FilmWelt: The Ritual

Wenn in einem einsamen, dunklen und unnatürlich stillen Wald plötzlich unheimliche Geräusche zu hören sind, wenn Wanderer von bizarren Alpträumen gequält werden und furchterregende Dinge zu sehen glauben, ist eine Assoziation naheliegend: „Blair Witch Project“. Und tatsächlich spielt der britische Film „The Ritual“ (2017) auf ähnliche Weise mit den menschlichen Ur-Ängsten wie DER Found Footage-Meilenstein der 1990er. Wer allerdings erwartet, dass der Film ähnlich innovativ und angsterregend ist, wird von „The Ritual“ enttäuscht sein.

Gesamteindruck: 3/7


Nicht überzeugend.

„The Ritual“ gehört neben „The Cloverfield Paradox“ (2018) zu den ersten Produktionen, die direkt an den Streaming-Dienst Netflix verkauft und dort veröffentlicht wurden. Das erinnert an die Direct-To-VHS- bzw. -DVD-Produktionen frühere Tage: Befürchtet man den Flop auf der großen Leinwand, geht es eben direkt ins Heimkino. Im Falle der „Cloverfield“-Fortsetzung haben sich diese Befürchtungen auch voll und ganz bestätigt – der Film ist katastrophal schlecht und hätte es im Kino trotz des prestigeträchtigen Namens vermutlich schwer gehabt. „The Ritual“ ist etwas besser gelungen, letztlich aber auch nicht so überzeugend, dass man gern das Geld fürs Kino dafür ausgegeben hätte. Selbstverständlich gibt es auch dort schlechtere Filme zu sehen (die meist sogar mit wesentlich höherem Budget daherkommen), das ändert aber nichts daran, dass „The Ritual“ praktisch auf ganzer Linie enttäuscht.

Inhalt in Kurzfassung
Zu Ehren ihres bei einem Raubüberfall getöteten Freundes unternehmen vier Engländer eine ausgedehnte Wanderung durch Schweden. Als sich einer von ihnen am Bein verletzt, beschließen sie, eine Abkürzung zu ihrem Basislager zu nehmen und dringen dabei immer tiefer in einen dichten Wald ein. Bald merken die Männer, dass es dort nicht mit rechten Dingen zugeht.

Die Prämisse von „The Ritual“ ist dem Grundgedanken von „Blair Witch Project“ gar nicht so unähnlich. Hier wie dort finden sich Menschen in einen unerwartet düsteren Wald wieder, der so gar nichts mit der Zivilisation zu tun hat, wie wir sie kennen. Unheimliche Geräusche und Ereignisse, nackte Angst und Panik – all das hat die legendäre Geschichte um die Hexe von Blair ausgemacht und genau das versucht auch „The Ritual“ zu vermitteln. Die Technik ist allerdings eine andere – wir haben es hier mit keinem pseudo-dokumentarischen Found Footage-Film zu tun sondern mit einem recht konventionellen Horror-Streifen. Dass Regisseur David Bruckner (u.a. „V/H/S“) auf wackelige Handkameras verzichtet, ist meines Erachtens allerdings kein Grund zur Kritik, im Gegenteil, hat dieser Effekt doch neben einigen gutklassigen Filmen auch eine ganze Reihe an Schrott hervorgebracht. Abgesehen davon wäre es tatsächlich ein sehr offensichtliches Plagiat, hätte man „The Ritual“ sozusagen wirklich von den Schauspielern selbst filmen lassen. Noch dazu bringt die „Außenperspektive“ den Zuseher in den Genuss beeindruckender Landschaftsaufnahmen, die das Gefühl für die Einsamkeit der dichten Wälder verstärkt.

Es fehlt an Substanz.

