt es ja daran, dass ich mir dermaßen schwer getan habe, Zugang zum zweiten Film aus dem „Iron Sky“-Universum zu finden. Letztlich bin ich gescheitert, denn mir war die Geschichte, wie sie hier erzählt wird, von Anfang an zu unlogisch, bruchstückhaft und verworren, um eine Identifikation zu ermöglichen. Das steht in krassem Gegensatz zu Teil 1, der für mein Gefühl durchaus logisch und sinnvoll war (innerhalb seiner eigenen Absurdität natürlich). Die Geschichte von „The Coming Race“ wirkt hingegen wie eine lahme, höchst oberflächliche und austauschbare Entschuldigung, um einen schnellen und seichten Actionfilm in einem von „Iron Sky“ relativ gut etablierten Setting zu produzieren. Ob das wirklich so geplant war? Ich wage es zu bezweifeln, zu gravierend scheint mir der qualitative Unterschied zwischen den beiden Filmen zu sein.

Doch auch wenn ich vielleicht zu viel Tiefgang von einem Film erwartet habe, der nicht mehr sein will, als eine unterhaltsame und leicht groteske Action-Komödie, finde ich „The Coming Race“ katastrophal schlecht. Neben der Problematik, dass der Film ein Bündel an Verschwörungstheorien zur Grundlage nimmt, ohne diese zu erklären oder gar kritisch zu hinterfragen, strotzt er nur so vor Ungereimtheiten. Spannung kommt maximal im ersten Drittel auf, danach gibt es eine bloße Aneinanderreihung simpler Action-Szenen inklusive lieblos hingeschluderter Popkultur-Referenzen (u. a. das Wagenrennen aus „Ben Hur“, das Gemälde „Das letzte Abendmahl“ von Leonardo Da Vinci, ein bisschen „2001: Odyssee im Weltraum“ hier, ein wenig „Ancient Aliens“ da). Alles schön und gut, die Verantwortlichen haben es halt schlicht nicht hinbekommen, zwischen diesen Anspielungen eine interessante und mitreißende Geschichte zu erzählen.

Film ohne Charakter.

Oder gute Charaktere zu schreiben – denn das ist ein weiteres Problem von „The Coming Race“: Es gibt hier schlicht keine Figur, mit der man sich als Zuseher:in auch nur annähernd identifizieren kann. Am ehesten noch mit dem etwas tumben aber liebenswerten Soldaten Malcolm, der Rest der Truppe ist völlig beliebig. Das beginnt bei der Hauptfigur Obianaju Washington, genannt „Obi“ (wer ist bloß auf diese Idee gekommen?), die als Look- und Act-alike von Michael Burnham („Star Trek: Discovery“) rüberkommt. Und zwar so sehr, dass ich nachsehen musste, ob wir es hier mit der gleichen Schauspielerin zu tun haben (dem ist nicht so, Obi wird gespielt von der mir völlig unbekannten Lara Rossi).

Ihr zur Seite steht der klischeehafte, russische Pilot, dargestellt von Vladimir Burlakov: Ein tollpatschiges Improvisationstalent, das zu viel quasselt, das Herz aber am rechten Fleck hat. Aus jedem Dialog, aus jeder Szene mit ihm schreit der Film heraus, dass man den guten Sasha doch bitte, bitte mögen muss, genau wie Obi (natürlich!) lernt, ihn zu mögen und zu lieben. Das klappt aber nicht, zumindest bei mir nicht – er ist zu flach, zu sehr Abziehbild, um auch nur annähernd Identifikationsmöglichkeiten zu bieten. Das war übrigens eines der besonders irritierenden Erlebnisse bei der Sichtung von „The Coming Race“: Da ist dieser Typ, man weiß genau, man soll mit ihm mit fiebern und ihn sympathisch finden, selten wurde man von einem Drehbuch so darauf hingestoßen – und doch schafft man es nicht, rutscht sprichwörtlich immer wieder an diesem glatten Charakter ab.

