Live (Kreator)

KonzertWelt: Guns n‘ Roses (Wien, 10.07.2017)

Datum: Montag, 10. Juli 2017
Location: Ernst-Happel-Stadion (Wien)
Tour: „Not in this Lifetime“
Headliner: Guns n‘ Roses
Support: WolfmotherTyler Bryant & The Shakedown
Ticketpreis: 150 Euro (Sitzplatz)


Wie süß die Nostalgie schmecken kann.

GUNS N‘ ROSES in Wien – noch dazu mit W. Axl Rose, Slash und Duff McKagan – das muss man gesehen haben. Oder doch nicht? Nun, für alle, die mit dieser Band musikalisch aufgewachsen sind und wie der Autor dieser Zeilen eine wahnsinnige, emotionale Bindung zu ihr entwickelt haben, stellt sich die Frage nicht. Man musste einfach hin – auch wenn es durchaus Gründe gab, die dagegen sprachen. Da wäre zunächst der stolze Preis – 150 Euro für einen Sitzplatz (für den Spätentschlossenen waren natürlich keine Stehplätze mehr zu haben, die aber nur unwesentlich günstiger waren) sind eigentlich weit jenseits des Zumutbaren. Noch schwerer wog aber die kleine, leise Stimme im Inneren, die ständig vor der Enttäuschung warnte, die sich eventuell einstellen würde und unter Umständen sogar geeignet wäre, die tollen Jugenderinnerungen zu überschatten. Diese Stimme hatte bereits 10 Jahre vor dem 2017er-Konzert zu flüstern begonnen, als GUNS N‘ ROSES, damals bestehend aus Axl Rose mit Band aber ohne Slash/McKagan, einen dem Hörensagen nach katastrophalen Gig am Nova Rock ablieferten. Sollte man sich dieser erneuten Gefahr tatsächlich aussetzen? Nun, es half nichts – wer weiß schon, ob sich diese Chance noch einmal bietet, von daher: Ja zu GUNS N‘ ROSES, ja zu einem Erlebnis, auf das ich persönlich über 20 Jahre gewartet habe. So viel gleich vorweg: Die Erinnerung ist leicht getrübt, was einem Nebel aus Alkohol und Glückshormonen geschuldet ist. Dennoch will ich versuchen, meine Gefühle und mein Konzerterlebnis wiederzugeben – und das mit einem gewissen emotionalen Abstand, daher kommt dieser Bericht erst eine Woche nach dem Konzert.

Vorgruppen? Ja, waren auch da.

Als wir nach dem Kauf eines aktuellen Gn’R-Tourshirts (35 Euro, das geht ja noch) und der gar nicht sooo strengen Sicherheitskontrolle unsere Plätze einnahmen, war die erste Vorgruppe, TYLER BRYANT & THE SHAKEDOWN, so gut wie fertig. Zwei oder drei Lieder haben wir gehört, könnte jetzt aber nicht sagen, wie das geklungen hat. Überhaupt war man zu der Zeit eher damit beschäftigt, auszuloten, wie gut man von den Sitzplätzen im Sektor Grün überhaupt sehen würde. Die Antwort: Super, was die Videowalls betrifft, die Figuren auf der Bühne waren hingegen relativ winzig.

Nach überraschend kurzer Umbaupause folgten WOLFMOTHER. Die Australier, die hierzulande nie richtig Fuß fassen konnten, wirkten ziemlich entschlossen. Auf der Bühne gab es einiges an Bewegung, davor im Publikum nicht so sehr. Zumindest nicht über die ersten – keine Ahnung – 10 Reihen hinaus. War meines Erachtens eine bemühte Show, die aber auch zeigte, warum WOLFMOTHER es nicht so richtig geschafft haben und der ganz große Erfolg vermutlich auf ewig ausbleiben wird. Einerseits war der Sound suboptimal, zumindest auf den Rängen. Andererseits haben die Australier abseits ihres großen Hits „Woman“ nicht allzu viel im Gepäck, das sich in den Ohren festkrallt. Es fehlt einfach an den Hooks und großen Refrains, die speziell ein Stadionkonzert braucht. Und so konnten sich WOLFMOTHER halt nicht mehr als einen Höflichkeitsapplaus abholen.

Pünktlichkeit ist eine Zier.

Und dann war es endlich soweit: Der Headliner schickte sich an, die Bühne zu entern. Damit das auch alle Mann mitbekamen, wurde gefühlte 10 Minuten lang das GUNS N‘ ROSES-Logo, immer wieder von lauten Schüssen unterlegt, eingeblendet. Einige dürften den Anfang dennoch versäumt haben – denn es gab eine Überraschung. GUNS N‘ ROSES begannen mehr als pünktlich. Unglaublich. Von den angeblich 55.000 Besuchern hatten – so mein Eindruck – längst nicht alle ihren Platz eingenommen, als es losging. Übrigens sollten die Gunners laut Timetable ursprünglich um 20:15 Uhr beginnen. Das wurde bereits im Vorfeld auf 19:30 Uhr vorverlegt, was per eMail kommuniziert wurde. Ob das jeder mitbekommen hat, weiß ich nicht – aber an einem Montag relativ knapp nach Feierabend im Stadion zu sein, dürfte einigen Besuchern eher schwer gefallen sein, auch wenn sie um den früheren Beginn wussten. Von Ausverkauft!-Feeling war also anfangs noch keine Rede, noch dazu weil – und das ist die eigentliche Überraschung – GUNS N‘ ROSES tatsächlich um 19:31 Uhr mit „It’s So Easy“ ihren Gig eröffneten. Unglaublich, es ging tatsächlich (über-)pünktlich los! Das und die Vorverlegung um 45 Minuten sowie eine etwas gekürzte Setlist lassen im Nachhinein übrigens vermuten, dass man es wohl ziemlich eilig hatte, aus Wien wegzukommen.

Zu dem Zeitpunkt war mir das aber völlig egal. Nach der Eröffnung setzte man mit „Mr. Brownstone“ gleich noch einen drauf und ich war sofort in einem nostalgischen Glücksrausch angekommen, den ich so nicht erwartet hätte. Als dritter Song folgte „Chinese Democracy“, was ich mit einer Bierpause bedachte – langes Anstehen inklusive. Danach kam mit „Welcome to the Jungle“ wieder ein Gassenhauer, bei dem ich aber erstmals etwas genauer hinhörte und merkte, dass der Sound ganz und gar nicht so war, wie ich es mir vorgestellt hatte. Das sollte sich später noch bessern, zumindest was die Musik betrifft. Zwei Probleme blieben aber mehr oder minder bis zum Schluss bestehen: Einerseits die viel zu leise abgemischte Stimme, andererseits die extrem störende Asynchronität zwischen Sound und Bildern auf der Videowall. Ich habe mir erklären lassen, dass das mit der Akustik des Stadions zu tun hat, wo auf den Rängen die Töne quasi im Kreis liefen – im Infield, bei den Stehplätze, wäre dieses Problem wohl nicht so eklatant gewesen. Blöd für alle „Sitzer“, aber offenbar nicht zu ändern.

Nicht jeder altert in Würde.

Nach diesem akustischen Fazit gab es mit dem Doppelpack „Double Talkin‘ Jive“ und „Better“ gleich auch noch die Möglichkeit zum optischen Check. Wen das nicht interessiert: Einfach die folgenden Absätze skippen.

Unser aller Helden werden alt. Das sieht man mittlerweile mit alarmierender Häufigkeit auf allen möglichen Konzerten – sei es der graue Bart von Tom Araya (SLAYER), der massive Haarverlust von Lars Ulrich (METALLICA) oder der Tod des unsterblich geglaubten Lemmy Kilmister (MOTÖRHEAD). Wobei man sagen muss, dass manche Musiker die Grenze, ab der sie plötzlich gar nicht mehr zu altern scheinen, überspringen – siehe Ozzy Osbourne (BLACK SABBATH) oder auch Steve Harris (IRON MAIDEN). Im Falle von GUNS N‘ ROSES sind beide Seiten des Spektrums abgedeckt: Auf der einen Seite das enfant terrible, der letzte große Rockstar, W. Axl Rose, dem man die Jahre unerbittlich ansieht. Einst schlank und rank und mit üppiger, roter Mähne gesegnet, ist des Frontmannes Haupthaar schütter geworden (was er unter verschiedenen Kopfbedeckungen zu verstecken versuchte), der Körper einigermaßen in die Breite gegangen, das Gesicht stark verlebt. Da will dann nicht mal mehr der berühmt-berüchtigte Schlangentanz so sexy wirken, wie er damals von Heerscharen weiblicher Fans aufgenommen wurde.

Auf der anderen Seite haben wir den großen Gitarren-Helden Slash, ebenfalls den letzten seiner Art. Dessen Gesicht war schon zu den besten Zeiten hinter verspiegelter Sonnenbrille und wallender Haarpracht versteckt. Und genau so sieht er immer noch aus, es scheint, als wäre die Zeit für denn Mann mit dem Zylinder spätestens Mitte der 1990er Jahre stehen geblieben. Er scheint sogar an Muskelmasse gewonnen zu haben, sah irgendwie kompakter und muskulöser aus, als ich ihn von alten Videos in Erinnerung hatte.

