BuchWelt: Der Werwolf von Tarker Mills

Stephen King


Stephen King war mir bis vor kurzem lediglich als Autor klassischer Romane ein Begriff. Dass er stilistisch ab und an auch mal ungewöhnlich unterwegs ist, habe ich erstmals festgestellt, als ich unlängst die Internet-Fortsetzungsgeschichte „The Plant“ gelesen habe. Bald darauf fiel mir in einem „offenen Bücherschrank“ zufällig ein weiterer stilistischer Ausreißer des Meisters in die Hände. Wer, wie ich, noch nie etwas von „Der Werwolf von Tarker Mills“ gehört hat und einen typischen King erwartet, wird sich wundern, wenn er das Buch erstmals aufschlägt.

Gesamteindruck: 4/7


Bei Vollmond kommt der Wolf.

„Das Jahr des Werwolfs“ (dem Titel-Wirrwarr widme ich weiter unten einen Absatz) ist der Versuch, eine altmodische Kalendergeschichte zu erzählen. Heißt in diesem Fall: Die Handlung spielt innerhalb eines Jahres und teilt sich in zwölf Kapitel (= Monate) auf. Die ursprüngliche Idee war wohl – so ist es im Vorwort zu lesen – das Werk tatsächlich in Kalenderform herauszubringen. Dieses Vorhaben scheiterte, weil es Stephen King nicht schaffte, unter dem selbst auferlegten Limit von rund 500 Wörtern pro Kapitel zu bleiben. Für seine Verhältnisse sind die einzelnen Abschnitte dennoch extrem knapp gehalten, was „Das Jahr des Werwolfs“ zur bis heute kürzesten Veröffentlichung des Grusel-Autors macht.

Inhalt in Kurzfassung
In Tarker’s Mills [sic!] geht die Angst um: Eine grausige Mordserie lässt die Einwohner der US-Kleinstadt nachts Türen und Fenster verbarrikadieren. Doch alle Vorsichtsmaßnahmen helfen nichts – immer, wenn der Vollmond aufgeht, passiert etwas Schreckliches. Nur der junge, an den Rollstuhl gefesselte Marty kann sich einen Reim auf die verstörenden Ereignisse machen. Auf ihn hören will freilich niemand

Wer – wie bei Stephen King üblich – ausgefeilte Charaktere, bis ins letzte Detail beschriebene Orte und vielschichtige Handlungsstränge braucht, wird mit diesem Werk definitiv nicht glücklich werden. Das ist natürlich ein Zugeständnis an den arg eingeschränkten Platz, der der ursprünglichen Idee zugrunde liegt. Interessant ist in diesem Zusammenhang allerdings, dass der Bestseller-Autor es auch mit eher rudimentären Mitteln schafft, dem Leser sowas wie Tiefe vorzugaukeln. Dafür scheint es ihm beispielsweise zu reichen, Charaktereigenschaften lediglich anklingen zu lassen. Ich kann nicht erklären, wie King das genau macht – letztlich war ich nach der Lektüre im ersten Moment aber tatsächlich davon überzeugt, dass „Der Werwolf von Tarker Mills“ der Komplexität großer King-Werke gar nicht so viel nachsteht.

Starke Bild-Text-Komposition.

Bei genauerer Betrachtung ist es freilich etwas anders: Die von mir gelesene Ausgabe umfasst insgesamt gut 380 Seiten, davon erzählen allerdings nur 180 die Geschichte „Das Jahr des Werwolfs“. Und selbst die sind nicht ausschließlich mit Text gefüllt: Jedes Kapitel beginnt mit einer illustrierten Doppelseite und enthält ein weiteres Bild. Die Zeichnungen stammen vom 2017 verstorbenen Berni Wrightson (Comic-Fans vielleicht durch die DC-Serie „Swamp Thing“ bekannt). Ein Buch für Erwachsene, ausgestaltet mit Illustrationen? Ja, das wirkt im ersten Moment tatsächlich etwas befremdlich. Andererseits liegt vielleicht genau darin eine Erklärung für das oben beschriebene Gefühl, dass die Story mehr Tiefe besitzt, als sie eigentlich sollte. Denn Illustrationen und Text spielen nahezu perfekt zusammen und erzeugen eine ganz eigene Atmosphäre.

Handlungstechnisch ist „Das Jahr des Werwolfs“ denkbar einfach und fügt dem klassischen Werwolf-Mythos keinen neuen Aspekt hinzu. Das ist in der geforderten Kürze natürlich nicht zu erwarten und geht schon in Ordnung. Erwähnenswert finde ich hierzu im Übrigen, dass ich während des Lesens häufig das Gefühl hatte, Stephen King würde sich ganz extrem am Riemen reißen müssen, um nicht in seine übliche, detaillierte (manche sagen auch: ausufernde) Erzählweise abzudriften. Ich denke, ich hätte dieses Geschichte gerne auch als vollwertigen Roman gelesen – die Ideen dazu scheint der Autor offensichtlich gehabt zu haben, er durfte sie nur nicht ausformulieren. So zumindest mein Eindruck.

Wie heißt´s nu´?

Bevor ich zum Schluss komme, noch ein Wort zu den etwas verwirrenden Titeln, die in dieser Rezension vorkommen: Ursprünglich erschien „The Cycle of the Werewolf“ 1983. Auf den deutschsprachigen Markt kam die Novelle 1985 unter dem durchaus passenden Titel „Das Jahr des Werwolfs“. Die von mir gelesene Ausgabe beinhaltet zusätzlich das von Stephen King selbst verfasste Drehbuch zum Film „Silver Bullet“ (ebenfalls 1985). Der heißt in der deutschen Fassung „Der Werwolf von Tarker Mills“ – und damit schließt sich der Kreis. Hoffe ich. So ist auch zu erklären, dass rund 100 Seiten dieser Ausgabe aus dem Drehbuch zum gleichnamigen Film bestehen. Ein nettes Gimmick für alle, die sich für so etwas interessieren – für mich allerdings nicht. Ich habe ein oder zwei Seiten davon gelesen, mehr wollte ich mir dann nicht antun. Man merkt recht schnell, dass so ein Drehbuch nicht für die normale Lektüre geeignet ist – das mag anders sein, wenn man den Film kennt. Ich hätte es jedenfalls nicht gebraucht, aber man muss es ja zum Glück nicht lesen.

Fazit: Ich glaube, 4 von 7 Punkten sind hier angemessen. Ob man mehr, weniger oder gleich viel dafür gibt, wird in diesem speziellen Fall nicht so sehr davon abhängen, ob man mit Stephen King grundsätzlich etwas anfangen kann. Die Frage ist viel mehr, ob man mit einem solchen King was warm wird. Wer die typische Komplexität sucht, wird nicht fündig und sicher mindestens einen Punkt abziehen, wenn nicht sogar zur schwächsten Wertung greifen. Wer hingegen ein kurzweiliges (und kurzes) Büchlein, aufgewertet mit sehenswerten Illustrationen, zu schätzen weiß, kann vielleicht sogar über 5 Punkte nachdenken. Für mehr wird es wohl bei kaum jemandem reichen – auch weil das ursprüngliche Ziel der Kalendergeschichte letztlich nicht erreicht wurde und sich der Gruselspezialist damit ein bisschen zwischen die Stühle gesetzt hat.

Gesamteindruck: 4/7


Autor: Stephen King
Originaltitel: Silver Bullet.
Erstveröffentlichung: 1985
Umfang: ca. 380 Seiten
Gelesene Sprache: Deutsch
Gelesene Version: Taschenbuch

Ein Gedanke zu “BuchWelt: Der Werwolf von Tarker Mills

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