Von der Gegend abgesehen (gefilmt wurde übrigens großteils in Rumänien) beeindruckt allerdings fast nichts an „The Ritual“. Der Film ist solide gemacht – viel mehr ist dazu eigentlich gar nicht zu sagen. Ich versuche es trotzdem: Auf der Habenseite steht der eine oder andere gelungene Schockmoment. Wenngleich Überraschungen ausbleiben und man relativ gut vorab erkennt, wann man sich erschrecken soll, stellt sich in gewissen Situationen wirklicher Nervenkitzel ein. Auch, weil „The Ritual“ es mit den Jump Scares nicht übertreibt und zwischendurch eine bedrohlichere Grundstimmung bevorzugt. Bis zu einem gewissen Grad ist „The Ritual“ sogar sehr spannend und man möchte als Zuseher schon erfahren, was hinter alldem steckt.

Genau das ist aber gleichzeitig das Problem. Man erfährt es tatsächlich, was im Endeffekt dazu führt, dass die Spannungskurve im letzten Drittel zusehends verflacht. Ist man anfangs noch fasziniert von den Runen, die als Warnung erscheinen und von den merkwürdigen Visionen, die die vier Männer plagen, hinterlässt die merkwürdige Auflösung einen sehr schalen Nachgeschmack. Streckenweise suggeriert der Film (und vor allem auch der sehr stark gemachte Trailer) z.B. einen tieferen Bezug zur nordischen Mythologie, der letztlich aber leider nur Mittel zum Zweck ist. Oder auch der relativ plumpe Versuch, „The Ritual“ mit einem etwas „anderen“ Anstrich zu versehen. Es bleibt beim Versuch, der so aufgesetzt wirkt, dass mir lieber gewesen wäre, man hätte im Film keine einzige Rune gesehen. Überhaupt ist die Story arg vorhersehbar und hätte in jeder x-beliebigen Gegend auf der ganzen Welt spielen können – Bezug zu Schweden? Fehlanzeige!

Charaktere lassen zu wünschen übrig.

Die Schauspieler tragen leider auch nichts dazu bei, das Steuer herumzureißen und „The Ritual“ wenigstens in die obere Mittelklasse zu heben. Ob das an den Darstellern oder den ihnen zugedachten Rollen liegt, ist freilich schwer zu sagen, ich würde aber fast Letzteres vermuten. Die Dialoge sind so vorhersehbar wie der ganze Film, die Story von der Männerfreundschaft wird zu keinem Zeitpunkt so vermittelt, dass beim Zuschauer Sympathien für die Charaktere geweckt werden. Wenn man ganz böse sein möchte, könnte man sogar sagen, dass man von Anfang an weiß, wie das Ganze endet – unter anderem deshalb, weil nur eine der Figuren überhaupt so etwas wie eine Persönlichkeit und eine Geschichte hat. Der Rest ist kaum zu unterscheiden und dient damit von Anfang an lediglich als Staffage für das übliche Dezimierungs-Spiel.

„The Ritual“ ist damit – und es tut merkwürdig weh, das zu sagen – ein Film der Kategorie „einmal gesehen, sofort vergessen“. Natürlich gibt es wesentlich schlechtere Streifen – aber halt auch wesentlich bessere. Und dass „The Ritual“ handwerklich gut gemacht ist, wird auch niemand bestreiten. Es fehlt einfach der Tiefgang, sodass sich das Spiel mit den Ur-Ängsten, die der Mensch in einem einsamen Wald empfindet, nur in oberflächlichen Schreck-Momenten entfalten kann. Dass alles, was als Eigenständigkeit gedacht war, vollkommen aufgesetzt wirkt, ist das Tüpfelchen auf dem i. Schade drum.

Gesamteindruck: 3/7


Originaltitel: The Ritual
Regie: David Bruckner
Jahr: 2017
Land: UK
Laufzeit: 94 Minuten
Besetzung (Auswahl): Rafe Spall, Arsher Ali, Robert James-Collier, Sam Troughton, Kerrie McLean



 

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3 Gedanken zu “FilmWelt: The Ritual

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