Der Mangel an starken Held:innenfiguren wäre weniger schlimm, wenn der Film über interessante Antagonisten verfügen würde. Udo Kier als Mondführer Wolfgang Kortzfleisch wurde wohl vor allem aus der Versenkung geholt, um leichter an Teil 1 anknüpfen zu können. Der Haken: Ihm kann man nichts so richtig übelnehmen, was zu gleichen Teilen am Drehbuch und an der sanften Darstellung durch Kier liegen mag. Die übrigen Bösewichte befinden sich in der Hohlerde – und sind völlig nichtssagend. Merkwürdig erscheint mir, dass man ausgerechnet dem 2011 verstorbenen Apple-Gründer und langjährigen -CEO Steve Jobs eine relativ große Antagonisten-Rolle zugesteht bzw. dessen Unternehmenskultur relativ prominent aufgreift. Damit konnte ich als jemand, der noch im Leben eine iPhone hatte, überhaupt nichts anfangen. Nicht, dass ich nicht verstanden hätte, dass die Sekte des „Jobismus“ die quasi-religiöse Verehrung dieser Firma aufs Korn nimmt; ich fand es allerdings mäßig witzig, was auch hier am fehlenden Tiefgang liegen mag.

Interessanterweise stellt der Film übrigens die US-Präsidentin als Hauptschurkin dar – und nicht den ebenfalls von Udo Kier gespielten Adolf Hitler. Der bekommt am Ende natürlich auch sein Fett weg, aber bei mir hat dieser Auftritt einen faden Beigeschmack hinterlassen. Ich vermute, das hat damit zu tun, dass der „Iron Sky“-Hitler weder als richtig böse noch als völliger Trottel dargestellt wird, sondern als einer von vielen Antagonisten. Dabei ist Darstellung von Nationalsozialisten als Reptiloiden schon per se nicht ganz unproblematisch, erzeugt sie doch das ungute Gefühl, einer Relativierung: Instinktiv möchte man natürlich auch den hier präsentierten Hitler hassen, allerdings ist seine Rolle so nichtssagend geschrieben, dass er einem quasi egal ist. Das erzeugt im Nachgang eine Stimmung, die mir überhaupt nicht gefallen hat (ich gehe aber mal davon aus, dass das keine böse Absicht des Regisseurs war und eher meiner persönlichen Einstellung entspringt).

Schwach auf allen Ebenen.

Fast schon nicht mehr ins Gewicht fällt nach diesen Punkten, dass nicht einmal die finalen Kämpfe überzeugend oder gar spannend sind. Weder Hitler noch Kortzfleisch sterben einen auf irgendeine Weise herausragenden Tod. Das kann man schon so machen, um dem jedoch Sinn zu geben, hätte halt der Rest des Films deutlich stärker sein müssen. Im Übrigen ist „The Coming Race“ auch alles andere als gut gespielt. Das konnte man zwar auch über „Iron Sky“ sagen; allerdings ist das, was 2012 noch als weiterer Aspekt des B-Movie-Charmes durchgehen konnte, in der Fortsetzung völlig überzogen. Will sagen: „Iron Sky“ wirkte, als wäre das Schauspiel tatsächlich etwas unbeholfen, während man in „The Coming Race“ das Gefühl hat, dass hier mit Gewalt versucht wurde, eine ähnlich unbedarfte Atmosphäre zu schaffen. Das gelingt den Darsteller:innen und dem Regisseur allerdings nicht, sodass man sich ob der hölzernen Darbietung immer wieder peinlich berührt abwenden möchte.

