FilmWelt: Der Unsichtbare (2020)

In der ursprünglichen Form ist „Der Unsichtbare“ ein Roman von H. G. Wells aus dem Jahr 1897. Der Stoff wurde mehrfach verfilmt, u. a. als „Jagd auf einen Unsichtbaren“ (1992, mit Chevy Chase) und „Hollow Man – Unsichtbare Gefahr“ (2000, mit Kevin Bacon). Man sollte also meinen, dass die Prämisse klar ist – und doch bringt der australische Regisseur Leigh Whannell mit vorliegendem Werk eine neue Sichtweise ins Spiel.

Gesamteindruck: 6/7


Von Macht und Kontrolle.

Bisherige Verfilmungen des Wells-Klassikers hatten – bei aller Unterschiedlichkeit – eines gemein: Sie sind stark auf die Unsichtbarkeit und den Mann, der sie erlebt, fokussiert, sie beleuchten die Auswirkungen eines im ersten Moment verlockend erscheinenden Zustandes, der sich mehr und mehr zum Alptraum entwickelt. Whannell, u. a. bekannt durch Schocker wie „Saw“ oder „Insidious“ (jeweils die Teile 1 bis 3), wählt eine andere Herangehensweise und lässt die Figur, die auch bei seinem Film im Titel steht, nur eine Nebenrolle spielen. Hier geht es nicht primär um den Unsichtbaren, sondern um das, was sein Zustand für andere Menschen bedeutet. Auf einer Meta-Ebene ist „Der Unsichtbare“ anno 2020 aber vor allem, so mein Eindruck, eine Parabel über die Kontrolle und Macht, die Männer, egal ob unsichtbar oder nicht, viel zu oft über Frauen ausüben.

Worum geht’s?
Nach der Flucht aus seinem Haus erfährt Cecilia Kass, dass ihr gewalttätiger und kontrollsüchtiger Ex-Partner Adrian Griffin nicht mehr unter den Lebenden weilt. Noch dazu hat er ihr überraschenderweise ein großes Vermögen hinterlassen, sodass sie hofft, die Vergangenheit hinter sich zu lassen und eine neues Leben beginnen zu können. Doch plötzlich häufen sich merkwürdige Ereignisse, die sie mehr und mehr an ihrem Verstand zweifeln lassen. Ist Griffin also tatsächlich tot? Und, wenn nein: Hat er es irgendwie geschafft, sich unsichtbar in ihr Leben zu schleichen?

Vorliegende Variante von der „Der Unsichtbare“ unterscheidet sich letzten Endes tatsächlich gravierend von früheren Verfilmungen (und vom Roman). Dabei geht es weniger darum, dass die Prämisse relativ stark modernisiert wurde – das war ja auch bei den bisherigen Filmen in mehr oder minder ausgeprägter Form der Fall: Dass Adrian Griffin hier kein Wissenschaftler, sondern ein Optiker ist und ihn keine Chemikalie, sondern ein technisches Gerät unsichtbar macht, ist zwar eine frische Herangehensweise, bedeutet letztlich aber keinen großen Unterschied.

Wobei die Idee, er könne sich mit Hilfe eines Anzuges dem Blick anderer Menschen entziehen, zwei interessante Aspekte birgt: Einerseits gibt es ja tatsächlich bereits Versuche, eine Art Tarnanzug zu entwickeln, was letzten Endes weitaus realistischer scheint, als sich mit einer Droge oder einer Chemikalie unsichtbar zu machen. Andererseits, und das ist noch wichtiger, erfährt Adrian Griffin, soweit man das im Film erkennen kann, durch die Art und Weise, wie er unsichtbar wird, keine gravierende Persönlichkeitsänderung. Damit meine ich, dass weder der Anzug noch die Nebenwirkung einer ominösen Droge ihn zum Antagonisten werden lassen, sondern er diese Rolle von Anfang an hat, sie im unsichtbaren Zustand aber noch extremer ausleben kann.