Zwischen diesen beiden Reizfiguren, deren Egos verhindert haben, dass wir diese Reunion früher erleben durften: Bassist Duff McKagan, dem die Drogenvergangenheit deutlich anzumerken ist, der mittlerweile dennoch zwar älter, gleichzeitig aber fitter wirkt als je zuvor. Keyboarder Dizzy Reed, auch schon seit fast 30 Jahren in der Band (immerhin ziemlich durchgehend, soweit ich weiß), war nicht so oft im Bild, sah aber recht normal aus. Drei „Neuzugänge“ (also Musiker, die mir nicht bekannt waren) gab es auch zu vermelden: Am Schlagzeug ging es mit dem spielerisch unauffälligen Frank Ferrer (seit 2006 an Bord) optisch in Richtung Metalcore und am zweiten Keyboard steht mit Melissa Reese seit 2016 ein angenehmer Farbtupfer. Natur- bzw. soundgemäß noch herausstechender war Rhythmus-Gitarrist Richard Fortus, der auch schon auf 15 Jahre Bandzugehörigkeit zurückblicken kann und altersmäßig sehr gut zu den Gunners passt, dem eine Drogenvergangenheit aber anscheinend weitgehend erspart geblieben ist.

Weitgehend starke Setlist.

Nach diesem kleinen Exkurs zurück zum Konzert, das mit „Estranged“ (meiner Lieblingsnummer aus dem Repertoire von Gn’R) eigentlich erst so richtig losging. Nun wurde nicht nur der Sound besser, sondern auch das Publikum wachte plötzlich richtig auf. War das die Andacht, mit der die Fans bis zu diesem Zeitpunkt gelauscht hatten? Oder war es einfach ein schwieriger Einstieg in ein so lange erwartetes Konzert? Man wird es wohl nicht mehr erfahren, mit „Estranged“ war die Welt, die vorher schon in Ordnung gewesen war, mit einem Mal fast perfekt. Diese Stimmung, unglaublich. Da konnte auch der Regen, der für ein paar Minuten recht stark prasselte, nichts ändern. Mehr noch, Axl Rose verließ sogar das schützende Bühnendach – so als wollte er den Fans zeigen „ich bin einer von euch“. Wie glaubwürdig das ist, sei dahin gestellt, war mir in dem Moment aber auch vollkommen egal, muss ich sagen.

Nun folgte Hit auf Hit, ich persönlich habe mich besonders über das MISFITS-Cover „Attitude“ gefreut, gesungen von Duff McKagan, dem man ruhig das Mikro hätte lauter drehen sollen. Dann gab es wieder eine kleine Verschnaufpause namens „This I Love“ – man sieht schon, was ich, was die Fans, was alle hören wollten, bevor es mit „Civil War“, „Yesterdays“ und „Coma“ so richtig in die Vollen ging und es auch auf den Rängen niemanden mehr auf dem Platz hielt. Auf das obligatorische Gitarrensolo (meiner Meinung nach schon „damals“ verzichtbar) und das „The Godfather“-Theme folgte der zweitbeste Song der Band, „Sweet Child O’Mine“, bevor mich eine Änderung zur vorher gelesenen Setlist stutzig machte: Statt „My Michelle“ gab es „Used To Love Her“ und „Out Ta Get Me“, was ich super fand (auch wenn „My Michelle“ ebenfalls sehr willkommen gewesen wäre). Das Grande Finale, bestehend aus „November Rain“, „Knockin‘ On Heaven’s Door“, „Nightrain“, „Patience“ und – natürlich – „Paradise City“ wurde durch mehrere Cover-Versionen (ja, ich weiß, BOB DYLAN…) aufgelockert. Am besten hat mir die extrem mächtige Version von SOUNDGARDEN’s „Black Hole Sun“ gefallen, gewidmet natürlich dem unlängst verstorbenen Chris Cornell.

So viel zu den Songs, die genaue Setlist gibt es hier. Deutlich zu sehen ist dabei auch, dass GUNS N‘ ROSES auf einen gar nicht mal so großen Backkatalog zurückgreifen können. Das Œuvre besteht ja auch nur aus fünf regulären Studio-Alben (von denen allerdings nur „Appetite For Destruction“, 1987, sowie die beiden „Use Your Illusion“-Teile, 1991, durchgehend gut sind) und der Cover-Scheibe „‚The Spaghetti Incident?'“ (1993). So ist es kein Wunder, dass nur 20 der 27 Songs auf der Setlist (nimmt man das Gitarren-Solo heraus) wirklich von GUNS N‘ ROSES stammen. Das stört zwar nicht unbedingt, ist aber durchaus eine Erwähnung wert – wobei ich denke, dass es weitere Original-Stücke gegeben hätte, die man gerne spielen hätte können. Wo waren zB „Pretty Tied Up“, „Locomotive“ oder „Get in the Ring“?

Endlich am Ziel.

Die Frage aller Fragen ist aber natürlich, wie es denn nun wirklich war, GUNS N‘ ROSES erstmals live zu erleben. Und das noch dazu mit drei der fünf wichtigsten Protagonisten der Bandgeschichte. Nun, es war… sehr gut. Zumindest für mich. Ich kann es nicht anders sagen – die emotionale Bindung ist auch nach über 20 Jahren noch da und praktisch unverändert stark. Da kann es dann schon passieren, dass man bei „Estranged“ und „Sweet Child O’Mine“ ein paar Tränchen zerdrücken muss. Ganz ehrlich: Ich habe zu diesem Zeitpunkt keine Sekunde an die horrenden Kosten, an die unwürdige Vergangenheit, an den bescheidenen Sound, an „Chinese Democracy“, an Grunge und Heavy Metal oder an sonst was gedacht. Nur an mein eigenes Leben, wie es verlaufen ist und was die Musik von GUNS N‘ ROSES in einer prägenden Phase für einen Anteil daran hatte. Das mag für den Uneingeweihten übertrieben klingen, daran kann ich nichts ändern. Jeder, der Ähnliches erlebt hat, wird es jedoch verstehen.

Ein bisschen Kritik muss sein.

Auf der anderen Seite gibt es – abgesehen von meiner eigenen, nostalgisch-verklärten Brille – nichts, was mich daran hindert, auch einen etwas kritischeren Blick auf das Geschehen am 10. Juli 2017 zu werfen. Traurig war ich mit einem Blick auf die Setlist von Paris, dass „Don’t Cry“ offenbar dem Rotstift zum Opfer gefallen war. Das schien mir übrigens auch eine Frage des Zeitdrucks zu sein, mit dem die Band offenbar zu kämpfen hatte. Denn das fiel schon auf: Es gab keine Ansagen, das ein oder andere „Thank you!“ wurde zwar genuschelt, viel mehr war es aber nicht. Was manche vielleicht positiv sehen mögen („die lassen die Musik sprechen“) – ich bin da jedoch etwas zwiegespalten, Kommunikation mit dem Publikum gehört für mich schon dazu und die hätte ich mir tatsächlich erhofft.

Überhaupt wirkte die Band in der Rückschau distanziert auf mich und schien mit geradezu verbissener Routine und Konzentration zu Werke zu gehen. Schon klar, die wilden Jahre sind lange vorbei, aber das war schon ein wenig … hmmm … wie auswendig gelernt. Der „Abstand“ zum Publikum schien mir recht groß und auch die drei Herren, um die es sich hauptsächlich drehte, vermieden es für mein Gefühl, sich zu nahe zu kommen. Auch, dass die Zugabe direkt und (fast) ohne Übergang nach Ende des regulären Sets gespielt wurde (Haben sie überhaupt die Bühne verlassen? Ich weiß es nicht mehr) und dass mir „Paradise City“ extrem verkürzt vorkam, war ein bisschen merkwürdig. Fast kam es mir vor, als ob ausgerechnet vor dem Wien-Konzert irgend etwas hinter den Kulissen vorgefallen wäre, was ich natürlich nicht bestätigen kann, weil ich keine Vergleichswerte habe. Es wäre jedenfalls gelogen, wenn man sagen würde, dass der Funke vollkommen übergesprungen wäre.


Fazit: Trotz der angeführten Kritikpunkte bleibe ich dabei: Das war ein sehr gutes Konzerterlebnis. Etwas intensiver hätte es ausfallen können – das wäre aber vermutlich nur mit einer anderen Location möglich. Ja, es gab Probleme und nein, sie sind nicht mehr so wild wie früher und wie man sie in Erinnerung hat. Aber das ist egal – ich habe sie endlich gesehen und bin wahnsinnig froh darüber. Wäre ganz gut, wenn GUNS N‘ ROSES sich nochmal in meine Nähe verirren würden – dann kann ich quasi „ohne Druck“ hingehen und mir das Spektakel etwas neutraler ansehen.