Das Fazit folgt sogleich, zwei positive Aspekte von „The Coming Race“ möchte ich der Vollständigkeit halber aber auch erwähnen: Erstens verfügt der Film wie schon sein Vorgänger über eine herausragende Optik. Speziell die Mondbasis in ihrem halb verfallenen Zustand wurde großartig umgesetzt und lässt echte Endzeit-Stimmung aufkommen. Generell sind die Effekte stark, die Kosten dafür dürften aber hauptverantwortlich für das Überziehen des Budgets gewesen sein (was ich nicht ganz verstehe, denn so viel anders als das vergleichsweise günstige „Iron Sky“ sieht die Fortsetzung auch wieder nicht aus). Ein zweiter Pluspunkt ist die an sich völlig unverbrauchte Thematik. Die Hohlerde war beispielsweise in jüngerer Vergangenheit im „MonsterVerse“-Franchise ein Thema, insgesamt fühlen sich die Theorien, die die beiden „Iron Sky“-Filme streifen, sehr frisch und unverbraucht an. Umso bitterer, wie wenig vorliegendes Werk aus diesem Alleinstellungsmerkmal macht.

Fazit: 1,5 Stunden Quatsch.

Ich fasse zusammen: „Iron Sky: The Coming Race“ ist völliger Quatsch, dessen 1,5 Stunden Laufzeit einem mangels Handlung wie 30 Minuten vorkommen (wenigstens etwas…). Anfangs möchte man über gewisse Fehler und Ungereimtheiten noch hinwegsehen, relativ bald merkt man aber, dass der Film wirklich so schwach ist. Es gibt keine Spannung, keine Identifikation mit den Charakteren und auch das Schauspiel, das in Teil 1 über weite Strecken in Ordnung war, ist hier nicht der Rede wert. Und: Der Film beinhaltet keinerlei Kritik an den von ihm dargestellten Mythen, es sei denn, man sieht das Verlachen der Verschwörungsgläubigen per se als Form der Kritik. Kann man natürlich machen, blöderweise verfügt „The Coming Race“ aber weder über nachhaltigen noch über unmittelbaren Humor. Oder es ist nicht mein Geschmack, was natürlich auch sein kann. Keine Ahnung.

Meine Vermutung zu den genannten Problemen: Die lange Produktionszeit hat dem Drehbuch massiv geschadet, weil dadurch der Fokus verlorengegangen ist. Und/oder kurz vor der Veröffentlichung gab es soviel Druck auf die Verantwortlichen, dass eine vernünftige Nachbearbeitung nicht mehr möglich war. Anders kann ich mir das alles nicht erklären. Daher abschließend die gar nicht so ketzerische Frage: Wozu gibt es diesen Film überhaupt? Ich weiß es wirklich nicht. Gelohnt haben dürfte es sich jedenfalls nicht: Mittlerweile mussten sowohl die Produktionsfirma des Films als auch die des „Iron Sky Universe“-Franchise Konkurs anmelden. Und daran trägt die Qualität von „The Coming Race“ wohl ein gerüttelt Maß an Mitschuld, wage ich zu behaupten.

Gesamteindruck: 1/7


Originaltitel: Iron Sky: The Coming Race.
Regie:
Timo Vuorensola
Drehbuch: Dalan Musson
Jahr: 2019
Land: Finnland, Belgien, Deutschland
Laufzeit: ca. 95 Minuten
Besetzung (Auswahl): Lara Rossi, Vladimir Burlakov, Kit Dale, Udo Kier, Julia Dietze, Tom Green



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FilmWelt: The Phoenix Tapes ’97

Found Footage-Filme gibt es mittlerweile ja in allen möglichen Formen und Qualitäten, alles losgetreten von „The Blair Witch Project“ (1999). Im Gegensatz zu jenem Klassiker basiert „The Phoenix Tapes ’97“ auf einem Ereignis, das im Jahre 1997 tatsächlich im US-Bundesstaat Arizona stattgefunden hat.

Gesamteindruck: 2/7


Was wird hier vertuscht?

„The Phoenix Tapes ’97“ unterscheidet sich aber nicht nur durch das Aufgreifen eines historisch belegten Vorfalls von anderen Filmen seiner Gattung. Zusätzlich wurden Elemente eingebaut, die dem Werk den Anschein einer Dokumentation geben: Der Vater eines der betroffenen Männer wurde „interviewt“ und macht düstere Andeutung über gewisse Vertuschungsaktionen der US-Regierung. Dieses Material weist deutlich höhere Bildqualität auf, als der Rest des Films, sodass der Eindruck entsteht, das Interview wäre lange nach den „gefundenen“ Videobändern aufgenommen worden. Ein geschickter Schachzug, der das ohnehin schon sehr große Gefühl, hier authentisches Material zu sehen, noch erhöht.

