FilmWelt: Split

Der unlängst von mir hier auf WeltenDing behandelte Horrorfilm „The Visit“ (2015) war vielen Kritikern zufolge die Rückkehr von Regisseur M. Night Shyalaman (u. a. „The Sixth Sense“, „Unbreakable“) zu alter Stärke. Ganz so großartig fand ich jenen Film zwar nicht, aber er war zumindest solide. Ähnliches würde ich auch dem ein Jahr später erschienen „Split“ attestieren.

Gesamteindruck: 4/7


Wir sind viele.

Wie bei den meisten seiner Filme zeichnet der US-Regisseur mit indischen Wurzeln auch bei „Split“ sowohl für Regie als auch Drehbuch verantwortlich. Der geneigte Kenner Shyalaman’scher Filmkunst weiß also ungefähr, was ihn erwartet: Ein Thriller mit düsterer Grundstimmung, ein paar Horror-Elementen und dem einen oder anderen Twist, der für offene Münder sorgt.

Worum geht’s?
Nach einer Geburtstagsparty werden drei Teenager von einem Mann betäubt und entführt. Sie kommen in einem Kellerraum zu sich und stellen bald fest, dass ihr Entführer unter einer dissoziativen Identitätsstörung leidet: Sie haben es also nicht mit einer, sondern einer ganzen Reihe von Persönlichkeiten zu tun. Was ihnen zunächst Angst einjagt, entpuppt sich schließlich als Chance, zu entkommen – denn nicht alle Identitäten sind ihnen feindlich gesinnt

Wie so oft bei Shyalaman ist „Split“ eine Genre-technisch Achterbahnfahrt: Der Film täuscht zunächst eine Mischung aus Teenie-Slasher und Torture Porn an, geht dann in Richtung Psychodrama, nur um gegen Ende mit übernatürlichen Elementen aufzuwarten, die den bis dahin sehr realistisch wirkenden Aufbau ad absurdum führen. Diesen Balance-Akt meistert der Regisseur recht gut, sodass sich Fans seiner Filme mit Sicherheit gut von ihm bedient fühlt. Ich selbst bin nicht ganz so überzeugt, wobei ich vorausschicken möchte, dass „Split“ alles andere als ein schwaches Werk ist.

Die Idee, die dem Film zugrunde liegt, ist gut – wobei man auch klar sagen muss, dass die dissoziative Identitätsstörung (DIS), an der der Protagonist leidet, auch schon in anderen Werken thematisiert wurde (noch häufiger übrigens die ähnlich gelagerte Schizophrenie). Ein wenig Bauchweh hat man bei solchen Dingen natürlich immer, stellen die entsprechenden Filme doch Menschen, die an derartigen Störungen leiden, gerne mal als Verbrecher dar, was die Realität nicht widerspiegelt. Diese Diskussion könnte man freilich über viele filmisch verarbeitete Themen führen, was ich aber hier und jetzt definitiv nicht tun möchte. Klar erwähnt sei jedenfalls, dass „Split“ vor allem am Ende deutlich macht, dass es ein Werk der Fiktion ist und nur am Rande mit der realen DIS zu tun hat.

Ein starker Darsteller.

Den Großteil seiner Faszination zieht „Split“ meiner Ansicht nach aus der starken Leistung von Hauptdarsteller James McAvoy. Den Schotten kennt ein breites Publikum wohl vor allem als die junge Version des eigentlich von Sir Patrick Stewart gespielten Professor X aus diversen X-Men“-Filmen. McAvoy gelingt es sehr gut, die verschiedenen Persönlichkeiten, die sich seiner Figur bemächtigt haben, zu verkörpern – jede davon, die im Film zu sehen ist, hat ihre eigene, sehr spezielle Note, was neben dem Drehbuch vor allem der Leistung des Schauspielers zu verdanken ist. Im Vergleich dazu bleiben die Nebenrollen leider relativ blass. Am besten gefallen hat mir die Rolle der Therapeutin, die sich von ihrem Patienten so weit einlullen lässt, dass sie jede Vorsicht vergisst (gespielt von der eher selten in Hollywood-Produktionen zu sehende Betty Buckley), der Rest des Ensembles (bzw. der von ihnen gespielten Charaktere) fällt eher unter „ferner liefen“. Vor allem die drei gefangenen Mädels habe ich als reinstes Klischee empfunden (ja, alle drei!).