 

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Live (Kreator)

KonzertWelt: Me And That Man (Wien, 04.04.2017)

Datum: Dienstag, 4. April 2017
Location: B72 (Wien)
Tour: 
Headliner: Me And That Man
Support: Dool
Ticketpreis: 24,90 Euro (VVK)


Nergal hat den Blues.

Polens Vorzeigemetaller Adam „Nergal“ Darski ist mit seiner Band BEHEMOTH normalerweise überaus extrem unterwegs. Corpsepaint, Growling, Bühnenshows mit Feuer und allerlei Gimmicks, sogar eine Anzeige wegen „Verletzung religiöser Gefühle“ gehören im schwarz angehauchtem Death Metal seines Hauptbetätigungsfeldes praktisch zur Tagesordnung. Umso überraschender war die Bekanntgabe eines musikalisch völlig anders gelagerten Projektes, mit dem unser Mann aktuell auf Tour ist. ME AND THAT MAN nennt sich die Formation, die aus Nergal (v, g) und dem seit Jahrzehnten in Polen lebenden Briten John Porter (v, g) besteht.

Vor dem mit Spannung erwarteten Auftritt im Wiener B72 gab es aber noch eine Vorgruppe. Die mir bis dato völlig unbekannten DOOL spielten ein halbstündiges Set, das aus nur vier Songs bestand. War kein schlechter Gig, aber so richtig warm bin ich mit dem alternativ angehauchtem Prog Rock-Metal-Mix nicht geworden. Immerhin waren die durchgehend wild headbangenden Musiker mit ordentlich Spaß bei der Sache. Drei (!) Gitarren sorgten außerdem für einigermaßen fetten Sound und so konnten sich die Niederländer um Sängerin/Gitarristin Ryanne van Dorst (die auch hätte als Mann durchgehen können, aber das nur am Rande) zumindest über Achtungsapplaus freuen.

Danach wurde es richtig voll im winzigen Lokal. Das Publikum war erwartungsgemäß gemischt, auch wenn die Metalheads wohl in der Überzahl waren. Eh klar: Man kam, um „die andere Band von Nergal“ zu hören. Anfangs war das Gefühl noch merkwürdig: Ein ohne Schminke, dafür aber mit Hut und weißer (!) Gitarre bewaffneter Nergal auf der Bühne, keine oder kaum Pommesgabeln im Publikum davor. Irgendwie hatte ich das Gefühl, man musste in diesem für beide Seiten ungewöhnlichen Setting erst zueinander finden. Das gelang dann aber erstaunlich schnell. Kein Wunder, wurde als Opener mit „My Church Is Black“ doch gleich eine der vorab ausgekoppelten Nummern aus dem Debütalbum „Songs Of Love And Death“ gespielt. Eine gute Entscheidung, um das Eis zu brechen.

Nach dem ersten gegenseitigen Abtasten ging es dann richtig los und das Publikum bekam für mein Dafürhalten ein ausgesprochen feines und intensives Konzerterlebnis. Die Musik von ME AND THAT MAN ist eine interessante Melange aus Singer/Songwriter-Zeug, Blues, Country, (Gothic) Rock, Psychedelic und auch ein wenig Pop. Eine ungefähre Schnittmenge aus bekannten Namen, die einem immer wieder in den Sinn kommen, wenn man sich „Songs Of Love And Death“ anhört: ELVIS PRESLEY, JOHNNY CASH, THE DOORS, NICK CAVE & THE BAD SEEDS, DAVID BOWIE. Mundharmonika-Einsätze und Kinderchöre inklusive. Ja, das ist für den gemeinen Metalhead ungewohnt. Ich selbst bin aber sehr froh, dabei gewesen zu sein, habe danach Vinyl und T-Shirt abgegriffen und werde gerne wieder kommen, wenn ME AND THAT MAN mal wieder in der Nähe auftreten.

Auf der Bühne waren natürlich die beiden Herren, die sich den Gesang brüderlich teilten, am stärksten präsent. Unterstützung bekamen sie von einem Drummer und einem Bassisten (deren Namen ich zu meiner Schande vergessen bzw. bei der Vorstellung nicht verstanden habe), die ihnen ein ausgezeichnetes und sauberes Rhythmus-Fundament legten. Interessanterweise schien in dieser Konstellation Nergal der entspanntere und besser gelaunte der beiden Frontmänner zu sein – der Pole lachte immer wieder, bewegte sich und versuchte durchaus, mit dem Publikum und seinen Mitstreitern auf der Bühne zu interagieren. Der wesentlich ältere Porter war dagegen der Ruhepol, dabei aber durchaus nicht unsympathisch. Letztlich ergänzten sich Nergal und Porter perfekt, was auch zum gelungenen Abend beigetragen hat. Gespielt wurde das komplette aktuelle Album, dazu gegen Ende hin zwei Coverversionen, die sich nahtlos einfügten („Refill“ von der PORTER BAND, also einem anderen Betätigungsfeld von John Porter sowie als Rausschmeißer „Psycho Killer“ von den TALKING HEADS). Vom ME AND THAT MAN-eigenen Material gefielen mir neben dem genannten „My Church Is Black“ die eingängig-düsteren, mit starken Country-Anleihen versehenen „Ain’t Much Loving“ und – vor allem – „Cross My Heart And Hope To Die“ am besten. Aber auch der Rest wusste zu überzeugen, sodass man gegen 23 Uhr mit einem ausgesprochen guten Gefühl von dannen ging.

Fazit: BEHEMOTH sind auch für Metal-Verhältnisse eine unglaublich düstere Band. Man muss aber sagen, dass ME AND THAT MAN dem gar nicht so viel nachstehen, wie man meinen könnte. Das wird allerdings durch vollkommen andere Mittel erreicht – wo Nergal mit BEHEMOTH auf Härte, Aggression und Komplexität setzt, gehen ME AND THAT MAN viel sanfter, einfacher und reduzierter zu Werke. Das aber gleichzeitig auch sehr dunkel, sowohl musikalisch als auch lyrisch. Diese Kombination passt so unglaublich gut, wie ich es mir nicht erwartet hätte. Und live wird das Ganze dann nochmals aufgewertet, weil die Hauptprotagonisten derart gut miteinander harmonieren. Jeder, der mit genannten Referenzen etwas anfangen kann, sollte sich dieses Projekt nicht entgehen lassen. Jeder Metalhead, der ein wenig für andere Einflüsse offen ist, kann ebenfalls ein Ohr riskieren, dabei aber nicht erwarten, auch nur eine homöopathische Dosis Metal zu bekommen. Denn die ist schlicht nicht vorhanden, was Keinem auffallen würde, wäre nicht ein so bekannter Name im Line-Up.

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Live (Kreator)

KonzertWelt: Urfaust (Wien, 18.02.2017)

Datum: Samstag, 18. Februar 2017
Location: Viper Room (Wien)
Tour: Praising Intoxication Across Europe
Headliner: Urfaust
Support: Schammasch – Lichtblick
Ticketpreis: 24,50 Euro (VVK)


Lo-Fi-Magie.

Es ist schon interessant: Der Viper Room ist eine relativ kleine Location und es gibt dort praktisch laufend Konzerte. „Sold Out!“ heißt es für mein Gefühl aber relativ selten. Doch wenn, sind es meist die ganz extremen Truppen, die das schaffen. In diese Kategorie darf man auch die holländische 2-Mann-Combo URFAUST einordnen. Die Herren IX (g, v) und VRDBR (d) machen ganz sicher nicht den härtesten Krach unter der …ähem… Sonne, das heißt aber nicht, dass an ihrer Musik auch nur Ansätze von kommerzieller Verwertbarkeit erkennbar wären. Und doch hieß es für den Viper Room: Ausverkauft, nichts geht mehr!

Was das bedeutete, war gleich bei der Ankunft im schlauchförmigen Lokal merkbar. Dort hatten LICHTBLICK (sagt mir überhaupt nichts) ihren Gig bereits beendet und die Show von SCHAMMASCH begann, als ich mir grad das erste Bier bestellte. Die Bude war brechend voll, man konnte sich kaum mit einem Getränk durch die Meute kämpfen, um einen halbwegs brauchbaren Platz zu ergattern. Irgendwann gelang das dann doch und man bekam einen sehr starken Gig der Schweizer (!) zu sehen, von denen ich bisher auch nicht allzu viel gehört hatte. Rein optisch hätte ich die Band irgendwo im Nahen Osten verortet, was natürlich auch am babylonisch angehauchten Bandnamen liegen kann. Dichter Nebel verhüllte die Bühne und die ersten paar Reihen während des gesamten Konzerts. Zu erkennen waren hauptsächlich ein riesig wirkender Frontmann, dessen Antlitz verhüllt war und die zwei Berserker an seiner Seite, die sich ständig wild headbangend tief über ihre Instrumente beugten. Ansonsten herrschte geisterhaft-diffuses Licht. Musikalisch ging das Quartett durchaus brutal und schnell zu Werke, vergaß dabei aber auch nicht auf die Melodien. BEHEMOTH wären mir als naheliegende Referenz eingefallen, was mir das nachträgliche Reinhören auch bestätigte. Als Tipp sei „In Dialogue With Death“ genannt, das mir vom Konzert auch am lebhaftesten in Erinnerung geblieben ist. Grundsätzlich boten die Schweizer einen guten Gig, auch wenn es auf Dauer ein wenig anstrengend war, ihren leicht überfrachteten Nummern zu folgen. Dennoch: Eine Band, die ich mir näher anhören muss.