Eine neue Perspektive auf ein klassisches Thema.

Den größten Unterschied zu anderen Verfilmungen des Stoffs macht die Perspektive aus: Die Kamera ist, beginnend mit ihrer Flucht aus dem Haus, durchgehend an der Seite von Cecilia Kass. Das hat zur Folge, dass das Publikum – genau wie sie – zu keinem Zeitpunkt weiß, was der Unsichtbare macht und plant. Einziger Wissensvorsprung, den man als Zuschauer:in hat: Wir sehen einen Film namens „Der Unsichtbare“, wissen also von Haus aus, wieso sich plötzlich Gegenstände im Haus bewegen, während Cecilia Kass nicht ahnen kann, dass ihr Ex mit ihr im gleichen Raum ist, ohne dass sie ihn sehen kann.

Diese interessante Perspektive bringt auch eine gewisse Unmittelbarkeit mit sich: Man meint förmlich zu spüren, wie die Protagonistin langsam aber sicher in den Wahnsinn getrieben wird, weil ihr – natürlich – niemand glauben will. Das ist per se schon sehr gut gemacht und hat mich als Zuschauer mit leisem Horror erfüllt. Übrigens ist allen Schauspieler:innen, die körperlichen Kontakt mit dem Unsichtbaren aufnehmen, zu gratulieren: Es muss schwierig gewesen sein, so zu tun, als würde man durch die Gegend geworfen, wenn niemand da ist. Vor allem Hauptdarstellerin Elisabeth Moss löst diese Aufgabe mit Bravour.

Ein Psychodrama.

Auf der zweiten Ebene ist „Der Unsichtbare“ jedoch mehr Psychodrama als Horror. Das Werk ist meines Erachtens eine gelungene Darstellung der Besitzansprüche, die manche Männer leider immer noch Frauen gegenüber erheben. Und er ist ein klarer Hinweis auf die Hilflosigkeit, die Frauen erleben müssen, die in eine solche Situation kommen – vor allem dann, wenn ihnen niemand glauben will, denn dafür braucht es, wie man heute leider nur allzu oft in den Zeitungen lesen kann, keinen Unsichtbaren. Das hat mich letzten Endes fast noch mehr bedrückt als die körperliche Gewalt, die natürlich auch ein Thema des Films ist. Dass Cecilia Kass schließlich sogar in der Irrenanstalt landet, ist traurige Konsequenz des Ganzen und hat mich emotional mehr berührt, als ich mir erst eingestehen wollte.

Ein rundum gelungener Film also? Fast, zwei Kleinigkeiten, die mir nicht so gut gefallen haben, möchte ich nicht außen vor lassen: Aldis Hodge spielt den Polizisten, bei dem Cecilia Kass nach ihrer anfänglichen Flucht vor Griffin wohnt. Der Schauspieler macht seine Sache ordentlich, die Rolle ist mir allerdings deutlich zu glatt angelegt – man greift hier ohne Not ganz tief in die Kitschkiste, um den Cop als treusorgenden Freund und liebevollen, alleinerziehenden Vater darzustellen.

Der zweite Punkt: Das Finale fand ich recht unlogisch, jedenfalls konnte ich mir nicht erklären, wieso Griffin den zweiten Tarnanzug nicht längst gefunden hatte. Naja, das sollte man – genau wie die fehlende technische Erklärung des Anzugs – wohl nicht überbewerten, weil es im Endeffekt keine Relevanz für die Geschichte hat, die uns der Regisseur hier erzählen möchte.

Gesamteindruck: 6/7


Originaltitel: The Invisible Man.
Regie:
Leigh Whannell
Drehbuch: Leigh Whannell
Jahr: 2020
Land: USA, Australien
Laufzeit: ca. 120 Minuten
Besetzung (Auswahl): Elisabeth Moss, Oliver Jackson-Cohen, Aldis Hodge, Storm Reid, Harriet Dyer



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