Dass der Film vor allem von seiner Hauptfigur lebt, bedeutet in diesem Fall leider nichts Gutes für Drehbuch und Handlung. Ganz so schlimm, wie das im ersten Moment klingt, ist es natürlich nicht – ein besseres Prädikat als „solide“ würde ich „Split“ jedoch nicht verpassen wollen. Dabei sehe ich, wie so oft, nicht den einen, großen Fehler, sondern es ist eher die Summe an Kleinigkeiten, die den Gesamteindruck nach unten ziehen. Ein Beispiel sind die Dialoge, die zwischen gut (wenn der Protagonistin von seiner Therapeutin befragt wird oder wenn sein kindliches Ich mit einer seiner Gefangenen verhandelt) und belanglos schwanken. Ähnlich ist es mit dem Drehbuch: Man hat das Gefühl, dass der Regisseur sich nicht entscheiden konnte, welches Tempo er seinem Film verpassen wollte. Die Diskrepanz zwischen ruhigem Aufbau und der unvermittelt schnellen Action im letzten Abschnitt hat mich jedenfalls etwas ratlos zurückgelassen.

Verlässt sich sehr auf den letzten Twist.

Was die Handlung betrifft, kann ich die ganz großen Lobeshymnen ehrlich gesagt nicht nachvollziehen. Ab und an kommt schon Spannung auf, weil man aber relativ früh im Film erfährt, worunter die Hauptfigur leidet, ist zumindest in dieser Hinsicht kein Aufreger dabei. Meist geht es also um die Versuche seiner drei Opfer sich zu befreien – entweder selbst oder indem sie sich seiner Persönlichkeiten bedienen, die ihnen zum Teil gewogen sind. Ersteres ist, mit Verlaub, ziemlich langweiliges Standardprogramm. Die Verhandlungen mit den anderen Identitäten sind hingegen ganz gut gelungen – so richtig befriedigend empfand ich sie aber nicht, hatte eher das Gefühl, dass in dieser Hinsicht deutlich mehr möglich gewesen wäre. Schade eigentlich: Im Allgemeinen hat man bei „Split“ fast durchgehend den Eindruck, dass der Film nicht mit ganzer Konsequenz zu Ende gedacht wird. Alles wirkt so, als hätten gute Ideen etwas mehr Zeit zum Reifen benötigt.

Letzten Endes haben mir zwei Szenen so gut gefallen, dass „Split“ bei mir trotz allem noch eine passable Wertung bekommt: Einmal findet eines der Mädchen eine Aufzeichnung, in der sich verschiedene Persönlichkeiten des Protagonisten zu Wort melden – das ist spannend und zeigt, dass das Potenzial deutlich höher gewesen wäre. Der zweite Wohlfühlfaktor ist natürlich der finale Twist, auf den sich der ganze Film sehr stark zu verlassen scheint. Und ja, es stimmt, der allerletzte Take schlägt wirklich ein wie eine Bombe (zumindest bei denen, die einen bestimmten, älteren Film von M. Night Shyalaman kennen). Zwar meine ich, irgendwo im Hinterkopf eine kleine Stimme gehört zu haben, die mir weismachen wollte, dass bewusste Szene ein wenig aufgesetzt wirkt (als hätte man gewusst, dass der Film ohne sie vielleicht nicht so lang in Erinnerung bleiben würde), aber dieses Stimmchen kann man auch gut ignorieren.

Fazit: Vier Punkte für einen Film, der gut und solide ist, sein Potenzial für mein Gefühl aber zu keinem Zeitpunkt so richtig abrufen kann. Die Fantasy-Elemente im letzten Drittel muss man erst einmal verdauen, aber in Anbetracht des letzten Twists machen sie schon Sinn. Ohne den wären sie hingegen vollkommen fehl am Platze gewesen, was mir als Zuseher übrigens die ganze Zeit im Kopf herumgespukt ist und vielleicht auch minimalen Einfluss auf die Gesamtwertung hat.

Gesamteindruck: 4/7


Originaltitel: Split.
Regie:
M. Night Shyamalan
Drehbuch: M. Night Shyamalan
Jahr: 2016
Land: USA
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): James McAvoy, Anya Taylor-Joy, Betty Buckley, Haley Lu Richardson, Jessica Sula, Bruce Willis



3 Gedanken zu “FilmWelt: Split

  1. Pingback: Filme A-Z | Weltending.

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