MusikWelt: Hardwired… to Self-Destruct

Metallica


Ich fand (und finde nach wie vor), dass „Death Magnetic“ (2008) ein gutes Album war. Zwar weit von einem Meisterwerk im Sinne von „Ride the Lightning“ (1984) oder „Master of Puppets“ (1986) entfernt, dennoch eine schöne Platte. Was darauf folgte, war zunächst eine lange Pause, dann, acht (!) Jahre nach „Death Magnetic“, kam „Hardwired… To Self-Destruct“. Für mich übrigens ziemlich unerwartet, weil zu einem Zeitpunkt, als ich kaum noch Musikzeitschriften konsumierte und daher nicht mehr auf dem Laufenden war. So oder so – sobald das 2016er-Album in den Newslettern der Versandhäuser und auf Spotify auftauchte, habe ich, ohne lang zu überlegen oder richtig reinzuhören, das Doppel-Vinyl gekauft

Gesamteindruck: 6/7


Bester Versuch seit 30 (!) Jahren.

Ich hätte es nicht für möglich gehalten: „Hardwired… To Self-Destruct“ ist ein sehr gutes Metallica-Album. Nach den ersten zwei, drei Durchläufen war ich noch anderer Meinung, zu lang, zu wenige sofort zündende Ideen, zu überproduziert – das waren so die Attribute, die ich zunächst im Kopf hatte. Nach einiger Zeit, die die Platte zum Reifen hatte und in der ich nur gelegentlich reingehört habe, habe ich anno 2020 beschlossen, nochmal ganz genau aufzupassen. Und siehe da: „Hardwired… To Self-Destruct“ erwies sich als wahrer Grower. Mit jedem Durchgang entdeckte ich neue Details, die mir gefielen – und irgendwann ertappte ich mich dabei, wie ich diese Platte immer und immer wieder gehört habe. Zunächst zu Hause am Plattenspieler, dann aber verstärkt im Auto und beim Laufen. Wenn das kein gutes Zeichen ist, weiß ich es auch nicht.

Damit habe ich das Fazit schon vorweg genommen, ein bisschen in die Tiefe möchte ich aber natürlich schon noch gehen. Zunächst erzeugt „Hardwired… To Self-Destruct“ durch die Gestaltung als Doppel-Album das Gefühl, besonders lang zu sein. Der Blick auf die Gesamtspielzeit zeigt jedoch, dass dieser Eindruck täuscht: 77:28 Minuten liegen ziemlich voll im Rahmen aller Metallica-Longplayer seit „Load“ (1996, mit 78:58 Minuten bis heute das längste Album der Band). Am Rande sei angemerkt, dass die gefühlte Spielzeit mitunter recht stark von der tatsächlichen abweicht – oder dass es je nach dargebotener Musik Unterschiede zu geben scheint, wie lang ein Album sein „darf“. Beides nachzuhören bei „St. Anger“ (2003), das das „nur“ 75:03 Minuten auf dem „Tacho“ hat, was man kaum glauben kann, wenn man versucht, dieses Werk mehrfach hintereinander konzentriert zu hören.

Spezielle Atmostphäre.

„Hardwired… To Self-Destruct“ lebt meiner Meinung nach von einer ganz eigenen, fast schon doomig zu nennenden Atmosphäre. Insgesamt hat man das Gefühl eines eher langsamen Albums, auch wenn es einzelne Songs gibt („Moth into Flame“, „Spit Out the Bone“) in denen das Gaspedal einigermaßen durchgetreten wird. An dieser Stelle sei aber gleich auch gesagt, dass wir es hier mit der kontrollierten Aggressivität vierer Herren zu tun haben, denen man ihr Alter mittlerweile recht deutlich anmerkt. Heißt: Die wilden Momenten sind bei weitem nicht mehr so ungestüm wie in den Anfangstagen der Band und auch nicht dermaßen thrashig, wie es noch auf dem Vorgänger „Death Magnetic“ zumindest stellenweise der Fall war. Für mein Dafürhalten setzt das Quartett aus Kalifornien hier vielmehr auf Ausgewogenheit (was übrigens auch in der extrem ausgeglichenen Produktion deutlich wird, die jedem Instrument den gleichen Freiraum zugesteht). Wer also ein neues „Kill ´Em All“ (1983) oder „Master of Puppets“ erwartet hat, wird wohl einmal mehr enttäuscht sein – Mitleid gibt es dafür aber keines von mir, denn dass das nicht passieren würde, war klar. Wobei ich aber auch sagen möchte, dass „Hardwired… To Self-Destruct“ vom Feeling her gar nicht so weit von der Stimmung eines „Master of Puppets“ entfernt ist. Insgesamt denke ich, dass das Album auch sehr gut in die Zeit zwischen „…And Justice For All“ und „Load“ gepasst hätte, wenn man unbedingt nach einem musikalischen Referenzpunkt in der Metallica-Historie suchen möchte.