Worum geht’s?
März 1997: Ein entspannter Wochenendausflug verwandelt sich in einen Horrortrip, als sich vier Freunde mit ihrem Wohnmobil irgendwo in Arizona verfahren. Nachts werden die Männer zunächst von unheimlichen Geräuschen und merkwürdigen Lichtern am Himmel wachgehalten. Glauben sie zunächst noch an einen Meteoriten, stellt sich bald heraus, dass sie nicht mehr allein in dieser Gegend sind. Das Material, das sie mit ihren Handkameras aufgenommen haben, wurde irgendwann gefunden. Die vier Männer blieben verschwunden…

Gewisse Fragen stellen sich bei jedem Film, beispielsweise wie gut er unterhält, ob die Story stimmig ist oder ob die Schauspieler eine ansprechende Leistung bieten. Das ist auch im Found Footage-Genre so, allerdings hat diese Gattung einen weiteren Anspruch zu erfüllen: Sie muss immer authentisch wirken und darf nie einen professionellen Eindruck erwecken (freilich gibt es innerhalb dieser Konvention dennoch mehr oder minder professionelle bzw. professionell wirkende Ansätze). Eben jene (vermeintliche) Authentizität machte „The Blair Witch Project“ damals so erfolgreich: Unterstützt von einer überaus geschickt aufgesetzten Kampagne wirkte alles daran dermaßen realistisch, dass man sich legitim fragen konnte, ob der Film wahrhaftig das Verschwinden von drei jungen Leuten dokumentiert. Natürlich gibt es dazu auch Gegenbeispiele; eines davon ist „Cloverfield“ (2008), das sich zwar technisch nahezu perfekt der Found Footage-Technik bedient, dabei aber nie Zweifel an seiner Fiktionalität aufkommen lässt. Wenn wir nun annehmen, dass das auf Pseudo-Authentizität bedachte „The Blair Witch Project“ und das Unterhaltungsprodukt „Cloverfield“ zwei gegensätzliche Positionen im Spektrum der Found Footage-Produktionen einnehmen, würde ich „The Phoenix Tapes ’97“ definitiv in der Nähe von Ersterem ansiedeln. Genau genommen legt vorliegendes Werk den Authentizitäts-Faktor sogar noch eine Stufe höher und dürfte der plausibelste Vertreter seines Genres sein, den ich bis zum Zeitpunkt dieser Rezension gesehen habe.

Authentischer geht es kaum…

Diese kühne Aussage mache ich an zwei Faktoren fest: Erstens gab es im März 1997 in der Nähe von Phoenix im US-Bundesstaat Arizona tatsächlich ein mysteriöses Ereignis, bei dem tausende Augenzeugen eine Anzahl von Lichtern am Nachthimmel gesehen haben. Worum es sich dabei handelte, ist bis heute nicht vollständig geklärt. Fakt ist jedoch, dass die damals ungewöhnlich breite Berichterstattung, aber auch spätere Sendungen wie „Ancient Aliens“ dafür gesorgt haben bzw. immer noch dafür sorgen, dass der Vorfall im kollektiven Gedächtnis verankert bleibt. Und auch fiktionale Werke, darunter einige Filme, geben dem Thema immer wieder neue Nahrung. Allein dadurch entsteht schon ein Gefühl von Authentizität.