Weiter ging es nach überraschend kurzer Pause mit der Band, auf die alle gewartet hatten. Zumindest dachte ich das es so wäre, wenn der einzig einigermaßen bekannte Name auf dem Billing URFAUST lautet. Noch dazu behauptete der Türsteher, dass Tickets für den Abend (VVK: ca. 25 Euro) angeblich um bis zu 80 Euro gehandelt worden waren. Dennoch: Gefühlt hatten sich die Reihen vor dem Start in den URFAUST-Gig ein klein wenig gelichtet. Und das nicht nur weil der Auftritt 15 Minuten vor der auf Facebook angegebenen Zeit begonnen hatte. Dieser Eindruck verstärkte sich, als ich mir ungefähr zur Halbzeit ein Bier holte – keine Rede mehr von dicht gepacktem Publikum, man konnte ohne großes Gerempel vom Standplatz (irgendwo zwischen 5. und 10. Reihe) zur Theke und wieder zurück. Sehr merkwürdig. Unabhängig davon war der Applaus, den die zwei Wahnsinnigen aus den Niederlanden ernteten, anfangs sehr euphorisch, wich später aber eher einer Art ehrfürchtigem Schweigen. Ich persönlich kann den Jubel um das Lo-Fi-Geknarze zwar nicht ganz verstehen, aber sei’s drum, war im Endeffekt dennoch ein intensives, hypnotisches Erlebnis. Das beschreibt es wohl am besten – die Musik von URFAUST ist sehr dicht gewebt (kaum zu glauben, wenn es nur Gitarre, Drums und Stimme gibt) und dennoch trocken dargebracht. Ist das überhaupt noch Black Metal? Ich vermag es nicht zu sagen, die Wirkung ist ähnlich, die Musik ist teilweise ähnlich, der Gesang ist jedoch größtenteils komplett jenseits von allen schwarzmetallischen Konventionen. Ohne jegliche Ansage führte Bandchef IX mal giftig kreischend, mal opernhaft jubilierend durch die großteils im behäbigen Midtempo dargebrachten Nummern. Drummer VRDBR wirkte hingegen wie das genaue Gegenteil des schweigsamen Fronters und war damit der optische Blickfang auf der Bühne. Der Schnurrbart-Träger gerbte seine Felle wie ein Irrer, holte zu jedem Schlag weiter aus, als es nötig gewesen wäre, gerne auch im Stehen. Zwischendurch griff er sogar einmal zum Kamm (!), um seine verschwitzte Frisur zu richten. Ein unglaublicher Typ, ganz anders als der verschlossene XI, der sich keinen Millimeter bewegte. Ich persönlich sehe ja auch bei so hypnotischer Musik gerne zumindest etwas Bewegung auf der Bühne (ein zweiter Mikroständer wäre z.B. viel wert, dann würde der Sänger wenigstens mal woanders stehen), aber vielleicht darf das bei URFAUST einfach nicht sein.

Was gespielt wurde? Keine Ahnung, ich habe nur „Ragnarök Mystiker“ als eingängigste Nummer zweifelsfrei identifiziert. Irgendwann zwischendurch gab es mal einen schnelleren Song, der die Monotonie geradezu wohltuend durchbrach, erkannt habe ich ihn aber nicht. Schicht im Schacht war dann relativ schnell, viel mehr als sechs oder sieben Lieder waren es in meiner Erinnerung nicht, teilweise zeichnen sich die URFAUST-Stücke natürlich durch Überlänge aus. Als es dann endgültig vorbei war, löste man sich langsam aus der Hypnose und stolperte mit einem merkwürdigen Gefühl in die Wiener Nacht. Dreckig und rau war es im Viper Room gewesen, aber irgendwie doch wieder betörend und magisch. Man kann es einfach nicht beschreiben.

Fazit: Ich bin mir bei URFAUST nach wie vor nicht sicher. Zum zweiten Mal habe ich das Duo nun live gesehen, zum zweiten Mal bin ich zwischen „einfach geil!“ und „what the fuck?!“ hin- und hergerissen.  Ich schätze die Sogwirkung, ich mag die eingängigeren Passagen, ich mag das Gefühl, das die Holländer erzeugen. Aber das alles ist für mich eher Kopfhörer-Musik. Live ist es mir auf Dauer (wobei beide Shows, die ich gesehen habe, nicht sonderlich lang waren) zu anstrengend. So richtig verstehe ich den Wahnsinn offenbar nicht und kann ihn daher vermutlich auch nicht so schätzen wie es viele andere tun. Eine schlechter Gig war das aber keinesfalls. Nur eben ein „anderer“. 


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Live (Kreator)

KonzertWelt: Kreator (Wien, 16.02.2017)

Datum: Donnerstag, 16. Februar 2017
Location: Gasometer (Wien)
Tour: Gods Of Violence
Headliner: Kreator
Support: Sepultura – Soilwork – Aborted
Ticketpreis: 34,90 Euro (VVK)


One thousand voices sing!

Abseits derer, die in einer eigenen Liga spielen (IRON MAIDEN, METALLICA & Co) sind KREATOR neben AMON AMARTH und wohl auch SABATON aktuell wohl die heißesten Eisen, die die Metal-Szene im Feuer hat. Wobei man sagen muss, dass die Thrash-Institution aus Essen im Gegensatz zu genannten Schweden-Kombos ja selbst schon eine halbe Ewigkeit am Start ist. Ja, die glorreichen 1980er waren auch zu KREATOR gut, die 1990er hingegen weniger. Umso besser, dass es 2001 mit „Violent Revolution“ ein zu Recht hochgelobtes Comeback gab (ja, das ist eine Fehlbezeichnung, man ja gar nie „weg“ war). Seitdem gab es nur gute („Hordes Of Chaos“) bis sehr gute (der ganze Rest) Alben, was darin gipfelte, dass die Truppe mittlerweile allein große Hallen füllt. Spätestens seit den aktuellsten Alben „Phantom Antichrist“ (2012) und „Gods Of Violence“ (2017) bringt die Ruhrpott-Legende neben hammerharten Riffs auch die stadion-tauglichen Refrains mit. Das mag nicht jedem Thrasher gefallen, ich persönlich finde es einfach super. Und solange man trotzdem noch Oldschool-Klassiker á lá „Flag Of Hate“ (1985) einstreut, ist für mich alles in Ordnung.

Unabhängig vom Teutonen-Thrash war der Abend im Gasometer eher mittelprächtig gelungen, auch wenn bei einem solchen Paket (und um diesen Preis!) nicht viel schiefgehen kann. Für mich ging es mit SOILWORK los, ABORTED waren einfach zu früh dran. Ende der 1990er/Anfang der 2000er waren SOILWORK ihrerseits gar nicht so weit davon entfernt, Headliner-Status zu erreichen. Ganz hat es nicht funktioniert, sie konnten sich nie nachhaltig aus dem Schatten ihrer Landleute IN FLAMES lösen. Ich habe die Schweden dann irgendwann aus den Augen verloren, bis mich „The Living Infinite“ (2013) zumindest partiell aufhorchen lies und mir zeigte, dass es die Band überhaupt noch gibt. Danach waren sie aber wieder weg von meinem Fenster. Gespannt war ich dennoch, es war lange her, seit ich Björn „Speed“ Strid und Kollegen live erleben durfte. Was sie im Gasometer zum Besten gaben, war auch gar nicht schlecht – ich muss aber zugeben, dass ich keinen einzigen Song erkennen konnte. Trotzdem, die Show war energetisch und die Band kam recht sympathisch rüber. Die Publikumsreaktionen waren nach anfänglicher Reserviertheit gar nicht so übel, sodass man die Show wohl als Achtungserfolg für SOILWORK werten kann. Mich konnten sie damit allerdings nicht „zurückholen“ – als Vorgruppe sind sie weiterhin ok, aber Fan werde ich keiner mehr, wenn da nicht ein absolutes Überraschungsalbum gelingen sollte (und ich das überhaupt mitkriege).