Schwer fällt mir, einzelne Songs hervorzuheben. Das liegt vorwiegend daran, dass fast jede Nummer mindestens einen Teil mit extrem hohem Wiedererkennungswert hat. Verantwortlich dafür sind meiner Meinung nach James Hetfield und Kirk Hammett – ersterer ist unglaublich gut bei Stimme, vor allem aber sind es diverse Gesangslinien und Melodien, die klassischen Ohrwurm-Charakter haben. Hammett hingegen packt – manchmal auch im Maiden-lastigen Duett mit Hetfield – ein paar durchaus gute Solos aus, was in jüngeren Jahren ja keineswegs selbstverständlich war. Die Riffs sind allerdings nochmal stärker und stammen natürlich wiederum von Hetfield, der hier tatsächlich so etwas wie einen zweiten Frühling zu erleben scheint. Neben meinem Favoriten „Now That We’re Dead“ (übrigens von Wrestling-Legende The Undertaker als Entrance-Theme für seinen Auftritt bei der 2020er-Ausgabe von „WrestleMania“ genutzt) gefallen mir vor allem das vorab bekannte „Atlas, Rise!“, das schnelle „Moth Into the Flame“ und das doomige „Dream No More“, in dem Metallica endlich (!) mal wieder den CthulhuMythos von H.P. Lovecraft aufgreifen.

Guilty pleasure?

Freilich ist trotz dieser lobenden Worte auch auf „Hardwired… To Self-Destruct“ nicht alles Gold, was glänzt. So finde ich letztlich jede Nummer auf Disc 1 sehr gut gelungen, Disc 2 fällt demgegenüber allerdings ein wenig ab. „ManUnkind“, „Am I Evil“… ähh… „Am I Savage?“ und leider auch die Lemmy Kilmister-Verbeugung „Murder One“ sind im Vergleich zum restlichen Material unterer Durchschnitt. Als Kritikpunkt kann man außerdem einmal mehr festhalten, dass Metallica dazu tendieren, das eine oder andere Stück zu sehr in die Länge zu ziehen (ein Problem, dass sie schon seit „Master of Puppets“ mit sich herumschleppen). Und: Ich habe ja oben kurz mal das Alter der Herrschaften erwähnt – teilweise spiegelt sich das nicht gerade in den infantilen Lyrics wieder. Man höre z. B. den Titeltrack, da wird recht schnell klar, was ich damit meine…

So oder so: Im ersten Moment ist es verlockend einfach, „Hardwired… To Self-Destruct“ als weiteren Beweis für die Merkwürdigkeit der Metallica-Phase abzutun, die nun bereits seit Anfang/Mitte der 1990er andauert (und damit wesentlich länger als jene Zeit, in der die Bay Area-Thrasher noch vollkommen unumstritten waren). Ich war zunächst auch versucht, mich aufgrund verschiedener Dinge, die mich störten, gleich über das ganze Album negativ auszulassen – bis ich irgendwann feststellen musste, dass es mir geradezu unverschämt viel Spaß macht, dieses Werk zu hören. Guilty pleasure? Mag sein, dass das für manche so wirkt, ich frage mich aber, was genau eigentlich schlecht daran sein soll, wenn eine Band, die ich mag mir ein Album vorlegt, das mich nicht mehr und nicht weniger als gut unterhält. Und so kann ich „Hardwired… To Self-Destruct“ nur eine hohe Wertung geben, die höchste, die ich Metallica seit dem „Schwarzen Album“ (1991) zugestanden habe. Unerwartet? Ja! Unverdient? Nein!


Track – Titel – Länge – Wertung

Disc 1

metal-archives.com

  1. Hardwired – 3:09 – 5/7
  2. Atlas, Rise! – 6:28 – 6/7
  3. Now That We’re Dead – 6:59 – 6/7
  4. Moth Into the Flame – 5:50 – 6/7
  5. Dream No More – 6:29 – 6/7
  6. Halo on Fire – 8:15 – 5/7

Disc 2

  1. Confusion – 6:43 – 6/7
  2. ManUNkind – 6:28 – 4/7
  3. Here Comes Revenge – 7:17 – 5/7
  4. Am I Savage? – 6:29 – 4/7
  5. Murder One – 5:45 – 4/7
  6. Spit Out the Bone – 7:09 – 6/7

 Gesamteindruck: 6/7 


Metallica auf “Hardwired… to Self-Destruct” (2016):

  • James Hetfield − Vocals, Rhythm Guitars
  • Kirk Hammett − Lead Guitars
  • Robert Trujillo − Bass
  • Lars Ulrich − Drums

Anspieltipp: Now That We’re Dead

Ein Gedanke zu “MusikWelt: Hardwired… to Self-Destruct

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