Der zweite Faktor betrifft den Film selbst. Dem hilft paradoxerweise zunächst, dass er im Großen und Ganzen vollkommen unbeachtet geblieben ist und auch von keinem großen Verleih übernommen wurde (derzeit ist er übrigens kostenlos im Prime-Abo von Amazon zu sehen, wo ich ihn aber auch eher zufällig entdeckt habe). Das mag dem Budget nicht gerade zuträglich gewesen sein, sorgt aber für eine zusätzliche Portion Glaubwürdigkeit, weil es den Eindruck erweckt, hier hätte gar niemand versucht, einen Unterhaltungsfilm zu produzieren. Am Rande passt dazu auch, dass „The Phoenix Tapes ’97“ über keinerlei Credits verfügt. Das bedeutet, dass man nicht so richtig weiß, wer die Personen sind, die man beim Herumstolpern im Unterholz beobachtet. All das zusammen lässt den Zuschauer jedenfalls immer mal wieder überlegen, ob sich das, was man zu sehen bekommt, vielleicht wirklich genau so zugetragen hat.

…unterhaltsamer aber schon.

Es gibt eigentlich sogar noch einen dritten Punkt, der die scheinbare Authentizität erhöht – bei dem bin ich allerdings sehr zwiegespalten: „The Phoenix Tapes ’97“ wurde mit Handkameras, die genau in jene Zeit passen, aufgenommen (zumindest erweckt das Material genau diesen Eindruck). Klingt im ersten Moment gut, ist in Wirklichkeit aber problematisch: „The Blair Witch Project“ ist grundsätzlich ähnlich gefilmt, die Aufnahmen sind allerdings von deutlich höherer Qualität hinsichtlich Bild, Ton und Schnitt. Anders ausgedrückt: Wer den 1999er Klassiker aufgrund seiner Anmutung schwer zu konsumieren fand, braucht sich die Phoenix Tapes gar nicht erst anzusehen. Die Bilder sind extrem verwackelt, oft unscharf, speziell die Nachtaufnahmen sind so grobkörnig, dass eigentlich kaum etwas zu erkennen ist. Der Ton ist schwankend, was noch zu verschmerzen wäre, allerdings sind die vier Herren akustisch teilweise nicht zu verstehen (eine Synchronisation gibt es meines Wissens übrigens nicht, aber notfalls helfen die ab und an unfreiwillig komischen Untertitel ganz gut weiter). Ein Schnitt im eigentlichen Sinne ist nicht vorhanden, was problematisch ist, weil dadurch einige Szenen Längen haben.

Wie gesagt: All das macht den Film sowohl technisch als auch atmosphärisch sehr plausibel, trägt aber mindestens ebenso viel dazu bei, das „The Phoenix Tapes ’97“ – ganz im Gegensatz zu „The Blair Witch Project“ und vielen seiner Nachfolger – relativ anstrengend ist. Neben den genannten Punkten liegt das auch daran, dass man eine Story oder ein Drehbuch nicht mal so richtig erahnen kann. Im Gegenteil, der Film erinnert ungut daran, was passiert, wenn man mit seinen Freunden auf Urlaub fährt und immer mal wieder die Kamera einschaltet bzw. das dabei entstandene und unbearbeitete Material Bekannten zeigt, die nicht dabei waren. Haben die meisten wohl schon erlebt – und sich fürchterlich dabei gelangweilt. Die vier Protagonisten (auch die mögen authentisch sein, weil man sie aber nicht persönlich kennt und sie nicht charakterisiert werden, sind sie komplett austauschbar) machen ihre Scherze, die man als Außenstehender großteils nicht kapiert, sie wandern, sie laufen davon usw. Da ziehen sich die für einen solchen Film eigentlich vorbildlichen 67 Minuten teilweise kurios in die Länge.

Abschließend sei erwähnt, dass man gegen Ende hin tatsächlich Aliens zu sehen bekommt. Spätestens da ist dann natürlich Schluss mit der Authentizität und auch dem Letzten wird klar, dass „The Phoenix Tapes ’97“ ein Werk der Fiktion und keine Dokumentation ist. Ganz hat Regisseur/Produzent/Darsteller Turner Clay (seines Zeichens wohl eine Art Spezialist für Found Footage) das Muster also doch nicht durchgehalten.