Danach gab es eine Band zu hören, die legendär ist und vor – sagen wir – rund 25 Jahren im Alleingang große Hallen füllen konnte. SEPULTURA brauchen wohl niemandem vorgestellt werden. Ich will mich jetzt auch nicht mit der unrühmlichen Geschichte aufhalten, die auf dem Höhepunkt der Karriere im Prinzip das Ende bedeutete. Und auch gegen Sänger Derrick Green, der wohl Zeit seines Lebens der Neue bleiben wird, muss nicht geschossen werden. Es scheint auch so hart genug zu sein für Gründungsmitglied Paulo Jr. (Bass), für den schon ewig in Diensten der Band stehenden Andreas Kisser (g) und eben für Green, der das Gesangsmikro 1998 übernommen hat. Schlagzeuger ist übrigens ein gewisser Eloy Casagrande. Wer? Genau. Das Problem ist ganz einfach, dass SEPULTURA seit „Roots“ (1996) keinen verdammten Hit mehr geschrieben haben. Und das war an den Publikumsreaktionen deutlich zu merken. Mindestens 90% der Leute waren einzig und allein da, um alte Nummern zu hören. Entsprechend gefeiert wurden Stücke wie „Arise“, „Refuse/Resist“ und „Roots“, während neuere Songs eher gegen eine Mauer des Schweigens gespielt wurden. Einzig positives Beispiel für aufkommende Stimmung war für mich „Phantom Self“ (vom 2017er „Machine Messiah“). Traurig eigentlich, aber nicht zu ändern, mir ging es ja augenscheinlich nicht allein so.

Im Gegensatz zu SEPULTURA haben es KREATOR mittlerweile längst geschafft, ihren Schwächeanfall, der fast die gesamten 1990er-Jahre dauerte, zu überwinden. Entsprechend lautstark wurden die Herren vom brachialen Opener „Hordes Of Chaos“ bis zum Schluss gefeiert. Man kann eigentlich auch gar nicht so viel dazu schreiben, ohne in Superlative zu verfallen – aber die Band gab sich von Anfang bis Ende tatsächlich keine Blöße. Besonders hervorzuheben war die Atmosphäre: Obwohl die neuesten Songs, die die Setlist auch dominierten, eher zum Mitsingen einladen, büßten KREATOR live auch nur einen Hauch an Härte und Giftigkeit ein. Diese Gratwanderung war schon ganz, ganz großes Kino. Das äußerte sich übrigens auch darin, dass das mein erstes KREATOR-Konzert war, bei dem mehr als ein Mikro auf der Bühne stand. Wenn Sänger/Gitarrist Mille Petrozza, lautstark unterstützt von seinen Mitstreitern Christian „Speesy“ Giesler (b) und Sami Yli-Sirniö (g) „We! Shall! Kill!“ ins Publikum brüllte, war das schon unglaublich intensiv. Gleiches gilt für den immer wieder und immer gern gezeigten KREATOR-„Katzenbuckel“, der bei Mille zwar nicht mehr so ausgeprägt wie früher war, bei Speesy hingegen von Mal zu Mal geiler aussieht.

Die Songauswahl war dem Ereignis (das Vorstellen des aktuellen Albums) entsprechend. So waren unter den rund 20 gespielten Songs gleich sechs von „Gods Of Violence“, darunter der tolle Titeltrack und das extra-hymnische „Hail To The Hordes“. Ansonsten gab es alle Titeltracks ab „Violent Revolution“, dazu noch ein paar andere Nummern aus den entsprechenden Alben (z. B. „Civilization Collapse“) und ein bisschen was ganz Altes wie „People Of The Lie“, „Under The Guillotine“ (!) oder „Total Death“ (!!). Nach „Pleasure To Kill“ war schließlich Schluss und ein hoch erfreutes Publikum wurde in die Wiener Nacht entlassen.

Fazit: KREATOR scheinen momentan unschlagbar zu sein. Keine Thrash-Band schafft es aktuell, dermaßen Stimmung zu machen, am nächsten kommen wohl – je nach Tagesform – SLAYER ran. Aber auch die Kalifornier bekommen meist nicht so viele Circlepits und so durchgängig gute Laune im Publikum hin. Wenn man ein Haar in der Suppe finden möchte, schafft man das noch am ehesten bei den Ansagen von Frontmann Mille Petrozza. Der lässt nach wie vor keine Plattitüde aus, was mich frappierend an Kollegen Hansi Kürsch (BLIND GUARDIAN) erinnert. Aber davon abgesehen gab es an der Show absolut nichts auszusetzen. Mille war zum Glück sehr gut bei Stimme, die Band war beinahe schon beängstigend tight (was alle, also alte und neue Nummern eine ganze Ecke härter klingen ließ) und über die Solo-Künste von Sami Yli-Sirniö braucht man ohnehin keine Worte zu verlieren. Eine rundum gelungene Sache also, noch dazu untermal von allerlei Pyros, Videos und sonstigem Schnickschnack, der aber zu keiner Zeit übertrieben wirkte und somit nicht vom Wesentlichen ablenken konnte. Ich bin gespannt, wie lange KREATOR noch in dieser bestechenden Form weitermachen können. 


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FilmWelt: Die Hölle – Inferno

Ein grausamer Serienmörder, eine toughe, schöne Hauptdarstellerin, perfekt choreografierte Kampfszenen und wilde Verfolgungsjagden in der Großstadt, Kollateralschäden inklusive – all das vermutet man nicht unbedingt in einem österreichischen Film. Allein, um mitzuerleben, wie solche Szenen wirken, wenn sie nicht in New York oder Los Angeles, sondern in Wien stattfinden, lohnt es sich, „Die Hölle“ anzusehen. Wer das tut, sieht einen mehr als soliden Thriller, der vor allem durch sein Lokalkolorit über den Durchschnitt gehoben wird.

Gesamteindruck: 6/7


Atemlos in Wien.

Regisseur und Oscar-Preisträger Stefan Ruzowitzky (ausgezeichnet für sein NS-Drama „Die Fälscher“) gibt sich alle Mühe, die österreichische Hauptstadt für „Die Hölle“ möglichst unwirklich und düster wirken zu lassen. Das hat schon einen Hauch von Film noir, nicht nur, weil es im Film fast durchgängig Nacht ist und ständig zu regnen scheint, was allein schon eine irrsinnig trostlose und bedrückende Stimmung erzeugt. Die wird durch die gut gewählten und kontrastreichen Schauplätze verstärkt und gipfelt schließlich in den Einblicken ins Privatleben der Figuren, das genauso düster wirkt, wie die Stadt, in der sie leben. Insofern kann man zur Auswahl des Schauplatzes – vor allem aber dessen Darstellung – nur gratulieren.

Inhaltlich bietet „Die Hölle“ Stoff, der auf den ersten Blick 1:1 aus Hollywood stammen könnte, dafür optisch allerdings fast schon zu hart ist. Was den Film deutlich aufwertet, ist jedoch das österreichische Lokalkolorit und das praktisch alltägliche gesellschaftliche Spannungsfeld, das sich daraus ergibt. Denn: Abseits der Action und der Kriminalgeschichte, die den Film vordergründig auszeichnen, hat „Die Hölle“ durchaus gesellschaftskritische Züge. Fremdenfeindlichkeit, Chauvinismus, radikale Religiosität, Lasterhaftigkeit – all das wird thematisiert und schwingt praktisch in jeder Szene mit. Dass Ruzowitzky dabei auch vor dem aktuell so heißen Eisen „Islam“ nicht zurückschreckt, kann ihm gar nicht hoch genug angerechnet werden. Noch dazu, weil er das so völlig ohne Anklage bringt, dass man es kaum glauben mag. Der Film passt in unsere Zeit, keine Frage – er ist gleichzeitig aber so neutral, wie er nur sein kann, sodass man sich als Zuseher kaum dafür interessiert, dass die Figuren großteils Muslime und keine Christen sind. Meines Erachtens macht der Regisseur das genau richtig – er zeigt, dass es überall Irre gibt und das ohne mit dem Finger auf jemanden zu deuten.

Bei all der genannten Düsternis, die „Die Hölle“ durchgehend umweht, darf man eines nicht vergessen: Der Film ist auch unterhaltsam. Das betrifft nicht nur die hollywoodreife Action, sondern auch eine gewisse Situationskomik, für die Tobias Moretti als Polizist und dessen demenzkranker Vater (gespielt von Friedrich von Thun) zuständig sind. Dieser Humor ist genau richtig dosiert und lässt – vermutlich war genau das die Absicht – die Hauptdarstellerin noch verbissener, wortkarger und introvertierter wirken, als sie ohnehin schon ist.

