FilmWelt: Joker

Es waren große Fußstapfen, die Joaquin Phoenix zu füllen hatte, als er die Rolle des ikonischen Batman-Antagonisten Joker für den gleichnamigen Kinofilm annahm. Immerhin hatten mit Jack Nicholson („Batman“, 1989) und Heath Ledger („The Dark Knight“, 2008) zwei seiner Vorgänger dem schurkischen Clown ihren Stempel sehr deutlich aufgedrückt. Und doch schafft es Phoenix, der Figur gänzlich neue Züge zu verleihen. So wie in diesem Film hat man den Joker definitiv noch nie gesehen.

Gesamteindruck: 6/7


Ein trauriger Clown.

Dass sich Joaquin Phoenix behaupten kann, hat viel mit Drehbuch und Story zu tun. Beides hebt sich wohltuend vom sonstigen Superhelden-Popcorn-Kino ab, das sich seit einigen Jahren auf der großen Leinwand die Klinke in die Hand gibt. Das ist mithin auch der Grund, wieso der Joker von Jared Leto („Suicide Squad“, 2016) im Vergleich zu anderen Darbietungen so schlecht abschneidet, aber das ist ein anderes Thema.

Inhalt in Kurzfassung
Arthur Fleck ist ein Mann mittleren Alters, der mit seiner Mutter eine verfallene Bruchbude bewohnt und sich als Partyclown durchschlägt. Sein unerfüllter Traum ist die große Karriere als Standup-Comedian. Doch das Leben meint es nicht gut mit dem sensiblen Außenseiter und wirft ihm einen Knüppel nach dem anderen zwischen die Beine. Fleck verliert nicht nur seinen Job, sondern zusehends den Verstand und wird stückweise immer mehr zum unberechenbaren Psychopathen, der schließlich unversehens von den Abgehängten und Verlorenen im heruntergekommenen Gotham City zum Anführer einer Bewegung gegen die Reichen hochstilisiert wird.

Wie so häufig wird die Inhaltsangabe dem Film nicht so richtig gerecht. Denn die Story, wie aus dem abgehalfterten Außenseiter Arthur Fleck der mörderische Joker wird, ist nur ein Teil der Faszination des unerwartet humorlosen und düsteren Films. Noch viel mehr beeindruckt die Art und Weise, wie Joaquin Phoenix die Rolle verkörpert, wie er es schafft, beim Zuseher fast so etwas wie Mitleid für den armen Teufel zu wecken, der sich – so scheint es – liebevoll um seine Mutter kümmert und der nichts anderes möchte, als die Menschen zu unterhalten. Zumindest vordergründig. In Wirklichkeit, und das ist die kombinierte Leistung von Schauspieler und Drehbuch, haben wir es hier mit einem Mann zu tun, dessen Lachen so gar nichts Vergnügliches hat und der sich denkbar schlecht zum Komiker eignet, was er tragischerweise aber selbst nicht erkennen kann.

Gesellschaftskritik.

Nur zu sagen, dass der Joker einfach krank und/oder böse ist, wäre jedenfalls deutlich zu kurz gegriffen. Denn der Film ist auch eine Kritik an der Gesellschaft und ihrem Umgang mit Menschen, die sich außerhalb der Norm bewegen und – im schlimmsten Fall – durch sämtliche Raster und sozialen Netze fallen. Es sind Menschen, denen nicht geholfen wird, weil sie in kein Schema und kein System passen. Und das ist ein sehr reales Problem, das „Joker“ zwar überzeichnet, aber gar nicht so unrealistisch darstellt. Freilich vergeht dem Zuschauer vor allem im letzten Drittel des Films das Mitleid mit der Hauptfigur; dennoch ist man sich stets bewusst, dass die Gesellschaft ihren Teil zur Schaffung dieses Monsters beigetragen hat.

Genau das ist meines Erachtens auch der Unterschied zu bisherigen Darstellungen des Jokers: Die 1989er-Version von Jack Nicholson war bereits vor seiner Verwandlung kriminell, während man die 2008er-Variante von Heath Ledger einfach als vollkommen durchgedrehten Irren ohne jegliche Vorgeschichte und Vergangenheit präsentiert bekam. „Joker“ zeigt uns hingegen weniger einen Film über genau diesen Schurken, sondern über den Mann, der zu ihm wird. Ja, diesen Satz kann man anderswo so ähnlich lesen – und doch trifft er am besten, was es mit „Joker“ auf sich hat und worin er sich von allen bisherigen Filmen und Serien, in denen der Clown einen Auftritt hatte, unterscheidet. Im Wesentlichen entspricht das, was Regisseur Todd Phillips hier geschaffen hat, dem, was Christopher Nolan mit „Batman Begins“ (2005) gelungen ist: Eine ziemlich realistische, düstere Geschichte über die Helden-/Schurken-Werdung eines Mannes. Überhaupt: „Joker“ passt – so absurd das im Angesicht des Ledger-Jokers in „The Dark Knight“ klingt – wesentlich besser zur Nolan-Trilogie als zum heutigen DC-Universe.

Drehbuch und Kamera: Top!

Insgesamt ist „Joker“ ein starker Film, der seinen Vorschusslorbeeren tatsächlich gerecht geworden ist. Schnitt, Kamera und – vor allem – der Soundtrack wissen ebenso zu überzeugen, wie die Leistung der Schauspieler. Zwar werden die Nebenrollen zugunsten des Hauptdarstellers ein wenig stiefmütterlich behandelt, ich persönlich empfinde das aber nicht als so großes Problem. Besser eine sehr gut gezeichnete Figur als eine Legion an Charakteren, die wie Abziehbilder wirken. Auch die Ausstattung ist Top – selten war Gotham City ein derartig trostloser Moloch wie in diesem Film.

Was man dennoch nicht ganz verhehlen sollte: „Joker“ hat auch Schwächen. Wobei es eigentlich ein einziger Punkt ist, der mich im Kino tatsächlich gestört hat: Der Film hat durchaus Längen. An manchen Stellen räkelt sich Joaquin Phoenix dann doch etwas zu lang zur Musik, einige Dialoge und Szenen hätten also durchaus Straffung vertragen können, ohne, dass die Charakterstudie darunter gelitten hätte. Aber sei’s drum, auch, wenn das den Film zeitenweise schwerfälliger macht, als er hätte sein müssen, bleibt der Gesamteindruck unterm Strich sehr gut.

Wer diesen Film also noch nicht gesehen hat, sollte es unbedingt tun. Und keine Angst – man muss keinerlei Kenntnisse über Batman, den Joker und/oder das DC-Universum haben, um „Joker“ genießen und verstehen zu können. Soweit ich weiß, ist der Film auch gar nicht als Teil jenes Universums gedacht und gedreht worden. Das ist zwar schade für dessen innere Logik und wird die DC-Filme weiter gegenüber Marvel ins Hintertreffen geraten lassen – andererseits ist es vielleicht ganz gut so. Denn: Das DC-Universum ist über weite Stellen enttäuschend, „Joker“ ist es nicht und kann und sollte daher ganz für sich betrachtet werden.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: Joker
Regie: Todd Phillips
Jahr: 2019
Land: USA
Laufzeit: 122 Minuten
Besetzung (Auswahl): Joaquin Phoenix, Robert De Niro, Zazie Beetz, Bret Cullen, Marc Maron



 

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4 Gedanken zu “FilmWelt: Joker

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