Fazit: Ein Punkt für die technisch wirklich großartige hergestellte Authentizität, ein zweiter für die brauchbare Atmosphäre, die immer mal wieder unheimlich durchblitzt. Mehr ist aus meiner Sicht aber nicht drin; wer auf Found Footage und/oder UFOs steht, kann aber mal einen Blick riskieren. Alle anderen seien gewarnt: Über weite Strecken ist „The Phoenix Tapes ’97“ weder unheimlich noch sonst irgendwie gehaltvoll.

Gesamteindruck: 2/7


Originaltitel: The Phoenix Tapes ’97.
Regie:
Turner Clay
Drehbuch: Turner Clay
Jahr: 2016
Land: USA
Laufzeit: ca. 65 Minuten
Besetzung (Auswahl): Turner Clay



FilmWelt: Iron Sky

Der Mond wendet der Erde ja immer die selbe Seite zu, wie es auf seiner Rückseite aussieht, war lange Zeit unbekannt. Naheliegend, dasseine Gruppe von Nazis vor der sich abzeichnenden Niederlage im 2. Weltkrieg genau dort einen geheimen Stützpunkt errichtet haben. Die Überwindung der Entfernung fand mittels Reichsflugscheiben statt, die auch für die spätere Rückkehr und zur Eroberung der Erde eingesetzt werden sollten. So zumindest die Geschichte, die dem Publikum im finnischen (!) Überraschungserfolg „Iron Sky“ präsentiert wird. An dieser Beschreibung merkt man bereits, welch eigentümlichen Film Regisseur Timo Vuorensola hier geschaffen hat.

Gesamteindruck: 5/7


Sehr speziell.

„Iron Sky“ widersetzt sich der Einordnung in ein konkretes Genre. Science Fiction? Komödie? B-Movie? Persiflage? Der Film ist wohl ein bisschen von allem, am ehesten ist er vermutlich als Satire zu klassifizieren. Sucht man nach einem ähnlichen Format, wird man am ehesten bei Tim Burtons „Mars Attacks!“ (1996) fündig, der ungefähr in die gleiche Richtung geht. Allerdings fällt bei „Iron Sky“ der humoristische Anteil deutlich geringer aus. Wobei die im Film durchaus vorhandene Gesellschaftskritik wiederum so absurd verpackt ist, dass man ihn auch nicht richtig ernst nehmen kann. Ein merkwürdiges Zwischending also, kaum zu beschreiben.

Vom Feinsten – und das wiederum unbestritten – sind Optik und Akustik. „Iron Sky“ sieht, vor allem für ein Werk, das nicht aus Hollywood kommt, fast schon unverschämt gut aus. Das betrifft nicht nur die tollen Effekte und grandios dargestellten Raumschiffe (inklusive exzellent gestalteter Weltraum-Schlacht), sondern auch den generellen Anstrich. So wurden beispielsweise die Szenen, die auf der Mondbasis der Nazis spielen, mit geringere Farbsättigung versehen. Das erzeugt einen Eindruck, den man von alten Aufnahmen aus jener Zeit kennt – ein kleines Detail mit großer atmosphärischer Wirkung. Aber auch die Filmmusik muss sich vor den optischen Effekten nicht verstecken: Für den Soundtrack wurde die slowenische Gruppe Laibach verpflichtet, was wie die Faust aufs Auge passt. Allein die Mond-Hymne „Kameraden, wir kehren heim!“ als leicht abgeänderte Form von „Die Wacht am Rhein“ ist Gold wert.