Warum es letztlich nicht zu einer höheren Wertung reicht, ist rasch erklärt: Der Film verlässt sich sehr stark (und auch zu Recht) auf seine Zwischentöne und auf seine Optik. Die Story selbst wirkt  auf mich hingegen nicht so dynamisch, wie es die schnellen Schnitte und harten Kampfszenen suggerieren. Letztlich fehlt es ein wenig an Substanz, denn so richtig fiebert man der Aufklärung des Kriminalfalles, der schließlich und endlich auch Thema des Films ist, nicht entgegen. Wohl aus diesem Grund hat man, wenn der Abspann von „Die Hölle“ über den Bildschirm flimmert, das Gefühl, dass sich der Regisseur trotz aller positiven Aspekte ein wenig verzettelt hat und manchmal nicht ganz genau wusste, wo die Reise hingehen soll. Sehenswert ist der Film aber in jedem Fall.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Die Hölle – Inferno
Regie: Stefan Ruzowitzky
Jahr: 2017
Land: Österreich/Deutschland
Laufzeit: 93 Minuten
Besetzung (Auswahl): Violetta Schurawlow, Tobias Moretti, Friedrich von Thun, Verena Altenberger, Robert Palfrader, Sammy Sheik



 

BuchWelt: Der Trafikant

Robert Seethaler


Der österreichische Autor Robert Seethaler geht in seinem 2012er Werk „Der Trafikant“ sehr zartfühlend zu Werke, obwohl die Zeit während und nach dem „Anschluss“ ja eigentlich eher nach Brutalität klingt. Die kommt im Buch auch vor – aber ganz generell konzentriert sich Seethaler auf die ruhigeren und privateren Nuancen. Das hat mir sehr gut gefallen, es ist eine etwas andere Herangehensweise an ein immer noch sehr wichtiges (und leider wieder wichtiger werdendes) Thema. Fünf Punkte, weil Leichtigkeit zwar gut ist, ein bisschen Tiefgang mir aber doch gefehlt hat. Vor allem bei meinem „literarischen Treffen“ mit Sigmund Freud.

Gesamteindruck: 5/7


Die schlechte alte Zeit.

„Der Trafikant“ spielt 1937/38, zur wohl dunkelsten Zeit der österreichischen Geschichte und zeichnet die Veränderungen durch die Machtübernahme der Nationalsozialisten aus Sicht eines unbedarften jungen Mannes aus der Provinz nach. Es ist zunächst ein wenig befremdlich, dieses ernste Thema mit der im Buch zu lesenden Naivität zusammenzubringen – genau das ist jedoch gleichzeitig auch das Erfrischende am Buch von Robert Seethaler. Denn er trifft damit – soweit man das aus heutiger Sicht überhaupt beurteilen kann – sehr gut die Sichtweise, mit der ein Bursche vom Land, plötzlich in die Großstadt Wien verpflanzt, die Ereignisse erlebt haben mag.

Interessant ist, wie es dem Autor gelingt, die Hauptfigur Franz Huchel sehr behutsam weiterzuentwickeln. Das funktioniert so selbstverständlich und unmerklich, dass man in der Rückschau meint, es gäbe kaum eine Entwicklung und Huchel hätte sich seine Persönlichkeit den ganzen Roman über bewahrt. In Wirklichkeit ist das zwar nicht ganz der Fall (viel ändert sich am gutmütigen Landei jedoch nicht), es führt aber zu einer schönen inneren Konsistenz des Romans. Von den drei wichtigen Nebenfiguren fand ich während der Lektüre den grantigen, jüdischen Trafikanten Otto Trsnjek am gelungensten. Ausgerechnet der auf dem Klappentext prominent angepriesene Sigmund Freud als Hauptgesprächspartner Huchels war mir ein bisschen zu schablonenhaft gezeichnet. Das böhmische Mädchen Anezka gewinnt hingegen ganz und gar keinen Sympathiepreis, lässt aber die blinde Hilflosigkeit den eigenen Gefühlen gegenüber sehr gut erkennen.

All das beschreibt Robert Seethaler in einer leichten Sprache, die die Seiten dahinfliegen und das ernste Thema des Buches nahezu vergessen lässt. Wenn man sie erlebt hätte, diese Zeit, als Franz Huchel wäre man – vielleicht! – am besten und saubersten durchgekommen.  So denkt man zumindest als Leser während man der Handlung folgt. Doch der Autor kennt keine Gnade mit seinen Figuren und so kommt am Ende was kommen muss. Schade – aber wohl auch realistisch, denn ein Happy End mit Wohlfühlfaktor kann es bei so einer Geschichte kaum geben. Faszinierend, spannend und ja, auch unterhaltsam, ist „Der Trafikant“ dennoch für mich zu lesen gewesen.

Gesamteindruck: 5/7trafikant


Autor: Robert Seethaler
Originaltitel: Der Trafikant.
Erstveröffentlichung: 2012
Umfang: ca. 250 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

KonzertWelt: Kampfar (Wien, 22.10.2016)

Datum: Samstag, 22. Oktober 2016
Location: Escape Metalcorner (Wien)
Tour: Profane Solstice From The North
Headliner: Kampfar
Support: Vreid – Dreamarcher
Ticketpreis: 26 Euro (VVK)


Heiß, stickig, laut – und einfach geil!

Die „Profane Solstice From The North“-Tour, veranstaltet vom feinen norwegischen Label Indie Recordings, machte am 22. Oktober in der Escape Metalcorner in Wien Station. Schön – endlich mal wieder ein Konzert an einem Wochenende, noch dazu in einer der besten Locations in Wien, was Nähe und Interaktionsmöglichkeiten zwischen Publikum und Musikern betrifft. Als ich ankam (gerade rechtzeitig um die finalen Songs von DREAMARCHER zu hören) war der Keller des Escape, wo sich die kleine Bühne befindet, allerdings noch nicht so gut gefüllt. Andererseits: So wenig war gar nicht los, wenn man bedenkt, dass es die junge Truppe erst seit Februar 2016 gibt und das Debütalbum „Dreamarcher“ gar nur knapp 2 Wochen vor der Show in Wien veröffentlicht wurde. Ob das Publikum sich nun allerdings wirklich für DREAMARCHER interessierte oder sich einfach für die beiden großen Bands des Abends warm trank, wurde nicht ganz klar – einen respektvollen Höflichkeitsapplaus durften sich die Norweger jedenfalls abholen.

Kurz bevor die etwas gesetzteren Herren von VREID die Bühne betraten, begann sich der Keller ordentlich zu füllen. Von meinem Platz in der ersten Reihe aus wirkte es jedenfalls gesteckt voll – super für die Stimmung und einen schweißtreibenden Abend. Und genauso wurde es auch. VREID haben es inzwischen – zumindest sehe ich das so – aus dem übermächtigen Schatten ihrer Vorgänger-Band WINDIR befreien können. Und so herrschte auch an diesem Abend in Wien der schmissige Black n‘ Roll, während Folk-Elemente und reiner Black Metal eher die Ausnahme blieben. Man spielte sich durch die gesamte Diskografie, vom 2004er-Debüt „Kraft“ (vertreten durch „Helvete“ und „Raped By Light“) bis hin zum aktuellen „Sólverv“, von dem der Titeltrack und „Når Byane Brenn“ zu Ehren kamen. Nicht einmal von einer gerissenen Saite am Bass von Hváll beim grandiosen und unvermeidlichen Rausschmeißer „Pitch Black“ ließ man sich irritieren. Einziger Wermutstropfen: Mein Lieblingssong „Blücher“ wurde nicht gespielt. Stattdessen gab es vom „Milorg“-Album (2009) „Speak Goddamnit“ zu hören. Auch nicht schlecht, aber die Geschichte über den Schweren Kreuzer, der 1940 im Oslo-Fjord versenkt wurde, hätte ich noch lieber gehört. Unabhängig davon: Eine großartige Show, an der auch die Band sichtlich Spaß zu haben schien.

Nach dieser Darbietung brauchten die Nackenmuskeln eine kurze Erholungspause. Lang dauerte der Umbau aber nicht, es reichte gerade für ein Bier und ein paar Lockerungsübungen. Dann standen auch schon KAMPFAR auf der Bühne, um furios mit „Gloria Ablaze“ und „Ravenheart“ loszulegen. Das, was VREID ein wenig an Charisma fehlte, machten ihre Landsmänner wieder gut – allen voran natürlich Schreihals Dolk, der seine Musik lebt wie kaum ein anderer. Hinter ihm wütete mit Drummer Ask ein wahrer Berserker, der seinen Frontmann noch dazu mit angepisstem Gesang unterstützte – absolut hörenswert! Wie schon VREID zuvor war auch KAMPFAR die Freude an ihrer Arbeit an diesem Abend deutlich anzumerken, zumindest soweit man das unter ihrem zeitweise recht exzentrischen Gebahren sehen konnte. Dolk ließ sich allerdings ein- oder zweimal dazu hinreißen, die Location zu loben – als die kleinste auf der bisherigen Tour und als „cozy place“. Die Intensität blieb die gesamte Show über erhalten, Höhepunkte waren neben dem Eröffnungsdoppel das uralte „Hymne“, das neue „Mylder“ und das finale „Our Hounds, Our Legion“. Danach entließ man das ausgepowerte Publikum in die kühle Wiener Nacht.

Fazit: Es gibt sie noch – die kleinen Club-Gigs, bei denen der Schweiß in Strömen fließt, bei denen man denkt, man erstickt an Rauch und Trockeneis-Nebel, bei denen man direkt an der Bühne steht, ohne lästigen Fotograben und aufpassen muss, dass man keine Gitarre an den Kopf bekommt. Die Escape Metalcorner ist eine tolle Location für genau solche Konzerte. Man geht danach mit dem Gefühl nach Hause, etwas großes erlebt und mit Gleichgesinnten geteilt zu haben. Und das betrifft nicht nur die anderen Fans – auch für die Bands muss es ein besonderes Erlebnis sein, in einer so kleinen Location zu spielen; zumindest wird das von den Musikern bei den Konzerten im Escape immer wieder angedeutet. Loben muss man diesmal übrigens auch den Mann am Mischpult – kommt ja selten genug vor. Diesmal war der Sound allerdings perfekt und hat damit bestens zu diesem tollen Abend gepasst. Daran hatten natürlich auch die Bands ihren Anteil. Sowohl VREID als auch KAMPFAR haben gezeigt, dass sie a) noch lange nicht zum alten Eisen gehören und b) die etwas rockigere Variante der norwegischen, schwarzen Tonkunst aktuell voll den Nerv eines kleinen, aber feinen Publikums trifft.

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KonzertWelt: The Vision Bleak (Wien, 17.10.2016)

Datum: Montag, 17. Oktober 2016
Location: ((szene)) (Wien)
Tour: Coming Home Tour 2016
Headliner: Pain
Support: The Vision Bleak – Dynazty – Billion Dollar Babies
Ticketpreis: 26 Euro (VVK)


Horror-Montag.

Die Festival-Saison 2016 ist endgültig vorbei und damit ist es wieder Zeit für Clubshows. Mein Herbst-, Winter- und Frühlingsprogramm an harter Live-Musik wurde diesmal in der Wiener ((szene)) eröffnet – PAIN befinden sich gerade auf Promo-Tour zu ihrem aktuellen Album „Coming Home“, als Special Guests waren die deutschen Horror-Metaller von THE VISION BLEAK dabei – ein recht ambivalentes Programm also. Nun war aber auch von vornherein klar, dass ein Konzert an einem Montag irgendwie so gar nichts kann. Und da ich PAIN zwar cool finde, sie aber nicht ganz zu meinen Favoriten gehören, war ich im Endeffekt nur wegen ihren „Gästen“ da und habe weder vom Vorprogramm noch vom Headliner wirklich viel mitbekommen. Schade – aber so ist das halt, wenn der Termin so ungünstig liegt.

Bei der Ankunft in der Halle standen gerade DYNAZTY auf der Bühne. Der Zuschauerraum schien sehr gut gefüllt zu sein und bei den finalen zwei Songs, die ich mitbekommen habe, war die Stimmung im Publikum recht ausgelassen. Musikalisch konnte ich mir in der kurzen Zeit freilich kein Bild von der mir völlig unbekannten Band machen – es schien aber Hard Rock an der Grenze zu melodischem Power Metal zu dominieren. Irgendwie also recht passend zum wild durcheinander gewürfelten Genre-Mix an diesem Abend.

In der Umbaupause hatte der DJ die Lacher auf seiner Seite, als „Manic Monday“ von den BANGLES aus der PA ertönte. So kann man den Montag natürlich auch nehmen, nämlich mit Galgenhumor. Nachdem die Bühne mit den üblichen Gimmicks (Grabstein, ausgestopfte Eule…) dekoriert war, konnten THE VISION BLEAK endlich loslegen. Wieso sie das ausgerechnet mit dem in meinen Ohren zwar gefälligen, aber auch einigermaßen sperrigen „From Wolf To Peacock“ vom aktuellen Album „The Unknown“ taten, ist mir nicht ganz klar. Oder lag es am zu diesem Zeitpunkt noch etwas matschigen Sound, dass der Funke nicht so recht überspringen wollte? Ich persönlich hätte mir jedenfalls einen schmissigeren Opener gewünscht. Andererseits: Die ((szene)) gestattet den verhältnismäßig zahlreich anwesenden Fotografen, für drei Songs im engen Fotograben zu bleiben. Ein echter Stimmungskiller – ich verstehe ja, dass man gute Bilder haben möchte und auch braucht, aber drei Songs in einer solch kleinen Halle? Das ist mir dann doch ein wenig zu viel, vor allem weil ein Teil der Fotografen aus ziemlich rücksichtlosen Riesen zu bestehen scheint. So konnten die Leute in der ersten Reihe dann auch die eigentlich grandiosen, auf den Opener folgenden Nummern „The Night Of The Living Dead“ und „Carpathia“ nicht so richtig genießen. Allerdings dauerte es auch so lange, bis der Mann am Mischpult endlich merkte, dass der Sound suboptimal war. Besser spät als nie.

Als die Fotografen endlich weg waren, ging es mit einem weiteren Doppelpack von „The Unknown“ weiter. Zunächst „The Kindred Of The Sunset“, was nicht ganz so gut gefiel, dann aber der absolut großartige quasi-Titeltrack „Into The Unknown“. Darauf folgte das live in letzter Zeit sehr selten gehörte „Descend Into The Maelstrom“, das vom Publikum ganz ordentlich aufgenommen wurde. Höhepunkt waren letztlich aber doch die beiden folgenden Nummern – wobei es erwartungsgemäß bei „Kutulu!“ am lautesten wurde und die Meute sich auch erstmals richtig bewegte. Dann noch „Wolfmoon“ (sehr geil!) und als Abschluss „By Our Brotherhood With Seth“ (ein Beispiel für einen Song, den ich lieber als Opener gehört hätte). Und das war es auch schon, mehr gab es leider nicht. Ich konnte einen kurzen Blick auf den Zettel mit der Setlist erhaschen, dort war zumindest eine geplante Nummer gestrichen worden. Könnte eventuell mit der fortgeschrittenen Uhrzeit zu tun haben, denn als die letzten Klänge von THE VISION BLEAK ertönten, hätten laut Running Order bereits PAIN auf der Bühne stehen sollen.

Von besagten Schweden habe ich mir dann noch zwei Songs angesehen: Das neue „Designed To Piss You Off“ und das alte „Suicide Machine“. Gut gewähltes Eröffnungsdoppel für mein Gefühl. Der Saal war brechend voll und dass die Schweden ihren eigenen Bühnenaufbau dabei hatten, trug zusätzlich zur Stimmung bei. „Peda“, wie Peter Tägtgren in Wien lautstark vom Publikum gerufen wird, schien jedenfalls schon während der ersten Songs gehörig Spaß an seinem Job zu haben. Dazu noch seine wild bangenden Flügelmänner – war alles sehr stimmig und machte einen guten Eindruck. Leider half alles nichts und ich musste mich auf den Weg machen – das Bett rief schon. Sehr laut. Schade.

Fazit: THE VISION BLEAK sind ja irgendwo ein Phänomen. Eine Band, die es wohl nie auch nur in die zweite Reihe schaffen wird, dennoch unermüdlich auf Tour, sehr sympathisch (das durfte ich im einen oder anderen persönlichen Gespräch feststellen) und auch musikalisch immer einen Besuch wert. Ein paar Wermutstropfen gibt es aber doch: Es kommt bei THE VISION BLEAK immer wieder vor, dass man keinen Bassisten am Start hat. So auch bei dieser Show. Obwohl man das soundmäßig nicht unbedingt merkt, hat man das Gefühl, dass etwas fehlt/nicht stimmt. Zweitens war der Einstieg in die Setlist für meinen Geschmack einfach nicht gut gewählt. Der dritte Punkt betrifft das Auftreten: Ich habe das Gefühl, die Herren Konstanz und Schwadorf haben sich früher mehr bemüht, ihre ganz eigene … ähem„Vision“ umzusetzen. Man schminkte sich besser, man kleidete sich anders (das betrifft auch den Rest der Band) – all das sorgte meines Erachtens für wesentlich mehr Horrorstimmung. Natürlich ist die Band immer noch sehr, sehr gut – aber ich fand das Gesamtpaket früher einfach stimmiger. Egal, wenn die Sterne wieder richtig stehen um „… the grand representatives of Horror in this time and age“, willkomen zu heißen, werde ich da sein.



BuchWelt: Der Fall des Lemming

Stefan Slupetzky


„Der Fall des Lemming“ ist trotz streckenweise haarsträubender Skurrilität ein leicht und schnell zu lesendes Buch. Schwarzer Humor wechselt sich mit interessanten Wendungen ab und den Detektiv beim bemühten Kombinieren und zufälligen Stolpern über Wahrheiten und in Fettnäpfchen zu beobachten macht einfach Freude.

Gesamteindruck: 6/7


Schwarzer Humor auf österreichisch.

Auf den ersten Blick könnte man meinen, bei Stefan Slupetzkys „Lemming“ handelt es sich um einen nachgemachten „Brenner“ (Wolf Haas). Zu ähnlich verlaufen die Karrieren der beiden Hauptfiguren (Kripo – Detektivbüro – Privatdetektiv). Auch die Fälle, in die die beiden in sich gekehrten Einzelgänger verwickelt werden, sind ähnlich verzwickt, brutal und voller Wendungen. Zuguterletzt haben beide Autoren das Talent, das typisch Österreichische nahezu perfekt einzufangen und zu zelebrieren.