Die Schauspieler konnten mich hingegen nicht ganz überzeugen. Großartig macht seine Sache Götz Otto, der als schneidiger Soldat Klaus Adler brilliert. So und nicht anders stellt man sich einen Wehrmachtsoffizier, egal ob auf dem Mond oder auf der Erde, vor. Zumindest, wenn er das „Wochenschau“-Klischee erfüllen soll. Und auch Julia Dietze funktioniert als naiv-brave Lehrerin Renate Richter. Tatsächlich war es eine gute Idee, für diese Rollen deutsche Schauspieler zu verpflichten – das hat einen ähnlichen Effekt wie in Tarantinos „Inglourious Basterds“ (2009). Der Rest der Riege ist hingegen bemüht, hat aber mit teilweise arg übertriebenen Dialogen zu kämpfen. Vor allem Christopher Kirby als dunkelhäutiger Astronaut/Model James Washington und Peta Sergeant als US-Wahlkampfleiterin Vivian Wagner leiden meiner Ansicht nach an einer viel zu schrillen Darstellung.

Inhaltlich lebt die Story natürlich von ihrer Absurdität. Viel gibt es dazu eigentlich nicht zu sagen – die Handlung mag zwar reichlich grotesk sein, gleichzeitig ist sie aber auch ziemlich dünn. Interessanter ist das, was mitschwingt. Man könnte „Iron Sky“ natürlich als gesellschaftliche Kritik lesen – dass Nazis böse sind, wird zwar nicht extra hervorgehoben, aber allein durch ihre vollkommen überzeichnete Großmannssucht merkt der Zuseher schnell, was die Stunde geschlagen hat. Weitere Erklärungen braucht es in Bezug auf die Mondflüchtlinge eigentlich nicht, es reicht, zu sehen, wie sehr sie sich selbst überschätzen, wie sie Propaganda verbreiten und wie sie letztlich an ihrem eigenen Größenwahn scheitern. Die Darstellung der technisch und philosophisch im Wesentlichen auf dem Stand von 1945 stehengebliebenen Mondnazis („Das ist doch kein Computer“) ist ohnehin ein rein historischer Bezug und schwankt irgendwo zwischen akkurat und überzeichnet.

Für den Zuseher wichtiger ist die Frage nach der Einarbeitung aktueller politischer Entwicklungen. Hier ist es so, dass zwei Faktoren, die derzeit wieder groß in Mode kommen, aufgegriffen werden. Einerseits der amerikanische Anspruch, die wichtigste und größte Nation zu sein und die Welt anzuführen, andererseits die Sehnsucht nach autoritären Symbolen und Herrschern, die im Moment in der westlichen Welt leider ein Comeback feiert. Beides wird im Film aufgegriffen, allerdings muss man jeden, der eine kritische Auseinandersetzung mit diesen Themen erwartet, enttäuschen: Es bleibt bei der Darstellung, Kritik gibt es kaum. Fast scheint es, als hätte der Regisseur das so gewollt, als hätte es ihm gereicht, das Bild, das er mit „Iron Sky“ zeichnet, für sich selbst stehen zu lassen. Vielleicht hat er auch deshalb seinen Film relativ sparsam mit Humor versehen? Bleibt zu hoffen, dass diese von mir vermutete Botschaft auch ankommt, wenn sie so unverpackt und unkommentiert abgegeben wird.

Letztlich ist „Iron Sky“ ein merkwürdiger Film, den man so gerne noch viel lieber mögen würde, als man es tut. Die Idee ist gut, die Intention ist gut, die Ausstattung ist gut – wenn die Umsetzung ein bisschen weniger spröde, ein bisschen lebendiger und greifbarer gelungen wäre, hätten wir es hier mit einem Meisterwerk zu tun. So müssen 5 Punkte für einen durchaus sehenswerten Streifen, der leider unter seinen Möglichkeiten bleibt, reichen.

PS: Ich habe den Director’s Cut gesehen. Wirkliche Längen hatte diese Version nicht; ein Vergleich mit der originalen Kinofassung, die um rund 20 Minuten kürzer ist, fehlt mir.

Gesamteindruck: 5/7


Originaltitel: Iron Sky
Regie: Timo Vuorensola
Jahr: 2012
Land: FIN/GER/AUS
Laufzeit: 113 Minuten (Director’s Cut)
Besetzung (Auswahl): Julia Dietze, Götz Otto, Christopher Kirby, Udo Kier, Tilo Prückner, Peta Sergeant