Ein billiger Abklatsch also? Mitnichten, allein der Schreibstil ist ein völlig anderer. Slupetzky schreibt „normal“, verwendet den österreichischen Dialekt und umgangssprachlichen Satzbau lediglich ab und an in der direkten Rede. Auch dass der Autor ein Wiener ist und als solcher die hiesige Seele bestens zu beschreiben weiß, ist ein sehr gutes Unterscheidungsmerkmal. Dazu kommt ein pechschwarzer Anstrich des Ganzen, der zwar auch bei Wolf Haas vorhanden ist, bei Slupetzky aber wesentlich subtiler wirkt.

Die Höchstwertung bleibt dem 1. Band der „Lemming“-Reihe nur verwehrt, weil die Auflösung des Falles nicht ganz meine Erwartungen erfüllt hat – hier hätte ich etwas mehr Finesse erwartet. Dennoch eine Empfehlung für Freunde des österreichischen Krimis, den man mittlerweile schon fast als eigenes Sub-Genre bezeichnen kann.

Gesamteindruck: 6/7


Autor: Stefan Slupetzky
Originaltitel: Der Fall des Lemming – Eine Wiener Mordgeschichte.
Erstveröffentlichung: 2004
Umfang: ca. 260 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch


 

Live (Kreator)

KonzertWelt: Mgła (Wien, 07.02.2016)

Datum: Sonntag, 7. Februar 2016
Location: Grelle Forelle (Wien)
Tour: ?
Headliner: Mgła
Support: The Committee – Stormnatt
Ticketpreis: 20 Euro (VVK)


Männer ohne Gesicht.

MGŁA. Ein Bandname, den man – selbst als Fan obskurer Black Metal-Bands – kaum vernünftig aussprechen kann. Polnisch ist dann doch eine recht exotische Sprache für den Mitteleuropäer. Was man allerdings, Google sei Dank, weiß: Übersetzt heißt MGŁA „Nebel“. Immerhin. Wäre interessant für eine gemeinsame Tour mit TAAKE. Jedenfalls machten die Polen auf ihrer aktuellen Tour erstmals in ihrer Karriere Station in Österreich. Ausgerechnet im Club „Grelle Forelle“, der dem Vernehmen nach eher genau das ist: Ein Club. Mit Club-Musik. Metal ist dort anscheinend nicht das Standard-Programm. Macht aber nichts, die Location war prinzipiell sehr gut, super erreichbar und auch mit brauchbarem Sound ausgestattet. Nur die zwei massiven Säulen mitten im Raum stören die Sicht auf die gerade richtig große Bühne. Das Club-Dasein der „Forelle“ merkte man übrigens auch anderweitig: Statt der bei Konzerten üblichen Bierausgabe in Plastikbechern gab es Flaschen. Aus Glas. Kennt man von solchen Ereignissen kaum noch, ist aber kein Fehler. Oder, wäre kein Fehler, denn dass es nur 0,33-Liter-Flaschen gab (noch dazu nicht gerade günstig), ist schon stark diskussionswürdig. Aber was soll’s, war ja Sonntag, am nächsten Tag wartet das Büro, von daher kann man gerade noch ein Auge zudrücken.

Im Saal angekommen standen gerade STORMNATT auf der Bühne. Optisch, akustisch und vom Bandnamen her eindeutig dem hohen Norden zuzuordnen. Ein Trugschluss, wie ein Blick ins Internet zeigt (mir war die Truppe vollkommen unbekannt): STORMNATT sind tatsächlich aus Österreich, sogar aus Wien, hatten also den Heimvorteil auf ihrer Seite. Kaum zu glauben – denn die Musik war Black Metal, so norwegisch klingend, dass es nur so eine Art hatte. Optisch erinnerten die fünf Herren auch an die Heimat und den Ursprung des Black Metal. Schwarzes Leder und räudiges Corpsepaint inklusive. Frontmann Mord erinnerte in Optik und Habitus an eine Mischung aus Alan Averill (PRIMORDIAL) und A.L. (VALKYRJA) – nicht die schlechtesten Referenzen. Musikalisch war alles bestens, auch wenn es gegen Ende des Sets ein wenig zu eintönig wurde. Das Finale, als ein Bandmitglied nach dem anderen die Bühne verließ, während die verbleibenden weiterspielten, bis zuletzt auch der Gitarrist verschwand, war übrigens ganz große Klasse.

Nach diesem Aufwärmprogramm ging es mit den geheimnisumwobenen THE COMMITTEE weiter. Eine weitere Band, die mir abgesehen vom entfernt bekannt vorkommenden Namen, überhaupt nichts sagte. Der „Waschzettel“ sprach von einem „internationalen Zusammenschluss von Bandmitgliedern unbekannter Identität, der sich auch optisch deutlich von anderen Bands abhebt.“ Klingt erstmal gut, wenn auch ein wenig großspurig. Aber solche Übertreibungen gehören auch dazu. Was mit „optisch“ gemeint war, erfuhr man dann auch recht schnell – die Band betrat schwarz uniformiert die Bühne, die Köpfe und Gesichter mit schwarzem Tuch verhüllt. Naja, wie sich das von den Headlinern des Abends abheben soll, muss man mir erst einmal erklären. Die Show war jedenfalls gut, so richtig einordenbar war die Musik für mich allerdings nicht. Was auch an den eher verhaltenen Publikumsreaktionen zu erkennen war – im Großen und Ganzen schienen die Leute sich zunächst einhören zu müssen. Entfernt erinnerte das Ganze schon ein wenig an Black Metal, von der Raserei mit der STORMNATT zuvor zu Werke gingen, war hier allerdings nicht so viel zu hören. Es regierten eher Groove und Atmosphäre, was zwischen den schnellen Attacken von STORMNATT und MGŁA – im Nachhinein betrachtet – für wohltuende Abwechslung sorgte. Tatsächlich eine Gruppe, die man sich einmal in einer ruhigen Stunde genauer anhören muss. Darauf hat die Wien-Premiere der Band durchaus Lust gemacht.

Nach dieser massiven Walze war es endlich so weit. MGŁA aus Krakau betraten (mit rund einer halben Stunde Verspätung) die Bühne. Und es war genau so, wie ich es nach meinem ersten MGŁA-Erlebnis (beim Inferno 2014 in Oslo) erwartet hatte. Keine Gesichter (die Nazgûl lassen grüßen), keinerlei Ansagen, absolut keine Kommunikation und Interaktion mit dem Publikum, nur Musik. Und an der war absolut nichts auszusetzen. Einziger Wermutstropfen: Die Lautstärke war infernalisch – und das in einem Bereich, der zu Lasten der Qualität ging, weil die Drums einfach viel zu sehr im Vordergrund standen. Schade, gerade bei MGŁA gibt es ja außergewöhnlich gute Gitarrenarbeit zu hören. Unabhängig davon: Der Gig war großartig. Kaum eine Band aus diesem extremen Bereich schafft es, die absolut unkommerzielle Ausrichtung ihrer Musik so zugänglich zu machen. Wobei „zugänglich“ natürlich ein dehnbarer Begriff ist – easy listening geht definitiv anders. Aber die Polen schaffen es, ihrem infernalischem Geballer gerade so viel Struktur zu geben, dass man nicht anders kann und einfach mitgehen muss. Es ist nicht leicht zu beschreiben, man muss es selbst gehört haben. Ich bin mir im Nachhinein auch nicht sicher, welche Songs gespielt wurden – lediglich „I“ und „VII“ von „With Hearts Towards None“ sowie „I“ und „II“ des aktuellen Drehers „Exercises in Futility“ habe ich sicher erkannt. Das grandiose „Mdłości I“ war, als Opener, ebenfalls am Start. Alles in allem kam mir die Show übrigens wahnsinnig kurz vor – das ist mir auch beim letzten Mal schon aufgefallen – leider weiß ich nicht, ob es wirklich so war oder ob es einfach so gut war, dass die Zeit so schnell verging. Wie auch immer: MGŁA können gern jederzeit wieder kommen – ich werde dabei sein.

Fazit: MGŁA scheinen nun, nach mehr als 15 Jahren unermüdlicher Arbeit, endlich da angekommen zu sein, wo sie hingehören. Und das ohne auch nur das kleinste Zugeständnis an irgendwelche kommerziellen Erwägungen. Die Band wirkt immer noch absolut unnahbar, man weiß nicht, wie die Typen aussehen, die Songs haben nach wie vor keine Namen – es ist unglaublich, wie sehr eine solche Truppe fesseln kann. Das gelingt nur ganz wenigen und ich hoffe wirklich, dass MGŁA, die meiner Ansicht nach aktuell beste Black Metal-Band überhaupt, eine noch größere Zukunft bevorsteht.